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Krimi-Tipp: „Todesstiche“ von Nina Darnton

„Todesstiche“  von Nina Darnton kommt optisch im typischen Thriller Design daher, auch der Titel klingt natürlich nach einem eher reißerischen Thriller (die dazu abgedruckte Wespe passt null zur Handlung und ist wohl eine sehr unkreative Verarbeitung des Wortes „Stich“ im Titel). Dieser Eindruck täuscht aber eher, was vielleicht für eine Vermarktung des Buches nicht ganz optimal ist, denn eigentlich handelt es sich bei dem Buch eher um einen psychologischen Krimi oder sogar noch eher um einen Entwicklungsroman der Hauptperson Jennifer und ein Familiendrama.

Die Hauptrolle im Buch spielt Jennifer, eine amerikanische Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Ihr Mann arbeitet den ganzen Tag als Haushalt und Jennifer hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die perfekte verständnisvolle Helikopter-Mutter für ihre 3 Kinder zu sein. Auf andere berufstätige Mütter schaut sie eher herunter und sie ist stolz auf ihr geradezu perfektes Leben und ihre perfektes Leben. Sie ist also geradezu unerträglich unsympathisch 😉 und man wünscht ihr irgendwelche Probleme geradezu auf den Hals. Diese kommen dann auch in Form einer Hiobsbotschaft aus Spanien, wo ihre älteste Tochter Emma aktuell studiert. Emma wurde festgenommen, nachdem in ihrer Wohnung ein Mann erstochen wurde. Laut Emma versuchte er sie zu vergewaltigen, worauf ein zufällig vorbeikommender Algerier ihn erstach, um Emma zu retten. Jennifer fliegt sofort nach Spanien, um ihrer Tochter zur Seite zu stehen. Während die Polizei Emmas Geschichte für höchst unglaubwürdig hält und immer mehr Indizien gegen ihre Version sprechen, hält Jennifer eisern zu Emma, bis auch ihr immer mehr Zweifel an ihrer Tochter kommen.

Der Ausgangspunkt des Buches erinnerte mich etwas an den Fall Amanda Knox (auch wenn der Mordfall sich letztendlich nicht sehr ähnelt), weswegen das Buch mein Interesse weckte (ich hatte erst vor einiger Zeit eine Netflix Doku über Amanda Knox gesehen). Das Buch hat mich definitiv auch nicht enttäuscht, es ist gut geschrieben, die Infos über Land und Leute wirken kompetent recherchiert und mir gefiel sehr gut, dass die Autorin sehr viel Wert auf Charakterentwicklung und psychologische Hintergründe legt. Das Buch las sich eher wie altmodischer psychologischer Krimi a la Ruth Rendell, was schon immer ein Krimi-Genre ist, dass ich besonders liebe. Auch macht Jennifer im Laufe des Buches eine glaubhafte Entwicklung durch, so dass sie einem doch fast noch sympathisch wird. Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, allerdings finde ich die Vermarktung als Thriller bei der Deutschen Ausgabe etwas unglücklich, da Thriller-Fans vermutlich enttäuscht sein werden (die englische Originalausgabe heißt zum Beispiel „Perfect Mother“, was auch viel besser zum Inhalt passt). Diese Ambivalenz verspürte wohl auch der Verlag zu irgendeinem Zeitpunkt, denn es sind im Internet zwei Cover Versionen zu finden, einen mit Untertitel „Thriller“ und einen mit Untertitel „Roman“.

Als Schwachpunkt würde ich sehen, dass eigentlich gar nicht so wirklich viel passiert, so dass man nicht wirklich von Überraschungen in der Handlung sprechen kann. Auch die eine existierende Wendung hat etwas Unausweichliches, weswegen sie nicht wirklich überrascht. Trotzdem für mich ein sehr unterhaltsames und kurzweiliges Buch.

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Portugal – Krimi: „Lost in Fuseta“

„Lost in Fuseta“ von Gil Ribeiro ist der erste Teil einer Krimi-Reihe, die in Portugal spielt und sich um den Deutschen Ermittler Leander Lost (ergo das Wortspiel im Titel) aus Hamburg dreht, der im Rahmen eines etwas unwahrscheinlich klingenden EU-weiten Austauschsprogramms ein Jahr in Portugal verbringt (während ein portugiesischer Polizist ein Jahr in Hamburg verbringt. Also so eine Art „RTL2 Frauentausch“ für Polizisten 😉 ) Leander hat aber einige Hürden zu überwinden, die andere Polizisten eher nicht haben, denn er ist Asperger Autist und kann zum Beispiel nicht lügen und keine Witze und keine Ironie erkennen. So eckt er unter seinen Kollegen immer wieder an und seine beiden portugiesischen Kollegen Carlos und Graciana haben schnell den Verdacht, dass er von seinen Deutschen Kollegen nur für den Austausch ausgewählt wurde, um ihn loszuwerden.

Nachdem Leander Lost in Portugal angekommen ist, wird seine Ankunft gleich durch einen Mord unterbrochen, ein stadtbekannter Privatdetektiv wurde auf einem Boot erschlagen. Leander Losts Einstieg in die gemeinsame Polizeiarbeit verläuft aber so holprig, dass er beinahe gleich wieder nach Hause zurück geschickt wird…doch glücklicherweise schaffen es Carlos, Graciana und Leander doch noch das Ruder herumzureißen und sich aneinander anzunähern.

Mir wurde das Buch von meiner Mutter wärmstens empfohlen, die die Krimireihe super und sehr unterhaltsam und lustig findet. Leider konnte ich selbst nur sehr wenig damit anfangen, denn mich haben einige Punkte daran massiv genervt: Erstens spielt die Krimihandlung teilweise eine extrem untergeordnete Rolle, auf den ersten 90 Seiten passiert nach dem Auffinden der Leiche erstmal quasi gar nix mehr in der Richtung und auch danach bleibt das Drumherum wie Privatkram und Beschreibung von Land und Leuten recht dominant. Mir war das Verhältnis etwas zu unausgewogen und ich empfand den Krimi deswegen als langatmig.

Zweitens fand ich die Darstellung von Portugal und den Portugiesen etwas zu romantisch verklärt…es las sich ein bisschen wie die Darstellung eines südeuropäischen Landes aus Sicht eines Deutschen Touristen, der da im Sommer immer hinfährt und die Portugiesen um ihren Lebensstil beneidet (der Autor heißt in Wirklichkeit Holger Karsten Schmidt und wohnt in meiner Region). Dieses Gefühl kann man vermutlich nur nachvollziehen wenn man begeisterter Südeuropa Tourist ist und die Vorstellung spät abends stundenlang in großem Kreis zusammen zu sitzen und zu essen attraktiv findet.

Drittens wirkte die Asperger Erkrankung von Leander Lost auf mich ein bisschen wie ein Gimmick, auch wenn seine Schwierigkeiten durchaus ernsthaft dargestellt wurden, kam es trotzdem etwas so rüber als würde das ganze also „putzige Besonderheit“ und Begabung transportiert, ähnlich wie in dem Film „Rain Man“ und ich finde das kommt immer etwas gönnerhaft rüber (interessanterweise erwähnte der Autor auch im Nachwort, dass ihn das Thema Autismus seit dem Film Rain Man interessiert). Dazu kam auch noch, dass die Kommissarin eine kleine Schwester hat, die sich zufällig beruflich mit Asperger Autisten auskennt und sich sofort in Leander verliebt, das war mir dann doch auch etwas zu zuckrig.

Generell wirkte der Roman etwas wie ein etwas schnulzenhaft angehauchter ZDF-Fernsehkrimi wo auch immer was „fürs Herz“ und ein bisschen Humor dabei sein muss. Vermutlich bin ich deswegen auch einfach nicht die Zielgruppe, denn solche ZDF Filme finde ich meist auch etwas zu nah am Kitsch.  Den Kriminalfall an sich fand ich gar nicht so uninteressant, aber er ging mir in dem Gesamtkonstrukt einfach zu viel unter.

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Young Adult Tipp: „The Exact Opposite of Okay“

„The Exact Opposite of Okay“ von Laura Steven ist ein Young Adult Roman, der sich mit dem Thema „Slut Shaming“ auseinander setzt. Hauptperson des Buches ist die 18-jährige Izzy, die Vollwaise ist und mit ihrer Oma zusammen in eher prekären Verhältnissen lebt: die Familie hat nicht viel Geld und die gesundheitlich angeschlagene Oma hält die beiden mit einem schlecht bezahlten Job über Wasser. Izzy ist nicht besonders gut in der Schule, liebt aber das Schreiben von Drehbüchern und das Filmen von Comedy-Sketches. Sie träumt von einer Karriere als Comedy Star oder Drehbuchautorin, hat aber nicht mal das Geld um sich ein College-Studium oder eine Ausbildung leisten zu können. Sie versteckt ihre Gefühle und Schwächen hinter Witzeleien und sarkastischen Bemerkungen und verbringt ihre Freizeit am Liebsten mit ihren besten Freunden, der indisch stämmigen Ajita und ihren langjährigem Sandkastenfreund Danny. Als Izzy auf einer Party mit zwei Jungs schläft und dann auch noch Nacktfotos mit einem der beiden austauscht, gerät sie in einen Strudel der Ereignisse, der ihr ganzes Leben aus der Bahn wirft.

Das Buch ist in Tagebuch-Form geschrieben und beginnt kurz vor dem großen „Sex-Skandal“. Der Schreibstil ist sehr unterhaltsam, auch wenn Izzys Dauer-Sarkasmus vor allem anfangs etwas anstrengend sein kann (und das sage ich als großer Sarkasmus Fan 😉 ). Ich lese aber generell gerne Bücher in Tagebuch-Form, deswegen hat mir das Format sehr gut gefallen. Die Ereignisse und auch die Charaktere sind für mich gut herausgearbeitet, lediglich die Reaktionen (bzw. Nicht-Reaktionen) der Schule auf die Ereignisse fand ich irgendwie etwas befremdlich (auch wenn Izzy im Buch volljährig war, fände ich es merkwürdig wenn eine Schule bei derartigen Ereignissen überhaupt keine Maßnahmen ergreift um seine Schüler zu beschützen und zum Beispiel Mobbing einzudämmen). Gut gefallen hat mir, dass Izzy in dem Buch sehr vielschichtig geschildert wird, sie ist nicht nur die „Heldin“, sondern handelt teilweise auch sehr gedankenlos (damit meine ich jetzt nicht mal das Versenden von Nacktbildern über das Smartphone, sondern eher Zwischenmenschliches im Umgang mit ihrer besten Freundin) und ihr Charakter entwickelt sich im Laufe des Buches glaubwürdig weiter, so dass die hinter ihrer Fassade verborgenen Gefühle zu Tage treten können.

Nicht ganz so gut gefallen hat mir, dass das Buch teilweise fast etwas mehr wie ein feministisches Manifest wirkt als wie ein Roman, der rein um seiner Story wegen erzählt wird, was sich zum Beispiel darin äußert, dass vor allem Izzys Freund Danny etwas zu schablonenhaft ausgearbeitet wirkt. Man hat etwas den Eindruck seine Rolle existiert primär um ein bestimmtes Verhalten zu demonstrieren. Davon einmal abgesehen fand ich das Buch aber wirklich sehr gelungen und es sticht sowohl thematisch als auch vom Stil aus der Masse der Young Adult Romane heraus.

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Krimi-Tipp: „Bluthaus“ von Romy Fölck

Heute möchte ich „Bluthaus“ vorstellen, den 2. Regionalkrimi aus der Elbmarsch von Romy Fölck. Hauptperson der Krimireihe ist die Polizistin Frida Paulsen, die nach dramatischen Ereignissen im Vorgänger-Band mit ihrer Karriere als Polizistin hadert und eigentlich gerade eine Pause aus dem Polizeidienst nimmt.

Cover

Ein Reetdach-bedecktes Häuschen, das im Buch auch tatsächlich eine wichtige Rolle spielt: von dem her kann man sagen „Thema getroffen“.

Autor

Romy Fölck ist eine recht neue Stimme in der Deutschen Krimi-Szene. Ihren ersten Roman „Totenweg“ habe ich auch schon gelesen und für ziemlich gut befunden. Da Norddeutschland im Regionalkrimi-Markt noch nicht ganz so dominierend vertreten ist wie zum Beispiel die Alpenregion freue ich mich immer über neue Autoren in diesem Genre.

Charaktere

Hauptpersonen in dem Buch sind Frida Paulsen, eine noch junge Polizistin, die bei den Geschehnissen im ersten Band „Totenweg“ fast ums Leben kam. Weiterhin spielt ihr Kollege Bjarne Haverkorn eine wichtige Rolle im Buch. Er ist ein älterer bodenständiger Ermittlungsbeamter, dessen Privatleben auch in diesem Band einige Turbulenzen durchläuft. Die Krimihandlung dreht sich in diesem Band um Friedas alte und sprunghafte Jugendfreundin Jo, die im ersten Band auch schon auftauchte. Abgesehen davon gibt es in dem Buch noch einige Nebencharaktere, aber im Gegensatz zu anderen Krimireihen ist das Ermittlungsteam überschaubar, was mal eine nette Abwechslung ist. 

Plot

Eine Frau wird in einem alten leerstehenden Bauernhaus brutal erstochen und verblutet. Frida Paulsens Freundin Jo findet das Opfer und versucht sie zu retten. Nach der Befragung durch die Polizei verschwindet Jo aber und behauptet die Polizei wolle ihr etwas anhängen. Auch Frida merkt, dass Jo etwas verheimlicht und macht sich auf die Suche nach der Freundin. Hat sie etwa wirklich etwas mit dem Mord zu tun?

Schreibstil

Der Schreibstil ist sachlich, gut lesbar und unterhaltsam, so dass man Romy Fölcks Bücher schnell weglesen kann. Trotzdem sind die Charaktere lebendig geschildert und man kann sich gut mit ihnen identifizieren. 

Fazit

Die Krimis von Romy Fölck sind sehr gute Unterhaltung, wenn man gerne Regionalkrimis liest und einen gelungenen Mix zwischen Privatkram und Krimihandlung mag. Eigentlich würde ich dem Buch eine volle Leseempfehlung geben, hätten mich nicht einige unlogischen und unrealistischen Verhaltensweisen der Polizisten beim Ermitteln etwas genervt. So spielt zum Beispiel ein Teil der Handlung direkt an der Küste. Es gibt einen Notfall und Frida versucht einen Notruf abzusetzen, landet aber im dänischen Mobilnetz und beim dänischen Notruf. Anstatt dann auf Englisch um Hilfe zu bitten legt sie einfach auf und spricht einem Kollegen auf die Mailbox. Das fand ich einfach völlig abstrus und später passiert es dann auch nochmal fast genauso. Solche Versuche die Handlung künstlich dramatisch zu halten, finde ich dann doch auch handwerklich etwas arg ungeschickt.

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Krimi Rezension: „Der Unfall auf der A35“ von Graeme Macrae Burnet

Den Roman „Der Unfall auf der A35“ habe ich auf meine Leseliste genommen, da ich auf sehr unterschiedliche Rezensionen dazu gestoßen bin. Den Ausschlag zum Lesen hat dann auch tatsächlich eine sehr negative Rezension gegeben, die bemängelte, dass es sich bei dem Roman keineswegs um einen Krimi handeln würde. Auch sonst war die Leserin oder der Leser nicht überzeugt.
Da ich zwar sehr gerne Krimis lese, aber es in dem Genre doch eher selten Innovationen zu entdecken gibt, war ich dadurch neugierig auf einen Krimi der nicht einem typischen entspricht. Außerdem fand ich Cover und Klappentext ansprechend.

Hauptfiguren des Buches sind der französische Polizist Georges Gorski und der 17 jährige Teenager Raymond. Beide leben in der elsässischen Kleinstadt Saint Louis. Gorski ist dort Polizeichef, hat aber Probleme mit dem Selbstwertgefühl, seinem Privatleben, seinen Kollegen (und dem Alkohol).
Raymond ist der Sohn des Anwalts Bertrand Barthelme. Dieser kommt am Anfang des Buches durch einen angeblichen Unfall auf der A35 ums Leben. Eigentlich würde der Fall zu Akten gelegt werden, denn nichts daran scheint verdächtig. Aber Bertrands attraktive Ehefrau bittet Gorski um Nachforschungen und da er sich von ihr angezogen fühlt, fängt er an auf eigene Faust zu ermitteln. Raymond findet im Schreibtisch seines verstorbenen Vaters einen Zettel mit einer unbekannten Adresse in einer nahegelegenen Kleinstadt und fängt ebenfalls an sich auf die Spurensuche zu machen.

Die Kritik, dass das Buch kein Krimi sei, kann ich durchaus nachvollziehend, denn der Kriminalfall steht in dem Buch keineswegs im Vordergrund.
Stattdessen beschäftigt es sich ausführlich mit dem Innenleben der beiden ziemlich problembelastenden Charaktere Gorski und Raymond. Düster und negativ wirkt das Buch dadurch aber nicht, denn es hat einen sehr leisen schwarzen Humor und vor allem die (auch sexuellen) Irrungen und Wirrungen des pubertierenden Raymonds sind sehr unterhaltsam zu lesen. So würde ich das Haupttheme des Buches eher als Charakterstudie zweier Männer, die mit ihrem Leben und ihrer Position in der von ihnen eher verhassten Kleinstadt Saint Louis nicht zurechtkommen sehen. Mich hat es aber überhaupt nicht gestört, was aber vielleicht auch daran liegt, dass ich durch die vorher gelesenen Rezensionen „vorgewarnt“ war und dem Buch deswegen gegenüber sehr offen eingestellt war.

Der Schreibstil ist sehr flüssig und direkt und dadurch sehr kurzweilig zu lesen und der Autor vermittelt glaubwürdig, dass das Buch in einem Frankreich vor einigen Jahrzehnten spielt (wann genau konnte ich nicht so richtig fassen, aber aus den Informationen zu schließen die über die Lebensgeschichte des Vaters preis gegeben werden habe ich eine Handlung geschlossen, die ca. Ende der 1970er oder Anfang der 1980er Jahre spielt).

Auch die Geschichte rund um den Autor und das Setting des Buches ist durchaus spannend. Wer sich dafür interessiert, sollte (erst nach Lektüre des Buches) gerne einmal Google bemühen.

Insgesamt fand ich das Buch kurzweilig, unterhaltsam und kreativ und für mich war es deswegen eine gute Wahl.

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Jörg Maurer: „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“

„Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“ ist schon die 11. Folge der Krimiserie von Jörg Maurer rund um Kommissar Jennerwein und sein Team.
Damit ist es wie bei vielen Regionalkrimi-Serien wohl auch eher ein Buch für Kenner und Fans der Serie und nicht unbedingt zum Einstieg geeignet.

In diesem Band hat Kommissar Jennerwein sein ganzes Team zum Feiern in seine Berghütte eingeladen. Es soll also mal nicht um Verbrechen und Ermittlungen gehen, sondern einfach nur um Spaß. So beginnt der Abend in der Hütte auch entsprechend entspannt, nach und nach kommen die Teammitglieder an (wenn auch teilweise mit erheblichen Schwierigkeiten), doch im Laufe des Abends wird klar, dass sich ein brandgefährlicher Eindringling unter den Feiernden befindet. Und so geht es plötzlich nicht mehr um einen geselligen Abend unter Kollegen, sondern ums pure Überleben.

Parallel zu der aktuellen Krimihandlung hat der Roman noch einen Sub-Plot in dem wir mehr über die Jugend von Jennerwein erfahren,  er erzählt nämlich seinen Kollegen von seinem ersten „Kriminalfall“. Zu Schulzeiten wurde seine Schule von einem Übeltäter heimgesucht, der während der ganzen Adventszeit Stinkbomben im Schulgebäude zündete…Jennerwein versuchte damals den Schuldigen zu ermitteln, was angeblich der Einstieg in seinen Berufswunsch als Polizist war. So springt das Buch zwischen diesen beiden Erzählsträngen hin und her, was eine abwechslungsreiche Geschichte ergibt.

Was mich an dem Roman etwas überrascht hat, ist dass die Handlung rund um die Berghütte doch relativ action-reich ist, ich hatte eher eine Art klassischen „Whodunnit“ Krimi auf einer Berghütte erwartet. Dadurch war das Buch aber sehr kurzweilig und unterhaltsam zu lesen, auch wenn die Handlung natürlich teilweise etwas ins Absurde abdriftete (das ist bei den Jennerwein Krimis aber öfters so). Insgesamt ist es ein nettes Buch für die Vorweihnachtszeit, das einen kurzweilig unterhält sofern man nicht zu viel Realismus erwartet.
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Schweden-Krimi: „Minus 18 Grad“ von Stefan Ahnhem

Heute möchte ich einen Ausflug ins Genre Skandinavien-Krimi unternehmen: „Minus 18 Grad“ von Stefan Ahnhem. Dabei handelt es sich bereits um den 3. Teil einer Krimi-Reihe, von denen ich die ersten beiden Teile nicht gelesen habe.

Cover

Auf dem Cover ist eine zu Schweden passende winterliche Wald Landschaft zu sehen, die ein Gefühl von Kälte und Winter vermittelt und damit gut zum Titel des Buches passt. Das Bild wird auf den Innenseiten des Umschlags weitergeführt, was für ein Taschenbuch eine recht hübsche Spielerei ist.

Autor

Den Autor kannte ich im Gegensatz zu vielen anderen skandinavischen Krimi-Autoren noch nicht. Laut Klappentext schreibt er auch Drehbücher für Krimis und war zum Beispiel Autor einiger Wallander Verfilmungen.

Charaktere

Charaktere gibt es in dem Buch „Minus 18 Grad“ mehr als genug, wenn nicht sogar ein paar zu viele? Die Hauptperson ist wohl der Kommissar Fabian Risk, der nicht der Leiter seines Ermittlungsteams ist, aber diese Rolle mehr oder weniger unfreiwillig doch einnimmt, da die Chefin des Teams ein Alkoholproblem hat, das im Buch auch eine größere Rolle spielt. Fabian Risk schlägt sich mit Eheproblemen und einem (wohl in einem vorigen Band) traumatisierten Sohn im Teenageralter herum. Weiterhin gibt es noch mehrere andere Polizisten im Team, die eine mehr oder weniger große Rolle einnehmen. Und zusätzlich dazu gibt es noch eine junge dänische Polizistin, die in einem völlig anderen Fall in Dänemark ermittelt und deren Beziehung zu Fabian Risk sich erst im Laufe des Buches erschließt. Auch die beiden Fälle laufen anfangs parallel ohne dass erkenntlich wird warum es zwei so unterschiedliche Handlungsstränge gibt.
Dazu gibt es noch natürlich noch den/die Mörder in beiden Fällen und eine ganze Menge Nebenfiguren. Auch Fabian Risks Familie spielt eine nicht unwichtige Rolle. Dass man bei dieser Fülle an Personen nicht den Überblick verliert ist durchaus eine gute Leistung vom Autor.

Plot

Ein Mann fährt nach einer wilden Verfolgungsjagd über eine Kaimauer und kann nur noch tot geborgen werden. Der Gerichtsmediziner macht eine verblüffende Entdeckung, denn der Mann war offenbar schon mehrere Tage tot und offenbar auch längere Zeit tief gefroren. Wie kam er also ins Auto und wer hat es gefahren? Das ist der Ausgangspunkt der Geschichte, aus dem sich mit der Zeit ein sehr komplexer Kriminalfall ergibt. Dieser ist vielleicht nicht unbedingt sonderlich realistisch, denn dazu ist der Täter ein bisschen zu „übermenschlich“ geraten, allerdings ist das Ganze so gut aufgebaut und in sich durchaus schlüssig, dass mich das nicht wirklich gestört hat.
Parallel gibt es noch einen völlig unabhängigen Kriminalfall rund um die junge Polizistin Dunja in Dänemark (die wohl in einem der vorherigen Bücher schon mit Fabian Risk zu tun hatte). Auch wenn die Fälle Schnittpunkte haben, drängt sich der Gedanke auf, dass der Roman genug Stoff für 2 unterschiedliche Bücher geboten hätte (zumal der Krimi auch recht dick ist).

Schreibstil

Das Buch ist flüssig und leicht lesbar geschrieben und die Handlung ist recht dynamisch, auch da die Kapitel angenehm kurz sind und häufig die Perspektive wechseln. Mir hat der Stil gut gefallen und die kurzen Kapitel machen es auch gut möglich das Buch während einer Arbeitswoche in kleineren Häppchen zu lesen ohne den Faden zu verlieren. Durch die komplexe Handlung kam jetzt nicht unbedingt rasante Thriller-Spannung auf, das habe ich aber auch nicht vermisst.

Fazit

Das Buch ist sehr unterhaltsam mit überdurchschnittlich kreativen Kriminalfällen, die aus der Masse der Krimis und Thriller herausstechen. Die Charaktere sind alle sympathisch und trotz der Fülle relativ gut ausgearbeitet, einige Nebenfiguren bleiben aber schablonenhaft. Dass ich die ersten beiden Bände nicht kannte, hat mich nicht übermäßig gestört, denn man kann die Hintergründe aus dem Kontext herleiten. Trotzdem wirkt das Buch vielleicht einen Ticken überladen und da hätte etwas weniger an mancher Stelle nicht geschadet. Auch dass am Ende quasi schon ein neuer Fall angeteasert wird fand ich unnötig (wenn einem eine Reihe gefällt, bleibt man auch ohne solche Tricks dabei).

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Krimi-Tipp: „Das Geheimnis der Grays“ von Anne Meredith

Heute möchte ich die Neuauflage eines historischen Krimis vorstellen und zwar „Das Geheimnis der Grays“ (Originaltitel: „Portrait Of A Murderer“) von Anne Meredith. Anne Meredith ist ein Pseudonym der britischen Autorin Lucy Beatrice Malleson, die unter dem weiteren Synonym Anthony Gilbert eine langjährige Krimireihe rund um den Ermittler Arthur Crook verfasste. Unter dem Pseudonym Anne Meredith hat sie nur 2 Bücher veröffentlicht, eine Autobiografie und eben den psychologischen Krimi „Das Geheimnis der Grays“.

Der Roman erschien erstmalig 1933 und spielt an Weihnachten 1932. Die ziemlich zerstrittene Familie Gray versammelt sich an Weihnachten beim autoritären und übellaunigen Familienoberhaupt Adrian Gray im alten Herrenhaus der Familie auf dem Land. Vordergründig natürlich um gemeinsam Weihnachten zu feiern.
Allerdings haben die meisten Familienmitglieder andere Absichten, denn sie stecken in mehr oder minder ernsten finanziellen Schwierigkeiten und erhoffen sich von den Festtagen, den Vater dazu zu kriegen, Ihnen finanziell unter die Arme zu greifen. Adrians ältester Sohn Richard möchte sich einen Adelstitel erkaufen, wird jedoch von einer Geliebten erpresst. Der Schwiegersohn Eustace hat mit windigen Spekulationsgeschäften nicht nur seine Klienten sondern auch Adrian über den Tisch gezogen. Und der jüngere Sohn Hildebrand ist ein mittelloser Künstler, der eine ganze Horde von Kindern durchbringen muss, für die er sich eigentlich gar nicht nicht interessiert. Lediglich die jüngste Tochter Ruth und ihr Mann stecken nicht in Schwierigkeiten und haben beim Weihnachtsbesuch keine Hintergedanken. Der 1. Weihnachtsfeiertag beginnt statt mit Geschenken dann direkt mit einem Schock, Adrian Gray wird ermordet in seinem Arbeitszimmer aufgefunden…

Dies klingt auf den ersten Blick wie ein typischer Whodunnit im Stile von Agatha Christie, entpuppt sich aber als psychologischer Krimi bei dem (für die damalige Zeit sicher noch außergewöhnlich und innovativ) die Gefühlswelt des Mörders im Vordergrund steht. Denn wer der Mörder ist, wird schon im ersten Drittel des Buches enthüllt, der Mord wird nämlich in der Ich-Perspektive aus Sicht des Mörders geschildert. Dieser versucht in Folge seine Tat zu vertuschen und diese stattdessen einem anderen Familienmitglied anzuhängen.

Der Roman nimmt sich anfangs viel Zeit die verschiedenen Familienmitglieder vorzustellen, wobei der Blick auf die damalige Gesellschaft ziemlich bissig und ironisch gerät. Glücklich sind nur die wenigstens der vorgestellten Paare und Familienmitglieder.
Im 2. Teil steht der Mörder und sein Innenleben im Vordergrund, im 3. Teil dann die Auswirkungen des Mordes und die Frage ob der Mörder mit seinem Vertuschungsversuch davon kommt. Der Stil ist natürlich etwas altmodisch, allerdings trotzdem sehr leicht lesbar und wer gerne altmodische Krimis wie z.B. von Agatha Christie liest, wird mit dem Buch sicher seine Freude haben. Ich fand es sehr unterhaltsam und auch durchaus vom Aufbau kreativ. Auch wenn die Aufmachung des Klett-Cotta Verlags vielleicht etwas irreführend ist (der englische Titel passt auch viel besser zum Inhalt als der Deutsche) hat es mir eigentlich sogar besser gefallen, dass es sich bei dem Buch nicht um einen klassischen „Wer ist der Mörder?“ Roman gehandelt hat.

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Buchrezension: „Mein Ein und Alles“ von Gabriel Tallent

Heute habe ich eine ungewöhnliche Aufgabe: ich rezensiere ich ein Buch mit dem ich nicht so richtig warm wurde, nämlich „Mein Ein und Alles“ von Gabriell Tallent. Ich hatte die Leseprobe gelesen und fand sie sehr vielversprechend, außerdem mag ich solche Geschichten eigentlich, also Geschichten darüber wie jemand sich aus schwierigen Lebensumständen befreit und so eine Geschichte schien „Mein Ein und Alles“ zu sein.

Das Buch dreht sich um die 14-jährige Turtle (eigentlich Julia) Alveston aus Kalifornien. Sie lebt mit ihrem Vater in einem ziemlich heruntergekommenen Haus nahe der Meeresküste , in einer bewaldeten Gegend bei Mendocino (beim Lesen des Buches habe ich realisiert, dass ich in meinem bisherigen Leben noch nie darüber nachgedacht hatte wo sich der im Schlager besungene Ort eigentlich befindet). Sie geht zur Schule, ist dort aber eine Außenseiterin, was auch an ihrem eigenen abweisenden Verhalten liegt, sie scheint nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen Menschen zu hassen, vor allem gerade, die die eigentlich versuchen auf sie zu zu gehen. Die Gründe dafür werden schnell klar, sobald man etwas mehr über die toxische und kranke Beziehung zwischen ihrem Vater Martin und ihr erfährt. Turtle glaubt nicht daran etwas am Status Quo ihres Lebens verändern zu können, sucht auch oft Entschuldigungen für ihren Vater und zerfleischt sich gedanklich selbst…doch als sie auf einem Streifzug durch die Wälder Jacob und Brett kennenlernt – 2 Jungs im Highschool-Alter – verändert sich ihr Leben langsam aber sicher und die Geschehnisse nehmen einen Lauf der zu einer immer größeren Eskalation führt. Irgendwann kämpft Turtle nicht mehr nur um ihre Befreiung sondern um Leben und Tod.

Das Buch ist also durchaus sehr interessant, die Thematik verstörend und Turtle eine spannende und komplexe Hauptfigur. Trotzdem hatte ich einige Probleme mit dem Buch: erstens ist die Sprache irgendwie sperrig. Die Landschaftsbeschreibung blieben für mich irgendwie schwer zugänglich, so dass ich es irgendwie nicht schaffte diese Teile aufzunehmen. Interessanterweise passt auch das Cover irgendwie zu diesem Gefühl, es zeigt ein irgendwie altmodisch wirkendes Dickicht von Nadelbäumen, das gleichzeitig anzieht und irritiert.

Der Rest des Buches ist im Prinzip gut geschrieben, allerdings war ich von einigen Schimpfwörtern irritiert, die irgendwie zu altmodisch für ein Buch wirkten in dem eine 14-jährige die Hauptrolle spielt (auch ihr Vater dürfte vermutlich nicht viel älter als 40-50 sein). So wurde z.B. das Wort „Luder“ häufig verwundet, was ich mir als Sprache bei einer 14-jährigen einfach schwer vorstellen konnte. Da wäre es interessant mal ins Original hineinzulesen um zu vergleichen was für Wörter dort verwendet wurden. Ich bin mir bei diesem Buch sprachlich wirklich nicht sicher, ob ich ein Problem mit der Buchsprache an sich hatte oder auch eher mit der Übersetzung. Insgesamt wirkt der Stil irgendwie unausgewogen.

Mein zweites Problem mit dem Buch war, dass ich es insgesamt doch ziemlich schwer zu verdauen fand. Eigentlich bin ich bei dramatischen Familiengeschichten hart im nehmen und lese zwischendurch auch gerne mal düstere oder schwierige Bücher, aber aus irgendeinem Grund kam ich bei diesem Buch fast an meine Grenzen (vielleicht lag es auch daran, dass ich es ausgerechnet im trüben November angefangen habe???). Ich glaube es war eine Kombination aus der teils etwas schwer zugänglichen Sprache und der Tatsache, dass die geschilderten Ereignisse, sowie die Charaktere Martin und auch Turtle selbst, als Charaktere schwer zu ertragen sind. Deshalb bewegte ich mich eher langsam Kapitel für Kapitel durch das Buch und hatte irgendwann in der Mitte mal das Bedürfniss parallel etwas Leichtes zu lesen (was ich nur nicht getan habe, weil meine Lesezeit diesen Monat etwas begrenzt war).

Trotzdem fand ich das Buch durchaus lesenswert und kann nicht sagen, dass es mich nicht zum Nachdenken gebracht hätte. Interessanterweise fand ich die letzten Kapitel in denen sich Turtles Lebenssituation massiv gewandelt hat sehr viel bewegender und emotionaler als alles davor, vielleicht auch weil Turtle als Mensch da aufgetaut ist. Insgesamt habe ich also ein sehr ambivalentes Verhältnis zu dem Buch, weswegen ich auch nicht sagen kann ob und wem ich es weiterempfehlen würde.

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Michelle Hunziker – „Ein scheinbar perfektes Leben“

Heute möchte ich mal wieder eine Promi-Autobiographie vorstellen (das entwickelt sich gerade zu einem neuen Lieblingsgenre von mir). Und zwar: „Ein scheinbar perfektes Leben“ von Michelle Hunziker. In dem Buch erzählt sie davon wie sie mit Anfang 20 in die Fänge einer spirituellen Sekte geriet und Jahre brauchte, um sich daraus wieder zu befreien.

Michelle Hunziker kannte ich natürlich, allerdings habe ich ihre frühe Karriere und ihr Privatleben kaum verfolgt (natürlich habe ich mitbekommen, dass sie mit Eros Ramazotti verheiratet war, aber das war es dann auch schon). Das erste Mal wurde ich bei Wetten dass wirklich auf sie aufmerksam (wo ich sie als Co-Moderatorin deutlich angenehmer fand als Thomas Gottschalk, dessen Stil mir immer zu egozentrisch war). Deshalb bin ich mit wenig Vorwissen in das Buch gestartet und fand es sehr interessant zu erfahren wie Michelle aufgewachsen ist und wie die ersten Jahre ihrer Karriere und ihres jungen Erwachsenenlebens verliefen. Auch über das Showbusiness erfährt man am Rande ein bisschen, aber den Hauptteil des Buches nimmt wie erwartet Michelles Sektenerfahrung ein.

Das Buch beginnt mit einigen Episoden aus Michelles Kindheit in der Schweiz, die von Ausgrenzung in der Schule und der Alkoholsucht ihres Vaters geprägt war, zu dem Michelle den Kontakt als junge Erwachsene erstmal komplett aufgab. Auch das Verhältnis zu ihrer Mutter war nicht immer einfach. Nach der Geburt ihrer Tochter Aurora mit 19 und der Ehe mit Eros Ramazotti nahm Michelles Karriere so langsam Fahrt auf. Doch gut ging es ihr zu dieser Zeit trotzdem nicht und als sie über einen gemeinsamen Freund eine „Prana-Heilerin“ kennenlernte (ursprünglich sollte sie Eros bei einem Problem mit seiner Stimme helfen), nahm das Unheil seinen Lauf. Zuerst suchte Michelle bei ihr nur Hilfe wegen eines damals auftretenden Haarausfalles, doch mit der Zeit nahm die Heilerin immer mehr Einfluß auf Michelles Leben…

Mir hat an dem Buch super gefallen, dass Michelle sehr viel Wert darauf legt zu erklären, welche Zufälle, Charaktereigenschaften, Situationen und persönlichen Probleme in der Summe dazu führten, dass sie langsam in die Fänge der Sekte geriet. Es wird deutlich, dass so etwas nicht von jetzt auf sofort passiert, sondern ein schleichender Prozess ist. Außerdem wird im Detail erläutert welche manipulativen und grausamen Techniken die Sekte benutzte, um Michelle von ihren Freunden und ihrer Familie zu entfremden und unter ihrer Kontrolle zu behalten. Auch ihre eigene Gefühlswelt und Gedankengänge in der Sekte schildert Michelle intensiv und auch wie und warum die Versuche ihrer Familie zu ihr durchzudringen gerade das Gegenteil bewirkten wird sehr anschaulich. Deshalb ist das Buch sicherlich gut für Angehörige von Sektenmitgliedern geeignet.

Der Stil des Buches ist einerseits sehr emotional (man merkt, dass Michelle ein eher gefühltsbetonter Mensch ist), gleichzeitig aber trotzdem sehr analytisch, selbstkritisch und klar geschrieben, insgesamt ein Schreibstil, der sich sehr gut liest. Mir hat es sehr imponiert wie reflektiert Michelle ihre eigenen Schwächen und die Beziehung zu ihrer Mutter analysiert und wie sie teilweise auch sehr hart mit sich selbst ins Gericht geht und Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen übernimmt.

Als einzige Schwächen des Buches würde ich anmerken, dass die Episoden aus der Kindheit und Jugend anfangs teils etwas sprunghaft wirken (auch dadurch, dass der Teil recht kurz ist) und zweitens, dass einige Kapitel etwas sehr ausufernd von den spirituellen Inhalten der Sekte erzählen. Das ist eine Detailtiefe, die man an der Stelle vielleicht nicht unbedingt gebraucht hätte, da hätte man das Buch etwas kürzen können, ohne dass wichtige Inhalte verloren gegangen wären. Ich fand es aber durchaus beeindruckend wie die Sektenführerin es geschafft hat so ziemlich jede Weltreligion und spirituelle Richtung von der man jemals gehört hat zu einem Wirrwarr zu verquicken). Das sind aber nur Kleinigkeiten, insgesamt fand ich das Buch sehr gelungen und absolut lesenswert.