Bücher

Buch-Tipp: „Treue“ von Susan Glaspell

Heute möchte ich einen Klassiker vorstellen: „Treue“ von Susan Glaspell erschien erstmalig im Jahr 1915 und gilt als ein frühes feministisches Werk der Autorin, die 1931 den Pulitzer Preis für ihr Theaterstück „Allison“ bekam.

Im Mittelpunkt des Romans steht eine junge Frau: Ruth Holland. Um sie und ihre Entscheidungen dreht sich der gesamte Roman, auch wenn er nur in Teilen aus ihrem Blickwinkel erzählt wird.

Ruth wächst in einer konservativen Kleinstadt in Iowa auf und tut als junge Erwachsene was damals von der Gesellschaft zu der sie gehörte als völlig unakzeptabel gesehen wird: sie fängt eine Affäre mit einem verheirateten Mann an und zieht mit ihm weg, als es ihm gesundheitlich schlecht geht und er andere klimatische Bedingungen benötigt.

Der Ausgangspunkt des Buches ist aber ein späterer Zeitpunkt: Ruths Vater liegt 11 Jahre später im Sterben und Ruth kehrt erstmalig in ihre Heimatstadt zurück und muss sich mit den Reaktionen ihrer Familie und ehemaliger Freunde auseinander setzen. Doch auch diese Menschen sind dazu gezwungen sich selbst und ihre eigenen Reaktionen zu hinterfragen. So zum Beispiel ihr enger Jugendfreund Deane, der als einziger von Anfang an immer zu Ruth gehalten hat und sich deswegen direkt mit seiner neuen Frau zerstreitet.

Ruth hingegen versucht wieder Beziehungen mit ihren Geschwistern einzugehen und eine Beziehung zu ihrer Heimatstadt wiederzufinden, die sie von jetzt auf sofort verlassen hatte ohne zurückzublicken.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Der Schreibstil ist emotional und intensiv und besonders die vielen verschiedenen Blickwinkel haben mir gefallen, man erfährt nicht nur viel über Ruths Leben und Schicksal, sondern auch welche Auswirkungen ihre Entscheidungen auf alle möglichen Menschen in der gesellschaftlich sehr eingeschränkten Kleinstadt hat. Und er schildert wie Ruth von Anfang bis Ende immer sie selbst bleibt, kompromisslos und eigenwillig, auch wenn sie sich ihr Leben immer schwerer macht als es vielleicht sein müsste.

Besonders gut hat mir gefallen, dass Ruth im Buch einerseits als Ausgestoßene geschildert wird, andererseits aber auch als junge Frau, die als besonders charismatisch und beliebt gesehen wurde. Und ebenfalls toll fand ich, dass im zweiten Teil des Buches auch die verlassene Ehefrau in den Vordergrund rückt und ihr Sichtweise und ihr Charakter Raum im Buch bekommt. Denn am Anfang des Buches fand ich es zunächst etwas befremdlich, dass die Geschichte sehr stark aus Sicht von Deane und Ruths jüngerem Bruder Ted geschildert wird, also die Blickwinkel von zwei Männern eine sehr große Rolle spielen, das wird über das ganze Buch hinweg aber doch ausgewogener.

Aus heutiger Sicht sind die gesellschaftlichen Reaktionen auf den Ehebruch in unserer westlichen Gesellschaft natürlich nicht mehr ganz nachvollziehbar, doch letztendlich hat sich auch heute nicht viel geändert: auch heute werden Menschen die nicht in die engen Konventionen eines Dorfes oder einer Kleinstadt passen ausgegrenzt, auch heute können Menschen vielerorts nicht frei lieben wen sie möchten und werden dafür diskriminiert oder angefeindet , so dass das Buch letztendlich ein Buch einer Gesellschaft zeichnet, die sich in den über 100 Jahren die seit der Veröffentlich vergangen ist, doch letztendlich wenig verändert hat.

Insgesamt ein Buch, das auch im Jahr 2026 absolut lesenswert ist.

Hörbuch

Hörspiel-Tipp: „Krabat“ von Otfried Preussler

„Krabat“ von Otfried Preussler ist eines meiner absoluter Lieblings-Jugendbücher aller Zeiten. Ich habe es als Kind bestimmt um die 10x gelesen und auch als Erwachsene 1-2x. Als ich nun sah, dass es eine Neuauflage der Hörspiel-Fassung von 2016 gibt, habe ich beschlossen mich mal an eine andere Umsetzung zu wagen.
Die Geschichte dürfte Vielen vermutlich bekannt sein, der Kampf gegen Schwarze Magie, die Kraft der Liebe, für ein Jugendbuch sehr düster und teils auch brutal, basierend auf der alten sorbischen Krabat-Sage, ist es ein sehr poetisches und kraftvolles Buch. Der 14-jährige Waisenjunge Krabat wird von einem Traum wiederholt auf eine Mühle im Koselbruch bei Schwarzkollm aufmerksam gemacht, sie scheint nach ihm zu rufen und nachdem er sich dorthin aufgemacht hat, beginnt er eine Lehre als Müllerbursche. Zunächst findet er die Arbeit trotz des strengen und teils grausamen Müllermeisters spannend, vor allem als er lernt, dass dort nicht nur die Arbeit als Müllersbursche gelehrt wird, sondern die Kunst der Schwarzen Magie. Doch bald muss Krabat erkennen, dass er einen Pakt eingegangen ist, der ins Verderben führt und dass in der Mühle schlimme Dinge vorgehen…

Das Hörspiel wird von den vielen Beteiligten Lesern sehr gut gelesen und ist mit sehr sehr schöner mystischer und atmosphärisches Musik unterlegt, alles ist sehr harmonisch arrangiert, Max Mauff liest den Krabat sehr sensibel, sehr gut gefallen hat mir auch Laura Maire als seine Angebetete Kantorka.

So hat mir das Hörspiel wirklich gut gefallen, auch wenn ich als Fan des Buches sagen muss, dass es mich doch nicht ganz in gleichem Massen verzaubern konnte wie das Buch, aber das ist vermutlich auch sehr schwierig, wenn man das Buch so sehr mag und den für ein Hörspiel notwendigen Kürzungen geschuldet und vermutlich eher eine individuelle Sache, generell ist das Hörspiel absolut empfehlenswert. Ausgesprochen gelungen finde ich auch das Cover der neuen Ausgabe.

Reiten

Klassiker der Reitliteratur rezensiert (Teil 1)

„Reitlehre“ von Wilhelm Müseler

Neulich hat bei mir am Stall jemand alte Pferdebücher zum Verschenken ausgelegt, dabei habe ich mir ein paar gegriffen, entweder welche, die ich schon immer mal lesen wollte und zwei von denen ich noch gar nichts gehört hatte. Zur ersten Kategorie gehört die „Reitlehre“ von Wilhelm Müseler und zwar in der 44. Auflage von 1981. Das Buch stammt im Original aus dem Jahr 1933. Die neueste Ausgabe ist von 2005, diese ist laut Beschreibung zusätzlich mit Fußnoten versehen, in denen Begrifflichkeiten und Aussagen näher erklärt werden, die aus heutiger Sicht irreführend wirken können. Diese Ausgabe habe ich aber selbst noch nicht gesehen. Die Ausgabe von 1981 ist auch überarbeitet worden (entsprechend steht Kurd Albrecht von Ziegler als Co-Autor mit drin)

Das Buch gliedert sich grob in ca. 3 Teile, im ersten geht es vor allem um die Ausbildung des Reiters und den Reitersitz. Im 2. Teil geht es primär um die Ausbildung des Pferdes, die grob in 3 Phasen aufgeteilt ist (Arbeit mit dem ungerittenen Pferd, Grundausbildung der Dressur und weiterführende Ausbildung). Im 3. Teil werden Lektionen vorgestellt, sowie die verschiedenen Reit-Disziplinen und Prüfungen.

Der erste Teil zum Reitersitz ist einerseits sehr gelungen, vor allem betont der Autor dort Dinge, die heute gerne als neue „Methoden“ oder Erkenntnisse verkauft werden (nämlich zum Beispiel die Notwendigkeit sich Aufzuwärmen und durch gymnastische Übungen ohne Pferd die Grundlagen für einen geschmeidigen Reitersitz zu legen). Weiterhin wird viel Wert darauf gelegt zu betonen, dass es nichts bringt, den Reiter in eine starre „korrekte“ Schablone zu pressen. Eine große Schwäche des Buches, von der mich auch schon diverse Ausbildung gewarnt haben, ist die Beschreibung der „Kreuzhilfe“, die auch einen ganz schön großen Umfang hat. Abgesehen davon, dass der damals verbreitete Begriff des „Kreuz anspannens“ aus heutiger Sicht auch biomechanisch nicht viel Sinn macht (wenn dann sind es bekanntlich eher die Bauchmuskeln, die man zum Reiten kontrolliert anspannen können muss), ist das ganze Kapitel zum Kreuz anspannen tatsächlich so unglücklich beschrieben, dass es auch mit größtem Wohlwollen nicht möglich ist, diese Beschreibung nicht als die Aufforderung zum extensiven Schieben mit dem Sitz zu interpretieren. Dieser Teil ist also definitiv mit Vorsicht zu genießen.

Am Besten gefallen hat mir der 2. Teil des Buches, in dem es um die Ausbildung des Pferdes geht, hier sind die Beschreibungen größtenteils sehr präzise und hervorragend verständlich. Grade die Beschreibung der Losgelassenheit und woran man diese erkennt finde ich deutlich praxisnäher und verständlich als die eher knappen und theorie-lastigen Ausführungen in vielen modernen Reitbüchern. Auch die Lektionen und wozu sie dienen und wie sie erarbeitet werden ist sehr gut beschrieben, außerdem wird sehr viel Wert darauf gelegt zu betonen, dass man ein gut gerittenes Pferd nicht anhand einer bestimmten Haltung (schon gar nicht Kopf/Hals-Haltung) oder Momentaufnahme erkennt, sondern dies nur anhand des Gesamtbildes des Pferdes in Bewegung beurteilen kann. Konsequenterweise verzichtet der Autor deswegen auch komplett auf schematische oder bildliche Darstellungen einer „richtigen“ Haltung.

Den 3. Teil des Buches fand ich nicht ganz so interessant, da darin zwar viele Themen abgehandelt werden, allerdings meist eher oberflächlich (so zum Beispiel die Arbeit mit Bodenricks/Cavaletti oder das Springen und eine kurze Auflistung von Ausrüstungsgegenständen und Hilfsmitteln). Hier wäre es vielleicht sinniger gewesen, sich ein Thema herauszugreifen und dieses so intensiv zu betrachten wie die Dressurausbildung in den ersten 2/3 des Buches.

Was mir an der Ausgabe, die ich gelesen habe nicht sooo gut gefallen hat, ist das nicht wirklich erkennbar ist, welche Textteile „original“ aus 1933 stammen und welche überarbeitet wurden (manchmal lies sich nur aus dem Zusammenhang – technische Entwicklung oder Beschreibung von „Freizeitreitern“-  vermuten, dass die Aussagen eher nicht von 1933 stammen). Das die Erstausgabe schon über 70 Jahre alt ist, merkt man dem Text allerdings kaum an, dieser ist gut verständlich. Aus heutiger Sicht eher amüsant sind Tipps wie um erst mal einen lockeren Sitz zu bekommen auf dem Pferd zu singen, summen oder rauchen 😀 Letzteres würde man heute politisch korrekterweise wohl eher nicht mehr empfehlen.

Die Bilder in meiner Ausgabe stammen weitgehend aus den vergangenen Jahren und zwar aus Wettbewerben des Dressur- und Springsports, sowie aus der Vielseitigkeit. Sie sind fast alles sehr gelungen, haben aber nicht immer einen direkten Bezug zu dem geschriebenen Text (wenn dann illustrieren sie das Geschriebene aber passend).

Insgesamt liest sich das Buch gut und flüssig und sehr unterhaltsam (es ist auch kein allzu dicker „Wälzer“) und bietet sicherlich für jeden Reiter, der an der klassischen Reitweise Interesse hat viel zum Nachdenken und auch Umsetzen, sofern er daran denkt den Teil zum „Kreuz anspannen“ mit Vorsicht zu behandeln. Hier würden mich die Fußnoten der Ausgabe von 1995 definitiv interessieren, um herauszufinden ob dies dort entsprechend thematisiert wird.