Bücher

Bücher Highlights aus dem 1. Quartal 2016

Auch dieses Jahr habe ich schon einige Bücher gelesen, die Highlights möchte ich heute hier vorstellen, das sind all die Bücher, die ich aus irgendeinem Grund überdurchschnittlich gut fand, genreübergreifend. Zur Zeit lese ich eigentlich am Meisten Belletristik unterschiedlichster Art, so dass ich diesen Post diesmal auch genreübergreifend halten möchte.

  • Kameraübung“ – von Synke Köhler:„Kameraübung“ ist ein recht kompaktes Büchlein (ca. 125 Seiten) mit neun verschiedenen Erzählungen aus dem Alltag verschiedener Menschen. Das Cover ist schlicht und elegant und hat mich sofort angesprochen. Ich lese relativ selten Erzählungen oder Kurzgeschichten, wobei ich diese sehr gerne mag wenn sie wirklich gut sind.

    Dieses Buch hat mich kein bisschen enttäuscht. Die verschiedenen Erzählungen im Buch sind fast alle auf sehr hohem Niveau und schildern ganz unterschiedliche kleine Alltagsbegegnungen oder -ereignisse auf eine sehr beeindruckende Art und Weise. Manche der Geschichten sind sehr nahe an den Hauptpersonen „dran“, man fühlt mit ihnen mit, in anderen Geschichten ist der Erzählstil distanziert und es wird eher die Sicht eines neutralen Beobachters eingenommen. Im Mittelpunkt der Geschichten stehen meist die Beziehungen zwischen den Personen, z.B. innerhalb einer Familie oder auch zwischen Menschen, die sich bisher gar nicht kannten. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist das die Geschichten relativ kurz sind, man aber irgendwo trotzdem jedes mal sofort im Geschehen drin war und ein Gefühl für die Charaktere und Personen hatte.

  • EINS“ – von Sarah Crossan:„EINS“ von Sarah Crossan ist ein außergewöhnliches Buch, sowohl was das Thema angeht, als auch die Umsetzung. Es geht um die beiden 16-jährigen Schwestern Grace und Tippi (die Eltern waren Hitchcock Fans 😉 , siamesische Zwillinge, die von der Hüfte aus abwärts zusammengewachsen sind. Die Geschichte wird als Ich-Erzählung aus Sicht der einen Schwester Grace erzählt, in kleinen Episoden und das Buch zieht sich inhaltlich über den Zeitraum von einigen Monaten. Der Schreibstil des Buches ist auf den ersten Blick ungewöhnlich, die einzelnen Kapitel sind sehr kurz (oft nur ca. zwei Seiten) und in kleinen Textblöcken dargestellt, die auf den ersten Blick wie Gedichte wirken. Das stört den Lesefluss aber kein bisschen, grad durch die kleinen Häppchen, liest sich das Buch sehr schnell runter und entwickelt einen Sog, so dass man immer weiter und weiter lesen will. Die Sprache ist poetisch und berührend, ohne jemals kitschig zu werden. Das Buch schildert die Probleme und normalen Teenie-Alltagssorgen der beiden Schwestern, ihrer jüngeren Schwester Dragon, der Eltern, ihrer Freunde und die Reaktionen der Mitmenschen auf die beiden Schwestern. Zu Beginn des Buches ändert sich für Grace und Tippi in ihrem Leben gerade sehr viel, denn durch finanzielle Probleme der Eltern sind sie gezwungen auf eine „normale“ Schule zu gehen, anstatt wie bisher zu Hause unterrichtet zu werden. Abgesehen davon möchte ich von der Handlung allerdings nicht zu viel vorab verraten.

    Das Buch ist rein fiktiv, im Epilog am Ende gibt die Autorin allerdings einige Hintergrundinfos über ihre Recherchen zu dem Thema und ich hatte den Eindruck, dass sie sich sehr intensiv und fundiert mit dem Thema auseinandergesetzt hat (auch aus medizinischer Sicht), so dass ich darauf vertraue, dass die Informationen in dem Buch realistisch sind.

    Besonders gelungen finde ich bei diesem (Hardcover)-Buch übrigens auch das Cover, es besteht aus einem zum Teil transparenten Folienumschlag, dessen Bedeutung sich entpuppt wenn man ihn auch einmal entfernt und sieht zu dem auch sehr schön aus.

  • Bedenke, was Du tust“ – von Elizabeth George:Der neuste und 19. Roman aus der Inspector Lynley Krimi Reihe. Ich denke, jeder Krimileser kennt diese Reihe inzwischen entweder oder nicht, empfehlenswert sind die neuesten Bände sicherlich nur für Kenner, da das Privatleben der Kommissare ohne Vorkenntnisse vermutlich kein Interesse wecken kann, da man die Hintergründe des Verhaltens nicht verstehen würde. Standen in den letzten Inspector Lynley Romanen von Elizabeth George doch meistens Geschehnisse um Personen aus dem direkten Umfeld von Lynley und Havers im Mittelpunkt, so besinnt sich Elizabeth George hier meiner Meinung nach wieder etwas auf ihre Wurzeln, nämlich dem Schreiben von eher klassischen psychologischen Krimis. Natürlich spielt auch in diesem Fall das Privatleben von Lynley und Havers eine durchaus wichtige Rolle, aber es ist nicht ganz so im Fokus und der eigentliche Kriminalfall hat nichts mit den beiden zu tun, was ich angenehm fand.

    Die Geschehnisse selbst sind allerdings auch nicht unbedingt ein typischer Krimi, stattdessen stehen die Beziehungen und Geheimnisse zwischen den verschiedenen Personen, die in der Handlung eine Rolle spiele im Mittelpunkt und Elizabeth George nimmt sich sehr viel Zeit diese Charaktere einzuführen und langsam nach und nach aufzudecken wie alles zusammenhängt. Dies lässt sich schon alleine daran erkenne, dass es 200 Seiten dauert bis überhaupt mal der eigentliche Mord, um den es sich dreht, passiert. Ermordert wird in diesem Roman eine bekannte Feministin und Buchautorin und die Aufgabe von Havers und Lynley ist es herauszufinden wer aus dem Umfeld der Autorin denn einen Grund gehabt hätte sie umzubringen. Im Fokus der Ermittlung steht dabei ihre Angestellte Caroline, deren Familienverhältnisse wiederum den eigentlichen Mittelpunkt des Buches darstellen.

    Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, auch wenn es teilweise wirklich sehr ausschweifend erzählt ist, was aber für Elizabeth George ja typisch ist (Fans von actionreichen Thrillern und straffer Handlung und Erzählweise werden mit dieser Autorin sicherlich nicht warm werden). Kleine Punktabzüge gibt es dafür, dass ich das eigentliche „düstere Geheimnisse“ schon ganz am Anfang erraten habe, da es doch recht offensichtlich durchschimmerte und dafür dass der Anteil zwischen Krimihandlung und Privatleben der Ermittler zwar gut gepasst hat, dass mir die Stories um das Privatleben von Lynley und Havers allerdings langsam etwas bemüht wirken, so als wüsste Elizabeth George auch nicht mehr so wirklich was sie mit den beiden in Zukunft noch anfangen soll. Sonderlich störend fand ich diese Kleinigkeiten aber nicht.

  • Der Pfau“ – von Isabell Bogdan:Bücher, die mehr oder weniger dem Genre „Humor“ zugeordnet sind, betrachte ich ja oft etwas mit Skepsis, da Humor ja so eine individuelle Sache ist und man oft nicht weiß ob der eigene getroffen wird. An dem Buch „Der Pfau“ hat mich aber das wirklich außergewöhnlich schöne Cover, sowie das Setting in Schottland und das Thema Teambuilding angesprochen. Und dieses Mal wurde ich auch nicht enttäuscht.

    Die Geschichte spielt auf einem alten Landsitz von Lady und Lord Macintosh, der von den beiden zu einem Hotel mit Cottages umgebaut wurde und das sie mit einigen wenigen Helfern betreiben. In diesem Hotel gibt es so allerlei Viechzeugs, darunter einige Pfaufen, darunter einen verrückten Pfau…dieser Pfau gibt nun der Geschichte den Namen und spielt auch durchaus eine Hauptrolle, wenn auch eher auf indirekte Art und Weise.

    Besucht wird das Hotel von einer Gruppe Bankangestellter, samt Teambuildingscoach und Privatköchin, die ein Teambuilding-Wochenende in dem Hotel verbringen sollen. Durch eine Verkettung von Umständen wird das Wochenende etwas länger und ereignisreicher als erwartet. Allzuviel will ich von der Handlung auch gar nicht verraten.

    Generell handelt es sich aber um ein Buch, das gar nicht mal mit so viel tatsächlicher Handlung daher kommt sondern der Sprachwitz und die Beziehungen zwischen den Charakteren machen den Reiz aus. Die Sprache ist dabei sehr leicht und trotzdem intelligent, humorvoll ohne überzogen zu sein und das Ganze Buch liest sich einfach locker und flockig in Windeseile herunter. Es erinnert mich ein bisschen an eine alte Screwball-Filmkomödie. Mir hat an dem Buch am Besten gefallen, dass die Geschehnisse zwar irgendwie absurd sind, die Menschen sich irrational verhalten, das Ganze aber trotzdem nicht unglaubwürdig ist, die Menschen verhalten sich nämlich auf genau so eine Art und Weise irrational wie Menschen das tatsächlich häufig tun. Man kann sich also fast vorstellen, dass das Ganze tatsächlich irgendwo in etwa so passieren könnte.

    Mich hat das Buch insgesamt sehr gut unterhalten, es ist ein leichtes Buch, das aber trotzdem intelligent ist und so viel Spaß bereitet, es ist einfach ein charmantes kleines Buch.

  • Arschlochpferd – Allein unter Reitern“ von Nika S. Daveron:„Arschlochpferd“ basiert auf dem gleichnamigen Facebook-Blog über die Online- und Offline-Pferdewelt von Nika S. Daveron, der sich inzwischen auf Facebook großer Beliebtheit erfreut. Das Buch ist sicher nur für Reiter interessant, aber in dem Bereich der humoristischen Pferdeliteratur (der sowieso nicht besonders groß ist) sticht dieses Buch definitiv heraus. Beschäftigt es sich doch ironisch und bissig mit den Verrücktheiten der Pferdemenschen, sowohl in realer Wildbahn (Pferdehöfe) als auch in der virtuellen Welt (Pferdeforen und Facebook-Gruppen).

    Da das Buch auf einem Blog basiert, hatte ich eigentlich damit gerechnet, dass auch das Buch aus mehr oder weniger willkürlichen Blogbeiträgen und Episoden besteht, in Wirklichkeit ist es aber wirklich (fast) ein richtiger kleiner Roman, mit einer fortlaufenden Handlung, was mich sehr positiv überrascht hat und für ein Buch auch viel besser gefällt als lose Blogbeiträge. Geschildert wird das Leben einer fiktiven Neupferdebesitzerin, die sich mit wenig Herzblut und noch viel weniger Wissen durchs Neupferdebesitzerleben schlägt und dabei mit allen Skurrilitäten der Pferdewelt konfrontiert wird.

    Sprachlich ist das Buch sehr gut gelungen, der Schreibstil ist halt sehr ironisch, aber trotz der kabarettistischen Herangehensweise ist der Inhalt des Buches sehr fundiert und das Buch hat auch durchaus eine ernste und ernstzunehmende Botschaft. Auch kann ich als erfahrene Reiterin (offline und online) sagen, dass der Inhalt trotz Parodie leider eigentlich erstaunlich weniger überzogen ist, genauso in etwa geht’s halt leider wirklich oft zu, was dann (für die Pferde) gar nicht mal so lustig ist, wie es auf den ersten Blick klingt.

    Generell würde ich das Buch für jeden Pferdemenschen empfehlen, vorausgesetzt er hat Humor, ist nicht Überempfindlich und mag es auch gerne etwas bissiger und kritischer.

 

Allgemein, Bücher

(Verspätete) Bücher-Highlights aus 2015

Bevor 2016 zu weit voranschreitet, möchte ich noch ein paar persönliche Buch-Highlights aus der 2. Hälfte von 2015 vorstellen, also Bücher, die ich überdurchschnittlich gut fand oder die ich aus einem anderen Grund besonders erwähnenswert finde.

1. Katharina Hartwell:  „Der Dieb in der Nacht“ – Genre: Belletristik

„Der Dieb in der Nacht“ ist der zweite Roman der Autorin Katharina Hartwell. Ihr Erstlingswerk „Das Fremde Meer“ hat mir auch schon sehr gut gefallen, vor allem die poetische und wunderschöne Sprache und die spannende Grundidee hatten mir es da wirklich angetan. Allerdings gab es in dem Erstlings-Roman im Mittelteil für mich doch ein paar Längen, so dass mich der Roman nicht komplett vom Hocker gerissen hat. „Der Dieb in der Nacht“ kommt jetzt im Vergleich etwas kompakter und gradliniger und weniger mystisch herbei.

Im Fokus der Geschichte steht das Verschwinden des 19-jährigen Felix. Er verschwand vor einigen Jahren plötzlich spurlos, ein Ereignis, dass das Leben seiner Familie und seines besten Freundes Pauls nachhaltig beeinflusst und geprägt hat. Das Buch beginnt mit Paul, der in Prag plötzlich unerwartet einen mysteriösen Mann, Ira Blixen, trifft, der ihn an seinen Jugendfreund Felix erinnert, obwohl er ihm eigentlich gar nicht ähnlich sieht. Als sich herausstellt, dass Blixen auch noch nach einem Gedächtnisverlust keine Erinnerung an sein früheres Leben hat, ist Felix nach kurzer Zeit völlig überzeugt, Felix vor sich zu haben. Er lädt Blixen in sein Leben und nach Deutschland ein, eine Entscheidung die weitreichende Folgen für alle Beteiligten haben wird.

Das ganze Setting des Buches ist sehr düster und mysteriös, die Sprache ist einfach unheimlich schön und poetisch und dabei manchmal unheimlich treffend und zum Denken anregend, so dass man eigentlich ständig das Bedürfnis hat, irgendwelche Textzeilen zu unterstreichen. Aber auch die Story an sich hat mich wirklich überzeugt, im Mittelpunkt stehen Paul und Felix‘ Schwester Louise, später auch Felix‘ Mutter Agnes. Das ganze Buch ist ein psychologisches Verwirrspiel um Blixen und um die Reaktionen der Personen auf ihn und um ihre Beziehungen untereinander. Dabei handelt es sich nicht um „leichte“ Lektüre, man muss sich schon konzentrieren und nachdenken, die Belohnung ist ein sehr komplexes, kreatives und für mich trotz der düsteren Grundstimmung sehr schönes Buch.
Ich könnte mir trotzdem vorstellen, dass es nicht jedermans Geschmack trifft, aber von mir persönlich eine eindeutige Leseempfehlung.

2. Gillian Flynn – „Cry Baby“ – Genre: Thriller/Krimi

Thriller und Krimis lese ich ja inzwischen nicht mehr ganz so viel wie früher, da diese doch zu oft nach dem gleichen 08/15 Schema geschrieben sind. Über Ausnahmen zu der Regel freue ich mich aber immer.

Gillian Flynn’s Schreibstil hat mir schon in „Gone Girl“ sehr gut gefallen. Dem Klappentext zufolge handelt es sich bei „Cry Baby“ um ein früheres Werk, das erst jetzt veröffentlicht wurde. Das birgt ja oft die Gefahr, dass es sich dabei um ein eher schwaches Erstlingswerk handelt, das nachträglich veröffentlicht wird, um auf der Erfolgswelle mit zu schwimmen. Aber „Cry Baby“ muss sich meiner Meinung nach hinter den anderen Büchern der Autorin keineswegs verstecken.

Hauptfigur der Geschichte ist die Journalistin Camille aus Chicago, die von ihrem Chef zurück in ihre Heimatstadt (eine Kleinstadt in Missouri) geschickt wird, um eine Story über 2 dort verschwundene und ermordete kleine Mädchen zu schreiben. Schnell wird klar, dass es sich bei Camille nicht um eine typische Heldin handelt, schleppt sie doch eine ganze Menge Probleme und Wunden aus der Vergangenheit mit sich herum. Und in ihrer Heimatstadt, zurück bei ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihrer 13-jährigen Halbschwester fangen die Probleme erst so richtig an. Camille muss sich mit ihrer Mutter, ihrer Halbschwester, ihrer Vergangenheit und den aktuellen Morden auseinandersetzen…

Mir hat das Buch von Anfang an sehr gut gefallen, was es wirklich auszeichnet ist die bissige und ironische Art, die Gillian Flynn’s Schreibstil auszeichnet, sowie das (nicht sehr schmeichelhafte) Porträt, dass sie von den Charakteren und der Kultur dieser amerikanischen Kleinstadt im Mittleren Westen zeichnet. Was man sich von einem Buch von Gillian Flynn nicht gerade erhoffen sollte, sind liebenswerte sympathische Charaktere, irgendwelche „netten“ und halbwegs geistig gesunden Menschen waren in diesem Buch kaum aufzutreiben. Eventuell könnte man dem Buch vorwerfen die Charaktere und Geschehnisse etwas überzeichnet zu haben, aber es passt zu der Geschichte und hat mich kaum gestört. Ich fand die Handlung und das Verhalten der Personen im Buch aber durchaus teilweise ziemlich heftig und verstörend.

Als Thriller würde ich das Buch übrigens nicht unbedingt bezeichnen, den im Grunde ist die Geschichte recht vorhersehbar, die Spannung liegt in der Art und Weise wie sie aufgedeckt wird. Mir hat das Buch trotz ein paar kleiner Schwächen sehr gut gefallen.

3. Tanja Kinkel – „Schlaf der Vernunft“ – Genre: Belletristik/Geschichte

„Schlaf der Vernunft“ ist mein erstes Buch von Tanja Kinkel. Ich habe von dieser Autorin zwar schon oft gehört, da sie aber meistens historische Romane aus den länger vergangenen Jahrhunderten schreibt (was leider überhaupt nicht mein Genre ist), habe ich tatsächlich noch keines ihrer Bücher gelesen.

„Schlaf der Vernunft“ beschäftigt sich zwar auch mit der Vergangenheit, aber mit der jüngeren deutschen, konkret spielt der Roman auf 2 Zeitebenen, einmal in den 70’er Jahren und einmal 1998. Der Roman dreht sich dabei, um das Leben von Martina, einer fiktiven RAF-Terroristin, die bis 1998 im Gefängnis saß, weil sie an einem Attentat auf einen (ebenfalls fiktiven) Staatssekretär beteiligt war. Der Roman beginnt im Jahr 1998 mit Martina’s Begnadigung. Im Mittelpunkt der Geschichte steht nicht nur Martina allein, sondern auch ihre Tochter Angelika und eine ganze Menge anderer Personen, die durch Martina’s Taten der Vergangenheit beeinflusst wurden: ein ehemaliger Leibwächter, der das Attentat knapp überlebte, Angehörige der Opfer, eine ehemalige Freundin Martina’s, die es zur erfolgreichen Politikerin gebracht hat. Das Buch springt dabei in der Erzählung ständig zwischen den beiden Zeitebenen und den verschiedenen Personen hin und her, was aber hervorragend umgesetzt ist. Ein Großteil der Geschichte nimmt die schwierige Mutter-Tochter-Geschichte ein und schildert wie Angelika in ihrer Kindheit den verwirrenden „Verlust“ der Mutter, die sie verlassen hat, um in den Untergrund zu gehen, verkraftet hat und wie sie im Heute damit zurecht kommt, dass ihre Mutter aus dem Gefängnis entlassen wird.

Weiterhin wird auf beeindruckende Art und Weise aufgezeigt was die Entlassung von Martina auch Jahre später für Auswirkungen auf die Angehörigen ihrer Opfer hat.

Die Teile des Romans, die in den 70’er Jahren spielen erzählen vom Leben der jungen Martina, wie sie überhaupt erst in den Dunstkreis der RAF geriet und schildert ihre zunehmende Radikalisierung. Diesen Teil fand ich besonders lehrreich, da ich zu jung bin, um mich an diesen Teil der deutschen Geschichte selbst zu erinnern und definitiv auch zu wenig darüber weiß (ich habe mir vorgenommen jetzt wirklich unbedingt mal den „Baader-Meinhof-Komplex“ zu lesen, was ich mir schon seit Jahren vornehme).

Ein paar winzig kleine Schwächen hat der Roman sicherlich auch, ein paar der Dialoge (vor allem zwischen Angelika und Martina) wirken auf mich doch etwas zu konstruiert, aber das sind nur Kleinigkeiten. Insgesamt erhält der Roman von mir eine absolute Leseempfehlung, da er spannende Unterhaltung, mit lehrreichen, aufwändig recherchierten Informationen und einer sehr gelungenen Sprache kombiniert. Definiert eines meiner Lese-Highlights von 2015.

4. Andrea Volk – „Auf den Hengst gekommen“ – Genre: Krimi/Humor

Gut, dieses Buch ist nicht tatsächlich überdurchschnittlich gut, aber ich möchte es als Reiterin und Pferdefreundin hier trotzdem erwähnen, weil es generell sehr sehr wenige gute Bücher gibt, in denen Pferde eine zentrale Rolle spielen.
Normalerweise mag ich eher keine Bücher aus dem Genre „Humor“. Und schon gar keine, die auch noch mit einem „humorvollen“ Cover ausgestattet sind (der Grund dafür ist nicht, dass ich nicht gerne lustige Bücher lese, sondern dass bei Humor halt die Geschmäcker oft so stark auseinander gehen, dass es nie gesagt ist, ob das jeweilige Buch den eigenen Humor trifft oder völlig daneben liegt…) Deswegen hätte ich dieses Buch vermutlich übersehen, wenn ich es nicht zufällig durch  meine Mutter in die Hände bekommen hätte.

Oftmals sind Bücher oder Filme, die von Pferden handeln, ziemlich kitschig und auch unrealistisch und wenn man sich selbst mit Pferden auskennt, verdreht man ob der Geschehnisse oftmals die Augen. Dieses Buch wurde aber offenbar tatsächlich von einer Reiterin (mit Pensionsstallerfahrung) geschrieben, denn alles was dort im Bezug aufs Reiten und den Umgang mit, sowie die Haltung von Pferden zu lesen ist, ist doch sehr fundiert. Die Stärken des Buches liegen meiner Meinung nach eindeutig auf der Seite des Humors, der Schreibstil ist ironisch und kabarettistisch (entsprechend natürlich etwas überzogen, aber für meinen Geschmack gerade richtig, ich könnte mir aber vorstellen, dass der Stil nicht für jeden passt) und hat mich überzeugt und gut unterhalten. Die Geschehnisse auf dem Einstellbetrieb von Bauer Helmut (der eine grandiose und definitiv gar nicht mal so übertriebene Darstellung eines Stallbesitzer-Bauerns ist 😉 ) und die Darstellung der verschiedenen Einsteller sind teilweise wirklich zum Schießen komisch und geben die Realität eines durchschnittlich durchgeknallten Einstellbetriebs durchaus wirklichkeitsnah wieder.

Die Krimihandlung ist tatsächlich auch gar nicht so schlecht, aber für mich jetzt nicht der Hauptpunkt, der den Krimi lesenswert macht. Ergänzt wird das Ganze auch noch durch einige Gedanken zum Thema Tierschutz und artgerechte Handlung, die durchaus so gut in die Handlung integriert sind, dass es nicht bemüht wirkt.

Insgesamt ist das sicher nicht der beste Krimi aller Zeiten, aber sehr kurzweilig und lustig und für Reiter(innen) auf jeden Fall zu empfehlen.

5. Monika Fagerholm – „Das amerikanische Mädchen“ – Genre: Belletristik

„Das amerikanische Mädchen“ ist noch ein Roman auf den ich rein zufällig gestoßen bin, der Titel und das packende Cover haben es mir angetan als ich auf einem Buchportal nach gebrauchten Büchern stöberte.

Der Schreibstil und die Erzählweise des Romans sind sicherlich sehr außergewöhnlich. Der Schreibstil ist poetisch, für mich aber gleichzeitig sehr klar und präzise und außergewöhnlich schön. Die gesamte Geschichte wird im Grund zeitlich linear erzählt. Allerdings sind dementgegen die einzelnen Unterabschnitte nicht wirklich linear erzählt, meist wird man als Leser komplett ohne Kontext in eine Szene geworfen, deren Bedeutung und Handlung und Charaktere sich erst mit der Zeit aus der fortlaufenden Erzählung ergibt. Das macht das ganze Leseerlebnis zu einem Puzzle, das aber hervorragend aufgelöst ist, immer fallen alle Teile innerhalb kurzer Zeit auf ihren Platz und mir hat gerade das gefallen, denn auch die Charaktere erwachen so mit dem Text Schritt für Schritt zum Leben. Ich kann mir vorstellen, dass nicht jeder Leser mit der Erzählweise zurecht kommt, was auch die recht unterschiedlich ausfallenden Bewertungen erklären dürfte (also ist dies kein Buch, dass ich generell weiterempfehlen würde, vor allem nicht, da es auch noch sehr dick ist). Für mich funktioniert das Buch aber perfekt, es entwickelt gerade durch die besondere Erzählweise einen richtigen Sog und ich fand es auch keineswegs schwierig der Handlung zu folgen. Es ist aber sicherlich kein Buch, das man nebenher so runterlesen kann, sondern es erfordert schon etwas Konzentration.

Zum Inhalt möchte ich gar nicht so viel sagen, da für mich in dem Buch ganz klar die Charaktere und ihre Interaktionen im Vordergrund stehen, in dem Buch geht es für mich um das Erwachsen werden, um Geheimnisse, um Liebe, um Beziehungen, um Verluste, um Familiengeheimnisse und darum wie gefährlich die Vermischung von Realität und Fantasie werden kann.

Für mich eine Ausnahmebuch und dadurch ganz klar eine 5 Sterne Bewertung.

Bücher

Meine Lieblings-Kinder und Jugendbücher – Teil 1

Aufgrund der netten Inspiration von Stefka (Stefka bloggt) möchte ich ihre Idee aufgreifen und meine Lieblings Kinder- und Jugendbücher hier vorstellen. Ich habe schon als Kind immer  extrem viel und extrem schnell gelesen und damals auch gerne mehrere Bücher gleichzeitig (die lagen dann auf einem hohen „lese ich gerade Stapel“ neben mir auf dem Sofa 😉 ). Da ich es nicht geschafft habe, eine Top 10 meiner Lieblingskinderbücher zu erstellen (der Stapel mit den Top 10 bestand nach erster Sichtung aus 21 Büchern), werde ich in diesem Thema erst mal einige meiner Lieblings-Kinderbuchautoren vorstellen, die Autoren von denen ich als Kind praktisch alle Bücher verschlungen habe:

Astrid Lindgren

Astrid Lindgren bleibt für mich vermutlich DIE Kinderbuchautorin schlechthin. Ich liebe fast alles was sie geschrieben hat und alle ihre Bücher kann man auch als Erwachsene noch lesen und sie bleiben weiterhin speziell und wunderbar. Ich konnte mich für fast alle Bücher von Astrid Lindgren begeistern (es gibt ein paar wenige, die ich gar nicht mag, wie z.B. „Karlsson vom Dach“, den Typen fand ich immer total gruselig…und ein paar die nie so richtig mein Ding waren wie „Ronja Räubertochter oder die ich einfach nie gelesen habe, aber im Großen und Ganzen finde ich ihr Gesamtwerk großartig), aber auch von ihr habe ich Favoriten, die da sind:

  • „Wir Kinder aus Bullerbü“: Als kleines Kind konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen als in einem „Dorf“ (wenn man 3 Höfe als Dorf bezeichnen kann) wie Bullerbü zu wohnen. Die Geschichten der Kinder aus Bullerbü sind einfach mit so viel Liebe und Humor erzählt. Ich mag auch die Verfilmungen unheimlich gerne. Ich denke meine Liebe zu Skandinavien wäre ohne diese Bücher vermutlich nicht so entstanden 😉
  • „Madita“ ist eine meiner Lieblings-„Heldinnen“ aus Astrid Lindgrens Geschichten, vielleicht gerade weil sie (und auch ihre kleine Schwester) keine typischen Heldin ist, keine nettes braves Mädchen, sondern ein Mädchen, das irgendwie ständig aneckt und gar nicht so „nett“ ist. Gerade das macht ihre Geschichten besonders liebenswert und realistisch. Und auch bei dieser Geschichte LIEBE ich die Verfilmungen (es gibt an Weihnachten ja nichts tolleres als die Astrid Lindgren Verfilmungen, die gerne jedes Jahr wiederholt werden)
  • „Kalle Blomquist“: einfach tolle Detektivgeschichten, die für mich richtig spannend waren. Eine der Geschichten (die mit dem Mord) fand ich sogar ein bisschen heftig gruselig als Kind. Ich sehe es sowieso als eine der großen Stärken von Astrid Lindgren an, dass sie spannende und schöne und traurige und leichte und schwere Bücher schreiben konnte und eigentlich alles gleich gut.
  • „Die Brüder Löwenherz“: dieses Buch habe ich als Kind nur einmal gelesen, da ich es einfach so furchtbar traurig fand (kein Wohlfühl-Buch das man immer und immer wieder lesen kann). Ich habe es vor einigen Jahren als Erwachsene wieder gelesen und fand es einfach unfassbar gut, aber immer noch furchtbar traurig. Und ich finde es ist ein sehr mutiges und wichtiges Thema für ein Kinderbuch.
  • „Pippi Langstrumpf“: Der Klassiker schlechthin 😉 Ich muss zugeben, dass ich die Bücher zwar gerne haben, aber dass für mich Pippi Langstrumpf für immer Inger Nilsson bleiben wird. Sie ist einfach so sehr „Pippi Langstrumpf“, dass das einer der wenigen Geschichten ist, wo ich wirklich die Verfilmung noch mehr mag als die Bücher. Und ich kann mir niemand anderen in der Rolle vorstellen.
  • „Mio mein Mio“: Auch das wie „Die Brüder Löwenherz“ ein eher schwermütigeres Buch von Astrid Lindgren, dessen Faszination mich erst mit den Jahren gepackt hat. Als Kind mochte ich diesen Roman nicht so besonders, aber als Jugendliche und Erwachsene fand ich ihn sehr sehr gut.

Wer sich übrigens für das Gesamtwerk von Astrid Lindgren interessiert und dicke Schmöker mag, dem kann ich das Buch „Zum Donnerdrummel!“ empfehlen, ein 1000 seitiges Werksporträt zu Astrid Lindgren, das mit wirklich viel Liebe und Hintergrundinfos und schönen Illustrationen daher kommt.

Wenn es einen Kinderbuchautor gibt, den ich genauso gut finde wie Astrid Lindgren, dann ist das:

Erich Kästner

Erich Kästner ist für mich einer der besten deutschen Schriftsteller, egal ob es um Kinder- oder um Erwachsenenbücher geht.

Meine Lieblingskinderbücher von ihm sind „Emil und die Detektive“, „Das fliegende Klassenzimmer“ und „Pünktchen und Anton“. „Das doppelte Lottchen“ hat mir durchaus auch gefallen, kann aber nicht ganz mit den anderen drei mithalten 😉 Wie auch bei Astrid Lindgren habe ich bei ihm auch die Verfilmungen seiner Romane sehr geliebt. Mein Favorit ist hierbei die Verfilmung von „Das fliegende Klassenzimmer“ aus dem Jahr 1973 (die mit Joachim Fuchsberger). Wie ich irgendwann im Internet erlesen habe, gilt diese als die schlechteste Verfilmung. Mir egal, ich find sie toll 😀

Und um den Eindruck zu verstärken, dass ich als Kind am Liebsten Bücher gelesen habe, die schon zu der Zeit Jahrzehnte alt waren 🙂 , kommt hier noch eine Autorin, die vermutlich noch altmodischer daher kommt als Astrid Lindgren und Erich Kästner:

Else Ury

Else Ury ist 1877 geboren und ihre Bücher sind vermutlich aus heutiger Sicht zumindest auch nicht NOCH altmodischer als in den 80ern als ich sie gelesen habe. Ihr bekanntestes Buch ist vermutlich „Nesthäkchen“, das ich auch im Bücherregal habe, aber meine absolute Liebe als Kind galt ihrer „Professors Zwillinge“ Reihe, diese ist ursprünglich in den 20er Jahren erschienen und umfasst 5 Bände. Die habe ich als Kind mehrfach verschlungen. Darin wird das Leben der Zwillinge Suse und Herbert (im ersten Band noch „Mädi“ und „Bubi“ 😀 ) von der Kindergartenzeit bis ins junge Erwachsenenleben geschildert. Hierbei ist die Sprache aus heutiger Sicht schon extrem altmodisch, aber mich hat das als Kind kein bisschen gestört. Aus heutiger Sicht ist das Frauenbild sicherlich auch sehr antiquiert, aber aus mir ist ja trotzdem was geworden 😉

Alle alten Bücher sind dann aber doch nicht zeitlos geeignet…

Und als Kontrast möchte ich zum Ende hin noch ein paar altmodische Kinderbücher herausgreifen, die mich als Kind doch etwas verstört haben, das wären:

  1. Der Struwwelpeter: Aus meiner Sicht ein grausliges moralisch fragwürdiges Machtwerk, das nur dazu diente, Kinder zu erschrecken und einzuschüchtern. Fand ich als Kind schon schrecklich und ich hoffe mal, dass es heute keine Eltern mehr gibt, die das ihren Kindern ernsthaft kaufen. Ich glaube als ich klein war, hat man das allen Kindern gekauft, weil man das halt so gemacht hat 😛
  2. Johanna Spyri – Gritlis Kinder Reihe: Johanna Spyri ist sicherlich am Bekanntesten als Autorin von „Heidi“. Ihre Reihe um „Gritli“ und „Gritli’s Kinder“ habe ich von meiner Oma geerbt. Mit den Büchern an sich ist eigentlich soweit alles in Ordnung, bloß stirbt gefühlt in jedem Buch ein Kind sehr realitätsnah beschrieben an Schwindsucht, nachdem es ewig blut hustend im Bett dahin gesiecht ist. Das fand ich als Kind dann doch etwas sehr verstörend, wenn auch für die Zeit des Romans sicherlich sehr realistisch…

Im nächsten Blogpost geht’s dann weiter mit mehr Kinderbüchern, ein paar sind vermutlich sogar nach dem 2. Weltkrieg veröffentlich worden 😉

Bücher

Für Leseratten: noch mehr Buch-Highlights aus 2015

Und hier geht’s weiter mit Buchentdeckungen in 2015:

Zuerst mal die Kategorie der 3Bs : Bewegendes, Berührendes und Belastendes

Das sind Bücher, die ich wirklich außergewöhnlich fand, die aber nichts sind, wenn man grad einfach nur gute Unterhaltung sucht, sondern eher so Bücher, die einem schon Einiges abverlangen oder sich mit wirklich schwierigen Themen beschäftigen. Ob ich diese Bücher empfehle, hängt also davon ab, ob man so was gerne liest, von dem her diese „Warnung“ vorab.

  • Rebecca Wait: Kopfüber zurück: Kopfüber zurück ist der Debutroman einer noch sehr jungen britischen Autorin und es handelt sich dabei um ein wirklich beeindruckendes Debut. In einer sehr nüchternen klaren Sprachen wird die Geschichte einer Familie erzählt, die offenbar große Probleme hat, die nach dem Tod eines der jugendlichen Kinder der Familie zerbrochen ist. In dem Buch geht es um schwierige Themen, welche genau möchte ich nicht verraten, um nicht zu viel von der Handlung zu verraten (der Klappentext des Buches ist in der Hinsicht übrigens mal wieder ziemlich irreführend. Ich finde es absolut  unverständlich, wieviele Bücher einen Klappentext haben, der gar nicht wirklich zur Handlung passt, das nur nebenbei angemerkt). Das Buch ist sicher keine leichte Kost und auch kein besonders hoffnungsvolles Buch. Gerade das macht die Geschichte aber so authentisch und bewegend.
  • Jon Bauer: Steine im Bauch: „Steine im Bauch“ wird aus Sicht eines Ich-Erzählers erzählt, dessen richtigen Namen wir nie so wirklich erfahren. Er kehrt nach Jahren im Ausland im Alter von Mitte/Ende 20 zu seiner Mutter nach Hause zurück, die schwer an einem Gehirntumor erkrankt dem Tode nahe ist. Die Geschichte erzählt immer abwechselnd eine Szene aus der jetzigen Zeit und eine Rückblende in die Kindheit des Jungen, als er etwa 7 Jahre alt war.
    Es wird schnell klar, dass der Erzähler seiner Mutter immer noch voller Wut gegenüber steht und dass er seine Kindheit nie wirklich überwunden hat. Die Familie hat früher immer wieder Pflegekinder aufgenommen, etwas das den 7-jährigen Jungen überfordert hat und bei ihm ständig zu dem Gefühl führte, von seinen Eltern benachteiligt und vernachlässigt worden zu sein. Wie viel davon reine Eifersucht war und wie viel tatsächliche Benachteiligung erfährt man dabei nie wirklich, da alle Geschehnisse aus Sicht des Jungen erzählt werden.
    Das Buch ist sprachlich wirklich hervorragend, die Szenen, die aus Sicht des 7-jährigen Jungen geschrieben sind, wirken nie wie wenn ein Erwachsener versucht als Kind zu schreiben, sondern man kann sich wirklich bei jedem Satz vorstellen, dass ein 7-jähriger genauso fühlt. Das Buch ist wirklich unglaublich berührend, denn die Gefühle des Jungen und seines erwachsenen Pendants sind so eindrücklich und verzweifelt, dass man ständig zwischen tiefem Mitleid für den Jungen/Mann und gelegentlichem Abscheu für sein Verhalten hin- und hergerissen wird. Einige Passagen fand ich schwer auszuhalten, da sie wirklich sehr grausam und verstörend auf mich wirkten, so dass ich mich knapp vor der Mitte sogar einmal kurz zwingen musste, weiterlesen. Das lohnt sich aber, denn die Geschichte ist insgesamt wirklich großartig. Ich kann mich selten erinnern, die tiefe Verzweiflung einer Romanfigur derart nachvollziehen zu können und der Ich-Erzähler ist eine wahrlich faszinierende zerrissene Figur, jemand der gegen die Dämonen in sich selbst ankämpft und selbst dann immer wieder das Falsche tut und andere und sich selbst verletzt, wenn er versucht das Richtige zu tun. Gegen Ende hat mich das Buch sogar kurz fast zum Weinen gebracht, was mir so gut wie nie passiert.
    Ob ich für dieses Buch eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen würde, weiß ich gar nicht, es ist sicher keine leichte Kost, aber gleichzeitig eines der besten Bücher, das ich seit langem gelesen habe.

Belletristik – Außergewöhnliches

In dieser Kategorie möchte ich Romane vorstellen, die für mich aus der Masse herausgestochen sind, entweder durch eine außergewöhnliche Thematik, durch außergewöhnliche Charaktere oder durch einen besonderen Schreibstil.

  • Ulrike Renker: Brehm 46: Brehm 46 ist eine Adresse in Düsseldorf, ein Mietshaus an einer vielbefahrenen Straße (das es durchaus tatsächlich gibt, ich hab dann mal auf Google Maps geschaut). Brehm 46 ist auch der Schauplatz dieses Romans, bei dem es sich nicht um eine lineare Erzählung handelt, sondern jedes Kapitel erzählt eine Episode aus dem Leben eines der Hausbewohners, wobei die Geschichten quasi im obersten Stock beginnen und sich Etage für Etage noch unten vorarbeiten. Die Schicksale der Personen sind dabei nur lose verknüpft, man trifft sich im Treppenhaus, streitet mit den Nachbarn oder kennt sich zufällig schon von woanders her. Die Geschichten sind dabei alle intensiv, humorvoll, dramatisch, traurig, ironisch, nicht einfach und oftmals sogar all das auf einmal, die Sprache ist wirklich toll und das Buch liest sich in Windeseile dahin, obwohl es keineswegs einfach ist. Dabei sind alle Geschichten von gleichbleibender Qualität (nur eine Episode fand ich ein kleines bisschen schwächer im Vergleich zu den anderen) und die große Stärke der Geschichten liegt in der Authentizität. Insgesamt ein wirklich überraschend gutes Buch, das mir nur anhand des Covers vermutlich in einer Buchhandlung nicht unbedingt ins Auge gestochen wäre.
  • Helwig Arenz: Der böse Nik: Dieses Buch habe ich gelesen, weil mir weder das Cover, noch der Titel, noch der Klappentext eine Vorstellung davon verschafft hat, was für ein Buch das eigentlich ist. Mit dieser Buchauswahlmethode habe ich dieses Jahr übrigens schon mehrfach sehr gute Erfahrungen gemacht. Kurz zum Inhalt: Der Held oder vielleicht auch Anti-Held der Geschichte ist Nik, dessen Alter und Hintergrundgeschichte wir nie so wirklich erfahren. Nik wohnt jedenfalls in einer Art privaten sozialen Wohnprojekt, das geleitet wird von Gabriel. Gabriel hält wohl nicht viel von offiziellen Anlaufstellen für Leute mit Problemen oder von Recht und Gesetz, sondern nimmt lieber auf eigene Faust Jugendliche und Erwachsene mit Problemen (z.B. kriminelle Vergangenheit oder Drogenprobleme) auf. Seine Motive und Intentionen dafür sind eher nebulös. Nik wohnt nun bei Gabriel, zusammen mit Lauri, die er begehrt, die aber mit Gabriel zusammen ist und diversen anderen eher suspekten Mitbewohnern. Eine Kombination, die nichts Gutes verheißt…Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es ist sprachlich sehr gut (wobei ich mich manchmal gefragt habe, ob jemand in Niks Situation wirklich so poetisch wäre, wie er es manchmal ist), die Story ist sehr interessant, die Charaktere sowieso und oft blitzt ein gemeiner aber wirklich feiner Humor durch.
  • Lorenza Gentile: Teo: „Teo“ ist nicht nur der Titel des Debütromans von Lorenza Gentile, sondern auch der Name des Protagonisten, aus dessen Sicht das ganze Buch erzählt wird. Teo ist ein ganz normaler 8-jähriger italienischer Junge, der in die Grundschule geht und mit seiner großen Schwester und seinen Eltern zusammen lebt. Doch Teo versucht am Anfang des Buches via Google herauszufinden, wie man sich am Besten selbst tötet (leider findet er keine der gefunden Optionen für sich in der Praxis umsetzbar). Der Grund: Teo möchte mit Napoleon reden, doch der ist schon tot. Teo leidet darunter, dass seine Eltern immer nur streiten, er möchte die Ehe seiner Eltern kitten, weiß aber nicht wie. Zu seinem Geburtstag hat er einen Comic über Napoleon geschenkt bekommen und der hat alle seine Schlachten gewonnen (so zumindest Teo’s Eindruck), deswegen muss er ihm doch sagen können, wie er selbst diese Schlacht um den Erhalt seiner Familie gewinnen kann. Deshalb versucht Teo herauszufinden, wie er Napoleon treffen kann, obwohl dieser schon lange tot ist. Auf dieser Prämisse ist der ganze Roman aufgebaut.Man kann wenn man denn kritisch sein will, dem Roman nun vorwerfen, dass er etwas zu gewollt daher kommt, dass die philosophischen Fragestellungen, die Teo zu klären versucht, etwas zu sehr ein Kunstgriff sind und auch das Ende hätte man vermutlich noch etwas besser machen können (da wendet sich doch alles etwas plötzlich von einer Richtung in die andere) . Aber selbst mit diesen kleinen Schwächen ist der Roman einfach unheimlich frisch und liebevoll geschrieben, Teo ein unheimlich liebenswertes Charakter, die kindliche Logik glaubhaft rüber gebracht und das Buch hat für mich so einen Sog erzeugt, dass ich es innerhalb eines Tages ausgelesen habe. Für mich sind damit alle Voraussetzungen für ein perfektes Lesevergnügen erfüllt, deswegen kann ich über die kleinen Schwächen problemlos hinweg sehen. Als Debüt von einer jungen Autorin ist das für mich ein wirkliches Ausnahmewerk.