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Hörbuch-Tipp: „Coram House“ von Bailey Seybolt

„Coram House“ von Bailey Seybolt ist ein Thriller, den ich als Hörbuch gehört habe. 

Im Mittelpunkt steht die True Crime Autorin Alex Kelley, die nach dem Tod ihres Ehemannes und eines beruflichen Skandals ihre Wunden leckt. Als sie den Auftrag erhält quasi anonym im Auftrag eines Klienten ein weiteres Buch zu schreiben hofft sie auf einen literarischen Neuanfang ohne allzu viel Aufmerksamkeit. 

Sie soll die tragischen Ereignisse rund um einen vor Jahrzehnten passierten Missbrauchsskandal in einem von Nonnen und Priestern geführten Kinderheims namens „Coram House“ literarisch aufarbeiten. Der Gerichtsprozess rund um die Ereignisse endete in den 1980er Jahren mit einem Vergleich, doch der damalige Chefermittler möchte sich mit dem in Auftrag gegebenen Buch ein Denkmal setzen. 

Während ihrer Recherchen wird Alex auf Tommy, einen kleinen Jungen, aufmerksam, der wohl 1968 unter ungeklärten Umständen ertrank und gerade als Alex versucht tiefer in die damaligen Geschehnisse einzutauchen und rauszufinden was damals wirklich mit Tommy geschah, stößt sie im Wald auch noch auf eine ganz aktuelle Leiche. Hängt diese etwa mit den alten Geschehnissen zusammen? 

Im Großen und Ganzen hat mir der Roman gut gefallen, auch wenn ich ihn eher als Mystery-Krimi bezeichnen würde als als Thriller. Die Geschichte ist mysteriös und interessant und die Vermischung der alten Geheimnisse und der Gefahren in der Gegenwart macht sie noch etwas interessanter. Allerdings hat mich die Geschichte nicht zu 100% überzeugt: etwas nervig fand ich Alex, die mir etwas zu ich-bezogen und selbstmitleidig um sich selbst kreist (vor allem dafür, dass sie ständig betont wie sehr sie Tommys Schicksal nicht loslässt). Und auch die zumindest angedeuteten romantischen Avancen zwischen Alex und anderen Charakteren im Buch fand ich für die Handlung und das Genre eher überflüssig. Davon abgesehen aber trotzdem ein guter Krimi. 

Gelesen wird das Buch sehr gelungen von Heidi Jürgens (die die tatsächliche Handlung komplett liest) und Wolfgang Berger, der dazwischen eingeschobene Gerichtsprotokolle aus den 80er Jahren vorliest. Heidi Jürgens liest sehr lebendig und variiert sehr gut zwischen Alex und den anderen Charakteren, so dass es sehr viel Spaß macht das Buch als Hörbuch zu hören.

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Buch-Tipp: „Schattengrünes Tal“ von Kristina Hauff

„Schattengrünes Tal“ von Kristina Hauff habe ich wegen des Settings der Geschichte auf meine Leseliste gepackt: denn da ich am Rande des Nordschwarzwalds wohne unternehme ich natürlich öfters Ausflüge in den Schwarzwald und was einem dort (zumindest in manchen Gegenden) oft begegnet sind Hotels in mehr oder weniger verstaubten Zustand (oder gleich ganz zu in Form von Lost Places). Genau so ein Hotel ist der Schauplatz in „Schattengrünes Tal“. Lisa wohnt mit ihrem Mann Simon in der Nähe eines malerischen Ortes im Schwarzwald. Während ihr Mann Forstwirt ist, arbeitet Lisa im Tourismusbüro und hilft zusätzlich immer noch in dem in die Jahre gekommenen Hotel ihrer Eltern aus, das inzwischen von ihrem zunehmend tattrigen Vater und dessen mehr oder weniger offiziellen Geliebten Margret geführt wird, Lisas Mutter lebt nach einem Schlaganfall im Pflegeheim. Zu dieser schwierigen Familiendynamik kommen schwelende Eheprobleme. 

Im Hotel gibt es nicht viele Gäste, doch dann taucht Daniela dort auf, eine verzweifelt wirkende Frau, die ihrem alten Leben entfliehen will. Da Lisa ein Helfersyndrom hat nimmt sie sich der Fremden an und merkt erst mit der Zeit wie ihr die Kontrolle über ihr Leben verloren geht.

Mir hat das Setting und auch die Idee der Geschichte wirklich hervorragend gefallen. Die Umsetzung konnte damit dann leider nicht ganz mithalten, das Buch ist sehr direkt und leicht geschrieben, allerdings fand ich die Charaktere im Buch teilweise etwas klischeehaft gezeichnet (vor allem Daniela, die die einzige bleibt aus deren Sicht das Buch nie erzählt wird, so dass man nichts über ihr Innenleben erfährt). So hat mich das Buch gut unterhalten und die zentralen Themen (wie die Aufarbeitung von familiären Konflikten) sind wirklich interessant, aber das letzte bisschen Tiefgang im Bezug auf die Entwicklung der Protagonisten hat für mich gefehlt.

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Buch-Tipp: „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ von Fiona Sironic 

Jedes Jahr lese ich ein oder zwei Bücher von der Longlist des Deutschen Buchpreises. Dieses Jahr sind es zufällig sogar zwei Bücher von der Shortlist geworden, denn beide Bücher, die ich ausgewählt habe, haben es darauf geschafft. Das erste davon möchte ich heute vorstellen:

„Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ von Fiona Sironic ist mir direkt durch den sehr außergewöhnlichen und etwas sperrigen Titel aufgefallen, der meine Neugier definitiv geweckt hat. Und das Buch hielt auch was es verspricht, es ist etwas Besonderes: die 16-jährige Era lebt mit ihrer Mutter in einem Deutschland der nicht näher definierten Zukunft. Der Klimawandel ist weiter voran geschritten und der Lebensraum der Menschen zusammengeschrumpft. Die Menschen bekommen kaum noch Kinder, so dass Era zwar zur Schule geht, da aber auf verhältnismäßig wenige Mitschüler:innen trifft. In der Stadt ist es zu heiß und zu eng, auf dem Land drohen Waldbrände. Trotzdem haben sich Era und ihre Mutter entschieden in einer Hütte am Waldrand zu leben. Dort notiert Era akribisch aussterbende Vogelarten (eine stetig zunehmende Liste) und schaut sich Live-Streams im Internet an. Dabei vor allem die von zwei Mädchen, die wie der Titel des Buches schon sagt, samstags in den Wald gehen und Sachen in die Luft jagen. Durch einen Zufall trifft Era im Wald auf die beiden und erkennt Maja, eine Mitschülerin die durch ihre reichen lesbischen Influencerinnen-Eltern früher eine Internet-Bekanntheit war, bis sie sich weigerte gefilmt zu werden. Era ist fasziniert und nimmt Kontakt mit Maja auf…

Das Buch ist schwer zu beschreiben, einerseits ist es sicherlich dystopisch, allerdings ist es nicht hoffnungslos oder deprimierend, es behandelt im Prinzip ganz normale Teenager Themen und vor allem die Frage wie man in einer Welt ohne Zukunft erwachsen werden, sich verlieben und Beziehungen herstellen kann. Era und ihre Mutter sind arm, Maja und ihre Schwester leben trotz der widrigen Lebensbedingungen immer noch ein luxuriöses Leben. Doch Maja ist wütend und zieht Era mit in einen Sog der Zerstörung. 

Mir hat das Buch hervorragend gefallen, vor allem da es trotz ernsthafter Thematik eine Leichtigkeit hat, die es zu einem richtigen Lesevergnügen macht. 

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Buch-Tipp: „Tree-Drop“ von Nik Herrigel

„Tree-Drop: Der aschgraue Baum“ von Nik Herrigel ist ein Roman, mit dessen Grundthema sich inhaltlich aktuell wohl jeder identifizieren kann, denn vieles in dem Buch klingt verdächtig nach der heutigen Zeit. Allerdings spielt das Buch in einer nicht näher definierten Zukunft in der die Digitalisierung und die Entwicklung von KI noch weiter vorangeschritten ist. Und zwar so weit, dass HAL, Eine KI-Superintelligenz die Kontrolle über die Welt übernommen und diese in einen Zustand der Balance versetzt hat, in dem die Menschen in Frieden und Sicherheit leben, ohne Kriege, Diktaturen oder Tech-Billionäre, aber dafür in voller Abhängigkeit von der Super-Intelligenz und der modernen Technik (passend zum Thema des Buches habe ich das Beitragsbild mit KI erstellen lassen, was wie meistens zu einem sehr seelenlosen Ergebnis geführt hat…das bleibt aber trotzdem oder gerade deswegen?). 

Jeder Mensch hat einen eigenen digitalen Begleiter den er für quasi jede Alltagstätigkeit als Berater nutzt und der ihm viel Aufgaben abnimmt, Medienkonsum auf ihn maß schneidert und aus dem Leben der meisten Menschen nicht mehr wegzudenken ist. Auch Autos und der ÖPNV fahren weitgehend autonom, der Mensch ist nur noch Beifahrer. Doch plötzlich passiert etwas Unerwartetes: an einem Morgen zeigen die Smartphones und Smart Home Geräte der Menschen plötzlich nur noch einen stilisierten grauen Baum an, jegliche Funktionen sind abgeschaltet und für eine Stunde lang gibt es für die Menschen plötzlich erzwungenes Digital Detox, was kaum noch jemand gewohnt ist.

Während die wenigen Technik-Skeptiker und Nostalgie Fans, die nie der vollen Sucht nach dem digitalen Leben statt gegeben haben erstmal gut zurecht kommen, ist das ganze für die meisten anderen Menschen ein Kulturschock. Doch was hat der mysteriöse Baum zu bedeuten, wer steckt dahinter und was ist der Zweck?

Von der Grundidee her hat mir das Buch wirklich super gefallen, weil vieles davon gar keine Utopie mehr zu sein scheint (wer hängt nicht jeden Tag zu viel am Smartphone, obwohl er die Nutzung lieber verringern würde?). In der Umsetzung hat mir das Buch auch Spaß gemacht, auch wenn es ein paar Abstriche gibt: die futuristische Welt erscheint mir etwas unausgegoren, denn einerseits soll die ganze Gesellschaft komplett umgekrempelt sein, inklusiv der Ersetzung vieler Arbeitsplätze durch KI und der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, andererseits führen die Protagonisten (allesamt Mitarbeiter eines Architekturbüros) scheinbar ein Arbeitsleben wie in 1995 (das einzig moderne daran, dass die Kaffeemaschine beim Kaffee kochen auch noch spricht). Dadurch fällt doch auf, dass der Autor zwar eine super Idee hatte, aber vermutlich doch eher kein versierter Science Fiction Autor ist.

Auch sprachlich fand ich das Buch manchmal etwas anstrengend, was aber mehr an einzelnen Charakteren und deren Ausgestaltung lag. Trotzdem hat mir das Lesen sehr viel Spaß gemacht und das Buch regt zum Denken an. 

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Krimi-Tipp: „Lavender House“ von Lev AC Rosen

Heute möchte ich einen sehr unterhaltsamen „cozy“ Mystery-Krimi vorstellen, nämlich den Roman „Lavender House“ von Lev AC Rosen. Die Handlung spielt in den 1950er Jahren: der schwule Polizist Andy wurde bei einer Razzia in einem Schwulenclub von seinen Kollegen entdeckt und hat seinen Job verloren. Gerade als er sich in einer Bar betrinkt und darüber nachdenkt sein Leben zu beenden wird er von einer mysteriösen Frau namens Pearl angesprochen, die ihn für einen Privatdetektiv-Job anheuern möchte. Offenbar weiß sie wer er ist und dass er genau der richtige für ihre heikle Situation ist. Denn Pearl lebt heimlich zusammen mit ihrer Frau Irene Lamontaine in einem mondänen Anwesen, natürlich ist sie offiziell nicht Irenes Ehefrau, sondern ihre Angestellte. 

Irenes Firma Lamontaine ist mit dem Verkauf von selbst gefertigten Duftseifen reich geworden, die Irene in liebevoller Kleinarbeit designt hat. Doch vor kurzer Zeit starb Irene in ihrer Bibliothek als sie an einer neuen Seifenrezeptur gearbeitet hat und Pearl vermutet, dass es Mord war. Doch natürlich kann sie nicht die Polizei rufen, denn die in dieser Zeit geächteten Familienverhältnisse sollen nicht ans Licht kommen (auch Irenes Sohn ist schwul und lebt mit seinem Freund zusammen, aber auch seine „Tarnungs“-Ehefrau und ihre Mutter leben im Haus, sowie mehrere Angestellte aus der queeren Undergrund-Szene).

Der Krimi hat gleich meinen Nerv getroffen, eine Mischung aus Knives Out meets Agatha Christie und das alles in einem queeren Umfeld sorgt für eine kreative und unterhaltsame Mischung. Nun ist es so, dass ich schon recht viele „Closed Room“-Krimis gelesen habe und viele sind überraschend schlecht. Viele Autor:innen scheinen mit dem Konzept etwas überfordert, so dass die Grundidee super ist, aber die Umsetzung nicht klappt, aber Lev AC Rosen gelingt es wirklich gut, auch wenn der Fokus des Romans nicht ausschließlich darauf lag einen Krimi zu schreiben (aber vielleicht ist das sogar der Schlüssel zum Erfolg, vielleicht konnte er weniger verkrampft an das Konzept dran gehen).

Andy ist ein sehr sympathischer Charakter, die Krimihandlung fand ich gelungen und das Setting ist ungewöhnlich aber trotzdem glaubwürdig und die damals offene Homophobie der Polizei und Gesellschaft ist hervorragend dargestellt, ohne dass der Roman seinen Optimismus und seine Leichtigkeit verliert. 

Auf Englisch sind schon weitere Teile der Reihe erschienen, nach denen ich auf jeden Fall Ausschau halten werde. 

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Buch-Tipp: „Hundesohn“ von Ozan Zakariya Keskinkılıç

„Hundesohn“ von Ozan Zakariya Keskinkılıç ist ein Roman der es schafft gleichzeitig sehr poetisch und sehr derb und direkt zu sein, somit schon sprachlich ein wirklich einmaliges Buch. Der Ich-Erzähler Zakariya lebt in Berlin, verbringt zu viel Zeit auf Grindr und hat One-Night-Stands mit allen möglichen Männern, während er sich nach Hassan verzehrt, einem Jugendfreund aus der Türkei, mit dem ihn eine nicht näher definierte toxische Beziehung verbindet und nach dem er sich jederzeit sehnt, bis er ihn im Sommer für wenige Wochen wiedersieht. 

Die Sprache des Buches ist sicher einmalig, eine Mischung aus Lyrik und Erzählung mit vielen Einsprengungen auf türkisch und arabisch (die man aber aus dem Kontext immer verstehen kann) und die die Zerrissenheit des Ich-Erzählers zwischen Glauben und Sexualität, Türkei und Deutschland, der Suche nach der eigenen Heimat und Zugehörigkeit ausdrückt. Sicherlich wird man das Buch nochmal ganz anders fühlen, wenn man selbst mit muslimischen Migrationshintergrund in Deutschland (und der Türkei) aufwächst, aber auch ohne die eigene Erfahrung entwickelt das Buch viel Wucht. Ich empfehle es für jeden der auch sprachlich etwas ungewöhnliche und lyrische Bücher mag.

Werbung: das Buch wurde mir von Vorablesen kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt. Es erscheint erst im September 2025.

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Jugendbuch-Tipp: „All better now“ von Neal Shusterman

Der Roman „All better now“ von Neal Shusterman fällt durch sein sehr auffälliges Cover ins Auge, das mir allerdings rein optisch nicht so gut gefällt, so dass mir das Buch vermutlich in einer Buchhandlung erstmal nicht positiv aufgefallen wäre. Abschrecken lassen sollte man sich davon aber definitiv nicht, denn das Jugendbuch dahinter lohnt sich wirklich, auch für Erwachsene.

Im Buch ist relativ kurze Zeit nach Corona schon wieder eine Pandemie ausgebrochen, das Virus heißt passend dazu Crown Royale, hat aber deutlich dramatischere Auswirkungen als Covid…wer nicht daran stirbt ist hinterher deutlich wesensverändert, denn Menschen die das Virus überlebt haben sind hinterher zufrieden und selbstlos und verlieren das Interesse an Geld, Konsum und Macht. Der absolute Alptraum für Staatschefs, Milliardäre, CEOS und Kapitalisten aller Art also.

Am Anfang des Buches steht die Pandemie noch recht am Anfang und die Leser:innen lernen verschiedene Menschen kennen: Mariel, die mit ihrer Mutter obdachlos im Auto lebt und versucht über die Runden zu kommen, der Milliardärssohn Rón, der von Depressionen geplant wird und Morgan, eine skrupellose junge Frau, die unverhofft an sehr viel Geld und Macht gerät. Im Verlaufe des Buches treffen diese Menschen alle aufeinander und versuchen den Lauf der Welt zu verändern, jeder nach seiner Vorstellung.

Im Aufwerfen der Frage was denn in dieser durch das Virus aus der Bahn geworfenen Welt das moralisch und ethisch „Richtige“ ist, liegt meiner Meinung nach die absolute Stärke des Buches denn es ist einerseits sehr unterhaltsam und mitreißend geschrieben, regt aber auch zum Denken an, denn es ist (immer wieder) sehr schwierig zu entscheiden, wem man in dieser Geschichte seine Sympathien schenken soll.

Zu beachten ist, dass es sich bei dem Buch um den ersten Teil einer Dilogie handelt und der zweite Teil soll wohl frühestens 2026 erscheinen. Allerdings fand ich den ersten Teil so in sich abgeschlossen, dass man ihn auch gut eigenständig lesen kann, ohne sich zu sehr über einen Cliffhanger am Ende zu ärgern. 

Mir hat das Buch hervorragend unterhalten und ich werde auf jeden Fall auch den zweiten Teil lesen.

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Buch-Tipp-Mix Sommer 2025: Stephen King und Young Adult Dystopie

Heute möchte ich zwei Bücher vorstellen, die ich im Juli gelesen habe. Nummer 1 ist ein Geschichtsband von meinem absoluten Lieblingsautor (seit meiner Kindheit), nämlich:

„Ihr wollt es dunkler“ von Stephen King

„Ihr wollt es dunkler“ ist ein typischer Geschichtsband von Stephen King, mit verschiedenen Kurzgeschichten, die von wirklich sehr kurz (wenige Seiten) bis hin zu zwei längeren Geschichten von um die 150 Seiten reichen. Dem Nachwort ist zu entnehmen, dass die Entwürfe von einigen Geschichten schon Jahrzehnte alt sind und Stephen King die jetzt erst beendet hat. Mir wäre das ohne die Erklärung nicht aufgefallen, auch wenn Stephen Kings neuere Romane nicht mehr so horrorlastig sind wie am Anfang seiner Karriere (wobei er ja auch schon damals Geschichten ohne Horror-Elemente verfasst hat), ist er seinem Stil immer so treu geblieben, dass die Geschichten für mich überhaupt nicht den Eindruck machen entweder altmodisch oder neumodisch zu sein. Der Geschichtsband ist wie aus einem Guß und mich haben alle Stories hervorragend unterhalten. Ein echtes Lesevergnügen, mit Geschichten die auch oft zum Nachdenken anregen.

Zusätzlich zu diesem Buch eines sehr erfahrenen Autors habe ich gelesen:

„The Last Bookstore on Earth“ von Lily Braun-Arnold

„The Last Bookstore on Earth“ ist eine Young Adult Dystopie von der jungen Autorin Lily Braun-Arnold. In dem Debütroman steht die jugendliche Liz, die seit einem – am Anfang noch nicht näher erklärten – dystopischen „Sturm“ alleine in einem Buchladen lebt, bei dem sie vor der Katastrophe gearbeitet hat. Was mit ihrer Familie passiert ist, weiß man anfangs noch nichts, doch Liz hat es geschafft sich einigermaßen komfortabel in dem zwar teilweise beschädigten, aber noch einigermaßen benutzbaren Gebäude einzurichten. Übers Wasser hält sie sich mit Tauschhandel mit den noch wenigen verbliebenden anderen Stadt-Bewohnern, die gelegentlich vorbeiziehen. Veränderungen mag sie nicht und Gefahren der Zukunft versucht sie zu verdrängen. Als eines Tages eine andere junge Frau namens Maeve auf der Suche nach Unterkunft bei ihr einbricht und ab diesem Zeitpunkt mit ihr zusammen in der Buchhandlung lebt wird ihre Routine unterbrochen und Liz muss ihre Komfortzone verlassen. Aber auch wenn ihr Maeve anfangs auch noch sehr unsympathisch ist, fängt sie mit der Zeit auch an Gefühle für sie zu entwickeln…

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, der Schreibstil ist für eine 19-jährige Autorin wirklich toll und mitreissend und man wird sofort in die Story reingezogen. Die Schwachpunkte waren für mich, dass die romantischen Aspekte der Story für so einen Young Adult Format etwas sehr subtil und zwischen den Zeilen erfolgte, was auch die Charakterentwicklung von Liz und Maeve etwas minderte. Dafür gibt es im Verhältnis relativ viel Gewalt, das hätte ich mir etwas ausgewogener gewünscht. Außerdem sind einige (medizinische oder physikalische) Teile der Story nicht besonders realistisch, das würde ich bei dem sehr jungen Alter der Autorin und der Tatsache dass es sich um ein Young Adult Buch handelt aber nicht als so dramatisch bewerten.

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Buch-Tipp: „Kankos Reise“ von Rin Usami

„Kankos Reise“ ist das zweite Buch, das ich von der jungen und sehr talentierten japanischen Autorin Rin Usami lese. Ihr erstes Buch „Idol in Flammen“ hat mir schon hervorragend gefallen.

Wie auch in „Idol in Flammen“ steht in „Kankos Reise“ eine jugendliche Japanerin im Mittelpunkt. Seit eigener Zeit „funktioniert“ Kanko nicht mehr, ihr Körper macht nicht mehr mit, sie leidet an Depressionen, schafft es oft nicht in die Schule oder schläft dort im Unterricht ein. Ursache dürften ihre schwierigen Familienverhältnisse sein. Erfährt man am Anfang nur, dass Kankos Mutter nach einem Schlaganfall noch nicht wieder ganz ins Leben zurückgefunden hat, wird schnell klar, dass die Probleme in der Familie viel tiefer liegen. Kankos älterer Bruder ist ausgezogen und hat sich von der Familie distanziert und auch ihr kleiner Bruder ist nach einem Schulwechsel zu den Großeltern gezogen. Als die andere Großmutter – die Mutter von Kankos Vater – stirbt, trifft sich zum ersten Mal seit langem die ganze Familie auf der Beerdigung wieder. Schon auf der Reise dorthin brechen alte und neue Konflikte aus und das ganze Ausmaß der dysfunktionalen Familie – Gewalt, Streit, Herabwürdigung und schulischer Druck – kommt ans Licht.

Das Buch ist sicherlich keine leichte Kost, trotzdem hab ich es innerhalb von 2 Tagen verschlungen, so einen Sog hat es auf mich entwickelt. Das Geschehen in der Familie und Kankos Zerrissenheit, die ihre Familie trotzdem liebt und nicht wie ihre Brüder einfach aufgeben will, wird eindringlich geschildert. Die Sprache ist schlicht und sehr direkt, um so eindringlicher erleben die Leser:innen aber vielleicht gerade deswegen die Gefühlswelt der Familie, die durch vererbte Traumata nachhaltig geschädigt ist.

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Buch-Tipp: „Standing Ovations“ von Charlotte Runcie

Das Buch „Standing Ovations“ von Charlotte Runcie mit einer Sternebewertung zu versehen entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn genau darum geht es unter anderem in dem Roman: Die eher noch am Anfang ihrer Karriere stehende Journalistin und Kritikerin Sophie befindet sich mit ihrem scharfzüngigen und bekannten Kritikerkollegen Alex Lyons (Sohn einer bekannten Charakterdarstellerin) auf dem Fringe Festival in Edinburgh. Dort versieht Alex das Comedyprogramm der aufstrebenden Comedienne Hayley Sinclair mit einer seiner berüchtigten 1-Sterne Bewertungen, doch nicht nur das, er geht in der Nacht nach ihrem Auftritt auch noch mit ihr ins Bett ohne ihr davon zu erzählen. Erst am nächsten Morgen erfährt sie durch Zufall davon. Und reagiert anders als erwartet: sie greift die Ereignisse auf und wandelt sie kurzerhand in ein neues Comedyprogramm (eher ein Happening) namens „Die Sache mit Alex Lyons“  um, das einschlägt wie eine Bombe und eine ganze Schar an Frauen hervorruft, die von ihren eigenen schlechten Erfahrungen mit Alex (und anderen Männern wie ihm) berichten. 

Wie sich die nächsten Wochen entwickelt erfährt man als Leser:in aber nicht durch die Sicht von Hailey oder Alex, sondern immer aus Sicht von Sophie, die das Ganze zum Anlass nimmt, ihre eigene Beziehung zu Alex, aber auch zu ihrem Beruf und ihrem eigenen Privatleben zu hinterfragen.

Mir hat das Buch gut gefallen, es ist durchgehend unterhaltsam, amüsant und relevant, das Einzige was mich von einer 5-Sterne Bewertung abhält (ich würde 4 Sterne geben) ist tatsächlich die Frage, ob Sophie als Mittelpunkt der Geschichte wirklich die stärkste Variante war das Thema zu bearbeiten. Sophie ist ein glaubwürdiger Charakter und jemand mit der man sich auf jeden Fall identifizieren kann, aber durch die Erzählweise erfährt man natürlich nicht so viel über das Innenleben von Hayley (was suboptimal ist) und Alex wird tendenziell durch Sophie eher romantisiert (was im Kontext der Geschichte etwas fragwürdig ist). Insgesamt aber ein sehr kluges Buch mit einem perfekten Setting: wo sonst könnte man ein Buch über die Kulturbranche stattfinden lassen als während des Fringe Festivals in Edinburgh.