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Buchtipp: „Die beste Depression der Welt“ von Helene Bockhorst

„Die beste Depression der Welt“ ist der Debutroman der jungen Comedienne Helene Bockhorst. Die Protagonistin Vera hat vor einiger Zeit einen Blogeintrag über einen misslungenen Selbstmordversuch geschrieben, der viral ging und mit dem sie kurzzeitig eine große Aufmerksamkeit als Autorin bekam. Als Ergebnis davon gab’s 25000 Euro Vorschuß um einen Ratgeber zum Thema Depressionen zu schreiben. Das Problem daran: Vera hat eine (im Moment nur leichte bis mittelschwere) Depression und kann sich natürlich nicht aufraffen zu schreiben (an manchen Tagen ist schon Aufstehen oder Duschen eine Herausforderung die den ganzen Tag in Anspruch nimmt). Während sie ihren Verleger mit Ausreden hinzuhalten versucht oder gar nicht erst ans Telefon geht wenn er anruft (den Vorschuss gibt sie blöderweise schon großzügig aus), versucht sie auf jegliche Art und Weise sich zum Schreiben zu motivieren oder Material für ihr Buch zu sammeln. Sie rafft sich zum Beispiel zu Lach-Yoga, Thai-Massagen, dem Besuch einer Schamain und Meditationskursen auf. Unterstützt wird sie vor allem von ihrer resoluten Freundin Pony.

So wechseln sich Phasen der Ernüchterung, Resignation und Verzweiflung mit gelegentlichen Anstürmen von Tatendrang ab (einmal macht sich Vera sogar zu einer hoffentlich erleuchtenden Reise nach Japan auf).

Bissig, ironisch und mit viel Talent schildert Vera ihren Alltag zwischen Depression und dem Versuch ihr Buch zu schreiben. Trotz des schweren Themas ist das Buch unglaublich unterhaltsam und oft auch wirklich lustig, trotzdem wird das Thema Depression niemals verharmlost oder nicht ernst genommen und die Aufarbeitung von Veras Kindheit, dem Verlust  ihrer behinderten Schwester und der toxischen Beziehung zu ihrer Mutter ist sehr berührend.

Also ein Buch das sowohl sehr lustig als auch sehr traurig ist und für mich bisher eines der Lese Highlights 2020 war.

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Buchtipp: „Jägerin und Sammlerin“ von Lana Lux

„Jägerin und Sammlerin“ ist der zweite Roman von Lana Lux, deren Debut „Kukolka“ vor einigen Jahren schon viel Aufmerksamkeit bekommen hatte. Den Debutroman habe ich allerdings bisher nicht gelesen, nach der Lektüre dieses Romans kann ich mir aber sehr gut vorstellen ihn auch noch zu lesen.

In „Jägerin und Sammlerin“ geht es um die junge Alisa, deren Eltern mit ihr im Alter von 2 Jahren von der Ukraine nach Deutschland eingewandert sind. Zu Beginn des Buches steht Alisa knapp vor dem Abitur. Sie wohnt mit ihrer Freundin Mischa zusammen. Statt sich aufs Abi konzentrieren zu können, wird Alisa aber von ihrer bulimischen Eßstörung dominiert, die sie seit Jahren nicht in den Griff bekommt. Von ihrer Mutter, mit der sie eine komplizierte und belastete Beziehung verbindet, bekommt sie außer Vorwürfen und Unverständnis auch nichts zu hören und Mischa leidet selbst unter Magersucht und zieht Alisa eher noch weiter runter. Alisa schafft zwar das Abi, doch als Studentin gelingt es ihr noch weniger im Alltag zu funktionieren und die Eßstörung bekommt immer mehr die Übermacht über sie.

Im Buch wechseln sich Sequenzen über Alias aktuelles Leben mit Episoden aus Alisas Kindheit ab und wir erleben ihren Kampf gegen die Eßstörung hautnah mit . Im zweiten Teil des Buches kommt dann auch Alisas Mutter Tanya zunehmend zu Wort und wir erfahren mehr über deren Leben in der Ukraine und ihre eigenen Verletzungen und Hintergründe. Doch eine Versöhnung zwischen Mutter und Tochter scheint trotzdem bis zum Ende nicht in Sicht.

Der Schreibstil des Buches ist direkt, teils einfach, teils sehr emotional und in der 2. Hälfte wird der Erzählstil in der 3. Person auch noch durch Passagen in der Ich-Form abgelöst, nämlich immer dann wenn Alisa und Tanya ihre Vergangenheit in Form von selbstgeschriebenen Tagebucheinträgen aufarbeiten. Auch wenn der Stilmix an ganz wenigen Stellen etwas „wild“ auf mich wirkte, haben mich diese Passagen letztendlich am meisten überzeugt und das Buch entwickelt schnell einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann, für mich eine klare Leseempfehlung.