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Buch-Tipp: „Kein Feuer kann brennen so heiß“ von Ingrid Noll

Ingrid Noll ist in Deutschland sicherlich am Bekanntesten für ihren Krimi „Die Apothekerin“, der durch hinterlistigen schwarzen Humor zu bestechen wusste. Auch andere Krimis von Ingrid Noll haben mich mit ihrem subtilen Humor immer wieder gut unterhalten, doch die letzten Jahre hatte ich wenig von ihr gehört.

„Kein Feuer kann brennen so heiß“ ist nun ihr neu erschienener Roman, in dem die Altenpflegerin Lorina die Hauptrolle spielt. Lori ist nicht besonders gutaussehend und leidet seit ihrer Kindheit unter ihrer Tollpatschigkeit und einem nicht besonders ausgeprägten Selbstbewusstsein. Ein Handicap das sicher auch dadurch bestärkt wurde, dass sie auch in ihrer Familie als der Tollpatsch galt, nicht zu vergleichen mit ihrer hübscheren und beliebteren Schwester Carola. Doch zumindest beruflich läuft es für Lorina gerade gut, denn sie hat eine Stelle im Haushalt einer betuchten älteren Dame ergattert, die nach einem Schlaganfall Hilfe braucht. Lorina darf bei ihr wohnen, hat relativ moderate Arbeitszeiten und im Haus auch noch Gesellschaft des etwas weibstollen Masseurs Boris und der Haushaltshilfe Nadine. Lorina fühlt sich mit Beruf, Arbeitgeberin und dem sozialen Umfeld sehr wohl, doch als der charakterlich etwas spezielle Boris in ihrem Bett landet, überschlagen sich die Ereignisse bald…

Das Buch ist in lockerem Tonfall geschrieben und die Charaktere wachsen einem schnell ans Herz. Trotzdem hat mich das Buch nicht zu 100% überzeugt, denn als Krimi überzeugt es nicht wirklich und auch sonst fehlt der ganzen Geschichte etwas die Handlung. Es plätschert trotz kreativer Ideen alles etwas gefällig vor sich hin, doch den Biss der alten Krimis von Ingrid Noll findet man darin nicht wirklich wieder. So bleibt es eher ein netter Unterhaltungsroman für zwischendurch, der mir aber trotzdem recht gut gefallen hat.

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Buch-Tipp: „Ich bin Virginia Woolf“ von Pola Polanski

„Ich bin Virginia Woolf“ von Pola Polanski hat mich aus zwei Gründen angesprochen, erstens finde ich Leben und Werk von Virginia Woolf schon immer faszinierend, zweitens erinnerte mich die Beschreibung des Romans etwas an den Klassiker „Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen“ von Hannah Green, ebenfalls einer meines Lieblingsbücher. Die Assoziation passte auf jeden Fall, denn das Buch spielt sogar eine kleine Rolle in dem modernen sich ebenfalls mit Schizophrenie befassenden Roman von Pola Polanski. Die Hauptfigur des Romans ist Inka, die in Stuttgart vom Geld der Firma ihrer exzentrischen Eltern lebt (zugewiesen allerdings nur in monatlichen Brocken von 3000 Euro, die ihr ehrgeiziger und erfolgsorientierter Bruder ihr zukommen lässt) und ihre Tage recht ziellos in der alten Villa ihrer Familie verbringt. Die Eltern sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, als die beiden Kinder noch jung waren und so richtig auf die Reihe gekriegt hat Inka ihr Leben bisher nicht.

Sie ist aber überzeugt davon, dass in ihr eine brillante wenn nicht gar geniale Schriftstellerin schlummert, lediglich verhindert wird diese durch Inkas Schreibblockade, die sich leider so intensiv darstellt, dass Inka noch nie wirklich mehr als ein paar Worte oder ein Gedicht geschrieben hat. Doch das soll sich ändern, denn Inka fühlt sich nicht nur seelenverwandt mit Virginia Woolf (deren Werke sie stets bei sich hat), sondern ist inzwischen sogar überzeugt, dass sie eine Reinkarnation von Virginia ist. Als sie nach einem weiteren missglückten Schriftsteller-Versuch auf die Idee kommt eine hypnotische Rückführungstherapie bei dem charismatischen Julian zu buchen, nimmt das Unheil seinen Lauf und Inka verliert sich immer mehr in ihrer Wahnvorstellungen…

Was nun ziemlich abgedreht und düster klingt, macht trotzdem einen sehr unterhaltsamen Roman aus. Inka ist nicht unbedingt eine super sympathische Hauptfigur aus, hat aber irgendwie trotzdem einen Charme und nimmt den Leser auf einen Trip in ihre Vorstellungen mit, der sowohl amüsant als auch erschreckend ist.

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Buch-Tipp: „Die Kinder hören Pink Floyd“ von Alexander Gorkow

„Die Kinder hören Pink Floyd“ ist ein autobiografischer Roman des Journalisten Alexander Gorkow, der unter anderem für die Süddeutsche Zeitung schreibt (und dort unter anderem auch auf Interviews und Porträts von Bands wie Pink Floyd spezialisiert ist). Der Roman spielt überwiegend in ein bis zwei Jahren der 1970er Jahre, als der junge Held der Geschichte in die Grundschule geht. Geprägt werden diese Jahre durch sein nicht besonders schlimmes aber doch hemmendes Stottern. Er lebt gemeinsam mit seinem Vater, einer Mutter und der 7 Jahre älteren Schwester in Düsseldorf. Die Schwester hat aufgrund von Contergan zwei Herzklappen, die nicht ganz dort gelandet sind wo sie hingehören. Laut den Ärzten müsste sie schon längst tot sein oder zumindest demnächst ganz sicherlich sterben, ist aber immerhin mindestens 16 Jahre alt geworden. Mit ihr zusammen hört der Junge begeistert Pink Floyd und lässt sich von seiner ausgesprochen meinungsstarken Schwester über den Kampf gegen das Establishment aufklären, mit Gruselgeschichten verunsichern und in die Musik von Pink Floyd einführen.

Die Geschichte wird in einer kreativen und außergewöhnlichen, aber ausgesprochen liebenswerten Sprache erzählt, die Hauptperson tritt meist nur als „Der Junge“ in Erscheinung und schildert seinen Blick auf die Welt mit viel trockener Beobachtungsgabe. Im Mittelpunkt steht hierbei die Schule, die mehr oder weniger normalen und unnormalen Kinder dieser Zeit, Nachbarn, Verwandten und sonstigen Bewohner, skurrile Kinoerlebnisse und Monster aller Art (besonders zu erwähnen hierbei: Heino), Alt-Nazis, explodierende Küchengeräte und natürlich wie schon aus dem Titel ersichtlich, die Band-Mitglieder und die Musik von Pink Floyd.

Andere Rezensionen die ich gelesen habe bescheinigten dem Buch einen „melancholischen“ Ton, den ich allerdings nicht wirklich bestätigen würde, für mich überwiegend in dem Buch doch deutlich der leise Humor und der sehr liebevolle Blick auf alle Familienmitglieder und Charaktere, unabhängig von deren Schrullen und Ecken und Kanten. So habe ich das Buch mit sehr viel Vergnügen innerhalb von 2 Tagen verschlungen, dabei sogar etwas Pink Floyd gehört und eines meiner ersten Lese-Highlights für 2021 gefunden. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass der Autor noch ein zweites Buch über seine Familie geschrieben hat („Hotel Laguna“, über die familiären Urlaubsreisen nach Mallorca in den 70ern), das ich deswegen auch definitiv noch lesen möchte.

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Buch-Tipp: „Wut“ von Harald Martenstein

„Wut“ von Harald Martenstein ist ein Buch über eine komplizierte und belastete Mutter-Sohn Beziehung. Im Mittelpunkt steht Frank, der als Kind von seiner Mutter Maria regelmäßig geschlagen und gedemütigt wurde, denn Maria neigt schon seit ihrer schwierigen Kindheit zu Wutanfällen mit denen sie Dampf ablässt. Äußerte sich diese Wut in ihrer Jugend meist noch durch verbale Ausfälle und Beschimpfungen, so wird der kleine Frank leider zu einem unglücklichen Ventil für die Frustrationen seiner Mutter.

So traurig und deprimierend wie das Thema klingt, darf und braucht man sich das Buch aber nicht vorstellen, denn trotz der Thematik wird die Lebensgeschichte von Frank und Maria mit viel Humor und Kreativität erzählt und wagt sich außerdem auf das ungewöhnliche Eis, die Geschichte nicht völlig einseitig aus der Sicht von Frank als Opfer zu erzählen, auch Marias Hintergrund, Kindheit und Jugend wird näher beleuchtet.

Die Erzählweise ist dabei nicht linear chronologisch, sondern der Ich-Erzähler Frank schildert in völlig unterschiedlichen Episoden aus seinem Leben die Auswirkungen die seine Kindheit auf seine Entwicklung und seine Beziehungen hatte, wie er versucht seiner Mutter zu verzeihen und zu verhindern, dass seine eigene Wut das Zepter übernimmt. Marias Geschichte wird in der 3. Person erzählt und der Leser erfährt warum sie so viel Frust mit sich herumträgt.

Das Buch liest sich sehr unterhaltsam und auch trotz des schweren Themas irgendwie „leicht“. Gegen Ende gibt es einen zunächst etwas gewöhnungsbedürftige stilistischen Kunstgriff, der mich am Anfang etwas irritierte, im Nachhinein aber durchaus gelungen ist. Insgesamt ist das Buch kreativ, charmant, berührend und wirklich außergewöhnlich und somit ein klarer Lesetipp.

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Jugendbuch-Tipp: „Comedy-Queen“ von Jenny Jägerfeld

„Comedy Queen“ von Jenny Jägerfeld ist ein schwedisches Jugendbuch, in dessen Mittelpunkt die gerade 12 Jahre alt gewordene Sasha steht. Sasha lebt seitdem ihre depressive Mutter Selbstmord begangen hat zusammen mit ihrem Vater und hat nur ein neues Ziel, sie möchte unbedingt Stand-Up Comedienne werden. Denn ihre Mutter brachte seit Jahren Menschen zum weinen und traurig sein und Sasha ist überzeugt, möchte sie im Leben bestehen, muss sie alles genau gegenteilig machen wie ihre Mutter. Dafür hat sie extra eine Liste mit Dingen gemacht, die sie auf keinen Fall machen möchte und dazu gehören nicht nur Dinge die ihre Mutter gerne getan hat wie „in den Wald gehen“ oder „Bücher lesen“ (was Sashas schulisches Weiterkommen in eine schwere Krise versetzt, da es auch für Schulbücher gilt), sondern eben auch „Comedy Queen werden“ und „gar nicht erst versuchen sich um etwas Lebendiges zu kümmern“. Da Sasha niemandem von der Liste erzählt, führt ihr Verhalten zu so einiger Irriation bei Familie und Freunden und als ihr Vater sie auch noch zu einer psychologischen Beratung animieren möchte, um über den Tod der Mutter zu sprechen, ist Sasha umso entschlossener zu jeder Zeit möglichst normal und fröhlich rüber zu kommen.

Obwohl das Buch ein trauriges Thema hat, ist es nie deprimierend oder besonders düster, denn Sasha ist eine sehr sympathische und liebenswerte Hauptperson und ihre Erlebnisse sind mit viel Witz und Selbstironie erzählt, so dass das Buch das traurige Thema Depression und Verlust zwar 100% ernst nimmt, aber trotzdem einen Ton findet, der auch jugendliche Leser ansprechen dürfte und der das ganze Buch charmant und trotzdem berührend und einfühlsam macht. Empfohlen wird das Buch für die Altersgruppe 10 – 12 Jahre, aber ich fand es auch als Erwachsene sehr lesenswert.

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Buchtipp: „Das Gewicht von Schnee“ von Christian Guay-Poliquin

Der Roman „Das Gewicht von Schnee“ von Christian Guay-Poliquin spielt in Kanada, in einem von der Außenwelt abgeschnittenen im Schnee verschwundenen kleinen Dorf irgendwo in der Wildnis, wann genau und wo erfährt der Leser nicht. Das Einzige was man weiß, ist dass der Strom ausgefallen ist und zwar nicht nur dort, sondern vermutlich überall in Kanada oder vielleicht sogar auf der ganzen Welt? Die Bewohner des Dorfes haben sich organisiert und arrangiert, verteilen Lebensmittelvorräte an die Dorfbewohner, gehen Patrouille um sich vor Eindringlingen zu schützen und erhalten die Ordnung aufrecht. Ein harter Winter hat gerade erst angefangen und es wird Monate dauern bis der Schnee genug geschmolzen ist um überhaupt eine Chance zu haben das Dorf zu verlassen.

Hauptpersonen des Romans sind zwei Männer die als Schicksalsgemeinschaft wider Willen aneinandergekettet sind: Mattias ist ein älterer Mann, der einen Trip aus einer Großstadt aufs Land machte als er eine Auszeit von seiner dementen Ehefrau brauchte. Als der Strom ausfiel blieb er in dem Dorf stecken und wohnt nun im Vorbau eines Hauses etwas außerhalb des Dorfes.
Der junge Mann, der bei ihm wohnt ist auf ähnlich ungewollte Weise dort gelandet. Er stammt ursprünglich aus dem Dorf und wollte nach Jahren seinen Vater besuchen. Nicht nur ist dieser bereits verstorben, der junge Mann hatte auf dem Weg auch noch einen schweren Autounfall, brach sich beide Beide und konnte nur geradeso von den Dorfbewohnern gerettet werden. Diese kommen kurzerhand auf die Idee ihn bei Mattias, dem anderen „Eindringling“ abzuladen. Als Gegenleistung für die Pflege werden die beiden von den Dorfbewohnern mit Lebensmitteln versorgt.

Wir begleiten dieses ungleiche Paar also durch einen entbehrungsreichen Winter, während Mattias lediglich darauf hinarbeitet irgendwann das Dorf verlassen zu können, um seine Frau wiederzusehen (vor der Möglichkeit, dass sie den dystopischen Stromanfall gar nicht überlebt hat, verschließt er die Augen) ist der junge Mann ans Bett gefesselt und kann nichts anderes tun als aus dem Fenster auf die Schneemassen zu schauen. Obwohl Mattias eher ruppig auf seinen Mitbewohner reagiert und dieser mit seinem persönlichen Schicksal hadert baut sich über die Monate eine immer tiefere Verbindung auf.

Der Stil des Buches ist ruhig, poetisch und bringt die Abgeschiedenheit und Ausweglosigkeit in dem abgeschnitten Dorf perfekt rüber, fast hat man das Gefühl auch am Ende der Welt vom Schnee eingeschlossen zu sein, trotzdem ist die Geschichte nie langweilig und die wenigen Charaktere sind lebendig und wachsen einem ans Herz. Und auch wenn es sich bei der Geschichte um eine Dystopie handelt in der es eigentlich keinen glücklichen Ausgang geben kann, ist die Hoffnung wohl eine der zentralsten Botschaften des Buches. Für mich ein perfektes Buch für die Wintermonate.

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Buchtipp: „Herzfaden – Roman der Augsburger Puppenkiste“ von Thomas Hettche

„Herzfaden – Roman der Augsburger Puppenkiste“ von Thomas Hettche ist das Buch auf das ich dieses Jahr vielleicht am Gespanntesten war. Denn die Augsburger Puppenkiste mag ich schon lange, liebte ich doch als Kind „Lukas den Lokomotivführer“ und noch viel mehr den „Kater Mikesch“ (und zwar unbedingt die ältere Version in Schwarzweiss!). Eigentlich hatte ich dieses Jahr mit einer Freundin einen Städtetrip nach Augsburg geplant, bei dem ich auch gerne das Museum der Augsburger Puppenkiste besucht hätte, das fiel aber Corona-bedingt alles ins Wasser. Da ist ein Buch, das in Romanform die Geschichte von Hannelore „Hatü“ Marschall-Oehmichen, der Tochter von Walter Oehmichen – dem Gründer der Augsburger Puppenkiste erzählt – natürlich ein schöner Ersatz (und der Städtetrip nach Augsburg kann hoffentlich kommendes Jahr nachgeholt werden).

Das Märchenhafte des Buches entsteht vor allem durch den Rahmen: nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste findet sich ein 12-jähriges Mädchen nach dem Entdecken einer Tür mitsamt seines iPhones auf einem düsteren Dachboden wieder, plötzlich umringt von den zum Leben erwachten Marionetten der Augsburger Puppenkiste und von Hatü, die ihr ihre Geschichte und die ihrer Marionetten erzählt. Die Geschichte beginnt als Hatü und ihre Schwester 8 und 9 Jahre acht sind und ihr Vater im 2. Weltkrieg als Soldat eingezogen wird. Nachdem er in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut, beginnt Hatü gemeinsam mit ihrer Vater Marionetten zu schnitzen und gemeinsam Theater zu spielen, zuerst als Aufmunterung für Kriegsversehrte, bis das ursprüngliche Theater in der Bombennacht 1944 komplett verbrennt. Auch nach dem Krieg ist die Leidenschaft nicht erloschen, so dass Hatü und ihr Vater, das Theater wiederbeleben und zum Beruf machen.

Dass mir das Buch gefallen würde, hatte ich schon erwartet, nicht aber wie „magisch“ die Erzählung auf mich wirken würde, denn dem Autor ist wirklich ein Buch gelungen, dass Märchen und historische Erzählung stilistisch und inhaltlich so verbindet, dass die Art Buch herauskommt, die wirklich jeder lesen kann, Erwachsener oder Kind. Das Buch erinnerte mich etwas an ein Werk von Michael Ende, das sich aber trotzdem mit den schwierigsten Themen auseinander setzt, die man literarisch angehen kann, denn Hannelores Kindheitsbeschreibung zeigt nicht nur die Entstehung der Augsburger Puppenkiste, sondern auch eine Kindheit und Jugend im Dritten Reich, die nicht nur geprägt ist von den Schrecken des Krieges, sondern auch von der Frage nach der eigenen Schuld und dem Hin- und Wegschauen.

Für mich sprachlich und inhaltlich bisher mit Abstand das beste und schönste und charmanteste Buch das ich 2020 gelesen habe. Abgerundet und bereichert wird das Buch durch einige schöne filigrane Bleistiftzeichnungen.

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Buch-Tipp: „60 Kilo Sonnenschein“ von Hallgrimur Helgason

„60 Kilo Sonnenschein“ von Hallgrimur Helgason wurde mit dem Isländischen Literaturpreis für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet. Bewusst habe ich von dem Autor noch nie etwas gelesen, habe aber inzwischen gesehen, dass er auch der Autor von „101 Reykjavik“ ist, einem Roman der mir zumindest durch die sehr erfolgreiche Verfilmung bekannt ist.

„60 Kilo Sonnenschein“ spielt im Island der Jahrhundertwende, und zwar grob im Zeitraum von ca. 1895 bis 1905. Am Anfang des Buches kämpft sich ein Vater durch Schneemassen von einem Handelsausflug nach Hause zu seiner kargen Eigenheim in einem abgelegenen Fjord , nur um festzustellen, dass sein Haus, seine Frau, seine Kinder und seine Kuh inzwischen unter einer Lawine begraben wurden. Lebend freischaufeln kann er leider nur seine Kuh, sowie seinen kleinen Sohn Gestur. Frau und Tochter haben das Unglück nicht überlebt. Schon bei dem Versuch die Leichen zu bergen und zur Kirche der kleinen Siedlung zu transportieren wird die Stärke des Romans sichtbar, denn so tragisch die Geschehnisse, so skurril und humorvoll die Charaktere des Buches und die Beschreibung der Ereignisse.

Nach diesem tragischen Start ins Leben darf der Leser die weitere Geschichte des kleinen Gestur mitverfolgen, der zunächst seinen Vater verliert, nach wenigen Jahren von seinem ersten Ziehvater unfreiwillig verstoßen wird und danach zurück am Ursprungsfjord landet, wo er von einem alten Freund seines Vaters weiter aufgezogen wird. Immer auf der Suche nach einer Heimat und einem Platz im unwirtlichen und altmodischen Island der Jahrhundertwende. Zusammen mit Gestur und den anderen Dorfbewohnern (die man über den Verlauf des Buches immer besser kennen lernt) lernt der Leser wie die Isländer in einer unwirtlichen Landschaft, von Naturkatastrophen gebeutelt ganz langsam in einem neuem moderneren Jahrhundert ankommen, wie die Norweger statt dem bisher verbreiteten gefährlichen Walfang die für Isländer völlig unsinnige Heringsfischerei sowie moderne Handelsmethoden ins Land bringen, wie eine ganze Kirche weggeweht wird, wie viele Menschen ihr Leben an die unwirtliche Natur und gelegentlich auch durch einen Mord verlieren.

Das Erzähltempo des Buches ist dabei eher langsam, die Sprache altmodisch (allerdings nicht ohne einige Anspielungen an das moderne Leben), humorvoll, derb und ironisch. Mich erinnerte das Buch vom Stil her etwas an einen Charles Dickens Roman, bloß mit mehr Humor. Hallgrimur Helgasons Blick auf die Isländer und ihre Mentalität ist dabei von recht viel Spott geprägt, der aber immer liebevoll ist. In einer anderen Rezension habe ich gelesen, dass der Roman am Ehesten als tragischkomischer Schelmenroman zu beschreiben ist und diese Formulierung trifft es wirklich gut.
Für mich ein sehr besonderes Leseerlebnis im Jahr 2020.

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Buch-Rezension: „Die Infantin trägt den Scheitel links“ von Helena Adler

„Die Infantin trägt den Scheitel links“ von Helena Adler ist ein Weiteres der Bücher, die ich als Lesestoff von der Longlist des Deutschen Buchpreises ausgewählt habe. Angesprochen haben mich an dem Buch das sehr kreative und auffällige Cover, sowie der Titel, die zusammen einen etwas provokanten Eindruck machen und meine Neugierde auf das Buch geweckt haben.
Die Titelheldin ist die jüngste Tochter einer österreichischen Bauernfamilie, zur Familie gehören noch 2 bösartige eiskunstlaufende ältere Zwillingsschwestern (denen eine gewisse Ähnlichkeit zu den bösen Stiefschwestern aus Dornröschen nicht abzusprechen ist), die die Hauptperson regelmäßig piesacken, sowie die religiöse Mutter und der als Gegenpol Religion strikt ablehnende Vater, der dafür einen Hang zur Esoterik hat.

Die Infantin schafft es im zarten Alter von 6 Jahren versehentlich den Hof der Eltern fast komplett abzubrennen, danach bleibt die Familie mit einer Rest-Landwirtschaft immer nah am Rande der Insolvenz, schafft es aber irgendwie immer über die Runden zu kommen. Das Buch, das man wohl am Ehesten als eine Persiflage auf den klassischen „Heimatroman“ sehen kann, schildert Kindheit und Jugend der jüngsten Tochter mit einer derben und trotzdem blumigen Sprache, die einerseits altmodisch klingt, andererseits das Geschehen durch viele Anspielungen an die Popkultur in einen modernen Zeitrahmen setzt (verliebt ist die Infantin in Brandon aus Beverly Hills 90210, aufwachsen tut sie mit KITT aus Knight Rider, vom Alter her dürfte sie also wie ich in den 70ern geboren sein). Die Kindheit wirkt dabei mehr wie ein Kampf: gegen die Schwestern, gegen die Eltern, gegen die anderen aus dem Dorf und später gegen Perspektivlosigkeit in der Jugend.

Das Buch ist durchaus unterhaltsam, allerdings fehlt gelegentlich etwas der Rote Faden und auf Dauer fand ich die Sprache dann doch etwas zu anstrengend, vor allem da sie etwas den Eindruck erweckt, als sei sie als Stilmittel doch etwas Mittel zum Zweck, quasi die „Hauptsache“ des Buches, das dadurch mehr durch seinen ungewöhnlichen Stil als durch Inhalt überzeugt. Das war mir irgendwie dann doch etwas zu wenig, so dass ich das Buch als „kann man lesen, muss man aber nicht“ einordnen würde. Auf meine persönliche Buchpreis-Longlist des Jahres 2020 hat das Buch es damit nicht ganz geschafft, trotzdem ein ungewöhnliches Leseerlebnis.

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Thriller Tipp – „Wenn das Licht gefriert“ von Roman Klementovic

„Wenn das Licht gefriert“ ist ein Psychothriller des österreichischen Schriftstellers Roman Klementovic.
Vor vielen Jahr verschwand die 18-jährige Anna nach ihrer Geburtstagsparty spurlos, Tage später wurde ihre Leiche im Wald gefunden. Der Täter wurde nie gefasst, zusätzlich schien in der Gegend auch noch ein weiterer Psychopath sein Unwesen zu treiben, der immer wieder Menschen überfiel unter verprügelte.

Jahrzehnte später sind Annas Eltern immer noch nicht über den Verlust hinweg und auch Elisabeth, die Mutter von Annas bester Freundin Valerie konnte die schlimmen Ereignisse von damals nie wirklich vergessen. Dann dreht auch noch ein TV-Sender eine reisserische TV-Reportage über den Fall. Elisabeth schaut die TV-Sendung zusammen mit ihrem an Alzheimer erkrankten Mann und ist geschockt als dieser bisher unbekannte Dinge über die damalige Mordnacht erzählt. Hat er etwa etwas mit dem damaligen Mord zu tun oder sind das nur wirre Gedanken eines dementen Mannes?

Da Elisabeth nicht zur Ruhe kommt, fängt sie auf eigene Faust an Nachforschungen anzustellen und löst eine Kette von Ereignissen aus, die bald lebensgefährlich werden.

Generell habe ich mit dem Genre Thriller etwas Probleme, vor allem bei deutschsprachigen Thrillern, da diese mir oft zu reißerisch sind. Hier fand ich die Ausgangsidee aber mal richtig spannend, so dass ich dem Genre mal wieder eine Chance geben wollte. Grundsätzlich wurden meine Erwartungen auch nicht enttäuscht, die Story beginnt sehr spannend und man wird sofort in die Geschichte hineingesogen. Das bleibt im Prinzip auch so bis zum Ende, allerdings wurde es mir in Teilen dann doch wieder zu klischeehaft, da etwas zu viele konstruierte „überraschende Wendungen“ auftauchten und hier und da einiger der typischen „Frau hört nachts komisches Geräusch im Keller und geht natürlich alleine nachsehen“ Momente. So fand ich die 2. Hälfte nicht mehr ganz so stark wie die Erste, aber trotzdem war es ein sehr solider unterhaltsamer Thriller. Zu reißerisch und blutig wurde es auch keineswegs, es ist eher etwas für Leute, die es etwas subtiler mögen.