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Buch-Tipp: „Wuhan Diary – Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ von Fang Fang

Heute möchte ich ganz besonderes Tagebuch (in Buchform) vorstellen, nämlich „Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang.
Zugegebenermaßen kann man sich fragen, ob man 2020 wirklich Lust hat auch noch eine Tagebuch zum Thema Corona zu lesen, wenn das Thema ja sowieso schon ziemlich omnipräsent ist. Allerdings klang „Wuhan Diary“ für mich einfach zu spannend, um daran vorbeizugehen und meine Erwartungen wurden zum Glück nicht enttäuscht, das Buch war keine Minute langweilig oder schwer, sondern sehr kurzweilig und informativ.

Da das Buch aus einem Blog entstanden ist, sind die einzelnen Kapitel auch jeweils unabhängige Einträge, die also keine lineare Geschichte erzählen. Gelegentlich wiederholen sich Erwähnungen von Geschehnissen deswegen auch, was ich aber nicht störend fand. Mir hat der Plauderton und auch die gelegentliche Einstreuung von Banalitäten (so fängt z.B. fast jeder Tag mit einer Beschreibung des aktuellen Wetters an) gefallen, denn es nimmt dem Thema die Schwere und man fühlt sich der Autorin näher als wenn sie versucht hätte einen sachlichen „objektiven Lagebericht“ zu schreiben.

Was ich mich vor dem Lesen des Buches fragte, ist wie die Autorin es überhaupt geschafft hat an der chinesischen Zensur vorbei zu veröffentlichen (denn das Buch enthält teilweise schon sehr harsche Kritik an den verantwortlichen Behörden und Beamten). Dies wird in den Blogeinträgen allerdings immer mal wieder nebenbei thematisiert, so dass man daraus schließen kann, dass der Blog auf mehreren Blogger-Portalen gelöscht wurde und die meisten Einträge zuletzt von einer befreundeten Schriftsteller Kollegin auf WeChat verbreitet wurden. So erfuhr man nebenbei auch noch etwas mehr darüber wie Menschen in China die „Zensurbehörden“ umgehen, z.B. durch Einstreuen von irgendwelchen beliebigen Schriftzeichen in Wörter oder Sätze. Außerdem scheint es so zu sein, dass die meisten Dinge eher im Nachhinein gelöscht werden, so dass es immer reicht, dass jemand schnell genug war, diese abgespeichert zu haben.

Inhaltlich beschäftigen sich die Blogeinträge meist mit 3 verschiedenen Themenblöcken: Erstens prangert die Autorin sehr leidenschaftlich die Versäumnisse und Fehlinformationen durch die lokalen Behörden zu Beginn der Pandemie an, so zum Beispiel wurde noch im Januar von einem hochrangigen Experten erklärt, das Virus sei unter Kontrolle und nicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Auch wurden ähnlich wie in Europa noch lange größere -auch staatliche – Festlichkeiten und Großveranstaltungen abgehalten. Fang Fang plädiert dafür, dass die Geschehnisse von damals akribisch aufgeklärt gehören und die Verantwortlichen zurücktreten sollen. Weiterhin versucht sie in ihrem Blog immer einen Überblick über die Lage der Pandemie abzugeben, meist basierend auf Erzählungen und Infos von befreundeten oder bekannten Ärzten (die sicherheitshalber anonymisiert sind, was ihr von Gegnern dann desöfteren vorgeworfen wurde, da als Quelle immer nur „ein befreundeter Arzt“ genannt wird). Schreckliches wird in den Blogeinträgen dabei oft eher in Nebensätzen erwähnt, zum Beispiel als Fang Fang Beispiele für unmenschliches Verhalten der Obrigkeit anprangert, so verhungerte z.B. ein hirntotes Kind im Koma zuhause, weil sein Vater nach der Abriegelung nicht rechtzeitig nach Hause zurückgelassen wurde. Etwas das in Deutschland zum Glück undenkbar sein dürfte (umso befremdlicher, dass die Menschen die in Deutschland ständig auf die Straße gehen um gegen eine angebliche Diktatur zu demonstrieren oft die gleichen sind die autokratische und autoritäre Regimes romantisieren ).

Aber auch Alltagserlebnisse kommen in dem Buch nicht zu kurz, so erfährt man einiges über den auch in China vorhandenen Mangel an Schutzmasken (Klopapier schien dort allerdings nicht gehamstert worden zu sein, zumindest wurde es nirgends erwähnt 😛 ), die Autorin erzählt auch, dass sie 2020 das erste Mal seit der SARS Epidemie wieder eine Maske getragen hat, besonders nachhaltig scheint der Lerneffekt daraus also auch in China nicht gewesen zu sein.
Als Haustierbesitzer fand ich das Thema „Haustiere während des Shutdown“ natürlich besonders interessant. Die Autorin hatte einen schon 16-jährigen Hund, der aber immer alleine oder auch mit ihr im Hof des Wohnkomplexes „Gassi“ gehen konnte, so dass die einzigen praktischen Probleme waren, dass tatsächlich irgendwann kein Hundefutter aufzutreiben war , so dass der Hund den gekochten Reis mitessen musste. Ansonsten fand ich es noch faszinierend, dass die Autorin erzählte, dass sie als die Tierklinik nach dem Shutdown wieder öffnete, zwar nicht mit in die Klinik durfte, aber die Behandlung einer Hautkrankheit live auf einem Videoscreen mitverfolgen konnte (soviel Digitalisierung sollten wir in Deutschland mal in der Schule oder überhaupt irgendwo haben…)
Man muss dabei natürlich bedenken, dass die Autorin sicherlich in recht privilegierten Verhältnissen (einem Wohnkomplex des chinesischen Schriftstellerverbandes) lebt und nicht gerade zur chinesischen Unterschicht gehört.

Im letzten Teil geht es vermehrt auch um Anfeindungen im chinesischen Internet (nach eigener Aussage sowohl von Links- als auch Rechtsextremisten), gegen die sich Fang Fang sehr energisch wehrt. Die Beschreibungen der chinesischen Netzkultur hinterließen bei mir den sehr starken Eindruck, dass dort im Prinzip im „internen“ Internet alles genauso zugeht wie bei uns (bloß halt mit vllt etwas mehr zentral gesteuerten Löschungen…).

Mit hat das Tagebuch sehr gut gefallen, außerdem fand ich Fang Fang sehr sympathisch, eine sehr meinungsstarke und undiplomatische bzw. konfrontative Person, die aber trotzdem offenbar einen unerschüttlichen Glauben an den Humanismus hat (Lieblingszitat aus dem Buch „Das wahre Gesicht einer Gesellschaft zeigt sich in ihrer Haltung gegenüber den Schwachen. (Seite 151)“. Die Sprache wirkt aus Deutscher Sicht manchmal etwas ungewöhnlich, dass ist aber vllt generell der Übersetzung aus dem Chinesischen geschuldet, den Lesefluß hat es überhaupt nicht gestört, der Stil ist lediglich etwas „anders“. Volle Leseempfehlung von mir!

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„Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens“ – Eine literarische Reise an den Anfang der 80er

„Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens“ von Tom Barbash spielt im Jahr 1980. Anton ist Anfang 20 und gerade von einem (abgebrochenen) Jahr mit den Peace Corps in Afrika zurückgekommen, nachder er sich dort mit Malaria angesteckt hatte und nur knapp am Tod vorbeigeschrappt ist. Er lebt mit seiner Familie in dem legendären Dakota Building in New York, wo auch unter anderem John Lennon lebte und vor dem er ermordert wurde und wo der berühmte Horror Film „Rosemarys Baby“ gefilmt wurde. Antons Vater ist der fiktive aber im Buch ebenfalls berühmte ehemalige Talkmaster Buddy Winter, der 9 Jahre lang eine beliebte Talkshow moderierte bevor er vor laufender Kamera eine Art Nervenzusammenbruch erlitt. Danach verließ er seine Familie für Monate und begab sich auf einen Selbstfindungstrip.

Als Anton aus Afrika zurückkehrt ist Buddy noch arbeitslos und das Geld der sonst sehr betuchten und mit zahlreichen berühmten Freunden vernetzten Familie wird langsam knapper. Anton soll Buddy helfen langsam wieder ins Showbiz zurückzukehren (die schwierigste Herausforderung dabei: Produzenten und Fernsehsender davon überzeugen, dass Buddy nicht durchgeknallt, sondern weiterhin verlässlich ist), hadert aber etwas mit der Idee. Erst im Verlauf des Buches erfährt man langsam mehr über Antons etwas komplizierte Beziehung zu seinem Vater und auch was für eine Rolle John Lennon in der ganzen Geschichte und für die Familie spielt.

Das Buch behandelt gleich einige Themen gleichzeitig: im Mittelpunkt steht sicher Antons Versuch sich von seinem Vater zu lösen und seinen eigenen beruflichen Weg in der Welt zu finden und nicht immer nur der „Sohn von Buddy Winter zu sein“. Zusätzlich erfährt man sehr viel über die damaligen Verhältnisse in den USA und in New York und als Leser stellt man unweigerlich fest, dass die USA schon immer so zerrissen waren wie damals und die gleichen Themen wie 2020 das Land bewegten (auch Ronald Reagan als Präsidentschaftskandidat machte wohl nur eine bedingt bessere Figur als Donald Trump). Und zuletzt wirft das Buch die Frage auf was Ruhm mit den Menschen macht und für sie bedeutet, ein Aspekt der finde ich besonders gut herausgearbeitet wurde.

Mir hat das Buch gut gefallen, allein die Tatsache, dass ich 1980 erst 1 Jahr als war und deswegen die meisten gesellschaftlichen und politischen Ereignisse nur vom Hörensagen kenne, machten es für mich etwas schwerer mich auf einer emotionalen Ebene mit den Ereignissen zu verbinden, das wird Leuten die 10 – 20 Jahre früher geboren sind eventuell ganz anders gehen. Außerdem fand ich es anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, dass John Lennon in dem Buch ein tatsächlich auftretender Charakter ist. Da er aus heutiger Sicht so eine Art Ikone ist, wirkte es für mich fast ein bisschen gewagt, dass ein Autor es wagte ihn als Romanfigur „aus Fleisch und Blut“ auftreten zu lassen. Insgesamt auf jeden Fall ein Buch, das auf vielfältige Art und Weise zum Denken anregt auch wenn rein handlungstechnisch gar nicht so viel „passiert“. Man bleibt unweigerlich mit dem Bedürfnis zurück mehr über einige der im Buch behandelten Themen zu lernen.

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Buchtipp – „Becoming“ von Michelle Obama

Heute möchte ich mal wieder eine Promi-Autobiografie vorstellen und zwar „Becoming – Meine Geschichte“ von Michelle Obama. Ich habe das Buch als Hardcover bekommen und muss zugeben, dass ich durchaus Respekt davor hatte es anzufangen, denn es handelt sich dabei wirklich um einen ziemlichen „Wälzer“. Doch ich kann sagen, dass das Buch sich absolut flüssig und kurzweilig lesen ließ und mich deutlich mehr begeistert und mitgerissen hat als ich es von einer Autobiografie erwartet hätte, in der der amerikanische Polit-Betrieb eine große Rolle spielt.

Grob kann man das Buch in drei Teile aufteilen, im ersten Drittel beschreibt Michelle Obama sehr liebevoll und farbig ihre Kindheit in Chicago und zeichnet ein Bild von einer aus ganz normalen Verhältnissen stammenden afroamerikanischen Familie, die in einer Wohnung im Haus ihrer Tante wohnte. Michelle wuchs bei liebevollen und liberalen Eltern auf (ich fand es sehr erfrischend, dass es in den USA nicht nur Eltern mit einer puritanischen Einstellung zur Sexualerziehung ihrer Kinder gibt). Sehr berührend auch ihre Schilderungen über die Multiple Sklerose Erkrankung ihres Vaters, der sich von der Krankheit trotzdem nicht nehmen ließ fast bis zu seinem Tod täglich diszipliniert zur Arbeit zu gehen. Aber auch über die Bildungsnachteile afroamerikanischer Kinder lernt man in diesem Abschnitt viel und darüber wie in Michelles Kindheit nach und nach immer mehr weiße Mitschüler und Familien aus ihrem Wohnviertel in die Suburbs zogen, eine Entwicklung die überall in den USA, die Unterschiede zwischen den Rassen noch verstärkte (eindrucksvoll illustriert von den Klassenfotos der Klassen 1 bis 4, auf denen man sehen kann wie Michelles Klasse von einer recht bunt durchmischten Klasse zu einer Klasse mit nur afroamerikanischen Schülern wurde, innerhalb von nur 4 Jahren!).

Der zweite Teil beschäftigt sich einerseits damit wie Michelle Barack Obama kennenlernte und mit ihrer eigenen Berufsfindung. Denn Michelle, die sehr zielstrebig in Princeton studierte und begann als Anwältin zu arbeiten, merkte recht schnell, dass sie dieser vernünftige und lukrative Beruf nicht erfüllt. Ausgiebig erzählt Michelle von ihrem Hadern mit dem Erfolgsdruck und den inhaltlich nicht erfüllenden Aufgaben und darüber wie sie sich entschied beruflich andere Wege zu gehen, auch wenn das nicht so viel Geld einbringt.
Relativ schockierend (wenn auch nicht überraschend) fand ich in diesem Zusammenhang, dass man sich bei einem Ivy League Studium dermaßen verschulden muss, dass man quasi gezwungen ist den größten Teil seines hochbezahlten Jobs jahrelang zum Abbau dieser Schulden zu benutzen (was irgendwie den Vorteil der privilegierten Ausbildung auch wieder halb ruiniert). Und dass selbst jemand wie Michelle Obama mit einem derartigen Abschluss erst mit Mitte 30 in der Lage war sich eine wirklich gute Krankenversicherung zu leisten (wofür man eigentlich auch wieder so reich sein muss, dass man diese nicht so dringend benötigt wie jemand der weniger Geld hat). Aus Deutscher Sicht ein ziemlich perverses System, das eigentlich nur darauf beruht, dass man als junger Mensch auf keinen Fall das Pech haben darf krank oder arbeitslos zu werden und das einem ruhig mal wieder in Erinnerung bringen könnte, wie viel Glück wir Deutsche mit unseren Sozial-, Renten- und Krankenversicherungssystemen haben (auch in dieser Pandemie ist nicht zu vergessen, dass es in den USA sowas wie Kurzarbeit auch nicht gibt…) Leider neigt der Deutsche ja trotzdem eher zu Nörgeleien als zu Dankbarkeit.

Im dritten Teil geht es dann um den Teil an den die meisten Menschen bei Michelle Obama denken, Obamas Präsidentschaftswahlkampf und seine Zeit als US Präsident, sowie ihre Zeit als First Lady.
Besonders gut gefallen hat mir in dem Buch, dass Michelle keinen Hehl daraus macht, dass sie quasi von Anfang an wenig von Baracks politischen Ambitionen hielt (was im Prinzip auch bis zum Ende anhielt) und generell mit dem ganzen Politikbetrieb, den sie als zu toxisch und destruktiv empfindet, gar nicht wirklich viel anfangen kann und konnte. Trotzdem schaffte sie es ihren Mann sowohl als Ehefrau als auch beim Präsidentschaftswahlkampf zu unterstützen und ihre Rolle als First Lady mit eigenen Inhalten und Aufgaben zu erfüllen, größtenteils ohne sich selbst allzu sehr zu verbiegen. In dem Teil fand ich es am Spannendsten zu erfahren wie das Leben als US Präsident und First Lady im Alltag aussieht und wie sehr das normale Leben in dieser Zeit quasi unmöglich wird. Michelle und Obama konnten z.B. nicht mal einfach unkompliziert direkt miteinander private Termine ausmachen (geschweige denn etwas unternehmen) und auch das Aufrechterhalten eines halbwegs normalen Alltags für die Töchter Sasha und Malia war ein komplizierter Kraftakt (was Michelle auch durchaus oft ein schlechtes Gewissen verschaffte). In diesem Teil des Buches erfährt man viel über die Herausforderungen und Schattenseiten des Ruhms, aber auch viele unterhaltsame Details darüber wie Michelle sich und ihrer Familie innerhalb dieses „Goldenen Käfigs“ kleine Freiheiten schaffte.

Abgerundet wird das Buch durch eine Sammlung von schönen privaten Bildern im Mittelteil, so dass ich es wirklich rundherum gelungen fand und uneingeschränkt empfehlen kann. Für Netflix-Abonnenten empfehle ich zusätzlich noch die gleichnamige Doku über Michelles Lesereisen-Tour, die das Buch echt super ergänzt.

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Buchtipp: „Kurt“ von Sarah Kuttner

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, dass schon lange auf meiner persönlichen Wunsch-Leseliste steht, nämlich „Kurt“ von Sarah Kuttner.

Lena ist gerade mit ihrem Freund Kurt aus Berlin aufs Land in Brandenburg gezogen. Denn dort wohnt auch Kurs kleiner Sohn (der kleine Kurt) , für den er sich das Sorgerecht mit seiner Ex-Freundin Jana teilt. Während Jana und der große Kurt versuchen sich in einem Chaos aus Umzugskartons und unrenoviertem (aber günstigem) Haus ein Zuhause zu schaffen, hadert Lena außerdem noch mit ihren neuen Rolle als Teilzeit-Stiefmutter, denn bisher hatte sie den kleinen Kurt nur an einzelnen Tagen oder mal im Sommer längere Zeit. Jetzt wohnt er jede 2. Woche bei ihnen und sie ist sich unsicher inwieweit sie sich in die Erziehungen einmischen kann, versteht sich eher mäßig mit der humorlosen Jana und sucht nach ihrer Rolle in dem Dreiergespann.

Doch dann passiert das Unfassbare: der kleine Kurt stirbt durch einen Unfall in der Schule, völlig unerwartet, ohne, dass es einen Schuldigen gibt. Und statt einem Neuanfang finden sich Lena und Kurt in einem Albtraum und Lena sucht weiterhin nach ihrer Rolle, diesmal als Freundin eines trauernden Vaters, der sie gerade nicht mehr an seinem Leben teilhaben lassen kann Werden Lena und der große Kurt es schaffen sich wieder aneinander anzunähern?

„Kurt“ ist nach „Mängelexemplar“ schon das 2. Buch von Sarah Kuttner, das ich gelesen habe und beide Bücher haben mich zu 100% überzeugt. Das Thema von „Kurt“ ist natürlich sehr tragisch und traurig, trotzdem handelt es sich bei dem Roman nicht um ein trauriges Buch, eher sogar um ein sehr humorvolles und hoffnungsvolle. Auch wachsen einem die wenigen, aber sehr liebevoll gezeichneten Charaktere fast sofort ans Herz. Von mir eine definitive uneingeschränkte Leseempfehlung.

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Buchtipp: „Die beste Depression der Welt“ von Helene Bockhorst

„Die beste Depression der Welt“ ist der Debutroman der jungen Comedienne Helene Bockhorst. Die Protagonistin Vera hat vor einiger Zeit einen Blogeintrag über einen misslungenen Selbstmordversuch geschrieben, der viral ging und mit dem sie kurzzeitig eine große Aufmerksamkeit als Autorin bekam. Als Ergebnis davon gab’s 25000 Euro Vorschuß um einen Ratgeber zum Thema Depressionen zu schreiben. Das Problem daran: Vera hat eine (im Moment nur leichte bis mittelschwere) Depression und kann sich natürlich nicht aufraffen zu schreiben (an manchen Tagen ist schon Aufstehen oder Duschen eine Herausforderung die den ganzen Tag in Anspruch nimmt). Während sie ihren Verleger mit Ausreden hinzuhalten versucht oder gar nicht erst ans Telefon geht wenn er anruft (den Vorschuss gibt sie blöderweise schon großzügig aus), versucht sie auf jegliche Art und Weise sich zum Schreiben zu motivieren oder Material für ihr Buch zu sammeln. Sie rafft sich zum Beispiel zu Lach-Yoga, Thai-Massagen, dem Besuch einer Schamain und Meditationskursen auf. Unterstützt wird sie vor allem von ihrer resoluten Freundin Pony.

So wechseln sich Phasen der Ernüchterung, Resignation und Verzweiflung mit gelegentlichen Anstürmen von Tatendrang ab (einmal macht sich Vera sogar zu einer hoffentlich erleuchtenden Reise nach Japan auf).

Bissig, ironisch und mit viel Talent schildert Vera ihren Alltag zwischen Depression und dem Versuch ihr Buch zu schreiben. Trotz des schweren Themas ist das Buch unglaublich unterhaltsam und oft auch wirklich lustig, trotzdem wird das Thema Depression niemals verharmlost oder nicht ernst genommen und die Aufarbeitung von Veras Kindheit, dem Verlust  ihrer behinderten Schwester und der toxischen Beziehung zu ihrer Mutter ist sehr berührend.

Also ein Buch das sowohl sehr lustig als auch sehr traurig ist und für mich bisher eines der Lese Highlights 2020 war.

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Buchtipp: „Jägerin und Sammlerin“ von Lana Lux

„Jägerin und Sammlerin“ ist der zweite Roman von Lana Lux, deren Debut „Kukolka“ vor einigen Jahren schon viel Aufmerksamkeit bekommen hatte. Den Debutroman habe ich allerdings bisher nicht gelesen, nach der Lektüre dieses Romans kann ich mir aber sehr gut vorstellen ihn auch noch zu lesen.

In „Jägerin und Sammlerin“ geht es um die junge Alisa, deren Eltern mit ihr im Alter von 2 Jahren von der Ukraine nach Deutschland eingewandert sind. Zu Beginn des Buches steht Alisa knapp vor dem Abitur. Sie wohnt mit ihrer Freundin Mischa zusammen. Statt sich aufs Abi konzentrieren zu können, wird Alisa aber von ihrer bulimischen Eßstörung dominiert, die sie seit Jahren nicht in den Griff bekommt. Von ihrer Mutter, mit der sie eine komplizierte und belastete Beziehung verbindet, bekommt sie außer Vorwürfen und Unverständnis auch nichts zu hören und Mischa leidet selbst unter Magersucht und zieht Alisa eher noch weiter runter. Alisa schafft zwar das Abi, doch als Studentin gelingt es ihr noch weniger im Alltag zu funktionieren und die Eßstörung bekommt immer mehr die Übermacht über sie.

Im Buch wechseln sich Sequenzen über Alias aktuelles Leben mit Episoden aus Alisas Kindheit ab und wir erleben ihren Kampf gegen die Eßstörung hautnah mit . Im zweiten Teil des Buches kommt dann auch Alisas Mutter Tanya zunehmend zu Wort und wir erfahren mehr über deren Leben in der Ukraine und ihre eigenen Verletzungen und Hintergründe. Doch eine Versöhnung zwischen Mutter und Tochter scheint trotzdem bis zum Ende nicht in Sicht.

Der Schreibstil des Buches ist direkt, teils einfach, teils sehr emotional und in der 2. Hälfte wird der Erzählstil in der 3. Person auch noch durch Passagen in der Ich-Form abgelöst, nämlich immer dann wenn Alisa und Tanya ihre Vergangenheit in Form von selbstgeschriebenen Tagebucheinträgen aufarbeiten. Auch wenn der Stilmix an ganz wenigen Stellen etwas „wild“ auf mich wirkte, haben mich diese Passagen letztendlich am meisten überzeugt und das Buch entwickelt schnell einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann, für mich eine klare Leseempfehlung.

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Buchtipp aus Finnland: „So also endet die Welt“ von Philip Teir

„So also endet die Welt“ von Philip Teir ist ein finnischer Familien- und Gesellschaftsroman. Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine ganz normale finnische Familie, die eigentlich nur ihren verlängerten Sommerurlaub am Meer verbringen möchte. Julia ist Schriftstellerin, die mit ihrem ersten Roman einen Achtungserfolg in Finnland erreichte, aber im Moment an einer Schreibblockade leidet. Außerdem hat sie manchmal das vage Gefühl, das ihr Leben ohne ihren Ehemann schöner sein könnte, ohne wirklich einen Grund dafür nennen zu können. Erik, ihr Ehemann, arbeitet als IT-Angestellter in einem großen Warenhaus, dass unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten leidet. Er hadert damit, dass er nicht wie sein früherer Kumpel mit einem IT-Startup zum Millionär wurde. Kurz nach Urlaubsbeginn erfährt Erik dann auch noch, dass er seinen Job verloren hat, verbirgt die Situation aber vor seiner Familie. Die 13-jährige Alice schlägt sich in der Zwischenzeit mit eher normalen Teenagerproblemen und -freuden rum und Anton, der sensible 10-jährige Sohn ist damit beschäftigt sich Sorgen um alles möglich zu machen.

Trotzdem beginnt der Urlaub recht entspannt. Julia freut sich darauf Zeit im ehemaligen Haus ihrer Eltern zu verbringen, wo sie viele unbeschwerte Sommer am Meer verbrachte. Erik versucht sich von seinem Jobverlust nicht die Laune verderben zu lassen. Anton wagt sich zumindest mit seiner Schwester Alice alleine in die Natur…nach einigen Tagen trifft Julia auch noch ihre alte Kindheitsfreundin Marika. Die lebt inzwischen mit ihrem neuen Freund Chris und dem 14-jährigen Sohn in einer Art Aussteigerkommune. Chris hat eine Bewegung gegründet, die primär aus fatalistischen ehemaligen Umweltschützern besteht und überzeugt ist, dass der Klimawandel sowieso nicht mehr aufzuhalten ist und es mehr Sinn macht sich einfach darauf vorzubereiten. Was die Bewegung zu einer Bewegung macht deren Hauptbeschäftigung aus dem Schreiben von Blogs, Reden schwingen, Sex und Drogenkonsum besteht. Julia und Erik finden die neuen Nachbarn aber zunächst ganz unterhaltsam und charmant. Doch mit der Zeit zeigen sich im familiären Zusammenleben Risse, so dass nicht nur die ganze Welt den Bach hinunter zu gehen scheint, sondern auch die Beziehungen. Und sogar das idyllische Ferienhaus scheint so langsam vor sich zu vermodern…

Das Buch schildert die Ereignisse dabei aus Sicht vieler verschiedener Familienmitglieder, die alle irgendwie mit sich selbst und den Beziehungen zu ihren Mitmenschen beschäftigt sind. Der Ton ist dabei eher sachlich und nüchtern, aber auch mit einer feinen Ironie, die dem Buch zusätzlichen Charme verleiht. Mir hat das Buch, das zu beschreiben versucht wie die Welt im ganz großen und ganz kleinen gleichermaßen zu enden scheint, aber trotzdem nie düster ist, wirklich gut gefallen. Definitiv eines meiner Lesehighlights im Jahr 2020 bisher.

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Buchtipp: „Der Ausflug“ von Caroline Hulse

Im Mittelpunkt von „Der Ausflug – Ein Familienroman“ von Caroline Hulse stehen vier Erwachsene, ein Kind und ein überdimensionierter Fantasiehase: Matt und Claire waren ein Paar und haben eine gemeinsame 7-jährige Tochter, Scarlett. Scarlett verarbeitet die Trennung ihrer Eltern mit Hilfe ihres überdimensionierten imaginären Freunds. Posey, der Hase, ist die Reinkarnation eines schon vor längerem verlorenen Plüschtiers und zwar unsichtbar, aber dafür über 1,40m groß.

Alex ist Matts neue Freundin: Wissenschaftlerin, vernünftig und analytisch und trockene Alkoholikerin. Der letzte in der Runde ist Patrick, Claires neuer Freund: beruflich erfolgreich, etwas spiessig und verbissen und versucht sich seinen Selbstwert durch die Teilnahme an einem Triathlon zu beweisen. Eigentlich läuft es bei allen auf den ersten Blick relativ gut, doch dann eröffnen Matt und Claire ihren Partnern, dass sie Weihnachten dieses Jahr alle zusammen zu viert feiern werden, damit Scarlett Weihnachten mit beiden Eltern verbringen kann. Ort des Geschehens ist ein Wald-Ressort für die ganze Familie (mit zahlreichen Aktivitäten für Jung und Alt, wie Spa, Minigolf, Burlesque Tanzkursen für Kinder, Weihnachtsmann, Schwimmbad und Bogenschießen)…zwar halten fast alle Beteiligten das insgeheim für eine ganz furchtbare Idee, doch da ja alle erwachsen und vernünftig sind und sich sowieso als Patchwork-Familie ganz hervorragend verstehen, traut sich keiner Nein zu sagen…

Der Roman erzählt in der Folge im Wechsel aus den Perspektiven von Matt, Alex, Patrick und Scarlett die Geschehnisse bis hin zum Höhepunkt des Ausflugs (der wie man recht früh in der Story erfährt nicht ganz so harmonisch ausfällt wie erhofft). Die Geschichte wird dabei mit viel Witz, Ironie und bissigem Humor erzählt und ist extrem kurzweilig und unterhaltsam, ohne dass es zu klamaukig wird. Wie man sich denken kann, verläuft der Ausflug nicht ganz so wie geplant und die Befindlichkeiten und Gefühlswelten der verschiedenen Charaktere, die schnell an ihre Grenzen geraten, werden wirklich gut dargestellt. Lediglich Claire bleibt bis zum Schluss etwas eindimensional, da man sie nur von außen kennen lernt, als fast zu perfekte immer freundliche, immer großherzige Gastgeberin…das ist aber sicher auch als Stilmittel bewusst so gewählt.

Insgesamt für mich ein fast perfektes Buch wenn man mal eine bissige und humorvolle Charakterstudie lesen will. Lediglich die Darstellung von Scarlett fand ich etwas zu frühreif/erwachsen für eine Siebenjährige.

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Buchtipp: „Schöne Monster“ von Sharlene Teo

„Schöne Monster“ von Sharlene Teo besticht auf den ersten Blick durch ein wunderschönes Cover, das mich sofort ansprach und Lust auf das Buch weckte. Doch auch inhaltlich konnte mich der Roman, der in Singapur spielt zum Glück mindestens genauso überzeugen. Im Zentrum des Romans der auf 3 Zeitebenen aus 3 Perspektiven erzählt wird stehen dazu passend auch 3 Frauen, die eng miteinander verbunden sind: Die überdurchschnittliche schöne und anziehende Amisa wächst in den 70er Jahren in einem kleinen Dorf auf dem Land auf und verlässt als Teenager ihre Familie, um auf eigene Faust nach Singapur zu ziehen. Dort hält sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bis sie als Darstellerin einer eher trashigen Horror-Film-Trilogie entdeckt wird. Der Regisseur verspricht Amisa großen Ruhm, mangels Verleih und wirklichem Kassenerfolg bleibt die Trilogie aber der einzige Ausflug ins Film-Business und Amisa wird nur für ein paar Nerds ein Star. Genauso wie ihre Karriere nie abhebt, verläuft auch ihr Leben nicht wie erhofft…

Im Jahr 2003 ist Amisas Tochter Szu 16 Jahre alt. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist sie nicht mit einem schönen Aussehen gesegnet und auch sonst in der Schule eher eine Außenseiterin, die bestenfalls von ihren coolen Mitschülerinnen in Ruhe gelassen wird. Szu passt nirgends so richtig rein, eckt überall an, fühlt sich mit sich selbst nicht wohl und auch von ihrer Mutter abgelehnt. Als die ebenfalls eher unbeliebte Circe sich mit ihr anfreundet, wendet sich für beide Mädchen erst mal alles zum Besseren. Doch als Amisa schwer krank wird, wird die aus einer Notgemeinschaft entstandene Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

2020 treffen wir Circe, Szu’s Freundin aus Teenagerzeiten wieder. Die hat gerade eine Scheidung hinter sich und fühlt sich mit Anfang 30 in ihrem Job als Social-Media-Marketing-Irgendwas schon langsam zum alten Eisen gehörend. Ausgerechnet zu dieser Zeit wird sie zurück in ihre Jugend katapultiert, als ihre Firma eine Kampagne für eine Neuauflage der Horrorfilme mit Szu’s Mutter erstellen soll. Die Erinnerungen zwingen Circe mehr oder weniger gegen ihren Willen dazu ihre schwierige Beziehung zu Szu zu reflektieren, die nie wirklich aufgearbeitet wurde…

Das Buch erzählt immer abwechselnd in Szenen aus dem Leben von Amisa, Szu und Circe, die Zeitsprünge und Perspektivenwechsel sind dabei wirklich gut umgesetzt. Die Charaktere sind durchweg interessant und faszinierend und jeder auf seine eigenen Art und Weise liebenswert, obwohl vor allem Szu und Circe als sehr widersprüchliche und eher sperrige Charaktere gezeichnet sind. Um so mehr kann man sich in beide einfühlen, wobei mir Szu am meisten ans Herz gewachsen ist. Die Sprache ist mitreissend und poetisch, trotzdem modern und leicht, so dass ich das Buch in kurzer Zeit verschlungen habe. Für mich zu 100% lesens- und empfehlenswert und eines meiner bisherigen Lese-Highlights von 2019.

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Buchrezension: „Wir im Fenster“ von Lene Albrecht

„Wir im Fenster“ von Lene Albrecht spielt in Berlin. Linn lebt dort mit ihrem Freund und erwartet aktuell ihr erstes Kind, doch ihre Gedanken kreisen im Moment fast ständig um die Vergangenheit, und zwar um eine Zeit in ihrer Kindheit und Jugend, in der sie viel Zeit mit ihrer Jugendfreundin Laila verbrachte. Die beiden Mädchen lernten sich zufällig kennen und waren erst mal ein Herz und eine Seele. Als Leser erfährt man erstmal gar nicht so viel über die Lebensumstände der beiden Mädchen, man kann erahnen, dass beide nicht grade in einem sozial begünstigen Teil von Berlin aufwachsen und dass Lailas familiäre Umstände irgendwie nicht ganz einfach sind. Sie verbringt die meiste Zeit bei ihrer Großmutter oder bei Linn. Linns Familie hingegen wirkt recht normal, auch wenn die Eltern sich natürlich mal streiten. Linn und Laila verbringen viel Zeit miteinander und wirken erstmal fast wie verschmolzen, grade Laila scheint auf Linn eine ungehöre Faszination auszuüben, doch als die Mädchen älter werden und Laila aufgrund schwieriger Lebensumstände bei Linn zuhause einzieht, weil ihre Großmutter zurück in die Türkei geht, verschiebt sich das Macht- und damit auch das Freundschaftsverhältnis der beiden. Linn hängt immer mehr mit der Teenie-Clique aus der Nachbarschaft ab, während Laila sich zurückzieht, nachmittags oft verschwindet oder den ganzen Tag lesend im gemeinsamen Zimmer verbringt. Die Verbindung der beiden Mädchen wird schwächer und auch immer ambivalenter.

Linn reflektiert ihre Geschichte mit Laila in Rückblenden, Gedankenfetzen und Erinnerung, die oft schwammig und unstrukturiert sind, so bleibt zum Beispiel lange unklar warum Laila überhaupt bei Linns Familie wohnt und auch Linn selber weiß das als Kind gar nicht so richtig. Der Leser weiß nur, dass der Kontakt zu Laila komplett abbrach und dass Linn die Geschichte nie wirklich verarbeitet und verwunden hat, aber die Hintergründe bleiben lange im Dunkeln.

Mir hat das Buch einerseits gut gefallen, denn Linns Denkweise als Kind und auch wie sie viele Situationen als Kind einfach nur wahrgenommen hat ohne sie wirklich zu verstehen oder zu bewerten, kommt sehr gut rüber, deshalb wirkten die Szenen aus der Kindheit auf mich sehr authentisch und auch das Setting in einem eher strukturschwachen Teil von Berlin kam atmosphärisch sehr gut rüber. Trotzdem riss mich das Buch nicht ganz vom Hocker, denn der betont melancholische Tonfall und die erwachsene Linn wirkten auf mich irgendwie etwas anstrengend und zu ich-bezogen. So fand ich das Buch sehr interessant, aber kein reines Lesevergnügen, da mir die Hauptfigur nicht 100% sympathisch war.