Bücher

Buch-Tipp: „Vogel mit Licht“ von Susanne Mesterharm

„Vogel mit Licht“ von Susanne Mesterharm ist ein außergewöhnliches Buch mit einem außergewöhnlichen Thema: es geht um Berit und wie im Untertitel „Geschichte einer multiplen Persönlichkeit“ schon ersichtlich ist, hat diese eine Dissoziative Identitätsstörung (früher multiple Persönlichkeitsstörung genannt). 

Manchmal fehlen Berit ganze Tage, Wochen oder sogar Monate. Sie hat ein „Radio“ im Kopf und hört ständig Stimmen. Trotzdem schafft sie es im Alltag einigermaßen zu funktionieren und zu studieren, auch wenn ihr ihre anderen Innenpersonen immer wieder Steine in den Weg legen, wenn sie mal wieder das Steuer übernommen haben. Wie Berit damit umgeht schildert dieser Roman intensiv, manchmal auch humorvoll und sehr überzeugend. 

Ich war sehr beeindruckt wie einfühlsam die Autorin Berits Leben und ihre verschiedenen Innenpersonen beschreibt und vor allem wie stark das Buch sprachlich ist, sogar abgesehen vom wirklich interessanten und berührenden Inhalt hat mich das Buch auch  mit der Sprache unheimlich abgeholt: poetisch, klar und feinfühlig. Das hatte ich zugegebenermaßen nicht unbedingt erwartet, da das Buch im Self-Publishing erschienen ist und es der Debütroman von Susanne Mesterharm ist. Es gibt zwar auch ein, zwei Stellen wo man kleinere Lektoratsfehler finden kann (z.B. spricht Berit bei einem Vergleich von Gigabytes von Daten obwohl die Handlung soweit ich es richtig erkannt habe ca. in den 1990er Jahren spielt, wo das keine üblichen Datenmengen waren), aber im Verhältnis dazu wie stark das Buch insgesamt ist, sind solche Kleinigkeiten absolut irrelevant. Auch schafft es die Autorin Berits persönliche Weiterentwicklung beim Handling von Beruf, Freundschaft, Therapie und Liebesleben wirklich schlüssig darzustellen. Außerdem behandelt das Buch zwar unfassbar schlimme Traumata, aber da Berit immer Menschen in ihrem Leben hat, die wirklich für sie da sind (z.B. ihre Freundin Frida und ihre Therapeutin) bleibt das Buch immer hoffnungsvoll und wirkte auf mich nie deprimierend oder zu belastend (für Menschen mit ähnlichen Traumata könnte es allerdings zu triggernd sein).

Ich war am Ende sehr beeindruckt wie authentisch die Autorin über diese komplexe Thematik schreibt, was sich aber erklärt nachdem ich im Epilog gelesen habe, dass die Autorin Psychotherapeutin ist und mit Menschen mit DIS gearbeitet hat. 

Dass das Buch einen Selfpublishing Buchpreis gewonnen hat wundert mich nach der Lektüre nicht und ist absolut verdient!

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „The Exes“ von Leodora Darlington

Den Thriller „The Exes“ von Leodora Darlington habe ich als Hörbuch gehört. Von dem Buch habe ich mir einen etwas außergewöhnlichen Roman versprochen, keine 08/15 Krimi- oder Thrillerkost. Diese Erwartung wurde auch durchaus erfüllt. Auch wenn ich das Buch vielleicht nicht unbedingt als Thriller einordnen würde, dafür passiert meines Erachtens vielleicht etwas zu wenig Aufregendes. Wenn dann passt auf jeden Fall eher das Genre des psychologischen Thrillers der leisen Töne. 

Natalie, die Hauptperson, ist mit James verheiratet, doch zu Beginn des Buches fängt die Ehe schon an zu bröckeln, denn James hat entdeckt, dass Natalies Ex-Freunden die Beziehung zu ihr in der Vergangenheit scheinbar nicht gut bekommen ist, denn ganze drei von ihnen sind tot. James Misstrauen ist geweckt und Natalie muss sich zusammen mit ihrer Therapeutin ihrer Vergangenheit stellen und alte Wunden wieder aufreissen. 

Dabei weiß man als Hörer:in nie so richtig wem man trauen kann, denn Natalie ist eine sogenannte unzuverlässige Erzählerin, so stellt sich durchgängig die Frage: kann man ihrer Einschätzung und Darstellung der Geschichte trauen? Kann sie sich selbst trauen? 

Insgesamt hat mir die Geschichte wirklich gut gefallen, einziger Wermutstropfen für mich war, dass ein Charakter im Buch sich in seiner Rolle so unpassend verhält , dass mir irgendwie klar war, dass etwas mit dieser Person nicht stimmt, was einerseits etwas irritierend war und zweitens eine der Wendungen wenig überraschend ausfallen lies. 

Erzählt wird die Geschichte überwiegend aus der Ich-Perspektive von Natalie, dieser weit größte Teil des Buches wird gelesen von Sandrine Mittelstädt. Außerdem gibt es gegen Ende kurze Sequenzen aus Sicht von anderen Personen, gelesen von Benito Bause und Viola Müller (die aufgrund der wenigen „Sendezeit“ nicht wirklich dazu kommen besonders aufzufallen, aber auf jeden Fall auch gut lesen). Insgesamt fand ich die Sprecher:innen alle sehr gut, wenn auch etwas kühl von der Ausstrahlung. 

Bücher

Buch-Tipp: „John of John“ von Douglas Stuart

„John of John“ ist das dritte Buch des schottisch-amerikanischen Autors Douglas Stuart. Von seinen ersten beiden Romanen („Shuggy Bain“ und „Young Mungo“) habe ich gehört, aber sie bisher noch nicht gelesen, das werde ich aber definitiv nachholen, denn „John of John“ hat mich definitiv in seinen Bann gezogen.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die im Titel erwähnten zwei „Johns“. Cal (eigentlich John Calum), ist auf einer  kargen Hebriden-Insel aufgewachsen ist, zusammen mit seinem Vater John und seiner Großmutter mütterlicherseits. Um dem engen Leben als Tweed-Weber und Schafzüchter in einer ziemlich fundamentalistischen religiösen Gemeinde zu entkommen ist er zum Studium nach Edinburgh gezogen, wo er zwar mittellos, aber dafür offen schwul leben kann, etwas das bei seinem streng religiösen Vater niemals möglich wäre. Als dieser ihn nach  Hause zurückbeordert, weil es seiner Großmutter angeblich nicht gut geht, muss Cal sich mit seiner Familie auseinandersetzen. Ohne zu wissen, dass auch sein Vater John innerlich mit ganz eigenen Dämonen zu kämpfen hat.

Das Buch hat eine ruhige atmosphärische Erzählweise, die einen gedanklich wirklich auf eine karge und eingeschworene Insel versetzt. Und dem Autor gelingt das fast unmögliche: obwohl es eigentlich fast nicht möglich ist, den älteren John aufgrund seiner Handlungen zu mögen, wächst er einem im Laufe des Buches trotzdem irgendwie ans Herz, sobald man versteht wie er so geworden ist wie er ist. Die Leser:innen sind Cal dabei immer weit voraus, den bist fast zum Ende weiß er kaum was in seiner Familie und in seinem Vater vor sich geht. Die einzige leichte Schwäche des Buches war für mich dann auch, dass das Ende für mich trotz der über 500 Seiten Geschichte fast etwas zu schnell abgehandelt wurde. Ich finde tatsächlich das Buch hätte dem Verhältnis von Vater und Sohn am Ende noch etwas mehr Zeit geben können. So bleiben einige Handlungsstränge und Charakterentwicklungen besser aufgelöst als andere, aber das ist wirklich Meckern auf ganz hohen Niveau, insgesamt hat mich das Buch wirklich begeistert und ich freue mich richtig darauf mehr von dem Autor zu lesen. 

Bücher, gesellschaft

Jugendbuch-Tipp: „Warum du schweigst“ von Martin Schäuble

„Warum du schweigst“ von Martin Schäuble ist ein Jugendbuch über ein sehr wichtiges und auch sehr aktuelles Thema, nämlich sexueller Mißbrauch im Sport. Als Fan von Sportarten wie Eiskunstlauf und Kunstturnen ist man hier leider Schlimmes gewohnt: strukturelles Versagen, Systeme die Machtmissbrauch begünstigen und oftmals die Verweigerung von Verbänden Missstände tatsächlich sichtbar zu machen und aufzuklären. In Martin Schäubles Buch geht es um Mädchenfußball, aber die Erfahrungen sind wohl leider überall ähnlich.

Das Buch wird abwechselnd aus Sicht von Lena und Tim erzählt. Lena ist 16 und begeisterte Fußballspielerin in einer Jugendmannschaft. Tim findet Lena gut und traut sich am Anfang des Buches endlich sie um ein Date zu bitten. Doch in den nächsten Wochen merkt er, dass Lena sich merkwürdig verhält. Lena wiederum freut sich  zunächst, dass ihr etwas dröger älterer Trainer, der das Team nicht genug fordert durch Charly, einen jüngeren engagierten Trainer ersetzt wird. Doch schnell wird ihr unbehaglich zumute, denn Charly überschreitet Grenzen, kleinere und größere…

Der Roman hat mir wirklich gut gefallen, er behandelt natürlich heftige Themen, aber das ganze ist sensibel und sehr einfühlsam umgesetzt. Vom Schreibstil entfacht das Buch so einen Sog, dass ich es innerhalb eines Tages ausgelesen hatte. Der Wechsel zwischen Tim und Lena beim Erzählen gibt Leser:innen immer wieder eine kleine Verschnaufpause von Lenas Erfahrungen und zeigt außerdem auf wie auch ein aufmerksames und sich sorgendes Umfeld mit so einer Situation überfordert sein kann. Das Buch ist sehr wichtig und eignet sich sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene. Absolute Leseempfehlung!

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Das Signal“ von Ursula Poznanski

Heute will ich ein absolutes Hörbuch-Highlight vorstellen: „Das Signal“ von Ursula Poznanski. Die Autorin ist schon seit Jahren eine meiner absoluten Favoritinnen im Bereich Thriller und Krimis für Jugendliche und Erwachsene, da ihre Bücher immer innovativ sind, gut geschrieben, spannend und das bei gleichbleibend hohem Niveau. In vielen ihrer Thriller spielen moderne Technologien und teilweise auch Science Fiction Elemente eine Rolle, so ist das durchaus bei „Das Signal“, wobei die Technologien hier etwas profaner und alltäglicher daher kommen als in manch anderen Romanen: Die Innenarchitektin Viola Decker findet sich nach einem Unfall schockiert im Krankenhaus wieder, beim Einsturz ihres Weinkellers wurde sie unter Schutt begraben und verlor ein Bein. Warum sie in dem bekannterweise unsicheren Gewölbe unterwegs war, weiß sie nicht mehr. Ihr Mann, ein im TV bekannter etwas windiger Meinungsforscher kümmert sich auf den ersten Blick wundervoll um Viola, doch sie traut seiner Fürsorge nicht ganz. Vor allem nachdem er ohne Absprache eine unnahbare Pflegerin für sie engagiert und sie aus Sicherheitsgründen ins Erdgeschoss ihres Hauses verbannt, während er selbst im Schlafzimmer im Obergeschoss schläft.

Da Viola nicht mobil ist, stattet sie ihren Mann (und mit der Zeit noch so einiges mehr) mit GPS-Trackern aus und wird immer süchtiger danach zu verfolgen wo er sich aufhält. Doch bald stellt sie fest, dass zu viel zu wissen auch unliebsame Überraschungen bedeuten kann. Und immer noch bleibt das Rätsel was an dem Tag als sie ihr Bein verlor eigentlich genau passiert ist…

Mir hat das Buch wirklich hervorragend gefallen. Die Charaktere sind alle interessant und was mein Highlight war: Viola ist von Anfang an nicht das typische Thriller-Opfer, dass versucht sich gegen einen gefährlichen Bösewicht zu verteidigen, sondern eine durchaus selbst moralisch ambivalente Person mit einem starken eigenen Willen. Dadurch machte mir dieser Thriller deutlich mehr Spaß als die typischen 08/15 Krimis.

Getoppt wird das sowieso schon gute Buch noch durch Tessa Mittelstädt (vielen Zuschauer:innen bekannt als langjährige Assistentin im Kölner Tatort) als Sprecherin, die einen der besten Hörbuch-Jobs macht, die ich bisher gehört habe. Sie bringt die Geschichte und auch die Hauptperson wirklich zum Leben, so dass ich mir keine perfektere Art und Weise vorstellen könnte, dieses Buch zu konsumieren. 

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Unser Schmerz ist unsere Kraft“ von Christine Werner, Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek

Heute möchte ich ein ganz besonderes Kinder- und Jugend-Hörbuch (das aber absolut auch für Erwachsene genauso geeignet ist) vorstellen: „Unser Schmerz ist unsere Kraft“ von Christine Werner, Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek. Das Buch trägt den Untertitel „Neonazis haben unsere Väter ermordet“ und somit bekommt man schon eine Idee worum es geht: Gamze und Semiya sind die Töchter zweier der Männer, die von der rechtsextremen Terrorzelle NSU ermordet wurde. Die beiden lesen jeweils Vorwort und Nachwort des Hörbuches selbst, gelesen wird es sonst sehr sehr gut von Pegah Ferydoni, Aysima Ergün und Elisabeth Günther (letztere spricht Erklärtexte über die Ermittlungen und den anschließenden Gerichtsprozess die in die sonstige Hörbuchhandlungen Immer wieder erklärend eingebunden werden). 

Normalerweise höre ich bei Hörbüchern eher leichte Thriller und Krimis, da es mir schwer fällt mich auf komplexe Themen einzulassen, wenn ich nebenher Auto fahre oder andere Tätigkeiten ausführe. Allerdings dachte ich mir, da das Buch für Kinder und Jugendliche gedacht ist, wird die Erzählweise sicher zugänglich sein. Außerdem finde ich dass die NSU-Morde (und das damit zusammenhängende Staatsversagen) ein Thema sind das in Deutschland beschämend wenig Aufmerksamkeit bekommt. Die Opfer mussten jahrelang darum kämpfen überhaupt als unschuldige Opfer angesehen zu werden und Polizei und Behörden schlossen jahrelang aus, dass die Täter aus dem rechtsextremen Milieu stammen. Da heutzutage Rechtsextreme wieder erstarken und „konservative“ Politiker wieder primär damit beschäftigt sind rechtsextreme Gefahren klein zu reden ist so ein Buch wichtiger als je zuvor.

Und das Buch ist wirklich großartig. Gamze und Semiya erzählen aus ihrer Sicht wie die Morde an ihren Vätern ihr ganzes Leben aus den Bahnen warf, nicht nur wurden ihre geliebten Väter kaltblütig ermordet, noch dazu wurden ihre Familien unter den Verdacht gestellt, selbst irgendwelche kriminellen Verbindungen zu haben und die Aufklärung dauerte Jahre, nur um in einen extrem belastenden und unbefriedigenden Prozess zu münden. 

Natürlich ist das kein Buch zum Wohlfühlen, die Geschehnisse machen auch unheimlich wütend, trotzdem ist es kein hoffnungsloses Buch, zu viel Stärke strahlen die beiden Frauen aus. Ich finde das Buch sollte Pflichtlektüre in Schulen sein, ich habe selbst noch viel über die Geschehnisse damals gelernt, das ich noch nicht wusste. Auch wird das Hörbuch sehr lebendig rübergebracht und exzellent gelesen. Hundertprozentige Lese- oder Hörempfehlung 

Bücher

Buch-Tipp: „Spielverderberin“ von Marie Menke

„Spielverderberin“ von Marie Menke ist ein Roman, der sich mit drei jungen Frauen beschäftigt: Sophie, Lotte und Romy. Sophie und Lotte stammen aus der gleichen ländlichen Gegend im Süthland (eine Region, die mir überhaupt nichts sagte, was wie sich rausstellte daran liegt dass die Autorin sie erfunden hat) und kennen sich seit Kindertagen. Romy zieht erst später mit ihren Eltern aus München in die Region und ist aus Sicht von Sophie und Lotte ein faszinierendes Stadtkind. Während Lotte und Romy sich eng anfreunden, bleibt Sophie zunächst außen vor. Diese Konstellation ändert sich als Lotte aus offensichtlich psychischen Gründen Zeit in einer Klinik verbringen muss. Sophie und Romy nähern sich an und die ganze Freundschaftsdynamik ändert sich…

Der Hauptteil des Buches wird aus Sicht von Sophie ca 5 Jahre später erzählt, die drei Freundinnen sind inzwischen erwachsen, Sophie und Romy leben in Köln, während Lotte immer noch im Süthland wohnt. Angeregt durch einen Chat von Lotte treffen sich die drei erstmalig wieder, doch die Kluft die sich durch ein tragisches Ereignis vor 5 Jahren gebildet hat, stellt sich als unüberwindbar heraus. 

Das Buch spielt mit der Frage was genau damals zwischen den drei Freundinnen ereignet hat, was erst gegen Ende aufgelöst wird und als Spannungsbogen durchaus funktioniert. Trotzdem hat mich das Buch nicht zu 100% überzeugt, denn Sophie ist mir als Ich-Erzählerin einfach etwas zu ich-bezogen und anstrengend gewesen, ihre Obsession mit Romy wirkte für mich eher nervig, ihre Minderwertigkeitskomplexe bezüglich dem Aufwachsen auf dem Landleben irgendwie überzogen und künstlich überhöht (empfinde ich zumindest als jemand die selbst auf dem Land aufgewachsen ist so). Über Romy und Lotte erfährt man relativ wenig, ich denke mehrere Perspektiven hätten dem Buch mehr Vielschichtigkeit gebracht. 

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Death at Morning House“ von Maureen Johnson

„Death at Morning House“ von Maureen Johnson ist ein Mystery-Krimi für Jugendliche, der mich in jeder Hinsicht überrascht und überzeugt hat. Ich habe ihn als Hörbuch gehört, das sehr kompetent und angenehm von Katja Körber gelesen wird.

Im Mittelpunkt des Buches steht Marlowe Wexler, ein queerer Teenager. Marlowe hat einen Crush auf ihre Mitschülerin Akilah. Bei einem Date versucht sie Akilah mit einem romantischen Candlelight-Dinner zu beeindrucken, brennt dabei aber leider versehentlich das Cottage von Bekannten ab, in dem sie für diese in deren Abwesenheit als Ferienjob nach dem Rechten geschaut hat. Nach diesem Faux-Pax ist es mit der Romantik erstmal vorbei und Marlowe wird um der deprimierenden Realität zu entkommen ein Ferienjob als Tourguide im Morning House angeboten. Dabei handelt es sich um ein altes Anwesen auf einer Insel nahe der Grenze zu Kanada, das in den 1930er Jahren von dem fragwürdigen Arzt Dr. Ralston (mit einer Besessenheit für Eugenik und einem gesunden Lebensstil) und seinen (Adoptiv)kindern bewohnt wurde , bis zu dem Tag als unter tragischen Umständen zwei der Kinder zu Tode kamen. 

Als Marlowe bei ihrem Job ankommt und die anderen jugendlichen Tour-Guides kennen lernt, merkt sie schnell, dass es dort so einiges an Spannungen und Geheimnissen in Gegenwart und Vergangenheit zu entdecken gibt. Und dann kommt es auch noch zu einem mysteriösen Verschwinden…

Das Buch hat mir wirklich hervorragend gefallen, aus den folgenden Gründen: für einen Jugend-Krimi (und um ehrlich zu sein auch im Vergleich zu vielen Krimis für Erwachsene) ist das Buch unheimlich vielschichtig, es gibt zwei Erzählebenen die sich abwechseln, erstens Marlowes Erlebnisse in der Gegenwart und die Geschehnisse um die Familie Ralston in den 1930er Jahren. Beide Handlungsstränge sind interessant und am Ende gelingt es der Autorin auch beides glaubwürdig miteinander zu verbinden. Die Charaktere sind zahlreich aber trotzdem auch überwiegend sehr gut ausgearbeitet und der Stil ist unheimlich charmant, mit viel Humor und einer sympathischen und etwas vom Pech verfolgten „Heldin wieder Willen“. Definitiv ein großes Lese- oder Hörvergnügen.

Bücher

Buch-Tipp: „Die Routinen“ von Son Lewandowski

„Die Routinen“ von Son Lewandowski hat wegen dem Thema Turnsport meine Aufmerksamkeit erregt. Turnen ist ein Sport der mir ähnlich wie Eiskunstlauf zum Angucken sehr gut gefällt, der aber oft (wenn nicht immer) durch Trainingsmethoden und Abgründe so auffällt, dass man ihn eigentlich kaum mit gutem Gewissen verfolgen kann. Vor diesen Abgründen die Augen zu verschließen und alles Negative unter den Teppich zu kehren (wie es Sportverbände meist mit Begeisterung tun) kann aber nicht die Lösung sein und genau mit dieser Thematik beschäftigt sich „Die Routinen“ und zwar mit absolut eindringlicher, aufrüttelnder und trotzdem sehr poetischer und gefühlvoller Art und Weise. 

Der Roman hat zwei Erzählebenen: Das Mädchen Amik erzählt als Ich-Erzählerin in einzelnen Episoden ihre gesamte Turnkarriere nach: von dem jungen begeisterten Kind, das noch nicht weiß was sie erwartet, über die ehrgeizige Anfangszeit zum sportlichen Höhepunkt, über den Kampf gegen die eigene Pubertät, bis zum unvermeidlichen Absturz: dem altersbedingten Ersetzt werden durch neue junge unbedarfte talentierte Kinder mit vorpubertärem Körper, …dabei erleben die Leser:innen alles aus der emotionalen Sicht von Amik mit, ihre gestörte Beziehung zum eigenen Körper, der Machtmissbrauch durch Trainer und auch die komplizierten Gefühle gegenüber den Mitturnerinnen, eine Mischung aus Konkurrenzkampf und Gemeinschaft, schwankend zwischen Zusammenhalt und Eifersucht. Besonders berührend: Amiks Beziehung zu ihrer Zimmergenossin im Sportinternat, mit der sie ebenfalls in einer Symbiose zwischen „großer Schwester“ und „Neid“ verbunden ist. Durch dieses Einzelschicksal wird trotzdem auf großartige Art und Weise sichtbar, dass man als Einzelne in diesem System gefangen ist und weder sich selbst noch anderen helfen kann.   

Die zweite Erzählebene des Buches erzählt in deutlich sachlicherem Ton (beginnend mit Nadia Comaneci bis hin zu Simone Biles und zum Nasser-Prozess vor wenigen Jahren) wie Bela Karolyi es schaffte nicht nur in Rumänien, sondern wenig später auch in den USA jahrzehntelang mit missbräuchlichen Methoden als Star-Trainer zu fungieren, ohne dass jemals jemand sein Tun hinterfragte und wie lange es dauerte bis Athletinnen es langsam wagten gegen das was im Turnsport als „normal“ gilt ihre Stimme zu erheben. 

Mir haben beide Erzählstränge hervorragend gefallen und ich war unheimlich beeindruckt wie dieses Buch mit Fachwissen und Emotionen dermaßen treffsicher den Finger in die Wunde legt und das trotz nicht ganz einfacher Sprache mitreissend, berührend und kurzweilig ist. Für mich jetzt schon eines der absoluten Lese-Highlights 2026.

Bücher

Thriller-Tipp: „Belladonnas“ von Liann Zhang

„Belladonnas“ von Liann Zhang ist ein Thriller aus dem Influencer Milieu, der mich am Anfang ein kleines bisschen an „Yellowface“ erinnert hat, dann aber recht schnell eine andere Richtung einschlägt. Julie Chan lebt von einem schlecht bezahlten Job im Einzelhandel. Sie wurde als Zwilling geboren, doch nachdem ihre Eltern bei einem Autounfall starben wurden sie und ihre Zwillingsschwester Chloe getrennt. Während Julie bei ihrer lieblosen Tante aufwuchs, wurde Chloe von zwei reichen weißen Leuten adoptiert und startete als Teenager eine Karriere als Internet-Sternchen. Mit 23 Jahren ist sie nun eine durchaus sehr erfolgreiche Influencerin, deren Luxusleben Julie mit mehr oder weniger unverhohlenem Neid verfolgt. Kontakt haben die Schwestern kaum, erst recht nicht nachdem Chloe ihre Zwillingsschwester für eine tränenreiche Marketing Aktion missbrauchte. 

Umso verwunderter ist Julie als Chloe sie eines Tages aufgewühlt anruft. Nachdem sie ihre Zwillingsschwester in deren Apartment tot aufgefunden hat, ergreift sie die Gunst der Stunde,gibt sich als ihre Schwester aus und übernimmt von einem Tag auf den anderen deren Glamour-Leben…

Was etwas unglaubwürdig klingt (und vermutlich auch ist), funktioniert im Buch erstaunlich gut und während das Buch in der ersten Hälfte eher harmlos daher kommt und auch als Young Adult Thriller durchgehen würde, schlägt das in der zweiten Hälfte um und das Buch wird etwas durchgeknallt und ist durchaus nichts für schwache Nerven. Auch wenn die Handlung vielleicht insgesamt etwas wild ist, hat es mich hervorragend unterhalten und durchaus auch überrascht. Sympathische Charaktere sucht man in dem Buch eher vergeblich (auch Julie ist charakterlich nicht unbedingt die absolute Sympathieträgerin), aber das hat meinen Lesespaß nicht negativ beeinflusst, denn es passt zum Umfeld des Geschehens.