Bücher

Buch-Tipp: „Wütendes Feuer“ von Fang Fang

Fang Fang ist eine chinesische Autorin, die in Deutschland vor allem durch ihre „Wuhan Diaries“ über den von ihr miterlebten ersten Corona Lockdown in China bekannt wurde. Auch ich wurde durch dieses Buch auf sie aufmerksam und habe seitdem auch noch ihren Roman „Weiches Begräbnis“ gelesen, in dem es anhand eines Einzelschicksals um die brutale Landreform in China nach 1948 ging. Auch in „Wütendes Feuer“ werden gesellschaftliche Probleme, soziale und politische Verwerfungen und das Schicksal junger Frauen in China anhand eines sehr dramatischen Einzelschicksals dargestellt.

Im Mittelpunkt der Geschichte, die in den 1990er Jahren spielt, steht die junge Yingzhi, Tochter einer bäuerlichen Familie in der ländlichen Provinz. Schon direkt am Anfang des Buches wird klar, dass es mit ihr kein gutes Ende nimmt. Im Buch wird dann der Weg zu diesem Ende nachgezeichnet, schonungslos und direkt. Yingzhi ist eine etwas wilde, selbstbewusste junge Frau, die nicht das typische Leben eines jungen Mädchens auf dem Land führen will. Sie möchte selbstbestimmt leben, ihr eigenes Geld verdienen. Anfangs klappt das auch erstaunlich gut, sie wird Sängerin einer Schlagerband, die auf ländlichen Familienfesten heiß begehrt ist. Doch dann wird Yingzhi von einem flatterhaften jungen Mann schwanger, den sie zufällig kennenlernt und kann sich nicht wirklich gegen die dann doch traditionellen Moralvorstellungen der Landbevölkerung wehren. Sie heiratet ihn und zieht mit ihm zu den verhassten Schwiegereltern, die sie ablehnen.

Doch auch gefangen in dieser Situation möchte sie nicht aufgeben, weiter will sie ihr eigenes Geld verdienen, ein eigenes Haus bauen, um nicht mit den Schwiegereltern zusammen wohnen zu müssen. Während sie um ihre Träume kämpft, verspielt ihr Mann das ganze Geld und hängt den ganzen Tag trinkend mit seinen Kumpels rum. Yingzhis Wut und Frustration in Kombination mit den konservativen Vorstellungen der Schwiegereltern führt zu einer sich immer schlimmer aufbauenden Gewaltspirale.

Das Buch ist keine leichte Kost und für westliche Leser ist sicher auch die Sprache, die wenn es um Sex und Gewalt geht, sehr derb, direkt und explosiv ist etwas gewöhnungsbedürftig. Die ganze Geschichte ist generell sehr direkt und plakativ, doch wenn man sich darauf einlässt, finde ich Fang Fangs Romane extrem lesenswert, vor allem bieten sie einen sehr schonungslosen internen Einblick in eine fremde Kultur, die für Menschen aus Deutschland oft schwer zu verstehen ist.

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Buch-Tipp: „Die Molche“ von Volker Widmann

„Die Molche“ von Volker Widmann spielt in der Nachkriegszeit in einem kleinen bayerischen Dorf. Der 11-jährige Max ist mit seiner Familie „zugezogen“. Sein kleiner Bruder ist besonders, verträumt und introvertiert, hat einen Herzfehler und ist nicht gemacht für den rauen Umgang unter bayerischen Dorfkindern. An einem Wintertag wird Max’ Bruder von einigen Dorfbuben getriezt, die im ganzen Dorf den Ton angeben. Mit fatalen Folgen, Max’ Bruder flüchtet, Steine fliegen, Max’ Bruder stirbt. Max macht sich Vorwürfe das Geschehene nicht verhindert zu haben. Die Erwachsenen im Dorf entscheiden, dass der Junge an seinem Herzfehler starb, zu wild gespielt, nur die Kinder im Dorf wissen die Wahrheit. 

Max trägt seine Schuldgefühle mich sich herum, außerdem ist auch er im Dorf nicht gut integriert, die anderen Kinder finden ihn komisch und Tschernik, der für den Tod von Max’ Bruder verantwortlich ist, fängt an auch Max zu terrorisieren. Doch dann fängt Max an sich mit dem Bauernjungen Heinz und seinem Nachbarn Rudi anzufreunden und die Jungen beschließen irgendwann: jetzt ist Schluss mit dem Terror durch die älteren Jungen. Und dann sind da noch die Mädchen: die schöne Marga und die wilde Ellie, die Max beim Bonanza gucken auf die Pelle rückt…

Der Beginn des Buches ist wirklich stark und eindringlich und auch die Themen sind überzeugend, Schuld, die Nachwirkungen des Krieges auf die Erwachsenen im Dorf, Erwachsen werden und Freundschaft, die erste Liebe, die Entdeckung der Sexualität…

Trotzdem hat mich das Buch nicht ganz zu 100% überzeugt. Es hat mir zwar gut gefallen und war definitiv lesenswert und berührend, trotzdem fand ich die Sprache manchmal ein ganz kleines bisschen zu kitschig und verklärend, vor allem bei der Beschreibung der Freundschaft von Heinz, Rudi und Max. Der Wandel von Ausgrenzung zu voller Akzeptanz ging fast ein bisschen schnell und abrupt vonstatten. Außerdem hat das Buch zwei mal einen sehr abrupten Perspektivenwechsel, wo die Geschichte übergangslos von Max’ Ich-Perspektive zu einem Text wechselt, den das Mädchen Marga ebenfalls aus der Ich-Perspektive erzählt. So ganz ohne Übergang wirkt das zunächst verwirrend. Das ist aber nur eine kleine Kritik, es liegt vielleicht auch daran, dass das erste Kapitel des Buches so stark ist, dass der Rest dagegen fast ein kleines bisschen abfällt. Insgesamt aber eine lesenswerte Geschichte über eine Befreiung von Schuldgefühlen und Unterdrückung. Als Erstlingswerk sehr beachtlich, kleinere stilistische Schwächen kann der Autor sicher in Zukunft noch verbessern.

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Brunnenstrasse“ von Andrea Sawatzki

Das Hörbuch „Brunnenstrasse“ von Andrea Sawatzki habe ich mir ausgesucht, da ich Andrea Sawatzki als Schauspielerin schon immer sehr interessant finde. Außerdem mag ich autobiografische Bücher sehr gerne. Bei „Brunnenstraße“ handelt es sich aber nicht um eine komplette Autobiografie, sondern das Buch behandelt lediglich einen relativen kurzen – aber dafür um so einschneidenderen Abschnitt von Andrea Sawatzkis Kindheit und Jugend, nämlich primär die Jahre in denen sie mit ihrer Mutter den demenzkranken Vater betreute. Deswegen ist das Hörbuch auch nur etwas unter 4 Stunden lang. Andreas Kindheit ist ungewöhnlich, sie wurde die ersten Jahre von ihrer Mutter alleine aufgezogen, denn Andreas Vater war noch mit seiner ersten Ehefrau verheiratet, Andreas Mutter war seine Geliebte gewesen. Dieser einführende Teil des Buches lässt einen erschreckende Einblicke gewinnen, wie es in den späten 1960ern war, wenn man ein uneheliches Kind zur Welt brachte, aus heutiger Sicht unvorstellbar (so lebte Andrea ihr erstes Lebensjahr auf der Säuglingsstation eines Krankenhauses, da es ihrer Mutter, die eine Ausbildung zur Krankenschwester machte, nicht erlaubt war, das Kind mit ins Schwesternwohnheim zu nehmen. Es sollte nicht der Eindruck erweckt werden, dass dieser Lebensstil „in Ordnung“ sei). Trotzdem war Andrea in diesen ersten Lebensjahren im schwäbischen Vaihingen/Enz zufrieden. Doch ihre Mutter hatte die Hoffnung nie aufgegeben, doch noch mit Andreas Vater zusammen zu leben. Nach dem Tod von dessen Ehefrau wurde dieser Traum wahr. Doch leider erwies er sich nach relativ kurzer Zeit eher als Alptraum. Denn anstatt die Familie versorgen zu können, wurde Andreas Vater selbst zum Pflegefall.

Die Erinnerungen von Andrea an ihre Kindheit und die Zeit mit ihrem dementen Vater wird in kurzen Kapiteln erzählt, die einzelne nicht immer zeitlich linear erzählte Episoden aus Andreas Kindheit bevor sie zu ihrem Vater zog enthalten, sowie parallel ein grob chronologisches Fortschreiten von dessen „Verfall“. Der Ton ist dabei nüchtern und eindringlich, gepaart mit den Teils erschreckenden und erschütternden Vorgängen ist das Buch in Teilen harter Tobak, aber mir hat der sehr direkte Erzählstil gut gefallen, auch wenn es vor allem schwer ist nachzuvollziehen warum Andrea’s Mutter ihrer Tochter diese ein Kind völlig überfordernde Aufgabe so zumutete. 

Das Buch endet fast direkt mit dem Tod von Andreas Vater. In einigen Rezensionen habe ich gesehen, dass kritisiert wurde, dass Andrea Sawatzki wirklich nur nüchtern diese wenigen Jahre beschreibt, ohne nähere Infos wie sie es schaffte über diese Zeit hinweg zu kommen und sich zu der Frau zu entwickeln, die sie heute ist. Allerdings finde ich diese Kritik nicht berechtigt, denn mir war von Buchbeschreibung und Umfang völlig klar, dass diese Autobiografie sich nur mit einem Abschnitt der Lebensgeschichte beschäftigt.

Gelesen wird das Hörbuch von Andrea Sawatzki selbst, was sie wie von mir erwartet ganz hervorragend macht. Das Buch ist absolut lesens- und hörenswert, allerdings darf man keine „Feel-Good“-Geschichte erwarten.

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Buch-Tipp: „Das Marterl“ von Johannes Laubmeier

In „Das Marterl“ von Johannes Laubmeier kommt ein junger Mann in seine bayerische Heimatstadt zurück. Extra hat er abgewartet bis seine Mutter zu einer spirituellen Reise nach Asien aufgebrochen ist, denn der Grund für die Reise ist, dass der junge Mann sich endlich mit dem Tod des Vaters auseinander setzen will und dazu möchte er alleine sein. Dieser starb vor 10 Jahren bei einem Motorradunfall. Seitdem hat der Erzähler in Großbritannien gelebt, bevor er mit seiner Lebensgefährtin zurück nach Deutschland, aber nach Berlin, zog. In seinem Heimatort war er seitdem nur selten und den Tod des Vaters hat er nie richtig verarbeitet. Jetzt also ist er zurück in der Kleinstadt A. (die im ganzen Buch nur abgekürzt wird, aber von Erzählungen zu Geschichte und Sehenswürdigkeiten kann man die Stadt mit Google innerhalb von Sekunden identifizieren) und lässt sich erstmal mehr oder weniger treiben. Besucht Orte seiner Kindheit, den Unfallort, räumt den alten Schuppen seines Vaters aus, trifft ehemalige Freunde und Weggefährten und bekommt ganz langsam eine Verbindung zu dem Ort zurück, aber auch zu seinen Gefühlen von damals.

Die aktuelle Erzählung wechselt sich immer ab mit Episoden aus der Kindheit des Jungen, Erinnerungen an eine ganz normale Kindheit in der bayerischen Provinz, Erinnerungen an den Vater und an die Heimat.

Die Sprache des Buches ist dabei finde ich einfach nur wunderschön. Melancholich und authenthisch ohne dabei aufgesetzt oder übertrieben „literarisch“ zu sein, einfach nur intensiv und direkt, so dass das Buch wirklich sehr berührt und sowohl die Kindheit des Jungen lebendig werden lässt als auch die Stadt A. und das „typische“ bayerische Kleinstadtleben, das einerseits durchaus ironisch und kritisch betrachtet wird, aber trotzdem nie ablehnend oder wertend. Ein ganz großartiges Debut von einem sehr talentierten Autor.

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Buch-Tipp: „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ von Yade Yasemin Önder

Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ ist das Literatur-Debut von Yade Yasemin Önder. Der lyrische, teils wilde, sehr intensive Roman erzählt von Kindheit,Jugend und jungem Erwachsenenleben einer namenlosen Ich-Erzählerin. Die Mutter Deutsche, der stark übergewichtige Vater stammt aus der Türkei und ist laut der Tochter „zu fast nichts zu gebrauchen, das mit Schwerkraft zu tun hat“. Die ersten Jahre sind geprägt durch Erinnerungen an eine Familie, die nicht perfekt ist, die Ecken und Kanten hat, durchmischt mit vagen Erinnerungen an „Heimat“-Urlaube in der Türkei. Als der Vater bei einem Unfall mit einer Kreissäge stirbt, erfolgt ein Bruch, zurück bleiben Mutter und Tochter, die sich nicht verstehen, die sich aneinander reiben…Erzählt wird die Entwicklung nicht chronologisch, sondern in kurzen, intensiven Episoden, die in der Zeit springen und auch im Stil, manchmal ganz klar und realitätsnah, manchmal kreativ, absurd und eher wie ein Traum, künstlich übertrieben und manchmal schwer verständlich, trotzdem authentisch und berührend.

Die Themen des Buches sind Familie, Identität, Heimat, Körpergefühl, Essstörungen, Sex und Selbstfindung, sehr viel gepackt in ein Format, dass sicher vom Stil nicht jeden ansprechen wird, aber für mich sehr gut funktioniert hat, die Geschichte hat eine Sogwirkung, die Personen werden lebendig, obwohl man oft nur Bruchstücke erfährt. Ein spannendes und intensives Debut von einer Autorin, von der man hoffentlich noch viel hören wird.

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Buch-Tipp: „Rückkehr“ von Willi Achten

In „Rückkehr“ von Willi Achten kehrt der erwachsene Jakob in das Dorf seiner Kindheit in den bayerischen Alpen zurück. Warum erfährt der Leser nicht so richtig, nur dass Jakob seine Jugend im Dorf nie richtig verarbeitet hat. Über die Vergangenheit erfahren wir in Rückblenden mehr und mehr. Jakob, sein Vater und seine Freunde im Dorf waren links und umweltbewusst und die Pläne eines lokalen Unternehmers im Dorf die Spitze des Berges für eine neue Bergbahn zu sprengen, die dem Dorf zu mehr Tourismus und mehr Reichtum verhelfen soll, sind den jungen Menschen ein Dorn im Auge. Während sich der Widerstand gegen die Bergbahn immer mehr radikalisiert, entfernt sich Jakobs Mutter immer mehr von der Familie, sie versteht sich viel zu gut mit Jakobs gleichaltrigem Freund Bruno und Jakob hat einen unangenehmen Verdacht…außerdem ist er verliebt in Liv, die Tochter des lokalen Cafe-Besitzers, doch wieder scheint auch sein Freund Bruno es auf Liv abgesehen zu haben. Und selbst zu Jakobs Vater, einem Vogelliebhaber, scheint Bruno einen besseren Draht zu haben als Jakob. Zwischen Liebeswirren, Eifersucht und dem eskalierenden Konflikt durch die Bergbahn steuert alles auf einen dramatischen Höhepunkt hin.

Jahre später ist im Dorf wieder Ruhe eingekehrt und Jakob versucht seinen Frieden mit der Vergangenheit, mit Bruno und mit Liv zu finden.

Der Stil des Buches ist sehr poetisch und ruhig, eher melancholisch und es wird auch Natur- und Vogelbeschreibungen viel Raum gegeben. Das gibt dem Buch trotz der schwierigen Themen eine gewisse Leichtigkeit, die sich auch in dem sehr schönen Cover widerspiegelt. Trotzdem fand ich das Buch eventuell etwas zu überladen und etwas betont tiefgründig. So hat es mir zwar gut gefallen, aber vielleicht wäre bei der Geschichte etwas weniger noch mehr gewesen.

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Krimi-Tipp: „Der Tod der dreckigen Anna“ von Tina Seel

„Der Tod der dreckigen Anna“ von Tina Seel ist ein außergewöhnlicher Krimi. Aufmerksam wurde ich auf das Buch zuerst durch den auffälligen Titel und das interessant und wie ich finde einfach aber besonders attraktiv gestaltete Cover. Der Roman spielt in einem kleinen Dorf in der Pfalz im Jahr 1974 und basiert auf einem echten Mordfall, den die Autorin als Kind in ihrem eigenen Dorf miterlebte. Im Dorf wohnen 3 ältere Schwestern gemeinsam in einem Haus, etwas verwahrlost, etwas isoliert von den anderen Dorfbewohnern und als schrullig bis unangenehm bekannt. Innerhalb eines Jahres sterben zwei der Schwestern, zurück bleibt nur die etwas geistig behinderte Anna, die kaum spricht. Zwei Verwandte kümmern sich notdürftig um Anna, doch überwiegend lebt sie alleine im Haus der Schwestern und kommt mehr oder weniger zurecht. Am Heiligabend 1974 dann der Schock: als Anna nicht wie verabredet bei ihren Verwandten erscheint, finden diese sie ermordert und brutal zugerichtet in ihrem Haus vor.

Der Krimi wird dann auf verschiedenen Zeitebenen erzählt: in der Gegenwart versuchen die Kriminalpolizisten dem Täter auf die Spur zu kommen, außerdem wird schnell klar wie sehr dieser brutale Mord das Gleichgewicht in der eingeschworenen Dorfgemeinschaft durcheinander bringt. Dazwischen werden die Jahre und Monate bis zur Tat erzählt und wer der Täter ist bleibt dementsprechend dann auch nicht lange ein Geheimnis für den Leser. Um die Mördersuche wie in einem klassischen Krimi geht es aber in diesem Buch auch nicht, stattdessen stehen die Entwicklung des Täters und die Dorfbewohner im Mittelpunkt, es handelt sich also wohl eher um eine Mischung aus Psychogram und Dorfroman. Dazu kommt eine teilweise etwas derbe, aber authentische Sprache, die einen gefühlt direkt ins Jahr 1974 zurückversetzt und die den Roman besonders charmant aber auch eindringlich macht. Etwas überrascht war ich entsprechend auch wie sehr mich das Geschehen teilweise „mitgenommen“ hat, was vor allem daran liegt, wie überzeugend und plastisch die Autorin das Innenleben des Mörders gezeichnet wird, es gruselt einen teilweise richtig vor ihm. Für mich ist dieser Roman eine wirklich beeindruckende Debüt-Leistung der Autorin, die aus dem 08/15 Krimi-Material sehr positiv heraussticht.

Bücher

Buch-Tipp: „Meine Schwester“ von Bettina Flitner

„Meine Schwester“ von Bettina Flitner ist eine sehr bewegende Autobiografie, die für mich ein absolutes Lese-Highlight im Jahr 2022 darstellt. Bettina Flitner ist Fotografin und die Ehefrau (und davor jahrzehntelange Lebensgefährtin) von Alice Schwarzer. Im Mittelpunkt dieses Buches stehen jedoch die Erinnerungen an ihre Schwester und die gemeinsame Kindheit, denn Bettinas Schwester Susanne nahm sich im Jahr 2017 das Leben, wie Jahrzehnte davor schon ihre Mutter, die ihr Leben lang mit Depressionen kämpfte. Auch der Großvater der Mädchen war schon damit belastet. Eigentlich ein sehr trauriges Thema also, trotzdem erzählt diese Autobiografie mit viele Liebe, Humor und einem tollen Schreibstil von der Kindheit der beiden Mädchen, zwischen Waldorfschule, unkonventionellen Eltern, sehr unterschiedlichen aber von beiden Seiten der Familie charismatisch prägenden Großeltern, von einem halben Jahr in New York, Urlauben, ganz normalen Teenie-Sorgen und eben dem Leben mit der Depression der Mutter und später auch der Schwester. 

Dabei fühlt man sich der Familie immer ganz nah, trotzdem hat die Erzählung immer eine Leichtigkeit und Authentizität, die mir in noch nicht vielen Autografien so begegnet sind. Und abgesehen vom schweren Thema ist das Leben, der Hintergrund und die Geschichte dieser Familie auch einfach unheimlich interessant, egal ob es um kleine oder größere Themen geht.

Ich denke das Buch eignet sich eigentlich für fast jeden, für Menschen, die ebenfalls Familienmitglieder oder andere geliebte Menschen verloren haben, für Menschen die Depressionen besser verstehen wollen, aber auch einfach für jeden der gerne packende Autobiografien über familiäre Beziehungen liest. Von mir also eine klare Leseempfehlung!

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Heimweh“ von Graham Norton

„Heimweh“ von Graham Norton ist ein Hörbuch, das erstens wegen dem Setting in Irland mein Interesse geweckt hat und auch weil der bekannte Schauspieler Charly Hübner es liest. Der Roman spielt auf mehreren Zeitebenen, die Geschichte beginnt irgendwann in den 80ern in einer irischen Kleinstadt. 6 junge Menschen haben einen Tag am Strand verbracht, Bernie und David wollen am nächsten Tag heiraten und möchten noch einmal abschalten, dabei sind ihre Brautjungfer und deren Schwester, sowie der Arztsohn Martin und Connor, der einige Jahre jünger ist und eigentlich gar nicht zur Clique gehört, aber aus eher unerfindlichen Gründen an diesem Tag von Martin eingeladen wurde mitzukommen. Doch der Tag endet mit einer Tragödie, an einem Kreisverkehr kommt das Auto der junge Leute von der Straße ab, Bernie, David und die Brautjungfer sterben, ihre Schwester Linda bleibt für immer gelähmt. Nur Martin und Connor sind unverletzt geblieben. Vor allem für Connors Familie ein Tragödie, denn er hat den Wagen gefahren. Zwar kommt er mit einer Bewährungsstrafe davon, doch die Familie ist genau wie die Familien der Opfer für immer gezeichnet, der Pub von Connors Eltern hat kaum mehr Besuch, auch Connors Schwester Linda hat das Gefühl von allen beobachtet und abgelehnt zu werden. Als Connor zum Arbeiten nach England geschickt wird, ist sie heimlich erleichtert und als sich Arztsohn Martin dann auch noch für sie interessiert kann sie ihr Glück kaum fassen.

Jahre später sind Martin und Ellen verheiratet, Connor lebt inzwischen ein ganz neues Leben in New York als der Zufall (oder das Schicksal) ihn mit seiner Vergangenheit konfrontiert und das Leben aller Beteiligten durcheinander gewirbelt wird.

Der Titel „Heimweh“ hat etwas melancholisches und so würde ich auch den Grundton des Buches durchaus beschreiben, es ist eine traurige, schöne und herzerweichende Geschichte, die zeigt wie eine unnötige Tragödie und Geheimnisse das Leben von Menschen über Jahrzehnte lang beeinflussen kann. Es geht aber auch über gesellschaftliche und familiäre und ganz persönliche Weiterentwicklung. 

Gelesen wird das Buch von Charly Hübner wirklich grandios, er bringt die Geschichte und die Charaktere zum Leben und liest sehr warm und einfühlsam, für die Geschichte ist das geradezu perfekt. Ein rundum gelungenes Hörbuch und eine wundervolle Geschichte über Menschen. 

Bücher

Buch-Tipp: „Maxwells Dämon“ von Steven Hall

„Maxwells Dämon“ von Steven Hall ist nach dem gleichnamigen Gedankenexperiment aus der theoretischen Physik benannt und ein Roman bei dem es mir gar nicht so leicht fällt eine Rezension zu schreiben, denn zu schwierig fällt es mir die Handlung des Romans zu beschreiben. Der Schriftsteller Thomas Quinn steht Zeit seines bisherigen Lebens im Schatten seines übermächtigen, aber inzwischen verstorbenen Vaters Stanley Quinn, der ebenfalls Autor war. Aktuell befindet sich Thomas’ Leben auch sonst eher in Auflösung begriffen…sein Erstlingsroman war mäßig erfolgreich, seitdem hält sich Thomas eher schlecht als recht mit Auftragsarbeiten über dem Wasser. Seine Frau Imogen ist Wissenschaftlerin und aktuell für 6 Monate auf einer Forschungsstation auf den Osterinseln. Als sich der verschollene und schrullige Starautor Andrew Black, ein ehemaliger Schützling seines Vaters mit dem Thomas sich vor einigen Jahren angefreundet hatte, mit einem mysteriösen Brief bei Thomas meldet gerät dessen Leben vollends aus den Fugen. Als er dann auch noch die Stimme seines toten Vaters auf dem Anrufbeantworter hört und eine Romanfigur aus Andrews einzigem Beststeller-Roman im realen Leben sieht, weiß Thomas gar nicht mehr was er glauben soll und begibt sich auf die Suche nach Andrew Black, um herauszufinden ob dieser Hilfe braucht und was überhaupt los ist…

Das Buch ist sehr mysteriös geschrieben und erinnerte mich vom Stil her teils an alte mystische Geschichten im Stile von H.P. Lovecraft, wobei die Sprache trotz der teils sehr komplexen Themen nie kompliziert ist. Deswegen entwickelt das Buch auch einen starken Sog, dem man sich oft gar nicht entziehen kann. Dabei greift die Geschichte Themen wie Physik, religiöse Mythen und die Bedeutung der Literatur auf und vermengt sie zu einer Mischung aus Kriminalroman, mystischem Roman und philosophischem Roman bei der auch der Leser genau wie Thomas Quinn sich oft fragt was denn nun Realität ist und was Fiktion. Mir hat dieses Buch aber trotzdem oder gerade deswegen richtig Spaß gemacht und ich habe es in kürzester Zeit ausgelesen. Jedermanns Geschmack wird es aber vermutlich nicht treffen, weswegen es schwierig ist eine Empfehlung auszusprechen.