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Buch-Tipp: „Eine Frau bei 1000 – Aus den Memoiren der Herbjörg María Björnsson“ von Hallgrimur Helgason

Eine Frau bei 1000°“ von Hallgrimur Helgason habe ich mir als Lektüre ausgesucht, da mir schon das Buch „60 Kilo Sonnenschein“ vom gleichen Autor gut gefallen hat. Die außergewöhnliche Hauptfigur von „Eine Frau bei 1000°“ ist die 80-jährige Herbjörg Maria Björnsson, die an multiplem Krebs im Endstadium leidet und ihre letzten Lebensmonate als Untermieterin in einer Garage in Reykjavik verbringt, als Gesellschaft ihre Krankenpflegerin, eine Handgranate aus dem 2. Weltkrieg und ihr Laptop, das Tor zum Internet und somit zur ganzen Welt. Für ihr Ableben hat Herbjörg, genannt Herra, schon vorgesorgt, sie möchte verbrannt werden – bei 1000° geschieht das, hiervon rührt der Buchtitel – und hat sich direkt schon angemeldet für den 14. Dezember, länger möchte sie sowieso nicht mehr durchhalten…

Während Herra im Hier und Jetzt mit ihrer Familie hadert, das moderne Island mit zynischem und unerbittlichen Blick beschreibt und sich damit die Zeit vertreibt sich gegenüber allen möglichen jungen Männern auf der ganzen Welt bei Facebook als junge ehemalige Schönheitskönigin auszugeben und sie zu veräppeln, erzählt sie weiterhin in episodenhaften Rückblicken ihre Lebensgeschichte. Beginnend vom frühen Aufwachsen an der rauen Küste mit ihrer Mutter, die aus einfachen Verhältnissen stammt (der Vater der aus sehr privilegierten Verhältnissen stammt hat die junge Familie erstmal im Stich gelassen). Ihr Leben ändert sich massiv, als der Vater doch wieder auftaucht, doch nur kurzfristig zum Besseren. Denn Herras Vater zieht mit der Familie nach Deutschland und verfällt aufgrund einer irregeleiteten Heldenverehrerung Adolf Hitler, für den er als angeblich einziger Isländer in blinder Verehrung in den Krieg ziehen möchte. Herra wird in den Kriegswirren irgendwann von beiden Eltern getrennt und muss sich ganz alleine durchschlagen.

Das Buch wird in wechselnden Episoden in unterschiedlichen Zeitebenen erzählt und ist immer wild, extravagant, provokant, humorvoll, zynisch, aber durchaus auch bewegend und berührend und traurig. Der Zynismus wurde in einer Rezensionen die ich gelesen habe (das Buch erschien offenbar 2011 bereits einmal) kritisiert und als zu schwer erträglich kritisiert, eine Kritik die ich aber gar nicht nachvollziehen kann, denn gerade die Episoden die aus Sicht des Kindes Herras im 2. Weltkrieg erzählt werden sind keinesfalls zynisch oder gefühllos, sondern sehr direkt und damit auch zu Herzen gehend.

So entwirrt sich nach und nach Herras Lebensgeschichte und man bekommt immer mehr ein Gefühl für die zunächst so wehrhaft und unnahbar wirkende Frau.

Mir hat das Buch hervorragend gefallen, auch wenn es nicht immer leichte Kost ist. Es ist aber auch nicht immer schwere Kost, was es so besonders macht.

Für mich ist Hallgrimur Helgason ein Autor bei dem ich immer zugreifen werde.

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Buch-Tipp: „Mit Dir, Ima“ von Daniela Kuhn

„Mit dir, Ima“ von Daniela Kuhn ist ein sehr persönliches Buch. Die Schweizerin Daniela Kuhn erzählt darin die Lebensgeschichte ihrer Mutter (das hebräische Wort „Ima“ bedeutet „Mama“), einer Jüdin mit irakischen Wurzel, die in Israel aufwuchs und dann einen nicht-jüdischen Schweizer heiratete, dem sie in die Schweiz folgte. Diese Entwurzelung wäre vermutlich für jeden schon schwierig, doch Daniela’s Mutter ist auch noch psychisch krank, schon vor ihrer Heirat verbrachte sie in Israel einige Zeit in Kliniken. Sie hört Stimmen und leidet öfters unter Wahnvorstellungen (so ist sie irgendwann mal davon überzeugt, dass Prince Charles sie heiraten möchte), die Diagnose lautet Schizophrenie. Über 39x wurde Danielas Mutter im Laufe ihres langen Lebens (zum Erscheinen des Buches war sie über 80) in Kliniken eingewiesen oder liess sich freiwillig einweisen.

Im Mittelpunkt des Buches steht vor allem auch die Beziehung der Autorin mit ihrer Mutter, die in Kindheit und Jugend verständlicherweise oft von Ablehnung geprägt war, dann aber im Alter doch wieder intensiver wurde, schwierig und nervenaufreibend blieb. Aber trotzdem konnte die Autorin im Alter zumindest zeitweise die Nähe zu ihrer Mutter finden, die sie als Kind so schmerzlich vermisst hat.

Die erste Hälfte des Buches fand ich interessant, aber manchmal nicht ganz einfach zu lesen, denn die Lebensgeschichte der Mutter bleibt gefühlt sprunghaft, unvollständig und fragmentiert. Was aber mit Sicherheit daran liegen dürfte, dass das Leben der Mutter eben auch tatsächlich unstet und fragmentiert war und die Autorin die Erinnerungen aus eigenen Tagebucheinträgen und Tagebucheinträgen des Vaters rekonstruieren musste.

Im zweiten Teil erzählt die Autorin dann mehr aus der Gegenwart, wie die Mutter heute im Altenheim lebt, teilweise deutlich stabilisierter als früher, aber dennoch immer wieder in Kliniken eingeliefert werden muss und Mutter und Tochter eine gewisse Stabilität in ihrer Beziehung suchen. Diesen Teil fand ich deutlich eingänglicher und damit auch intensiver und weniger nüchtern erzählt. Am Ende wird auch noch darauf eingegangen wie die Corona-Krise quasi aus dem Nichts das zerbrechliche Gleichgewicht wieder störte, von einem Tag auf den anderen durfte die Autorin ihre Mutter nicht mehr besuchen, diese das Altersheim nicht mehr verlassen.
Die Autorin hat aufgrund dieser Erfahrungen ein Buch über das Besuchs- und Ausgehverbot während Corona in Schweizer Heimen geschrieben, in dem Betroffene ihre Geschichten erzählen konnten.

Mir hat das Buch insgesamt sehr gut gefallen, sicher kein einfaches Thema, aber ein sehr hilfreicher Einblick in den Alltag mit einer psychisch kranken Mutter.

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Buchtipp für Finnland-Fans: „Finne dein Glück“ von Bernd Gieseking

Finnland ist eines meiner Lieblings-Reiseländer, vor allem die Stadt Helsinki hat es mir angetan (auch wenn ich bisher leider erst 2x dort war, aber vielleicht kommt ja im Januar 2023 ein dritter Besuch hinzu, wenn dort die Eiskunstlauf-EM stattfindet), weswegen ich sofort auf das Buch „Finne dein Glück“ von Bernd Gieseking aufmerksam wurde. Der Autor hat bereits 2 weitere Bücher über Finnland geschrieben, die ich aber noch nicht gelesen habe. Der Aufhänger für „Finne dein Glück“ ist der jährliche „World Happiness Report“ in dem Finnland jetzt schon einige Mal in Folge den ersten Platz belegt hat. Bernd Gieseking machte sich also auf eine ca 1-monatige Reise durch Finnland auf (erst alleine, dann begleitet von seiner dazugestoßenen Lebensgefährtin), auf der er sich durch mehrere Interviews unter Unterhaltungen mit der Frage beschäftigen wollte, ob und warum die Finnen wirklich so viel glücklicher sind als der Rest der Welt.

Das Buch ist dadurch eine abwechslungsreiche Mischung aus Reiseführer (so ist z.B. am Ende jedes Kapitels ein kleiner Tipp abgedruckt, entweder für eine Sehenswürdigkeit, ein Museum oder irgendetwas anderes das man unbedingt ausprobieren sollte), persönlichem Erfahrungsbericht, Liebeserklärung und Gesprächen mit verschiedenen Menschen aus Finnland oder mit Menschen, die einen besonderen Bezug zu Finnland haben oder dorthin ausgewandert sind.
Bei den Tipps haben mir vor allem die Berichte über die vielen verschiedenen Museen gefallen, der Teil über Lappland (so weit in den Norden habe ich es leider noch nie geschafft) und natürlich alles über Helsinki, da ich dort selbst schon 2x war.

Ein paar kleinere Schwächen hat das Buch meiner Meinung nach allerdings auch, erstens ist die Finnland-Liebe des Autors selbst vielleicht manchmal doch selbst für einen Liebhaber ein bisschen sehr verklärt (auch wenn zugegebermaßen auch einige Schattenseiten Finnlands wie die Diskriminierung der Samen angesprochen werden), was aber durchaus auch liebenswert rüberkommt. Zweitens gab es ein bisschen viele Gespräche mit Menschen, mit denen der Autor langjährig befreundet ist, zu denen man als Leser aber nicht den gleichen Bezug hat.
Davon abgesehen ist es aber ein sehr amüsantes (sehr unterhaltsam fand ich z.B. die Beschreibung der kulturellen Unterschiede zwischen einem finnischen und typisch Deutschen Saunagang), abwechslungsreiches und informatives Buch.

Mir hat das Buch auf jeden Fall Lust auf einen weiteren Finnland Besuch gemacht (und Lust auf den Kauf einer Mumin-Tasse 😉 ) und ich denke für jeden Finnland-Liebhaber oder -Interessenten ist es eine definitive Leseempfehlung.

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Buch-Tipp: „Girl A“ von Abigail Dean

„Girl A“ von Abigail Dean wird vom Cover und auch vom Klappentext her tendenziell etwas in Richtung Thriller oder Krimi vermarktet, was dem Buch meiner Meinung nach nicht ganz gerecht wird, denn ich finde es handelt sich dabei eher um ein Psychogramm. Wenn man den Roman in das Genre Krimi/Thriller/Mystery einordnet passt psychologischer Krimi vermutlich noch am Ehesten.
Die Hauptperson des Romans ist Lex, die als Jugendliche zweifelhafte Berühmtheit erlangte als „Girl A“, dem Mädchen das es schaffte sich aus ihrem Horror-Elternhaus zu befreien, in dem ihr religiös fanatischer Vater und die passiv ergebene Mutter sämtliche Kinder der Familie zuletzt mit Ketten ans Bett gefesselt gefangen hielt. Lex ist ausgezehrt, geschwächt und benötige zahlreiche OPs, Physiotherapie und Psychotherapie, bevor sie genau wie ihre Geschwister von jeweils einer unterschiedlichen Pflegefamilie aufgenommen wird.

15 Jahre später ist Lex erfolgreiche Anwältin und lebt in New York. Als ihre Mutter im Gefängnis stirbt (der Vater beging direkt nach Lex‘ Flucht Selbstmord), wird sie zur Testamentsvollstreckerin benannt und setzt sich das Ziel ihre Geschwister davon zu überzeugen das ehemalige „Horror-Haus“ ihrer Kindheit in eine Begegnungsstätte umzuwandeln.

Die Erzählweise des Buches ist interessant, jedes Kapitel ist einem Geschwisterteil von Lex gewidmet, so dass man in jedem Kapitel mehr über die erwachsenen Geschwister und ihre Beziehung zu Lex erfährt, zusätzlich wird die Geschichte der Familie in Rückblenden kontinuierlich erzählt und aufgearbeitet, so dass man nach und nach erfährt wie eine zunächst fast normale Großfamilie vom religiösen Fanatismus und beruflichen Scheitern des Vaters schleichend in die Katastrophe getrieben wird. Anklänge an reale Fälle (wie vermutlich vor allem dem Fall der Turpins in Kalifornien) lassen das grausame Geschehen um so nachvollziehbarer wirken.

Das Buch hat hier oder da kleinere Schwächen: anfangs war es manchmal schwierig die vielen verschiedenen Personen, die in verschiedenen Zeitebenen und Episoden auftauchen auseinander zu halten. Außerdem habe ich die einzige und fürs Buch zentrale „überraschende Wende“ schon relativ früh erraten, was wie ich vermute doch einigen erfahrenen Lesers ebenfalls gelingen wird. Allerdings muss ich sagen, dass diese kleinen Abstriche für mich am Ende unerheblich waren, denn das Buch entwickelte für mich in der zweiten Hälfte so einen Sog, dass ich es an einem Abend verschlungen habe und es mir sogar noch im Bett nachhing, was mir wirklich schon lange nicht mehr passiert ist. Der Autorin gelang es, dass man richtig in die kaputte Familie und Lex‘ Psyche hineingezogen wird und am Ende beinahe zusammen mit ihr in das Horror-Haus ihrer Kindheit zurückkehrt. Aus diesem Grund fand ich das Buch letzendlich trotz der Schwächen fast perfekt und würde es jedem empfehlen, der keinen 08/15 Thriller erwartet und komplexe außergewöhnliche Geschichten mag.

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Lese-Tipp: „Weiße Finsternis“ von Florian Wacker

„Weiße Finsternis“ von Florian Wacker ist ein historischer Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Im Jahr 1918 startete Roald Amundsen eine arktische Expedition mit seinem berühmten Forschungsschiff Maud. Mit an Bord waren 2 norwegische Männer aus Tromsö: Peter Tessem und Paul Knudsen. Nachdem die Maud in einem Winterquartier in Cape Chelyuskin am nördlichsten Zipfel von Russland im Winterquartier lag, schickte Amundsen die beiden Männer im Herbst 1819 auf dem Fußweg mit einem Schlitten und Schlittenhunden nach Süden zu dem Aussenposten Dikson (eine winzige Siedlung in der Region Krasnojarsk), um seine seine Post und Aufzeichnungen zu übermitteln. Doch die beiden Männer kamen nie an und blieben verschollen.

Diese tatsächliche reale Begebenheit wird in dem Buch Stoff für einen Roman, der die Geschehnisse aus 3 verschiedenen Perspektiven erzählt. Einmal begleiten wir Peter (der schon seit der Zeit auf dem Schiff an immer schlimmer werdenden Migräneanfällen leidet) und Paul durch ihren beschwerlichen Weg durchs Polareis und erleben ihren Überlebenskampf hautnah mit. Der zweite Teil der Geschichte wird aus Sicht des Leiters einer russischen Suchexpedition erzählt, die im Auftrag der norwegischen Regierung wenige Jahre später mit einigen Männern die Route der beiden Männer nachzuverfolgen versuchte und tatsächliche einige Fundstücke und zumindest die Leiche einer der beiden Männer fand (diese Expedition hat tatsächlich stattgefunden und entsprach nach meinen Recherchen auch ungefähr den Ereignissen im Buch). Und zuletzt erfährt der Leser die Gedanken von Liv, der Ehefrau von Peter, die mit den beiden Kindern zuhause in Tromsö schon längst jegliche Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Mann aufgegeben hat und versucht eine neue Perspektive für ihr weiteres Leben zu finden. Und auch für Paul ist Liv seit der Kindheit der beiden – auch dieser wird ein Teil des Buches gewidmet – eine ausgesprochen wichtige Person.

Durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven ist das Buch sehr vielseitig, einerseits historischer Abenteuerroman, andererseits fast eine klassische Liebes- und Dreiecksgeschichte. Trotzdem wirkt das Buch durchweg wie eine runde Sache und die verschiedenen Episoden und Erzählweisen wirken nie verwirrend. Mich hat das Buch hervorragend unterhalten und zum Nachdenken angeregt. Die Aufarbeitung und Schlußfolgerungen bezüglich der gescheiterten Reise von Peter Tessem und Paul Knudsen scheint sich nach meinen Nachforschungen aber sehr eng an den tatsächlichen Ereignissen zu orientieren. Wieviel hingegen von der Geschichte um Liv, Peter und Paul wirklich historisch belegt ist (wenn überhaupt irgendwas) weiß ich nicht, aber das ist für das Erzählen eines guten Romans ja auch überhaupt nicht maßgeblich. Für das Buch ist die Geschichte auf jeden Fall ein Gewinn.

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Lese-Tipp: „Der große Sommer“ von Ewald Arenz

„Der große Sommer“ von Ewald Arenz ist ein schöner Coming-Of-Age Roman über einen Jungen, der in den 1980er Jahren aufwächst. Am Beginn des Buches treffen wir den Ich-Erzähler Friedrich, Frieder genannt, auf einem Friedhof, er sucht dort melancholisch nach einem Grab und den nimmt den Leser zurück in einen ganz besonderen Sommer, als er 16 Jahre alt war.
Frieder wohnt mit 2 eher unkonventionellen Eltern und 5 Geschwistern in einem eher chaotischen aber liebevollen Haushalt. Da er aber seine Schullaufbahn sträflich vernachlässigt hat, ist die einzige Hoffnung auf Versetzung eine Nachprüfung nach den Sommerferien und anstatt mit der Familie in den Urlaub fahren zu dürfen wird Frieder dazu verdonnert die Ferien bei seiner Großmutter und seinem Stief-Großvater zu verbringen, um zu lernen. Vor Letzterem hat Frieder fast schon Angst, denn der renommierte Arzt für Bakteriologie ist ein eher harter kühler Mann, der Gefühle nicht nur nicht zeigt, sondern nichtmal zu haben scheint. Frieder ist also erstmal wenig begeistert von der Idee, Trost gibt ihm seine Schwester Alma, die ebenfalls in der Stadt bleibt, sowie sein bester Freund Johann. Und dann ist da noch Petra, die Frieder im Freibad kennen lernt und in die er sich unsterblich verliebt.

So begleiten wir Frieder durch seinen letzten großen Sommer, der bittersüß, glücklich und traurig ist und in dem er sich nicht nur mit den Themen Liebe und Freundschaft auseinander setzen muss, sondern mit der Zeit auch immer mehr über die Großeltern erfährt. Bald sieht er sogar seinen spröden Großvater mit ganz anderen Augen…

Der Stil des Buches ist sehr poetisch, leicht und gleichzeitig tiefgründig, einfach ausgesprochen besonders. Teilweise fand ich Frieder für einen 16-jährigen der in den 80er Jahren aufwächst fast etwas ZU reflektiert, so klingt die Geschichte vielleicht doch etwas mehr nach dem erwachsenen Frieder am Grab (auch wenn Frieder und seine Freunde so einige ausgesprochen teenager-hafte Dummheiten begehen). Aber insgesamt hat das mein Lesevergnügen kein Bisschen getrübt, zu schön und mitreissend sind die Charaktere und die Geschichte dieses Buches. Somit ist das definitiv eines meiner größten Lese-Highlights in 2021.

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Young Adult Tipp: „Die Liebesbriefe von Abelard und Lily“ von Laura Creedle

„Die Liebesbriefe von Abelard und Lily“ von Laura Creedle ist ein typischer Young Adult Roman, in dem sich 2 Außenseiter im High School Alter ineinander verlieben. Dieses Genre ist im Young Adult Bereich seit Jahren sehr beliebt, so dass immer etwas die Gefahr besteht, dass sich die Bücher sehr ähneln. Aber „Die Liebesbriefe von Abelard und Lilly“ haben mich definitiv begeistert, vor allem wegen der Charaktere. Lily hat ADHS oder zumindest eine ADHS artige Störung und deswegen immer Probleme mit ihrer Impulskontrolle, Aufmerksamkeit und dem Erfüllen von Aufgaben im Schulalltag.

Außerdem vermisst sie ihren Vater, der die Familie vor einigen Jahren verlassen hat und verträgt ihre ADHS-Medikamente nicht besonders gut. Insgesamt ist die Schule für Lily also aktuell eher kein Quell der Freude, auch wenn ihre beste Freundin immer für sie da ist.
Doch als sie eines Tages ausversehen gemeinsam mit ihrem Mitschüler Abelard (der zwar hochintelligent ist, aber eine autistischen Störung hat) eine Schiebetür in der Schule kaputt macht, lernen die beiden sich beim Nachsitzen näher kennen und verlieben sich ineinander.

Für Lily ändert das viel, denn zum ersten Mal fühlt sie sich von jemanden genauso angenommen wie sie ist, Abelard findet sie perfekt und auch wenn die Beziehung zu ihm nicht einfach ist (als sie einmal 15 Minuten zu spät zu einem Besuch kommt bekommt Abelard der mit Veränderungen nicht gut umgehen kann, gleich einen Anfall) schwebt Lily für ihre Verhältnisse auf Wolke 7. Doch dann bekommt Abelard ein Angebot, dass er fast nicht ablehnen kann…

Das Buch wird aus Sicht von Lily erzählt, die ihren Schul-, Freundes- und Familienalltag mit viel Ironie und Humor schildert. Lily und Abelard sind tolle und sympathische Charaktere und man kann sich mit ihnen und Lilys Problemen sehr gut identifizieren. Für mich deswegen ein sehr liebeswertes, leichtes und gelungenes Buch, das ich in Windeseile verschlungen habe.

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Buch-Tipp: „Hard Land“ von Benedict Wells

„Hard Land“ von Benedict Wells spielt in den 1980er Jahren in einer etwas heruntergekommenen Kleinstadt in Missouri. Der 15-jährige Sam lebt dort mit seinem Vater und seiner Mutter, die seit mehreren Jahren an einem Hirntumor leidet. Die ständige Angst vor dem Tod seiner Mutter belastet Sam und auch sonst war seit Teenager-Leben bisher geprägt von seiner Schüchternheit und Angststörungen. Doch als er sich im lokalen Kino um einen Sommerferien-Job bewirbt, um zu vermeiden, dass er über den Sommer zu Verwandten geschickt wird, verändert sich sein Leben. Denn dort arbeiten auch 3 ältere Teenager, die überraschenderweise mit der Zeit zu guten Freunden werden und im Falle der charmanten Tochter des Kinobesitzers vielleicht sogar zu etwas mehr. Erstmals seit langem erlebt Sam unbeschwerte und lustige Tage und gewinnt mit der Zeit an Selbstbewusstsein, auch wenn die Sorgen um seine Familie weiterhin immer im Hintergrund lauern. Das Buch behandelt dabei alle klassischen Themen des Erwachsenwerdens, Freundschaft, erste Liebe, Zukunftssorgen, Heimat, Familie und Trauer, aber mit viel Leichtigkeit und einer schönen Prise Melancholie.

Das Buch kann man sicher als klassischen „Coming-of-Age“ Roman bezeichnen, ein Genre das sowieso schon immer zu meinen Lieblingsgenres gehört. Trotzdem sticht „Hard Land“ aus der Masse der Bücher positiv heraus, denn der Roman ist einfach überdurchschnittlich gut geschrieben, charmant, berührend und lustig und trotzdem auch sehr ernst, aber immer ohne deprimierend zu wirken. Sam ist ein toller Hauptcharakter, aber auch alle andere Charaktere sind lebendig und der Autor schafft es das Leben von Sam und seinen Freunden mit einer Leichtigkeit zu schildern, die die Zeit beim Lesen nur so verfliegen lässt. Auch die Darstellung des ländlichen Missouris wirkte auf mich sehr authenthisch (natürlich kann man das als Außenstehender gar nicht wirklich beurteilen), so dass ich sogar etwas überrascht darüber war, dass es sich bei Benedict Wells um einen Deutschen Autor handelt.

Für mich ist „Hard Land“ eines dieser raren Bücher, bei denen man wirklich traurig ist, wenn es zu Ende ist und man die Charaktere hinter sich lassen muss, von dem her ist das definitiv eines meiner absoluten Lese-Highlights 2021. Ich habe mir auch vorgenommen noch mehr Bücher des Autors zu lesen.

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Buch-Tipp: „Kein Feuer kann brennen so heiß“ von Ingrid Noll

Ingrid Noll ist in Deutschland sicherlich am Bekanntesten für ihren Krimi „Die Apothekerin“, der durch hinterlistigen schwarzen Humor zu bestechen wusste. Auch andere Krimis von Ingrid Noll haben mich mit ihrem subtilen Humor immer wieder gut unterhalten, doch die letzten Jahre hatte ich wenig von ihr gehört.

„Kein Feuer kann brennen so heiß“ ist nun ihr neu erschienener Roman, in dem die Altenpflegerin Lorina die Hauptrolle spielt. Lori ist nicht besonders gutaussehend und leidet seit ihrer Kindheit unter ihrer Tollpatschigkeit und einem nicht besonders ausgeprägten Selbstbewusstsein. Ein Handicap das sicher auch dadurch bestärkt wurde, dass sie auch in ihrer Familie als der Tollpatsch galt, nicht zu vergleichen mit ihrer hübscheren und beliebteren Schwester Carola. Doch zumindest beruflich läuft es für Lorina gerade gut, denn sie hat eine Stelle im Haushalt einer betuchten älteren Dame ergattert, die nach einem Schlaganfall Hilfe braucht. Lorina darf bei ihr wohnen, hat relativ moderate Arbeitszeiten und im Haus auch noch Gesellschaft des etwas weibstollen Masseurs Boris und der Haushaltshilfe Nadine. Lorina fühlt sich mit Beruf, Arbeitgeberin und dem sozialen Umfeld sehr wohl, doch als der charakterlich etwas spezielle Boris in ihrem Bett landet, überschlagen sich die Ereignisse bald…

Das Buch ist in lockerem Tonfall geschrieben und die Charaktere wachsen einem schnell ans Herz. Trotzdem hat mich das Buch nicht zu 100% überzeugt, denn als Krimi überzeugt es nicht wirklich und auch sonst fehlt der ganzen Geschichte etwas die Handlung. Es plätschert trotz kreativer Ideen alles etwas gefällig vor sich hin, doch den Biss der alten Krimis von Ingrid Noll findet man darin nicht wirklich wieder. So bleibt es eher ein netter Unterhaltungsroman für zwischendurch, der mir aber trotzdem recht gut gefallen hat.

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Jugendbuch-Tipp: „Comedy-Queen“ von Jenny Jägerfeld

„Comedy Queen“ von Jenny Jägerfeld ist ein schwedisches Jugendbuch, in dessen Mittelpunkt die gerade 12 Jahre alt gewordene Sasha steht. Sasha lebt seitdem ihre depressive Mutter Selbstmord begangen hat zusammen mit ihrem Vater und hat nur ein neues Ziel, sie möchte unbedingt Stand-Up Comedienne werden. Denn ihre Mutter brachte seit Jahren Menschen zum weinen und traurig sein und Sasha ist überzeugt, möchte sie im Leben bestehen, muss sie alles genau gegenteilig machen wie ihre Mutter. Dafür hat sie extra eine Liste mit Dingen gemacht, die sie auf keinen Fall machen möchte und dazu gehören nicht nur Dinge die ihre Mutter gerne getan hat wie „in den Wald gehen“ oder „Bücher lesen“ (was Sashas schulisches Weiterkommen in eine schwere Krise versetzt, da es auch für Schulbücher gilt), sondern eben auch „Comedy Queen werden“ und „gar nicht erst versuchen sich um etwas Lebendiges zu kümmern“. Da Sasha niemandem von der Liste erzählt, führt ihr Verhalten zu so einiger Irriation bei Familie und Freunden und als ihr Vater sie auch noch zu einer psychologischen Beratung animieren möchte, um über den Tod der Mutter zu sprechen, ist Sasha umso entschlossener zu jeder Zeit möglichst normal und fröhlich rüber zu kommen.

Obwohl das Buch ein trauriges Thema hat, ist es nie deprimierend oder besonders düster, denn Sasha ist eine sehr sympathische und liebenswerte Hauptperson und ihre Erlebnisse sind mit viel Witz und Selbstironie erzählt, so dass das Buch das traurige Thema Depression und Verlust zwar 100% ernst nimmt, aber trotzdem einen Ton findet, der auch jugendliche Leser ansprechen dürfte und der das ganze Buch charmant und trotzdem berührend und einfühlsam macht. Empfohlen wird das Buch für die Altersgruppe 10 – 12 Jahre, aber ich fand es auch als Erwachsene sehr lesenswert.