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Buch-Tipp: „Eine Frau bei 1000 – Aus den Memoiren der Herbjörg María Björnsson“ von Hallgrimur Helgason

Eine Frau bei 1000°“ von Hallgrimur Helgason habe ich mir als Lektüre ausgesucht, da mir schon das Buch „60 Kilo Sonnenschein“ vom gleichen Autor gut gefallen hat. Die außergewöhnliche Hauptfigur von „Eine Frau bei 1000°“ ist die 80-jährige Herbjörg Maria Björnsson, die an multiplem Krebs im Endstadium leidet und ihre letzten Lebensmonate als Untermieterin in einer Garage in Reykjavik verbringt, als Gesellschaft ihre Krankenpflegerin, eine Handgranate aus dem 2. Weltkrieg und ihr Laptop, das Tor zum Internet und somit zur ganzen Welt. Für ihr Ableben hat Herbjörg, genannt Herra, schon vorgesorgt, sie möchte verbrannt werden – bei 1000° geschieht das, hiervon rührt der Buchtitel – und hat sich direkt schon angemeldet für den 14. Dezember, länger möchte sie sowieso nicht mehr durchhalten…

Während Herra im Hier und Jetzt mit ihrer Familie hadert, das moderne Island mit zynischem und unerbittlichen Blick beschreibt und sich damit die Zeit vertreibt sich gegenüber allen möglichen jungen Männern auf der ganzen Welt bei Facebook als junge ehemalige Schönheitskönigin auszugeben und sie zu veräppeln, erzählt sie weiterhin in episodenhaften Rückblicken ihre Lebensgeschichte. Beginnend vom frühen Aufwachsen an der rauen Küste mit ihrer Mutter, die aus einfachen Verhältnissen stammt (der Vater der aus sehr privilegierten Verhältnissen stammt hat die junge Familie erstmal im Stich gelassen). Ihr Leben ändert sich massiv, als der Vater doch wieder auftaucht, doch nur kurzfristig zum Besseren. Denn Herras Vater zieht mit der Familie nach Deutschland und verfällt aufgrund einer irregeleiteten Heldenverehrerung Adolf Hitler, für den er als angeblich einziger Isländer in blinder Verehrung in den Krieg ziehen möchte. Herra wird in den Kriegswirren irgendwann von beiden Eltern getrennt und muss sich ganz alleine durchschlagen.

Das Buch wird in wechselnden Episoden in unterschiedlichen Zeitebenen erzählt und ist immer wild, extravagant, provokant, humorvoll, zynisch, aber durchaus auch bewegend und berührend und traurig. Der Zynismus wurde in einer Rezensionen die ich gelesen habe (das Buch erschien offenbar 2011 bereits einmal) kritisiert und als zu schwer erträglich kritisiert, eine Kritik die ich aber gar nicht nachvollziehen kann, denn gerade die Episoden die aus Sicht des Kindes Herras im 2. Weltkrieg erzählt werden sind keinesfalls zynisch oder gefühllos, sondern sehr direkt und damit auch zu Herzen gehend.

So entwirrt sich nach und nach Herras Lebensgeschichte und man bekommt immer mehr ein Gefühl für die zunächst so wehrhaft und unnahbar wirkende Frau.

Mir hat das Buch hervorragend gefallen, auch wenn es nicht immer leichte Kost ist. Es ist aber auch nicht immer schwere Kost, was es so besonders macht.

Für mich ist Hallgrimur Helgason ein Autor bei dem ich immer zugreifen werde.

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Buch-Tipp: „Weiches Begräbnis“ von Fang Fang

Letztes Jahr habe ich das Buch „Wuhan Diaries“ von Fang Fang gelesen und hier rezensiert, in dem die chinesische Autorin den Corona-Lockdown in ihrer Heimatstadt durch eindrückliche Tagebucheinträge schilderte. Da mich das Buch sehr fasziniert hat, kam damals schon der Wunsch in mir auf auch einmal einen Roman der Autorin zu lesen, allerdings gab es bisher noch keine Deutschen Übersetzungen ihrer Bücher. Mit „Weiches Begräbnis“ ist nun ein Roman verfügbar, für den sie in China mit einem renommierten Literatur-Preis ausgezeichnet wurde, der aber inzwischen dort durch Druck von politischen Gegnern wegen der kritischen Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen der jüngeren chinesischen Vergangenheit vom Markt verschwunden ist (genau wie schon die „Wuhan Diaries“).
Ich war erst etwas skeptisch ob mir das Verständnis des Buches schwer fallen würde, denn die kulturellen Gepflogenheiten in China sind teilweise schon sehr anders, außerdem ist man als Westeuropäer mit der jüngeren chinesischen Geschichte wenig vertraut und diese spielt laut Klappentext eine tragende Rolle in der Geschichte. Allerdings war die Sorge weitgehend unbegründet, lediglich die für westliche Empfindungen oft sehr ähnlichen Familiennamen und unvertrauten Vornamen machten mir anfangs ein paar Schwierigkeit. Unbekannte Begriffe wurden aber ansonsten sehr gut mit Fußnoten erklärt.

Im Zentrum des Romans steht die alte Frau Ding Zitao, die als junge Frau halbtot aus einem Fluss gefischt wurde und sich an nichts aus ihrer Vergangenheit erinnert. Sie heiratet ihren Lebensretter, einen Doktor namens Wu und bekommt mit ihm einen Sohn, doch jegliches Rühren an ihrer Vergangenheit führt bei ihr zu Angst- und Panikzuständen und so beschließt die Familie die Vergangenheit völlig unberührt zu lassen. Als Ding Zitao bereits über 70 ist, möchte ihr Sohn Jinglin endlich ein lang gehegtes Versprechen einlösen, nämlich ihr einen sorglosen Lebensabend zu ermöglich sobald er genug Geld dafür verdient hat. Er kauft ihr also ein relativ luxuriöses Haus als Altersruhesitz in dem seine Mutter zusammen mit ihm und seiner Familie leben soll. Doch schon beim Betreten des Hauses wirkt seine Mutter verwirrt und verstört und im Laufe der ersten Nacht fällt sie in eine Art Wachkoma oder katatonischen Zustand aus dem sie einfach nicht mehr erwacht.

Das Buch besteht danach aus zwei Erzählebenen, Jinglin versucht anhand der Wortfetzen die er von seiner Mutter gehört hat und mit Hilfe einiger Tagebücher seines Vaters, die er zufällig findet, mehr über die Vergangenheit seiner Eltern herauszufinden. Doch bald stellt sich für ihn die Frage wieviel Vergangenheit ein Mensch überhaupt braucht und vertragen kann und ob Vergessen nicht manchmal sogar die bessere Alternative ist?
Der Leser begleitet parallel Ding Zitao durch ihre eigene Erinnerungswelt in der sie gefangen ist und erlebt ihr Trauma zusammen mit ihr noch einmal.

Mir hat das Buch gut gefallen, man muss sich schon darauf einlassen, dass der Sprachstil und die Erzählweise eines chinesischen Romans für westliche Gewohnheiten etwas fremd klingt, auch die kulturellen Gepflogenheiten und Denkweisen ist für Europäer sicher oft ungewohnt. Aber gerade deswegen bietet der Roman einen wissens- und bewusstseinserweiternden Einblick in eine ganz andere Kultur und zugleich lernt man dass fast jedes Land sich ähnliche schmerzliche Fragen stellen muss, wenn man sich mit den grausameren Aspekten der jüngeren Geschichte auseinandersetzt.

Abgerundet wird das Buch durch einen kleinen Epilog der Autorin über die Entstehungsphase und ein Nachwort in dem die „Bodenreform“ in China näher erklärt und historisch eingeordnet wird und auf die politischen Widerstände eingegangen wird auf die die Autorin mit ihrem Buch traf. Für mich ist es sehr bewunderswert wie Fang Fang – die vom Autor des Nachworts treffend als „streitbare Humanistin“ bezeichnet wird – sich gegen alle Widerstände in ihrem Land mit ihren Worten eine Stimme verschafft, wieviel einfacher haben es westliche Autoren, die sich nicht ständig in dem Maße vor Anfeindungen und Zensur drangsalieren lassen müssen.

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Buchtipp: „Balaton“ von Noémi Kiss

„Balaton“ der ungarischen Autorin Noémi Kiss ist eine Sammlung von Novellen rund um das Leben am namensgebenden ungarischen Balaton (Plattensee), ein See der vor allem in den 1980er Jahren als Urlaubsort nicht nur bei den Ungarn, sondern auch bei DDR-Bürgern (und vermutlich etwas weniger auch bei West-Deutschen, die mehr Optionen hatten) beliebt war. Ich selbst habe in den späten 90ern und frühen 2000er Jahren einige Male dort Urlaub gemacht, da meine Eltern dort ein Ferienhaus hatten und erlebte den Wandel von einem sehr günstigen Urlaubsort, der damals immer noch bei Deutschen (egal ob aus Ost oder West) sehr beliebt war, hin zu ständig steigenden Preisen und letztendlich zu einer immer mehr nachlassenden Nachfrage.
Als meine Eltern schon zu Zeiten Orbans das letzte Mal dort waren, war dort schon ziemlich „Tote Hose“ und der Verkauf des Ferienhauses mangels Nachfrage gar nicht mal so einfach. Der Sehnsuchtsort Balaton dürfte zumindest für die meisten Ausländer heute keine große Rolle mehr spielen.
Trotzdem haben mir die Urlaube dort immer gut gefallen, so dass mich das Buch von Noémi Kiss sehr gereizt hat.

Die Novellen beschäftigen sich hauptsächlich mit der Erfahrung von ungarischen Familien in den 80er Jahren, meist erzählt aus Sicht eines Kindes (vermutlich da die Autorin in den 80ern auch in dem entsprechenden Alter gewesen war), doch es gibt zum Beispiel auch eine Novelle über einen Mordfall vor Jahrzehnten oder über den Tod eines Großvaters, Korruption, sexuellem Missbrauch im Sport, ..
Die Geschichten sind keineswegs besonders „schön“, oft wird klar, dass das Leben in diesem Ungarn für viele Kinder (und auch Erwachsene) kein Zuckerschlecken war, es geht ums Leben, Sterben und Erwachsen werden, um familiäre Verhältnisse, korrupte Sportfunktionäre, Vergangenheit und Zukunft und aber immer auch um den See und um ein Lebensgefühl, dass er für viele Ungarn zu dieser Zeit verkörperte.

Mir haben die Novellen sehr gut gefallen, 1 bis 2 waren sich vielleicht etwas ähnlich, aber insgesamt fand ich die Mischung sehr gelungen und man bekommt einen guten Einblick in das Leben im „Ostblock“ zu dieser Zeit.

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Buch-Tipp: „Such a Fun Age“ von Kiley Reid

„Such a Fun Age“ von Kiley Reid ist ein Gesellschaftsroman, der sich mit Biss, Humor und Ernsthaftigkeit Themen wie Alltagsrassismus und „White Privilege“ vornimmt.
Die junge Emira, eine schwarze Frau Mitte 20 hat im Gegensatz zu ihren besten Freundinnen noch nicht so richtig den Platz im Erwachsenenleben gefunden. Sie weiß nicht so recht was sie beruflich machen will und verdient sich ihr Geld aktuell mit dem Abtippen von Texten und als Babysitterin von Alix und Peter, die mit ihren beiden jungen Töchtern in Philadelphia leben.
Peter arbeitet bei einem Regionalsender als Moderator, Alix ist sowas wie eine Influencerin, schreibt einen Lifestyle Blog und hält motivierende Vorträge zum Thema Bewerbungen für junge Frauen. Sie stand beruflich knapp vor ihrem noch größeren Durchbruch als sie nach der 2. Schwangerschaft der Vernunft wegen von New York nach Philadelphia zieht, da ihre New Yorker Wohnung für 2 Kinder zu klein war, eine größere Wohnung in NY aber nicht finanzierbar. Da Philadelphia höchst uncool und businessschädigend rüberkommt, tut sie auf ihren Social Media Accounts allerdings weiterhin so als würde sie am Puls der Zeit in New York leben.

Eines Abends ist Emira auf einer Party, als Alix sie spätabends anruft und bittet kurz mit der 3-jährigen Briar in einen Supermarkt zu gehen. Jemand hat nach einem misslungenen/fragwürdigen Moderationsbeitrag von Peter ein Fenster im Haus der Familie eingeworfen und Alix möchte nicht, dass Briar den Besuch der Polizei bei ihnen zuhause mitbekommt. Als Emira im Supermarkt mit einer Freundin mit der kleinen Briar tanzt wird sie vom Security-Mann verdächtigt, dass kleine weiße Mädchen entführt zu haben und erst ein Anruf bei Briars‘ Vater kann die Situation deeskalieren.

Nach dem Vorfall wird Alix von Schuldgefühlen heimgesucht, die dazu führen, dass sie das Geschehen geradezu besessen wieder gut machen will und sich darauf versteift unbedingt mit Emira befreundet sein zu wollen und deren Leben zu verbessern. Doch als sich bei einer Esseneinladung rausstellt, dass Emiras aktueller Freund und Alix eine gemeinsame Vergangenheit haben, wird die Situation immer komplizierter…

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es ist intelligent, kreativ, witzig und ernsthaft zugleich und auch wenn schonungslos auf die Schwächen der Charaktere geschaut wird, bleibt das Buch immer fair gegenüber den Protagonisten.

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Buch-Tipp: „Der Junge, der das Universum verschlang“ von Trent Dalton

„Der Junge, der das Universum verschlang“ von Trent Dalton ist ein außergewöhnlicher Roman aus Australien. Im Mittelpunkt steht der Junge Eli, der mit seinem älteren Bruder August, seiner Mutter und seinem Stiefvater Anfang der 1980er Jahre in einer sozialschwachen Gegend von Brisbane lebt.
August spricht seit einem traumatischen Ereignis aus der früheren Kindheit nicht mehr, malt aber mit Begeisterung Sätze und Wörter in die Luft und scheint manchmal fast prophetische Fähigkeiten zu haben. Das Umfeld der beiden Jungen ist nicht einfach, ihre Mutter und der Stiefvater sind zwar seit einiger Zeit selbst clean, dealen aber immer noch mit Heroin und auch sonst ist das familiäre Umfeld der beiden zwar einerseits erstaunlich liebevoll, andererseits aber auch sehr rustikal und teilweise gewalttätig. Da überrascht es fast nicht mehr, dass auch der Babysitter der beiden Jungs eine sehr außergewöhnliche Wahl ist: Slim Halliday, ein Ex-Häftling, der wegen Mord eingesessen ist und sich einen Ruf als Ausbrecherkönig gemacht hat, da ihm sogar 2x die Flucht aus dem legendären und berüchtigten australischen Gefängnis „Boggo Road“ gelang.
Slim ist sowas wie ein Mentor für Eli, der ihm hilft durch sein turbulentes Leben zu navigieren, in dem Eli und August trotzdem recht glücklich sind. Doch dann gerät alles aus den Fugen, als sich Elis Stiefvater mit dem Kartell- und Drogenboss Tytus Broz anlegt und Eli muss zeigen was wirklich in ihm steckt.

Die Sprache des Buches ist sehr bunt, manchmal fast blumig, dabei aber gleichzeitig derb und oft von Gewalt geprägt. Aber auch Humor kommt in dem Buch nicht zu kurz und Eli ist ein liebenswerter und charmanter Hauptcharakter. Auf mich wirkte die Handlung der Geschichte im Banden- und Drogenmilieu etwas überladen und teils ein bisschen wie eine „Räuberpistole“, auch die Fantasyelemente der Geschichte haben mich nicht ganz überzeugt bzw. ich hätte sie in diesem Roman nicht wirklich gebraucht.
Gerade da die Story des Buches doch teils etwas weit hergeholt wirkte, hat es mich überrascht zu erfahren, dass laut Eigenaussage des Autors ca. 50% des Buches autobiografisch sind und er darin seine eigenen Kindheitserinnerungen verarbeitet. Auch den Verbrecher und Ausbrecherkönig Slim Halliday gab es wirklich und tatsächlich kannte der Autor diesen als Kind, was wohl den Grundstein für seine Romanidee legte.

Insgesamt hat mich der Roman zwar sehr gut unterhalten, aber ich vermute, er hätte mir tatsächlich noch deutlich besser gefallen, wenn der Autor einfach etwas authentischer und weniger ausgeschmückt seine eigene Kindheit beschrieben hätte, denn das familiäre Umfeld des Romans wären auch für sich alleine stark genug für einen herausragenden Roman gewesen.

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Krimi-Tipp: „Die Frau vom Strand“ von Petra Johann

„Die Frau vom Strand“ von Petra Johann spielt in einem beschaulichen Küstenstädtchen an der Ostsee. Rebecca lebt dort mit ihrer Frau Lucy und ihrer kleinen 5 Monate alten Tochter in einem Haus fast direkt am Strand. Unter der Woche ist Rebecca mit ihrer Tochter meist allein, denn ihre Frau arbeitet in Hamburg als Geschäftsführerin einer Firma, die Computerspiele entwickelt und wohnt unter der Woche wegen der Pendelstrecke meist in einer Zweitwohnung vor Ort. Rebecca genießt die Ruhe am Meer, trotzdem freut sie sich als sie durch eine Zufallsbegegnung Julia kennen lernt, eine junge Frau die angeblich Urlaub an der Ostsee macht. Die beiden Frauen freunden sich rapide an und treffen sich jeden Tag. Um so erstaunter ist Rebecca als Julia nach einer Woche plötzlich genauso überraschend spurlos verschwunden ist wie sie plötzlich aufgetaucht ist. Erst versucht Rebecca sie wiederzufinden, doch bald geht ihr auf, dass Julia nicht der Mensch war für den sie sie gehalten hat…

Diese Vorgeschichte ist im Roman sehr intensiv in Form einer Ich-Erzählung von Rebecca erzählt, etwas überraschend schwenkt der Roman danach in einen klassischen Ermittlungskrimi um, der aus Sicht der leitenden Kommissarin erzählt wird (worin genau sie ermittelt möchte ich hier nicht verraten, um nicht zu viel zu spoilern), ein interessanter Stilbruch. Auch der Teil der aus Sicht der Kommissarin erzählt wird fand ich sehr atmosphärisch, dicht und voller interessanter gut ausgearbeiteter Charaktere. Die Einordnung des Buches als „Thriller“ finde ich hingegen nicht so sehr gelungen, da ich das Buch eigentlich für einen klassischen Krimi halte (was mir aber sehr recht ist, da ich Thriller eher selten wirklich mag und dem Buch nur wegen des spannend klingenden Klappentextes eine Chance gegeben habe).

Ingesamt haben ich sowohl Charaktere als auch Plot überzeugt und der Spannungsbogen ist so gelungen, dass ich das Buch innerhalb weniger Stunden verschlungen habe, immer ein klares Qualitätsmerkmal für einen Krimi. Petra Johann ist somit eine deutsche Autorin nach der ich in Zukunft öfter Ausschau halten werde.

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Buch-Tipp: „Ich bin Virginia Woolf“ von Pola Polanski

„Ich bin Virginia Woolf“ von Pola Polanski hat mich aus zwei Gründen angesprochen, erstens finde ich Leben und Werk von Virginia Woolf schon immer faszinierend, zweitens erinnerte mich die Beschreibung des Romans etwas an den Klassiker „Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen“ von Hannah Green, ebenfalls einer meines Lieblingsbücher. Die Assoziation passte auf jeden Fall, denn das Buch spielt sogar eine kleine Rolle in dem modernen sich ebenfalls mit Schizophrenie befassenden Roman von Pola Polanski. Die Hauptfigur des Romans ist Inka, die in Stuttgart vom Geld der Firma ihrer exzentrischen Eltern lebt (zugewiesen allerdings nur in monatlichen Brocken von 3000 Euro, die ihr ehrgeiziger und erfolgsorientierter Bruder ihr zukommen lässt) und ihre Tage recht ziellos in der alten Villa ihrer Familie verbringt. Die Eltern sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, als die beiden Kinder noch jung waren und so richtig auf die Reihe gekriegt hat Inka ihr Leben bisher nicht.

Sie ist aber überzeugt davon, dass in ihr eine brillante wenn nicht gar geniale Schriftstellerin schlummert, lediglich verhindert wird diese durch Inkas Schreibblockade, die sich leider so intensiv darstellt, dass Inka noch nie wirklich mehr als ein paar Worte oder ein Gedicht geschrieben hat. Doch das soll sich ändern, denn Inka fühlt sich nicht nur seelenverwandt mit Virginia Woolf (deren Werke sie stets bei sich hat), sondern ist inzwischen sogar überzeugt, dass sie eine Reinkarnation von Virginia ist. Als sie nach einem weiteren missglückten Schriftsteller-Versuch auf die Idee kommt eine hypnotische Rückführungstherapie bei dem charismatischen Julian zu buchen, nimmt das Unheil seinen Lauf und Inka verliert sich immer mehr in ihrer Wahnvorstellungen…

Was nun ziemlich abgedreht und düster klingt, macht trotzdem einen sehr unterhaltsamen Roman aus. Inka ist nicht unbedingt eine super sympathische Hauptfigur aus, hat aber irgendwie trotzdem einen Charme und nimmt den Leser auf einen Trip in ihre Vorstellungen mit, der sowohl amüsant als auch erschreckend ist.

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Buch-Tipp: „Die Kinder hören Pink Floyd“ von Alexander Gorkow

„Die Kinder hören Pink Floyd“ ist ein autobiografischer Roman des Journalisten Alexander Gorkow, der unter anderem für die Süddeutsche Zeitung schreibt (und dort unter anderem auch auf Interviews und Porträts von Bands wie Pink Floyd spezialisiert ist). Der Roman spielt überwiegend in ein bis zwei Jahren der 1970er Jahre, als der junge Held der Geschichte in die Grundschule geht. Geprägt werden diese Jahre durch sein nicht besonders schlimmes aber doch hemmendes Stottern. Er lebt gemeinsam mit seinem Vater, einer Mutter und der 7 Jahre älteren Schwester in Düsseldorf. Die Schwester hat aufgrund von Contergan zwei Herzklappen, die nicht ganz dort gelandet sind wo sie hingehören. Laut den Ärzten müsste sie schon längst tot sein oder zumindest demnächst ganz sicherlich sterben, ist aber immerhin mindestens 16 Jahre alt geworden. Mit ihr zusammen hört der Junge begeistert Pink Floyd und lässt sich von seiner ausgesprochen meinungsstarken Schwester über den Kampf gegen das Establishment aufklären, mit Gruselgeschichten verunsichern und in die Musik von Pink Floyd einführen.

Die Geschichte wird in einer kreativen und außergewöhnlichen, aber ausgesprochen liebenswerten Sprache erzählt, die Hauptperson tritt meist nur als „Der Junge“ in Erscheinung und schildert seinen Blick auf die Welt mit viel trockener Beobachtungsgabe. Im Mittelpunkt steht hierbei die Schule, die mehr oder weniger normalen und unnormalen Kinder dieser Zeit, Nachbarn, Verwandten und sonstigen Bewohner, skurrile Kinoerlebnisse und Monster aller Art (besonders zu erwähnen hierbei: Heino), Alt-Nazis, explodierende Küchengeräte und natürlich wie schon aus dem Titel ersichtlich, die Band-Mitglieder und die Musik von Pink Floyd.

Andere Rezensionen die ich gelesen habe bescheinigten dem Buch einen „melancholischen“ Ton, den ich allerdings nicht wirklich bestätigen würde, für mich überwiegend in dem Buch doch deutlich der leise Humor und der sehr liebevolle Blick auf alle Familienmitglieder und Charaktere, unabhängig von deren Schrullen und Ecken und Kanten. So habe ich das Buch mit sehr viel Vergnügen innerhalb von 2 Tagen verschlungen, dabei sogar etwas Pink Floyd gehört und eines meiner ersten Lese-Highlights für 2021 gefunden. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass der Autor noch ein zweites Buch über seine Familie geschrieben hat („Hotel Laguna“, über die familiären Urlaubsreisen nach Mallorca in den 70ern), das ich deswegen auch definitiv noch lesen möchte.

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Buch-Tipp: „Wut“ von Harald Martenstein

„Wut“ von Harald Martenstein ist ein Buch über eine komplizierte und belastete Mutter-Sohn Beziehung. Im Mittelpunkt steht Frank, der als Kind von seiner Mutter Maria regelmäßig geschlagen und gedemütigt wurde, denn Maria neigt schon seit ihrer schwierigen Kindheit zu Wutanfällen mit denen sie Dampf ablässt. Äußerte sich diese Wut in ihrer Jugend meist noch durch verbale Ausfälle und Beschimpfungen, so wird der kleine Frank leider zu einem unglücklichen Ventil für die Frustrationen seiner Mutter.

So traurig und deprimierend wie das Thema klingt, darf und braucht man sich das Buch aber nicht vorstellen, denn trotz der Thematik wird die Lebensgeschichte von Frank und Maria mit viel Humor und Kreativität erzählt und wagt sich außerdem auf das ungewöhnliche Eis, die Geschichte nicht völlig einseitig aus der Sicht von Frank als Opfer zu erzählen, auch Marias Hintergrund, Kindheit und Jugend wird näher beleuchtet.

Die Erzählweise ist dabei nicht linear chronologisch, sondern der Ich-Erzähler Frank schildert in völlig unterschiedlichen Episoden aus seinem Leben die Auswirkungen die seine Kindheit auf seine Entwicklung und seine Beziehungen hatte, wie er versucht seiner Mutter zu verzeihen und zu verhindern, dass seine eigene Wut das Zepter übernimmt. Marias Geschichte wird in der 3. Person erzählt und der Leser erfährt warum sie so viel Frust mit sich herumträgt.

Das Buch liest sich sehr unterhaltsam und auch trotz des schweren Themas irgendwie „leicht“. Gegen Ende gibt es einen zunächst etwas gewöhnungsbedürftige stilistischen Kunstgriff, der mich am Anfang etwas irritierte, im Nachhinein aber durchaus gelungen ist. Insgesamt ist das Buch kreativ, charmant, berührend und wirklich außergewöhnlich und somit ein klarer Lesetipp.

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Buch-Tipp: „Wuhan Diary – Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ von Fang Fang

Heute möchte ich ganz besonderes Tagebuch (in Buchform) vorstellen, nämlich „Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang.
Zugegebenermaßen kann man sich fragen, ob man 2020 wirklich Lust hat auch noch eine Tagebuch zum Thema Corona zu lesen, wenn das Thema ja sowieso schon ziemlich omnipräsent ist. Allerdings klang „Wuhan Diary“ für mich einfach zu spannend, um daran vorbeizugehen und meine Erwartungen wurden zum Glück nicht enttäuscht, das Buch war keine Minute langweilig oder schwer, sondern sehr kurzweilig und informativ.

Da das Buch aus einem Blog entstanden ist, sind die einzelnen Kapitel auch jeweils unabhängige Einträge, die also keine lineare Geschichte erzählen. Gelegentlich wiederholen sich Erwähnungen von Geschehnissen deswegen auch, was ich aber nicht störend fand. Mir hat der Plauderton und auch die gelegentliche Einstreuung von Banalitäten (so fängt z.B. fast jeder Tag mit einer Beschreibung des aktuellen Wetters an) gefallen, denn es nimmt dem Thema die Schwere und man fühlt sich der Autorin näher als wenn sie versucht hätte einen sachlichen „objektiven Lagebericht“ zu schreiben.

Was ich mich vor dem Lesen des Buches fragte, ist wie die Autorin es überhaupt geschafft hat an der chinesischen Zensur vorbei zu veröffentlichen (denn das Buch enthält teilweise schon sehr harsche Kritik an den verantwortlichen Behörden und Beamten). Dies wird in den Blogeinträgen allerdings immer mal wieder nebenbei thematisiert, so dass man daraus schließen kann, dass der Blog auf mehreren Blogger-Portalen gelöscht wurde und die meisten Einträge zuletzt von einer befreundeten Schriftsteller Kollegin auf WeChat verbreitet wurden. So erfuhr man nebenbei auch noch etwas mehr darüber wie Menschen in China die „Zensurbehörden“ umgehen, z.B. durch Einstreuen von irgendwelchen beliebigen Schriftzeichen in Wörter oder Sätze. Außerdem scheint es so zu sein, dass die meisten Dinge eher im Nachhinein gelöscht werden, so dass es immer reicht, dass jemand schnell genug war, diese abgespeichert zu haben.

Inhaltlich beschäftigen sich die Blogeinträge meist mit 3 verschiedenen Themenblöcken: Erstens prangert die Autorin sehr leidenschaftlich die Versäumnisse und Fehlinformationen durch die lokalen Behörden zu Beginn der Pandemie an, so zum Beispiel wurde noch im Januar von einem hochrangigen Experten erklärt, das Virus sei unter Kontrolle und nicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Auch wurden ähnlich wie in Europa noch lange größere -auch staatliche – Festlichkeiten und Großveranstaltungen abgehalten. Fang Fang plädiert dafür, dass die Geschehnisse von damals akribisch aufgeklärt gehören und die Verantwortlichen zurücktreten sollen. Weiterhin versucht sie in ihrem Blog immer einen Überblick über die Lage der Pandemie abzugeben, meist basierend auf Erzählungen und Infos von befreundeten oder bekannten Ärzten (die sicherheitshalber anonymisiert sind, was ihr von Gegnern dann desöfteren vorgeworfen wurde, da als Quelle immer nur „ein befreundeter Arzt“ genannt wird). Schreckliches wird in den Blogeinträgen dabei oft eher in Nebensätzen erwähnt, zum Beispiel als Fang Fang Beispiele für unmenschliches Verhalten der Obrigkeit anprangert, so verhungerte z.B. ein hirntotes Kind im Koma zuhause, weil sein Vater nach der Abriegelung nicht rechtzeitig nach Hause zurückgelassen wurde. Etwas das in Deutschland zum Glück undenkbar sein dürfte (umso befremdlicher, dass die Menschen die in Deutschland ständig auf die Straße gehen um gegen eine angebliche Diktatur zu demonstrieren oft die gleichen sind die autokratische und autoritäre Regimes romantisieren ).

Aber auch Alltagserlebnisse kommen in dem Buch nicht zu kurz, so erfährt man einiges über den auch in China vorhandenen Mangel an Schutzmasken (Klopapier schien dort allerdings nicht gehamstert worden zu sein, zumindest wurde es nirgends erwähnt 😛 ), die Autorin erzählt auch, dass sie 2020 das erste Mal seit der SARS Epidemie wieder eine Maske getragen hat, besonders nachhaltig scheint der Lerneffekt daraus also auch in China nicht gewesen zu sein.
Als Haustierbesitzer fand ich das Thema „Haustiere während des Shutdown“ natürlich besonders interessant. Die Autorin hatte einen schon 16-jährigen Hund, der aber immer alleine oder auch mit ihr im Hof des Wohnkomplexes „Gassi“ gehen konnte, so dass die einzigen praktischen Probleme waren, dass tatsächlich irgendwann kein Hundefutter aufzutreiben war , so dass der Hund den gekochten Reis mitessen musste. Ansonsten fand ich es noch faszinierend, dass die Autorin erzählte, dass sie als die Tierklinik nach dem Shutdown wieder öffnete, zwar nicht mit in die Klinik durfte, aber die Behandlung einer Hautkrankheit live auf einem Videoscreen mitverfolgen konnte (soviel Digitalisierung sollten wir in Deutschland mal in der Schule oder überhaupt irgendwo haben…)
Man muss dabei natürlich bedenken, dass die Autorin sicherlich in recht privilegierten Verhältnissen (einem Wohnkomplex des chinesischen Schriftstellerverbandes) lebt und nicht gerade zur chinesischen Unterschicht gehört.

Im letzten Teil geht es vermehrt auch um Anfeindungen im chinesischen Internet (nach eigener Aussage sowohl von Links- als auch Rechtsextremisten), gegen die sich Fang Fang sehr energisch wehrt. Die Beschreibungen der chinesischen Netzkultur hinterließen bei mir den sehr starken Eindruck, dass dort im Prinzip im „internen“ Internet alles genauso zugeht wie bei uns (bloß halt mit vllt etwas mehr zentral gesteuerten Löschungen…).

Mit hat das Tagebuch sehr gut gefallen, außerdem fand ich Fang Fang sehr sympathisch, eine sehr meinungsstarke und undiplomatische bzw. konfrontative Person, die aber trotzdem offenbar einen unerschüttlichen Glauben an den Humanismus hat (Lieblingszitat aus dem Buch „Das wahre Gesicht einer Gesellschaft zeigt sich in ihrer Haltung gegenüber den Schwachen. (Seite 151)“. Die Sprache wirkt aus Deutscher Sicht manchmal etwas ungewöhnlich, dass ist aber vllt generell der Übersetzung aus dem Chinesischen geschuldet, den Lesefluß hat es überhaupt nicht gestört, der Stil ist lediglich etwas „anders“. Volle Leseempfehlung von mir!