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Buch-Tipp: „60 Kilo Sonnenschein“ von Hallgrimur Helgason

„60 Kilo Sonnenschein“ von Hallgrimur Helgason wurde mit dem Isländischen Literaturpreis für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet. Bewusst habe ich von dem Autor noch nie etwas gelesen, habe aber inzwischen gesehen, dass er auch der Autor von „101 Reykjavik“ ist, einem Roman der mir zumindest durch die sehr erfolgreiche Verfilmung bekannt ist.

„60 Kilo Sonnenschein“ spielt im Island der Jahrhundertwende, und zwar grob im Zeitraum von ca. 1895 bis 1905. Am Anfang des Buches kämpft sich ein Vater durch Schneemassen von einem Handelsausflug nach Hause zu seiner kargen Eigenheim in einem abgelegenen Fjord , nur um festzustellen, dass sein Haus, seine Frau, seine Kinder und seine Kuh inzwischen unter einer Lawine begraben wurden. Lebend freischaufeln kann er leider nur seine Kuh, sowie seinen kleinen Sohn Gestur. Frau und Tochter haben das Unglück nicht überlebt. Schon bei dem Versuch die Leichen zu bergen und zur Kirche der kleinen Siedlung zu transportieren wird die Stärke des Romans sichtbar, denn so tragisch die Geschehnisse, so skurril und humorvoll die Charaktere des Buches und die Beschreibung der Ereignisse.

Nach diesem tragischen Start ins Leben darf der Leser die weitere Geschichte des kleinen Gestur mitverfolgen, der zunächst seinen Vater verliert, nach wenigen Jahren von seinem ersten Ziehvater unfreiwillig verstoßen wird und danach zurück am Ursprungsfjord landet, wo er von einem alten Freund seines Vaters weiter aufgezogen wird. Immer auf der Suche nach einer Heimat und einem Platz im unwirtlichen und altmodischen Island der Jahrhundertwende. Zusammen mit Gestur und den anderen Dorfbewohnern (die man über den Verlauf des Buches immer besser kennen lernt) lernt der Leser wie die Isländer in einer unwirtlichen Landschaft, von Naturkatastrophen gebeutelt ganz langsam in einem neuem moderneren Jahrhundert ankommen, wie die Norweger statt dem bisher verbreiteten gefährlichen Walfang die für Isländer völlig unsinnige Heringsfischerei sowie moderne Handelsmethoden ins Land bringen, wie eine ganze Kirche weggeweht wird, wie viele Menschen ihr Leben an die unwirtliche Natur und gelegentlich auch durch einen Mord verlieren.

Das Erzähltempo des Buches ist dabei eher langsam, die Sprache altmodisch (allerdings nicht ohne einige Anspielungen an das moderne Leben), humorvoll, derb und ironisch. Mich erinnerte das Buch vom Stil her etwas an einen Charles Dickens Roman, bloß mit mehr Humor. Hallgrimur Helgasons Blick auf die Isländer und ihre Mentalität ist dabei von recht viel Spott geprägt, der aber immer liebevoll ist. In einer anderen Rezension habe ich gelesen, dass der Roman am Ehesten als tragischkomischer Schelmenroman zu beschreiben ist und diese Formulierung trifft es wirklich gut.
Für mich ein sehr besonderes Leseerlebnis im Jahr 2020.

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Buch-Tipp: „Wuhan Diary – Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ von Fang Fang

Heute möchte ich ganz besonderes Tagebuch (in Buchform) vorstellen, nämlich „Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang.
Zugegebenermaßen kann man sich fragen, ob man 2020 wirklich Lust hat auch noch eine Tagebuch zum Thema Corona zu lesen, wenn das Thema ja sowieso schon ziemlich omnipräsent ist. Allerdings klang „Wuhan Diary“ für mich einfach zu spannend, um daran vorbeizugehen und meine Erwartungen wurden zum Glück nicht enttäuscht, das Buch war keine Minute langweilig oder schwer, sondern sehr kurzweilig und informativ.

Da das Buch aus einem Blog entstanden ist, sind die einzelnen Kapitel auch jeweils unabhängige Einträge, die also keine lineare Geschichte erzählen. Gelegentlich wiederholen sich Erwähnungen von Geschehnissen deswegen auch, was ich aber nicht störend fand. Mir hat der Plauderton und auch die gelegentliche Einstreuung von Banalitäten (so fängt z.B. fast jeder Tag mit einer Beschreibung des aktuellen Wetters an) gefallen, denn es nimmt dem Thema die Schwere und man fühlt sich der Autorin näher als wenn sie versucht hätte einen sachlichen „objektiven Lagebericht“ zu schreiben.

Was ich mich vor dem Lesen des Buches fragte, ist wie die Autorin es überhaupt geschafft hat an der chinesischen Zensur vorbei zu veröffentlichen (denn das Buch enthält teilweise schon sehr harsche Kritik an den verantwortlichen Behörden und Beamten). Dies wird in den Blogeinträgen allerdings immer mal wieder nebenbei thematisiert, so dass man daraus schließen kann, dass der Blog auf mehreren Blogger-Portalen gelöscht wurde und die meisten Einträge zuletzt von einer befreundeten Schriftsteller Kollegin auf WeChat verbreitet wurden. So erfuhr man nebenbei auch noch etwas mehr darüber wie Menschen in China die „Zensurbehörden“ umgehen, z.B. durch Einstreuen von irgendwelchen beliebigen Schriftzeichen in Wörter oder Sätze. Außerdem scheint es so zu sein, dass die meisten Dinge eher im Nachhinein gelöscht werden, so dass es immer reicht, dass jemand schnell genug war, diese abgespeichert zu haben.

Inhaltlich beschäftigen sich die Blogeinträge meist mit 3 verschiedenen Themenblöcken: Erstens prangert die Autorin sehr leidenschaftlich die Versäumnisse und Fehlinformationen durch die lokalen Behörden zu Beginn der Pandemie an, so zum Beispiel wurde noch im Januar von einem hochrangigen Experten erklärt, das Virus sei unter Kontrolle und nicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Auch wurden ähnlich wie in Europa noch lange größere -auch staatliche – Festlichkeiten und Großveranstaltungen abgehalten. Fang Fang plädiert dafür, dass die Geschehnisse von damals akribisch aufgeklärt gehören und die Verantwortlichen zurücktreten sollen. Weiterhin versucht sie in ihrem Blog immer einen Überblick über die Lage der Pandemie abzugeben, meist basierend auf Erzählungen und Infos von befreundeten oder bekannten Ärzten (die sicherheitshalber anonymisiert sind, was ihr von Gegnern dann desöfteren vorgeworfen wurde, da als Quelle immer nur „ein befreundeter Arzt“ genannt wird). Schreckliches wird in den Blogeinträgen dabei oft eher in Nebensätzen erwähnt, zum Beispiel als Fang Fang Beispiele für unmenschliches Verhalten der Obrigkeit anprangert, so verhungerte z.B. ein hirntotes Kind im Koma zuhause, weil sein Vater nach der Abriegelung nicht rechtzeitig nach Hause zurückgelassen wurde. Etwas das in Deutschland zum Glück undenkbar sein dürfte (umso befremdlicher, dass die Menschen die in Deutschland ständig auf die Straße gehen um gegen eine angebliche Diktatur zu demonstrieren oft die gleichen sind die autokratische und autoritäre Regimes romantisieren ).

Aber auch Alltagserlebnisse kommen in dem Buch nicht zu kurz, so erfährt man einiges über den auch in China vorhandenen Mangel an Schutzmasken (Klopapier schien dort allerdings nicht gehamstert worden zu sein, zumindest wurde es nirgends erwähnt 😛 ), die Autorin erzählt auch, dass sie 2020 das erste Mal seit der SARS Epidemie wieder eine Maske getragen hat, besonders nachhaltig scheint der Lerneffekt daraus also auch in China nicht gewesen zu sein.
Als Haustierbesitzer fand ich das Thema „Haustiere während des Shutdown“ natürlich besonders interessant. Die Autorin hatte einen schon 16-jährigen Hund, der aber immer alleine oder auch mit ihr im Hof des Wohnkomplexes „Gassi“ gehen konnte, so dass die einzigen praktischen Probleme waren, dass tatsächlich irgendwann kein Hundefutter aufzutreiben war , so dass der Hund den gekochten Reis mitessen musste. Ansonsten fand ich es noch faszinierend, dass die Autorin erzählte, dass sie als die Tierklinik nach dem Shutdown wieder öffnete, zwar nicht mit in die Klinik durfte, aber die Behandlung einer Hautkrankheit live auf einem Videoscreen mitverfolgen konnte (soviel Digitalisierung sollten wir in Deutschland mal in der Schule oder überhaupt irgendwo haben…)
Man muss dabei natürlich bedenken, dass die Autorin sicherlich in recht privilegierten Verhältnissen (einem Wohnkomplex des chinesischen Schriftstellerverbandes) lebt und nicht gerade zur chinesischen Unterschicht gehört.

Im letzten Teil geht es vermehrt auch um Anfeindungen im chinesischen Internet (nach eigener Aussage sowohl von Links- als auch Rechtsextremisten), gegen die sich Fang Fang sehr energisch wehrt. Die Beschreibungen der chinesischen Netzkultur hinterließen bei mir den sehr starken Eindruck, dass dort im Prinzip im „internen“ Internet alles genauso zugeht wie bei uns (bloß halt mit vllt etwas mehr zentral gesteuerten Löschungen…).

Mit hat das Tagebuch sehr gut gefallen, außerdem fand ich Fang Fang sehr sympathisch, eine sehr meinungsstarke und undiplomatische bzw. konfrontative Person, die aber trotzdem offenbar einen unerschüttlichen Glauben an den Humanismus hat (Lieblingszitat aus dem Buch „Das wahre Gesicht einer Gesellschaft zeigt sich in ihrer Haltung gegenüber den Schwachen. (Seite 151)“. Die Sprache wirkt aus Deutscher Sicht manchmal etwas ungewöhnlich, dass ist aber vllt generell der Übersetzung aus dem Chinesischen geschuldet, den Lesefluß hat es überhaupt nicht gestört, der Stil ist lediglich etwas „anders“. Volle Leseempfehlung von mir!

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Buchtipp: „Vater unser“ von Angela Lehner

„Vater unser“ von Angela Lehner ist ein österreichischer Roman mit einer sehr ungewöhnlichen Protagonistin. Eva Gruber ist Ich-Erzählerin und wurde gerade in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, weil sie (zum Glück nur) behauptete eine Kindergartenklasse erschossen zu haben. Die Hintergründe ihres Verhaltens und ihr Motiv bleibt dabei erstmal unklar. Als Leser merkt man schnell, dass man Eva als Erzählerin nicht unbedingt trauen kann. Sie ist auf jeden Fall hochintelligent, hat einen bissigen Humor, ist scharfzüngig, aber schon in der Schule sagten die Klassenkameraden über sie häufig „Die Eva lügt immer!“.

Ebenfalls in der psychatrischen Klinik in Behandlung ist Evas Bruder Bernhard, der wegen Magersucht dort behandelt wird. Schnell drängt sich beim Leser der Verdacht auf, dass Eva vielleicht nur wegen ihm in der Klinik ist. Vorgeblich möchte sie ihren Bruder retten, doch der reagiert eher ablehnend auf Eva und es ist klar, dass die familiären Verhältnisse der Geschwister kompliziert sind. Schnell wird klar, dass für Eva alles mit ihrem Vater zusammenhängt und dass Eva und Bernhard ihre Kindheit als traumatisierend empfunden habe, doch was genau die Hintergründe für die psychischen Probleme der beiden Geschwister sind bleibt schwammig. Man erfährt in sprunghaften kurzen Kapitels Episoden aus Evas Kindheit und muss sich ansonsten ganz auf ihre Erzählungen verlassen, bei denen man aber nie wirklich weiß was Wahrheit und was Lüge ist.

Das Buch liest sich dabei kurzweilig und sehr unterhaltsam. Eva ist mit ihrer Egozentrik und ihrem Hang zur Manipulation ihres Umfelds sicher kein besonders sympathischer Charakter, trotzdem sind die Schilderungen des Klinikalltags oft erstaunlich pointiert und man fragt sich oft, wer nun eigentlich „verrückt“ ist.

Mir hat das außergewöhnliche Buch sehr gut gefallen.

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Krimitipp: „Schattenkind“ von Anne Holt

Die Handlung von „Schattenkind“ von Anne Holt beginnt in Norwegen an einem schicksalhaften Tag, nämlich am Tag an dem Anders Breivik den Terroranschlag in Oslo und das Massaker auf Utoya begeht. Die Tragödie auf die die Kriminalpsychologin Johanne Vik an diesem Tag trifft, hat aber gar nichts mit den schrecklichen Geschehnissen zu tun.
Sie wollte eigentlich nur auf die Geburtstagsfeier des 8-jährigen Sohnes ihrer alten Schulfreundin Ellen. Doch zu ihrem Schock findet sie dort stattdessen traumatisierte Eltern und ein totes Kind vor, angeblich fiel der Junge Sander von einer Trittleiter, als er versuchte die Decke im Wohnzimmer zu bemalen. Sander galt als schwieriges und lebhaftes Kind und hatte eine ADHS Diagnose, so dass die Eltern als Grund für den Unfall seinen unbändigen Bewegungsdrang anbringen.

Da quasi alle Krankenwägen und Polizisten mit dem Terroranschlag in Oslo beschäftigt sind, dauert es lange bis überhaupt ein Polizist am Ort des Geschehens auftaucht und zwar der noch sehr unsichere und unerfahrene Jungpolizist Henrik Holme.
Der macht zwar so einige Fehler und fühlt sich anfangs mit dem Fall überfordert, aber er kann sich Eindrucks nicht erwehren, dass in dem Fall etwas nicht stimmt und nimmt relativ schnell Sanders Vater Jon ins Visier. Ellen bittet verzweifelt Johanne um Hilfe, die sich aber nicht wirklich in den Fall hinein ziehen lassen möchte. Natürlich klappt das nicht wirklich und so graben Johanne und Henrik Holme unabhängig voneinander immer tiefer im Familienleben von Ellen, Jon und Sander.

Mir hat der Krimi wirklich hervorragend gefallen, Anne Holt ist sowieso immer ein Garant für hochwertige psychologische Krimis (ich kann mich nicht erinnern von ihr schon mal etwas gelesen zu haben, das ich nicht gelungen fand). Es handelt sich also nicht um einen Spannungsroman, sondern um eine intelligente Aufdeckung einer Familientragödie, die noch dazu mit einem wirklich ungewöhnlichen Ende aufwartet (das wiederum vermutlich nicht jedem gefallen dürfte). Das Verhältnis zwischen Krimihandlung und Privatleben der Ermittlerin fand ich auch gelungen. Etwas skeptisch war ich bezüglich der Vermengung der Geschichte mit dem Anschlag von Anders Breivik, diese diente aber mehr oder weniger nur als Hintergrund dafür, dass Hendrik Holme als Ermittler in Erscheinung treten konnte und macht insofern schon Sinn, da es sonst wenig glaubwürdig gewesen wäre, dass Hendrik Holme so eine tragende Rolle in den Ermittlungen spielt.

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Buchrezension: „Sleeping Beauties“ von Stephen & Owen King

„Sleeping Beauties“ ist (meines Wissens) das erste Buch, das Stephen King zusammen mit seinem Sohn Owen King geschrieben hat. Wie auch für Stephen Kings Solo-Romane typisch hat es eine epische Länge von an die 900 Seiten, ist also nichts für Leute, die es gerne kurz und knackig mögen. Obwohl das Buch übersinnliche Elemente enthält, handelt es sich keineswegs um einen Horrorroman, ich würde es am Ehesten als Fantasy Roman zur „Me too“ Debatte beschreiben 😉 (obwohl es von 2 Männern geschrieben ist, ist Feminismus, Sexismus, Patriarchat und der fortwährende Konflikt zwischen Frauen und Männern wohl das prägende Thema des Buches…dass es von 2 Männern stammt mag man merkwürdig finden, ist aus meiner Sicht aber durchaus gelungen).

Die Handlung spielt in einer Kleinstadt namens Dooling in den Appalachian Mountains (eine Gegend, die in Büchern und Filmen im Moment immer den Eindruck erweckt, als gäbe es da fast nur arme Menschen die Crack kochen und rauchen…), aber die Geschehnisse betreffen die ganze Welt. Von einem Tag auf den anderen fallen plötzlich Frauen in einen Art Dornröschen-Schlaf, sobald sie einschlafen bildet sich um ihren Körper eine Art spinnwebenartiger Kokon und die Frauen wachen nicht mehr auf. Versucht man den Kokon zu entfernen, nimmt das in der Regel kein gutes Ende für denjenigen der es versucht. Gleichzeitig mit dieser bedrohlichen Krankheit taucht in der Kleinstadt Dooling eine mysteriöse Frau auf und tötet 2 Drogendealer auf brutale Art und Weise…hat sie etwas mit den Geschehnissen zu tun?

In den ersten Tagen der Seuche, die „Aurora“ genannt wird, versuchen die Frauen die noch nicht eingeschlafen sind mit allen Mitteln (primär Drogen) wach zu bleiben, während die Männer mehr und mehr die Kontrolle über die Situation verlieren. Die drauf resultierende Geschichte beschäftigt sich dann mit fast allen gesellschaftlichen Themen, die die USA im Moment bewegen, ganz vorne dabei, Seximus und Waffen und stellt die große Frage ob eine Welt in der es nur Männer oder nur Frauen gibt, wohl überhaupt existieren könnte, besser oder schlechter oder gar wünschenswert wäre?

Mir hat der Roman gut gefallen, wobei ich mir vorstellen kann, dass jemand der einen Horrorroman oder Thriller erwartet hat, wohl enttäuscht sein könnte, denn ein Spannungsroman ist das Buch keineswegs und manchen Lesern wird er wohl auch etwas zu langatmig sein. Im Vergleich zum Schreibstil von Stephen King (alleine) finde ich den Stil etwas klarer und nüchterner und etwas weniger „jovial“, was einerseits erfrischend ist wenn man schon unzählige Stephen King Romane gelesen hat, andererseits aber etwas weniger Nähe zu den Charaktere schafft wie Stephen King das alleine irgendwie immer gelingt. Insgesamt ein gelungener Roman zu den großen gesellschaftlichen Debatten dieses Jahres (was eine Leistung ist, da ich vermute, dass der Roman schon sehr viel länger in Entstehung ist).

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Regionalkrimi-Tipp: „Rabenschwarze Beute“ von Nicola Förg

„Rabenschwarze Beute“ ist der neueste Regionalkrimi aus der Feder von Nicola Förg.
Das Buch beginnt in einer Silvesternacht in Murnau, beim Feiern wird der Architekt und passionierte Vogelschützer Markus Göldner kurz nach Mitternach vom Balkon seiner Freundin geschossen. Wer der Schütze war ist unklar, denn im Feuerwerkshagel ging der echte Schuss unter. Der erste Eindruck weist indessen auf einen cholerischen Nachbarn
und Waffennarr hin, der mit einer Schreckschusspistole die Nachbarschaft an Silvester terrorisierte.
Aber ist die Lösung wirklich so offensichtlich?
Komissarin Irmi und ihr Team stoßen im Laufe der Ermittlungen auf viele Spuren und Verdächtige, Markus Göldner hatte sich als Aktivist viele Feinde gemacht, aber alle vielversprechenden Ansätze scheinen erst mal im Sande zu verlaufen.
Während eines vom Chef verordneten Teambuilding-Events auf einer Berghütte werden die Polizisten dann auch noch in einen anderen Kriminalfall verwickelt, das Kind der angesagten Social-Media-Modebloggerin La Jolina verschwindet und wird wenig später erfroren aufgefunden. Als wäre das nicht genug verschwindet einige Tage später auch noch die trauernde Mutter…

Wie immer in den Krimis von Nicola Förg spielen ihre (offensichtlichen) Leidenschaften
Tiere und Naturschutz eine wichtige Rolle. In diesem Krimi hat mir das besonders gut gefallen, da ich bei einigen angesprochenen Themen auch eine eher leidenschaftliche Meinung habe (z.B. die Unnötigkeit von Feuerwerken 😛 ).
Auch hat Nicola Förg einige aktuelle kleinere Nachrichtenereignisse in die Handlung
eingearbeitet ohne dass es irgendwie besonders konstruiert wirkte.
Den Kriminalfall an sich fand ich auch gut und spannend umgesetzt. Eventuell gibt es ein paar Zufälle zu viel, die mitunter ein bisschen konstruiert wirken (z.B. dass die Polizisten just zufällig auf einer Berghütte ein berufliches Event haben, wo die angesagte Influencerin grad ihr neuesten Mode-Shooting hat), aber wirklich gestört hat das nicht.
Ich fand das Verhältnis zwischen Krimihandlung und (durchaus lehrreichen) Informationen zu aktuellen Themen wie Windkraft und Vogelschutz jedenfalls gut gelungen und auch dass der Krimi viel Bezug auf aktuelle Trends und Ereignisse nimmt, wirkt bei dieser Autorin nicht aufgesetzt. Das Buch liest sich jedenfalls kurzweilig und auch Humor kommt nicht zu kurz, obwohl der Kriminalfall an sich wirklich
recht düster und dramatisch ist. Insgesamt also eine sehr gelungene Mischung.

Nicht so gut gefallen haben mir bei diesem Regionalkrimi übrigens Cover und Titel.
Das Cover finde ich in der schwarz-roten Optik eher unattraktiv und nicht sehr
ansprechend (in einer Buchhandlung und beim Stöbern würde mich dieses Cover nicht zum Kauf animieren) und mit dem Titel „Rabenschwarze Beute“
konnte ich auch nicht wirklich etwas anfangen, zumal ich keine wirkliche Verbindung zum Inhalt des Buches herstellen kann (außer der kreative Anspruch hört bei „irgendwas das vogelmäßig klingt“ schon auf). Das ist allerdings nur eine Kleinigkeit, da
ich allerdings ein großer Freund von schönen Covern und Titeln bin, freue ich mich immer über Bücher wo man merkt, dass sich da viele Gedanken gemacht wurden.

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Lesetipp: „Das Kaff“ von Jan Böttcher

Das Cover von „Das Kaff“ von Jan Böttcher zeigt ein eher kühl und stilistisch nüchtern wirkendes Dorf im Flachland aus der Schräg-Oben-Vogelperspektive, passend
zum Beruf der Hauptperson des Buches: Der Architekt Micha kehrt nach vielen Jahren im hippen Berlin zurück in sein norddeutsches Heimatdorf, um dort einen Bau-Auftrag zu begleiten (einige eher unspektakuläre Wohnungen in einer Art Reihenhaussiedlung der Beschreibung nach). Am Anfang weiß man noch nicht viel über Micha, seine Erlebnisse im Dorf werden anhand kurzer episodenhafter Kapitel erzählt, die ein widersprüchliches Bild von Micha zeichnen. Er scheint ein reicher erfolgreicher
Architekt zu sein, der es geschafft hat dem Dorf zu entkommen, aber warum schläft er dann in der Wohnung eines Freundes (skurrilerweise auf dem Dachboden), der grad zufällig im Urlaub ist? Und warum ist er so wütend auf alles und jeden, jede Person aus seiner Vergangenheit (sogar seine tote Mutter) und aus seinem aktuellen beruflichen Umfeld?

Der Stil des Buches ist eher assoziativ, teilweise fast poetisch, und Vieles wird zwischen den Zeilen gesagt, trotzdem fand ich das Buch sehr kurzweilig und gut lesbar, mit einem leisen Humor und ironischen Zwischentönen. Durch die kurzen Kapitel lässt es sich auch gut immer wieder zwischendurch lesen ohne dass man den Faden verliert.
Micha ist nicht unbedingt eine sympathische Hauptperson, im Verlauf des Buches wird schnell klar, dass er mit sich selbst nicht im Reinen ist, was sich dadurch äußert, dass er einerseits sehr arrogant auf sein Umfeld und die Menschen aus seiner Dorf-Vergangenheit und seiner Familie reagiert (vor allem seine Schwester und seinen Bruder stößt er immer wieder vor den Kopf), sich andererseits aber auch zu Ihnen hingezogen fühlt, vor allem zu seinem alten Regional-Fußballklub, wo er sogar als Jugendtrainer wieder einsteigt.

Je weiter das Buch voran schreitet, desto mehr erfährt man über Michas Vergangenheit, über die Krankheitsgeschichte seiner Mutter und man merkt auch, dass hinter seinen aggressiven Fassade trotz allem ein Mensch steckt, der ein großes Herz für andere hat und mit der Zeit ergibt sich auch eine Annäherung an seine Familie und eine Aufarbeitung seiner Jugend…Für Menschen, die bei Büchern eine klar erkennbare Handlung und eine lineare Erzählweise möchten, dürfte „Das Kaff“ eventuell nicht ganz das Richtige sein. Mir hat das Buch aber grade deswegen und auch wegen des etwas eneckenden und außergewöhnlichen Hauptcharakters gut gefallen.

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Lesetipp: „Dann schlaf auch Du“ – Mary Poppins in der Albtraumversion

In „Dann schlaf auch Du“ sucht das französische Paar Myriam und Paul ein Kindermädchen für ihre beide kleinen Kinder. Myriam war einige Jahre mit den Kindern zu Hause, inzwischen fällt ihr aber die Decke auf den Kopf und sie möchte wieder ihren Beruf als Anwältin nachgehen. Myriam und Paul machen sich also auf die Suche nach einem perfekten Kindermädchen und scheinen auch schon nach relativ kurzer Zeit einen echten Glückstreffer zu landen, die 50-jährige Louise wird Ihnen von deren vorherigen Arbeitgebern wärmstens empfohlen, sie macht einen zuverlässigen und fast schon perfektionistischen Eindruck und kommt gut mit den Kindern zurecht (auch mit der eher quengeligen 5-jährigen Tochter). Am Anfang wirkt auch alles fast wie im Märchen, Louise entpuppt sich als eine Art französische Mary Poppins und kümmert sich nicht nur um die Kindern, sondern gleich noch mit um den Haushalt und ums Kochen für die 4-köpfige Familie. Myriam und Paul haben zwar manchmal ein schlechtes Gewissen, die Nützlichkeit von Louise für ihren Alltag wischt aber alle anfänglichen Zweifel an Louises Über-Engagement hinweg.

Mir hat das Buch super gefallen, obwohl es sehr spannend ist, ist es eigentlich kein Thriller (das Ende wird auch schon gleich am Anfang des Buches „verraten“). sondern eine Psychostudie, die sich viel Zeit nimmt das Verhalten und das Innenleben von Louise zu beleuchten. Hier hat mir gut gefallen, dass Louise nicht wie in vielen Thrillern mit ähnlichem Thema als Psychopathin dargestellt wird, sondern dass das Buch Schritt für Schritt aufzeigt wie das Leben von Louise immer mehr auseinanderfällt, während Myriam und Paul kaum etwas davon mitbekommen, auch weil es sie im Endeffekt gar nicht wirklich interessiert. Das Buch zeigt sehr gut auf, wie Myriam und Paul quasi alles was Louise tut hinnehmen, weil ihre Leistung als Nanny ihr Leben einfach zu bequem macht, während sie alles was Ihnen nicht gefällt möglichst lange ignorieren oder schön reden.

Die Charaktere in dem Buch sind allesamt nicht unbedingt sympathisch (nicht einmal die Kinder), aber die Motive und Gefühlswelten der beteiligten Person sind immer nachvollziehbar und das Buch zeigt in beeindruckender Art und Weise wie ein Leben völlig zerfallen kann, ohne dass das Umfeld überhaupt etwas davon mitbekommt. Die Thematik ist natürlich sehr düster und sicher nicht das Richtige für jedermann, mir hat das Buch aber wirklich hervorragend gefallen.

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Krimi-Tipp: „Die Eishexe“ von Camilla Läckberg

„Die Eishexe“ von Camilla Läckberg ist der neueste Krimi rund um die Schriftstellerin Erica und dem Polizistenteam rund um Ericas Mann Patric. Wobei es schwierig ist bei der Reihe von Camilla Läckberg wirkliche Hauptpersonen auszumachen, denn es tummelt sich da ein ganzes Sammelsurium an Ermittlern und sonstiger Charaktere. Damit ist vielleicht auch schon eine der wenigen Schwächen des Buches genannt, denn der Einstieg gestaltet sich (vor allem für Neulinge der Reihe, aber auch für erfahrene Leser) doch etwas schwierig, so viele Handlungsstränge werden am Anfang aufgemacht. Außerdem erfährt man noch etwas über das Privatleben aller Kommissare, so dass man auf den ersten hundert Seiten des Romans doch ziemlich damit beschäftigt ist, sich überhaupt die ganzen Namen der beteiligten Personen zu merken…

Danach nimmt das Buch aber immer mehr Fahrt auf und wird immer spannender, so dass ich das Buch vor allem in der 2. Hälfte gar nicht mehr aus der Hand legen konnte und die letzten ca. 350 Seiten an einem Tag quasi auf einen Schwung verschlungen habe, etwas das mir schon lange nicht mehr passiert ist und dass einen guten Krimi für mich definitiv ausmacht. Deswegen sehe ich auch bei meiner Bewertung sehr gerne über die kleineren Schwächen des Buches hinweg (die da wären: die schon erwähnte manchmal etwas übertriebene Beschäftigung mit dem doch auch oft eher banalen Privatleben der Ermittler, die manchmal etwas klischeehaften Ereignisse und Ausdrucksweisen und einen gewissen Hang zum Kitsch bei der Schilderung von Erica und Patrics Privatleben und der Tatsache, dass die Ermittler sich manchmal etwas unlogisch verhandeln und Ermittlungsstränge, die selbst für Laien offensichtlich scheinen entweder erst sehr spät oder gar nicht verfolgen). Denn bei der Story gibt es sonst fast nichts zu meckern, sie ist komplex, unterhaltsam, mitreißend und bleibt bis zum Ende spannend.

Am Anfang der Geschichte steht der Tod zweier kleiner Mädchen. Die 4-jährige Stella wurde vor 30 Jahren im Wald ermordert, den Mord gestanden ihre beiden 13-jährigen Babysitterinnen, Helen und Marie. Auch wenn sie das Geständnis später zurücknahmen, blieb der Fall ungelöst und der Makel der Mörderinnen an beiden haften. 30 Jahre später wohnt Helen immer noch in dem Ort und Marie ist eine erfolgreiche Hollywood-Schauspielerin geworden, die für einen Filmdreh zurück in ihr Heimatdorf reist. Kaum ist sie wieder da, geschieht das Unfassbare, von dem gleichen Bauernhof auf dem Stella lebte, verschwindet wieder ein kleines Mädchen und auch dieses wird wenig später tot aufgefunden. Haben Helen und Marie wieder gemordet? Oder ist ein anderer Täter von damals zurück? Handelt es sich um Zufall oder einen Nachahmer? Aus dieser Krimi-Handlung macht Camilla Läckberg ein Buch das komplex ist, aber oft auch grausam und sehr brutal. Ich würde es jedem empfehlen, der sich von dieser Beschreibung nicht abschrecken lässt und der gerne Krimis liest, die sich langsam wie ein Puzzle auf ein Ergebnis zu bewegen. Für zarte Gemüter oder Leute die es gern präzise und geradlinig haben, ist das Buch vermutlich eher nichts.

Mich hat es hervorragend unterhalten und für mich ist Camilla Läckberg im Moment eine der besten modernen Krimi-Autorinnen.

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Lesetipp: „Der gefährlichste Ort der Welt“

Diesen Monat lese ich (rein zufällig) zwei Bücher, die sich mit einem ähnlichen Thema beschäftigen, nämlich Mobbing in der Schulzeit. Das erste davon (ein Roman für Erwachsene) möchte ich heute vorstellen:

„Der gefährlichste Ort der Welt“ von Lindsey Lee Johnson spielt in Kalifornien, in einer auf den ersten Blick idyllischen Kleinstadt namens „Mills Valley“ nahe bei San Francisco. Dort wohnen überwiegend reiche, privilegierte Menschen, die eigentlich in der Theorie wenig Sorgen haben sollten.

Im ersten Teil des Buches lernen wir den 13-jährigen Tristan Bloch kennen. Er geht auf die Middle School in Mills Valley und gilt als merkwürdig, er ist etwas übergewichtig, trägt komische Klamotten und ist zwar sehr intelligent, aber nicht wie die anderen Kinder an der High School. Nach einer zufälligen Begegnung begeht er den fatalen Fehler einen Liebesbrief an seine Mitschülerin Cally zu schreiben, in dem er seine innersten Gefühle offenbart. Cally ist entsetzt und überfordert und zeigt den Brief ihren Freunden, allen voran dem beliebten Sport-Ass Ryan. Schnell eskaliert die Sache auf Facebook und am Ende weiß Tristan keinen Ausweg mehr.

Der Rest des Buches spielt einige Jahre danach an der High School von Mills Valley und erzählt in verschiedenen Episoden aus dem Leben von Tristans früheren Klassenkameraden. Dabei ist jedem Schüler ein Kapitel gewidmet, diese sind lose dadurch verbunden, dass meist ein Kapitel mit einem Ereignis aus dem vorherigen Kapitel anfängt. So erlebt der Leser wie es Tristans Klassenkameraden ergangen ist und was für Geheimnisse und Sorgen jeder mit sich herumträgt. Der Schreibstil ist dabei sehr klar und gelungen, so dass das Buch wirklich angenehm lesbar ist und den Leser auch durchaus mitreisst. Trotzdem muss ich zugeben, dass das Buch mich nicht zu 100% gepackt hat. Das lag für mich an 2 Gründen: erstens finde ich den Aufbau doch ein kleines Bisschen zu konstruiert wirkend (als hätte die Autorin sich etwas zu merkbar Mühe mit der Form des Geschichte gegeben) und zweitens fand ich die Charaktere des Buches doch in ihrer Gesamtheit etwas zu klischeehaft. So kommt quasi jeder Stereotyp aus einem amerikanischen Teenie-High-School-Film oder Roman vor. Vielleicht liegt das daran, dass amerikanische Teenies per se ein Klischee sind 😉 , allerdings gibt es doch Bücher und Serien wo die Thematik für mich etwas vielschichter aufgearbeitet wird.

Trotzdem fand ich das Buch insgesamt sehr gut gelungen und auch unterhaltsam. Aktuell lese ich ein Jugendbuch mit ähnlicher Thematik („Ikarus fliegt“ von Sally Christie) und bin gespannt, wie das Thema dort im Vergleich umgesetzt ist (das Fazit daraus gibt es dann im nächsten Blogeintrag…).