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Buch-Tipp: „Girl A“ von Abigail Dean

„Girl A“ von Abigail Dean wird vom Cover und auch vom Klappentext her tendenziell etwas in Richtung Thriller oder Krimi vermarktet, was dem Buch meiner Meinung nach nicht ganz gerecht wird, denn ich finde es handelt sich dabei eher um ein Psychogramm. Wenn man den Roman in das Genre Krimi/Thriller/Mystery einordnet passt psychologischer Krimi vermutlich noch am Ehesten.
Die Hauptperson des Romans ist Lex, die als Jugendliche zweifelhafte Berühmtheit erlangte als „Girl A“, dem Mädchen das es schaffte sich aus ihrem Horror-Elternhaus zu befreien, in dem ihr religiös fanatischer Vater und die passiv ergebene Mutter sämtliche Kinder der Familie zuletzt mit Ketten ans Bett gefesselt gefangen hielt. Lex ist ausgezehrt, geschwächt und benötige zahlreiche OPs, Physiotherapie und Psychotherapie, bevor sie genau wie ihre Geschwister von jeweils einer unterschiedlichen Pflegefamilie aufgenommen wird.

15 Jahre später ist Lex erfolgreiche Anwältin und lebt in New York. Als ihre Mutter im Gefängnis stirbt (der Vater beging direkt nach Lex‘ Flucht Selbstmord), wird sie zur Testamentsvollstreckerin benannt und setzt sich das Ziel ihre Geschwister davon zu überzeugen das ehemalige „Horror-Haus“ ihrer Kindheit in eine Begegnungsstätte umzuwandeln.

Die Erzählweise des Buches ist interessant, jedes Kapitel ist einem Geschwisterteil von Lex gewidmet, so dass man in jedem Kapitel mehr über die erwachsenen Geschwister und ihre Beziehung zu Lex erfährt, zusätzlich wird die Geschichte der Familie in Rückblenden kontinuierlich erzählt und aufgearbeitet, so dass man nach und nach erfährt wie eine zunächst fast normale Großfamilie vom religiösen Fanatismus und beruflichen Scheitern des Vaters schleichend in die Katastrophe getrieben wird. Anklänge an reale Fälle (wie vermutlich vor allem dem Fall der Turpins in Kalifornien) lassen das grausame Geschehen um so nachvollziehbarer wirken.

Das Buch hat hier oder da kleinere Schwächen: anfangs war es manchmal schwierig die vielen verschiedenen Personen, die in verschiedenen Zeitebenen und Episoden auftauchen auseinander zu halten. Außerdem habe ich die einzige und fürs Buch zentrale „überraschende Wende“ schon relativ früh erraten, was wie ich vermute doch einigen erfahrenen Lesers ebenfalls gelingen wird. Allerdings muss ich sagen, dass diese kleinen Abstriche für mich am Ende unerheblich waren, denn das Buch entwickelte für mich in der zweiten Hälfte so einen Sog, dass ich es an einem Abend verschlungen habe und es mir sogar noch im Bett nachhing, was mir wirklich schon lange nicht mehr passiert ist. Der Autorin gelang es, dass man richtig in die kaputte Familie und Lex‘ Psyche hineingezogen wird und am Ende beinahe zusammen mit ihr in das Horror-Haus ihrer Kindheit zurückkehrt. Aus diesem Grund fand ich das Buch letzendlich trotz der Schwächen fast perfekt und würde es jedem empfehlen, der keinen 08/15 Thriller erwartet und komplexe außergewöhnliche Geschichten mag.

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Buch-Rezi: „Wetter“ von Jenny Offill

„Wetter“ von Jenny Offill ist ein außergewöhnlicher Roman, der stilistisch eher dem Ausdruck einer Gefühlslage entspricht, als dass er eine ausgeprägte Handlung besitzt. Er nimmt uns mit in das Leben von Lizzie, einer Bibliotheksangestellten, die mit ihrem Mann und ihrem jungen Sohn irgendwo in den USA lebt. Lizzie zieht irgendwie Menschen und deren Sorgen an, die der Kunden in ihrer Bibliothek, die ihres durch die Konkurrenz gebeutelten selbständigen Taxi-Fahrers, die ihres wiederholt drogensüchtigen Bruders, der eigentlich grad dabei ist sein Leben in den Griff zu kriegen, zu heiraten und ein Kind zu kriegen, aber mit dieser neuen Stabilität auch nicht zurecht kommt. Um so passender, dass sie als Nebenjob auch noch die Fanpost ihrer Mentorin Silvia übernimmt, die eine Art soziologischen Podcast zum Thema Klimawandel hat. Kein Wunder, dass Lizzies Gedanken auch im Privaten immer mehr um die Apokalypse zu kreisen beginnen.–

Das Buch schafft es hervorragend eine Bedrohungskulisse aufzubauen, die alleine aus Lizzie’s Gedankenwelt besteht, über ihrem eher normalen und tristen Alltag steht ständig die Sorge um die Zukunft, Klimawandel, politische Wahlentscheidungen, Prepper Tipps und die ganz konkreten Sorgen um ihren Bruder und dessen Unvermögen im normalen Alltag mit Frau und Baby zurechtzukommen. So liest sich das Buch, das mehr oder weniger aus kurzen Alltagsgedanken und Episoden besteht wirklich sehr mitreissend und erzeugt ein gewisses Unbehagen dadurch, dass sich vermutlich jeder in den letzten Jahren in einigen Gedanken von Lizzie wiederfindet. Das Buch erinnert mich ein bisschen an die Gedankenlage vieler im Jahre 2016, denn damals schienen wirklich nur Hiobsbotschaften von Trumps drohender Wahl, Klimaveränderungen und Terroranschlägen auf einen einzuprasseln.
5 Jahre später ist Trump allerdings schon wieder weg, an den Klimawandel hat man sich so langsam gewöhnt und selbst eine globale Pandemie scheint schon fast wieder überstanden. Vielleicht weiß ich dank der dadurch gewonnenen Gelassenheit nicht so recht, was die Autorin mit ihrem Buch eigentlich genau sagen wollte und warum Lizzie sich aus ihrer ausgesprochen privilegierten Situation so in apokalyptische Fantasien reinsteigert, vielleicht bleiben diese Fragen auch absichtlich komplett offen. Auf jeden Fall ist „Wetter“ ein interessantes Leseerlebnis, das aber vermutlich nicht jedermanns Geschmack treffen wird.

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Buch-Tipp: „Der Junge, der das Universum verschlang“ von Trent Dalton

„Der Junge, der das Universum verschlang“ von Trent Dalton ist ein außergewöhnlicher Roman aus Australien. Im Mittelpunkt steht der Junge Eli, der mit seinem älteren Bruder August, seiner Mutter und seinem Stiefvater Anfang der 1980er Jahre in einer sozialschwachen Gegend von Brisbane lebt.
August spricht seit einem traumatischen Ereignis aus der früheren Kindheit nicht mehr, malt aber mit Begeisterung Sätze und Wörter in die Luft und scheint manchmal fast prophetische Fähigkeiten zu haben. Das Umfeld der beiden Jungen ist nicht einfach, ihre Mutter und der Stiefvater sind zwar seit einiger Zeit selbst clean, dealen aber immer noch mit Heroin und auch sonst ist das familiäre Umfeld der beiden zwar einerseits erstaunlich liebevoll, andererseits aber auch sehr rustikal und teilweise gewalttätig. Da überrascht es fast nicht mehr, dass auch der Babysitter der beiden Jungs eine sehr außergewöhnliche Wahl ist: Slim Halliday, ein Ex-Häftling, der wegen Mord eingesessen ist und sich einen Ruf als Ausbrecherkönig gemacht hat, da ihm sogar 2x die Flucht aus dem legendären und berüchtigten australischen Gefängnis „Boggo Road“ gelang.
Slim ist sowas wie ein Mentor für Eli, der ihm hilft durch sein turbulentes Leben zu navigieren, in dem Eli und August trotzdem recht glücklich sind. Doch dann gerät alles aus den Fugen, als sich Elis Stiefvater mit dem Kartell- und Drogenboss Tytus Broz anlegt und Eli muss zeigen was wirklich in ihm steckt.

Die Sprache des Buches ist sehr bunt, manchmal fast blumig, dabei aber gleichzeitig derb und oft von Gewalt geprägt. Aber auch Humor kommt in dem Buch nicht zu kurz und Eli ist ein liebenswerter und charmanter Hauptcharakter. Auf mich wirkte die Handlung der Geschichte im Banden- und Drogenmilieu etwas überladen und teils ein bisschen wie eine „Räuberpistole“, auch die Fantasyelemente der Geschichte haben mich nicht ganz überzeugt bzw. ich hätte sie in diesem Roman nicht wirklich gebraucht.
Gerade da die Story des Buches doch teils etwas weit hergeholt wirkte, hat es mich überrascht zu erfahren, dass laut Eigenaussage des Autors ca. 50% des Buches autobiografisch sind und er darin seine eigenen Kindheitserinnerungen verarbeitet. Auch den Verbrecher und Ausbrecherkönig Slim Halliday gab es wirklich und tatsächlich kannte der Autor diesen als Kind, was wohl den Grundstein für seine Romanidee legte.

Insgesamt hat mich der Roman zwar sehr gut unterhalten, aber ich vermute, er hätte mir tatsächlich noch deutlich besser gefallen, wenn der Autor einfach etwas authentischer und weniger ausgeschmückt seine eigene Kindheit beschrieben hätte, denn das familiäre Umfeld des Romans wären auch für sich alleine stark genug für einen herausragenden Roman gewesen.

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Lese-Tipp: „Weiße Finsternis“ von Florian Wacker

„Weiße Finsternis“ von Florian Wacker ist ein historischer Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Im Jahr 1918 startete Roald Amundsen eine arktische Expedition mit seinem berühmten Forschungsschiff Maud. Mit an Bord waren 2 norwegische Männer aus Tromsö: Peter Tessem und Paul Knudsen. Nachdem die Maud in einem Winterquartier in Cape Chelyuskin am nördlichsten Zipfel von Russland im Winterquartier lag, schickte Amundsen die beiden Männer im Herbst 1819 auf dem Fußweg mit einem Schlitten und Schlittenhunden nach Süden zu dem Aussenposten Dikson (eine winzige Siedlung in der Region Krasnojarsk), um seine seine Post und Aufzeichnungen zu übermitteln. Doch die beiden Männer kamen nie an und blieben verschollen.

Diese tatsächliche reale Begebenheit wird in dem Buch Stoff für einen Roman, der die Geschehnisse aus 3 verschiedenen Perspektiven erzählt. Einmal begleiten wir Peter (der schon seit der Zeit auf dem Schiff an immer schlimmer werdenden Migräneanfällen leidet) und Paul durch ihren beschwerlichen Weg durchs Polareis und erleben ihren Überlebenskampf hautnah mit. Der zweite Teil der Geschichte wird aus Sicht des Leiters einer russischen Suchexpedition erzählt, die im Auftrag der norwegischen Regierung wenige Jahre später mit einigen Männern die Route der beiden Männer nachzuverfolgen versuchte und tatsächliche einige Fundstücke und zumindest die Leiche einer der beiden Männer fand (diese Expedition hat tatsächlich stattgefunden und entsprach nach meinen Recherchen auch ungefähr den Ereignissen im Buch). Und zuletzt erfährt der Leser die Gedanken von Liv, der Ehefrau von Peter, die mit den beiden Kindern zuhause in Tromsö schon längst jegliche Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Mann aufgegeben hat und versucht eine neue Perspektive für ihr weiteres Leben zu finden. Und auch für Paul ist Liv seit der Kindheit der beiden – auch dieser wird ein Teil des Buches gewidmet – eine ausgesprochen wichtige Person.

Durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven ist das Buch sehr vielseitig, einerseits historischer Abenteuerroman, andererseits fast eine klassische Liebes- und Dreiecksgeschichte. Trotzdem wirkt das Buch durchweg wie eine runde Sache und die verschiedenen Episoden und Erzählweisen wirken nie verwirrend. Mich hat das Buch hervorragend unterhalten und zum Nachdenken angeregt. Die Aufarbeitung und Schlußfolgerungen bezüglich der gescheiterten Reise von Peter Tessem und Paul Knudsen scheint sich nach meinen Nachforschungen aber sehr eng an den tatsächlichen Ereignissen zu orientieren. Wieviel hingegen von der Geschichte um Liv, Peter und Paul wirklich historisch belegt ist (wenn überhaupt irgendwas) weiß ich nicht, aber das ist für das Erzählen eines guten Romans ja auch überhaupt nicht maßgeblich. Für das Buch ist die Geschichte auf jeden Fall ein Gewinn.

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Lese-Tipp: „Der große Sommer“ von Ewald Arenz

„Der große Sommer“ von Ewald Arenz ist ein schöner Coming-Of-Age Roman über einen Jungen, der in den 1980er Jahren aufwächst. Am Beginn des Buches treffen wir den Ich-Erzähler Friedrich, Frieder genannt, auf einem Friedhof, er sucht dort melancholisch nach einem Grab und den nimmt den Leser zurück in einen ganz besonderen Sommer, als er 16 Jahre alt war.
Frieder wohnt mit 2 eher unkonventionellen Eltern und 5 Geschwistern in einem eher chaotischen aber liebevollen Haushalt. Da er aber seine Schullaufbahn sträflich vernachlässigt hat, ist die einzige Hoffnung auf Versetzung eine Nachprüfung nach den Sommerferien und anstatt mit der Familie in den Urlaub fahren zu dürfen wird Frieder dazu verdonnert die Ferien bei seiner Großmutter und seinem Stief-Großvater zu verbringen, um zu lernen. Vor Letzterem hat Frieder fast schon Angst, denn der renommierte Arzt für Bakteriologie ist ein eher harter kühler Mann, der Gefühle nicht nur nicht zeigt, sondern nichtmal zu haben scheint. Frieder ist also erstmal wenig begeistert von der Idee, Trost gibt ihm seine Schwester Alma, die ebenfalls in der Stadt bleibt, sowie sein bester Freund Johann. Und dann ist da noch Petra, die Frieder im Freibad kennen lernt und in die er sich unsterblich verliebt.

So begleiten wir Frieder durch seinen letzten großen Sommer, der bittersüß, glücklich und traurig ist und in dem er sich nicht nur mit den Themen Liebe und Freundschaft auseinander setzen muss, sondern mit der Zeit auch immer mehr über die Großeltern erfährt. Bald sieht er sogar seinen spröden Großvater mit ganz anderen Augen…

Der Stil des Buches ist sehr poetisch, leicht und gleichzeitig tiefgründig, einfach ausgesprochen besonders. Teilweise fand ich Frieder für einen 16-jährigen der in den 80er Jahren aufwächst fast etwas ZU reflektiert, so klingt die Geschichte vielleicht doch etwas mehr nach dem erwachsenen Frieder am Grab (auch wenn Frieder und seine Freunde so einige ausgesprochen teenager-hafte Dummheiten begehen). Aber insgesamt hat das mein Lesevergnügen kein Bisschen getrübt, zu schön und mitreissend sind die Charaktere und die Geschichte dieses Buches. Somit ist das definitiv eines meiner größten Lese-Highlights in 2021.

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Young Adult Tipp: „Die Liebesbriefe von Abelard und Lily“ von Laura Creedle

„Die Liebesbriefe von Abelard und Lily“ von Laura Creedle ist ein typischer Young Adult Roman, in dem sich 2 Außenseiter im High School Alter ineinander verlieben. Dieses Genre ist im Young Adult Bereich seit Jahren sehr beliebt, so dass immer etwas die Gefahr besteht, dass sich die Bücher sehr ähneln. Aber „Die Liebesbriefe von Abelard und Lilly“ haben mich definitiv begeistert, vor allem wegen der Charaktere. Lily hat ADHS oder zumindest eine ADHS artige Störung und deswegen immer Probleme mit ihrer Impulskontrolle, Aufmerksamkeit und dem Erfüllen von Aufgaben im Schulalltag.

Außerdem vermisst sie ihren Vater, der die Familie vor einigen Jahren verlassen hat und verträgt ihre ADHS-Medikamente nicht besonders gut. Insgesamt ist die Schule für Lily also aktuell eher kein Quell der Freude, auch wenn ihre beste Freundin immer für sie da ist.
Doch als sie eines Tages ausversehen gemeinsam mit ihrem Mitschüler Abelard (der zwar hochintelligent ist, aber eine autistischen Störung hat) eine Schiebetür in der Schule kaputt macht, lernen die beiden sich beim Nachsitzen näher kennen und verlieben sich ineinander.

Für Lily ändert das viel, denn zum ersten Mal fühlt sie sich von jemanden genauso angenommen wie sie ist, Abelard findet sie perfekt und auch wenn die Beziehung zu ihm nicht einfach ist (als sie einmal 15 Minuten zu spät zu einem Besuch kommt bekommt Abelard der mit Veränderungen nicht gut umgehen kann, gleich einen Anfall) schwebt Lily für ihre Verhältnisse auf Wolke 7. Doch dann bekommt Abelard ein Angebot, dass er fast nicht ablehnen kann…

Das Buch wird aus Sicht von Lily erzählt, die ihren Schul-, Freundes- und Familienalltag mit viel Ironie und Humor schildert. Lily und Abelard sind tolle und sympathische Charaktere und man kann sich mit ihnen und Lilys Problemen sehr gut identifizieren. Für mich deswegen ein sehr liebeswertes, leichtes und gelungenes Buch, das ich in Windeseile verschlungen habe.

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Krimi-Tipp: „Die Frau vom Strand“ von Petra Johann

„Die Frau vom Strand“ von Petra Johann spielt in einem beschaulichen Küstenstädtchen an der Ostsee. Rebecca lebt dort mit ihrer Frau Lucy und ihrer kleinen 5 Monate alten Tochter in einem Haus fast direkt am Strand. Unter der Woche ist Rebecca mit ihrer Tochter meist allein, denn ihre Frau arbeitet in Hamburg als Geschäftsführerin einer Firma, die Computerspiele entwickelt und wohnt unter der Woche wegen der Pendelstrecke meist in einer Zweitwohnung vor Ort. Rebecca genießt die Ruhe am Meer, trotzdem freut sie sich als sie durch eine Zufallsbegegnung Julia kennen lernt, eine junge Frau die angeblich Urlaub an der Ostsee macht. Die beiden Frauen freunden sich rapide an und treffen sich jeden Tag. Um so erstaunter ist Rebecca als Julia nach einer Woche plötzlich genauso überraschend spurlos verschwunden ist wie sie plötzlich aufgetaucht ist. Erst versucht Rebecca sie wiederzufinden, doch bald geht ihr auf, dass Julia nicht der Mensch war für den sie sie gehalten hat…

Diese Vorgeschichte ist im Roman sehr intensiv in Form einer Ich-Erzählung von Rebecca erzählt, etwas überraschend schwenkt der Roman danach in einen klassischen Ermittlungskrimi um, der aus Sicht der leitenden Kommissarin erzählt wird (worin genau sie ermittelt möchte ich hier nicht verraten, um nicht zu viel zu spoilern), ein interessanter Stilbruch. Auch der Teil der aus Sicht der Kommissarin erzählt wird fand ich sehr atmosphärisch, dicht und voller interessanter gut ausgearbeiteter Charaktere. Die Einordnung des Buches als „Thriller“ finde ich hingegen nicht so sehr gelungen, da ich das Buch eigentlich für einen klassischen Krimi halte (was mir aber sehr recht ist, da ich Thriller eher selten wirklich mag und dem Buch nur wegen des spannend klingenden Klappentextes eine Chance gegeben habe).

Ingesamt haben ich sowohl Charaktere als auch Plot überzeugt und der Spannungsbogen ist so gelungen, dass ich das Buch innerhalb weniger Stunden verschlungen habe, immer ein klares Qualitätsmerkmal für einen Krimi. Petra Johann ist somit eine deutsche Autorin nach der ich in Zukunft öfter Ausschau halten werde.

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Buch-Tipp: „Hard Land“ von Benedict Wells

„Hard Land“ von Benedict Wells spielt in den 1980er Jahren in einer etwas heruntergekommenen Kleinstadt in Missouri. Der 15-jährige Sam lebt dort mit seinem Vater und seiner Mutter, die seit mehreren Jahren an einem Hirntumor leidet. Die ständige Angst vor dem Tod seiner Mutter belastet Sam und auch sonst war seit Teenager-Leben bisher geprägt von seiner Schüchternheit und Angststörungen. Doch als er sich im lokalen Kino um einen Sommerferien-Job bewirbt, um zu vermeiden, dass er über den Sommer zu Verwandten geschickt wird, verändert sich sein Leben. Denn dort arbeiten auch 3 ältere Teenager, die überraschenderweise mit der Zeit zu guten Freunden werden und im Falle der charmanten Tochter des Kinobesitzers vielleicht sogar zu etwas mehr. Erstmals seit langem erlebt Sam unbeschwerte und lustige Tage und gewinnt mit der Zeit an Selbstbewusstsein, auch wenn die Sorgen um seine Familie weiterhin immer im Hintergrund lauern. Das Buch behandelt dabei alle klassischen Themen des Erwachsenwerdens, Freundschaft, erste Liebe, Zukunftssorgen, Heimat, Familie und Trauer, aber mit viel Leichtigkeit und einer schönen Prise Melancholie.

Das Buch kann man sicher als klassischen „Coming-of-Age“ Roman bezeichnen, ein Genre das sowieso schon immer zu meinen Lieblingsgenres gehört. Trotzdem sticht „Hard Land“ aus der Masse der Bücher positiv heraus, denn der Roman ist einfach überdurchschnittlich gut geschrieben, charmant, berührend und lustig und trotzdem auch sehr ernst, aber immer ohne deprimierend zu wirken. Sam ist ein toller Hauptcharakter, aber auch alle andere Charaktere sind lebendig und der Autor schafft es das Leben von Sam und seinen Freunden mit einer Leichtigkeit zu schildern, die die Zeit beim Lesen nur so verfliegen lässt. Auch die Darstellung des ländlichen Missouris wirkte auf mich sehr authenthisch (natürlich kann man das als Außenstehender gar nicht wirklich beurteilen), so dass ich sogar etwas überrascht darüber war, dass es sich bei Benedict Wells um einen Deutschen Autor handelt.

Für mich ist „Hard Land“ eines dieser raren Bücher, bei denen man wirklich traurig ist, wenn es zu Ende ist und man die Charaktere hinter sich lassen muss, von dem her ist das definitiv eines meiner absoluten Lese-Highlights 2021. Ich habe mir auch vorgenommen noch mehr Bücher des Autors zu lesen.

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Buch-Tipp: „Kein Feuer kann brennen so heiß“ von Ingrid Noll

Ingrid Noll ist in Deutschland sicherlich am Bekanntesten für ihren Krimi „Die Apothekerin“, der durch hinterlistigen schwarzen Humor zu bestechen wusste. Auch andere Krimis von Ingrid Noll haben mich mit ihrem subtilen Humor immer wieder gut unterhalten, doch die letzten Jahre hatte ich wenig von ihr gehört.

„Kein Feuer kann brennen so heiß“ ist nun ihr neu erschienener Roman, in dem die Altenpflegerin Lorina die Hauptrolle spielt. Lori ist nicht besonders gutaussehend und leidet seit ihrer Kindheit unter ihrer Tollpatschigkeit und einem nicht besonders ausgeprägten Selbstbewusstsein. Ein Handicap das sicher auch dadurch bestärkt wurde, dass sie auch in ihrer Familie als der Tollpatsch galt, nicht zu vergleichen mit ihrer hübscheren und beliebteren Schwester Carola. Doch zumindest beruflich läuft es für Lorina gerade gut, denn sie hat eine Stelle im Haushalt einer betuchten älteren Dame ergattert, die nach einem Schlaganfall Hilfe braucht. Lorina darf bei ihr wohnen, hat relativ moderate Arbeitszeiten und im Haus auch noch Gesellschaft des etwas weibstollen Masseurs Boris und der Haushaltshilfe Nadine. Lorina fühlt sich mit Beruf, Arbeitgeberin und dem sozialen Umfeld sehr wohl, doch als der charakterlich etwas spezielle Boris in ihrem Bett landet, überschlagen sich die Ereignisse bald…

Das Buch ist in lockerem Tonfall geschrieben und die Charaktere wachsen einem schnell ans Herz. Trotzdem hat mich das Buch nicht zu 100% überzeugt, denn als Krimi überzeugt es nicht wirklich und auch sonst fehlt der ganzen Geschichte etwas die Handlung. Es plätschert trotz kreativer Ideen alles etwas gefällig vor sich hin, doch den Biss der alten Krimis von Ingrid Noll findet man darin nicht wirklich wieder. So bleibt es eher ein netter Unterhaltungsroman für zwischendurch, der mir aber trotzdem recht gut gefallen hat.

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Buch-Tipp: „Ich bin Virginia Woolf“ von Pola Polanski

„Ich bin Virginia Woolf“ von Pola Polanski hat mich aus zwei Gründen angesprochen, erstens finde ich Leben und Werk von Virginia Woolf schon immer faszinierend, zweitens erinnerte mich die Beschreibung des Romans etwas an den Klassiker „Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen“ von Hannah Green, ebenfalls einer meines Lieblingsbücher. Die Assoziation passte auf jeden Fall, denn das Buch spielt sogar eine kleine Rolle in dem modernen sich ebenfalls mit Schizophrenie befassenden Roman von Pola Polanski. Die Hauptfigur des Romans ist Inka, die in Stuttgart vom Geld der Firma ihrer exzentrischen Eltern lebt (zugewiesen allerdings nur in monatlichen Brocken von 3000 Euro, die ihr ehrgeiziger und erfolgsorientierter Bruder ihr zukommen lässt) und ihre Tage recht ziellos in der alten Villa ihrer Familie verbringt. Die Eltern sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, als die beiden Kinder noch jung waren und so richtig auf die Reihe gekriegt hat Inka ihr Leben bisher nicht.

Sie ist aber überzeugt davon, dass in ihr eine brillante wenn nicht gar geniale Schriftstellerin schlummert, lediglich verhindert wird diese durch Inkas Schreibblockade, die sich leider so intensiv darstellt, dass Inka noch nie wirklich mehr als ein paar Worte oder ein Gedicht geschrieben hat. Doch das soll sich ändern, denn Inka fühlt sich nicht nur seelenverwandt mit Virginia Woolf (deren Werke sie stets bei sich hat), sondern ist inzwischen sogar überzeugt, dass sie eine Reinkarnation von Virginia ist. Als sie nach einem weiteren missglückten Schriftsteller-Versuch auf die Idee kommt eine hypnotische Rückführungstherapie bei dem charismatischen Julian zu buchen, nimmt das Unheil seinen Lauf und Inka verliert sich immer mehr in ihrer Wahnvorstellungen…

Was nun ziemlich abgedreht und düster klingt, macht trotzdem einen sehr unterhaltsamen Roman aus. Inka ist nicht unbedingt eine super sympathische Hauptfigur aus, hat aber irgendwie trotzdem einen Charme und nimmt den Leser auf einen Trip in ihre Vorstellungen mit, der sowohl amüsant als auch erschreckend ist.