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Buchtipp: „Der Ausflug“ von Caroline Hulse

Im Mittelpunkt von „Der Ausflug – Ein Familienroman“ von Caroline Hulse stehen vier Erwachsene, ein Kind und ein überdimensionierter Fantasiehase: Matt und Claire waren ein Paar und haben eine gemeinsame 7-jährige Tochter, Scarlett. Scarlett verarbeitet die Trennung ihrer Eltern mit Hilfe ihres überdimensionierten imaginären Freunds. Posey, der Hase, ist die Reinkarnation eines schon vor längerem verlorenen Plüschtiers und zwar unsichtbar, aber dafür über 1,40m groß.

Alex ist Matts neue Freundin: Wissenschaftlerin, vernünftig und analytisch und trockene Alkoholikerin. Der letzte in der Runde ist Patrick, Claires neuer Freund: beruflich erfolgreich, etwas spiessig und verbissen und versucht sich seinen Selbstwert durch die Teilnahme an einem Triathlon zu beweisen. Eigentlich läuft es bei allen auf den ersten Blick relativ gut, doch dann eröffnen Matt und Claire ihren Partnern, dass sie Weihnachten dieses Jahr alle zusammen zu viert feiern werden, damit Scarlett Weihnachten mit beiden Eltern verbringen kann. Ort des Geschehens ist ein Wald-Ressort für die ganze Familie (mit zahlreichen Aktivitäten für Jung und Alt, wie Spa, Minigolf, Burlesque Tanzkursen für Kinder, Weihnachtsmann, Schwimmbad und Bogenschießen)…zwar halten fast alle Beteiligten das insgeheim für eine ganz furchtbare Idee, doch da ja alle erwachsen und vernünftig sind und sich sowieso als Patchwork-Familie ganz hervorragend verstehen, traut sich keiner Nein zu sagen…

Der Roman erzählt in der Folge im Wechsel aus den Perspektiven von Matt, Alex, Patrick und Scarlett die Geschehnisse bis hin zum Höhepunkt des Ausflugs (der wie man recht früh in der Story erfährt nicht ganz so harmonisch ausfällt wie erhofft). Die Geschichte wird dabei mit viel Witz, Ironie und bissigem Humor erzählt und ist extrem kurzweilig und unterhaltsam, ohne dass es zu klamaukig wird. Wie man sich denken kann, verläuft der Ausflug nicht ganz so wie geplant und die Befindlichkeiten und Gefühlswelten der verschiedenen Charaktere, die schnell an ihre Grenzen geraten, werden wirklich gut dargestellt. Lediglich Claire bleibt bis zum Schluss etwas eindimensional, da man sie nur von außen kennen lernt, als fast zu perfekte immer freundliche, immer großherzige Gastgeberin…das ist aber sicher auch als Stilmittel bewusst so gewählt.

Insgesamt für mich ein fast perfektes Buch wenn man mal eine bissige und humorvolle Charakterstudie lesen will. Lediglich die Darstellung von Scarlett fand ich etwas zu frühreif/erwachsen für eine Siebenjährige.

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Buchtipp: „Vater unser“ von Angela Lehner

„Vater unser“ von Angela Lehner ist ein österreichischer Roman mit einer sehr ungewöhnlichen Protagonistin. Eva Gruber ist Ich-Erzählerin und wurde gerade in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, weil sie (zum Glück nur) behauptete eine Kindergartenklasse erschossen zu haben. Die Hintergründe ihres Verhaltens und ihr Motiv bleibt dabei erstmal unklar. Als Leser merkt man schnell, dass man Eva als Erzählerin nicht unbedingt trauen kann. Sie ist auf jeden Fall hochintelligent, hat einen bissigen Humor, ist scharfzüngig, aber schon in der Schule sagten die Klassenkameraden über sie häufig „Die Eva lügt immer!“.

Ebenfalls in der psychatrischen Klinik in Behandlung ist Evas Bruder Bernhard, der wegen Magersucht dort behandelt wird. Schnell drängt sich beim Leser der Verdacht auf, dass Eva vielleicht nur wegen ihm in der Klinik ist. Vorgeblich möchte sie ihren Bruder retten, doch der reagiert eher ablehnend auf Eva und es ist klar, dass die familiären Verhältnisse der Geschwister kompliziert sind. Schnell wird klar, dass für Eva alles mit ihrem Vater zusammenhängt und dass Eva und Bernhard ihre Kindheit als traumatisierend empfunden habe, doch was genau die Hintergründe für die psychischen Probleme der beiden Geschwister sind bleibt schwammig. Man erfährt in sprunghaften kurzen Kapitels Episoden aus Evas Kindheit und muss sich ansonsten ganz auf ihre Erzählungen verlassen, bei denen man aber nie wirklich weiß was Wahrheit und was Lüge ist.

Das Buch liest sich dabei kurzweilig und sehr unterhaltsam. Eva ist mit ihrer Egozentrik und ihrem Hang zur Manipulation ihres Umfelds sicher kein besonders sympathischer Charakter, trotzdem sind die Schilderungen des Klinikalltags oft erstaunlich pointiert und man fragt sich oft, wer nun eigentlich „verrückt“ ist.

Mir hat das außergewöhnliche Buch sehr gut gefallen.

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Buchtipp: „Schöne Monster“ von Sharlene Teo

„Schöne Monster“ von Sharlene Teo besticht auf den ersten Blick durch ein wunderschönes Cover, das mich sofort ansprach und Lust auf das Buch weckte. Doch auch inhaltlich konnte mich der Roman, der in Singapur spielt zum Glück mindestens genauso überzeugen. Im Zentrum des Romans der auf 3 Zeitebenen aus 3 Perspektiven erzählt wird stehen dazu passend auch 3 Frauen, die eng miteinander verbunden sind: Die überdurchschnittliche schöne und anziehende Amisa wächst in den 70er Jahren in einem kleinen Dorf auf dem Land auf und verlässt als Teenager ihre Familie, um auf eigene Faust nach Singapur zu ziehen. Dort hält sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bis sie als Darstellerin einer eher trashigen Horror-Film-Trilogie entdeckt wird. Der Regisseur verspricht Amisa großen Ruhm, mangels Verleih und wirklichem Kassenerfolg bleibt die Trilogie aber der einzige Ausflug ins Film-Business und Amisa wird nur für ein paar Nerds ein Star. Genauso wie ihre Karriere nie abhebt, verläuft auch ihr Leben nicht wie erhofft…

Im Jahr 2003 ist Amisas Tochter Szu 16 Jahre alt. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist sie nicht mit einem schönen Aussehen gesegnet und auch sonst in der Schule eher eine Außenseiterin, die bestenfalls von ihren coolen Mitschülerinnen in Ruhe gelassen wird. Szu passt nirgends so richtig rein, eckt überall an, fühlt sich mit sich selbst nicht wohl und auch von ihrer Mutter abgelehnt. Als die ebenfalls eher unbeliebte Circe sich mit ihr anfreundet, wendet sich für beide Mädchen erst mal alles zum Besseren. Doch als Amisa schwer krank wird, wird die aus einer Notgemeinschaft entstandene Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

2020 treffen wir Circe, Szu’s Freundin aus Teenagerzeiten wieder. Die hat gerade eine Scheidung hinter sich und fühlt sich mit Anfang 30 in ihrem Job als Social-Media-Marketing-Irgendwas schon langsam zum alten Eisen gehörend. Ausgerechnet zu dieser Zeit wird sie zurück in ihre Jugend katapultiert, als ihre Firma eine Kampagne für eine Neuauflage der Horrorfilme mit Szu’s Mutter erstellen soll. Die Erinnerungen zwingen Circe mehr oder weniger gegen ihren Willen dazu ihre schwierige Beziehung zu Szu zu reflektieren, die nie wirklich aufgearbeitet wurde…

Das Buch erzählt immer abwechselnd in Szenen aus dem Leben von Amisa, Szu und Circe, die Zeitsprünge und Perspektivenwechsel sind dabei wirklich gut umgesetzt. Die Charaktere sind durchweg interessant und faszinierend und jeder auf seine eigenen Art und Weise liebenswert, obwohl vor allem Szu und Circe als sehr widersprüchliche und eher sperrige Charaktere gezeichnet sind. Um so mehr kann man sich in beide einfühlen, wobei mir Szu am meisten ans Herz gewachsen ist. Die Sprache ist mitreissend und poetisch, trotzdem modern und leicht, so dass ich das Buch in kurzer Zeit verschlungen habe. Für mich zu 100% lesens- und empfehlenswert und eines meiner bisherigen Lese-Highlights von 2019.

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Buchrezension: „Wir im Fenster“ von Lene Albrecht

„Wir im Fenster“ von Lene Albrecht spielt in Berlin. Linn lebt dort mit ihrem Freund und erwartet aktuell ihr erstes Kind, doch ihre Gedanken kreisen im Moment fast ständig um die Vergangenheit, und zwar um eine Zeit in ihrer Kindheit und Jugend, in der sie viel Zeit mit ihrer Jugendfreundin Laila verbrachte. Die beiden Mädchen lernten sich zufällig kennen und waren erst mal ein Herz und eine Seele. Als Leser erfährt man erstmal gar nicht so viel über die Lebensumstände der beiden Mädchen, man kann erahnen, dass beide nicht grade in einem sozial begünstigen Teil von Berlin aufwachsen und dass Lailas familiäre Umstände irgendwie nicht ganz einfach sind. Sie verbringt die meiste Zeit bei ihrer Großmutter oder bei Linn. Linns Familie hingegen wirkt recht normal, auch wenn die Eltern sich natürlich mal streiten. Linn und Laila verbringen viel Zeit miteinander und wirken erstmal fast wie verschmolzen, grade Laila scheint auf Linn eine ungehöre Faszination auszuüben, doch als die Mädchen älter werden und Laila aufgrund schwieriger Lebensumstände bei Linn zuhause einzieht, weil ihre Großmutter zurück in die Türkei geht, verschiebt sich das Macht- und damit auch das Freundschaftsverhältnis der beiden. Linn hängt immer mehr mit der Teenie-Clique aus der Nachbarschaft ab, während Laila sich zurückzieht, nachmittags oft verschwindet oder den ganzen Tag lesend im gemeinsamen Zimmer verbringt. Die Verbindung der beiden Mädchen wird schwächer und auch immer ambivalenter.

Linn reflektiert ihre Geschichte mit Laila in Rückblenden, Gedankenfetzen und Erinnerung, die oft schwammig und unstrukturiert sind, so bleibt zum Beispiel lange unklar warum Laila überhaupt bei Linns Familie wohnt und auch Linn selber weiß das als Kind gar nicht so richtig. Der Leser weiß nur, dass der Kontakt zu Laila komplett abbrach und dass Linn die Geschichte nie wirklich verarbeitet und verwunden hat, aber die Hintergründe bleiben lange im Dunkeln.

Mir hat das Buch einerseits gut gefallen, denn Linns Denkweise als Kind und auch wie sie viele Situationen als Kind einfach nur wahrgenommen hat ohne sie wirklich zu verstehen oder zu bewerten, kommt sehr gut rüber, deshalb wirkten die Szenen aus der Kindheit auf mich sehr authentisch und auch das Setting in einem eher strukturschwachen Teil von Berlin kam atmosphärisch sehr gut rüber. Trotzdem riss mich das Buch nicht ganz vom Hocker, denn der betont melancholische Tonfall und die erwachsene Linn wirkten auf mich irgendwie etwas anstrengend und zu ich-bezogen. So fand ich das Buch sehr interessant, aber kein reines Lesevergnügen, da mir die Hauptfigur nicht 100% sympathisch war.

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Krimi-Tipp: „Triff mich im Paradies“ von Heine Bakkaus

„Triff mich im Paradies“ von Heine Bakkaus ist der zweite Teil einer neuen Krimi-Reihe aus Norwegen rund um den ehemaligen Verhörspezialisten Thorkild Aske. Ich bin zufällig auf das Buch gestoßen und habe den ersten Teil nicht gelesen. Deswegen hatte ich am Anfang durchaus kleinere Schwierigkeiten in die Hintergründe des Charakters Thorkild Aske einzutauchen. Allerdings gibt sich das nach kurzer Zeit, so dass ich sagen würde, dass es ganz gut möglich ist, das Buch unabhängig vom ersten Teil zu lesen.

Thorkild Aske ist am Anfang des Buches eigentlich nicht arbeitsfähig (bedingt durch Ereignisse die vermutlich im ersten Teil der Reihe im Mittelpunkt standen), wird aber (auf etwas schwer greifbare Art und Weise) von der Krimiautorin Milla engagiert, um ihr bei der Recherche für ihr neues Buch zu helfen, indem sie einen realen Vermisstenfall verarbeiten möchte: das Verschwinden zweier Teenager aus einem Heim für Jugendliche. Thorkilds Vorgänger in dem Job wurde ermordet und schnell wird Thorkild klar, dass bei seinem Auftrag nicht alles so harmlos erscheint wie es auf den ersten Blick wirken soll.

Thorkild Aske als Ermittler kann man definitiv zum (vor allem bei nordischen und skandinavischen Krimis beliebten) Genre „kaputter Ermittler“ zählen, kaputter als er geht fast nicht mehr: Selbstmordversuche, Gefängnisvergangenheit, ein Hirnschaden (durch einen der Selbstmordversuche), Tablettensucht, …man könnte dem Autor also durchaus vorwerfen, bei der Charaktergestaltung ein bisschen arg dick aufgetragen zu haben.

Trotzdem muss ich sagen, dass mir sowohl Hauptcharakter als auch Buch durchaus gefallen haben, was vor allem daher kommt, dass ich einerseits den Plot ganz kreativ und etwas außergewöhnlich fand und auch die Sprache manchmal überrascht. Letzteres passiert bei Krimis und Thrillern ja eher selten. Die Handlung des Buches ist nicht unbedingt besonders glaubwürdig und hat eine Menge an sexuellen Eskapaden und Klischees zu bieten, als Ausgleich dafür ist sie durchweg fesselnd und unterhaltsam, garniert mit ein bisschen Action, aber für einen Thriller relativ wenig Brutalität. Für mich war das eine gute Mischung, die das Buch vor allem empfehlenswert machen, wenn man mal neue Krimikost ausprobieren möchte.

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Jugendbuch: „Ich bin V wie Vincent“

„Ich bin V wie Vincent“ von Lucinde Hutzenlaub ist ein Jugendbuch ab 12 Jahre in dem es um das schwierige, aber für Jugendliche sicher immer hochaktuelle Thema Mobbing geht.

Im Mittelpunkt des Buches steht Milo. Er ist mit seinen Eltern und seinem Bruder Carl aus Namibia nach Deutschland gezogen, da sein Vater aus beruflichen Gründen umsiedeln musste. Milo vermisst seine Freunde, die Farm seiner Eltern in Namibia und mit dem Deutschen Wetter kann er sich auch nicht so recht anfreunden. Seine Stimmung ist also sowieso schon nicht gut und dann stellt sich seine neue Schulklasse auch noch als Katastrophe heraus. Sein Mitschüler Max terrorisiert gefühlt die halbe Klasse und pickt sich Milo direkt als nächstes Opfer heraus. Einziger Lichtblick in der Klasse ist Nike, in die sich Milo unsterblich verliebt. Doch auch sie hat so ihre Probleme mit Max.

Während sich Milo im realen Leben ohnmächtig fühlt, kommt ihm in der virtuellen Welt eine Idee…er eröffnet einen anonymen Youtube Account unter dem Pseudonym „V wie Vincent“ (angelehnt an seinen Lieblingsfilm „V wie Vendetta“), in dem er sich gegen Mobbing und für mehr Zusammenhalt und Courage ausspricht und zu seiner großen Überraschung wird der Kanal ein Riesenerfolg…und hat echte Konsequenzen in der wirklichen Welt, leider nicht nur Positive.

Das Buch ist sehr kurzweilig und einfach zu lesen, die Sprache ist direkt gehalten und für die angepeilte Altersgruppe sicher gut lesbar. Allerdings hatte ich aufgrund des männlichen Protagonisten erwartet, dass das Buch sich vielleicht eher an männliche jugendliche Leser richtet, dafür fand ich die Liebesgeschichte aber irgendwie ein bisschen arg schmalzig formuliert und bin mir sehr unsicher ob das Jungs in dem Alter so ansprechen würde. Was mich auch noch etwas störte ist dass Milo auf mich ein bisschen sehr idealisiert war und alles etwas sehr schwarz/weiss gemalt. Die „Bösen“ im Buch hören ständig Deutsch-Rap, Milo hört Woodstock Musik aus der Zeit seiner Eltern und gerne auch mal Klassik…hmmm…die (nett wirkenden!) Jungs an der Supermarkt Kasse hinter mir gestern wirkten auf mich nicht so als ob sie sich mit so einem Milo identifizieren würden oder so sprechen würden wie er.

Von dem her bin ich etwas hin und her gerissen von dem Buch, es ist sehr unterhaltsam und leicht zu lesen und sicher auch eine gelungene Auseinandersetzung mit dem Thema Mobbing, in dem viele Schüler Situationen und Dinge aus dem Schulalltag wieder erkennen können. Die Autorin schrieb am Ende des Buches, dass sie das Buch aufgrund eigener Mobbing-Erfahrungen in ihrer Kindheit geschrieben hat und deswegen nehme ich an, dass es deswegen so geschrieben ist und dass Milo und was er erreicht wirklich inspirierend wirken soll.

Allerdings habe ich doch etwas Bedenken, dass es für wirklich Betroffene zu unrealistisch rüber kommen könnte, denn das das in der realen Welt ein Betroffener so hinkriegen würde wie in dem Buch halte ich für unwahrscheinlich. Die Jugendlichen in dem Buch handeln eher „übermenschlich“, doch wie oft wird gerade ein Mobbing-Opfer dazu in der Lage sein? Außerdem befremdete mich etwas, dass die Jugendlichen in dem Buch doch sehr „alleine gelassen“ werden, im Prinzip müssen Milo und Nike die ganzen Probleme (wozu z.B. auch durchaus aggressive sexuelle Belästigung zählt) „alleine“ lösen, während Lehrer und Eltern offenbar vorher ewig nichts getan haben und dann später auch nichts tun bzw. nicht viel. Die Erwachsenen im Buch agieren sehr passiv. Das mag tatsächlich realistisch sein, aber läuft der hoffnungsvollen Botschaft der Geschichte vielleicht etwas zuwider, denn beim Betroffenen könnte der Eindruck aufkommen, dass er sich selbst helfen muss…

Das klingt jetzt beim Schreiben alles erst mal ganz schön negativ, aber so habe ich das Buch nun auch nicht empfunden. Ich denke es eignet sich aber besser, um in der Klasse zum Beispiel gemeinsam gelesen und dann mit Lehrer besprochen zu werden als zumindest jüngere Leser ganz damit allein zu lassen. Gut fand ich auch, dass aktuelle Themen wie Social Media und Youtube-Channels mit eingebaut wurden.

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Krimi-Tipp: „Die Lüge“ von Matthias Edvardsson

Nachdem ich in letzter Zeit einige doch etwas langatmige Krimis gelesen habe, war ich sehr erfreut mit „Die Lüge“ mal wieder einen Krimi gefunden zu haben, der kurzweilig und von Inhalt und Erzählweise sogar durchaus innovativ ist. Im Buch geht es um eine auf den ersten Blick ganz normale und gut situierte schwedische Familie: der Vater Adam ist Pfarrer in der Schwedischen Kirche, die Mutter Ulrika ist Juristin und Tochter Stella steht an der Schwelle zum Erwachsenenleben. Auf den ersten Blick eine Vorzeigefamilie.

Zur Erschütterung der Eltern wird Stella kurz nach ihrem 19. Geburtstag verhaftet, sie soll einen Geschäftsmann brutal ermordet haben. Für Adam und Ulrika bricht eine Welt zusammen. Auch wenn schnell ersichtlich wird, dass Stella schon lange ein „schwieriger“ Teenager war, so scheint es doch unverstellbar, dass sie einen Mord begangen haben soll, noch dazu an einem erwachsenen Mann von dessen Existenz in ihrem Leben die Eltern gar nichts wussten.

Die Erzählweise des Buches ist recht ungewöhnlich, das Buch wird in der Ich-Perspektive nacheinander aus Sicht aller Familienmitglieder erzählt, so dass man die gleichen Ereignisse teilweise aus Sicht aller Beteiligten geschildert bekommt. Die Sprache ist dabei sehr direkt und eher dynamisch, die Kapitel kurz und knackig und die Charaktere auf jeden Fall alle interessant, wenn auch nicht unbedingt besonders sympathisch.

Generell scheint in der Familie der schöne Schein am Wichtigsten zu sein. Adam sieht sich als guten Christen, kommt aber nicht damit zurecht, dass seine Tochter nicht seine Ansprüche erfüllt. Ursula stürzt sich in die Arbeit, um den Problemen in ihrer Familie zu entfliehen und Stella fühlt sich komplett unverstanden. Das Buch deckt nach und nach auf wie die Dynamiken in der Familie eine immer größere Entfremdung verursacht haben und beschäftigt sich damit wie weit Eltern gehen würden, um ihre Familie zu schützen. Das Buch ist dabei kein klassischer Krimi, unterhält aber ganz hervorragend, so dass ich das Buch wirklich weiterempfehlen kann.

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Krimi-Rezension: „Weißer Tod“ von Robert Galbraith

„Weißer Tod“ von Robert Galbraith (bekanntlich das Pseudonym von J.K.Rowling) ist der neueste und mittlerweile 4. Band aus der Krimi-Reihe rund um den Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Assistentin Robin.
Robin ist mittlerweile erwartungsgemäß unglücklich mit dem notorisch unsympathischen Matthew verheiratet, was die Beziehung zwischen Strike und ihr etwas ins Komplizierte und Negative verändert hat. Cormoran hält sich mit einer unverbindlichen Beziehung über Wasser, kommt aber weder von Robin noch von seiner Ex-Liebe Charlotte so richtig weg. Das Privatleben der beiden Ermittler nimmt dann auch einen meiner Meinung nach etwas zu großen Raum im Buch ein, gefühlt beschäftigt sich ca. die Hälfte des Buches mit Geplänkel und Krisen aus Cormoran und Robins Privatleben, so richtig Überraschendes passiert da aber auch nicht, weswegen mir das diesmal wirklich etwas zu viel war.

Der Kriminalfall ist recht komplex und am Anfang auch ziemlich „mysteriös“, ein hochrangiger Politiker der Tories wird von einem Konkurrenten und einem ihm seit der Kindheit bekannten linksextremen Aktivisten erpresst (womit genau wissen anfangs weder der Leser noch die Privatdetektive). Cormoran Strike soll im Gegenzug belastendes Material über die beiden Erpresser sammeln, um dem Politiker eine Handhabe gegen sie zu liefern. Zu diesem Zweck wird Robin undercover ins Abgeordnetenhaus des Politikers eingeschleust (was ihr noch etwas schwer fällt, weil sie noch von den Ereignissen aus dem Vorgängerband traumatisiert ist und mit Panikattacken zu kämpfen hat), während Cormoran sich auf einem Nebenschauplatz aufhält: der psychisch kranke Bruder des Erpressers taucht bei Strike auf, um ihm von einem angeblichen Kindesmord zu berichten, den er als kleiner Junge beobachtet haben will. Für Strike stellt sich die Frage: hängen diese Ereignisse zusammen und wenn ja, wie. Und dann passiert ein Mord…

Im Prinzip ist der Kriminalfall im Roman interessant, allerdings hatte er für mich ähnliche Probleme wie die Schilderungen von Strikes und Robins Privatleben, alles zieht sich recht langatmig und verworren dahin, nur um am Ende dann mit einem mittelmäßig kreativen Kniff in sehr kurzer Zeit nachträglich aufgelöst zu werden, für mich irgendwie etwas unbefriedigend und ich hatte auch ehrlichgesagt tatsächlich Probleme die Motive der Beteiligten nachzuvollziehen. Insgesamt fand ich diesen Band deswegen bisher den schwächsten der Reihe, man hatte das Gefühl, das Buch hätte 200 – 300 Seiten weniger vertragen können. Unterhaltsam zu lesen war es trotzdem durchaus und Strike und Robin sind interessante Charaktere, die aber im Moment etwas eindimensional und vorhersehbar wirken (dass Robins Ehe mit Matthew unglücklich werden würde, konnte z.B. mit Sicherheit schon jeder in Band 1 der Reihe vorhersehen, weswegen es relativ langweilig ist seitenlang über deren vorhersehbare Beziehungsprobleme zu lesen). Für den nächsten Band würde ich mir deswegen etwas weniger Beziehungs-Seifenoper und einen etwas gradliniegeren Kriminalfall wünschen.

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Buchtipp: „Wir von der anderen Seite“ von Anika Decker

„Wir von der anderen Seite“ von Anika Decker ist mal wieder ein Buch das ich primär ausgesucht habe, weil mir das Cover ins Auge stach und gefiel (ich habe mit dieser Bücher-Auswahlmethode schon immer gute Erfahrungen gemacht). Das Buchcover zeigt ein comic-artig verfremdetes Eichhörnchen, garniert mit dem Buchtitel in knallgelber Schrift. Definitiv auffällig und ungewöhnlich.

In dem Buch geht es um die finanziell mehr oder weniger erfolgreiche Drehbuchautorin Rahel, die am Anfang des Buches im Krankenhaus aufwacht, völlig verwirrt und ohne eine Ahnung zu haben was mit ihr passiert ist. Sie liegt auf der Intensivstation, zum Bewegen fehlt ihr die Kraft, ihre Familie benimmt sich merkwürdig, sie halluziniert in der Zimmerecke ein Eichhörnchen und wo ihr Freund ist, sagt ihr auch keiner. Mit der Zeit kristallisiert sich heraus, dass Rahel nach einer misslungenen Nierenstein-OP ein Multiorganversagen erlitt und einige Wochen im Koma lag, ihr Leben steht noch immer auf Messers Schneide und auch ihre Organe arbeiten nicht mehr richtig, ob ihr Herz je wieder gesund wird weiß man nicht. Eigentlich harter Tobak, aber das Buch bewahrt sich von Anfang an eine gelungene Mischung aus Humor, Ironie und Ernsthaftigkeit, die dazu führt, dass das Buch sehr leicht und mitreißend zu lesen ist. Bloß ganz am Anfang war ich zunächst etwas skeptisch, kam es mir doch etwas unrealistisch vor, dass Rahel schon kurz nach dem Aufwachen zu recht humorvollen Gedankengängen in der Lage ist…ob man in so einer Situation überhaupt auch nur einen halbwegs klaren Gedanken rauskriegt, halte ich für fragwürdig. Allerdings war das der einzige Teil des Buches wo ich am Realismus der Darstellung zweifelte, die Beschreibung der restlichen Monate bis Jahre von Rahels langsamer und mühsamer Genesung wirken für mich als Laie sehr glaubwürdig und realistisch dargestellt.

Der Roman fokussiert sich weniger darauf sich mit dem Thema Krankheit und „schweres Schicksal“ zu beschäftigen, sondern damit wie Rahel mit ihrer neuen Lebensrealität (Betablocker, lange Krankenhausaufenthalte, Reha, den Versuch im Berufsleben wieder Fuß zu fassen, Beziehungsprobleme und ganz normaler Alltag, Belastung für die Familienmitglieder und Geldsorgen …) zurecht kommt und im Weiteren mit einer Aufarbeitung ihres Lebens vor der „Katastrophe“. Zusätzlich zur Krankheit kommt nämlich noch dazu, dass Rahel so einiges komisch vorkommt, warum verhielt sich ihr Freund Olli  so komisch und will nicht über die Zeit vor der Krankheit reden und warum hat sie schwammige Erinnerungen an einen Streit? Während Rahel langsam wieder ins Leben zurückfindet, versucht sie sich daran zu erinnern wie ihre Beziehung vor dem Krankenhausaufenthalt so lief, ihre Auseinandersetzungen mit ihrem Leben als Drehbuchautorin am Rande der schillernden Promi-Welt liefern dabei nebenbei auch noch interessante Einblicke ins Showbiz und die Welt der A- und B-Promis, die sehr unterhaltsam sind und die auch einen fundierten Hintergrund haben dürften, denn „Wir von den anderen Seite“ ist Anika Deckers erster Roman, davor aber erlangte sie Bekanntheit durch Drehbücher für sehr erfolgreiche Deutsche Filme der letzten Jahre wie „Keinohrhasen“ und „Rubbeldiekatz“.

Mich hat das Buch hervorragend unterhalten und ich kann es definitiv weiterempfehlen.

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Autobiografie: „Abgeschminkt: Das Leben ist schön – Von einfach war nie die Rede“ von Ilka Bessin

Diese Woche möchte ich mal wieder eine Promi-Autobiografie vorstellen, nämlich die von Ilka Bessin (den meisten wohl eher unter dem Namen ihrer ehemaligen Kunstfigur „Cindy aus Marzahn“ bekannt). Ilka schrieb das Buch „Abgeschminkt: Das Leben ist schön – Von einfach war nie die Rede“ nachdem sie sich entschlossen hatte Abschied von ihrem künstlerischen Alter Ego „Cindy“ zu nehmen. Das Buch könnte deswegen auch als Übergang in einen neuen Lebensabschnitt gesehen werden.

Die Autobiografie ist sehr strukturiert in 4 Teile und damit auch Lebensabschnitte gegliedert, was mir sehr gefallen hat und auch sprachlich ist das Buch sehr präzise, sachlich und erfrischend selbstkritisch.

Der 1. Teil des Buches befasst sich mit Ilkas Kindheit und Jugend in der DDR. Sie stammt nicht wie Cindy aus Marzahn, sondern aus dem brandenburgischen Luckenfelde. Ihr Vater war Fernkraftfahrer und einer der wenigen, der auch Waren in den kapitalistischen Westen transportieren durfte. Ilkas Kindheit war also durchaus mit einigen Privilegien in Bezug auf West-Waren verbunden allerdings auch geprägt durch ein schwieriges beziehungsweise ambivalentes Verhältnis zu ihren Eltern und ihrer Schwester und durch Hänseleien von Mitschülern, denen sie dadurch begegnete, dass sie sich eine große Klappe und eine Rolle als „Klassenclown“ zulegte. Mir hat dieser Teil der Biografie sehr gut gefallen, da ich als „Westler“ noch nicht so viele Biografien aus der DDR gelesen habe und es da doch immer Neues zu entdecken gibt.

Der 2. Buchabschnitt beschäftigt sich dann mit Ilkas beruflichem Werdegang bevor sie ins Showbusiness gelangte, sie machte noch zu DDR Zeiten eine Kochlehre und weiter eine Ausbildung zur Hotelfachfrau und arbeitete dann auch jahrelang im Gastronomiebereich (zum Beispiel verschlug es sie zunächst in zwei Gaststättenbetriebe im Schwarzwald oder in die nicht mehr existente Restaurantkette „Planet Hollywood“ an die Ilka nur positive Erinnerungen hat). Aber auch erste Entertainment Erfahrungen konnte Ilka sammeln, arbeitete sie doch 2 Saisons lang als Animateurin auf der AIDA (laut ihren Erfahrungen auch ein Job mit Licht und Schatten).

Nachdem Ilka in ihrem letzten Restaurantjob eine Kündigung erhielt, beginnt der wohl schwierigste Lebensabschnitt und damit auch der 3. Teil des Buches, Ilka wird arbeitslos und bezieht mehrere Jahre Hartz4. Auch hier schildert sie ihre Eindrücke über die nicht sehr konstruktiven und wenig hilfreichen Treffen mit ihrer Job-Center-Mitarbeiterin (mit der Ilka nie richtig warm wird) und die aus der Arbeitslosigkeit resultierenden extrem schwierigen 4 Jahre. Wie aus dieser Situation heraus irgendwann Cindy aus Marzahn geboren wird und innerhalb doch recht kurzer Zeit zu einem Super-Hit wird, beschreibt Ilka auch in diesem Abschnitt des Buches: von den Anfängen im Quatsch Comedy Club bis hin zu ihrer ersten eigenen Tour und zahlreichen TV Auftritten erlebt Cindy einen rasanten Aufstieg.

Der letzte Teil des Buches beschäftigt sich dann mit der langsamen Abkehr von Cindy aus Marzahn, mit den privaten Schwierigkeiten die diesen Zeitraum auch stark beeinflussten (z.B. die Demenz-Erkrankung und spätere Tod ihres Vaters, sowie eine eher ungesunde Beziehung) und mit den Schattenseiten des Showgeschäfts und den negativen Charaktereigenschaften, die Ilka selbst dadurch entwickelt. Dabei ist sie durchaus sehr selbstkritisch und bescheinigte sich zum Beispiel ausgeprägte Star-Allüren. Ein Wendepunkt für ihre Entscheidung mit „Cindy aus Mahrzahn“ aufzuhören war wohl unter anderem eine Talkshowbesuch als Cindy aus Marzahn bei Markus Lanz in der sie ein Gespräch zwischen ihm und Julia Glöckler so aufregte, dass sie das starke Bedürfnis hatte sich in der Show gesellschaftspolitisch zu äußern, etwas das von der Kunstfigur Cindy aus Marzahn weder erwartet wird noch so richtig ernst genommen (die Kombination aus Markus Lanz und Julia Glöckler würde vermutlich auch mir den Rest geben :-P). Und Ilka wollte irgendwann nicht mehr nur als „lustige dicke Ulkfigur“ wahr genommen werden, was sich als Cindy eher nicht realisieren liess und auch bei Teilen des Publikums nicht unbedingt so gut ankam.

Mir hat das Buch jedenfalls hervorragend gefallen, es ist eine sehr gelungene Mischung aus privatem und beruflichen und jeder geschilderte Lebensabschnitt ist auf seine eigene Art und Weise interessant und berührend.

Wie immer wenn man Bücher aus dem Showbusiness liest erschließt sich einem nicht wirklich warum so viele Leute davon träumen berühmt zu werden, dann nach einem Traumjob klingt das oft nicht im Geringsten. Für Ilka war es wohl vor allem finanziell ein Lebensretter, allerdings kommen in dem Buch sonst nicht sehr viele positive Aspekte einer Showbusiness-Karriere rüber, es klingt eher nach dem typischen Haifischbecken als die die Showbranche ja oft beschrieben wird. Trotzdem klingt sie am Ende des Buches sehr mit sich im Reinen. Es wird interessant sein zu sehen, wie sie sich als Ilka Bessin langfristig im Showgeschäft schlagen wird (das Erstellen einer eigenen Show mit ihr selbst als Hauptfigur statt mit der Kunstfigur „Cindy“ scheint schwieriger zu sein als vermutlich anfangs angenommen), doch wie der Untertitel des Buches so schön sagt: „Das Leben ist schön – Von einfach war nie die Rede“