Bücher

Buch-Tipp: „Teen couple have fun outdoors“ von Aravind Jayan

„Teen couple have fun outdoors“ von Aravind Jayan ist mir direkt wegen des Titels und dem auffälligen Cover ins Auge gesprungen. Da ich schon viele Bücher von indischen Autoren gelesen habe und die indische Kultur und deren Widersprüchlichkeiten sehr faszinierend finde, konnte ich an diesem Buch definitiv nicht einfach vorbeigehen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine typische indische Mittelstandsfamilie. Die Eltern haben sich hochgearbeitet und gerade ein neues Auto, einen Honda Civic gekauft. In einer indischen Vorortsiedlung ein super Weg einen guten Eindruck in der Nachbarschaft zu machen. Doch Sree, der älteste Sohn, Anfang 20, verhält sich komisch, möchte nicht aus seinem Zimmer kommen. Wenige Tage später ist klar warum, Sree und dessen Freundin Anita wurden in aller Öffentlichkeit bei sexuellen Handlungen gefilmt, das Video kursiert im Internet und für Srees Eltern bricht eine Welt zusammen.

Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive aus Sicht von Srees 20-jährigem jüngerem Bruder. Dieser ist hin und hergerissen zwischen Verständnis für seine Eltern und seinem Bedürfnis loyal zu seinem Bruder zu sein. Nachdem der nach einem Streit mit dem Vater auszieht und zusammen mit Anita in einem heruntergekommenen Appartment eines Freundes unterkommt, versucht Srees Bruder zu vermitteln, doch sein eigenes Verhältnis zu seinem Bruder leidet immer mehr unter der Situation und als auch noch Anitas Eltern von dem Video erfahren eskaliert die Situation immer mehr.

Mir hat das Buch gut gefallen, die Widersprüche zwischen den teils sehr progressiven und westlich geprägten jungen Indern und alten Moralvorstellungen der Eltern sind gut herausgearbeitet und auch in Srees Bruder selbst scheinen sich diese Widersprüche einen ständigen Kampf zu liefern. Auf der emotionalen Ebene berührte mich das Buch allerdings nicht so stark wie vielleicht möglich gewesen wäre, was daran liegen darf, dass der Ich-Erzähler sehr nüchtern von den Ereignissen berichtet. Trotzdem ein sehr starkes Buch eines jungen indischen Autors.

Bücher

Krimi-Tipp: „Frau Faust“ von Antje Zimmermann

„Frau Faust“ ist der Debut-Krimi der Kölner Journalistin Antje Zimmermann. Ich wurde vor allem durch den interessanten Titel darauf aufmerksam. Dieser ist auch durchaus Programm, denn die Kommissarin Katharina „Kata“ Sismann war neben ihrer Polizeikarriere erfolgreiche und fast unschlagbare Boxerin. Bis zu einem schicksalshaften Kampf, der ihrer Box-Karriere ein abruptes Ende setzte und sie auch im Polizeidienst mit „angeschlagenem“ Ruf zurückliess.

Auch das Milieu des Kriminalfalls ist spannend, eine bekannte und charismatische Krimiautorin wird ermordet. Gefunden wird sie von einer Teilnehmerin ihres renommierten Schreibkurses, die selbst von einer Karriere als Krimi-Autorin träumt.

Anfangs hat mir der Krimi trotz der etwas einfach plakativen Sprache gut gefallen. Das Setting in der Literatur-Szene ist sehr unterhaltsam gewählt und auch die Spannungen zwischen Bestseller-Autorin und ihrem von Konkurrenzdenken zerfressenen Schreibkurs sind durchaus mitreissend.

Zum Ende hin liess der Krimi für mich dann aber doch etwas nach und ich hatte den Eindruck die Autorin hat sich etwas verzettelt, die Auflösung hat mich nicht ganz überzeugt, ein Charakter der Amfang recht zentral ist, spielte letzendlich für das Buch überhaupt keine Rolle und die „düstere“ Hauptkommissarin war vielleicht doch etwas zu klischeehaft angelegt. Für mich wurde beim Lesen recht offensichtlich, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt, dass vielleicht noch ein etwas sorgfältigeres und kritischeres Lektorat gebraucht hätte. Das Talent der Autorin ist aber trotzdem augenscheinlich und unterhaltsam war der Krimi trotzdem.

Allgemein

Buch-Tipp: „Simón“ von Miqui Otero

„Simón“ von Miqui Otero ist ein märchenhaft anmutender Roman aus Spanien. Im Zentrum steht der junge Simon, der quasi in der Bar seiner Familie in Barcelona aufwächst. Geführt wird diese gemeinsam von seinen Eltern und seinem Onkel und seiner Tante. Deswegen ist sein älterer Cousin Rico fast so etwas wie ein Bruder für ihn, cool und fast mystisch, den er bewundert und vergöttert. Ansonsten in der Schule nicht sehr beliebt, sondern als eher merkwürdig angesehen, hat Simon noch Estela, das exzentrische Nachbarsmädchen als Spielgefährtin und seine Bücher, die Rico im schenkte. Dazu viele schrullige Barbesucher, die seine Kindheit prägen. Diese erfährt aber einen drastischen Einschnitt, als sein Cousin Rico nach einer wilden Ausgehnacht zu der er Simon mitnahm einfach verschwindet. Ist er abgehauen, ist ihm etwas passiert, war jemand hinter ihm her? Und warum fragen ihn ständig Bekannte von Rico nach einem angeblichen Schatz? Die Familie redet nicht über Rico und Simon bleibt in Ungewissheit zurück, bis er eine Nachricht in einem Buch findet.

Es ist recht schwierig zu beschreiben, was „Simón“ für ein Buch ist. Einerseits hat es etwas märchenhaftes, was auch im Erzählstil widergespiegelt wird, andererseits ist es aber auch einfach eine Geschichte übers Erwachsenwerden, in der wir Simon über mehrere Jahrzehnte begleiten. Er träumt davon ein erfolgreicher Starkoch zu werden, reich und erfolgreich ´, lehnt seine Kindheit und Herkunft hat und vergisst auf einem kurzen Höhenflug fast seine alten Freunde…bis er unsanft auf dem Boden der Tatsache landet. Dazu ist der Roman aber auch ein Buch über Spanien, über Barcelona und über die Schwierigkeiten der jungen Generation dort zu „überleben“. Simon sucht seinen Cousin Rico und sich, der Leser wird auf diese Reise mitgenommen, in einem bunten und außergewöhnlichen Entwicklungsroman, der mir gut gefallen hat, auch wenn man sich auf eine etwas verspielte Sprache einlassen muss.

Bücher, Hörbuch

Hörbuch: „I kissed Shara Wheeler“ von Casey McQuiston

„I kissed Shara Wheeler“ ist ein Young Adult Hörbuch von Casey McQuiston, das eine humorvolle queere Liebesgeschichte erzählt und mir vor allem wegen des bunten Covers in Auge stach. Hauptperson des Buches ist Chloe, die mit ihren beiden Müttern im liberalen Kalifornien aufgewachsen ist, aber nach dem Tod der Großmutter zurück in den Heimatstaat ihrer einen Mutter zog, ausgerechnet ins stockkonservative Alabama. Dort eckt Chloe zwar oftmals (auch absichtlich) an, ist aufgrund ihres Ehrgeizes und ihrer herausragenden Noten aber trotzdem kurz davor die High School als Jahrgangsbeste abzuschließen. Zwischen ihr und dem Triumph steht nur Shara Wheeler, blond, intelligent, beliebt, wunderschön und Tochter des Schuldirektors. Mit ihr steht Chloe in leidenschaftlicher Konkurrenz. Nur wenige Wochen vor dem Schulabschluss passiert dann das Unfassbare: Shara küsst Chloe und verschwindet am nächsten Tag spurlos, hinterlässt aber merkwürdige Botschaften auf Notizzetteln. Zusammen mit Shara’s Freund und dem Nachbarsjungen Rory versucht Chloe widerwillig rauszufinden was für ein Spiel Shara spielt.

So weit die Story des Buches, das einige gute Ansätze hat, mich aber insgesamt leider nicht 100% überzeugt hat. Mein erstes Problem mit dem Buch ist, dass sich die Handlung doch ein bisschen sehr in Grenzen hält, Als Leser:in weiß man eigentlich nie so richtig warum Shara eigentlich verschwunden ist, warum Chloe sie überhaupt sucht und auch die Auflösung des ganzen bleibt irgendwie nicht besonders nachvollziehbar. Zweitens funktioniert das Buch als Liebesgeschichte finde ich nicht so richtig, denn eine Chemie zwischen Shara und Chloe kommt eigentlich nie so richtig auf. Das ist eigentlich auch nicht so richtig verwunderlich, ist Shara doch mehr als 70% des Buches (ich hab auf die Hörbuch Fortschrittsanzeige geschaut) verschwunden und wird nur aus Sicht von Chloe charakterisiert, die aber kein gutes Haar an ihr lässt (was vermutlich unterdrückte sexuelle Anziehung rüberbringen soll, es aber eher nicht tut). 

Erst gegen Ende des Buches treffen Shara und Chloe tatsächlich wieder aufeinander, weswegen dieser Teil des Buches mir auch am Besten gefallen hat. 

Die Sprecherin des Hörbuches las für meinen Geschmack auch etwas zu konfrontativ und hart, was Chloe vielleicht noch etwas kratzbürstiger rüberkommen liess als ihr Charakter angelegt war, eventuell hätte man mit einer etwas „weicheren“ Sprecherin ein anderes Bild von Chloe bekommen?

Das klingt jetzt alles sehr negativ, trotzdem hatte das Buch gute Ansätze und war unterhaltsam, Romantik kam für mich aber zu wenig auf.

Bücher

Young Adult Tipp: „Letztendlich waren wir auch nur verliebt“ von William Hussey

„Letztendlich waren wir auch nur verliebt“ von William Hussey hat für einen Young Adult Roman eine etwas außergewöhnliche und traurige Ausgangssituation, denn das verliebte Paar um das es in dem Roman geht wird direkt am Anfang brutal auseinander gerissen: Der schüchterne, bisher ungeoutete und nicht besonders beliebte Dylan verliebte sich Hals über Kopf in seinen neuen Mitschüler Ellis, der so ganz anders ist als Dylan: selbstbewusst, provokant, schillernd und offen queer. Einige Monate wie auf einer Achterbahn verbringen Dylan und Ellis zusammen, dann wird ihre Beziehung überraschend öffentlich, denn jemand hat die beiden heimlich gefilmt und das Video auf Instagram geteilt. Dylan nutzt die Gelegenheit sich zu outen und eigentlich wäre nun erst Recht alles Bestens, aber in der gleichen Nacht gibt es einen folgenschweren Unfall und Ellis kommt ums Leben.

Die Ereignisse überschlagen sich also schon ganz am Anfang des Romans und ähnlich turbulent und leidenschaftlich wie der Beginn ist auch das ganze Buch. Während Dylan in der Gegenwart von Schuldgefühlen überwältigt wird, ist er gleichzeitig sicher, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Er ist sich sicher, dass er in der Unfallnacht von einer unbekannten Person gerettet wurde, die Ellis bewusst sterben liess. Während Polizei und auch sein Umfeld dies skeptisch als Symptom seiner Schuldgefühle als Überlebender sieht, ist Dylan fest entschlossen herauszufinden wer die Person war. Außerdem will er Ellis verborgene Geheimnisse lüften, denn dieser benahm sich in den letzten Monaten teilweise merkwürdig…

Das Buch erzählt abwechselnd von der Zeit nach Ellis Tod und abwechselnd erfährt der Leser was in den vergangenen Monaten passiert ist, von Dylans und Ellis erstem Kennenlernen bis hin zu der tragischen Nacht in der Ellis ums Leben kann.

Die Themen im Buch sind also sehr vielfältig: Coming out, Konflikte mit den Eltern, eine Liebesgeschichte, Dylans Beziehung zu seinem besten Freund Mike und dazu Dylans Recherchen, die dem Buch fast ein bisschen den Anschein eines Krimis gibt. Das klingt in der Beschreibung irgendwie überladen, aber in der Praxis funktioniert das Buch einfach, alles fügt sich nahtlos und harmonisch ineinander, die Charaktere sind sympathisch, stark und liebevoll gezeichnet und werden für den Leser lebendig.

Für mich deswegen ein wirklich außergewöhnlich guter Young Adult Roman, der aus der Masse heraussticht, spannend und charmant ist und trotz der Tatsache, dass eine Hälfte des Liebespaares tot ist, trotzdem unheimlich romantisch ist. Für mich eines der Lese-Highlights 2022.

Bücher

Buch-Tipp: „Am anderen Ende der Schwerkraft“ von Martin Schnick

In „Am anderen Ende der Schwerkraft“ von Martin Schnick stehen die beiden Freunde Julian und Tristan im Mittelpunkt, zwei junge Männer, die sich beim Philosophiestudium in Bonn kennenlernen und von da an eng befreundet sind, obwohl sie recht unterschiedlich sind. Julian kommt aus einer reichen Familie, ist ein extrovertierter Lebemann, der ständig ausgeht, Parties schmeißt, auf großem Fuß lebt und einen regen Drogenkonsum führt. Tristan ist zurückhaltender, kommt aus „normalen“ Verhältnissen, ist schwul und lässt sich von Julian immer etwas mitziehen, aber ohne dessen Exzesse genauso intensiv mitzumachen. Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen, einerseits erfahren in verschiedenen Episoden, die oft von viel Humor und Skurrilität geprägt sind von Julians und Tristans Studentenleben, ihrem Freundeskreis und Tristans sexuellen Erfahrungen. Parallel springt der Roman aber einige Jahre in die Zukunft, Tristan ist gerade 24 und wurde von Julians Eltern in die Schweiz eingeladen, denn dort sitzt Julian nach einer psychotischen Episode fast katatonisch in einer psychiatrischen Klinik, isst nichts und kommuniziert nichts. Tristan versucht zu ihm durchzudringen, ohne zu wissen wie, während sein eigenes Leben ohne, dass er etwas davon ahnt ebenso auf eine Katastrophe zusteuert…

Mir hat der Roman wirklich sehr gut gefallen. Der Autor schafft es die wenigen sehr leidenschaftlichen und sprunghaften Jahre von Julians und Tristans Leben wirklich bildhaft zu machen und trotz der schweren Themen behält der Roman immer ein Gefühl von Leichtigkeit und Lebensfreude. Für mich eine kleines literarisches Juwel, dass auch aufgrund der kompakten Länge sehr kurzweilig war.

Bücher

Buch-Tipp: „Wütendes Feuer“ von Fang Fang

Fang Fang ist eine chinesische Autorin, die in Deutschland vor allem durch ihre „Wuhan Diaries“ über den von ihr miterlebten ersten Corona Lockdown in China bekannt wurde. Auch ich wurde durch dieses Buch auf sie aufmerksam und habe seitdem auch noch ihren Roman „Weiches Begräbnis“ gelesen, in dem es anhand eines Einzelschicksals um die brutale Landreform in China nach 1948 ging. Auch in „Wütendes Feuer“ werden gesellschaftliche Probleme, soziale und politische Verwerfungen und das Schicksal junger Frauen in China anhand eines sehr dramatischen Einzelschicksals dargestellt.

Im Mittelpunkt der Geschichte, die in den 1990er Jahren spielt, steht die junge Yingzhi, Tochter einer bäuerlichen Familie in der ländlichen Provinz. Schon direkt am Anfang des Buches wird klar, dass es mit ihr kein gutes Ende nimmt. Im Buch wird dann der Weg zu diesem Ende nachgezeichnet, schonungslos und direkt. Yingzhi ist eine etwas wilde, selbstbewusste junge Frau, die nicht das typische Leben eines jungen Mädchens auf dem Land führen will. Sie möchte selbstbestimmt leben, ihr eigenes Geld verdienen. Anfangs klappt das auch erstaunlich gut, sie wird Sängerin einer Schlagerband, die auf ländlichen Familienfesten heiß begehrt ist. Doch dann wird Yingzhi von einem flatterhaften jungen Mann schwanger, den sie zufällig kennenlernt und kann sich nicht wirklich gegen die dann doch traditionellen Moralvorstellungen der Landbevölkerung wehren. Sie heiratet ihn und zieht mit ihm zu den verhassten Schwiegereltern, die sie ablehnen.

Doch auch gefangen in dieser Situation möchte sie nicht aufgeben, weiter will sie ihr eigenes Geld verdienen, ein eigenes Haus bauen, um nicht mit den Schwiegereltern zusammen wohnen zu müssen. Während sie um ihre Träume kämpft, verspielt ihr Mann das ganze Geld und hängt den ganzen Tag trinkend mit seinen Kumpels rum. Yingzhis Wut und Frustration in Kombination mit den konservativen Vorstellungen der Schwiegereltern führt zu einer sich immer schlimmer aufbauenden Gewaltspirale.

Das Buch ist keine leichte Kost und für westliche Leser ist sicher auch die Sprache, die wenn es um Sex und Gewalt geht, sehr derb, direkt und explosiv ist etwas gewöhnungsbedürftig. Die ganze Geschichte ist generell sehr direkt und plakativ, doch wenn man sich darauf einlässt, finde ich Fang Fangs Romane extrem lesenswert, vor allem bieten sie einen sehr schonungslosen internen Einblick in eine fremde Kultur, die für Menschen aus Deutschland oft schwer zu verstehen ist.

Bücher

Buch-Tipp: „Die Molche“ von Volker Widmann

„Die Molche“ von Volker Widmann spielt in der Nachkriegszeit in einem kleinen bayerischen Dorf. Der 11-jährige Max ist mit seiner Familie „zugezogen“. Sein kleiner Bruder ist besonders, verträumt und introvertiert, hat einen Herzfehler und ist nicht gemacht für den rauen Umgang unter bayerischen Dorfkindern. An einem Wintertag wird Max’ Bruder von einigen Dorfbuben getriezt, die im ganzen Dorf den Ton angeben. Mit fatalen Folgen, Max’ Bruder flüchtet, Steine fliegen, Max’ Bruder stirbt. Max macht sich Vorwürfe das Geschehene nicht verhindert zu haben. Die Erwachsenen im Dorf entscheiden, dass der Junge an seinem Herzfehler starb, zu wild gespielt, nur die Kinder im Dorf wissen die Wahrheit. 

Max trägt seine Schuldgefühle mich sich herum, außerdem ist auch er im Dorf nicht gut integriert, die anderen Kinder finden ihn komisch und Tschernik, der für den Tod von Max’ Bruder verantwortlich ist, fängt an auch Max zu terrorisieren. Doch dann fängt Max an sich mit dem Bauernjungen Heinz und seinem Nachbarn Rudi anzufreunden und die Jungen beschließen irgendwann: jetzt ist Schluss mit dem Terror durch die älteren Jungen. Und dann sind da noch die Mädchen: die schöne Marga und die wilde Ellie, die Max beim Bonanza gucken auf die Pelle rückt…

Der Beginn des Buches ist wirklich stark und eindringlich und auch die Themen sind überzeugend, Schuld, die Nachwirkungen des Krieges auf die Erwachsenen im Dorf, Erwachsen werden und Freundschaft, die erste Liebe, die Entdeckung der Sexualität…

Trotzdem hat mich das Buch nicht ganz zu 100% überzeugt. Es hat mir zwar gut gefallen und war definitiv lesenswert und berührend, trotzdem fand ich die Sprache manchmal ein ganz kleines bisschen zu kitschig und verklärend, vor allem bei der Beschreibung der Freundschaft von Heinz, Rudi und Max. Der Wandel von Ausgrenzung zu voller Akzeptanz ging fast ein bisschen schnell und abrupt vonstatten. Außerdem hat das Buch zwei mal einen sehr abrupten Perspektivenwechsel, wo die Geschichte übergangslos von Max’ Ich-Perspektive zu einem Text wechselt, den das Mädchen Marga ebenfalls aus der Ich-Perspektive erzählt. So ganz ohne Übergang wirkt das zunächst verwirrend. Das ist aber nur eine kleine Kritik, es liegt vielleicht auch daran, dass das erste Kapitel des Buches so stark ist, dass der Rest dagegen fast ein kleines bisschen abfällt. Insgesamt aber eine lesenswerte Geschichte über eine Befreiung von Schuldgefühlen und Unterdrückung. Als Erstlingswerk sehr beachtlich, kleinere stilistische Schwächen kann der Autor sicher in Zukunft noch verbessern.

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Brunnenstrasse“ von Andrea Sawatzki

Das Hörbuch „Brunnenstrasse“ von Andrea Sawatzki habe ich mir ausgesucht, da ich Andrea Sawatzki als Schauspielerin schon immer sehr interessant finde. Außerdem mag ich autobiografische Bücher sehr gerne. Bei „Brunnenstraße“ handelt es sich aber nicht um eine komplette Autobiografie, sondern das Buch behandelt lediglich einen relativen kurzen – aber dafür um so einschneidenderen Abschnitt von Andrea Sawatzkis Kindheit und Jugend, nämlich primär die Jahre in denen sie mit ihrer Mutter den demenzkranken Vater betreute. Deswegen ist das Hörbuch auch nur etwas unter 4 Stunden lang. Andreas Kindheit ist ungewöhnlich, sie wurde die ersten Jahre von ihrer Mutter alleine aufgezogen, denn Andreas Vater war noch mit seiner ersten Ehefrau verheiratet, Andreas Mutter war seine Geliebte gewesen. Dieser einführende Teil des Buches lässt einen erschreckende Einblicke gewinnen, wie es in den späten 1960ern war, wenn man ein uneheliches Kind zur Welt brachte, aus heutiger Sicht unvorstellbar (so lebte Andrea ihr erstes Lebensjahr auf der Säuglingsstation eines Krankenhauses, da es ihrer Mutter, die eine Ausbildung zur Krankenschwester machte, nicht erlaubt war, das Kind mit ins Schwesternwohnheim zu nehmen. Es sollte nicht der Eindruck erweckt werden, dass dieser Lebensstil „in Ordnung“ sei). Trotzdem war Andrea in diesen ersten Lebensjahren im schwäbischen Vaihingen/Enz zufrieden. Doch ihre Mutter hatte die Hoffnung nie aufgegeben, doch noch mit Andreas Vater zusammen zu leben. Nach dem Tod von dessen Ehefrau wurde dieser Traum wahr. Doch leider erwies er sich nach relativ kurzer Zeit eher als Alptraum. Denn anstatt die Familie versorgen zu können, wurde Andreas Vater selbst zum Pflegefall.

Die Erinnerungen von Andrea an ihre Kindheit und die Zeit mit ihrem dementen Vater wird in kurzen Kapiteln erzählt, die einzelne nicht immer zeitlich linear erzählte Episoden aus Andreas Kindheit bevor sie zu ihrem Vater zog enthalten, sowie parallel ein grob chronologisches Fortschreiten von dessen „Verfall“. Der Ton ist dabei nüchtern und eindringlich, gepaart mit den Teils erschreckenden und erschütternden Vorgängen ist das Buch in Teilen harter Tobak, aber mir hat der sehr direkte Erzählstil gut gefallen, auch wenn es vor allem schwer ist nachzuvollziehen warum Andrea’s Mutter ihrer Tochter diese ein Kind völlig überfordernde Aufgabe so zumutete. 

Das Buch endet fast direkt mit dem Tod von Andreas Vater. In einigen Rezensionen habe ich gesehen, dass kritisiert wurde, dass Andrea Sawatzki wirklich nur nüchtern diese wenigen Jahre beschreibt, ohne nähere Infos wie sie es schaffte über diese Zeit hinweg zu kommen und sich zu der Frau zu entwickeln, die sie heute ist. Allerdings finde ich diese Kritik nicht berechtigt, denn mir war von Buchbeschreibung und Umfang völlig klar, dass diese Autobiografie sich nur mit einem Abschnitt der Lebensgeschichte beschäftigt.

Gelesen wird das Hörbuch von Andrea Sawatzki selbst, was sie wie von mir erwartet ganz hervorragend macht. Das Buch ist absolut lesens- und hörenswert, allerdings darf man keine „Feel-Good“-Geschichte erwarten.

Bücher

Buch-Tipp: „Das Marterl“ von Johannes Laubmeier

In „Das Marterl“ von Johannes Laubmeier kommt ein junger Mann in seine bayerische Heimatstadt zurück. Extra hat er abgewartet bis seine Mutter zu einer spirituellen Reise nach Asien aufgebrochen ist, denn der Grund für die Reise ist, dass der junge Mann sich endlich mit dem Tod des Vaters auseinander setzen will und dazu möchte er alleine sein. Dieser starb vor 10 Jahren bei einem Motorradunfall. Seitdem hat der Erzähler in Großbritannien gelebt, bevor er mit seiner Lebensgefährtin zurück nach Deutschland, aber nach Berlin, zog. In seinem Heimatort war er seitdem nur selten und den Tod des Vaters hat er nie richtig verarbeitet. Jetzt also ist er zurück in der Kleinstadt A. (die im ganzen Buch nur abgekürzt wird, aber von Erzählungen zu Geschichte und Sehenswürdigkeiten kann man die Stadt mit Google innerhalb von Sekunden identifizieren) und lässt sich erstmal mehr oder weniger treiben. Besucht Orte seiner Kindheit, den Unfallort, räumt den alten Schuppen seines Vaters aus, trifft ehemalige Freunde und Weggefährten und bekommt ganz langsam eine Verbindung zu dem Ort zurück, aber auch zu seinen Gefühlen von damals.

Die aktuelle Erzählung wechselt sich immer ab mit Episoden aus der Kindheit des Jungen, Erinnerungen an eine ganz normale Kindheit in der bayerischen Provinz, Erinnerungen an den Vater und an die Heimat.

Die Sprache des Buches ist dabei finde ich einfach nur wunderschön. Melancholich und authenthisch ohne dabei aufgesetzt oder übertrieben „literarisch“ zu sein, einfach nur intensiv und direkt, so dass das Buch wirklich sehr berührt und sowohl die Kindheit des Jungen lebendig werden lässt als auch die Stadt A. und das „typische“ bayerische Kleinstadtleben, das einerseits durchaus ironisch und kritisch betrachtet wird, aber trotzdem nie ablehnend oder wertend. Ein ganz großartiges Debut von einem sehr talentierten Autor.