Bücher, gesellschaft

Buch Tipp: „Paper Doll“ von Dylan Mulvaney

„Paper Doll: Notes from a Late Bloomer“ ist teils Autobiographie teils „Tagebuch“ von der transsexuellen Influencerin Dylan Mulvaney, die während Corona zuerst auf Social Media einen steilen Aufstieg mit Comedy-Clips und Videos über ihre Transition hinlegte, nur um dann vom rechts-religiösen America einen starken Shitstorm/Backlash zu erledigen, weil die Biermarke Bud Light (wohl aus rechtlichen Gründen im Buch nur als GenericBeerBrand bezeichnet) einen Werbespot mit ihr drehte (warum nicht jeder unabhängig vom Geschlecht Light-Bier trinken oder bewerben kann und sollte erschließt sich dem vernunftbegabten Menschen wohl eher nicht, aber wir leben ja aktuell leider nicht in vernunftbegabten Zeiten, ganz im Gegenteil).

In dem Buch, das äußerlich sehr leicht und humorvoll aufgemacht ist, geht es also nicht nur um schöne Anekdoten und eine heile Showbiz-Welt, sondern auch um mentale Gesundheit, den Wahnsinn von Social Media, aber natürlich auch um Dylans persönliche Erfahrungen mit ihrer Transition und ihren Werdegang im Musical und Showbiz und als Influencerin und ich kann sagen, dass das Buch meine Erwartungen mehr als erfüllt hat, so fand ich es wirklich sehr bewegend, unterhaltsam und lehrreich. 

Das Format wechselt dabei zwischen Tagebucheinträgen aus den ersten 365 Tagen ihrer Transition und tiefgehenderen Kapiteln über verschiedene Themen und Erfahrungen, die Abschnitte unterscheiden sich auch durch verschiedene Schriftarten. Mir hat das wirklich sehr gut gefallen, da das Buch dadurch für mich die perfekte Mischung aus leichter Unterhaltung und ernsteren Kapiteln trifft. Ein tolles Buch für jeden der gerne mehr über andere Menschen lernt, Humor, Herzlichkeit und Musicals mag und in der aktuellen politischen Lage nicht vergessen möchte, dass es in den USA auch Millionen von wirklich tollen und liebenswerten Menschen gibt.

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Buch-Tipp: „Hundert Wörter für Schnee“ von Franzobel

„Hundert Wörter für Schnee“ von dem österreichischen Schriftsteller Franzobel ist bereits der dritte historische Roman den ich vom ihm lese, nach „Dass Floss der Medusa“ und „Die Eroberung Amerikas“. Ich bin ein großer Fan des Autors, denn es gelingt ihm immer wieder Romane zu schreiben, die auf realen geschichtlichen Ereignissen beruhen, hervorragend recherchiert sind und mit viel Wortwitz und einem unnachahmlichem Stil die Vergangenheit lebendig machen und gleichzeitig über Missstände in der damaligen Gesellschaft (meist die gleichen wie heute) aufklären.

Thematisch ist das Thema von „Hundert Wörter für Schnee“ auch in 2025 absolut hochaktuell, den es geht um die Ausbeutung von Grönländischen Ureinwohner:Innen durch amerikanische Entdecker und andere westliche Player, ein Thema das spätestens seit Trump gar keinen aktuelleren Bezug haben könnte. Im Fokus stehen dabei natürlich auch wieder reale Figuren: Der amerikanische Entdecker Robert Peary ist besessen davon als Erster den Nordpol zu erobern, seine Frau Josephine Peary unterstützte und begleitete ihn und war die erste weiße Frau, die in der Arktis überwinterte (die Treue ihres Ehemanns war ihr trotzdem nicht sicher, denn der gründete parallel eine zweite Familie mit einer Inuit-Frau). Pearys Rivale Frederic Cook behauptet wie Peary als erster Mann am Nordpol gewesen zu sein und der schwarze Matthew Henson ist als Begleitung von Peary zwar mindestens so weit gekommen wie die beiden anderen, wird aber natürlich in er geschichtlichen Berichterstattung im Vergleich weitgehend übersehen. Die eigentliche Hauptperson des Buches ist aber Minik Wallace, ein Inuit, der zusammen mit 5 weiteren erwachsenen Verwandten von Robert Peary im Kindesalter in die USA verschleppt wird, quasi als „Anschauungs- und Forschungsmaterial“. So menschenverachtend wie das klingt, gestaltete sich das Ganze auch und 4 der 6 Inuit starben in den nächsten Jahren zudem an Tuberkulose. Minik überlebte und blieb bis zu seinem (ebenso recht frühen) Tod ein Mensch auf der Suche nach seiner Identität, in Amerika wurde er nie richtig heimisch, zurück in Grönland aber auch nicht mehr.

Der Roman hat mir wieder sehr gut gefallen, zeigt er doch einerseits die Auswirkungen des aus westlicher Sicht häufig romantisierten Kolonialismus, gleichzeitig werden aber auch die Charaktere und ihre im Nachhinein tragischen Obsessionen lebendig und auch der Humor kommt bei Franzobel nie zu kurz. Für mich wieder ein sehr unterhaltsamer historischer Roman, den ich auch Leser:innen empfehlen, die sich sonst nicht so für historische Romane begeistern, denn ich bin eigentlich auch kein großer Fan dieses Genres, aber die Romane von Franzobel haben mich bisher immer absolut abgeholt. Dieser Roman hat es bei mir auch geschafft, noch weiter zu Minik Wallace, Matthew Henson, Josephine und Robert Peary und Frederic Cook zu recherchieren, denn im typischen westdeutschen Geschichtserlebnis meiner Kindheit, bekam der Wettlauf um den Südpol immer viel mehr (ebenfalls romantisierte) Aufmerksamkeit als die Arktiserforschung.

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Buch-Tipp: „Die Schrecken der anderen“ von Martina Clavadetscher

Der Schweizer Roman „Die Schrecken der anderen“ von Martina Clavadetscher erzählt in sehr ruhigem und poetischen Ton eine Geschichte voller Düsternis und Schrecken.

Dabei fängt alles mit verstreuten Protagonist:innen und Handlungsfäden an: ein Archivar mit Angststörung begutachtet eine Leiche in einem gefrorenen See, eine mysteriöse ältere Frau in einem Wohnwagen beobachtet ihn dabei. Ein reicher alter Mann hat nicht nur Probleme mit den Augen und eine junge unglückliche Frau, sondern auch noch seine bösartige greise Mutter im Dachgeschoss. Wie alle diese Menschen und ihre Geschichten und Handlungen zusammen hängen erschließt sich erst im Laufe des Romans Scheibchen für Scheibchen, wobei die Autorin es hinbekommt, dass man als Leser:in eigentlich durchgehend die richtige Ahnung entwickelt, auch wenn es einem beim Lesen selbst gar nicht bewusst ist, wie genau dies zustande kommt. 

Einziger Schwachpunkt für mich ist, dass der Schreibstil doch in Teilen etwas sperrig ist, was es doch ein kleines bisschen schwierig macht ins Buch hineinzukommen. Ausgeglichen wird dies mit einigen Passagen in denen durch einzelne Charaktere Episoden aus der Vergangenheit sehr klar kommuniziert werden und was ein bisschen wie ein Stilbruch auf mich wirkte. Wenn man diese Punkte überwindet wird man aber durch die Bildsprache ins Geschehen gezogen und mit einem durchaus fulminanten und schlüssigen Ende belohnt. Der Highlight des Buches waren für mich einige Passagen, die so zielsicher treffend die heutige gesellschaftliche Lage beschreiben, dass ich inne halten musste um darüber nachzudenken. Insgesamt kein zu 100% einfaches Buch, aber eines das sich absolut lohnt. 

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Buch-Tipp: „Killer Potential“ von Hannah Deitch

„Killer Potential“ ist der Debütroman von Hannah Deitch und als Thriller einkategorisiert. Ein klassischer Hochspannungs-Thriller ist das Buch allerdings für mich nicht, Cover, Klappentext und Atmosphäre weckten in mir sofort Assoziationen zu Bonnie & Clyde oder Thelma & Louise:

Die SAT-Tutorin (Nachhilfelehrerin für die amerikanische Abschlussprüfung) Evie verdient ihr Geld damit den Sprösslingen reicher Familien in Los Angeles in deren Luxus-Zuhause Nachhilfe zu geben. Doch an einem Tag geht alles schief: als Evie am Haus ihrer Schülerin ankommt, entdeckt sie deren Eltern ermordet im Pool und als wäre das nicht genug auch noch eine gefesselte Frau in einer Kammer. Durch eine Verquickung unglücklicher Umstände geraten Evie und die Fremde unter Verdacht und fliehen vom Tatort. Es folgt ein Roadtrip durch die ganze USA mit unerwarteten Folgen, während dessen sich Evie und die geheimnisvolle Fremde immer näher kommen.

Die Idee des Buches fand ich wirklich super und auch die Erzählweise ist kreativ und mal was anderes für einen Thriller. Evie erzählt die Geschichte in der Ich-Perspektive und man erfährt viel über ihre Gedankenwelt und Gefühle. Insgesamt handelt es sich um eine verspielten und durchaus außergewöhnlichen Roman. Trotzdem hat er mich nicht 100% überzeugt, denn im Mittelteil gab es doch einige Längen, in denen nicht wirklich viel tatsächlich passiert. Der zweite Schwachpunkt ist meiner Meinung nach, dass der Verlauf der Flucht nicht wirklich unbedingt sehr glaubwürdig ist, ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass die beiden Flüchtenden im realen Leben nicht relativ schnell gefasst worden wären. 

Allerdings nahm das Buch im letzten Drittel für mich wieder deutlich an Fahrt auf und wenn man die Skepsis im Bezug auf den Plot etwas ausblendet kann man mit dem Roman trotzdem sehr gut unterhalten werden. Auf jeden Fall ein beachtliches Debut, die Schwächen kann die Autorin in weiteren Büchern dann hoffentlich auch noch beheben.

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Buch-Tipp: „Cher – Die Autobiografie, Teil 1“

Diesen Monat habe ich mal wieder ein Buch aus einem meiner absoluten Lieblingsgenres gelesen, nämlich die Autobiografie von Cher, bzw. der erste Teil davon. Sehr unmissverständlich heißt das Buch entsprechend auch:

„Cher – Die Autobiografie, Teil 1“. Nicht der glamouröseste Titel, vor allem für jemanden mit so einem bewegten Leben wie Cher es hatte, aber ansonsten gefällt mir zumindest das Cover sehr gut, so dass sich das Buch auch als Sammlerstück gut im Regal machen dürfte.

Wichtiger ist aber sowieso der Inhalt und der kann zu 100% überzeugen. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Zeitraum von vor Chers Geburt bis ca. 1979, als Cher entscheidet ernsthaft Schauspielerin zu werden. Dazwischen liegt eine bewegte Zeit: ein turbulentes Liebes- und Eheleben mit Sonny und anderen Partnern und eine Karriere mit Höhen und Tiefen, sowie die Geburt zweier Kinder. Mehr als genug Stoff für etwas unter 500 Seiten also. Schon Chers Kindheit war dank Chers etwas sprunghafter Mutter (teils natürlich auch durch ökonomische Zwänge bedingt) mehr als turbulent, es viel mir wirklich schwer halbwegs den Überblick zu behalten wie oft die Familie quer durch die ganzen USA umgezogen ist, die Schule gewechselt und wie oft Chers Mutter Chers leiblichen Vater geheiratet hat 😉 Ich wusste tatsächlich nicht besonders viel Konkretes über Chers Leben, obwohl ich als Kind einige ihrer Filme geliebt habe und natürlich die bekanntesten Hits von ihr alleine und mit Sonny kenne und viele der Songs auch sehr mag. Von dem her gab es für mich wirklich viel Neues zu lernen, das Buch ist aber auch generell so spannend und unterhaltsam geschrieben, dass man finde ich auch generell kein großer Fan von Cher sein muss um großen Spaß an dem Buch zu haben.

Abgesehen davon, dass man natürlich viel über ihr Leben und ihre Partnerschaften mit Sonny Bono, dem Musiker Gregg Allman und dem KISS Mitglied Gene Simmons, erfährt, ist es auch superspannend zu erfahren, wie es für Frauen war in den USA der 1940er bis 1970er zu leben und aufzuwachsen (ungefähr so wie Trump es aktuell mit Hochdruck versucht wiederherzustellen, was für jemanden aus Chers Generation vermutlich NOCH deprimierender sein muss also sowieso schon). So starb z.B. Chers Mutter 2x fast an den Folgen einer illegalen (da legal nicht verfügbaren) Abtreibung, Cher beschreibt erschreckende Erfahrungen mit Rassismus ihrer eigenen Verwandtschaft und wie homophob die Gesellschaft noch war (so musste sie  als Teenagerin gemeinsam mit einem schwulen Freund von einer heimlichen Schwulenparty fliehen als die Polizei auftauchte). Alles Dinge deren Veränderung wir heute scheinbar gar nicht mehr wert schätzen anstatt für ihren Erhalt zu kämpfen.

Abgerundet wird das Ganze mit teils skurrilen Anekdoten aus dem Showbiz, über Zusammentreffen, Arbeit und Parties mit vielen anderen bekannten Größen und natürlich ist ein zentraler Teil ihre Karriere mit Sonny, der harte Weg sich im Showbiz einen dauerhaften Namen zu machen und Chers eigene Befreiung aus der privaten Beziehung mit Sonny (die nicht das dauerhafte Ende der beruflichen Beziehung bedeutete).

Abgerundet wird das Buch durch einige sehr schöne und persönliche Familienfotos und Fotos von Chers früheren Karriere.

Mir hat der erste Teil hervorragend gefallen und ich werde den zweiten Teil entsprechend auf jeden Fall lesen und bin schon sehr gespannt.

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Buch-Tipp: „#Maspalomas Pride“ von Maximillian von Genster

„#Maspalomas Pride“ von Maximillian von Genster ist ein queerer Wohlfühlroman, der sicherlich zu einem großen Teil auf persönlichen Erlebnissen beruht. In dem satirisch humoristischen Urlaubsbericht, fährt Max zusammen mit zwei schwulen Freunden und Dragqueen Liesel ein paar Tage in die queere Urlaubshochburg Cran Canaria, passend zur dort stattfindenden Pride Parade. 

Ich war nun selbst noch nie dort, fand die Schilderungen aber sehr unterhaltsam, auch weil das Buch die dortigen optischen Highlights in Sachen Hotels und Partymeilen nicht romantisiert, was auf mich den Eindruck eines etwas heruntergekommenen, aber gleichzeitigen charmantem Party-Urlaubsparadieses erweckte, nicht ganz so prollig bierselig wie der Bierkönig auf Mallorca, dafür deutlich queerer (natürlich gibt es auch heterosexuelle Besucher der Insel, die im Buch auch etwas ihr Fett mitkriegen, genauso wie aber die auch nicht immer gar so tolerante queere Community).

Insgesamt ist es ein sehr nettes Buch für zwischendrin, wenn man in Urlaubsstimmung kommen möchte und von den sexuellen und sonstigen Erlebnissen von Max und seinen Freunden lesen möchte. Ich würde sagen das Buch ist zu 95% Fun, aber auch ein paar ernsthafte Gedanken und Sticheleien runden das Leseerlebnis ab. 

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Buch-Tipp: „Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ von Caroline Darian

„Und ich werde Dich nie wieder Papa nennen“ von Caroline Darian ist ein wichtiges und erschütterndes Buch. Caroline Darian ist die Tochter von Gisele Pelicot und verarbeitet in diesem Buch ihre eigenen Erfahrungen und ihr eigenes Trauma durch die Missbrauchs- und Vergewaltigungsgeschichte ihres Vaters Dominique Pelicot. Dieser hat seine Frau Gisele heimlich mit medikamentösen Substanzen betäubte und im bewusstlosen Zustand vergewaltigt und knapp 70 fremden Männern dafür zugeführt. Wie man im Buch erfährt gab es auch von Caroline Fotos, die sie bewusstlos zeigen, genau wie ihre Mutter hat sie keine Erinnerungen daran.

Das Buch ist in Tagebuchform verfasst und beginnt mit dem Tag an dem Caroline und ihre Familie von der Verhaftung des Vaters erfahren und in Folge eine Lawine ihr bisheriges Leben einreisst. Der Prozess gegen Dominique Pelicot wird noch nicht behandelt, meines Wissens möchte Caroline aber noch ein zweites Buch veröffentlichen.

Sehr interessant fand ich, dass das Buch auch Konflikte zwischen Caroline und ihrer Mutter anspricht, die sehr unterschiedliche Arten und Weisen haben das Geschehene zu verarbeiten. Außerdem scheint es für Gisele unmöglich zu sein, damit umzugehen, dass auch Caroline vom Missbrauch des Vaters direkt betroffen war. Natürlich müsste man Bücher von allen betroffenen lesen, um ein umfassenderes Bild zu bekommen, Carolines Blickwinkel ist aber erschütternd genug. 

Insgesamt findet das Buch eine gute Mischung zwischen Aufklärung und persönlicher Erfahrung. Besonders berührend sind die kursiv eingefügten um im Nachhinein natürlich völlig „vergifteten“ Erinnerungen von Caroline an ihren Vater bevor er sich als das Monster entpuppte das er wohl die ganze Zeit war. 

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Buch-Tipp: „Wir kommen zurecht“ von Annika Büsing

Wir kommen zurecht” von Annika Büsing ist ein poetischer und ruhiger Coming-Of-Age Roman, bei dem der knapp 18-jährige Phillip im Mittelpunkt steht. 

Phillip ist auf den ersten Blick ein ganz normaler Teenager, er lebt mit seinem Vater und dessen Freundin Stella zusammen und bereitet sich aufs Abi vor. Das Verhältnis zu Stella ist ambivalent, das zum Vater ebenso, Phillip ist ein ruhiger und kurz angebundener Typ Mensch, der wenig Gefühle in der Öffentlichkeit zeigt. Er hat gelernt zu funktionieren und sich davon abgesehen stoisch zu geben. Während seine Probleme mit Mädchen, seinem besten Freund und schulische Sorgen ganz typisch wirken, vermittelt das Buch gut, dass da auch noch eine dunkle Wolke aus der Vergangenheit Phillips ganzes Leben geprägt hat und weiter prägt: nämlich seine Mutter Astrid. Die im Buch selbst eher selten in Erscheinung tritt, aber durch kleine Häppchen erfährt man als Leser:in, dass diese psychische Probleme hat und schon seit Phillips früher Kindheit hatte und dass seine unzuverlässige Beziehung zu seiner Mutter ihn sehr stark geprägt hat. Der Roman zeigt dies aber nicht indem er diese Probleme frontal in den Mittelpunkt stellt, sondern als kleine Disruptionen, Erinnerungen und gelegentlichen Auftauchen von Astrid in Phillips Leben.

Mir hat das Buch gut gefallen, auch wenn es mir manchmal etwas zu sprunghaft war zwischen Realität und Träumereien von Phillip. Ansonsten fand ich den Schreibstil aber wunderschön, unaufgeregt, etwas poetisch und so, dass einem Phillip und seine Freunde ans Herz wachsen.

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Buch-Tipp: „Die Insel des kleinen Gottes“ von Alexander Pechmann

Normalerweise lese ich nicht besonders gerne historische Bücher. Es gibt aber Ausnahmen: so fasziniert mich warum auch immer schon das Thema Geisterschiffe, Meer und Forschungsreisen (meine Lieblingsbücher aus diesem Bereich sind „Das Floß der Medusa“ von Franzobel und „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann.

„Die Insel des kleinen Gottes“ von Alexander Pechmann sprach mich entsprechend auch sofort an, denn es ist ein fiktive Geschichte, die auf Legenden rund um einige realistische Ereignisse beruht: der historischen Fahrt der Princess Augusta,  einem Schiff, dass im 18. Jahrhundert vor der Küste von Rhode Island unter mysteriösen Umständen auf Grund lief und aus dem Legenden über das Geisterschiff „Palatine Light“ entstanden.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Landvermesser namens David van Roon. Dieser arbeitet auf einer Insel vor Rhode Island an der Erstellung einer Karte und erlebt zufällig einen Schiffbruch mit, der unter turbulenten Umständen mit unzähligen Toten endet. Ein Jahr später kehrt David auf die Insel zurück, denn er hat die Geschehnisse vom Vorjahr nie wirklich verarbeitet. Erzählungen von einem brennenden Geisterschiff vor der Küste heizen seine Verwirrung und seine Alpträume an, so dass er keine andere Wahl sieht als herauszufinden was in der schicksalshaften Nacht vor einem Jahr wirklich passierte.

Mich hat das Buch wirklich begeistert. Der Roman ist nicht übermäßig dick und wirklich sehr mitreissend und lebendig geschrieben. Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, einmal forscht David ein Jahr nach dem Glück über die Hintergründe und befragt vor allem zwei überlebende Frauen, darunter eine Wahrsagerin, die versucht ihm mit dem Legen von Karte eine Brücke zu seinen Erinnerungen zu bauen. Dazwischen wird die Überfahrt des Schiffes von Europa aus geschildert, mit zahlreichen hilflosen Flüchtlingen und Einwanderern an Bord die Grausamkeit und gierige Geschäftstüchtigkeit der Bootsunternehmen, die Krankheiten und schlimmen Verhältnisse. Dieser Teil lässt sich hervorragend auf die heutige Welt übertragen und zeigt, dass sich die Menschheit wohl niemals weiterentwickelt hat, auch wenn wir das so gerne von uns glauben möchten. 

So liest sich das Buch wie eine Mischung aus Krimi, Geistergeschichte und historischem Roman, ohne unnötige Längen und mit einigen Überraschungen, insgesamt ein Buch das richtig Spaß macht, selbst wenn man sonst kein Fan historischer Romane ist.

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Buch-Tipp: „Strong Female Character“ von Fern Brady

„Strong Female Character“ von Fern Brady ist mir auf der Frankfurter Buchmesse ins Auge gestochen, ein Buch das sowohl vom Cover als auch vom Titel sofort Aufmerksamkeit im positiven Sinne erregt. Fern Brady ist eine Schottische Comedienne, die ich vorher nicht kannte (vermutlich ist sie auch in diesem Genre eher regional in UK bekannt) , was aber gar nichts macht, denn in dem Buch geht es um Ferns Biografie als Mädchen und junge Frau, die mit einem undiagnostizierten Autismus ihren Weg macht beziehungsweise machen muss und damit sowohl bei ihren Eltern als auch beim Versuch Hilfe von Experten zu bekommen auf Unverständnis stößt, bis sie schließlich als Erwachsene eine Diagnose erhält, die ihr endlich hilft besser zu verstehen warum sie so ist wie sie ist. Ein unnötig langer Weg, den sie in ihrem Buch aber sehr kurzweilig, unterhaltsam, scharfzüngig und trotzdem lehrreich schildert.

Das Buch liest sich vor allem gar nicht wie ein Sachbuch, sondern trotzdem es eine Autobiografie ist, fast wie ein Roman, so dass keinen Moment Langeweile aufkommt. Außerdem ist Fern eine faszinierende Persönlichkeit und man hat als Leser:in das Gefühl quasi spielerisch mehr über Autismus bei Mädchen und Frauen zu lernen und gleichzeitig eine unheimlich unterhaltsame und trotz sehr ernster und schwieriger Momente auch oftmals sehr witzige Autobiografie zu lesen. Eine definitive Lese-Empfehlung!