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Buch-Tipp: „Cher – Die Autobiografie, Teil 1“

Diesen Monat habe ich mal wieder ein Buch aus einem meiner absoluten Lieblingsgenres gelesen, nämlich die Autobiografie von Cher, bzw. der erste Teil davon. Sehr unmissverständlich heißt das Buch entsprechend auch:

„Cher – Die Autobiografie, Teil 1“. Nicht der glamouröseste Titel, vor allem für jemanden mit so einem bewegten Leben wie Cher es hatte, aber ansonsten gefällt mir zumindest das Cover sehr gut, so dass sich das Buch auch als Sammlerstück gut im Regal machen dürfte.

Wichtiger ist aber sowieso der Inhalt und der kann zu 100% überzeugen. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Zeitraum von vor Chers Geburt bis ca. 1979, als Cher entscheidet ernsthaft Schauspielerin zu werden. Dazwischen liegt eine bewegte Zeit: ein turbulentes Liebes- und Eheleben mit Sonny und anderen Partnern und eine Karriere mit Höhen und Tiefen, sowie die Geburt zweier Kinder. Mehr als genug Stoff für etwas unter 500 Seiten also. Schon Chers Kindheit war dank Chers etwas sprunghafter Mutter (teils natürlich auch durch ökonomische Zwänge bedingt) mehr als turbulent, es viel mir wirklich schwer halbwegs den Überblick zu behalten wie oft die Familie quer durch die ganzen USA umgezogen ist, die Schule gewechselt und wie oft Chers Mutter Chers leiblichen Vater geheiratet hat 😉 Ich wusste tatsächlich nicht besonders viel Konkretes über Chers Leben, obwohl ich als Kind einige ihrer Filme geliebt habe und natürlich die bekanntesten Hits von ihr alleine und mit Sonny kenne und viele der Songs auch sehr mag. Von dem her gab es für mich wirklich viel Neues zu lernen, das Buch ist aber auch generell so spannend und unterhaltsam geschrieben, dass man finde ich auch generell kein großer Fan von Cher sein muss um großen Spaß an dem Buch zu haben.

Abgesehen davon, dass man natürlich viel über ihr Leben und ihre Partnerschaften mit Sonny Bono, dem Musiker Gregg Allman und dem KISS Mitglied Gene Simmons, erfährt, ist es auch superspannend zu erfahren, wie es für Frauen war in den USA der 1940er bis 1970er zu leben und aufzuwachsen (ungefähr so wie Trump es aktuell mit Hochdruck versucht wiederherzustellen, was für jemanden aus Chers Generation vermutlich NOCH deprimierender sein muss also sowieso schon). So starb z.B. Chers Mutter 2x fast an den Folgen einer illegalen (da legal nicht verfügbaren) Abtreibung, Cher beschreibt erschreckende Erfahrungen mit Rassismus ihrer eigenen Verwandtschaft und wie homophob die Gesellschaft noch war (so musste sie  als Teenagerin gemeinsam mit einem schwulen Freund von einer heimlichen Schwulenparty fliehen als die Polizei auftauchte). Alles Dinge deren Veränderung wir heute scheinbar gar nicht mehr wert schätzen anstatt für ihren Erhalt zu kämpfen.

Abgerundet wird das Ganze mit teils skurrilen Anekdoten aus dem Showbiz, über Zusammentreffen, Arbeit und Parties mit vielen anderen bekannten Größen und natürlich ist ein zentraler Teil ihre Karriere mit Sonny, der harte Weg sich im Showbiz einen dauerhaften Namen zu machen und Chers eigene Befreiung aus der privaten Beziehung mit Sonny (die nicht das dauerhafte Ende der beruflichen Beziehung bedeutete).

Abgerundet wird das Buch durch einige sehr schöne und persönliche Familienfotos und Fotos von Chers früheren Karriere.

Mir hat der erste Teil hervorragend gefallen und ich werde den zweiten Teil entsprechend auf jeden Fall lesen und bin schon sehr gespannt.

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Buch-Tipp: „Career Suicide“ von Bill Kaulitz

Nachdem ich in meiner letzten Rezension von Hape Kerkelings neuestem Buch schrieb, dass ich seine warmherzige, leise Art und seinen feinsinnigen Humor liebe, wirkt es vielleicht etwas amüsant, dass die zweite Autobiografie, die ich diesen Monat vorstellen möchte “Career Suicide: Meine ersten dreißig Jahre” von Bill Kaulitz ist, denn als leise würde ihn wohl eher niemand bezeichnen und sein Humor ist auch nicht gerade zurückhaltend feinsinnig (warmherzig passt aber auf jeden Fall auf beide). Trotzdem passen die beiden Bücher für mich gut zusammen, ist Hapes Buch das Wohlfühlbuch das man lesen möchte, um sich besser zu fühlen, nachdem man gerade versehentlich ein Spiegel Interview mit Thomas Gottschalk gelesen hat, ist Bills Buch das Buch, dass man lesen möchte, wenn man gerade mal nicht mit Yoga und Meditation auskommt, sondern seinen Frust über die Menschheit lieber mal voller Wut an einem Boxsack auslassen möchte. Denn wenn Bills Buch eine Emotion transportiert dann ist es sicher Wut und den Drang seine Emotionen mal ungefiltert loszuwerden. 

Das Buch habe ich tatsächlich schon vor einigen Monaten gelesen, aber da es ursprünglich im Januar 2021 erschienen ist, macht es nun auch nichts wenn die Rezension noch einige weitere Monate auf sich warten ließ.

Warum ich es gerade 2024 entdeckte: 2023 tauchten in der Insta Story einer Influencerin, der ich folge, Videos von einem Festival Auftritt von Tokio Hotel auf. Da ich Tokio Hotel immer sympathisch fand (ohne mich damals 2005 – 2010 groß mit ihnen zu beschäftigen, für die damalige Zielgruppe war ich schon zu alt) und mich diese Insta Story ansprach, weil das Konzert cool aussah, blieb mir der Gedanke, die Band mal live sehen zu wollen im Hinterkopf. Das vergaß ich dann aber erstmal wieder. Als ich dann Werbung für die neue Serie “Kaulitz & Kaulitz” auf Netflix sah wollte ich mir diese ansehen, völlig ohne Erwartungen (da ich kein Privatfernsehen hatte und auch so gut wie gar kein lineares Fernsehen sehe waren die Kaulitz Brüder mir irgendwie nie so wirklich bewußt irgendwo begegnet, dass Tom Heidi Klum geheiratet hat, hab ich natürlich mitbekommen, aber das wars dann auch schon). Um so mehr begeisterte mich (die nur auf den ersten Blick sehr oberflächliche und schrille) Netflix Doku, weswegen ich begann den unheimlich lustigen Podcast zu hören und bald auch eine Konzertkarte für Ludwigsburg gekauft hatte (glücklicherweise wurde eine gute Freundin gleichzeitig Fan) und eben auch Bills Buch lesen wollte. 

Das Buch erzählt von Bill und Toms Kindheit, ihrer schwierigen und verhassten Schulzeit, der Entstehungsgeschichte von Tokio Hotel, der verrückten Zeit der 5 Jahren extremen Hypes, den Machenschaften der Musikbranche, Knebelverträgen und Deals mit der Presse, der Flucht in die USA, der künstlerischen Befreiung der Band und den ersten Jahren von Bill und Tom in den USA. Es endet ca. mit Toms Hochzeit mit Heidi Klum, was für beide Brüder sein großer emotionaler Neuanfang war, schon allein weil sie bis dahin ihr ganzes Leben zusammen gewohnt haben (auch ist mir Heidi Klum durch Buch und Podcast nun auch deutlich sympathischer als früher).

Das Buch endet somit auch einige Jahre vor dem aktuellen großen Hype um die Kaulitz Brüder mit dem Bill sich nach außen wieder ein neues Image geschaffen hat, dass des ständig (etwas zu) gut gelaunten Spaßvogels, das natürlich nur deswegen so sympathisch ankommt, weil man immer merkt, dass sich hinter der Fassade viel mehr verbirgt (sonst wäre auch die Netflix Serie nicht so berührend und faszinierend, sondern oberflächlich). Das Buch, das eben nicht locker und lustig ist, eignet sich somit hervorragend um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und mehr über die Bandgeschichte und die Geschichte von Bill und Tom zu lernen. Es ist allerdings finde ich auch nicht ganz einfach zu lesen, ich brauchte wegen der vielen Eindrücke und auch weil darin durchaus auch viele schlimme Dinge passieren zwischen den einzelnen Kapiteln öfters mal eine Pause. Besonders gut gefallen hat mir, dass vor jedem Kapitel dazu passende Fotos aus der jeweiligen Zeit abgebildet waren, auch vermutlich bis dahin noch unveröffentlichte Fotos aus der Kindheit.

Für Tokio Hotel Fans der ersten Stunde, die die Band damals vergöttert haben, kann das Buch vermutlich auch etwas schockierend sein, wenn man erfährt wieviel Druck und Zwängen die Band damals ausgesetzt war und wie wenig sie sich musikalisch und auch sonst künstlerisch verwirklichen konnte. Auch lieferte das Buch für mich eine Erklärung dafür warum das 4. Studioalbum von Tokio Hotel („Kings of Suburbia), das letzte das sie für ihr altes Plattenlabel rausbringen mussten, so wütend und provokant war. Für mich aber tatsächlich eines der besten Alben, auch wenn sie vermutlich leider kaum was selbst dran verdienen wenn ich das streame. Da ich keine emotionale Bindung zu den ersten drei Alben von Tokio Hotel habe (und auch finde, dass man die heute wegen Bills jugendlicher Stimme – auf dem ersten Album eher sogar Kinderstimme – die ganz anders klingt als heute sowieso nicht mehr anhören kann ) hat es mir natürlich nichts ausgemacht, die ganzen Enthüllungen und kritischen Auseinandersetzungen mit der Musikbranche zu lesen, fand sie aber sehr interessant (auch wenn ich mir vorher schon keine Illusionen gemacht habe, wie es da zugeht). 

Kritikpunkte an dem Buch, die gelegentlich in Rezensionen auf Amazon geäußert wurden sind, dass die Sprache vulgär ist und dass Bill bisweilen arrogant ist (nicht umsonst hat seine Lektorin Bill laut Buch gefragt, ob ihm eigentlich klar ist wie arrogant und unsympathisch er an manchen Stellen wirkt). Sicherlich urteilt Bill oft sehr hart über andere Menschen (und mag es andersrum nicht wenn andere das bei ihm tun). Allerdings haben die meisten Promis und auch Normalos ja die Angewohnheit in der Öffentlichkeit ihre negativen Charaktereigenschaften (die natürlich jeder hat) zu verbergen und sich im bestmöglichen Licht darzustellen. Dass Bill das nicht tut, macht ihn und das Buch so interessant und eher sympathischer meiner Meinung nach. Wenn man nun sehr prüde ist und gar keine etwas derbe oder versaute Sprache mag ist sicher weder das Buch noch der Podcast der Kaulitz Brüder was für einen. Allerdings fand ich nicht, dass das Buch unnötig oder übertrieben vulgär geschrieben ist, entsprechende Ausdrücke finden sich nur an Stellen wo es eben auch dazu passt . Auch klingt das Buch wenn man den Podcast gewohnt ist sehr authentisch nach Bill, man hat quasi seine Stimme “im Ohr”, ergo passt die Sprache des Buches auch perfekt zu ihm. 

Für mich ist es die beste Autobiografie, die ich dieses Jahr gelesen habe und Bill Kaulitz einer der faszinierendsten Menschen, die Deutschland zu bieten hat. Ich kann mir im Nachhinein gut vorstellen, wie Tokio Hotel 2005 einen derartigen Hype auslösen konnten, denn Bill hat etwas an sich dass Menschen anzieht, das aber auch polarisiert und extreme Reaktionen hervorruft. Gleichzeitig ist er aber tatsächlich unheimlich liebenswert und gleichzeitig etwas undurchsichtig, weiß man doch nie ganz sicher was in der jeweiligen Situation übertrieben, authentisch, wahr oder teils erfunden ist, was der Provokation dient oder wirklich genau das ist was er im jeweiligen Moment denkt. Trotzdem schafft er es in der Gesamtheit seiner chamäleonhaften Persönlichkeit nie aufgesetzt zu wirken, sondern lediglich wie ein sehr emotionaler authentischer Mensch mit vielen verschiedenen Facetten, weswegen ich nun sehr gespannt auf die nächsten 30 Jahre bin 😉

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Buch-Tipp: „Der Lärm des Lebens“ von Jörg Hartmann

Jörg Hartmann kenne ich bisher vor allem als Schauspieler, z.B. als Kommissar Faber im Tatort, aber auch aus vielen anderen Produktionen. Sein Buch „Der Lärm des Lebens“ hat mich angesprochen, da ich sehr gerne autobiografische Bücher lese und ihn auch als Schauspieler sehr interessant finde. Das Buch hat mich dann auch zu 100% überzeugt. Es handelt sich dabei nicht um eine klassisch chronologisch aufgebaute Autobiografie, die das gesamte Leben schildert, stattdessen stehen 2-3 Zeiträume im Leben des Autors im Mittelpunkt, garniert mit einigen Erinnerungen an die frühere Vergangenenheit seiner Familie (bis zurück in die Nazizeit). Die Episoden werden dabei vor allem am Anfang des Buches zeitlich abwechselnd erzählt: einerseits begleitet man Jörg Hartmann durch die schwere Zeit, als er seinen demenzkranken Vater verlor (die Kapitel sind entsprechend auch sehr reflektiert), als recht starker Kontrast erzählt er dazwischen immer aus einer Zeit ganz am Anfang seiner Karriere: gemeinsam mit einem Kommilitonen von der Schauspielschule in Stuttgart möchte Jörg Hartmann es unbedingt an die Schaubühne Berlin schaffen und die kritische Regisseurin Andrea Breth beeindrucken. Hier erlebt man als Leser:in einen jungen, ehrgeizigen, etwas naiven Mann, der noch weit von späterer Reflektion entfernt ist. Mir hat gerade dieser Gegensatz in der Erzählweise ganz hervorragend gefallen.

Die letzten Kapitel des Buches behandeln dann eher die jüngere Vergangenheit, inklusive der Corona-Krise und die (ja immensen) Auswirkungen auf einen Theater-Schauspieler. Im ganzen Buch hält Jörg Hartman übrigens auch nicht mit den negativen Seiten des Berufs Schauspieler (ständiges Reisen und Vernachlässigung von Familie und Schwierigkeiten hier die richtigen Prioritäten zu setzen) hinter dem Berg, ein durchaus ambivalentes Verhältnis zum Beruf ist hier zu spüren.

So gut wie gar nicht Thema im Buch ist übrigens Hartmann Film- und Fernsehkarriere, dieser Aspekt seiner Karriere bleibt mehr oder weniger außen vor.

Insgesamt ein sehr interessantes, berührendes, humorvolles und reflektiertes Buch, das auch sprachlich sehr gelungen ist.

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Buch-Tipp: „Enid Blyton. Geheimnis hinter grünen Hecken – von Maria Regina Kaiser“

Das Buch „Enid Blyton. Geheimnis hinter grünen Hecken“ von Maria Regina Kaiser hat mich zuerst mal überrascht, da ich beim ersten Lesen des Klappentextes etwas unaufmerksam war und nicht bemerkte, dass es sich bei dem Buch um eine Romanbiografie handelt. So erwarte ich zunächst eine Sachbuch-Biografie. Mein Irrtum wurde mir aber schon beim Lesen des Prologs klar und inzwischen habe ich auch recherchiert, dass die Autorin auf Romanbiografien spezialisiert ist und zum Beispiel auch schon welche über Selma Lagerlöf und Astrid Lindgren geschrieben hat. 

Enid Blyton ist eine Autorin, die in meiner Kindheit definitiv eine große Rolle gespielt hat, habe ich doch einige ihrer Bücherreihen mit Begeisterung verschlungen, vor allem die „Abenteuer“-Reihe, Fünf Freunde, sowie die Internatsgeschichten rund um Hanni und Nanni und Dolly. Ich vermute die meisten lesebegeisterten Kinder aus meiner Generation dürften mit Enids Büchern mehr als vertraut sein. 

Über ihr Leben wusste ich aber bisher noch nicht allzu viel (bis auf einige vagen Berichte darüber, dass sie kein besonders gutes Verhältnis zu ihren eigenen Kindern bzw. ihrer jüngeren Tochter hatte). Dass ich sehr unwissend mit der Romanbiografie begann, war sicher eine sehr gute Sache, denn so war fast alles im Buch neu für mich.

Das Buch erzählt in teils etwas sprunghaften Episoden in eher einfacher Sprache aus Enids Leben, beginnend mit ihrer frühen Kindheit bis hin zu ihrem Tod. Und dieses Leben war definitiv interessant, außergewöhnlich und Enids durchaus etwas turbulentes Privatleben hätte vielleicht ein noch deutlich längeres Buch füllen können ohne im Geringsten langweilig zu werden. Die große Stärke der Romanbiografie liegt für mich darin, dass sie sehr sehr kurzweilig und unterhaltsam ist und man sich wirklich direkt ins Leben von Enid versetzt fühlt, der Autorin gelingt es hervorragend Enid Blyton zum Leben zu erwecken und dem Leser einen Einblick in ihrer teils sicher etwas schwierigen und widersprüchlichen Charakter zu geben. Trotzdem hätte ich mir manchmal eine vielleicht minimal tiefgründigere oder poetischere Sprache gewünscht, das ist aber Geschmacksache und nur eine Kleinigkeit.

Natürlich ist es bei so einer Romanbiografie immer etwas schwer zu sagen, wo die Fakten aufhören und Fiktion anfängt, parallele Recherchen zum Buch haben aber gezeigt, dass alle Episoden, die im Buch vorkommen, wohl weithin bekannt waren (weswegen ich denke, dass jemand der mit Enids Leben schon sehr vertraut ist, vermutlich nicht viel „Neues“ im Buch lernen wird, aber dennoch vermutlich sehr gut unterhalten wird). Ich fand es auch sehr spannend durch das Buch mehr über Enids Ehemänner, potentielle lesbische Affäre(n), Kinder und sonstigen Weggefährten zu erfahren. Auch super spannend fand ich zu erfahren, wie viel an Enids Werk bei der Übersetzung ins Deutsche verändert wurde, auch über diese Aspekte klärt dieses Buch nebenher und vor allem im Nachwort auf. 

Ich finde es sehr interessant, dass es bei Kinderbüchern oft eine sehr emotionalisierte Debatte darüber gibt, was für Kinder „geeignete“ Inhalte sind (als ob Kinder nicht selbst denken können und sich nicht selbst eine eigene Meinung bilden können), dass Kinderbuchautor*innen oft nicht ernst genommen werden und ihre Bücher frei umgeschrieben, anders zusammengestellt und weiter geschrieben werden und die Autor*innen aber gleichzeitig kritisiert werden und wurden, wenn sie nicht literarisch und gesellschaftlich relevant genug schreiben. Und das obwohl man ihnen oftmals zumindest in der Vergangenheit nicht genauso viel Respekt zollt wie Autor*innen, die primär für Erwachsene schreiben.

Was im Buch nicht wirklich im Mittelpunkt steht, ist die Entstehung von Enids Büchern und ihre Figuren und Inhalte, wer auf der Suche nach einer detaillierten Werksbiografie ist, ist mit diesem Buch nicht an der richtigen Adresse. Abgerundet wird das Buch dafür mit einem ausführlichen Nachwort zur Einordnung, Glossar, Personen- und Haustier(!)-Register und einer ausführlichen Zeitleiste. 

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Buch-Tipp: „Eine wie sie fehlt in dieser Zeit – Erinnerungen an Astrid Lindgren – von Katrin Hörnlein“

„Eine wie sie fehlt in dieser Zeit“ von Katrin Hörnlein ist ein neues Buch über Astrid Lindgren in dem zahlreiche Wegbegleiter:innen von Lindgren zu Wort kommen. Die Autorin des Buches stehlt sich im Vorwort selbst die Frage, ob ein weiteres Buch über Astrid Lindgren denn wirklich nötig ist. Sicherlich eine berechtigte Frage, gibt es doch unzählige Biografien, Literatur über ihr Werk, Tagebücher, Briefwechsel, mehr als genug Lesestoff für Lindgren Fans und oft auch von Astrid selbst geschrieben. Dennoch kann ich nach der Lektüre des Buches definitiv sagen: es lohnt sich. Es ist vor allem ein kurzweiliges und liebevolles Buch, das einfach zu lesen ist, viele Impulse setzt und auch für mich, die schon Einges von und über Lindgren gelesen hat, bot es so Einiges Neues. Zu Wort kommen in dem Buch zum Beispiel Lindgrens Tochter Karin, ihre Enkel, ihre Illustratoren, mehrere Menschen mit denen sie im Verlag oder bei der Arbeit an ihren eigenen Büchern zusammengearbeitet hat, Inger Nilsson (wem ihr Name nichts sagt wird vermutlich sowieso kein Buch über Astrid Lindgren lesen) und noch einige weitere Weggefährten. 

Besonders interessant fand ich auch darüber zu lesen wie die Familie die Firma „Astrid Lindgren“ heute leitet, managed und weiterentwickelt, sowohl was Produkte, die Bücher, Merchandising, Museum, etc angeht als auch den Umgang mit Veränderungen am Text. So würde Lindgrens Enkelin z.B. die Sprache einiger älterer Bücher gerne etwas modernisieren, da darin Begriffe verwendet werden, die Kinder heute gar nicht mehr kennen. Auch kommt kurz zur Sprache, dass Astrids Tochter Karin zunächst dagegen war das N-Wort aus Pippi zu entfernen, während ihre Enkelin sich schnell dafür entschied, „denn Lindgren hätte nie ein Wort verwenden wollen, dass Kinder verletzen kann“. Hier sieht man eine gesellschaftliche Weiterentwicklung auch innerhalb weniger Generationen der Lindgren Familie selbst. Aus meiner Sicht hätte man in 2023 ruhig auch noch etwas darauf eingehen können, wie die Tatsache, dass das Gesamtkonstrukt von Pippi und der Abwesenheit ihres Vaters auf einem sehr kolonialistischen Weltbild beruht aus heutiger Sicht zu bewerten ist. Da Lindgren Zeit ihres Lebens sehr meinungsstark und politisch war, hätte sie eine Auseinandersetzung mit dem Thema sicherlich nicht gestört. 

Abgesehen von diesem eher die heutige Zeit betreffenden Thema des literarischen Vermächtnisses, geht es in dem Buch aber meist tatsächlich um Erinnerungen an Astrid Lindgren, wie sie so war im beruflichen Umfeld, als Mensch, im Umgang und in ihren Einstellungen, Vorlieben und Meinungen. Dabei haben die Anekdoten tatsächlich dabei geholfen ein etwas besseres Bild von Astrid Lindgren zu bekommen. Außerdem bekam ich durch das Buch noch einige weitere spannende Tipps für Bücher, die ich noch gar nicht kannte, zum Beispiel der für mich extrem spannend klingende Briefwechsel mit der jungen Deutschen Sara Schwardt, der mir bis dahin gar nicht bekannt war und den ich unbedingt als nächstes Lindgren Buch lesen möchte.

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Buch-Tipp: „Liebe Sophie, Liebe Valborg“ von Selma Lagerlöf

Ich bin ein großer Fan von Biografien und Autobiografien und habe auch schon gute Erfahrungen mit veröffentlichen Briefen von historischen Persönlichkeiten gemacht. Deswegen fiel mir das Buch „Liebe Sophie – Liebe Valborg“ von Selma Lagerlöf sofort ins Auge. Selma Lagerlöf ist den meisten Menschen in Deutschland vermutlich vor allem durch Nils Holgersson bekannt, außerdem war sie die erste Frau, die den Literaturnobelpreis verliehen bekam.

Dieses Buch befasst sich nun mit einer eher privaten Seite von Selma Lagerlöf, nämlich mit ihrer romantischen Beziehung zu gleich zwei Frauen gleichzeitig, die ihr Leben über Jahrzehnte begleiteten. Sophie Elkan war eine Schriftstellerkollegin von Lagerlöf, mit der sie sich intensiv über die jeweiligen Werke austauschte.
Valborg Olander half Selma Lagerlöf bei der Abschrift ihrer Werke und mit ihrer Korrespondenz. Mit beiden Frauen führte Selma Lagerlöf einen ausführlichen Briefwechsel, der Jahrzehnte überdauerte und sehr intim war. Im Buch abgedruckt sind lediglich Briefe von Selma Lagerlöf, nicht die Antworten ihrer Freundinnen. Zu jedem Brief gibt es immer einen kleinen erklärenden Text zu Hintergründen oder zum Kontext.

Einerseits ist es sehr unterhaltsam zu lesen, wie Selma Lagerlöf versucht mit den Bedürfnissen ihrer beiden sehr unterschiedlichen Freundinnen zu jonglieren und versucht vor allem die Eifersucht von Sophie Elkan auf Valborg Olander zu beschwichtigen (auch wenn dieser Charakterzug von Selma Lagerlöf nicht unbedingt immer 100% sympathisch rüberkommt, so doch immerhin sehr menschlich). Andererseits erfährt man ebenfalls sehr viel über die Alltagssorgen der Menschen Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts (zugebenermaßen den Alltagssorgen eher privilegierter Menschen), die politischen Ereignisse und die Arbeit an den Büchern der Schriftstellerin. Mir hat das Buch wirklich hervorragend gefallen und ich würde es jedem empfehlen, der Interesse an Selma Lagerlöf hat, mehr über sie lernen möchte oder der Spaß an historischen Briefwechseln hat. Bei mir hat das Buch sehr viel Lust darauf geweckt mehr über und von Selma Lagerlöf zu lesen.

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Buch-Tipp: „Mein Leben mit Fjodor Dostojewski“ von Anna Dostojewskaja

Fjodor Dostojewski ist einer meiner Lieblings-Klassikschriftsteller. Ich habe „Schuld und Sühne“ schon vor einigen Jahren gelesen und vor wenigen Monaten eine Neuauflage von „Die Doppelgänger“. Deswegen hatte ich auch große Lust einmal ein Sachbuch über ihn zu lesen und die Neuauflage der Erinnerungen von Dostojewskis (zweiter) Ehefrau Anna Dostojewskaja „Mein Leben mit Fjodor Dostojewski“ kam mir da gerade recht, fand ich es doch besonders spannend direkt von seiner Ehefrau etwas über den berühmten Schriftsteller zu erfahren. 

Das Buch schildert entsprechend das Leben des Schriftstellers in den 14 Jahren bis zu seinem Tod in denen er mit Anna Dostojewskaja verheiratet war. Die 20-jährige Anna lernte den damals 44-jährigen Fjodor 1866 kennen als sie von ihrem Stenographie-Lehrer zu ihm vermittelt wurde, er suchte jemanden der ihn bei der Arbeit an seinen Büchern unterstützt. Aus einer sehr produktiven Arbeitsgemeinschaft wurde eine liebevolle Ehe, die von gegenseitiger fast schon überschwänglicher Schwärmerei von dem jeweils anderen geprägt war. 

Anna Dostojewskaja schildert ihr Leben mit Dostojewski in sehr strukturierter chronologischer Form (sicher der Tatsache geschildert, dass sie jahrelang stenografisch sehr detailliert Tagebuch schrieb, was beim Verfassen eines solchen Erinnerungsromans sicher sehr hilfreich ist). Beginnend mit der Schilderung ihrer eigenen Kindheit über das Kennenlernen von Dostojewski, die Schwierigkeiten mit seiner Familie direkt nach der Hochzeit, Jahren im Ausland, schwierigen finanziellen und beruflichen Herausforderungen, schlimmen privaten Verlusten und gesundheitlichen Problemen, aber auch vielen „balanen“ und humorvollen Alltagsereignissen. Für mich sehr herausragend an den Erinnerungen waren mehrere Dinge: erstens waren viele der Anekdoten und Erlebnisse wirklich lustig und charmant, zweitens beeindruckte mich die positive Einstellung mit der Anna von der gemeinsamen Zeit mit ihrem Mann schrieb, obwohl der Alltag der beiden von viel Leid (zwei der vier gemeinsamen Kinder starben schon in den ersten Lebensmonaten und -jahren) und Sorgen (ständig Schulden und dem daraus bedingten Zeitdruck unter dem Dostojewski seine Bücher schreiben musste) geprägt war. Trotzdem empfand Anna die Zeit mit ihrem Mann als die glücklichste ihres Lebens und diese tiefe Liebe zu ihrem Mann war wirklich aus jeder Zeile zu entnehmen und sehr bewegend. Trotzdem thematisierte sie durchaus auch die schwierigen Seiten seines Charakters, wie seinen Jähzorn und ständige Eifersuchtsanfälle.

Insgesamt fand ich das Buch rundum gelungen, mitreissend und leicht lesbar geschrieben, unterhaltsam, bewegend und auch einfach perfekt wenn man authentische Einblicke in das Leben in Russland und auch Europa im späten 19. Jahrhundert bekommen möchte. Sehr schön abgerundet wird das Buch mit einigen Fotografien der Familie. 

Somit also ein perfekter Start ins Lesejahr 2022.

Gerne möchte ich in Zukunft auch noch den Briefwechsel von Fjodor und Anna lesen, der unter dem Titel „Ich denke immer nur an Dich: Eine Liebe in Briefen“ veröffentlicht wurde, um noch mehr direkte Einblicke in diese wirklich faszinierende historische Liebesgeschichte zu erhalten.

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Buch-Tipp: „Mit Dir, Ima“ von Daniela Kuhn

„Mit dir, Ima“ von Daniela Kuhn ist ein sehr persönliches Buch. Die Schweizerin Daniela Kuhn erzählt darin die Lebensgeschichte ihrer Mutter (das hebräische Wort „Ima“ bedeutet „Mama“), einer Jüdin mit irakischen Wurzel, die in Israel aufwuchs und dann einen nicht-jüdischen Schweizer heiratete, dem sie in die Schweiz folgte. Diese Entwurzelung wäre vermutlich für jeden schon schwierig, doch Daniela’s Mutter ist auch noch psychisch krank, schon vor ihrer Heirat verbrachte sie in Israel einige Zeit in Kliniken. Sie hört Stimmen und leidet öfters unter Wahnvorstellungen (so ist sie irgendwann mal davon überzeugt, dass Prince Charles sie heiraten möchte), die Diagnose lautet Schizophrenie. Über 39x wurde Danielas Mutter im Laufe ihres langen Lebens (zum Erscheinen des Buches war sie über 80) in Kliniken eingewiesen oder liess sich freiwillig einweisen.

Im Mittelpunkt des Buches steht vor allem auch die Beziehung der Autorin mit ihrer Mutter, die in Kindheit und Jugend verständlicherweise oft von Ablehnung geprägt war, dann aber im Alter doch wieder intensiver wurde, schwierig und nervenaufreibend blieb. Aber trotzdem konnte die Autorin im Alter zumindest zeitweise die Nähe zu ihrer Mutter finden, die sie als Kind so schmerzlich vermisst hat.

Die erste Hälfte des Buches fand ich interessant, aber manchmal nicht ganz einfach zu lesen, denn die Lebensgeschichte der Mutter bleibt gefühlt sprunghaft, unvollständig und fragmentiert. Was aber mit Sicherheit daran liegen dürfte, dass das Leben der Mutter eben auch tatsächlich unstet und fragmentiert war und die Autorin die Erinnerungen aus eigenen Tagebucheinträgen und Tagebucheinträgen des Vaters rekonstruieren musste.

Im zweiten Teil erzählt die Autorin dann mehr aus der Gegenwart, wie die Mutter heute im Altenheim lebt, teilweise deutlich stabilisierter als früher, aber dennoch immer wieder in Kliniken eingeliefert werden muss und Mutter und Tochter eine gewisse Stabilität in ihrer Beziehung suchen. Diesen Teil fand ich deutlich eingänglicher und damit auch intensiver und weniger nüchtern erzählt. Am Ende wird auch noch darauf eingegangen wie die Corona-Krise quasi aus dem Nichts das zerbrechliche Gleichgewicht wieder störte, von einem Tag auf den anderen durfte die Autorin ihre Mutter nicht mehr besuchen, diese das Altersheim nicht mehr verlassen.
Die Autorin hat aufgrund dieser Erfahrungen ein Buch über das Besuchs- und Ausgehverbot während Corona in Schweizer Heimen geschrieben, in dem Betroffene ihre Geschichten erzählen konnten.

Mir hat das Buch insgesamt sehr gut gefallen, sicher kein einfaches Thema, aber ein sehr hilfreicher Einblick in den Alltag mit einer psychisch kranken Mutter.

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Buchtipp: „Herzfaden – Roman der Augsburger Puppenkiste“ von Thomas Hettche

„Herzfaden – Roman der Augsburger Puppenkiste“ von Thomas Hettche ist das Buch auf das ich dieses Jahr vielleicht am Gespanntesten war. Denn die Augsburger Puppenkiste mag ich schon lange, liebte ich doch als Kind „Lukas den Lokomotivführer“ und noch viel mehr den „Kater Mikesch“ (und zwar unbedingt die ältere Version in Schwarzweiss!). Eigentlich hatte ich dieses Jahr mit einer Freundin einen Städtetrip nach Augsburg geplant, bei dem ich auch gerne das Museum der Augsburger Puppenkiste besucht hätte, das fiel aber Corona-bedingt alles ins Wasser. Da ist ein Buch, das in Romanform die Geschichte von Hannelore „Hatü“ Marschall-Oehmichen, der Tochter von Walter Oehmichen – dem Gründer der Augsburger Puppenkiste erzählt – natürlich ein schöner Ersatz (und der Städtetrip nach Augsburg kann hoffentlich kommendes Jahr nachgeholt werden).

Das Märchenhafte des Buches entsteht vor allem durch den Rahmen: nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste findet sich ein 12-jähriges Mädchen nach dem Entdecken einer Tür mitsamt seines iPhones auf einem düsteren Dachboden wieder, plötzlich umringt von den zum Leben erwachten Marionetten der Augsburger Puppenkiste und von Hatü, die ihr ihre Geschichte und die ihrer Marionetten erzählt. Die Geschichte beginnt als Hatü und ihre Schwester 8 und 9 Jahre acht sind und ihr Vater im 2. Weltkrieg als Soldat eingezogen wird. Nachdem er in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut, beginnt Hatü gemeinsam mit ihrer Vater Marionetten zu schnitzen und gemeinsam Theater zu spielen, zuerst als Aufmunterung für Kriegsversehrte, bis das ursprüngliche Theater in der Bombennacht 1944 komplett verbrennt. Auch nach dem Krieg ist die Leidenschaft nicht erloschen, so dass Hatü und ihr Vater, das Theater wiederbeleben und zum Beruf machen.

Dass mir das Buch gefallen würde, hatte ich schon erwartet, nicht aber wie „magisch“ die Erzählung auf mich wirken würde, denn dem Autor ist wirklich ein Buch gelungen, dass Märchen und historische Erzählung stilistisch und inhaltlich so verbindet, dass die Art Buch herauskommt, die wirklich jeder lesen kann, Erwachsener oder Kind. Das Buch erinnerte mich etwas an ein Werk von Michael Ende, das sich aber trotzdem mit den schwierigsten Themen auseinander setzt, die man literarisch angehen kann, denn Hannelores Kindheitsbeschreibung zeigt nicht nur die Entstehung der Augsburger Puppenkiste, sondern auch eine Kindheit und Jugend im Dritten Reich, die nicht nur geprägt ist von den Schrecken des Krieges, sondern auch von der Frage nach der eigenen Schuld und dem Hin- und Wegschauen.

Für mich sprachlich und inhaltlich bisher mit Abstand das beste und schönste und charmanteste Buch das ich 2020 gelesen habe. Abgerundet und bereichert wird das Buch durch einige schöne filigrane Bleistiftzeichnungen.

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Buchtipp – „Becoming“ von Michelle Obama

Heute möchte ich mal wieder eine Promi-Autobiografie vorstellen und zwar „Becoming – Meine Geschichte“ von Michelle Obama. Ich habe das Buch als Hardcover bekommen und muss zugeben, dass ich durchaus Respekt davor hatte es anzufangen, denn es handelt sich dabei wirklich um einen ziemlichen „Wälzer“. Doch ich kann sagen, dass das Buch sich absolut flüssig und kurzweilig lesen ließ und mich deutlich mehr begeistert und mitgerissen hat als ich es von einer Autobiografie erwartet hätte, in der der amerikanische Polit-Betrieb eine große Rolle spielt.

Grob kann man das Buch in drei Teile aufteilen, im ersten Drittel beschreibt Michelle Obama sehr liebevoll und farbig ihre Kindheit in Chicago und zeichnet ein Bild von einer aus ganz normalen Verhältnissen stammenden afroamerikanischen Familie, die in einer Wohnung im Haus ihrer Tante wohnte. Michelle wuchs bei liebevollen und liberalen Eltern auf (ich fand es sehr erfrischend, dass es in den USA nicht nur Eltern mit einer puritanischen Einstellung zur Sexualerziehung ihrer Kinder gibt). Sehr berührend auch ihre Schilderungen über die Multiple Sklerose Erkrankung ihres Vaters, der sich von der Krankheit trotzdem nicht nehmen ließ fast bis zu seinem Tod täglich diszipliniert zur Arbeit zu gehen. Aber auch über die Bildungsnachteile afroamerikanischer Kinder lernt man in diesem Abschnitt viel und darüber wie in Michelles Kindheit nach und nach immer mehr weiße Mitschüler und Familien aus ihrem Wohnviertel in die Suburbs zogen, eine Entwicklung die überall in den USA, die Unterschiede zwischen den Rassen noch verstärkte (eindrucksvoll illustriert von den Klassenfotos der Klassen 1 bis 4, auf denen man sehen kann wie Michelles Klasse von einer recht bunt durchmischten Klasse zu einer Klasse mit nur afroamerikanischen Schülern wurde, innerhalb von nur 4 Jahren!).

Der zweite Teil beschäftigt sich einerseits damit wie Michelle Barack Obama kennenlernte und mit ihrer eigenen Berufsfindung. Denn Michelle, die sehr zielstrebig in Princeton studierte und begann als Anwältin zu arbeiten, merkte recht schnell, dass sie dieser vernünftige und lukrative Beruf nicht erfüllt. Ausgiebig erzählt Michelle von ihrem Hadern mit dem Erfolgsdruck und den inhaltlich nicht erfüllenden Aufgaben und darüber wie sie sich entschied beruflich andere Wege zu gehen, auch wenn das nicht so viel Geld einbringt.
Relativ schockierend (wenn auch nicht überraschend) fand ich in diesem Zusammenhang, dass man sich bei einem Ivy League Studium dermaßen verschulden muss, dass man quasi gezwungen ist den größten Teil seines hochbezahlten Jobs jahrelang zum Abbau dieser Schulden zu benutzen (was irgendwie den Vorteil der privilegierten Ausbildung auch wieder halb ruiniert). Und dass selbst jemand wie Michelle Obama mit einem derartigen Abschluss erst mit Mitte 30 in der Lage war sich eine wirklich gute Krankenversicherung zu leisten (wofür man eigentlich auch wieder so reich sein muss, dass man diese nicht so dringend benötigt wie jemand der weniger Geld hat). Aus Deutscher Sicht ein ziemlich perverses System, das eigentlich nur darauf beruht, dass man als junger Mensch auf keinen Fall das Pech haben darf krank oder arbeitslos zu werden und das einem ruhig mal wieder in Erinnerung bringen könnte, wie viel Glück wir Deutsche mit unseren Sozial-, Renten- und Krankenversicherungssystemen haben (auch in dieser Pandemie ist nicht zu vergessen, dass es in den USA sowas wie Kurzarbeit auch nicht gibt…) Leider neigt der Deutsche ja trotzdem eher zu Nörgeleien als zu Dankbarkeit.

Im dritten Teil geht es dann um den Teil an den die meisten Menschen bei Michelle Obama denken, Obamas Präsidentschaftswahlkampf und seine Zeit als US Präsident, sowie ihre Zeit als First Lady.
Besonders gut gefallen hat mir in dem Buch, dass Michelle keinen Hehl daraus macht, dass sie quasi von Anfang an wenig von Baracks politischen Ambitionen hielt (was im Prinzip auch bis zum Ende anhielt) und generell mit dem ganzen Politikbetrieb, den sie als zu toxisch und destruktiv empfindet, gar nicht wirklich viel anfangen kann und konnte. Trotzdem schaffte sie es ihren Mann sowohl als Ehefrau als auch beim Präsidentschaftswahlkampf zu unterstützen und ihre Rolle als First Lady mit eigenen Inhalten und Aufgaben zu erfüllen, größtenteils ohne sich selbst allzu sehr zu verbiegen. In dem Teil fand ich es am Spannendsten zu erfahren wie das Leben als US Präsident und First Lady im Alltag aussieht und wie sehr das normale Leben in dieser Zeit quasi unmöglich wird. Michelle und Obama konnten z.B. nicht mal einfach unkompliziert direkt miteinander private Termine ausmachen (geschweige denn etwas unternehmen) und auch das Aufrechterhalten eines halbwegs normalen Alltags für die Töchter Sasha und Malia war ein komplizierter Kraftakt (was Michelle auch durchaus oft ein schlechtes Gewissen verschaffte). In diesem Teil des Buches erfährt man viel über die Herausforderungen und Schattenseiten des Ruhms, aber auch viele unterhaltsame Details darüber wie Michelle sich und ihrer Familie innerhalb dieses „Goldenen Käfigs“ kleine Freiheiten schaffte.

Abgerundet wird das Buch durch eine Sammlung von schönen privaten Bildern im Mittelteil, so dass ich es wirklich rundherum gelungen fand und uneingeschränkt empfehlen kann. Für Netflix-Abonnenten empfehle ich zusätzlich noch die gleichnamige Doku über Michelles Lesereisen-Tour, die das Buch echt super ergänzt.