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Michelle Hunziker – „Ein scheinbar perfektes Leben“

Heute möchte ich mal wieder eine Promi-Autobiographie vorstellen (das entwickelt sich gerade zu einem neuen Lieblingsgenre von mir). Und zwar: „Ein scheinbar perfektes Leben“ von Michelle Hunziker. In dem Buch erzählt sie davon wie sie mit Anfang 20 in die Fänge einer spirituellen Sekte geriet und Jahre brauchte, um sich daraus wieder zu befreien.

Michelle Hunziker kannte ich natürlich, allerdings habe ich ihre frühe Karriere und ihr Privatleben kaum verfolgt (natürlich habe ich mitbekommen, dass sie mit Eros Ramazotti verheiratet war, aber das war es dann auch schon). Das erste Mal wurde ich bei Wetten dass wirklich auf sie aufmerksam (wo ich sie als Co-Moderatorin deutlich angenehmer fand als Thomas Gottschalk, dessen Stil mir immer zu egozentrisch war). Deshalb bin ich mit wenig Vorwissen in das Buch gestartet und fand es sehr interessant zu erfahren wie Michelle aufgewachsen ist und wie die ersten Jahre ihrer Karriere und ihres jungen Erwachsenenlebens verliefen. Auch über das Showbusiness erfährt man am Rande ein bisschen, aber den Hauptteil des Buches nimmt wie erwartet Michelles Sektenerfahrung ein.

Das Buch beginnt mit einigen Episoden aus Michelles Kindheit in der Schweiz, die von Ausgrenzung in der Schule und der Alkoholsucht ihres Vaters geprägt war, zu dem Michelle den Kontakt als junge Erwachsene erstmal komplett aufgab. Auch das Verhältnis zu ihrer Mutter war nicht immer einfach. Nach der Geburt ihrer Tochter Aurora mit 19 und der Ehe mit Eros Ramazotti nahm Michelles Karriere so langsam Fahrt auf. Doch gut ging es ihr zu dieser Zeit trotzdem nicht und als sie über einen gemeinsamen Freund eine „Prana-Heilerin“ kennenlernte (ursprünglich sollte sie Eros bei einem Problem mit seiner Stimme helfen), nahm das Unheil seinen Lauf. Zuerst suchte Michelle bei ihr nur Hilfe wegen eines damals auftretenden Haarausfalles, doch mit der Zeit nahm die Heilerin immer mehr Einfluß auf Michelles Leben…

Mir hat an dem Buch super gefallen, dass Michelle sehr viel Wert darauf legt zu erklären, welche Zufälle, Charaktereigenschaften, Situationen und persönlichen Probleme in der Summe dazu führten, dass sie langsam in die Fänge der Sekte geriet. Es wird deutlich, dass so etwas nicht von jetzt auf sofort passiert, sondern ein schleichender Prozess ist. Außerdem wird im Detail erläutert welche manipulativen und grausamen Techniken die Sekte benutzte, um Michelle von ihren Freunden und ihrer Familie zu entfremden und unter ihrer Kontrolle zu behalten. Auch ihre eigene Gefühlswelt und Gedankengänge in der Sekte schildert Michelle intensiv und auch wie und warum die Versuche ihrer Familie zu ihr durchzudringen gerade das Gegenteil bewirkten wird sehr anschaulich. Deshalb ist das Buch sicherlich gut für Angehörige von Sektenmitgliedern geeignet.

Der Stil des Buches ist einerseits sehr emotional (man merkt, dass Michelle ein eher gefühltsbetonter Mensch ist), gleichzeitig aber trotzdem sehr analytisch, selbstkritisch und klar geschrieben, insgesamt ein Schreibstil, der sich sehr gut liest. Mir hat es sehr imponiert wie reflektiert Michelle ihre eigenen Schwächen und die Beziehung zu ihrer Mutter analysiert und wie sie teilweise auch sehr hart mit sich selbst ins Gericht geht und Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen übernimmt.

Als einzige Schwächen des Buches würde ich anmerken, dass die Episoden aus der Kindheit und Jugend anfangs teils etwas sprunghaft wirken (auch dadurch, dass der Teil recht kurz ist) und zweitens, dass einige Kapitel etwas sehr ausufernd von den spirituellen Inhalten der Sekte erzählen. Das ist eine Detailtiefe, die man an der Stelle vielleicht nicht unbedingt gebraucht hätte, da hätte man das Buch etwas kürzen können, ohne dass wichtige Inhalte verloren gegangen wären. Ich fand es aber durchaus beeindruckend wie die Sektenführerin es geschafft hat so ziemlich jede Weltreligion und spirituelle Richtung von der man jemals gehört hat zu einem Wirrwarr zu verquicken). Das sind aber nur Kleinigkeiten, insgesamt fand ich das Buch sehr gelungen und absolut lesenswert.

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Lesetipp: „Familie und andere Trostpreise“

Die Hauptperson des Romans „Familie und andere Trostpreise“ von Martine McDonagh ist der gerade 21 gewordene aus Großbritannien stammende Sonny Anderson. Über Sonny weiß man am Anfang des Romans nur, dass er schon eine turbulente Kindheit hinter sich hat. Er lebt aktuell mit seinem Vormund Thomas in Kalifornien, hat so einige Neurosen und eine Drogen-Vergangenheit. An seinem 21. Geburtstag erfährt Sonny, dass ihm sein verstorbener Vater ein Vermögen vererbt hat…Grund für Sonny sich auf eine Reise in seine Vergangenheit zu machen und die Hintergründe seiner turbulenten Kindheit zu erforschen. Außerdem möchte er herausfinden was eigentlich aus seiner Mutter geworden ist. Sonnys Vater war eine Art halb-krimineller Sektenguru, ein narzisstischer Gründer einer esoretischen Bewegung und Sonny hat nur verschwommene Erinnerungen an seine Kindheit, die er teilweise in einer Kommune in Südamerika verbracht hat.

Seine Reise führt ihn zu allen möglichen Leuten, die früher Kontakt zu seinen Eltern hatten und ihn als Kind kannten…da Sonny auch noch ein glühender Fan der Horror-Komödie „Shaun of the Dead“ ist, versucht er seine Reise zusätzlich noch mit einem Besuch der wichtigsten Dreh-Orte des Films zu verbinden . Die Erzählweise des Buches ist dabei nicht unbedingt so wie man es bei so einem dramatischen Inhalt vermuten würde, denn Sonny erzählt in der Ich Perspektive in einem humorvoll flapsigen und ironischen Tonfall, außerdem ist er auf den ersten Blick nicht unbedingt der größte Menschenfreund, mit seinen Neurosen und seiner eher introvertierten Art. Mir hat diese Kombination aus Drama und Komödie (heißt im Film vermutlich Dramedy) wirklich gut gefallen, da es dem Buch eine Leichtigkeit gibt, die die Geschichte sonst vielleicht etwas zu düster gemacht hätte. Außerdem wächst einem Sonny im Laufe des Buches immer mehr ans Herz, ein gelungener etwas schwieriger Hauptcharakter mit Ecken und Kanten. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die flapsige Tonfall nicht jedermanns Geschmack trifft.

Mir hat das Buch hervorragend gefallen, eine sehr gelungene Mischung aus Coming-Of-Age Story, Familiengeschichte und einem ernsthaften und erschreckenden Einblick in die Welt von Sekten. Auch die Rolle, die der Film „Shaun of the Dead“ in dem Buch gespielt hat, hat mir als Auflockerung gut gefallen und mich dran erinnert, dass ich den schon immer mal angucken wollte…