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Buch-Tipp: „Mit Dir, Ima“ von Daniela Kuhn

„Mit dir, Ima“ von Daniela Kuhn ist ein sehr persönliches Buch. Die Schweizerin Daniela Kuhn erzählt darin die Lebensgeschichte ihrer Mutter (das hebräische Wort „Ima“ bedeutet „Mama“), einer Jüdin mit irakischen Wurzel, die in Israel aufwuchs und dann einen nicht-jüdischen Schweizer heiratete, dem sie in die Schweiz folgte. Diese Entwurzelung wäre vermutlich für jeden schon schwierig, doch Daniela’s Mutter ist auch noch psychisch krank, schon vor ihrer Heirat verbrachte sie in Israel einige Zeit in Kliniken. Sie hört Stimmen und leidet öfters unter Wahnvorstellungen (so ist sie irgendwann mal davon überzeugt, dass Prince Charles sie heiraten möchte), die Diagnose lautet Schizophrenie. Über 39x wurde Danielas Mutter im Laufe ihres langen Lebens (zum Erscheinen des Buches war sie über 80) in Kliniken eingewiesen oder liess sich freiwillig einweisen.

Im Mittelpunkt des Buches steht vor allem auch die Beziehung der Autorin mit ihrer Mutter, die in Kindheit und Jugend verständlicherweise oft von Ablehnung geprägt war, dann aber im Alter doch wieder intensiver wurde, schwierig und nervenaufreibend blieb. Aber trotzdem konnte die Autorin im Alter zumindest zeitweise die Nähe zu ihrer Mutter finden, die sie als Kind so schmerzlich vermisst hat.

Die erste Hälfte des Buches fand ich interessant, aber manchmal nicht ganz einfach zu lesen, denn die Lebensgeschichte der Mutter bleibt gefühlt sprunghaft, unvollständig und fragmentiert. Was aber mit Sicherheit daran liegen dürfte, dass das Leben der Mutter eben auch tatsächlich unstet und fragmentiert war und die Autorin die Erinnerungen aus eigenen Tagebucheinträgen und Tagebucheinträgen des Vaters rekonstruieren musste.

Im zweiten Teil erzählt die Autorin dann mehr aus der Gegenwart, wie die Mutter heute im Altenheim lebt, teilweise deutlich stabilisierter als früher, aber dennoch immer wieder in Kliniken eingeliefert werden muss und Mutter und Tochter eine gewisse Stabilität in ihrer Beziehung suchen. Diesen Teil fand ich deutlich eingänglicher und damit auch intensiver und weniger nüchtern erzählt. Am Ende wird auch noch darauf eingegangen wie die Corona-Krise quasi aus dem Nichts das zerbrechliche Gleichgewicht wieder störte, von einem Tag auf den anderen durfte die Autorin ihre Mutter nicht mehr besuchen, diese das Altersheim nicht mehr verlassen.
Die Autorin hat aufgrund dieser Erfahrungen ein Buch über das Besuchs- und Ausgehverbot während Corona in Schweizer Heimen geschrieben, in dem Betroffene ihre Geschichten erzählen konnten.

Mir hat das Buch insgesamt sehr gut gefallen, sicher kein einfaches Thema, aber ein sehr hilfreicher Einblick in den Alltag mit einer psychisch kranken Mutter.

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Buchtipp: „Balaton“ von Noémi Kiss

„Balaton“ der ungarischen Autorin Noémi Kiss ist eine Sammlung von Novellen rund um das Leben am namensgebenden ungarischen Balaton (Plattensee), ein See der vor allem in den 1980er Jahren als Urlaubsort nicht nur bei den Ungarn, sondern auch bei DDR-Bürgern (und vermutlich etwas weniger auch bei West-Deutschen, die mehr Optionen hatten) beliebt war. Ich selbst habe in den späten 90ern und frühen 2000er Jahren einige Male dort Urlaub gemacht, da meine Eltern dort ein Ferienhaus hatten und erlebte den Wandel von einem sehr günstigen Urlaubsort, der damals immer noch bei Deutschen (egal ob aus Ost oder West) sehr beliebt war, hin zu ständig steigenden Preisen und letztendlich zu einer immer mehr nachlassenden Nachfrage.
Als meine Eltern schon zu Zeiten Orbans das letzte Mal dort waren, war dort schon ziemlich „Tote Hose“ und der Verkauf des Ferienhauses mangels Nachfrage gar nicht mal so einfach. Der Sehnsuchtsort Balaton dürfte zumindest für die meisten Ausländer heute keine große Rolle mehr spielen.
Trotzdem haben mir die Urlaube dort immer gut gefallen, so dass mich das Buch von Noémi Kiss sehr gereizt hat.

Die Novellen beschäftigen sich hauptsächlich mit der Erfahrung von ungarischen Familien in den 80er Jahren, meist erzählt aus Sicht eines Kindes (vermutlich da die Autorin in den 80ern auch in dem entsprechenden Alter gewesen war), doch es gibt zum Beispiel auch eine Novelle über einen Mordfall vor Jahrzehnten oder über den Tod eines Großvaters, Korruption, sexuellem Missbrauch im Sport, ..
Die Geschichten sind keineswegs besonders „schön“, oft wird klar, dass das Leben in diesem Ungarn für viele Kinder (und auch Erwachsene) kein Zuckerschlecken war, es geht ums Leben, Sterben und Erwachsen werden, um familiäre Verhältnisse, korrupte Sportfunktionäre, Vergangenheit und Zukunft und aber immer auch um den See und um ein Lebensgefühl, dass er für viele Ungarn zu dieser Zeit verkörperte.

Mir haben die Novellen sehr gut gefallen, 1 bis 2 waren sich vielleicht etwas ähnlich, aber insgesamt fand ich die Mischung sehr gelungen und man bekommt einen guten Einblick in das Leben im „Ostblock“ zu dieser Zeit.

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Buchtipp für Finnland-Fans: „Finne dein Glück“ von Bernd Gieseking

Finnland ist eines meiner Lieblings-Reiseländer, vor allem die Stadt Helsinki hat es mir angetan (auch wenn ich bisher leider erst 2x dort war, aber vielleicht kommt ja im Januar 2023 ein dritter Besuch hinzu, wenn dort die Eiskunstlauf-EM stattfindet), weswegen ich sofort auf das Buch „Finne dein Glück“ von Bernd Gieseking aufmerksam wurde. Der Autor hat bereits 2 weitere Bücher über Finnland geschrieben, die ich aber noch nicht gelesen habe. Der Aufhänger für „Finne dein Glück“ ist der jährliche „World Happiness Report“ in dem Finnland jetzt schon einige Mal in Folge den ersten Platz belegt hat. Bernd Gieseking machte sich also auf eine ca 1-monatige Reise durch Finnland auf (erst alleine, dann begleitet von seiner dazugestoßenen Lebensgefährtin), auf der er sich durch mehrere Interviews unter Unterhaltungen mit der Frage beschäftigen wollte, ob und warum die Finnen wirklich so viel glücklicher sind als der Rest der Welt.

Das Buch ist dadurch eine abwechslungsreiche Mischung aus Reiseführer (so ist z.B. am Ende jedes Kapitels ein kleiner Tipp abgedruckt, entweder für eine Sehenswürdigkeit, ein Museum oder irgendetwas anderes das man unbedingt ausprobieren sollte), persönlichem Erfahrungsbericht, Liebeserklärung und Gesprächen mit verschiedenen Menschen aus Finnland oder mit Menschen, die einen besonderen Bezug zu Finnland haben oder dorthin ausgewandert sind.
Bei den Tipps haben mir vor allem die Berichte über die vielen verschiedenen Museen gefallen, der Teil über Lappland (so weit in den Norden habe ich es leider noch nie geschafft) und natürlich alles über Helsinki, da ich dort selbst schon 2x war.

Ein paar kleinere Schwächen hat das Buch meiner Meinung nach allerdings auch, erstens ist die Finnland-Liebe des Autors selbst vielleicht manchmal doch selbst für einen Liebhaber ein bisschen sehr verklärt (auch wenn zugegebermaßen auch einige Schattenseiten Finnlands wie die Diskriminierung der Samen angesprochen werden), was aber durchaus auch liebenswert rüberkommt. Zweitens gab es ein bisschen viele Gespräche mit Menschen, mit denen der Autor langjährig befreundet ist, zu denen man als Leser aber nicht den gleichen Bezug hat.
Davon abgesehen ist es aber ein sehr amüsantes (sehr unterhaltsam fand ich z.B. die Beschreibung der kulturellen Unterschiede zwischen einem finnischen und typisch Deutschen Saunagang), abwechslungsreiches und informatives Buch.

Mir hat das Buch auf jeden Fall Lust auf einen weiteren Finnland Besuch gemacht (und Lust auf den Kauf einer Mumin-Tasse 😉 ) und ich denke für jeden Finnland-Liebhaber oder -Interessenten ist es eine definitive Leseempfehlung.

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Buch-Tipp: „Such a Fun Age“ von Kiley Reid

„Such a Fun Age“ von Kiley Reid ist ein Gesellschaftsroman, der sich mit Biss, Humor und Ernsthaftigkeit Themen wie Alltagsrassismus und „White Privilege“ vornimmt.
Die junge Emira, eine schwarze Frau Mitte 20 hat im Gegensatz zu ihren besten Freundinnen noch nicht so richtig den Platz im Erwachsenenleben gefunden. Sie weiß nicht so recht was sie beruflich machen will und verdient sich ihr Geld aktuell mit dem Abtippen von Texten und als Babysitterin von Alix und Peter, die mit ihren beiden jungen Töchtern in Philadelphia leben.
Peter arbeitet bei einem Regionalsender als Moderator, Alix ist sowas wie eine Influencerin, schreibt einen Lifestyle Blog und hält motivierende Vorträge zum Thema Bewerbungen für junge Frauen. Sie stand beruflich knapp vor ihrem noch größeren Durchbruch als sie nach der 2. Schwangerschaft der Vernunft wegen von New York nach Philadelphia zieht, da ihre New Yorker Wohnung für 2 Kinder zu klein war, eine größere Wohnung in NY aber nicht finanzierbar. Da Philadelphia höchst uncool und businessschädigend rüberkommt, tut sie auf ihren Social Media Accounts allerdings weiterhin so als würde sie am Puls der Zeit in New York leben.

Eines Abends ist Emira auf einer Party, als Alix sie spätabends anruft und bittet kurz mit der 3-jährigen Briar in einen Supermarkt zu gehen. Jemand hat nach einem misslungenen/fragwürdigen Moderationsbeitrag von Peter ein Fenster im Haus der Familie eingeworfen und Alix möchte nicht, dass Briar den Besuch der Polizei bei ihnen zuhause mitbekommt. Als Emira im Supermarkt mit einer Freundin mit der kleinen Briar tanzt wird sie vom Security-Mann verdächtigt, dass kleine weiße Mädchen entführt zu haben und erst ein Anruf bei Briars‘ Vater kann die Situation deeskalieren.

Nach dem Vorfall wird Alix von Schuldgefühlen heimgesucht, die dazu führen, dass sie das Geschehen geradezu besessen wieder gut machen will und sich darauf versteift unbedingt mit Emira befreundet sein zu wollen und deren Leben zu verbessern. Doch als sich bei einer Esseneinladung rausstellt, dass Emiras aktueller Freund und Alix eine gemeinsame Vergangenheit haben, wird die Situation immer komplizierter…

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es ist intelligent, kreativ, witzig und ernsthaft zugleich und auch wenn schonungslos auf die Schwächen der Charaktere geschaut wird, bleibt das Buch immer fair gegenüber den Protagonisten.

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Buch-Tipp: „Girl A“ von Abigail Dean

„Girl A“ von Abigail Dean wird vom Cover und auch vom Klappentext her tendenziell etwas in Richtung Thriller oder Krimi vermarktet, was dem Buch meiner Meinung nach nicht ganz gerecht wird, denn ich finde es handelt sich dabei eher um ein Psychogramm. Wenn man den Roman in das Genre Krimi/Thriller/Mystery einordnet passt psychologischer Krimi vermutlich noch am Ehesten.
Die Hauptperson des Romans ist Lex, die als Jugendliche zweifelhafte Berühmtheit erlangte als „Girl A“, dem Mädchen das es schaffte sich aus ihrem Horror-Elternhaus zu befreien, in dem ihr religiös fanatischer Vater und die passiv ergebene Mutter sämtliche Kinder der Familie zuletzt mit Ketten ans Bett gefesselt gefangen hielt. Lex ist ausgezehrt, geschwächt und benötige zahlreiche OPs, Physiotherapie und Psychotherapie, bevor sie genau wie ihre Geschwister von jeweils einer unterschiedlichen Pflegefamilie aufgenommen wird.

15 Jahre später ist Lex erfolgreiche Anwältin und lebt in New York. Als ihre Mutter im Gefängnis stirbt (der Vater beging direkt nach Lex‘ Flucht Selbstmord), wird sie zur Testamentsvollstreckerin benannt und setzt sich das Ziel ihre Geschwister davon zu überzeugen das ehemalige „Horror-Haus“ ihrer Kindheit in eine Begegnungsstätte umzuwandeln.

Die Erzählweise des Buches ist interessant, jedes Kapitel ist einem Geschwisterteil von Lex gewidmet, so dass man in jedem Kapitel mehr über die erwachsenen Geschwister und ihre Beziehung zu Lex erfährt, zusätzlich wird die Geschichte der Familie in Rückblenden kontinuierlich erzählt und aufgearbeitet, so dass man nach und nach erfährt wie eine zunächst fast normale Großfamilie vom religiösen Fanatismus und beruflichen Scheitern des Vaters schleichend in die Katastrophe getrieben wird. Anklänge an reale Fälle (wie vermutlich vor allem dem Fall der Turpins in Kalifornien) lassen das grausame Geschehen um so nachvollziehbarer wirken.

Das Buch hat hier oder da kleinere Schwächen: anfangs war es manchmal schwierig die vielen verschiedenen Personen, die in verschiedenen Zeitebenen und Episoden auftauchen auseinander zu halten. Außerdem habe ich die einzige und fürs Buch zentrale „überraschende Wende“ schon relativ früh erraten, was wie ich vermute doch einigen erfahrenen Lesers ebenfalls gelingen wird. Allerdings muss ich sagen, dass diese kleinen Abstriche für mich am Ende unerheblich waren, denn das Buch entwickelte für mich in der zweiten Hälfte so einen Sog, dass ich es an einem Abend verschlungen habe und es mir sogar noch im Bett nachhing, was mir wirklich schon lange nicht mehr passiert ist. Der Autorin gelang es, dass man richtig in die kaputte Familie und Lex‘ Psyche hineingezogen wird und am Ende beinahe zusammen mit ihr in das Horror-Haus ihrer Kindheit zurückkehrt. Aus diesem Grund fand ich das Buch letzendlich trotz der Schwächen fast perfekt und würde es jedem empfehlen, der keinen 08/15 Thriller erwartet und komplexe außergewöhnliche Geschichten mag.

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Buch-Rezi: „Wetter“ von Jenny Offill

„Wetter“ von Jenny Offill ist ein außergewöhnlicher Roman, der stilistisch eher dem Ausdruck einer Gefühlslage entspricht, als dass er eine ausgeprägte Handlung besitzt. Er nimmt uns mit in das Leben von Lizzie, einer Bibliotheksangestellten, die mit ihrem Mann und ihrem jungen Sohn irgendwo in den USA lebt. Lizzie zieht irgendwie Menschen und deren Sorgen an, die der Kunden in ihrer Bibliothek, die ihres durch die Konkurrenz gebeutelten selbständigen Taxi-Fahrers, die ihres wiederholt drogensüchtigen Bruders, der eigentlich grad dabei ist sein Leben in den Griff zu kriegen, zu heiraten und ein Kind zu kriegen, aber mit dieser neuen Stabilität auch nicht zurecht kommt. Um so passender, dass sie als Nebenjob auch noch die Fanpost ihrer Mentorin Silvia übernimmt, die eine Art soziologischen Podcast zum Thema Klimawandel hat. Kein Wunder, dass Lizzies Gedanken auch im Privaten immer mehr um die Apokalypse zu kreisen beginnen.–

Das Buch schafft es hervorragend eine Bedrohungskulisse aufzubauen, die alleine aus Lizzie’s Gedankenwelt besteht, über ihrem eher normalen und tristen Alltag steht ständig die Sorge um die Zukunft, Klimawandel, politische Wahlentscheidungen, Prepper Tipps und die ganz konkreten Sorgen um ihren Bruder und dessen Unvermögen im normalen Alltag mit Frau und Baby zurechtzukommen. So liest sich das Buch, das mehr oder weniger aus kurzen Alltagsgedanken und Episoden besteht wirklich sehr mitreissend und erzeugt ein gewisses Unbehagen dadurch, dass sich vermutlich jeder in den letzten Jahren in einigen Gedanken von Lizzie wiederfindet. Das Buch erinnert mich ein bisschen an die Gedankenlage vieler im Jahre 2016, denn damals schienen wirklich nur Hiobsbotschaften von Trumps drohender Wahl, Klimaveränderungen und Terroranschlägen auf einen einzuprasseln.
5 Jahre später ist Trump allerdings schon wieder weg, an den Klimawandel hat man sich so langsam gewöhnt und selbst eine globale Pandemie scheint schon fast wieder überstanden. Vielleicht weiß ich dank der dadurch gewonnenen Gelassenheit nicht so recht, was die Autorin mit ihrem Buch eigentlich genau sagen wollte und warum Lizzie sich aus ihrer ausgesprochen privilegierten Situation so in apokalyptische Fantasien reinsteigert, vielleicht bleiben diese Fragen auch absichtlich komplett offen. Auf jeden Fall ist „Wetter“ ein interessantes Leseerlebnis, das aber vermutlich nicht jedermanns Geschmack treffen wird.

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Buch-Tipp: „Der Junge, der das Universum verschlang“ von Trent Dalton

„Der Junge, der das Universum verschlang“ von Trent Dalton ist ein außergewöhnlicher Roman aus Australien. Im Mittelpunkt steht der Junge Eli, der mit seinem älteren Bruder August, seiner Mutter und seinem Stiefvater Anfang der 1980er Jahre in einer sozialschwachen Gegend von Brisbane lebt.
August spricht seit einem traumatischen Ereignis aus der früheren Kindheit nicht mehr, malt aber mit Begeisterung Sätze und Wörter in die Luft und scheint manchmal fast prophetische Fähigkeiten zu haben. Das Umfeld der beiden Jungen ist nicht einfach, ihre Mutter und der Stiefvater sind zwar seit einiger Zeit selbst clean, dealen aber immer noch mit Heroin und auch sonst ist das familiäre Umfeld der beiden zwar einerseits erstaunlich liebevoll, andererseits aber auch sehr rustikal und teilweise gewalttätig. Da überrascht es fast nicht mehr, dass auch der Babysitter der beiden Jungs eine sehr außergewöhnliche Wahl ist: Slim Halliday, ein Ex-Häftling, der wegen Mord eingesessen ist und sich einen Ruf als Ausbrecherkönig gemacht hat, da ihm sogar 2x die Flucht aus dem legendären und berüchtigten australischen Gefängnis „Boggo Road“ gelang.
Slim ist sowas wie ein Mentor für Eli, der ihm hilft durch sein turbulentes Leben zu navigieren, in dem Eli und August trotzdem recht glücklich sind. Doch dann gerät alles aus den Fugen, als sich Elis Stiefvater mit dem Kartell- und Drogenboss Tytus Broz anlegt und Eli muss zeigen was wirklich in ihm steckt.

Die Sprache des Buches ist sehr bunt, manchmal fast blumig, dabei aber gleichzeitig derb und oft von Gewalt geprägt. Aber auch Humor kommt in dem Buch nicht zu kurz und Eli ist ein liebenswerter und charmanter Hauptcharakter. Auf mich wirkte die Handlung der Geschichte im Banden- und Drogenmilieu etwas überladen und teils ein bisschen wie eine „Räuberpistole“, auch die Fantasyelemente der Geschichte haben mich nicht ganz überzeugt bzw. ich hätte sie in diesem Roman nicht wirklich gebraucht.
Gerade da die Story des Buches doch teils etwas weit hergeholt wirkte, hat es mich überrascht zu erfahren, dass laut Eigenaussage des Autors ca. 50% des Buches autobiografisch sind und er darin seine eigenen Kindheitserinnerungen verarbeitet. Auch den Verbrecher und Ausbrecherkönig Slim Halliday gab es wirklich und tatsächlich kannte der Autor diesen als Kind, was wohl den Grundstein für seine Romanidee legte.

Insgesamt hat mich der Roman zwar sehr gut unterhalten, aber ich vermute, er hätte mir tatsächlich noch deutlich besser gefallen, wenn der Autor einfach etwas authentischer und weniger ausgeschmückt seine eigene Kindheit beschrieben hätte, denn das familiäre Umfeld des Romans wären auch für sich alleine stark genug für einen herausragenden Roman gewesen.

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Lese-Tipp: „Weiße Finsternis“ von Florian Wacker

„Weiße Finsternis“ von Florian Wacker ist ein historischer Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Im Jahr 1918 startete Roald Amundsen eine arktische Expedition mit seinem berühmten Forschungsschiff Maud. Mit an Bord waren 2 norwegische Männer aus Tromsö: Peter Tessem und Paul Knudsen. Nachdem die Maud in einem Winterquartier in Cape Chelyuskin am nördlichsten Zipfel von Russland im Winterquartier lag, schickte Amundsen die beiden Männer im Herbst 1819 auf dem Fußweg mit einem Schlitten und Schlittenhunden nach Süden zu dem Aussenposten Dikson (eine winzige Siedlung in der Region Krasnojarsk), um seine seine Post und Aufzeichnungen zu übermitteln. Doch die beiden Männer kamen nie an und blieben verschollen.

Diese tatsächliche reale Begebenheit wird in dem Buch Stoff für einen Roman, der die Geschehnisse aus 3 verschiedenen Perspektiven erzählt. Einmal begleiten wir Peter (der schon seit der Zeit auf dem Schiff an immer schlimmer werdenden Migräneanfällen leidet) und Paul durch ihren beschwerlichen Weg durchs Polareis und erleben ihren Überlebenskampf hautnah mit. Der zweite Teil der Geschichte wird aus Sicht des Leiters einer russischen Suchexpedition erzählt, die im Auftrag der norwegischen Regierung wenige Jahre später mit einigen Männern die Route der beiden Männer nachzuverfolgen versuchte und tatsächliche einige Fundstücke und zumindest die Leiche einer der beiden Männer fand (diese Expedition hat tatsächlich stattgefunden und entsprach nach meinen Recherchen auch ungefähr den Ereignissen im Buch). Und zuletzt erfährt der Leser die Gedanken von Liv, der Ehefrau von Peter, die mit den beiden Kindern zuhause in Tromsö schon längst jegliche Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Mann aufgegeben hat und versucht eine neue Perspektive für ihr weiteres Leben zu finden. Und auch für Paul ist Liv seit der Kindheit der beiden – auch dieser wird ein Teil des Buches gewidmet – eine ausgesprochen wichtige Person.

Durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven ist das Buch sehr vielseitig, einerseits historischer Abenteuerroman, andererseits fast eine klassische Liebes- und Dreiecksgeschichte. Trotzdem wirkt das Buch durchweg wie eine runde Sache und die verschiedenen Episoden und Erzählweisen wirken nie verwirrend. Mich hat das Buch hervorragend unterhalten und zum Nachdenken angeregt. Die Aufarbeitung und Schlußfolgerungen bezüglich der gescheiterten Reise von Peter Tessem und Paul Knudsen scheint sich nach meinen Nachforschungen aber sehr eng an den tatsächlichen Ereignissen zu orientieren. Wieviel hingegen von der Geschichte um Liv, Peter und Paul wirklich historisch belegt ist (wenn überhaupt irgendwas) weiß ich nicht, aber das ist für das Erzählen eines guten Romans ja auch überhaupt nicht maßgeblich. Für das Buch ist die Geschichte auf jeden Fall ein Gewinn.

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Lese-Tipp: „Der große Sommer“ von Ewald Arenz

„Der große Sommer“ von Ewald Arenz ist ein schöner Coming-Of-Age Roman über einen Jungen, der in den 1980er Jahren aufwächst. Am Beginn des Buches treffen wir den Ich-Erzähler Friedrich, Frieder genannt, auf einem Friedhof, er sucht dort melancholisch nach einem Grab und den nimmt den Leser zurück in einen ganz besonderen Sommer, als er 16 Jahre alt war.
Frieder wohnt mit 2 eher unkonventionellen Eltern und 5 Geschwistern in einem eher chaotischen aber liebevollen Haushalt. Da er aber seine Schullaufbahn sträflich vernachlässigt hat, ist die einzige Hoffnung auf Versetzung eine Nachprüfung nach den Sommerferien und anstatt mit der Familie in den Urlaub fahren zu dürfen wird Frieder dazu verdonnert die Ferien bei seiner Großmutter und seinem Stief-Großvater zu verbringen, um zu lernen. Vor Letzterem hat Frieder fast schon Angst, denn der renommierte Arzt für Bakteriologie ist ein eher harter kühler Mann, der Gefühle nicht nur nicht zeigt, sondern nichtmal zu haben scheint. Frieder ist also erstmal wenig begeistert von der Idee, Trost gibt ihm seine Schwester Alma, die ebenfalls in der Stadt bleibt, sowie sein bester Freund Johann. Und dann ist da noch Petra, die Frieder im Freibad kennen lernt und in die er sich unsterblich verliebt.

So begleiten wir Frieder durch seinen letzten großen Sommer, der bittersüß, glücklich und traurig ist und in dem er sich nicht nur mit den Themen Liebe und Freundschaft auseinander setzen muss, sondern mit der Zeit auch immer mehr über die Großeltern erfährt. Bald sieht er sogar seinen spröden Großvater mit ganz anderen Augen…

Der Stil des Buches ist sehr poetisch, leicht und gleichzeitig tiefgründig, einfach ausgesprochen besonders. Teilweise fand ich Frieder für einen 16-jährigen der in den 80er Jahren aufwächst fast etwas ZU reflektiert, so klingt die Geschichte vielleicht doch etwas mehr nach dem erwachsenen Frieder am Grab (auch wenn Frieder und seine Freunde so einige ausgesprochen teenager-hafte Dummheiten begehen). Aber insgesamt hat das mein Lesevergnügen kein Bisschen getrübt, zu schön und mitreissend sind die Charaktere und die Geschichte dieses Buches. Somit ist das definitiv eines meiner größten Lese-Highlights in 2021.

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Young Adult Tipp: „Die Liebesbriefe von Abelard und Lily“ von Laura Creedle

„Die Liebesbriefe von Abelard und Lily“ von Laura Creedle ist ein typischer Young Adult Roman, in dem sich 2 Außenseiter im High School Alter ineinander verlieben. Dieses Genre ist im Young Adult Bereich seit Jahren sehr beliebt, so dass immer etwas die Gefahr besteht, dass sich die Bücher sehr ähneln. Aber „Die Liebesbriefe von Abelard und Lilly“ haben mich definitiv begeistert, vor allem wegen der Charaktere. Lily hat ADHS oder zumindest eine ADHS artige Störung und deswegen immer Probleme mit ihrer Impulskontrolle, Aufmerksamkeit und dem Erfüllen von Aufgaben im Schulalltag.

Außerdem vermisst sie ihren Vater, der die Familie vor einigen Jahren verlassen hat und verträgt ihre ADHS-Medikamente nicht besonders gut. Insgesamt ist die Schule für Lily also aktuell eher kein Quell der Freude, auch wenn ihre beste Freundin immer für sie da ist.
Doch als sie eines Tages ausversehen gemeinsam mit ihrem Mitschüler Abelard (der zwar hochintelligent ist, aber eine autistischen Störung hat) eine Schiebetür in der Schule kaputt macht, lernen die beiden sich beim Nachsitzen näher kennen und verlieben sich ineinander.

Für Lily ändert das viel, denn zum ersten Mal fühlt sie sich von jemanden genauso angenommen wie sie ist, Abelard findet sie perfekt und auch wenn die Beziehung zu ihm nicht einfach ist (als sie einmal 15 Minuten zu spät zu einem Besuch kommt bekommt Abelard der mit Veränderungen nicht gut umgehen kann, gleich einen Anfall) schwebt Lily für ihre Verhältnisse auf Wolke 7. Doch dann bekommt Abelard ein Angebot, dass er fast nicht ablehnen kann…

Das Buch wird aus Sicht von Lily erzählt, die ihren Schul-, Freundes- und Familienalltag mit viel Ironie und Humor schildert. Lily und Abelard sind tolle und sympathische Charaktere und man kann sich mit ihnen und Lilys Problemen sehr gut identifizieren. Für mich deswegen ein sehr liebeswertes, leichtes und gelungenes Buch, das ich in Windeseile verschlungen habe.