Bücher

Buch-Tipp: „Gebt mir etwas Zeit“ von Hape Kerkeling

Den Sommer über habe ich meinem Hobby „Lesen“ nicht ganz so viel Zeit gewidmet, da man im Sommer ja meist doch mehr unterwegs ist. Passend zur Frankfurter Buchmesse Zeit möchte ich aber mal wieder zwei Bücher aus meinem Lieblingsgenre „Autobiografien“ vorstellen, in diesem ersten Beitrag ist das „Gebt mir etwas Zeit“ von Hape Kerkeling. Ich liebe es einfach, den persönlichen Blick verschiedener Menschen auf sich selbst kennen zu lernen und ihre eigene Erfahrungen aus ihrer Sicht zu lesen, ich finde das erweitert auch unheimlich den Horizont und weckt Empathie, eine Eigenschaft die der Gesellschaft aktuell mehr den je zu fehlen scheint.

Und in einer Welt in der widerliche Egomanen wie Donald Trump, JD Vance oder Elon Musk laut sind (und ich finde nicht mal diese Menschen am Schlimmsten daran, sondern die Leute die sie wählen oder auch nur verharmlosen) oder Typen wie Thomas Gottschalk natürlich auf der Frankfurter Buchmesse eingeladen sind, um mal wieder lautstark ihre Masche überall zu vermarkten, dass sie arme unterdrückte Gesellen sind, die gar nix mehr sagen dürfen (außer halt im Fernsehen, auf der Buchmesse, im Spiegel, im Podcast, usw …) ist es um so schöner, dass es auch noch angenehme, warmherzige leise Menschen gibt, denen man zuhören kann und auch sollte. 

Entsprechend ist das erste Buch, das ich heute vorstelle, dass neue Buch von Hape Kerkeling, einem der angenehmsten Menschen in der Deutschen Fernseh- und Kulturlandschaft. Ich habe schon fast alle Bücher von ihm gelesen (gut, außer das mit den Katzen, das ist selbst mir zu viel „Special Interest“) und jedes hat mich berührt. Ich liebe seine warmherzige, leise Art und seinen feinsinnigen Humor, der niemals in den Klamauk abdriftet.

„Gebt mir etwas Zeit“ ist nun von der Grundidee etwas außergewöhnlich und es ist auch tatsächlich entgegen meiner Aussage von oben keine klassische Autobiografie. Befasst sich Hape darin doch zu einem großen Anteil mit der Ahnengeschichte seiner Vorfahren. Die Idee dazu kam ihm wohl während Corona und so wurde aus dem Buch eine Mischung aus eigenen Erinnerungen an vor allem die 1980er Jahre, die Aufarbeitung der (mutmaßlichen) Herkunft seiner Großmutter Bertha und der vermutlich überwiegend fiktiven Geschichte einiger realen Vorfahren im Amsterdam des 17. Jahrhunderts. Geschildert werden diese Episoden abwechselnd, so mischen sich tatsächliche Erinnerungen von Hape mit den teilweise fiktiven Geschichten seiner Vorfahren. Ich fand diese abwechselnden Kapitel gut, denn so kommt keine Langeweile auf. 

Ich muss zugeben, dass mir die Kapitel in denen Hape seine Erinnerungen an die 1980er Jahre schildert mit Abstand am Besten gefallen haben. Das liegt vermutlich zu einem kleinen Teil daran, dass mich persönlich Ahnenforschung nicht so besonders interessiert, zu einem viel größeren Teil aber daran, dass diese Erinnerungen einfach unheimlich berührend sind, mit das Schönste und gleichzeitig Traurigste das ich dieses Jahr bisher gelesen habe. Denn Hape teilt in diesem Handlungsstrang nicht nur seine Erfahrungen mit den ersten Schritten in der Deutschen Fersehbranche (so verstaubt, homophob und sexisistisch wie man sich diese vorstellt, was sich vermutlich auch 2024 noch nicht signifikant verändert hat), sondern auch eine queere Liebesgeschichte in Amsterdam, in einer Zeit in dem der Drang nach Freiheit und Liebe durch AIDS gefährlich bedroht war. Ich war bei diesem Teil fast besonders froh, dass jedes Kapitel durch ein „historisches“ Kapitel unterbrochen war, denn so bekam man die ganzen Emotionen häppchenweise und somit etwas leichter verdaulich. Trotzdem musste ich bei einem Kapitel fast ein bisschen weinen.

Die historischen Fiktionskapitel basieren, so wie ich es verstanden habe auf realen Personen, von deren Leben auch Einiges im Buch durch Quellenangaben belegt ist. Darauf aufbauend schrieb Hape die teilweise Lebensgeschichte eines Ahnen in Amsterdam auf. Dieser Teil der Geschichte gefiel mir überwiegend auch gut, denn man lernte sehr viel über die Geschichte von Amsterdam, damalige gesellschaftliche religiöse Zwänge und auch kritische Themen wie Sklaverei und Kolonialgeschichte wurden nicht ausgespart.

Den Dritten Fokus des Buchs, die Herkunft von Hapes Oma Bertha fand ich nicht ganz so stark wie den Rest, ist aber sicher etwas das für Hape selbst sehr wichtig war. 

Insgesamt kann man das Mischen von so unterschiedlichen Themenschwerpunkten in einem Buch vielleicht auch etwas kritisch sehen, für mich hat das Buch ingesamt aber sehr gut funktioniert und es war mal wieder eine Freude etwas von Hape zu lesen, der in der Fernsehlandschaft für mich auf jeden Fall eine große Lücke hinterlassen hat.

Bücher

Buch-Tipp: „Risse“ von Angelika Klüssendorf

Das Genre der Autofiktion (ein autobiografischer, aber teils fiktionaler Roman) erfreut sich seit einiger Zeit steigender Beliebtheit bei Autor*innen, aber auch bei Leser*innen. Angelika Klüssendorf kann vielleicht durchaus als Vorreiterin dieses Genres angesehen werden, erregte sie doch vor 20 Jahren Aufmerksamkeit mit ihrem Roman „Das Mädchen“ über ihre schwierige Kindheit in DDR mit einer tyrannischen Mutter, Armut, Vernachlässigung und Heimerfahrungen. Das Buch habe ich damals gelesen und es hat mir auch sehr gut gefallen. „Risse“ (das es auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte) ist nun sozusagen eine Erweiterung des damaligen Romans, in 10 Geschichten werden weitere Episoden aus dem Leben des Mädchens erzählt, Erfahrungen mit der Mutter, Erfahrungen mit dem sprunghaften und alkoholkranken Vater und Erfahrungen aus dem Leben im Heim.

Am Ende jedes Kapitels gibt es eine kurze kursiv geschriebene Einordnung der Geschichte, die mehr über die dahinter liegende Beziehungen verrät und auch zumindest kleinere Hinweise, was von den Geschichten wirklich Autobiografie war und was fiktional verändert. Trotzdem bleibt bei dieser Art Roman natürlich immer eine Unsicherheit, was der Wucht und Kraft der Geschichten aber natürlich auch keinen Abbruch tut, auch als reine Erfinderungen wären sie literarisch außergewöhnlich stark. Ich denke, dass es deswegen auch egal ist ob man „Das Mädchen“ jeweils gelesen hat, die Geschichten sind auch für sich ganz allein stehend unheimlich berührend und einfühlsam, allerdings natürlich auch keine leichte Kost und deswegen für sehr sensible Menschen sicher nicht unbedingt empfehlenswert.