Bücher

Buch-Tipp: „Tokyo Girls Club“ von Asako Yuzuki

„Tokyo Girls Club“ von Asako Yuzuki ist ein außergewöhnliches Buch über zwei Frauen in Tokyo, deren Leben sich auf höchst ungesunde Art und Weise verbinden: Eriko ist um die 30, kommt aus einer wohlhabenden Familie, lebt noch bei ihren Eltern und arbeitet in einer Handelsfirma, in der ihr Vater früher eine Führungsposition inne hatte. Sie hatte im Leben bisher nie Hürden zu überwinden, wenn es darum geht für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, aber istnicht in der Lage Freundschaften zu schließen. Sie ist pedantisch, immer perfekt gekleidet und während sie auf Männer durchaus anziehend wirkt, schafft sie es nicht Verbindung zu anderen Frauen aufzunehmen. Ihre einzige Freundschaft aus der Kindheit endete in einem Eklat.

Nun ist Eriko fasziniert von der Bloggerin Shoko, die ist Hausfrau und führt einen Blog über ihren äußerst umperfekten Alltag, denn Shoko steht dazu ein faules und undiszipliniertes Leben zu führen und sticht damit aus der Masse der typischen Lifestyle-Bloggerinnen in Tokyo heraus. 

Als Eriko und Shoko sich begegnen wirkt es zuerst als könnten sie tatsächlich Freundinnen werden, so harmonisch verläuft ihr erstes Treffen. Doch bald nimmt Erikos Besessenheit mit Shoko bedenkliche Züge an und diese versucht sich zurückzuziehen, was die Situation um so mehr eskalieren lässt…

Das Buch und sein Schreibstil sind speziell und obwohl Erikos Verhalten teils extrem und abstoßend wirkt, kann man sich nicht davon lösen mit ihr mitzufühlen. Auch Shoko stellt sich als komplexer Charakter heraus sobald man sie näher kennenlernt. Der Autorin gelingt es Themen wie Stalking, Einsamkeit, die Dynamik von Frauenbeziehungen und die Erwartungen der japanischen Gesellschaft in einen packenden und leicht skurrilen Roman zu verpacken, der definitiv lesenswert ist.

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Bachelorette Party“ von Camilla Sten

„Bachelorette Party“ von Camilla Sten ist ein  Thriller, den ich als Hörbuch gehört habe und der ein im Moment sehr beliebtes Setting gewählt hat: eine einsame Insel auf der die Protagonist:innen von der Außenwelt abgeschnitten sind. Da nicht alle Autor:innen es schaffen solche Geschichten wirklich gut umzusetzen, war ich gespannt wie es Camilla Sten (übrigens die Tochter der bekannten schwedischen Krimi-Autorin Viveca Sten) gelungen ist.

Schauplatz des Geschehens ist eine kleine Insel in den schwedischen Schären. 10 Jahre vor Beginn der aktuellen Geschichte verbrachten vier Freundinnen dort ein jährliches Mädels-Treffen, mit verstörendem Ausgang, die vier Freundinnen verschwinden spurlos und werden nie gefunden…nun – 10 Jahre später – will Anneliese auf der Insel ihren Jungesellinnen-Abschied feiern, zusammen mit ihren besten Freundinnen. Eine davon ist Tessa, eine Podcasterin deren Leben gerade in Scherben liegt und die sich fast besessen für True Crime interessiert und die das Verschwinden der vier Frauen nie losließ. Die Insel gehört inzwischen der Schwester einer der verschwundenen Frauen, sie will dort ein exklusives Yoga-Retreat für die Teilnehmerinnen der Bachelorette-Party veranstalten. Exklusiv vor allem, weil das neue Hotel auf der Insel eigentlich noch gar nicht eröffnet ist…

Was eigentlich ein entspanntes Achtsamkeits-Wochenende werden soll, erfüllt Tessa von Anfang an mit Unbehagen, denn irgendwas fühlt sich für sie nicht richtig an…

Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen und es hat meine Erwartungen definitiv erfüllt: die Atmosphäre auf der Insel ist beklemmend, die Thriller Handlung spannend und auch nicht ZU vorsehbar und das Buch wird nie langweilig. Kleinere Schwächen waren für mich lediglich, dass einige der Charaktere etwas blass bleiben und Tessa teilweise etwas hysterisch und kopflos reagiert (vor allem ironisch, da sie irgendwo im Buch mal die Theorie aufstellt, dass sie sich so intensiv mit True Crime beschäftigt hat, damit sie im Fall einer echten Gefahr auf alles vorbereitet ist, hat wohl eher nicht so gut geklappt).

Das Hörbuch ist mit etwas unter 9 Stunden eher kompakt und hört sich somit sehr gut, wenn man etwas Spannendes und Kurzweiliges hören möchte. Julia Nachtmann liest das Buch sehr dynamisch und lebendig und haucht vor allem der erzählenden Hauptfigur Tessa sehr viel Leben und Persönlichkeit ein. Für mich ein perfekter Urlaubs-Thriller. 

Bücher

Buch-Tipp: „Vogel mit Licht“ von Susanne Mesterharm

„Vogel mit Licht“ von Susanne Mesterharm ist ein außergewöhnliches Buch mit einem außergewöhnlichen Thema: es geht um Berit und wie im Untertitel „Geschichte einer multiplen Persönlichkeit“ schon ersichtlich ist, hat diese eine Dissoziative Identitätsstörung (früher multiple Persönlichkeitsstörung genannt). 

Manchmal fehlen Berit ganze Tage, Wochen oder sogar Monate. Sie hat ein „Radio“ im Kopf und hört ständig Stimmen. Trotzdem schafft sie es im Alltag einigermaßen zu funktionieren und zu studieren, auch wenn ihr ihre anderen Innenpersonen immer wieder Steine in den Weg legen, wenn sie mal wieder das Steuer übernommen haben. Wie Berit damit umgeht schildert dieser Roman intensiv, manchmal auch humorvoll und sehr überzeugend. 

Ich war sehr beeindruckt wie einfühlsam die Autorin Berits Leben und ihre verschiedenen Innenpersonen beschreibt und vor allem wie stark das Buch sprachlich ist, sogar abgesehen vom wirklich interessanten und berührenden Inhalt hat mich das Buch auch  mit der Sprache unheimlich abgeholt: poetisch, klar und feinfühlig. Das hatte ich zugegebenermaßen nicht unbedingt erwartet, da das Buch im Self-Publishing erschienen ist und es der Debütroman von Susanne Mesterharm ist. Es gibt zwar auch ein, zwei Stellen wo man kleinere Lektoratsfehler finden kann (z.B. spricht Berit bei einem Vergleich von Gigabytes von Daten obwohl die Handlung soweit ich es richtig erkannt habe ca. in den 1990er Jahren spielt, wo das keine üblichen Datenmengen waren), aber im Verhältnis dazu wie stark das Buch insgesamt ist, sind solche Kleinigkeiten absolut irrelevant. Auch schafft es die Autorin Berits persönliche Weiterentwicklung beim Handling von Beruf, Freundschaft, Therapie und Liebesleben wirklich schlüssig darzustellen. Außerdem behandelt das Buch zwar unfassbar schlimme Traumata, aber da Berit immer Menschen in ihrem Leben hat, die wirklich für sie da sind (z.B. ihre Freundin Frida und ihre Therapeutin) bleibt das Buch immer hoffnungsvoll und wirkte auf mich nie deprimierend oder zu belastend (für Menschen mit ähnlichen Traumata könnte es allerdings zu triggernd sein).

Ich war am Ende sehr beeindruckt wie authentisch die Autorin über diese komplexe Thematik schreibt, was sich aber erklärt nachdem ich im Epilog gelesen habe, dass die Autorin Psychotherapeutin ist und mit Menschen mit DIS gearbeitet hat. 

Dass das Buch einen Selfpublishing Buchpreis gewonnen hat wundert mich nach der Lektüre nicht und ist absolut verdient!

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „The Exes“ von Leodora Darlington

Den Thriller „The Exes“ von Leodora Darlington habe ich als Hörbuch gehört. Von dem Buch habe ich mir einen etwas außergewöhnlichen Roman versprochen, keine 08/15 Krimi- oder Thrillerkost. Diese Erwartung wurde auch durchaus erfüllt. Auch wenn ich das Buch vielleicht nicht unbedingt als Thriller einordnen würde, dafür passiert meines Erachtens vielleicht etwas zu wenig Aufregendes. Wenn dann passt auf jeden Fall eher das Genre des psychologischen Thrillers der leisen Töne. 

Natalie, die Hauptperson, ist mit James verheiratet, doch zu Beginn des Buches fängt die Ehe schon an zu bröckeln, denn James hat entdeckt, dass Natalies Ex-Freunden die Beziehung zu ihr in der Vergangenheit scheinbar nicht gut bekommen ist, denn ganze drei von ihnen sind tot. James Misstrauen ist geweckt und Natalie muss sich zusammen mit ihrer Therapeutin ihrer Vergangenheit stellen und alte Wunden wieder aufreissen. 

Dabei weiß man als Hörer:in nie so richtig wem man trauen kann, denn Natalie ist eine sogenannte unzuverlässige Erzählerin, so stellt sich durchgängig die Frage: kann man ihrer Einschätzung und Darstellung der Geschichte trauen? Kann sie sich selbst trauen? 

Insgesamt hat mir die Geschichte wirklich gut gefallen, einziger Wermutstropfen für mich war, dass ein Charakter im Buch sich in seiner Rolle so unpassend verhält , dass mir irgendwie klar war, dass etwas mit dieser Person nicht stimmt, was einerseits etwas irritierend war und zweitens eine der Wendungen wenig überraschend ausfallen lies. 

Erzählt wird die Geschichte überwiegend aus der Ich-Perspektive von Natalie, dieser weit größte Teil des Buches wird gelesen von Sandrine Mittelstädt. Außerdem gibt es gegen Ende kurze Sequenzen aus Sicht von anderen Personen, gelesen von Benito Bause und Viola Müller (die aufgrund der wenigen „Sendezeit“ nicht wirklich dazu kommen besonders aufzufallen, aber auf jeden Fall auch gut lesen). Insgesamt fand ich die Sprecher:innen alle sehr gut, wenn auch etwas kühl von der Ausstrahlung.