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Buch-Tipp: „Die Routinen“ von Son Lewandowski

„Die Routinen“ von Son Lewandowski hat wegen dem Thema Turnsport meine Aufmerksamkeit erregt. Turnen ist ein Sport der mir ähnlich wie Eiskunstlauf zum Angucken sehr gut gefällt, der aber oft (wenn nicht immer) durch Trainingsmethoden und Abgründe so auffällt, dass man ihn eigentlich kaum mit gutem Gewissen verfolgen kann. Vor diesen Abgründen die Augen zu verschließen und alles Negative unter den Teppich zu kehren (wie es Sportverbände meist mit Begeisterung tun) kann aber nicht die Lösung sein und genau mit dieser Thematik beschäftigt sich „Die Routinen“ und zwar mit absolut eindringlicher, aufrüttelnder und trotzdem sehr poetischer und gefühlvoller Art und Weise. 

Der Roman hat zwei Erzählebenen: Das Mädchen Amik erzählt als Ich-Erzählerin in einzelnen Episoden ihre gesamte Turnkarriere nach: von dem jungen begeisterten Kind, das noch nicht weiß was sie erwartet, über die ehrgeizige Anfangszeit zum sportlichen Höhepunkt, über den Kampf gegen die eigene Pubertät, bis zum unvermeidlichen Absturz: dem altersbedingten Ersetzt werden durch neue junge unbedarfte talentierte Kinder mit vorpubertärem Körper, …dabei erleben die Leser:innen alles aus der emotionalen Sicht von Amik mit, ihre gestörte Beziehung zum eigenen Körper, der Machtmissbrauch durch Trainer und auch die komplizierten Gefühle gegenüber den Mitturnerinnen, eine Mischung aus Konkurrenzkampf und Gemeinschaft, schwankend zwischen Zusammenhalt und Eifersucht. Besonders berührend: Amiks Beziehung zu ihrer Zimmergenossin im Sportinternat, mit der sie ebenfalls in einer Symbiose zwischen „großer Schwester“ und „Neid“ verbunden ist. Durch dieses Einzelschicksal wird trotzdem auf großartige Art und Weise sichtbar, dass man als Einzelne in diesem System gefangen ist und weder sich selbst noch anderen helfen kann.   

Die zweite Erzählebene des Buches erzählt in deutlich sachlicherem Ton (beginnend mit Nadia Comaneci bis hin zu Simone Biles und zum Nasser-Prozess vor wenigen Jahren) wie Bela Karolyi es schaffte nicht nur in Rumänien, sondern wenig später auch in den USA jahrzehntelang mit missbräuchlichen Methoden als Star-Trainer zu fungieren, ohne dass jemals jemand sein Tun hinterfragte und wie lange es dauerte bis Athletinnen es langsam wagten gegen das was im Turnsport als „normal“ gilt ihre Stimme zu erheben. 

Mir haben beide Erzählstränge hervorragend gefallen und ich war unheimlich beeindruckt wie dieses Buch mit Fachwissen und Emotionen dermaßen treffsicher den Finger in die Wunde legt und das trotz nicht ganz einfacher Sprache mitreissend, berührend und kurzweilig ist. Für mich jetzt schon eines der absoluten Lese-Highlights 2026.

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