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Noch mehr Lesetipps für den Sommer

Heute möchte ich zwei weitere Bücher vorstellen, das erste ist ein historischer Krimi, eigentlich lese ich nicht besonders gerne und nur sehr selten historische Romane, aber da dieser Krimi in Indien spielt (ein Land, mit dem ich mich gerade sowieso viel beschäftige) und sehr gute Kritiken bekommen hat, hab ich mal eine Ausnahme gemacht. Dazu kommt eine sehr ausgefallene Kurzgeschichtensammlung abseits des Mainstreams:

Abir Mukherjee – „A Rising Man“ (Genre: Krimi)

„A Rising Man“ ist der Auftakt einer neuen Krimireihe des indisch-stämmigen britischen Autors Abir Mukherjee. Der Roman spielt in Indien, im Jahre 1919, zu Zeiten des britischen Kolonialismus. Der britische Polizist Sam Wyndham hat erst vor kurzen eine Stelle in Kalkutta begonnen, dort will er seine Vergangenheit,die Zeit als Soldat im ersten Weltkrieg und den Tod seiner Ehefrau hinter sich lassen.

Doch er hat kaum Zeit sich an die neue und anstrengende Umgebung zu gewöhnen, den gleich sein erster Fall ist hoch-brisant und politisch, ein hochrangiger britischer Staatsbediensteter wird in einer eher schlechten Gegend Kalkuttas mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden, in seinem Mund steckt ein Papier, das die britischen Besetzer bedroht. Handelt es sich bei dem Mord um einen Angriff indischer Freiheitskämpfer auf die britischen Besatzer?

Zusammen mit dem englischen Kollegen Digby und dem jungen indischen Sergeant Banerjee „Surrender-not“, versucht Wyndham hinter die Hintergründe des Mordes zu kommen.

Das Buch nimmt sich im ersten Viertel viel Zeit um die Charaktere und das Setting vorzustellen, der Fall bleibt lange undurchsichtig und ist auch für versierte Krimileser nicht einfach vorauszusehen, einzelne Entwicklungen kann man sich zwar denken, aber der Fall wird nach und nach entwirrt, das Buch nimmt dabei in der Mitte und im zweiten Drittel so richtig Fahrt auf, um dann im letzten Viertel wiederum feinsäuberlich alles zu entwirren. Mir hat das ganz hervorragend gefallen, das Buch findet außerdem eine gelungene Mischung aus historischen Informationen, so dass man viel über die damalige Zeit und die Konflikte lernt, aber ohne dass dadurch der Unterhaltungswert der Geschichte leidet. Außerdem besticht das Buch durch einen feinen und ironischen Humor, der immer wieder durchscheint.

Ich habe das Buch im englischen Original gelesen, die deutsche Ausgabe heißt „Ein angesehener Mann“. Natürlich kann ich die Qualität der Übersetzung nicht beurteilen.

Leveret Pale – „Wenn Soziopathen träumen“ (Genre: Horror)

„Wenn Soziopathen träumen“ ist meine zweite Kurzgeschichten Sammlung des jungen deutschen Autors Leveret Pale, der schon einige Kurzgeschichtenbänder und Romane im Bereich Horror und Dark Fantasy veröffentlicht hat.

Die Kurzgeschichtensammlung „Wahn“ hat mir so gut gefallen, dass ich auch diesen neuen Band unbedingt lesen wollte. Die Kurzgeschichten in dem Buch sind teilweise sehr kurz, teilweise ziemlich lang und unterscheiden sich auch inhaltlich und stilistisch teilweise sehr voneinander, man merkt auch finde ich eine deutliche Weiterentwicklung im Vergleich zu dem Band Wahn, so sind einige Bücher völlig abgedreht und fühlen sich an wie in irrer Drogentrip (für nicht so informierte enthält das Buch am Ende übrigens einen Glossar mit allen wichtigen Infos zum Thema Drogen und Soziopathen), andere erschrecken grade durch eine eher kühle und nüchterne Erzählweise und eine längere Geschichte stammt aus dem Universum von Pales Dark Fantasy Reihe, ist deswegen stilistisch auch noch mal ganz anders, hat mir aber sogar mit am Besten gefallen und Lust darauf gemacht auch diese Romane irgendwann zu lesen.

Natürlich ist das nicht unbedingt ein Buch für jedermann, vorne ist ein Warnhinweis: „Dieses Buch enthält explizite Beschreibungen von Drogenkonsum, Sex, Gewalt, Blasphemie und Wahnsinn.“ und wer sich davon jetzt abschrecken lässt, der sollte die Bücher von Leveret Pale wohl lieber nicht in die Hand nehmen 😉

Mir gefällt an den Büchern vor allem die Kreativität abseits des Horror Mainstreams, die stilistischen Spielereien und für mich bleibt Leveret Pale deswegen einer der interessantesten Autoren im deutschsprachigen Horror und Fantasybereich.

Bücher

Krimis für den Sommer – Lesetipps August

Diesen Monat hab ich zwei Krimis gelesen, von denen ich einen uneingeschränkt weiterempfehlen kann, der andere ist eher nur etwas für Liebhaber der Reihe:

Andreas Föhr – „Schwarzwasser“ (Genre: Krimi)

Andreas Föhr ist unter den aktuellen Regionalkrimi Autoren aus Bayern einer meiner absoluten Favoriten, denn für mich versteht er es mit am besten Humor und Krimihandlung so zu mischen, dass der Klamauk nicht überwiegt und die Krimihandlung nicht zu kurz kommt. Es ist nun eine Weile her seit ich das letzte Mal einen Krimi von Föhr gelesen habe, aber „Schwarzwasser“ fand ich mal wieder besonders gelungen, denn die Story fand ich sehr interessant und auch im Gegensatz zu vielen anderen Krimis war es nicht so einfach die Hintergründe und Geschehnisse vorauszusagen, so dass die Auflösung bis zum Ende spannend blieb.

Am Anfang des Buchs wird unter sehr skurrilen Umständen eine Leiche gefunden, das Opfer, ein zurückgezogener älterer Mann liegt erschossen im Bett, eine junge Frau wird mit der Tatwaffe in der Hand festgenommen, auf den allerersten Blick eine offensichtliche Sache, vor allem als am nächsten Tag auch noch ein mögliches Mordmotiv zu Tage tritt. Doch Kommissar Wallner kommt das Ganze spanisch vor und schnell stellt sich raus, dass der Fall weitaus komplexer ist, als er zu sein scheint, denn auch der Tote scheint nicht der zu sein, für den er sich ausgibt.

Der nachfolgende Kriminalfall spielt dann einerseits in der Gegenwart, dazwischen werden immer wieder Rückblicke auf Ereignisse die 20 Jahre davor in Berlin stattfanden und mit dem aktuellem Mordfall zusammenhängen eingeflochten.

Auch Kommissar Kreuthner (Kenner der Reihe wissen wie berüchtigt er ist) spielt natürlich wieder eine gewichtige Rolle in dem Fall und wie immer kann man wenn man kritisch sein will der Meinung sein, dass alles um ihn herum doch etwas sehr an den Haaren herbeigezogen ist und den Krimis von Andreas Föhr doch Einiges an Glaubwürdigkeit raubt, denn im echten Leben wäre eine Person wie er im Polizeidienst (zumindest hoffentlich 😉 ) wohl nicht vorstellbar. Andererseits machen seine Eskapaden einen großen Teil des Unterhaltungswertes der Krimis aus, von dem her würde ich ihn nicht missen wollen.

Jussi Adler Olsen – „Selfies“ (Genre: Krimi/Thriller)

Nachdem ich den Vorgängerroman „Verheissung“ der Krimi-Reihe rund um Carl Morck und sein unkonventionelles Ermittlerteam überdurchschnittlich gut gelungen fand, hab ich mich auf den neuen Fall „Selfies“ auch wieder sehr gefreut. Allerdings wurden meine Erwartungen hier nur teilweise erfüllt.
Auf den ersten Blick ist der Plot des Romans sehr spannend, eine Autofahrerin überfährt mit dem Auto junge Frauen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, außer dass sie alle von Sozialhilfe leben. Außerdem wird eine ältere Frau in einem Park brutal erschlagen, für das Team von Carl Morck stellt sich die Frage ob dieser Mord etwas mit einem anderen Mordfall von vor einigen Jahren zu tun hat, bei dem eine junge Lehrerin erschlagen wurde.

Parallel zu den Kriminalfällen dreht sich ein Großteil des Buches außerdem noch um Carls Mitarbeiterin Rose, die von den Ereignissen im Vorgängerroman immer noch schwer traumatisiert ist und deren labile Psyche mehr oder weniger komplett zusammengebrochen ist, weil der letzte Mordfall die Erinnerungen an ihren grausamen Vater und dessen mysteriösen Tod wieder voll in ihr Bewusstsein gerückt haben. Neben den Ermittlungen in den Mordfällen müssen Carl und Assad als auch noch herausfinden, was mit Roses Vater eigentlich wirklich passiert ist, um ihr zu helfen.

Insgesamt also eigentlich alles gute Zutaten für einen spannenden und komplexen Roman, allerdings ist das auch etwas das Problem des Buches gewesen, es gibt einfach zu viele Handlungsstränge und zu viele Zufälle, die alle Handlungen miteinander verbinden…spätestens als auch noch Roses Story sich mit dem aktuellen Kriminalfall verflechtet wird es dann doch etwas abstrus. Dadurch liest sich das ganze Buch etwas zu wirr und unglaubwürdig, weswegen ich es als eines der schwächeren Bücher der Reihe einordnen würde. Als Fan der Reihe an sich kommt man allerdings natürlich trotzdem nicht wirklich umhin das Buch zu lesen, denn man erfährt hier das erste Mal tiefgehende Hintergründe über einen der Ermittler, nämlich Rose…

 

Bücher

Literarischer Sommer – Zwei außergewöhnliche Bücher

Im Juni habe ich nicht ganz so viele Bücher gelesen wie sonst manchmal (da ich auch ein paar Tage im Urlaub war), dafür waren zwei dabei, die ich wirklich gelungen und außergewöhnlich fand:

Bente Seebrandt – „Im Licht der Nebensonnen“ (Genre: Belletristik)

„Im Licht der Nebensonnen“ hat gleich aus mehreren Gründen meine Aufmerksamkeit erregt, erstens fand ich den Titel schon mal sehr kryptisch und deswegen interessant, zweitens gefiel mir, dass es die Hauptfigur aus Stuttgart (wo ich auch ungefähr herkomme) an die Nordsee verschlägt und drittens fand ich sehr spannend, dass der Roman laut Untertitel nach „Motiven von Theodor Storm“ geschrieben wurde. Unter letzterem konnte ich mir zunächst wenig vorstellen, außerdem bin ich mit dem Werk von Theodor Storm nicht so vertraut (kenne wie vermutlich die meisten Menschen nur den „Schimmelreiter“). Deswegen hab ich mich gefragt, ob das ein Manko darstellen würde, aber das ist keineswegs der Fall. Theodor Storm wird zwar in dem Roman immer wieder eingeflochten, vor allem aber basiert der Inhalt der Geschichte auf einer anderen Novelle von Theodor Storm („Aquis submersus“), wobei es aber keineswegs das Lesevergnügen stört, wenn man diese nicht kennt.

Zu Beginn des Romans zieht der Kunstlehrer David nach einer gescheiterten Beziehung von Stuttgart nach Husum (der Geburtsort von Theodor Storm), wo er eine Stelle am örtlichen Gymnasium angenommen hat. Das Einleben an der Nordsee fällt ihm zunächst nicht sehr leicht, vermisst er doch einerseits die typische schwäbische Landschaft und ist andererseits noch nicht wirklich über seine Ex-Freundin hinweg. Bei einem gemeinsamen Seminar lernt er die Lehrerin einer benachbarten Berufsschule kennen, Louise, von der er sofort fasziniert ist. Sie lebt scheinbar idyllisch und zufrieden zusammen mit ihrem Mann (einem Dorfpfarrer) und 3 Kindern in einem Nachbardorf. Doch schon bei den ersten Begegnungen wird David schnell klar, dass irgendwas mit Louise nicht ganz zu stimmen scheint, trotzdem kann er sich ihrer Anziehungskraft nicht erwehren.

Die Geschichte ist abwechselnd aus Sicht von David und aus Sicht von Louise erzählt, es handelt sich im Prinzip um eine tragische Liebes- und Familiengeschichte, die trotz vieler dramatischer Ereignisse in einer ruhigen fast lakonischen und etwas altmodischen Sprache daher kommt, die aber sehr gut zu dem Theodor Storm Bezug passt. Man hat ein bisschen das Gefühl eine Art „griechische Tragödie“ zu lesen, obwohl alles in eine modernes Setting eingebettet ist. Mir hat das Buch hervorragend gefallen, weil es wirklich mal etwas anderes war.

Bov Bjerg – „Auerhaus“ (Genre: Belletristik)

„Auerhaus“ ist ein Buch, das durch ein schlichtes aber irgendwie interessantes Cover auf sich aufmerksam macht. Das Buch spielt in den 80er Jahren in einem ungenannten Dorf (am Ende des Buches erschloss sich aber aus dem Kontext, dass es sich wohl um ein Dorf in Süddeutschland handeln dürfte). Der jugendliche Ich-Erzähler hat eigentlich ganz normale Teenager Sorgen, das Abi steht vor der Tür, dahinter die unbekannte Zukunft und auch die anstehende Musterung zur Bundeswehr hängt wie ein Damoklesschwert über dem nicht sehr wehrpflichts-motivierten Erzähler.

Dazu kommt aber plötzlich noch eine ganze andere schockierende Sorge, denn Frieder, ein Freund des Ich-Erzählers (dessen Vorname übrigens konsequent nicht genannt wird) versucht sich umzubringen und landet erst mal für längere Zeit in der Psychatrie. Da Ärzte und alle anderen es für sinnvoll erachten, dass Frieder nach der Entlassung nicht mehr in sein Elternhaus zurückkehrt, ergibt sich eine ungewöhnliche Konstellation, Frieder und sein Freund ziehen gemeinsam mit 2 weiteren weiblichen Schulkameradinnen in das Haus von Frieders verstorbenem Großvater, das „Auerhaus“ (der Grund für den Namen wird im Laufe des Buches aufgelöst und ist etwas auf das man selber wohl eher nicht kommen wird, aber sehr amüsant). Wie realistisch dieses Szenario wirklich ist sei dahingestellt, aber im Buch funktioniert die Geschichte hervorragend. Im Folgenden zieht die „Kommune“ oder „WG“ bald noch einige weitere eher unkonventionelle Bewohner an und das Buch erzählt oft flapsig und humorvoll von den Erlebnissen der Teenager und ihrer Entwicklung. Immer im Hintergrund lauert dabei die Sorge des Erzählers, dass Frieder wieder Selbstmord begehen könnte.

Trotz des ernsten Themas ist das Buch oft humorvoll, teils skurril und sehr charmant, außerdem liest es sich sehr leicht und flüssig. In einigen Rezensionen wurde es mit „Tschick“ verglichen, der Vergleich ist aus meiner Sicht eher unnötig und ganz reicht das Buch (abgesehen davon, dass das Thema nicht wirklich soooo ähnlich ist) denke ich auch an dieses „Vorbild“ nicht heran, trotzdem hat es mir sehr gut gefallen.

Bücher

Noch mehr literarischer Mai: Bissige Gesellschaftskritik, plus Übersinnliches von Stephen King

Heute möchte ich zwei Bücher vorstellen, die mir besonders gut gefallen haben, das erste war ein ziemlich dicker Wälzer, „Unterleuten“ von Juli Zeh, das zweite „Mind Control“, der Abschluss der „Mr. Mercedes“ Thriller Trilogie von Stephen King.

Juli Zeh – „Unterleuten“ (Genre: Belletristik)

„Unterleuten“ (sicher nicht unabsichtlich genauso zu Lesen wie „Unter Leuten“) ist ein kleines fiktives Dorf in Brandenburg mit ca. 200 Einwohnern, in dem auf den ersten Blick die Welt noch in Ordnung ist. Dort lebt im Jahr 2010 (daran erkennbar, dass einige reale Ereignisse aus diesem Jahr aufgegriffen werden) eine interessante Mischung aus alten Dorfbewohnern, die schon ihr ganzes Leben in dem kleinen Dorf verbracht haben und zugezogenen Menschen aus Berlin oder Westdeutschland, die versuchen dem hektischen Leben der Großstadt durch die Flucht in das ländliche Idyll zu entfliehen.

Der Anfang des Buches lässt sich viel Zeit die verschiedenen Charaktere vorzustellen, jedes Kapitel ist durchgängig durchs ganze Buch immer abwechselnd aus Sicht eines anderen Charakters erzählt. Dies bedingt natürlich viele Perspektivenwechsel, mich hat das aber überhaupt nicht gestört, ich mag diese Erzählweise generell sehr gerne. Die Charaktere sind dabei einerseits herrlich aus dem Leben gegriffen und gleichzeitig überzeichnet, der wutbürgerliche Dauermotzer Kron, der sich in einer jahrzehntelangem Dauerstreit mit dem einerseits abstoßenden, andererseits trotzdem erschreckend menschlichem Dorf-Tycoon befindet. Hinzu kommen unter anderem der opportunistische Bürgermeister, eine westdeutsche Pferdeflüsterin, der es vom großen Gestüt für ihre große Liebe (ihr Pferd) träumt, ihr etwas verweichlichter IT-Freund, der neben dem Pferd immer die Nebenrolle spielt, der militante Möchtegern-Tierschützer und seine junge Frau mit Baby, der prollige Automechaniker der scheinbar grundlos seine Nachbarn schikaniert, der gewissenlose aber einsame reiche Immobilienhai aus Bayern, der das halbe Land rund um Unterleuten gekauft hat, nur weil er es konnte…alle verfolgen in diesem kleinen Dorf ihre eigene Agenda oder möchten einfach nur in Ruhe leben. Schon bevor etwas passiert ist der idyllische Frieden im Dorf wohl nur ein oberflächlicher Schein, doch richtig Leben in die Bude kommt als ein (Wortspiel 😛 ) windiger junger Business-Schnösel bei einer Gemeindeversammlung von den Plänen seiner Firma fürs Dorf berichtet, ein Windpark mit 10 Windrädern soll errichtet werden, auf einem der wenigen Grundstücke, die dafür in Frage kommen.

In Folge dessen brechen die in Unterleuten schwelenden Konflikte erst so richtig auf, Intrigen und Eigeninteressen führen zu immer mehr Mißtrauen und auch lange verborgene Geheimnisse der Dorfgeschichte werden wieder an die Oberfläche gespült.

Die Geschichte ist für mich ein bisschen im Stil einer Groteske erzählt, wirkt aber keineswegs überzogen und unglaubwürdig. Die Ereignisse im Dorf ergeben ein fast perfektes Abbild der heute (gefühlt etwas aus den Fugen geratenen) globalisierten Welt des Raubtier-Kapitalismus in der sich jeder selbst der Nächste ist, während er entweder so tut als wolle er nur Gutes oder es vielleicht sogar noch tragischer vielleicht selbst glaubt. Das Buch funktioniert deswegen zweigleisig, einmal tatsächlich als Roman über die abgeschiedene Welt einer winzigen Dorfgemeinschaft, andererseits als Gesellschaftskritik. Für mich ein wirklich hervorragender Roman.

Stephen King – „Mind Control“ (Genre: Thriller)

„Mind Control“ ist der 3. und letzte Teil von Stephen Kings Thriller-Reihe um den pensionierten Polizisten Bill Hodges. Die fortlaufende Reihe fing im ersten Teil ursprünglich mit einem ganz klassischen Thriller an, ohne übersinnliche Elemente und ich fand, dass Stephen King da einen sehr guten Job gemacht hat. In Band 1 („Mr. Mercedes“) dreht sich alles um die Gräueltat von Brady Hartsfield, der mit einem gestohlenen Mercedes in die Warteschlange vor einer Job-Messe raste und zahlreiche Menschen tötete und verletzte. Am Ende des 1. Bandes gelingt es Hodges gemeinsam mit seinem engsten Team Hartsfield zu überwältigen, dieser dämmert seitdem mit schweren Hirnverletzungen in einer Klinik vor sich hin. Er ist zwar inzwischen aus dem Koma erwacht, aber angeblich nicht in der Lage zu sprechen oder mit seiner Umwelt zu interagieren. Doch schon im 2. Band der Reihe („Finderlohn“), in der Hartsfield nur eine Nebenrolle spielt, hat Hodges Zweifel daran.

Im 3. Band dreht sich nun wiederum alles um Bill Hodges und seine Fehde mit Hartsfield. Am Anfang der Reihe kommt es zu einigen aufsehenerregenden Selbstmorden, die Opfer waren Betroffene des ursprünglichen Mercedes Massakers, weswegen ein befreundeter Polizist Bill Hodges und seine Assistenten Holly zum Tatort ruft.
Hodges (der inzwischen 70 Jahre alt ist und mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat) und Holly kommen schnell Zweifel an dem angeblichen Selbstmord und als es zu noch mehr aufsehenerregenden Vorfällen rund um Brady Hartsfield und seiner Vergangenheit kommt, müssen die beiden bald erkennen, dass Hodges Zweifel an Hartsfields Zustand mehr als berechtigt war.

Ich muss zugeben, dass ich vor Beginn des Buches etwas Zweifel hatte, ob es mir so gut gefallen würde, weil schon am Klappentext ablesbar war, dass übersinnliche Phänomene in dem Buch eine recht große Rolle spielen würden und mir aber irgendwie gefallen hatte, dass es sich in der Reihe bisher eben primär nur um ganz „normale“ Krimis gehandelt hatte. Allerdings hat mir das Buch dann doch ganz hervorragend gefallen, denn die Ereignisse werden spannend erzählt, die inzwischen ziemlich lieb gewonnenen Charaktere interagieren King-typisch und die Geschichte bringt die Krimi-Reihe zu einem zwar etwas traurigen aber gelungenen Abschluss.
Ein bisschen Abzug gibt es von mir lediglich dafür, dass die Geschichte in der Mitte zeitweise etwas an Fahrt verliert, die sie aber am Ende definitiv wieder gewinnt. Insgesamt hat mir diese Trilogie von Stephen Kind super gefallen, Neueinsteiger sollten aber unbedingt alle 3 Bände lesen, vor allem der letzte Band lässt sich ohne Vorgängerwissen sicher eher schlecht genießen.

 

Bücher

Noch mehr Buchtipps im Mai: gelungene Thriller

Heute möchte ich zwei sehr gelungene Bücher aus einem Genre vorstellen, das ich eigentlich gar nicht (mehr) so häufig lese, nämlich Thriller. Die meisten Thriller laufen mir nämlich zu sehr nach Schema F ab (das ist bei Krimis zwar natürlich auch so, aber meist finde ich Thriller tendenziell noch einen Ticken vorhersehbarer und klischeehafter). Die beiden Thriller, die ich diesen Monat gelesen habe, ragen aber definitiv aus dem Einheitsbrei heraus:

Paul Pen – „Das Haus in der Kakteenwüste“ (Genre: Thriller)

Paul Pen ist ein spanischer Autor, von dem ich bisher noch nie was gehört hatte. Beim Stöbern für ein Geburtsgeschenk bin ich aber auf den ungewöhnlichen Buchtitel und das Thriller-typische atmosphärische Cover aufmerksam geworden. „Das Haus in der Kakteen Wüste“ spielt in Mexiko, dort wohnt eine sechsköpfige Familie abgeschieden, aber auf den ersten Blick glücklich in der Wüste, umgeben nur von einer endlos scheinenden Weite von Wüste und Kakteen. Der Vater Elmer arbeitet Meilen entfernt an einer Tankstelle während die Mutter Rose sich um die 4 Töchter kümmert und auf den ersten Blick eine Idylle geradezu herauf beschwört. Doch schon am Anfang des Buches ist ein ständiges Unwohlsein zu spüren. Rose hat nachts mit Angstattacken zu kämpfen. Die beiden 6-jährigen Zwillingstöchter Dahlia und Daisy haben merkwürdige Rituale die entweder überdreht oder bestenfalls niedlich wirken. Die älteste Tochter Iris vergräbt sich in Büchern und träumt fast fanatisch von einem Liebhaber (und Sex). Die 13-jährige Melissa sammelt Steine, klebt ihnen Augen auf, gibt ihnen Namen und redet mit ihnen, um ihre Einsamkeit zu bekämpfen. Außerdem erfährt man gleich am Anfang, dass der Familie ein schlimmer Schicksalsschlag zugestoßen ist, die älteste Schwester der Mädchen liegt begraben in der Nähe des Hauses, woran und wie sie starb, erfährt der Leser nicht.

In diese merkwürdige und brüchig wirkende Idylle, die von Anfang an beunruhigend manisch wirkt, bricht eines Tages ein Fremder ein, der junge Rick kommt scheinbar zufällig als Backpacker bei der Familie vorbei, doch schnell merkt man, dass er eigene Interessen verfolgt.

Was danach passiert,  möchte ich gar nicht verraten, die Ereignisse überschlagen sich wie in einem Strudel und der Leser lernt wie wenig zwischen Liebe und Wahnsinn liegen kann. Das Buch hat mich jedenfalls mitgerissen und ich habe es fast in einem Schwung durchgelesen. Für Freunde von klassischen Psycho-Thrillern ist es aber vermutlich nur bedingt etwas, ich bin nicht mal sicher ob ich es im Genre Thriller einordnen würde, es ist vielleicht eher ein etwas außergewöhnliches Familiendrama. Auch der Schreibstil ist durchaus ungewöhnlich, wollte man ihn negativ betrachten, könnte man ihn als blumig oder tendenziell sogar etwas schwülstig bezeichnen, ich fand aber, dass er perfekt zu der Stimmung der Familie passt und das Gefühl, dass mit allem und allen im Buch „etwas nicht stimmt“ perfekt unterstrichen hat.

Ob ich das Buch weiterempfehlen kann, hängt vermutlich vom Leser ab, auch die Rezensionen zeigen, dass das Buch eher starke Reaktionen auslöst (viele besonders gute oder besonders schlechte Rezensionen). Wer am Ende eines Buches möglichst alles 100% aufgelöst haben will, wird z.B. mit dem Buch vermutlich nicht so glücklich werden, denn Ende und auch einige Hintergründe bleiben relativ offen gehalten. Ich fand das Buch insgesamt wirklich klasse und herausragend und werde auch die anderen Büchern des Autors in Augenschein nehmen.

Simon Beckett – „Totenfang“ (Genre: Thriller)

„Totenfang“ von Simon Beckett ist der neueste Band aus der Krimireihe rund um den forensischen Anthropologen David Hunter. Ich habe alle Bücher der Reihe gelesen, bin aber kein Riesenfan davon, manche Teile fand ich sehr gelungen, andere weniger. Generell hatte ich manchmal den Eindruck, dass mir in manchen Büchern die pathologischen Beschreibungen etwas zu viel Raum einnahmen (das Thema nutzt sich auch ab), deswegen war ich gespannt wie mir dieser Band gefallen würde.

David Hunters Karriere darbt nach den Geschehnissen des Vorgängerromans (an den ich mich ehrlichgesagt nicht mehr im Detail erinnere) am Anfang dieses Bandes etwas vor sich hin, seine Dozenten Stelle an der Uni ist in Gefahr.. Von dem her kommt es im gelegen als er überraschend zur Bergung einer Wasserleiche in die abgelegenen Backwaters von Essex hinzugezogen wird (ein unwirtliches Marschland). Der Tote soll vermutlich Leo Villiers, der Sohn einer reichen Familie sein, der vor einigen Wochen verschwand und mutmaßlich Selbstmord begangen hat, nachdem einige Zeit vorher seine Geliebte verschwand und er wiederum unter Mordverdacht geriet.

Doch obwohl der Fall eindeutig scheint und der Tote die Kleidung von Leo Villiers trug, kommt doch alles anders als erwartet und David Hunter muss bald nicht nur die Identität eines, sondern gleich mehrerer Toter aufdecken. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände kommt er während der Ermittlungen im Bootshaus einer Familie unter, die mit dem Mordfall zusammenhängt, schnell vermischt sich Privates und Berufliches und der Fall wird immer komplizierter.

Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen. Die Story ist interessant und kreativ und zur Abwechslung mal nicht so einfach vorauszusehen, sie hat mich sehr gut unterhalten. Einzig die Anzahl von Zufällen durch die David Hunter auf neue Erkenntnisse stößt, ist doch ein wenig unglaubwürdig (außerdem verhalten sich dieProtagonisten ständig unvernünftig und bringen sich in Gefahr, aber das ist man von dem Genre ja gewohnt). Die Atmosphäre des Buches mit dem Setting in den Backwaters war mal etwas anders und auch sehr gelungen, insgesamt war das für mich deswegen ein sehr gelungener Thriller und von Simon Beckett definitiv eines der besten Bücher der Reihe.

Bücher

Literarischer Mai – Mit Krimis und Kindheitserinnerungen

Heute möchte ich drei Bücher vorstellen, einmal das in Teilen autobiografische Buch „Raumpatrouille“ des Schauspielers Matthias Brandt und zwei Krimis, die mich beide leider nicht 100% überzeugt haben, aber beide durchaus trotzdem lesenswert sind.

Matthias Brand – „Raumpatrouille“ (Genre: Kindheit/Geschichten)

„Raumpatrouille“ ist ein übersichtliches (ich glaube es sind knapp 200 Seiten) Buch mit Kindheitserinnerungen des bekannten Schauspielers Matthias Brandt, dem jüngsten Sohn des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt. Dadurch bedingt handelt es sich bei den episodenhaften Erzählungen einerseits natürlich nicht um Eindrücke einer „ganz normalen“ Kindheit, andererseits aber doch, denn vieles was dem jungen Erzähler passiert und was er fühlt, wird wohl jedem der sich noch an seine Kindheit erinnert vertraut vorkommen. Hier fand ich vor allem beeindruckend, dass der Autor wirklich toll rüberbringt wie man als Kind oftmals gefühlt hat, das hat sich für mich sehr authentisch angefühlt. Trotzdem gibt es natürlich Besonderheiten: die ständige Präsenz von Personenschützern (und anderen Bediensteten), das Leben in einem durch einen Wachdienst abgeschirmten Haus und das doch etwas distanziert wirkende Verhältnis zu einem mächtigen aber vielbeschäftigten und etwas unerreichbaren Vater.

Das Buch hat hierbei keine lineare Erzählweise, sondern schildert verschiedene Episoden, teils mit ganz normalen banalen Kindheitsereignissen (wie einer missglückten Karriere als Fußballtorwart), teils mit wirklich humorvollen und lustigen Episoden und teils mit ernsthafteren und nachdenklichen Tönen. Es ergibt sich das Gesamtbild einer Kindheit, die einerseits ganz normal und glücklich wirkt, andererseits auch einige Schwierigkeiten hinter der Fassade durchscheinen lässt. Wie viel davon tatsächliche Erinnerung und wie viel Fiktion ist, lässt der Autor im Vorwort offen.

Mir hat das Buch insgesamt sehr gut gefallen, den Schreibstil finde ich auch sehr gut gelungen und humorvoll. Allein durch die Sprunghaftigkeit und den geringen Umfang bleiben die Einblicke ein bisschen an der Oberfläche.

Tana French – „Gefrorener Schrei“ (Genre: Krimi)

Ich habe bisher alle Krimis von Tana French gelesen und war bisher immer von allen gleichermaßen begeistert, fand sie vor allem sprachlich immer auf einem sehr hohen Niveau. Ich lese auch sehr gerne detailverliebte Krimis mit ausschweifenden Erzählungen und Dialogen und dazu hatte Tana French schon immer einen Hang.

Leider hat mich „Gefrorener Schrei“ aber nicht so begeistert wie die bisherigen Krimis der Autorin, was zum einen daran lag, dass mir bei diesem Roman die Haupt-Ermitterlin und auch die meisten anderen Charaktere nicht besonders sympathisch waren. Normalerweise stört mich so etwas nicht, ich mag auch unsympathische Charaktere, so lange sie interessant und komplex sind, aber hier war es irgendwie so, dass ich die Detektivin Antoinette Conway oftmals nicht als interessant, sondern primär als anstrengend empfand und auch ihre ziemliche flapsige Sprech- und Erzählweise war nicht so wirklich mein Ding.

Außerdem fand ich die Idee des Buches zwar gut, es geht weniger um den Kriminalfall an sich, sondern darum welche Intrigen sich in dem Polizeirevier von Antoinette Conway abspielen, um Mobbing, Verfolgungswahn und um die Frage wer spielt ein falsches Spiel. Der tatsächliche Kriminalfall ist auch gar nicht so komplex: eine junge Frau wird in ihrer Wohnung erschlagen nachdem sie sich offenbar auf ein romantisches Abendessen vorbereitet hatte. Der Hauptverdächtige ist klar, ihr neuer Freund. Doch ist der Fall in Wirklichkeit komplexer? Die Polizeiarbeit stellt sich hier primär als kleinteilige Ermittlungsarbeit und langwierige Verhöre des und der Verdächtigen dar (leider waren diese Verhöre auch im Buch teilweise merklich langwierig und etwas repetitiv). Und man erlebt wie Conway und ihr Partner verschiedenen Fährten folgen, immer auf der Suche nach der Aufdeckung des Ganzen.

Insgesamt fand ich das Buch nicht schlecht zu lesen, von der Grundidee durchaus interessant, aber für mich hat das Ganze nicht 100% funktioniert und entwickelte deswegen eine gewisse Zähigkeit. Für mich deswegen der schwächste Krimi von Tana French. Interessenten der Autorin (die eigentlich wirklich gut ist!) empfehle ich mit einem beliebigen anderen Roman zu starten.

Helen Callaghan – „Dear Amy“ (Genre: Thriller)

„Dear Amy“ ist ein Psychothriller, der schon optisch in einem ziemlich typischen Thriller Gewand daher kommt, das schon mal Lust auf das Buch macht (auch wenn man über das neongrüne Design sicher gespaltener Meinung sein kann). Auch die Story klingt vielversprechend. Die 15-jährige Katie verschwindet nach einem Streit mit ihren Eltern spurlos, die Polizei geht erstmal davon aus, dass sie ausgerissen ist.

Die Lehrerin Margot, die nebenberuflich als „Brief-Kummerkasten-Tante“ bei einer Regionalzeitschrift arbeitet erhält zu diesem Zeitpunkt plötzlich Briefe von einem anderen jungen Mädchen, Bethan, das allerdings schon vor Jahrzehnten spurlos verschwand und nie gefunden wurde, aber von der Polizei für tot gehalten wurde. Margot ist geschockt, sind die Briefe etwa echt? Und hängt der alte Fall um Bethan mit dem aktuellen Verschwinden von Katie zusammen? Der Fall lässt ihr keine Ruhe und schnell wird sie immer tiefer in die Ermittlungen rein gezogen…

So die Prämisse des Buches, das vom Schreibstil her leicht und zügig zu lese ist und für mich durchaus unterhaltsam war. Auch die Story beginnt eigentlich vielversprechend und Margot ist ein interessanter Hauptcharakter. Trotzdem hat mich das Buch letzendlich aus verschiedenen Gründen nicht vom Hocker gerissen. Erstens kommt es wie für Thriller häufig üblich nach ca. 2/3 des Buches mit einer unerwarteten Wendung daher. Leider war diese Wendung für Thriller-Geübte Leser aber schon nach ca. 100 Seiten des Buches so einfach vorausschaubar, dass mir ab da schon klar war, worauf das Ganze hinauslaufen wird. Dadurch werden auch die Ereignisse bis zum Ende relativ einfach voraussehbar, was dem Thriller den Spannungseffekt so ziemlich nimmt.

Zusätzlich hatte ich ein bisschen Probleme das Buch in Großbritannien zu verorten, es spielt zwar in Cambridge, aber ich hatte ständig das Gefühl einen amerikanischen Thriller zu lesen (eventuell kommt das daher, dass die Autorin laut Klappentext zwar aus einer britischen Familie stand, aber in den USA geboren ist) und es kam für mich trotz Erwähnung einiger lokalen Sehenswürdigkeiten von Cambridge irgendwie nie ein Bezug zu der Lokalität auf. Und drittens enthielt das Buch einige private Irrungen und Wirrungen der Protagonistin (Scheidung und neuer „love interest“), die aber etwas lieblos und klischeehaft kurz abgehandelt wurden, so dass man sich fragt, wozu sie überhaupt Teil der Story waren.

Das klingt jetzt alles sehr negativ, insgesamt hat mir das Buch aber trotzdem noch gut gefallen, was zeigt, dass die Autorin durchaus viel Talent für das Genre hat, beim nächsten Buch würde ich mir nur etwas mehr Finesse und etwas weniger Thriller-Klischees wünschen, dann könnte ich mir durchaus vorstellen, nochmal was von ihr zu lesen.

Bücher

Buchtipps zum Osterfest – Lustig und nachdenklich

Diesen Monat war ich eine Woche im Urlaub, weswegen ich eine leichte Urlaubslektüre für unterwegs gebraucht habe. Was würde sich dafür mehr anbieten als ein „Bilderreisetagebuch“ von Deutschlands Comedy Star Martina Hill? Außerdem habe ich einen „Coming-Of-Age“ Roman über ein junges Mädchen auf Sinnsuche gelesen, der mir ebenfalls sehr gut gefallen hat:

Martina Hill – „Was mache ich hier eigentlich“ (Genre: Reise/Comedy)

„Was mach ich hier eigentlich“ von Martina Hill habe ich mir gekauft, da ich ein großer Fan von Martinas Serie „Knallerfrauen“ bin und Martina Hill aktuell meine deutsche Lieblings-Komödiantin ist. Deswegen dachte ich, dass ich mit ihrem kleinen und vom Umfang recht übersichtlichen Büchlein über ihren Kurztrip nach China auch nichts falsch machen kann. Meine Vermutung wurde auch durchaus bestätigt.

Hintergrund des Buches ist, dass Martina es wohl geschafft hat mit ihrer Serie „Knallerfrauen“ in China zu einer gewissen Bekanntheit zu gelangen, da sich Folgen der Serie mit Untertiteln in chinesischen sozialen Netzwerken verbreitet haben und ihr Humor dort gut ankam (was ich ganz witzig finde, da der Humor „Knallerfrauen“ ja durchaus teilweise recht „speziell“ daher kommen kann und viele Sketche ja auch durchaus textlastig sind. Allerdings ist das wohl kein chinesisches Phänomen, denn eine amerikanische Facebook Freundin von mir hat auch schonmal einen Ausschnitt aus „Knallerfrauen“ geteilt). Martina wurde deswegen nach China eingeladen um mit einem chinesischen Comedian ein paar Sketche fürs chinesische Fernsehen zu drehen.

In dem Buch erzählt Martina von ihrer Reise nach China, den Dreharbeiten, ihrer Flugangst und ihrem Besuch einiger (sehr mainstream-lastigen) chinesischen Sehenswürdigkeiten. Sprachlich ist das Buch leicht, etwas flapsig und Slapstick-artig geschrieben und mit einigen persönlichen Anekdoten aus Martinas Kindheit und Jugend garniert, die auch sehr nett sind, um einen kleinen Eindruck in ihr Leben zu bekommen. Große Literatur ist das natürlich nicht und auch als richtiges Reisetagebuch oder um wirklich etwas Tiefgehendes über China zu erfahren eignet sich das Buch nicht, dazu bleibt es zu anekdotisch und oberflächlich. Es ist aber eine unterhaltsame und charmante leichte Lektüre für zwischendurch. Ich habe das Buch wie oben angemerkt selbst auf einer Urlaubsreise gelesen (allerdings nicht nach China 😉 ) und für solche Gelegenheiten ist es genau das Richtige, vorausgesetzt natürlich man kann mit Martina Hill und ihrem Humor generell etwas anfangen.

Jan Schomburg – „Das Licht und die Geräusche“ (Genre: Belletristik)

Im Mittelpunkt von „Das Licht und die Geräusche“ stehen 3 Jugendliche oder junge Erwachsene (das genaue Alter wird soweit ich mich erinnere nicht erwähnt), Johanna, Boris und Ana-Clara. Johanna ist in ihren Schulkameraden Boris verliebt, der aus Portugal nach Deutschland zurück gezogen ist und in Johannas Schulklasse gekommen ist. Irgendwie entwickelt sich zwischen den beiden aber nie etwas Romantisches, Boris ist offiziell noch mit seiner portugiesischen Freundin Ana-Clara zusammen, auf die Johanna entsprechend eifersüchtig reagiert. Obwohl sich Johanna mehr wünscht, bleiben sie und Boris nur enge Freunde.

Zumindest bis zu dem Zeitpunkt wo Boris anfängt sich merkwürdig zu verhalten und plötzlich verschwindet. Jetzt verändert sich alles und Johanna muss auf die Suche nach ihm gehen…

Ohne zu viel über den Inhalt des Buches verraten zu wollen, sind die zentralen Themen im Buch wohl die Liebe, das Erwachsen werden und die Suche nach sich selbst. Was dem Autor aus meiner Sicht wirklich hervorragend gelungen ist, ist das Schreiben aus Sicht von Johannas Gefühlswelt heraus, das Buch fühlt sich wirklich so an, als würde man in Johannas Gedanken stecken bzw. als wäre man selbst Johanna…dadurch kommt man ihrem Leben irgendwie sehr nahe und alles ist unheimlich authentisch. Für mich hat er die oftmals egozentrischen, unlogischen und unsicheren Gedanken, die man als Teenager hat auch wirklich glaubwürdig eingefangen und die Teile des Buches, die die Interaktion von Johanna mit Schulkameraden und mit ihrer Familie schildern, fand ich wirklich sehr überzeugend.

Das Highlight des Buches für mich war allerdings die Sprache, die gleichzeitig einfach und direkt ist, aber trotzdem poetisch und speziell. Gleichzeitig ist die Erzählweise etwas sprunghaft, was manche Lesen stören könnte, für mich hat es super zum Buch gepasst.

Als Schwäche würde ich nennen, dass die Handlung an sich etwas vorhersehbar ist und das Buch auch sicher nichts für Menschen ist, für die eine überzeugende Storyline das Wichtigste an einem Buch ist. Da mich die Sprache aber so überzeugt hat, fand ich das Buch trotzdem sehr lesenwert.

Bücher

Buchtipps fürs Frühjahr

Im März habe ich zwei sehr unterschiedliche Bücher gelesen, einmal einen spannenden Horrorthriller für Zwischendurch und einmal eine interessante und humorvolle Lebensgeschichte aus Irland:

John Boyne – The Heart’s Invisible Furies (Genre: Belletristik)

„The Heart’s Invisible Furies“ war mein erster Roman von John Boyne. Protagonist des Romans, der eine Zeitspanne von 1945 bis heute umfasst ist Cyril Avery. Cyril wird im Irland der 40er Jahre als uneheliches Kind einer jungen Teenager Mutter geboren, die wegen ihrer Schwangerschaft vom katholischen Priester ihrer kleinen Dorfgemeinde des Ortes verwiesen wird und sich alleine und praktisch ohne Geld nach Dublin durchschlägt. Cyril gibt sie wegen mangelnder Perspektiven nach der Geburt zur Adoption frei, so dass er von einem reichen aber ziemlich schrulligen Ehepaar adoptiert wird.

Das Buch erzählt Cyrils Leben von seiner Geburt (auch die Geschichte seiner Mutter kommt nicht zu kurz) bis ins hohe Alter, wobei jedes Kapitel 7 Jahre später spielt als das Kapitel zu vor. So bekommt man in unterschiedlichen Episoden Einblick in die Entwicklung von Cyril und die Irrungen und Wirrungen seines Erwachsenenlebens. Im Mittelpunkt steht dabei die Suche von Cyril nach seiner sexuellen Identität, denn er wächst im erzkatholischen und bigotten Irland als schwuler Junge und Mann auf und hat mit vielen Schwierigkeiten und Hürden zu kämpfen, schon allein deswegen weil Homosexualität in Irland (genau wie in Deutschland) damals nicht nur verpönt, sondern sogar verboten war und verfolgt wurde. Heute erscheint das fast nicht mehr denkbar, doch sollte man bedenken, dass das Gesetz das Homosexualität unter Männern verbietet in Deutschland erst 1994 aufgehoben wurde. Und erst gerade diese Woche wurde nach jahrzehntelangem Ringen ein Gesetz erlassen, dass die Männer, die nach dem „Schwulen-Paragraphen“ verurteilt wurden rehabilitiert und die noch Lebenden zumindest finanziell etwas entschädigt. In Irland dürfte diese Entwicklung zeitlich ähnlich verlaufen sein wie in Deutschland, obwohl die katholische Kirche dort natürlich noch viel länger sehr viel Macht hat (um so erstaunlicher ist es, dass Irland das erste Land der Welt war, dass die „Ehe für alle“ tatsächlich durch einen Volksentscheid eingeführt hat, auch dieser Entscheid wird in dem Buch kurz thematisiert). So spielt dieses Thema im Roman eine tragende Rolle, wird aber mit sehr viel schwarzen und teils auch Slapstick-artigem Humor erzählt, der vor allem in der ersten Hälfte des Buches in den skurrilen Dialogen seine volle Wirkung entfalten kann. Im zweiten Teil des Buches wird alles etwas ernster, was aber gut zur Entwicklung der Geschichte passt, denn auch Cyril wird immer reifer und erwachsener und kommt mit sich selbst, seinem Leben und seinem Heimatland ins Reine.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, auch wenn es auch ein paar Schwächen aufweist. Der Autor verwendet einige stilistische Kniffe, vor allem spielen Zufälle eine sehr große Rolle in dem Buch, so wie das etwas sehr gehäufte Auftreten von dramatischen Ereignissen. Das alles führt dazu, dass das Buch nicht wirklich realistisch wirkt, allerdings war das aus meiner Sicht ein absichtlich gewähltes Stilmittel. Durch die häufige Benutzung nutzt es sich allerdings doch ein bisschen ab. Trotzdem finde ich das Buch sehr lesenswert. Ich habe es im englischen Original gelesen. Das Englisch ist angenehm zu lesen und ich würde sagen „mittelschwer“.

Isa Grimm – Klammroth (Genre: Thriller/Horror)

„Klammroth“ ist seit längerer Zeit der erste Thriller bzw. Horrorroman den ich lese. Eigentlich mag ich das Genre ganz gerne, allerdings finde ich dass die meisten Bücher doch sehr nach dem gleichen Schema geschrieben sind, so dass sich das Genre schnell abnutzt wenn man viele thematisch ähnliche Bücher liest. „Klammroth“ von der unter einem Pseudonym schreibenden Autorin Isa Grimm sticht allerdings definitiv aus dem Einheitsbrei heraus und hat mich sehr gut unterhalten. Die Einordnung in ein Genre finde ich übrigens etwas schwierig, das Buch scheint als Horror geführt zu werden, allerdings halten sich übernatürliche Aspekte doch eher in Grenzen und auch von der Atmosphäre her hatte ich eher das Gefühl einen psychologischen Thriller mit leichtem Mystery-Touch zu lesen.

Zur Story: Anais stammt aus dem ehemals touristisch attraktiven Weindorf „Klammroth“. Im Alter von 16 Jahren hat sie mit relativ milden Verletzungen ein schreckliches Brandunglück in einem alten Verkehrstunnel bei ihrem Heimatort überlebt, bei dem unzählige ihrer Klassenkameraden verbrannten oder schwer verletzt wurden. Damals „floh“ Anais mehr oder weniger ins Internat und kehre nie mehr wirklich in ihr Heimatdorf zurück. Viele Jahre später muss sie dann zurückkehren, gemeinsam mit ihrer 14-jährigen Tochter, denn ihre Stiefmutter wurde tot aufgefunden, ebenfalls verbrannt in Anais altem Elternhaus. Eigentlich will Anais nur so schnell wie möglich die Formalitäten regeln, denn ihre Stiefmutter (die nach dem Unglück nach Klammroth kam und – geschäftstüchtig – eine Schmerzklinik für Brandopfer eröffnete und Anais‘ Vater kennenlernte) stand ihr sowieso nie nah und an ihre Vergangenheit möchte sie möglichst wenig erinnert werden. Doch kaum in Klammroth angekommen trifft Anais auf Menschen aus ihrer Vergangenheit und wird in die Aufarbeitung der aktuellen und damaligen Ereignisse hineingezogen.

So viel der Hintergrund der Geschichte. Die Story an sich hat mir gut gefallen, auch wenn sie vor allem gegen Ende doch etwas an den Haaren herbeigezogen daherkommt, was aber bei einem Mysterythriller vertretbar ist. Sie ist aber erstaunlich gut geschrieben und auch die Charaktere und die Atmosphäre sind sehr gut beschrieben, so dass sich ein ingesamt sehr unterhaltsames und kurzweiliges Buch ergibt. Der Horror und die Spannung kommen dabei eher subtil daher und auch Brutalitäten halten sich eher in Grenzen.

Bücher, gesellschaft

Buchrezension: Ein Roman über Amerika in stürmischen Zeiten

Heute möchte ich ausnahmsweise mal nur ein einzelnes Buch vorstellen, dass aber auch so besonders (und so umfangreich 😉 ) ist, dass sich das definitiv lohnt:

Nathan Hill – „Geister“ (Genre: Belletristik)

„Geister“ von Nathan Hill ist ein amerikanischer Gesellschafts- und Familienroman, der perfekt in die heutige Zeit passt. Der Hauptdarsteller des Buches ist Samuel, ein ziemlich erfolgloser Literaturprofessor, der eigentlich mal davon geträumt hat, ein großer Schriftsteller zu werden. Unmotiviert verbringt er im Jahr 2011 fast sein ganzes Berufsleben heimlich in dem Online-Rollenspiel „Elfscape“ (das sicher nicht nur entfernt an World of Warcraft erinnern soll) als er überraschend den Anruf eines Anwalts erhält. Seine Mutter, die ihn schon in seiner frühesten Kindheit verlassen hat wurde verhaftet weil sie einen Anschlag auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten verübt hat (der zwar nicht an Donald Trump, aber durchaus an den nicht minder abschreckenden Mike Pence erinnert). Der Anschlag bestand zwar nur daraus bei einer Kundgebung in einem Park ein paar Kieselsteine auf den Kandidaten zu werfen (von dem einer immerhin im Auge landete), trotzdem gilt Samuels Mutter Faye nun als linke Radikal-Terroristin und ist in aller Munde.

Samuel soll nun im Auftrag des Anwalts einen Brief für sie verfassen, der vor Gericht zu ihren Gunsten sprechen soll, eine Idee von der Samuel gar nichts hält, denn er hat seiner Mutter nie verziehen ihn verlassen zu haben. Trotzdem lässt er sich auf ein Treffen mit ihr ein.

So die interessante Prämisse des Romans. Was daraus erfolgt ist einerseits eine tiefgründige Familiengeschichte über die Aufarbeitung von Verletzungen der Vergangenheit, andererseits eine ironisch und messerscharf pointierte Aufbereitung der amerikanischen Gesellschaft. Besonders interessant daran ist dass der Roman primär auf zwei Zeitebenen spielt, einerseits im fiktiven Jahr 2011. Andererseits wird Fayes Studentenzeit geschildert, im dramatischen Jahr 1968 in Chicago, in der Zeit der Studentenproteste gegen den Vietnamkrieg, kurz vor Nixons Wahl zum Präsidenten. Dabei hat mich besonders beeindruckt wie in mancher Hinsicht diese Zeit der heutigen unruhigen Zeit zu ähneln scheint, eine aufgeheizte Gesellschaft, die in mehrere Lager gespalten ist, eine schwierige Weltlage, die Wahl eines Präsidenten, die wie eine Zäsur wirkte (und ein dramatisches und unrühmliches Ende nahm). Vielleicht kann einem das in der heutigen Zeit etwas Hoffnung geben, denn damals sah für viele Leute die Welt vermutlich ziemlich aus den Fugen geraten aus und danach ging es mit den USA auch weiter und es kamen wieder ruhigere Zeiten.

Der Roman hat mir wirklich gut gefallen, auch wenn er sicher kein Buch ist, das man schnell mal nebenher liest. Die Sprache ist absolut bemerkenswert und grandios, humorvoll, gestochen scharf, ohne mühsam zu wirken. Der Roman hat viele Handlungsstränge, die nicht unbedingt immer viel miteinander zu tun haben, er reißt viele Themen an, ist nicht unbedingt linear und vermischt Familiengeschichte und Gesellschaftskritik und  hat mit über 800 Seiten auch eine stolze Länge. Das ist genau die Art Buch, die ich liebe, aber sicherlich nichts für Menschen, die auf Dynamik und klare Handlungen Wert legen und keine „dicken Wälzer“ mögen. Für mich als Erstlingswerk eines Autors absolut herausragend und ich werde Nathan Hill sicherlich als Autor im Auge behalten und hoffe, dass da noch viel mehr kommt.

Bücher

Literarischer Jahresanfang 2017

Dieses Jahr habe ich literarisch mal wieder mit einem Krimi und einem Jugendbuch begonnen, beides von Deutschen Autoren:

Nele Neuhaus – Im Wald (Genre: Krimi)

Nadine Gersberg – Run Boy. Run Girl. (Genre: Jugendbuch)

„Run Boy Run Girl“ ist ein Jugendbuch, das sich gleich einige durchaus anspruchsvolle Themen vornimmt. So ist die Hauptperson, der 15-jährige Ben, vor kurzem schwer erkrankt, möchte aber trotzdem sein neues Lieblingshobby, die Sportart „Parcours“ nicht aufgeben und versucht mit allen Mitteln sich selbst und seinen Körper davon zu überzeugend, dass es ihm gut genug dafür geht.

Beim Parcours lernt er auch die andere Hauptperson des Buches kennen, die Türkin „Bahar“, zugleich kleine Schwester seines Trainers und leidenschaftliche Fußballspielerin. Das Kennenlernen zwischen den beiden ist durch Missverständnisse und Zickereien geprägt, aber trotzdem bahnt sich im Laufe des Buches eine Liebesgeschichte an…

Insgesamt ist das Buch also durchaus ein typischer Vertreter aus dem „Young Adult“ Bereich, eine Liebesgeschichte, typische Teenagersorgen und durchaus ernsthafte Probleme. Im Mittelpunkt steht hierbei wie Ben mit seiner Erkrankung umgeht und Bahars Schwierigkeiten als junge Deutsch-Türkin in Deutschland zurecht zu kommen. Die Themen werden finde ich sehr authentisch und glaubwürdig dargestellt, ohne dass es aufgesetzt oder konstruiert wirkt. Lediglich ein paar arg viele „Zufälle“ gibt es in dem Buch.

Der Schreibstil (die Story wird abwechselnd aus Sicht von Bahar und Ben erzählt) hat mir dabei gut gefallen, locker und leicht und sehr gut lesbar. Auch hat mir sehr gefallen wie die Charaktere herausgearbeitet sind, Ben, eher ruhig und nachdenklich, aber voller Biss was seine Ziele angeht. Bahar eher eine Rebellin, die oft aneckt und schnell konfrontativ wird.

Mir hat das Buch gut gefallen, man kann es auch als Erwachsener gut lesen und dadurch, dass es einen weiblichen und einen männlichen Hauptcharakter hat, kann es denke ich sowohl für männliche als auch weibliche junge Leser interessant sein.