Bücher

Bücher Highlights aus dem 1. Quartal 2016

Auch dieses Jahr habe ich schon einige Bücher gelesen, die Highlights möchte ich heute hier vorstellen, das sind all die Bücher, die ich aus irgendeinem Grund überdurchschnittlich gut fand, genreübergreifend. Zur Zeit lese ich eigentlich am Meisten Belletristik unterschiedlichster Art, so dass ich diesen Post diesmal auch genreübergreifend halten möchte.

  • Kameraübung“ – von Synke Köhler:„Kameraübung“ ist ein recht kompaktes Büchlein (ca. 125 Seiten) mit neun verschiedenen Erzählungen aus dem Alltag verschiedener Menschen. Das Cover ist schlicht und elegant und hat mich sofort angesprochen. Ich lese relativ selten Erzählungen oder Kurzgeschichten, wobei ich diese sehr gerne mag wenn sie wirklich gut sind.

    Dieses Buch hat mich kein bisschen enttäuscht. Die verschiedenen Erzählungen im Buch sind fast alle auf sehr hohem Niveau und schildern ganz unterschiedliche kleine Alltagsbegegnungen oder -ereignisse auf eine sehr beeindruckende Art und Weise. Manche der Geschichten sind sehr nahe an den Hauptpersonen „dran“, man fühlt mit ihnen mit, in anderen Geschichten ist der Erzählstil distanziert und es wird eher die Sicht eines neutralen Beobachters eingenommen. Im Mittelpunkt der Geschichten stehen meist die Beziehungen zwischen den Personen, z.B. innerhalb einer Familie oder auch zwischen Menschen, die sich bisher gar nicht kannten. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist das die Geschichten relativ kurz sind, man aber irgendwo trotzdem jedes mal sofort im Geschehen drin war und ein Gefühl für die Charaktere und Personen hatte.

  • EINS“ – von Sarah Crossan:„EINS“ von Sarah Crossan ist ein außergewöhnliches Buch, sowohl was das Thema angeht, als auch die Umsetzung. Es geht um die beiden 16-jährigen Schwestern Grace und Tippi (die Eltern waren Hitchcock Fans 😉 , siamesische Zwillinge, die von der Hüfte aus abwärts zusammengewachsen sind. Die Geschichte wird als Ich-Erzählung aus Sicht der einen Schwester Grace erzählt, in kleinen Episoden und das Buch zieht sich inhaltlich über den Zeitraum von einigen Monaten. Der Schreibstil des Buches ist auf den ersten Blick ungewöhnlich, die einzelnen Kapitel sind sehr kurz (oft nur ca. zwei Seiten) und in kleinen Textblöcken dargestellt, die auf den ersten Blick wie Gedichte wirken. Das stört den Lesefluss aber kein bisschen, grad durch die kleinen Häppchen, liest sich das Buch sehr schnell runter und entwickelt einen Sog, so dass man immer weiter und weiter lesen will. Die Sprache ist poetisch und berührend, ohne jemals kitschig zu werden. Das Buch schildert die Probleme und normalen Teenie-Alltagssorgen der beiden Schwestern, ihrer jüngeren Schwester Dragon, der Eltern, ihrer Freunde und die Reaktionen der Mitmenschen auf die beiden Schwestern. Zu Beginn des Buches ändert sich für Grace und Tippi in ihrem Leben gerade sehr viel, denn durch finanzielle Probleme der Eltern sind sie gezwungen auf eine „normale“ Schule zu gehen, anstatt wie bisher zu Hause unterrichtet zu werden. Abgesehen davon möchte ich von der Handlung allerdings nicht zu viel vorab verraten.

    Das Buch ist rein fiktiv, im Epilog am Ende gibt die Autorin allerdings einige Hintergrundinfos über ihre Recherchen zu dem Thema und ich hatte den Eindruck, dass sie sich sehr intensiv und fundiert mit dem Thema auseinandergesetzt hat (auch aus medizinischer Sicht), so dass ich darauf vertraue, dass die Informationen in dem Buch realistisch sind.

    Besonders gelungen finde ich bei diesem (Hardcover)-Buch übrigens auch das Cover, es besteht aus einem zum Teil transparenten Folienumschlag, dessen Bedeutung sich entpuppt wenn man ihn auch einmal entfernt und sieht zu dem auch sehr schön aus.

  • Bedenke, was Du tust“ – von Elizabeth George:Der neuste und 19. Roman aus der Inspector Lynley Krimi Reihe. Ich denke, jeder Krimileser kennt diese Reihe inzwischen entweder oder nicht, empfehlenswert sind die neuesten Bände sicherlich nur für Kenner, da das Privatleben der Kommissare ohne Vorkenntnisse vermutlich kein Interesse wecken kann, da man die Hintergründe des Verhaltens nicht verstehen würde. Standen in den letzten Inspector Lynley Romanen von Elizabeth George doch meistens Geschehnisse um Personen aus dem direkten Umfeld von Lynley und Havers im Mittelpunkt, so besinnt sich Elizabeth George hier meiner Meinung nach wieder etwas auf ihre Wurzeln, nämlich dem Schreiben von eher klassischen psychologischen Krimis. Natürlich spielt auch in diesem Fall das Privatleben von Lynley und Havers eine durchaus wichtige Rolle, aber es ist nicht ganz so im Fokus und der eigentliche Kriminalfall hat nichts mit den beiden zu tun, was ich angenehm fand.

    Die Geschehnisse selbst sind allerdings auch nicht unbedingt ein typischer Krimi, stattdessen stehen die Beziehungen und Geheimnisse zwischen den verschiedenen Personen, die in der Handlung eine Rolle spiele im Mittelpunkt und Elizabeth George nimmt sich sehr viel Zeit diese Charaktere einzuführen und langsam nach und nach aufzudecken wie alles zusammenhängt. Dies lässt sich schon alleine daran erkenne, dass es 200 Seiten dauert bis überhaupt mal der eigentliche Mord, um den es sich dreht, passiert. Ermordert wird in diesem Roman eine bekannte Feministin und Buchautorin und die Aufgabe von Havers und Lynley ist es herauszufinden wer aus dem Umfeld der Autorin denn einen Grund gehabt hätte sie umzubringen. Im Fokus der Ermittlung steht dabei ihre Angestellte Caroline, deren Familienverhältnisse wiederum den eigentlichen Mittelpunkt des Buches darstellen.

    Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, auch wenn es teilweise wirklich sehr ausschweifend erzählt ist, was aber für Elizabeth George ja typisch ist (Fans von actionreichen Thrillern und straffer Handlung und Erzählweise werden mit dieser Autorin sicherlich nicht warm werden). Kleine Punktabzüge gibt es dafür, dass ich das eigentliche „düstere Geheimnisse“ schon ganz am Anfang erraten habe, da es doch recht offensichtlich durchschimmerte und dafür dass der Anteil zwischen Krimihandlung und Privatleben der Ermittler zwar gut gepasst hat, dass mir die Stories um das Privatleben von Lynley und Havers allerdings langsam etwas bemüht wirken, so als wüsste Elizabeth George auch nicht mehr so wirklich was sie mit den beiden in Zukunft noch anfangen soll. Sonderlich störend fand ich diese Kleinigkeiten aber nicht.

  • Der Pfau“ – von Isabell Bogdan:Bücher, die mehr oder weniger dem Genre „Humor“ zugeordnet sind, betrachte ich ja oft etwas mit Skepsis, da Humor ja so eine individuelle Sache ist und man oft nicht weiß ob der eigene getroffen wird. An dem Buch „Der Pfau“ hat mich aber das wirklich außergewöhnlich schöne Cover, sowie das Setting in Schottland und das Thema Teambuilding angesprochen. Und dieses Mal wurde ich auch nicht enttäuscht.

    Die Geschichte spielt auf einem alten Landsitz von Lady und Lord Macintosh, der von den beiden zu einem Hotel mit Cottages umgebaut wurde und das sie mit einigen wenigen Helfern betreiben. In diesem Hotel gibt es so allerlei Viechzeugs, darunter einige Pfaufen, darunter einen verrückten Pfau…dieser Pfau gibt nun der Geschichte den Namen und spielt auch durchaus eine Hauptrolle, wenn auch eher auf indirekte Art und Weise.

    Besucht wird das Hotel von einer Gruppe Bankangestellter, samt Teambuildingscoach und Privatköchin, die ein Teambuilding-Wochenende in dem Hotel verbringen sollen. Durch eine Verkettung von Umständen wird das Wochenende etwas länger und ereignisreicher als erwartet. Allzuviel will ich von der Handlung auch gar nicht verraten.

    Generell handelt es sich aber um ein Buch, das gar nicht mal mit so viel tatsächlicher Handlung daher kommt sondern der Sprachwitz und die Beziehungen zwischen den Charakteren machen den Reiz aus. Die Sprache ist dabei sehr leicht und trotzdem intelligent, humorvoll ohne überzogen zu sein und das Ganze Buch liest sich einfach locker und flockig in Windeseile herunter. Es erinnert mich ein bisschen an eine alte Screwball-Filmkomödie. Mir hat an dem Buch am Besten gefallen, dass die Geschehnisse zwar irgendwie absurd sind, die Menschen sich irrational verhalten, das Ganze aber trotzdem nicht unglaubwürdig ist, die Menschen verhalten sich nämlich auf genau so eine Art und Weise irrational wie Menschen das tatsächlich häufig tun. Man kann sich also fast vorstellen, dass das Ganze tatsächlich irgendwo in etwa so passieren könnte.

    Mich hat das Buch insgesamt sehr gut unterhalten, es ist ein leichtes Buch, das aber trotzdem intelligent ist und so viel Spaß bereitet, es ist einfach ein charmantes kleines Buch.

  • Arschlochpferd – Allein unter Reitern“ von Nika S. Daveron:„Arschlochpferd“ basiert auf dem gleichnamigen Facebook-Blog über die Online- und Offline-Pferdewelt von Nika S. Daveron, der sich inzwischen auf Facebook großer Beliebtheit erfreut. Das Buch ist sicher nur für Reiter interessant, aber in dem Bereich der humoristischen Pferdeliteratur (der sowieso nicht besonders groß ist) sticht dieses Buch definitiv heraus. Beschäftigt es sich doch ironisch und bissig mit den Verrücktheiten der Pferdemenschen, sowohl in realer Wildbahn (Pferdehöfe) als auch in der virtuellen Welt (Pferdeforen und Facebook-Gruppen).

    Da das Buch auf einem Blog basiert, hatte ich eigentlich damit gerechnet, dass auch das Buch aus mehr oder weniger willkürlichen Blogbeiträgen und Episoden besteht, in Wirklichkeit ist es aber wirklich (fast) ein richtiger kleiner Roman, mit einer fortlaufenden Handlung, was mich sehr positiv überrascht hat und für ein Buch auch viel besser gefällt als lose Blogbeiträge. Geschildert wird das Leben einer fiktiven Neupferdebesitzerin, die sich mit wenig Herzblut und noch viel weniger Wissen durchs Neupferdebesitzerleben schlägt und dabei mit allen Skurrilitäten der Pferdewelt konfrontiert wird.

    Sprachlich ist das Buch sehr gut gelungen, der Schreibstil ist halt sehr ironisch, aber trotz der kabarettistischen Herangehensweise ist der Inhalt des Buches sehr fundiert und das Buch hat auch durchaus eine ernste und ernstzunehmende Botschaft. Auch kann ich als erfahrene Reiterin (offline und online) sagen, dass der Inhalt trotz Parodie leider eigentlich erstaunlich weniger überzogen ist, genauso in etwa geht’s halt leider wirklich oft zu, was dann (für die Pferde) gar nicht mal so lustig ist, wie es auf den ersten Blick klingt.

    Generell würde ich das Buch für jeden Pferdemenschen empfehlen, vorausgesetzt er hat Humor, ist nicht Überempfindlich und mag es auch gerne etwas bissiger und kritischer.

 

Allgemein, Bücher

(Verspätete) Bücher-Highlights aus 2015

Bevor 2016 zu weit voranschreitet, möchte ich noch ein paar persönliche Buch-Highlights aus der 2. Hälfte von 2015 vorstellen, also Bücher, die ich überdurchschnittlich gut fand oder die ich aus einem anderen Grund besonders erwähnenswert finde.

1. Katharina Hartwell:  „Der Dieb in der Nacht“ – Genre: Belletristik

„Der Dieb in der Nacht“ ist der zweite Roman der Autorin Katharina Hartwell. Ihr Erstlingswerk „Das Fremde Meer“ hat mir auch schon sehr gut gefallen, vor allem die poetische und wunderschöne Sprache und die spannende Grundidee hatten mir es da wirklich angetan. Allerdings gab es in dem Erstlings-Roman im Mittelteil für mich doch ein paar Längen, so dass mich der Roman nicht komplett vom Hocker gerissen hat. „Der Dieb in der Nacht“ kommt jetzt im Vergleich etwas kompakter und gradliniger und weniger mystisch herbei.

Im Fokus der Geschichte steht das Verschwinden des 19-jährigen Felix. Er verschwand vor einigen Jahren plötzlich spurlos, ein Ereignis, dass das Leben seiner Familie und seines besten Freundes Pauls nachhaltig beeinflusst und geprägt hat. Das Buch beginnt mit Paul, der in Prag plötzlich unerwartet einen mysteriösen Mann, Ira Blixen, trifft, der ihn an seinen Jugendfreund Felix erinnert, obwohl er ihm eigentlich gar nicht ähnlich sieht. Als sich herausstellt, dass Blixen auch noch nach einem Gedächtnisverlust keine Erinnerung an sein früheres Leben hat, ist Felix nach kurzer Zeit völlig überzeugt, Felix vor sich zu haben. Er lädt Blixen in sein Leben und nach Deutschland ein, eine Entscheidung die weitreichende Folgen für alle Beteiligten haben wird.

Das ganze Setting des Buches ist sehr düster und mysteriös, die Sprache ist einfach unheimlich schön und poetisch und dabei manchmal unheimlich treffend und zum Denken anregend, so dass man eigentlich ständig das Bedürfnis hat, irgendwelche Textzeilen zu unterstreichen. Aber auch die Story an sich hat mich wirklich überzeugt, im Mittelpunkt stehen Paul und Felix‘ Schwester Louise, später auch Felix‘ Mutter Agnes. Das ganze Buch ist ein psychologisches Verwirrspiel um Blixen und um die Reaktionen der Personen auf ihn und um ihre Beziehungen untereinander. Dabei handelt es sich nicht um „leichte“ Lektüre, man muss sich schon konzentrieren und nachdenken, die Belohnung ist ein sehr komplexes, kreatives und für mich trotz der düsteren Grundstimmung sehr schönes Buch.
Ich könnte mir trotzdem vorstellen, dass es nicht jedermans Geschmack trifft, aber von mir persönlich eine eindeutige Leseempfehlung.

2. Gillian Flynn – „Cry Baby“ – Genre: Thriller/Krimi

Thriller und Krimis lese ich ja inzwischen nicht mehr ganz so viel wie früher, da diese doch zu oft nach dem gleichen 08/15 Schema geschrieben sind. Über Ausnahmen zu der Regel freue ich mich aber immer.

Gillian Flynn’s Schreibstil hat mir schon in „Gone Girl“ sehr gut gefallen. Dem Klappentext zufolge handelt es sich bei „Cry Baby“ um ein früheres Werk, das erst jetzt veröffentlicht wurde. Das birgt ja oft die Gefahr, dass es sich dabei um ein eher schwaches Erstlingswerk handelt, das nachträglich veröffentlicht wird, um auf der Erfolgswelle mit zu schwimmen. Aber „Cry Baby“ muss sich meiner Meinung nach hinter den anderen Büchern der Autorin keineswegs verstecken.

Hauptfigur der Geschichte ist die Journalistin Camille aus Chicago, die von ihrem Chef zurück in ihre Heimatstadt (eine Kleinstadt in Missouri) geschickt wird, um eine Story über 2 dort verschwundene und ermordete kleine Mädchen zu schreiben. Schnell wird klar, dass es sich bei Camille nicht um eine typische Heldin handelt, schleppt sie doch eine ganze Menge Probleme und Wunden aus der Vergangenheit mit sich herum. Und in ihrer Heimatstadt, zurück bei ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihrer 13-jährigen Halbschwester fangen die Probleme erst so richtig an. Camille muss sich mit ihrer Mutter, ihrer Halbschwester, ihrer Vergangenheit und den aktuellen Morden auseinandersetzen…

Mir hat das Buch von Anfang an sehr gut gefallen, was es wirklich auszeichnet ist die bissige und ironische Art, die Gillian Flynn’s Schreibstil auszeichnet, sowie das (nicht sehr schmeichelhafte) Porträt, dass sie von den Charakteren und der Kultur dieser amerikanischen Kleinstadt im Mittleren Westen zeichnet. Was man sich von einem Buch von Gillian Flynn nicht gerade erhoffen sollte, sind liebenswerte sympathische Charaktere, irgendwelche „netten“ und halbwegs geistig gesunden Menschen waren in diesem Buch kaum aufzutreiben. Eventuell könnte man dem Buch vorwerfen die Charaktere und Geschehnisse etwas überzeichnet zu haben, aber es passt zu der Geschichte und hat mich kaum gestört. Ich fand die Handlung und das Verhalten der Personen im Buch aber durchaus teilweise ziemlich heftig und verstörend.

Als Thriller würde ich das Buch übrigens nicht unbedingt bezeichnen, den im Grunde ist die Geschichte recht vorhersehbar, die Spannung liegt in der Art und Weise wie sie aufgedeckt wird. Mir hat das Buch trotz ein paar kleiner Schwächen sehr gut gefallen.

3. Tanja Kinkel – „Schlaf der Vernunft“ – Genre: Belletristik/Geschichte

„Schlaf der Vernunft“ ist mein erstes Buch von Tanja Kinkel. Ich habe von dieser Autorin zwar schon oft gehört, da sie aber meistens historische Romane aus den länger vergangenen Jahrhunderten schreibt (was leider überhaupt nicht mein Genre ist), habe ich tatsächlich noch keines ihrer Bücher gelesen.

„Schlaf der Vernunft“ beschäftigt sich zwar auch mit der Vergangenheit, aber mit der jüngeren deutschen, konkret spielt der Roman auf 2 Zeitebenen, einmal in den 70’er Jahren und einmal 1998. Der Roman dreht sich dabei, um das Leben von Martina, einer fiktiven RAF-Terroristin, die bis 1998 im Gefängnis saß, weil sie an einem Attentat auf einen (ebenfalls fiktiven) Staatssekretär beteiligt war. Der Roman beginnt im Jahr 1998 mit Martina’s Begnadigung. Im Mittelpunkt der Geschichte steht nicht nur Martina allein, sondern auch ihre Tochter Angelika und eine ganze Menge anderer Personen, die durch Martina’s Taten der Vergangenheit beeinflusst wurden: ein ehemaliger Leibwächter, der das Attentat knapp überlebte, Angehörige der Opfer, eine ehemalige Freundin Martina’s, die es zur erfolgreichen Politikerin gebracht hat. Das Buch springt dabei in der Erzählung ständig zwischen den beiden Zeitebenen und den verschiedenen Personen hin und her, was aber hervorragend umgesetzt ist. Ein Großteil der Geschichte nimmt die schwierige Mutter-Tochter-Geschichte ein und schildert wie Angelika in ihrer Kindheit den verwirrenden „Verlust“ der Mutter, die sie verlassen hat, um in den Untergrund zu gehen, verkraftet hat und wie sie im Heute damit zurecht kommt, dass ihre Mutter aus dem Gefängnis entlassen wird.

Weiterhin wird auf beeindruckende Art und Weise aufgezeigt was die Entlassung von Martina auch Jahre später für Auswirkungen auf die Angehörigen ihrer Opfer hat.

Die Teile des Romans, die in den 70’er Jahren spielen erzählen vom Leben der jungen Martina, wie sie überhaupt erst in den Dunstkreis der RAF geriet und schildert ihre zunehmende Radikalisierung. Diesen Teil fand ich besonders lehrreich, da ich zu jung bin, um mich an diesen Teil der deutschen Geschichte selbst zu erinnern und definitiv auch zu wenig darüber weiß (ich habe mir vorgenommen jetzt wirklich unbedingt mal den „Baader-Meinhof-Komplex“ zu lesen, was ich mir schon seit Jahren vornehme).

Ein paar winzig kleine Schwächen hat der Roman sicherlich auch, ein paar der Dialoge (vor allem zwischen Angelika und Martina) wirken auf mich doch etwas zu konstruiert, aber das sind nur Kleinigkeiten. Insgesamt erhält der Roman von mir eine absolute Leseempfehlung, da er spannende Unterhaltung, mit lehrreichen, aufwändig recherchierten Informationen und einer sehr gelungenen Sprache kombiniert. Definiert eines meiner Lese-Highlights von 2015.

4. Andrea Volk – „Auf den Hengst gekommen“ – Genre: Krimi/Humor

Gut, dieses Buch ist nicht tatsächlich überdurchschnittlich gut, aber ich möchte es als Reiterin und Pferdefreundin hier trotzdem erwähnen, weil es generell sehr sehr wenige gute Bücher gibt, in denen Pferde eine zentrale Rolle spielen.
Normalerweise mag ich eher keine Bücher aus dem Genre „Humor“. Und schon gar keine, die auch noch mit einem „humorvollen“ Cover ausgestattet sind (der Grund dafür ist nicht, dass ich nicht gerne lustige Bücher lese, sondern dass bei Humor halt die Geschmäcker oft so stark auseinander gehen, dass es nie gesagt ist, ob das jeweilige Buch den eigenen Humor trifft oder völlig daneben liegt…) Deswegen hätte ich dieses Buch vermutlich übersehen, wenn ich es nicht zufällig durch  meine Mutter in die Hände bekommen hätte.

Oftmals sind Bücher oder Filme, die von Pferden handeln, ziemlich kitschig und auch unrealistisch und wenn man sich selbst mit Pferden auskennt, verdreht man ob der Geschehnisse oftmals die Augen. Dieses Buch wurde aber offenbar tatsächlich von einer Reiterin (mit Pensionsstallerfahrung) geschrieben, denn alles was dort im Bezug aufs Reiten und den Umgang mit, sowie die Haltung von Pferden zu lesen ist, ist doch sehr fundiert. Die Stärken des Buches liegen meiner Meinung nach eindeutig auf der Seite des Humors, der Schreibstil ist ironisch und kabarettistisch (entsprechend natürlich etwas überzogen, aber für meinen Geschmack gerade richtig, ich könnte mir aber vorstellen, dass der Stil nicht für jeden passt) und hat mich überzeugt und gut unterhalten. Die Geschehnisse auf dem Einstellbetrieb von Bauer Helmut (der eine grandiose und definitiv gar nicht mal so übertriebene Darstellung eines Stallbesitzer-Bauerns ist 😉 ) und die Darstellung der verschiedenen Einsteller sind teilweise wirklich zum Schießen komisch und geben die Realität eines durchschnittlich durchgeknallten Einstellbetriebs durchaus wirklichkeitsnah wieder.

Die Krimihandlung ist tatsächlich auch gar nicht so schlecht, aber für mich jetzt nicht der Hauptpunkt, der den Krimi lesenswert macht. Ergänzt wird das Ganze auch noch durch einige Gedanken zum Thema Tierschutz und artgerechte Handlung, die durchaus so gut in die Handlung integriert sind, dass es nicht bemüht wirkt.

Insgesamt ist das sicher nicht der beste Krimi aller Zeiten, aber sehr kurzweilig und lustig und für Reiter(innen) auf jeden Fall zu empfehlen.

5. Monika Fagerholm – „Das amerikanische Mädchen“ – Genre: Belletristik

„Das amerikanische Mädchen“ ist noch ein Roman auf den ich rein zufällig gestoßen bin, der Titel und das packende Cover haben es mir angetan als ich auf einem Buchportal nach gebrauchten Büchern stöberte.

Der Schreibstil und die Erzählweise des Romans sind sicherlich sehr außergewöhnlich. Der Schreibstil ist poetisch, für mich aber gleichzeitig sehr klar und präzise und außergewöhnlich schön. Die gesamte Geschichte wird im Grund zeitlich linear erzählt. Allerdings sind dementgegen die einzelnen Unterabschnitte nicht wirklich linear erzählt, meist wird man als Leser komplett ohne Kontext in eine Szene geworfen, deren Bedeutung und Handlung und Charaktere sich erst mit der Zeit aus der fortlaufenden Erzählung ergibt. Das macht das ganze Leseerlebnis zu einem Puzzle, das aber hervorragend aufgelöst ist, immer fallen alle Teile innerhalb kurzer Zeit auf ihren Platz und mir hat gerade das gefallen, denn auch die Charaktere erwachen so mit dem Text Schritt für Schritt zum Leben. Ich kann mir vorstellen, dass nicht jeder Leser mit der Erzählweise zurecht kommt, was auch die recht unterschiedlich ausfallenden Bewertungen erklären dürfte (also ist dies kein Buch, dass ich generell weiterempfehlen würde, vor allem nicht, da es auch noch sehr dick ist). Für mich funktioniert das Buch aber perfekt, es entwickelt gerade durch die besondere Erzählweise einen richtigen Sog und ich fand es auch keineswegs schwierig der Handlung zu folgen. Es ist aber sicherlich kein Buch, das man nebenher so runterlesen kann, sondern es erfordert schon etwas Konzentration.

Zum Inhalt möchte ich gar nicht so viel sagen, da für mich in dem Buch ganz klar die Charaktere und ihre Interaktionen im Vordergrund stehen, in dem Buch geht es für mich um das Erwachsen werden, um Geheimnisse, um Liebe, um Beziehungen, um Verluste, um Familiengeheimnisse und darum wie gefährlich die Vermischung von Realität und Fantasie werden kann.

Für mich eine Ausnahmebuch und dadurch ganz klar eine 5 Sterne Bewertung.