Bücher

Buch-Tipp: „Kleine Monster“ von Jessica Lind

„Kleine Monster“ von Jessica Lind ist ein weiterer Roman, der es auf die Nominierungsliste für den Österreichischen Buchpreis geschafft hat. Und ich kann gleich am Anfang sagen, dass der Roman eines meiner absoluten Lese-Highlights des Jahres 2024 geworden ist.

Im Mittelpunkt steht eine kleine Familie, Pia und Jakob mit ihrem Sohn Luca. Luca ist ein eher verschlossener und sensibler kleiner Junge im Grundschuldalter, dem plötzlich etwas für seine Mutter absolut Schockierendes vorgeworfen wird: er soll sich vor einer Schulkameradin entblösst haben. Obwohl die Angelegenheit in der Schule ohne größere Nachwirkungen aufgelöst wird, wirft sie Pia zurück in ihre eigene Kindheit und ihre komplizierte Familien-Konstellation. Sie lebte mit ihren Eltern, der Adoptivschwester Romi und der kleinen Schwester Linda relativ sorgenfrei zusammen bis die Familie durch eine Tragödie erschüttert wurde, die Pia nie richtig verarbeitet hat. Während Pia versucht aus Luca rauszubekommen, was in der Schule passiert ist, kann sie sich nicht von den Gedanken an die Vergangenheit befreien und verstrickt sich immer mehr in ihrer Gedankenwelt.

„Kleine Monster“ hat ein sehr schweres Thema, gleichzeitig aber eine sehr direkte und zugängliche Sprache, die es schafft, dass man sich sofort emotional mit den Charakteren verbunden fühlt und mit ihnen mitfühlen kann, selbst wenn ihre Handlung nicht immer wirklich verständlich sind. Gleichzeitig scheint das Buch auf einen dramatischen Höhepunkt zu zu steuern, ob es diesen gibt, möchte ich an dieser Stelle offen lassen. Jedenfalls hat mich das Buch in jeder Hinsicht überzeugt und meine Erwartungen sogar noch übertroffen, von mir also eine absolute Lese-Empfehlung. 

Bücher

Graphic Novel Tipp: „Low: David Bowie’s Berlin Years“ von Reinhard Kleist

„Low“ von Reinhard Kleist ist meine erste richtige Graphic Novel an die ich mich herangetraut habe. Schon öfters hat dieses Genre mein Interesse geweckt, aber ich habe bisher dann doch immer nicht zugegriffen (obwohl ich in der Vergangenheit schon einige Mangas gelesen habe und früher auch gerne Comics). An „Low“ hat mich besonders angesprochen, dass ich David Bowie und seine Musik mag und ihn als Star sehr interessant finde, aber kein richtig großer Fan oder Kennerin bin, weswegen ich zum Einstieg vermutlich keine komplette Biografie über ihn lesen würde. Eine Graphic Novel erschien mir da perfekt, eine visuelle und ästhetisch besonders aufgemachte Reise in das Leben von David Bowie. „Low“ ist übrigens bereits die zweite Graphic Novel, die über Bowie erschienen ist, während „Starman“ die Ziggy Stardust Jahre von David behandelt geht es in „Low“ um einen anderen Abschnitt: nachdem Bowie in L.A. fast an Drogen und Ruhm zugrunde geht, zieht er nach Berlin, um seine Ruhe zu haben und sich und seine Kreativität wieder zu finden.

Die Graphic Novel erzählt also von den Jahren in Berlin, aber in Rückblenden auch von der Zeit vorher in L.A. Das Einzige was mich da etwas störte ist dass diese Zeitsprünge überhaupt nicht voneinander abgegrenzt waren und man erst beim Lesen merkte, dass man plötzlich wieder völlig woanders (zeitlich und räumlich) gelandet war. Das ist aber aber nur eine Kleinigkeit.

Sonst hat mich die Graphic Novel völlig abgeholt, optisch von den Farben und vom Stil eher reduziert gehalten, fangen sie die Zeit, das Lebensgefühl und die Personen in ihrer Essenz hervorragend ein. Mir hat die Novel definitiv Lust darauf gemacht mehr über David Bowie zu erfahren, aber auch über die anderen Weggefährten, die vorkamen wie Iggy Pop oder Davids Berliner Geliebte, die transsexuelle Künstlerin Romy Haag.

Bücher

Buch-Tipp: „Der König“ von Jo Nesbø

„Der König“ von Jo Nesbø hat meine Aufmerksamkeit geweckt, da es mal kein typischer Skandinavien-Krimi oder Thriller ist, in dem ein typisch nordischer grummeliger Kommissar versucht einem Serienkiller das Handwerk zu legen. Stattdessen sind die Hauptpersonen des Romans selbst eher zwilichte Personen. Die Brüder Roy und Carl leben in einem kleinen Dorf in Norwegen, namens Os, Roy ist Automechaniker, sein Bruder Carl gilt als „König von Os“, denn er führt ein Wellness-Hotel und gilt als erfolgreicher Geschäftsmann. Roy und Carl haben große Träume für Os, vor allem Roy möchte den kleinen Ort durch den Bau einer Achterbahn für Touristen noch attraktiver machen, doch ein Bauvorhaben bedroht die Attraktivität des Ortes. Also müssen Roy und Carl zu Tricks greifen, um die Sache zu ihren Gunsten zu drehen. Die beiden haben allerdings buchstäblich noch deutlich mehr Leichen im Keller und als der Dorfpolizist versucht Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen, wird schnell klar, dass Roy und Carl nicht nur enge Familienmitglieder sind, sondern auch Rivalen. 

Erst durch eine andere Rezension habe ich im Nachhinein mitbekommen, dass „Der König“ tatsächlich der zweite Band einer neuen Reihe ist, in „Ihr Königreich“ wurden die Brüder Carl und Roy dem Leser bereits vorgestellt, allerdings hatte ich den Start dieser Reihe nicht mitbekommen. Ich hatte beim Lesen von „Der König“ jedoch nie das Gefühl, dass ich etwas verpasst habe oder dass mir Informationen fehlen, also ein sehr gutes Zeichen, dass das Buch auch unabhängig vom Vorgänger lesbar ist.

Trotzdem muss ich sagen, dass mich „Der König“ nur teilweise überzeugt hat. Der Roman ist auf jeden Fall mal etwas anders, das Dorfleben wird überzeugend geschildert, es ist fast unmöglich den bauernschlauen Roy trotz seiner zahlreichen Charakterfehler nicht zumindest etwas zu mögen  und die Erzählweise der Geschichte hat fast etwas von einem Western und ist somit etwas für Leute, die es in einem Romane auch gern mal etwas altmodischer und robuster haben. Gestört hat mich, dass in dem Krimi nie so Richtung Spannung aufkam und dass die Liebesgeschichte zwischen Roy und der jüngeren Natalie für so einen Roman doch fast etwas kitschig daherkam. Und auch der Aufhänger des Achterbahn-Traums wirkt ein bisschen wie ein merkwürdiges Hirngespinst, das wenig zur Handlung beiträgt. Insgesamt lässt mich der Roman also nicht unbedingt mit dem dringenden Wunsch zurück mehr von dieser Reihe zu lesen, als Einzel-Roman war es aber eine nette Abwechslung vom Krimi-Alltag.

Bücher

Jugendbuch-Tipp: „Scandor“ von Ursula Poznanski

“Scandor” von Ursula Poznanski ist mir das erste Mal auf der Frankfurter Buchmesse begegnet, wo ich ein Interview mit ihr dazu gehört habe. Dabei handelt es sich um ihren neuesten Jugendbuch-Thriller mit interessanter und wie fast immer etwas Sci-Fi artiger Thematik: 100 Personen werden scheinbar zufällig zu einer Challenge eingeladen, darunter die 19-jährige Tessa und der gleichaltrige Phillip. Sie bekommen einen neuartigen Lügendetektor am Arm angebracht, der jede Aussage von Ihnen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Werden sie bei einer Lüge ertappt, fliegen sie aus dem Wettbewerb. Wer am Längsten durchhält gewinnt 5 Millionen Euro. Um die Motivation der Teilnehmer zu steigen, nicht freiwillig aus dem Rennen auszusteigen muss jeder der mitmacht einen Vertrag unterzeichnen, der ihn verpflichtet sich nach dem Ausscheiden seiner größten Angst zu stellen.

Wie erwartet, ist es gar nicht so einfach im Alltag nicht zu lügen, denn natürlich sind auch keine kleinen Notlügen oder höfliche Floskeln, die nicht ganz erst gemeint sind, erlaubt. Doch auch sonst bietet der Wettbewerb einige Tücken, denn wer steckt eigentlich dahinter und hat der- oder diejenige vielleicht einen Hintergedanken?
Jemand der gerne Erwachsenen-Thriller liest, wird sicher hier seine Erwartungen nicht erfüllt sehen, denn Gewalt, Hochspannung oder blutige Geschehnisse sucht man hier (glücklicherweise) vergebens. Das Buch lebt für mich vor allem von der Grundidee und der Beschäftigung mit den Auswirkungen, die man sich auch in seinem eigenen Alltag sehr gut vorstellen kann: was würde es wirklich bedeuten im Alltag nie lügen zu dürfen, bei der Arbeit, bei der Unterhaltung mit geliebten Menschen oder bei Zufallsbegegnungen. Zudem werden die Teilnehmer von dem Spiel auch noch mit Spezialaufgaben unter Druck gesetzt, so dass es nicht möglich ist, sich dem Spiel durch Isolation zu entziehen. Die hinter dem Spiel liegende Handlung ist vielleicht nicht völlig unvorhersehbar, aber trotzdem wie ich finde in sich logisch und spannend erzählt.
An Ursula Poznanskis Büchern überzeugt mich immer ihre durchgehend hohe sprachliche und auch inhaltliche Qualität, denn obwohl sie sehr viele Bücher schreibt, habe ich noch nie etwas von ihr gelesen, dass mir nicht gefallen hat. “Scandor” gehört sogar zu den Büchern, die mir mit am Besten gefallen haben.

Bücher

Buch-Tipp: „Nach uns der Himmel“ von Simone Buchholz

„Nach uns der Himmel“ von Simone Buchholz ist ein nicht allzu umfangreicher Roman, der auf den ersten Blick eine unspektakuläre Geschichte erzählt. Drei Paare, ein Sohn im Teenageralter und eine junge Frau landen nach einem wetterbedingt turbulenten Flug auf ihrer Ferieninsel. Noch etwas mitgenommen von der Anreise machen die Urlauber sich mit dem Urlaubsort vertraut und auch wenn sie sich vorher nicht alle kannten, haben sie doch etwas gemeinsam: fast alle sind mehr oder weniger unglücklich in ihren Beziehungen. Während ich die Beschreibungen der ganz normalen Alltagskonflikte schon sehr gelungen und unterhaltsam fand, wird beim Lesen des Buchs sehr schnell klar, dass es auf der Insel nicht ganz mit rechten Dingen zugeht. Denn warum haben die Urlauber oft solche Schwierigkeiten die Aufmerksamkeit der Inselbewohner zu erlangen? Worauf die Geschichte in dem Buch hinausläuft ist nicht besonders schwierig zu erraten, es war aber sicher auch kein Anliegen der Autorin, den Clou der Geschichte besonders lange geheim zu halten. Anfangs war ich etwas skeptisch, ob mich die Idee des Buches ganz abholt, aber zum Ende hin muss ich sagen, dass das Buch für mich gut funktioniert hat, eine schöne ruhige intelligente Geschichte über das Leben und was die Menschlichkeit ausmacht. 

Bücher

Buch-Tipp: „Nostalgia“ von André Kubiczek

“Nostalgia” von André Kubiczek ist eines der Bücher das es auf die Nominierungsliste für den Deutschen Buchpreis 2024 geschafft hat. Mich hat es angesprochen, da ich sehr gerne Coming-Of-Age Geschichten und Kindheitserinnerungen lese. Dass das Buch autobiografisch ist, habe ich tatsächlich erst im Nachhinein beim Lesen der Widmung realisiert.
Der junge André wächst mit seiner laotischen Mutter, seinem Vater und dem behinderten Bruder Aleng Anfang der 80er Jahre in der DDR auf. Er möchte eigentlich ungern auffallen, doch natürlich ist das als Halb-Asiate in der DDR gar nicht so einfach. Seine Mutter lernte seinen Vater beim Studium in Moskau kennen und entschloss sich mit ihrer Familie in Laos zu brechen, um von nun an in der DDR ein Leben in der Fremde zu führen. Eine Entscheidung, mit der sie durchaus auch haderte, was in dem Roman mit der Zeit auch zum Thema wird. Abgesehen von ganz normalen Kindheitsproblemen rund um Schule, Freundschaft und Erwachsen werden merkt man als Leser:in schnell, dass André auch noch durch eine andere Sorge belastet wird, auch diese wird im Buch später noch viel Raum einnehmen.

Mich hat das Buch sehr berührt, denn der Ton ist einerseits humorvoll und kindlich charmant (ohne, dass es aufgesetzt wirkt), aber trotzdem bleibt die ganze Zeit ein ernster Unterton. Während das Aufwachsen eines Kindes mit Migrationshintergrund in der DDR natürlich eine Facette des Romans ist, liegt die Hauptstärke aber für mich auf jeden Fall in der Familiengeschichte, die absolut stark und persönlich erzählt wird. Gut gefallen hat mir auch, dass während am Anfang des Buches die Bedürfnisse und Erfahrungen von André im Mittelpunkt stehen, im letzten Drittel die Perspektive des Buches aber geändert wird und die Leser:innen mehr über Andrés Mutter und ihre Vergangenheit erfahren und darüber wie sie überhaupt in der DDR gelandet ist, in diesem Leben an der Seite eines Deutschen Mannes in einem Land, das sich sehr stark von Laos unterscheidet. Ein sehr schöner warmherziger und melancholischer autobiografischer Roman.

Bücher

Buch-Tipp: „Career Suicide“ von Bill Kaulitz

Nachdem ich in meiner letzten Rezension von Hape Kerkelings neuestem Buch schrieb, dass ich seine warmherzige, leise Art und seinen feinsinnigen Humor liebe, wirkt es vielleicht etwas amüsant, dass die zweite Autobiografie, die ich diesen Monat vorstellen möchte “Career Suicide: Meine ersten dreißig Jahre” von Bill Kaulitz ist, denn als leise würde ihn wohl eher niemand bezeichnen und sein Humor ist auch nicht gerade zurückhaltend feinsinnig (warmherzig passt aber auf jeden Fall auf beide). Trotzdem passen die beiden Bücher für mich gut zusammen, ist Hapes Buch das Wohlfühlbuch das man lesen möchte, um sich besser zu fühlen, nachdem man gerade versehentlich ein Spiegel Interview mit Thomas Gottschalk gelesen hat, ist Bills Buch das Buch, dass man lesen möchte, wenn man gerade mal nicht mit Yoga und Meditation auskommt, sondern seinen Frust über die Menschheit lieber mal voller Wut an einem Boxsack auslassen möchte. Denn wenn Bills Buch eine Emotion transportiert dann ist es sicher Wut und den Drang seine Emotionen mal ungefiltert loszuwerden. 

Das Buch habe ich tatsächlich schon vor einigen Monaten gelesen, aber da es ursprünglich im Januar 2021 erschienen ist, macht es nun auch nichts wenn die Rezension noch einige weitere Monate auf sich warten ließ.

Warum ich es gerade 2024 entdeckte: 2023 tauchten in der Insta Story einer Influencerin, der ich folge, Videos von einem Festival Auftritt von Tokio Hotel auf. Da ich Tokio Hotel immer sympathisch fand (ohne mich damals 2005 – 2010 groß mit ihnen zu beschäftigen, für die damalige Zielgruppe war ich schon zu alt) und mich diese Insta Story ansprach, weil das Konzert cool aussah, blieb mir der Gedanke, die Band mal live sehen zu wollen im Hinterkopf. Das vergaß ich dann aber erstmal wieder. Als ich dann Werbung für die neue Serie “Kaulitz & Kaulitz” auf Netflix sah wollte ich mir diese ansehen, völlig ohne Erwartungen (da ich kein Privatfernsehen hatte und auch so gut wie gar kein lineares Fernsehen sehe waren die Kaulitz Brüder mir irgendwie nie so wirklich bewußt irgendwo begegnet, dass Tom Heidi Klum geheiratet hat, hab ich natürlich mitbekommen, aber das wars dann auch schon). Um so mehr begeisterte mich (die nur auf den ersten Blick sehr oberflächliche und schrille) Netflix Doku, weswegen ich begann den unheimlich lustigen Podcast zu hören und bald auch eine Konzertkarte für Ludwigsburg gekauft hatte (glücklicherweise wurde eine gute Freundin gleichzeitig Fan) und eben auch Bills Buch lesen wollte. 

Das Buch erzählt von Bill und Toms Kindheit, ihrer schwierigen und verhassten Schulzeit, der Entstehungsgeschichte von Tokio Hotel, der verrückten Zeit der 5 Jahren extremen Hypes, den Machenschaften der Musikbranche, Knebelverträgen und Deals mit der Presse, der Flucht in die USA, der künstlerischen Befreiung der Band und den ersten Jahren von Bill und Tom in den USA. Es endet ca. mit Toms Hochzeit mit Heidi Klum, was für beide Brüder sein großer emotionaler Neuanfang war, schon allein weil sie bis dahin ihr ganzes Leben zusammen gewohnt haben (auch ist mir Heidi Klum durch Buch und Podcast nun auch deutlich sympathischer als früher).

Das Buch endet somit auch einige Jahre vor dem aktuellen großen Hype um die Kaulitz Brüder mit dem Bill sich nach außen wieder ein neues Image geschaffen hat, dass des ständig (etwas zu) gut gelaunten Spaßvogels, das natürlich nur deswegen so sympathisch ankommt, weil man immer merkt, dass sich hinter der Fassade viel mehr verbirgt (sonst wäre auch die Netflix Serie nicht so berührend und faszinierend, sondern oberflächlich). Das Buch, das eben nicht locker und lustig ist, eignet sich somit hervorragend um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und mehr über die Bandgeschichte und die Geschichte von Bill und Tom zu lernen. Es ist allerdings finde ich auch nicht ganz einfach zu lesen, ich brauchte wegen der vielen Eindrücke und auch weil darin durchaus auch viele schlimme Dinge passieren zwischen den einzelnen Kapiteln öfters mal eine Pause. Besonders gut gefallen hat mir, dass vor jedem Kapitel dazu passende Fotos aus der jeweiligen Zeit abgebildet waren, auch vermutlich bis dahin noch unveröffentlichte Fotos aus der Kindheit.

Für Tokio Hotel Fans der ersten Stunde, die die Band damals vergöttert haben, kann das Buch vermutlich auch etwas schockierend sein, wenn man erfährt wieviel Druck und Zwängen die Band damals ausgesetzt war und wie wenig sie sich musikalisch und auch sonst künstlerisch verwirklichen konnte. Auch lieferte das Buch für mich eine Erklärung dafür warum das 4. Studioalbum von Tokio Hotel („Kings of Suburbia), das letzte das sie für ihr altes Plattenlabel rausbringen mussten, so wütend und provokant war. Für mich aber tatsächlich eines der besten Alben, auch wenn sie vermutlich leider kaum was selbst dran verdienen wenn ich das streame. Da ich keine emotionale Bindung zu den ersten drei Alben von Tokio Hotel habe (und auch finde, dass man die heute wegen Bills jugendlicher Stimme – auf dem ersten Album eher sogar Kinderstimme – die ganz anders klingt als heute sowieso nicht mehr anhören kann ) hat es mir natürlich nichts ausgemacht, die ganzen Enthüllungen und kritischen Auseinandersetzungen mit der Musikbranche zu lesen, fand sie aber sehr interessant (auch wenn ich mir vorher schon keine Illusionen gemacht habe, wie es da zugeht). 

Kritikpunkte an dem Buch, die gelegentlich in Rezensionen auf Amazon geäußert wurden sind, dass die Sprache vulgär ist und dass Bill bisweilen arrogant ist (nicht umsonst hat seine Lektorin Bill laut Buch gefragt, ob ihm eigentlich klar ist wie arrogant und unsympathisch er an manchen Stellen wirkt). Sicherlich urteilt Bill oft sehr hart über andere Menschen (und mag es andersrum nicht wenn andere das bei ihm tun). Allerdings haben die meisten Promis und auch Normalos ja die Angewohnheit in der Öffentlichkeit ihre negativen Charaktereigenschaften (die natürlich jeder hat) zu verbergen und sich im bestmöglichen Licht darzustellen. Dass Bill das nicht tut, macht ihn und das Buch so interessant und eher sympathischer meiner Meinung nach. Wenn man nun sehr prüde ist und gar keine etwas derbe oder versaute Sprache mag ist sicher weder das Buch noch der Podcast der Kaulitz Brüder was für einen. Allerdings fand ich nicht, dass das Buch unnötig oder übertrieben vulgär geschrieben ist, entsprechende Ausdrücke finden sich nur an Stellen wo es eben auch dazu passt . Auch klingt das Buch wenn man den Podcast gewohnt ist sehr authentisch nach Bill, man hat quasi seine Stimme “im Ohr”, ergo passt die Sprache des Buches auch perfekt zu ihm. 

Für mich ist es die beste Autobiografie, die ich dieses Jahr gelesen habe und Bill Kaulitz einer der faszinierendsten Menschen, die Deutschland zu bieten hat. Ich kann mir im Nachhinein gut vorstellen, wie Tokio Hotel 2005 einen derartigen Hype auslösen konnten, denn Bill hat etwas an sich dass Menschen anzieht, das aber auch polarisiert und extreme Reaktionen hervorruft. Gleichzeitig ist er aber tatsächlich unheimlich liebenswert und gleichzeitig etwas undurchsichtig, weiß man doch nie ganz sicher was in der jeweiligen Situation übertrieben, authentisch, wahr oder teils erfunden ist, was der Provokation dient oder wirklich genau das ist was er im jeweiligen Moment denkt. Trotzdem schafft er es in der Gesamtheit seiner chamäleonhaften Persönlichkeit nie aufgesetzt zu wirken, sondern lediglich wie ein sehr emotionaler authentischer Mensch mit vielen verschiedenen Facetten, weswegen ich nun sehr gespannt auf die nächsten 30 Jahre bin 😉

Bücher

Frankfurter Buchmesse 2024 – Teil 1

Nach einer krankheitsbedingten Pause im Jahr 2023, bin ich dieses Jahr wieder für einen Tag mit meiner Freundin von Glimrende zur Frankfurter Buchmesse gefahren. Da es am Wochenende aufgrund des öffentlichen Publikumverkehrs immer völlig überlaufen ist, haben wir uns wieder für den Freitag entschieden.

Die Fotospots waren sehr gelungen

Ähnlich wie letztes Mal, habe ich mir einige Lesungen und Interviews zu einem potentiellen Zeitplan zusammengestellt, von denen ich dann aber nur einige Programmpunkte spontan tatsächlich besichtigte, denn eigentlich ist ein Tag auf der Buchmesse natürlich viel zu wenig. Zunächst schlenderte ich erstmal zwei Stunden durch die großen Halle 3.0 und 3.1, wo einerseits die bekanntesten Verlage ihre Mainstream Bücher aus Belletristik und Sachbuch ausstellen, aber auch viele (teils obskure oder etwas skurrile) Kleinstverlage vertreten sind. So dass es sich auf jeden Fall empfiehlt sofern man ein Presseticket hat diese Halle zu besichtigen bevor es durch den öffentlichen Publikumsverkehr nachmittags zu voll wird. 

Beeindruckendes „Bridgerton“ Display

Wobei ich sagen muss, dass die Gänge mir dieses Jahr noch etwas breiter vorkamen, zudem wurden die großen Publikumsmagnete im „New Adult“ Bereich diesmal in eine andere Halle ausgelagert, was zur Entzerrung positiv beigetragen hat. Wie letztes Jahr nutzte ich diese Zeit vor allem um mir Leseinspirationen und -ideen für die kommenden Monate zu holen. Gekauft habe ich mir dieses Jahr aber nur die aktuelle Buchpreisgewinnerin („Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ Von Martina Hefter) worauf ich auch schon sehr gespannt bin.

Am Ende des Vormittags habe ich mir dann noch am Stand der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit der Schauspielerin Caroline Peters angeschaut, die ihren Roman „Ein anderes Leben“ vorstellte, in dem sie die Geschichte dreier Schwestern erzählt, die die gleiche Mutter, aber drei unterschiedliche Väter haben. Darin verarbeitete Caroline Peters aber vor allem auch die Lebensgeschichte und die Persönlichkeit ihrer Mutter, so dass es sich um ein sehr persönliches Buch handeln dürfte. Da es Carolines erster Roman ist (entstanden unter anderem auch wegen der Corona-Zwangspause) wurde sie natürlich dazu befragt, wie sie auf die Idee kam ein Buch zu schreiben und wie sich der Schaffensprozess von der Arbeit als Schauspielerin unterscheidet und wie sie mit Kritik umgeht, was ich alles sehr spannend fand. Interessant fand ich, dass man Caroline Peters trotz ihrer Souveränität und Erfahrung als Prominente und Schauspielerin auch etwas anmerkte, dass sie im Vergleich zu den „Profi“-Schriftsteller:innen, die ich mir später noch anhörte noch nicht so daran gewöhnt ist ein Buch zu promoten, was ich aber sehr sympathisch fand, denn so waren die Antworten einerseits etwas überlegter und auch etwas unvorhersehbarer und ihre Perspektive als Schauspielerin war auch nochmal etwas anders als die von jemandem der als Hauptberuf jedes Jahr bis zu zwei Büchern schreibt. Ich werde ihren Roman auf jeden Fall auch noch lesen und bei Gelegenheit vorstellen. 

Caroline Peters im Gespräch

Danach machten meine Freundin und ich erstmal eine Mittagspause, wie immer war das Angebot auf dem Vorplatz im Freien sehr gut und abwechslungsreich und es war sehr angenehm etwas frische Lust zu schnappen. Nach der Mittagspause besichtigten wir den Pavillon des diesjährigen Gastlandes Italien. Auf den allerersten Blick wirkte die Ausstellung und die Präsentation auf mich etwas altmodisch (vor allem vermutlich wegen der Nutzung römisch anmutender Säulen), aber insgesamt hat es mir dann sehr gut gefallen, auch wenn passend zur italienischen Kultur tatsächlich vor allem die Vergangenheit auf den ersten Blick mehr im Fokus stand als die Moderne. Was sich teils aber als oberflächlich Eindruck entpuppte, denn einige auf den ersten Blick altmodische Gemälde stellten sich auf den zweiten Blick auf wirklich geniale Fotografien des verlassenen Pompejis heraus, die der Fotograf während des Corona-Lockdowns aufgenommen hatte. Insgesamt war der Pavillon eine sehr ansprechende Mischung zwischen Literatur und Kunst. Natürlich gab es auch eine große Auswahl von Büchern aus Italien.

Gastland „Italien“

Den zweiten Teil mit Eindrücken von der Buchmesse gibt es dann in Kürze.

Bücher

Buch-Tipp: „Gebt mir etwas Zeit“ von Hape Kerkeling

Den Sommer über habe ich meinem Hobby „Lesen“ nicht ganz so viel Zeit gewidmet, da man im Sommer ja meist doch mehr unterwegs ist. Passend zur Frankfurter Buchmesse Zeit möchte ich aber mal wieder zwei Bücher aus meinem Lieblingsgenre „Autobiografien“ vorstellen, in diesem ersten Beitrag ist das „Gebt mir etwas Zeit“ von Hape Kerkeling. Ich liebe es einfach, den persönlichen Blick verschiedener Menschen auf sich selbst kennen zu lernen und ihre eigene Erfahrungen aus ihrer Sicht zu lesen, ich finde das erweitert auch unheimlich den Horizont und weckt Empathie, eine Eigenschaft die der Gesellschaft aktuell mehr den je zu fehlen scheint.

Und in einer Welt in der widerliche Egomanen wie Donald Trump, JD Vance oder Elon Musk laut sind (und ich finde nicht mal diese Menschen am Schlimmsten daran, sondern die Leute die sie wählen oder auch nur verharmlosen) oder Typen wie Thomas Gottschalk natürlich auf der Frankfurter Buchmesse eingeladen sind, um mal wieder lautstark ihre Masche überall zu vermarkten, dass sie arme unterdrückte Gesellen sind, die gar nix mehr sagen dürfen (außer halt im Fernsehen, auf der Buchmesse, im Spiegel, im Podcast, usw …) ist es um so schöner, dass es auch noch angenehme, warmherzige leise Menschen gibt, denen man zuhören kann und auch sollte. 

Entsprechend ist das erste Buch, das ich heute vorstelle, dass neue Buch von Hape Kerkeling, einem der angenehmsten Menschen in der Deutschen Fernseh- und Kulturlandschaft. Ich habe schon fast alle Bücher von ihm gelesen (gut, außer das mit den Katzen, das ist selbst mir zu viel „Special Interest“) und jedes hat mich berührt. Ich liebe seine warmherzige, leise Art und seinen feinsinnigen Humor, der niemals in den Klamauk abdriftet.

„Gebt mir etwas Zeit“ ist nun von der Grundidee etwas außergewöhnlich und es ist auch tatsächlich entgegen meiner Aussage von oben keine klassische Autobiografie. Befasst sich Hape darin doch zu einem großen Anteil mit der Ahnengeschichte seiner Vorfahren. Die Idee dazu kam ihm wohl während Corona und so wurde aus dem Buch eine Mischung aus eigenen Erinnerungen an vor allem die 1980er Jahre, die Aufarbeitung der (mutmaßlichen) Herkunft seiner Großmutter Bertha und der vermutlich überwiegend fiktiven Geschichte einiger realen Vorfahren im Amsterdam des 17. Jahrhunderts. Geschildert werden diese Episoden abwechselnd, so mischen sich tatsächliche Erinnerungen von Hape mit den teilweise fiktiven Geschichten seiner Vorfahren. Ich fand diese abwechselnden Kapitel gut, denn so kommt keine Langeweile auf. 

Ich muss zugeben, dass mir die Kapitel in denen Hape seine Erinnerungen an die 1980er Jahre schildert mit Abstand am Besten gefallen haben. Das liegt vermutlich zu einem kleinen Teil daran, dass mich persönlich Ahnenforschung nicht so besonders interessiert, zu einem viel größeren Teil aber daran, dass diese Erinnerungen einfach unheimlich berührend sind, mit das Schönste und gleichzeitig Traurigste das ich dieses Jahr bisher gelesen habe. Denn Hape teilt in diesem Handlungsstrang nicht nur seine Erfahrungen mit den ersten Schritten in der Deutschen Fersehbranche (so verstaubt, homophob und sexisistisch wie man sich diese vorstellt, was sich vermutlich auch 2024 noch nicht signifikant verändert hat), sondern auch eine queere Liebesgeschichte in Amsterdam, in einer Zeit in dem der Drang nach Freiheit und Liebe durch AIDS gefährlich bedroht war. Ich war bei diesem Teil fast besonders froh, dass jedes Kapitel durch ein „historisches“ Kapitel unterbrochen war, denn so bekam man die ganzen Emotionen häppchenweise und somit etwas leichter verdaulich. Trotzdem musste ich bei einem Kapitel fast ein bisschen weinen.

Die historischen Fiktionskapitel basieren, so wie ich es verstanden habe auf realen Personen, von deren Leben auch Einiges im Buch durch Quellenangaben belegt ist. Darauf aufbauend schrieb Hape die teilweise Lebensgeschichte eines Ahnen in Amsterdam auf. Dieser Teil der Geschichte gefiel mir überwiegend auch gut, denn man lernte sehr viel über die Geschichte von Amsterdam, damalige gesellschaftliche religiöse Zwänge und auch kritische Themen wie Sklaverei und Kolonialgeschichte wurden nicht ausgespart.

Den Dritten Fokus des Buchs, die Herkunft von Hapes Oma Bertha fand ich nicht ganz so stark wie den Rest, ist aber sicher etwas das für Hape selbst sehr wichtig war. 

Insgesamt kann man das Mischen von so unterschiedlichen Themenschwerpunkten in einem Buch vielleicht auch etwas kritisch sehen, für mich hat das Buch ingesamt aber sehr gut funktioniert und es war mal wieder eine Freude etwas von Hape zu lesen, der in der Fernsehlandschaft für mich auf jeden Fall eine große Lücke hinterlassen hat.

Bücher

Jugendbuch-Tipp: „Unsichtbar“ von Eloy Moreno

„Unsichtbar“ von Eloy Moreno ist ein spanisches Jugendbuch, das ein schwieriges Thema (Mobbing) auf eine unheimlich literarische und berührende Weise verarbeitet. Angesprochen hat mich bei dem Buch als erstes das schlichte, aber sehr gelungene Cover. Ansonsten wusste ich nicht wirklich was mich erwartet, aber das Buch hat auf jeden Fall jegliche Erwartungen übertroffen und mich sogar 2-3x fast zu Tränen gerührt. Dabei ist es kein hoffnungsloses Buch, sondern ein Buch voller Wärme, trotz der darin vorkommenden Traurigkeit. Ganz besonders ist auch die wirklich wundervolle poetische und trotzdem sehr direkte Sprache. 

Held der Geschichte ist ein namenloser Junge, von dem man am Anfang des Buches nur weiß, dass er im Krankenhaus liegt. Aufgrund eines angeblichen Unfalls. Ansonsten lernt man als Leser:in, dass der Junge davon überzeugt ist diverse Superheldenkräfte zu besitzen, darunter die Fähigkeit sich unsichtbar zu machen. Das Buch erzählt die aktuellen Geschehnisse und auch die Rückblenden, die zu dem Unfall führten dann aus Sicht des Jungen, aber auch aus Sicht anderer Personen aus seinem sozialen Umfeld. So schält sich Seite für Seite eine Geschichte heraus, die traurig ist, aber vermutlich überall auf der Welt jeden Tag genau so geschieht. 

Für mich ist „Unsichtbar“ eines der besten Bücher über Mobbing, das ich gelesen habe (das beste – das ich deswegen hier auch erwähnen möchte – ist meiner Meinung nach „Nennen wir ihn Anna“ von Peter Pohl) und ich empfehle es wirklich jedem unabhängig vom Alter.