Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „I was born for this“ von Alice Oseman

Heute möchte ich ein sehr unterhaltsames Young Adult Hörbuch vorstellen: „I was born for this“ von Alice Oseman. Die Autorin ist vielen Leser:innen und Hörer:innen sicher vor allem durch ihre Heartstopper Comics und die zugehörige Netflix Verfilmung bekannt. Ich selbst liebe diese Reihe auch, „I was born for this“ spielt aber in einem ganz anderen Kosmos. Im Mittelpunkt steht die junge Fereshteh „Angel“ Rahimi, die gerade die Schule abgeschlossen hat. Ihre Eltern möchten, dass sie an der Abschlussfeier teilnimmt, doch Angel hat anderes im Sinn: sie ist ein leidenschaftliches Fangirl der beliebten Boyband „The Ark“ und in dieser Woche sollen ihre großen Träume wahr werden. Sie fährt nach London und trifft zum ersten Mal ihre beste Online-Freundin Juliet. Die beiden möchten zu ihrem ersten The Ark Konzert inkl. Meet and Greet gehen und Angel widr somit auch das erste Mal ihren absoluten Liebling der 3 Boyband-Mitglieder sehen: Jimmy Caga-Ricci. Doch so groß Angels Erwartungen sind, so enttäuschend entwickelt sich alles auf den ersten Blick: Juliet hat noch einen anderen Online-Freund eingeladen, Mac, von dem Angel noch nie etwas gehört hat und scheint mehr an der Anbandelung einer Liebesbeziehung interessiert zu sein als an The Ark oder Angel. Und auch das ersehnte Meet & Greet mit The Ark entwickelt sich nicht wie erwartet. Angel muss sich bald der Erkenntnis stellen, dass die Realität vielleicht nicht ganz mit ihrer fiktiven Verehrung von The Ark mithalten kann.

Zur Erzählweise: Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Angel Rahimi und das Objekt ihrer Anbetung – Jimmy Caga-Riggi. Erzählt wird die Handlung entsprechend auch immer abwechselnd aus Sicht der beiden. Während Angel mit ihrer Vorfreude und ihren übersteigerten Erwartungen an die Konzertwoche beschäftigt ist, haben Jimmy und seine beiden Bandkollegen mit den Folgen von Ruhm, Druck in der Musikbranche und dem Verhalten der Fangirls zu kämpfen. Während Jimmy ein ruhiger und sensibler introvertierter junger Mann ist, der von einer Angststörung geplagt wird, ist Angel extrovertiert, laut, redefreudig und teilweise sehr um sich selbst kreisend, was vor allem in ihrem Verhalten gegenüber Juliet und Mac auffällt. Während sie trotzdem ein charmanter und spannender Charakter ist, fand ich sie deswegen trotzdem manchmal etwas anstrengend. Jeder der sich schonmal in Fan-Kosmos eines Superstars oder einer Band bewegt hat, wird viele der Themen und Verhaltensweisen im Buch sofort wiedererkennen und die Autorin erweckt dieses spezielle Universum mit ganz viel Authentizität und Detailfreude zum Leben. Die Geschichte hat mir deswegen ganz hervorragend gefallen, auch wenn die Entwicklung der Geschehnisse im 2. Teil vielleicht nicht ganz realistisch ist (man darf aber nicht vergessen, dass es sich primär um ein Buch für Jugendliche handelt).

Zum Hörbuch: Da die Geschichte abwechselnd von zwei Personen erzählt wird, hat das Hörbuch auch zwei Sprecher – Pegah Ferydoni und Jacob Weigert – die auch wirklich hervorragend ausgewählt wurden. Pegah Ferydoni liest Angel mit einer Lebhaftigkeit, die perfekt zu deren sprudeligen Extrovertiertheit passt (und das ganze Hörbuch sehr unterhaltsam und kurzweilig macht), Jacob Weigert liest den Jimmy ruhiger, aber ohne dass er deswegen im Vergleich zu Angel an Ausdruck verliert. Von dem her habe ich mich sehr darüber gefreut, dass ich das Buch als Hörbuch ausgewählt habe.

Insgesamt empfehle ich das Buch jedem Fan von Alice Oseman und vor allem auch jedem, der sich für Fankultur interessiert.

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Hörbuch-Tipp: „Die Schwester“ von Petra Johann

„Die Schwester“ von Petra Johann ist ein Krimi der auf den ersten Blick nicht besonders kreativ daher kommt. Im Mittelpunkt des Buches stehen zwei Schwestern: Mara und Lisa. Mara stand immer etwas im Schatten ihrer erfolgreichen und geliebten Schwester, schon als Kind konnte sie ihrer Mutter nichts recht machen, während Lisa alles zuflog. Und auch im Erwachsenenalter scheint diese Rollenverteilung zementiert: Lisa ist erfolgreiche Ärztin, hat einen liebevollen Mann und zwei Kinder, ein perfektes Zuhause mit einem perfekten Leben. Mara lebt von Tag zu Tag, mit zwei Mitbewohnern teilt sie sich eine Wohnung und verdient Geld mit Gelegenheitsjobs und einem OnlyFans Account auf dem sie relativ harmlose Bilder mit einem männlichen Publikum teilt. Trotz dieser etwas plakativen Rolle einer unsteten Anti-Heldin ist sie eine liebevolle Tante für ihren Nichten und Neffen und versteht sich inzwischen auch gut mit ihrer Schwester Lisa. Groß ist der Schock als diese nach einer beruflichen Tagung nicht wieder auftaucht. Während die Ermittlungen der Polizei aufgrund des mutmaßlich freiwilligen Verschwindens nur stockend in die Gänge kommen, ermittelt Mara auf eigenen Faust…

Die Sprecherin des Hörbuchs – Sarah Dorsel – hat mir sehr gut gefallen. Sie liest sehr dynamisch und lebhaft, so dass das Buch von der Atmosphäre her manchmal fast wie ein Hörspiel wirkt, etwas das sich bei einem unterhaltsamen Krimi besonders gut macht. Lediglich die Darstellung der Mara fand ich am Anfang etwas sehr „flapsig“, auch wenn es vermutlich zum Charakter passt. 

Die Geschichte hat mich durchaus überrascht, auch wenn einige Wendungen mit der Zeit für einen versierten Leser erraten werden können. Trotzdem ist die Geschichte, aber auch interessant, wenn man sich einige Dinge vorher denken kann und vor allem behandelt das Buch ein komplett anderes Thema als man von typischen Krimis gewohnt ist (das ich aus Spoilergründen hier nicht verraten möchte). 

Wenn man an dem Roman etwas kritisieren möchte, dann vielleicht die folgenden zwei Punkte: erstens, das Buch ist vielleicht kein Krimi im klassischen Sinne. Jemand der das erwartet könnte enttäuscht werden. Zweitens: einige Handlungsstränge und Beziehungen von Charakteren geraten im Laufe des Buches in den Hintergrund und die offenen Fäden werden nicht wirklich aufgelöst: so steht am Anfang des Buches die Beziehung von Mara und dem Polizisten Oliver stark im Mittelpunkt, doch am Ende spielt diese eigentlich überhaupt keine Rolle für die Handlung. Dies ließ mich etwas irritiert zurück.

Davon abgesehen, hat mir das Buch aber sehr gut gefallen, vor allem da es mal komplett andere Themen behandelt als andere Krimis.

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Hörbuch-Tipp: „Das Summen“ von Jordan Tannahill

„Das Summen“ von Jordan Tannahill hat mich wegen des ungewöhnliches Covers und der ebenso ungewöhnlichen Handlung angesprochen. Im Zentrum des Hörbuchs steht die Highschool-Lehrerin Claire. Sie führt ein ganz normales US-amerikanisches Vorstagdtleben, mit ihrem Mann Paul und ihrer 17-jährigen Tochter Ashley lebt sie in einem langweiligen Vorort und alles in ihrem Leben ist normal im Lot. Eines Tages hört sie ein komisches Hintergrundgeräusch, eine Art Summen, dass ihr den Schlaf raubt und dessen Ursprung sie sich nicht erklären kann. Zu ihrer Irritation kann ihre Familie es nicht hören und auch sonst niemand in ihrer Umgebung. Während Claire unter dem Summer psychisch und physisch leidet ist ihre Familie zunehmend genervt von ihrer Obsession damit. Als sich plötzlich herausstellt, dass Claires Schüler Kyle das Summen auch hören kann und Claire eine Gruppe Gleichgesinnter (oder besser Mitleidender?) findet, gerät Claires Leben immer mehr aus den Fugen.

Die erste Hälfte des Buches hat mir wirklich ganz hervorragend gefallen, die Geschichte wird im Nachhinein von Claire erzählt (nach einem tragischen Höhepunkt der am Anfang des Buches nur angedeutet wird) und ist trotz des ernstes Themas nicht schwer oder niederdrückend, sondern teilweise sogar etwas selbstironisch. Auch kann man Claires Verzweiflung und warum sie sich den anderen Menschen, die das Summen hören, anschließt kann man sehr gut nachvollziehen.

Etwas Schwierigkeiten hatte ich mit dem Übergang zur zweiten Hälfte des Buches, denn irgendwie war mir der Wechsel von einer harmlos wirkenden Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, zu einer abgedrifteten Sekte zu plötzlich, es bleibt für den Hörer irgendwie unklar wie und wann die Sache kippt, so dass auch die Eskalation am Ende irgendwie sehr plötzlich wirkt. Trotzdem hat mir das Buch alles in allem sehr gut gefallen, Thema, Atmosphäre und Idee sind sehr kreativ und gut umgesetzt. 

Gesprochen wird das Hörbuch von Marion Elskis, die das Buch lebhaft und mit einer gewissen sehr gut zum Text passenden Ironie liesst. Ihre Verkörperung von Claire war für mich sehr überzeugend, so dass man wirklich das Gefühl hat Claires Schilderungen der Ereignisse zuzuhören.

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Hörbuch-Tipp: „Julia und der Hai“ von Kiran Millwood Hargrave

„Julia und der Hai“ ist ein Kinderbuch von Kiran Millwood Hargrave, das ich mir als Hörbuch angehört habe. Empfohlen wird der Roman ab 10 Jahre, ich kann aber definitiv sagen, dass das Buch auch für Erwachsene absolut hörens- oder lesenswert ist. Julia zieht mit ihrer Familie für ein paar Monate in einen Leuchtturm auf den Shetland Inseln. Mit dabei der Vater, der Informatiker ist und am Leuchtturm etwas digitalisieren soll, die Mutter, die als Meeresbiologin arbeitet und für eine neuartige Forschung unbedingt einen Grönland-Hai finden will, sowie die Katze „Nudel“. Julia bewundert ihre Mutter sehr, die mit Leidenschaft für ihren Beruf brennt, allerdings noch auf die notwendige Finanzierung für ihre aktuelle experimentelle Forschung wartet.

Das Buch beginnt sehr positiv und liebenswert, Julias Familie streitet zwar auch mal, doch beide Eltern lieben Julia und das Familienleben ist von Offenheit und Humor geprägt. Julia ist zwar nicht begeistert davon monatelang in einem Leuchtturm zu leben, ohne Kontakt zu ihren üblichen Freunden, aber immerhin lernt sie im nahegelegenen Dorf den Jungen Kin kennen, so dass die Aussicht auf einen schönen Sommer plötzlich gar nicht mehr so schlecht scheint. Doch Kin hat Probleme mit einigen Jungen im Dorf und die Suche nach dem Grönland-Hai zeigt nach anfänglicher Euphorie auch keine Fortschritte. Schleichend verändert sich die Stimmung im Leuchtturm und Julias Leben wird zunehmend von Unsicherheit geprägt.

Die Geschichte behandelt für ein Kinderbuch so einige schwierige Themen, Mobbing, mentale Gesundheit und die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Julia ist ein spannender Charakter, so ist sie kein einfaches, rundum gutes und liebeswertes Kind, sie hat selbst Ecken und Kanten. Das Thema Mobbing wird in dem Buch sehr vielschichtig und nicht klischeehaft behandelt und auch die Geschichte um Julias Mutter ist außergewöhnlich und insgesamt hat mir das Buch wirklich gut gefallen, das zudem von Birte Schnöink sehr einfühlsam aus Sicht von Julia gelesen wird.

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Hörbuch-Tipp: „Roxy“ von Johann von Bülow

Johann von Bülow kenne ich als Schauspieler aus zahlreichen Deutschen Film- und Fernsehproduktionen. „Roxy“ ist sein Debütroman und der Roman hat mich mit seinem auffälligen Cover und dem Klappentext gleich angesprochen. Außerdem habe ich mit Hörbüchern, die von Schauspielern gelesen werden bisher immer sehr gute Erfahrungen gemacht. Und dabei enttäuscht auch Johann von Bülow nicht, er liest ausdrucksstark und kraftvoll und erweckt das Buch von der ersten Seite an zum Leben. Im Zentrum des Buches steht Marc, der auf dem Weg zur Beerdigung seines ehemals besten Freundes Roy ist. Während der Autofahrt zurück nach München lässt er sein Leben und seine Freundschaft mit Roy (der eigentlich Robert heisst) Revue passieren und nimmt die Hörer:innen mit in sein Erwachsen werden, dem Beginn seiner Karriere als Schauspieler und seine komplizierte Freundschafts-Beziehung zu Roy, die von viel Eifersucht und Unsicherheit geprägt war.

Der Anfang des Buches hat mir besonders gut gefallen, als Marcs frühe Kindheit als „Zugezogener“ in München geschildert wird, mit viel Humor und bayerischem Dialekt. Auch die Freundschaft mit Roy beginnt zu dieser Zeit. Leider kann das Buch im Mittelteil das Mitreissende vom Anfang nicht ganz behalten, auch die humorvollen Momente nehmen ab, als Marc älter und unsicherer wird. Immer steht er ein bisschen im Schatten von Roy und seinen anderen Freunden, weiß nicht so recht was er will, ganz anders als der arrogante und sehr von sich überzeugte Roy. Auf einem Trip mit den Kumpels nach Barcelona lernt Marc eine attraktive Fremde kennen, Carolin, von der er eine Weile geradezu besessen ist, auch wenn nichts daraus wird, da Marc viel zu schüchtern ist, um sie richtig kennen zu lernen. Als junger Theater-Schauspieler in Wiesbaden trifft er Carolin wieder. Kann er sie diesmal für sich gewinnen?

Für mich waren der Anfang und der letzte Teil des Hörbuches am Stärksten, wo das Buch sich wirklich auf die Beziehungen von Marc konzentriert. Der Teil wo die Jugend und jungen Erwachsenenjahre beschrieben wird, hatte für mich ein paar Längen. Trotzdem hat mir die Geschichte (von der auch eine Teile autobiografisch angehaucht sein dürften?) und auch das Hörbuch insgesamt sehr gut gefallen. 

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Hörbuch-Tipp: „Der Aufstieg“ von Amy McCulloch

„Der Aufstieg“ von Amy McCulloch ist ein Hörbuch-Thriller, den ich mir vor allem wegen der Hintergrund-Thematik ausgesucht habe, denn das Buch spielt in eisiger Höhe, auf einem 8000er, dem Manaslu in den Anden. Der Manaslu ist der achthöchste Berg der Welt und ich fand die Idee eines Thrillers im Bergsteiger-Milieu sehr spannend, da ich auch Interesse daran hatte, mehr darüber zu erfahren wie es ist einen solch hohen Berg zu besteigen. Eine kurze Recherche zur Autorin ergab, dass sie wohl auch definitiv weiß worüber sie schreibt, denn Amy McCulloch ist laut ihrer Biografie die jüngste Kanadierin der es gelang den Manaslu zu besteigen.

Im Mittelpunkt des Buches steht die junge Journalistin Cecily Wong. Sie bekam überraschend die einmalige Gelegenheit den Bergsteiger-Superstar Charles McVeigh zu interviewen, der es sich als Ziel gesetzt hat alle 14 Achttausender im Alpinstil (ohne Hilfsmittel) zu besteigen. Allerdings hat der Auftrag einen Haken: Cecily bekommt das Interview erst wenn sie gemeinsam mit Charles und seinem Team den Manaslu Gipfel erreicht. Diese einmalige Gelegenheit beruflich durchzustarten will sich Cecily nicht entgehen lassen, obwohl ihre eigene Bergsteiger:innen Karriere bisher vor allem durch Selbstzweifel und Misserfolge geprägt war. 

Mit im Team sind außer Cecily noch diverse Sherpas, der etwas mürrische aber erfahrene Guide Doug, eine Influenzerin, einige weitere Einzelkämpfer und natürlich Charles, der aber erst später zum Team stößt. Doch die Expedition scheint unter keinem guten Stern zu stehen, kaum im Base Camp angekommen, verunglückt ein Bergsteiger tödlich noch bevor es überhaupt losgeht. Und das ausgerechnet kurz nachdem er Cecily von einem anderen mysteriösen Todesfall bei einer früheren Expedition erzählt hat. Cecily hat kein gutes Bauchgefühl und je länger und höher die Expedition steigt, desto unheimlicher und bedenklicher werden die Geschehnisse.

Das Hörbuch hat auf jeden Fall meine Erwartungen mehr darüber zu erfahren wie eine 8000er-Besteigung abläuft voll erfüllt und hat mich in diesem Bereich auch sehr viel gelehrt und gleichzeitig hervorragend unterhalten. Ein zweiter großer Pluspunkt ist die Sprecherin Britta Steffenhagen, die die Geschichte sehr dynamisch, lebendig und mitreissend liest. Dank ihrer Performance habe ich das Hörbuch innerhalb kürzester Zeit verschlungen und hatte viel Spaß damit. Ob auch Thriller-Fans 100% zufrieden sind, ist die andere Frage. Die Autorin schrieb bisher vor allem Jugendbücher, „Der Aufstieg“ ist ihr erster Thriller für Erwachsene und ganz so düster und nervenzerreißend ist er dann aber doch nicht geraten. Auch kommen die meisten Neben-Charaktere etwas blass daher und auch sprachlich ist das Buch nicht immer gerade ein Meisterwerk (etwas amüsant wie oft Doug „mit düsterem Blick ein Zelt betritt“ oder „Das Herz in Cecilys Brust hämmert“). Wenn man aber keine überdurchschnittliche Thriller-Kost, sondern nur eine unterhaltsame Geschichte mit coolem Setting erwartet, kann das Buch hervorragend unterhalten.

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Hörbuch-Tipp: „Happy New Year“ von Malin Stehn

Heute möchte ich eines meiner Hörbuch-Highlights von 2022 vorstellen, den schwedischen Thriller „Happy New Year“ von Malin Stehn. Aufmerksam wurde ich auf das Hörbuch vor allem durch das sehr auffällige pinke Cover, das frisch und auffällig wirkt. Da auch der Klappentext nach etwas Abwechslung von typischer Thrillerkost (wie z.B. Serienmörder entführt und tötet Frauen) klang, griff ich zu und habe die Wahl auch nicht bereut.

Der Startpunkt des Thrillers ist eine Silvesterfeier in Malmö. Das Ehepaar Nina und Frederik sind bei ihren alten Jugendfreunden Lollo und Max eingeladen, während ihre 17-jährige Tochter Smilla zusammen mit Lollos und Max Tochter Jennifer das erste Mal im Zuhause von Nina und Frederik eine eigene Silvesterparty feiern dürfen. Nina hat ein schlechtes Bauchgefühl dabei, aber was soll schon passieren.
Während die Party der Erwachsenen aufgrund einiger betrunkenen Ausfälle von Max nicht besonders harmonisch ausfällt, kommt das böse Erwachen erst am Folgetag. Jennifer hat die Party der Teenager schon vor Mitternacht verlassen, kam aber nie zuhause an. Ihr Verschwinden ist ein Schock und warum verhält sich Frederik seit der Nacht so komisch? Das Buch schildert die Monate nach der verhängnisvollen Silvesternacht, aber auch einige Rückblicke, die die Beziehungen zwischen den Freunden und Familien erklären. Als Leser:in weiß man immer etwas mehr als die Charaktere, aber trotzdem gibt es noch viele Überraschungen und Wendungen.

Es ist natürlich immer schwierig zu sagen, ob einem ein Buch als Hörbuch oder selbst gelesen besser gefallen würde, da der Vergleich ja fehlt. Trotzdem ist „Happy New Year“ eins der Bücher, wo ich vermute, dass es als Hörbuch besonders gut zur Geltung kommt. Denn die Geschichte wird aus Sicht von 3 Personen erzählt – Frederik, Nina und Lollo – und entsprechend hat das Hörbuch auch 3 Sprecher, was dem ganzen sehr viel Dynamik verleiht und die ganze Geschichte sehr lebendig wirken lässt. Man kann sich sehr gut in die Personen hineinversetzen und die jeweiligen Perspektivenwechsel wirken sehr natürlich und authentisch.

Gibt es an dem Buch nun auch etwas zu kritisieren? Keine Kritik, aber für Fans von eher klassischen Spannungs-Thrillern (z.B. Sebastian Fitzek) ist das Buch eventuell nicht geeignet, denn es handelt sich eher um einen psychologischen Thriller, der den Fokus ganz auf die Geheimnisse und Abgründe hinter einigen eigentlich spießigen und bodenständigen Mittelstandsfamilien legt.
Außerdem sind die Charaktere allesamt nicht unbedingt Sympathieträger (vor allem die ich-bezogene und selbstgerechte Nina kann einem doch ganz schön auf die Nerven gehen), wer also gerne Bücher liest, bei denen er sich mit den Charakteren besonders gerne identifizieren oder mitleiden kann, ist vielleicht auch nicht 100% abgeholt. Aber davon abgesehen hat mich der Roman wirklich begeistert und extrem gut unterhalten.

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Ein notwendiger Tod“ von Anne Holt

„Ein notwendiger Tod“ ist der zweite Teil von Anne Holts neuer Krimireihe rund um die Detektivin Selma Falck. Da ich den ersten Teil schon als Hörbuch gehört habe, habe ich auch beim 2. Teil diese Form gewählt. Diesmal beginnt das Buch mit einem Schock für Selma Falck. Sie wacht orientierungslos und verwirrt in einer brennenden Hütte auf, aus der sie sich nur mit allerletzter Kraft befreien kann. Wie sie dorthin gekommen ist und wo sie ist, weiß sie nicht und auch als Leser:in erfährt man das erstmal nicht.
Denn schon springt das Buch einige Monate zurück, in einen Sommer wo noch alles soweit ok schien:
Nach ihrem Spielsucht-bedingten gesellschaftlichen und familiären Absturz hat sich Selma Falck inzwischen wieder einigermaßen berappelt, auch wenn das Verhältnis zu ihren Kindern und vor allem zu ihrer Tochter schwierig bleibt.
Letztere heiratet ihren Verlobten, einen rechtspopulistischen Meinungsbilder. Selma ist zur Hochzeit zwar eingeladen, doch an den Katzentisch verbannt. Von dort muss sie mit ansehen wie der frischvermählte Gatte ihrer Tochter bei einer Rede für die Gäste tot zusammenbricht. Gestorben an seiner Macadamia-Nuss-Allergie und das obwohl diese allen bekannt war und weit und breit keine Nüsse in Sicht waren.
Der Besitzer des Sterne-Restaurants, der die Hochzeit ausrichtete, beauftragt Selma damit, herauszufinden wie es zu dem Todesfall kommen konnte, um einen Imageschaden für sein Geschäft abzuwenden. Wirkt es erst so, als gäbe es gar keinen Fall, kommt Selma mit der Zeit unglaublichen Vorgängen auf die Spur…

Wie auch im ersten Fall zeichnet sich der Krimi vor allem dadurch aus, dass brandaktuelle gesellschaftspolitische Themen sehr anschaulich und spannend aufgegriffen werden, in diesem Fall die Verrohung des politischen Diskurses durch Fake News und Desinformation in den Sozialen Medien und die Radikalisierung der extremen rechten und linken politischen Ränder und die Frage wie eine demokratische Gesellschaftsordnung damit umgehen kann. Alles Themen die nicht nur in Norwegen eine Herausforderung darstellen. Der Kriminalfall birgt hierbei einige Überraschungen und das Buch hat mich wieder sehr gut unterhalten, auch Katja Bürkles ruhige, aber trotzdem nicht langweilige Vortragsweise passt sehr gut zu dieser typisch nordischen Krimireihe.

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Hörbuch: „I kissed Shara Wheeler“ von Casey McQuiston

„I kissed Shara Wheeler“ ist ein Young Adult Hörbuch von Casey McQuiston, das eine humorvolle queere Liebesgeschichte erzählt und mir vor allem wegen des bunten Covers in Auge stach. Hauptperson des Buches ist Chloe, die mit ihren beiden Müttern im liberalen Kalifornien aufgewachsen ist, aber nach dem Tod der Großmutter zurück in den Heimatstaat ihrer einen Mutter zog, ausgerechnet ins stockkonservative Alabama. Dort eckt Chloe zwar oftmals (auch absichtlich) an, ist aufgrund ihres Ehrgeizes und ihrer herausragenden Noten aber trotzdem kurz davor die High School als Jahrgangsbeste abzuschließen. Zwischen ihr und dem Triumph steht nur Shara Wheeler, blond, intelligent, beliebt, wunderschön und Tochter des Schuldirektors. Mit ihr steht Chloe in leidenschaftlicher Konkurrenz. Nur wenige Wochen vor dem Schulabschluss passiert dann das Unfassbare: Shara küsst Chloe und verschwindet am nächsten Tag spurlos, hinterlässt aber merkwürdige Botschaften auf Notizzetteln. Zusammen mit Shara’s Freund und dem Nachbarsjungen Rory versucht Chloe widerwillig rauszufinden was für ein Spiel Shara spielt.

So weit die Story des Buches, das einige gute Ansätze hat, mich aber insgesamt leider nicht 100% überzeugt hat. Mein erstes Problem mit dem Buch ist, dass sich die Handlung doch ein bisschen sehr in Grenzen hält, Als Leser:in weiß man eigentlich nie so richtig warum Shara eigentlich verschwunden ist, warum Chloe sie überhaupt sucht und auch die Auflösung des ganzen bleibt irgendwie nicht besonders nachvollziehbar. Zweitens funktioniert das Buch als Liebesgeschichte finde ich nicht so richtig, denn eine Chemie zwischen Shara und Chloe kommt eigentlich nie so richtig auf. Das ist eigentlich auch nicht so richtig verwunderlich, ist Shara doch mehr als 70% des Buches (ich hab auf die Hörbuch Fortschrittsanzeige geschaut) verschwunden und wird nur aus Sicht von Chloe charakterisiert, die aber kein gutes Haar an ihr lässt (was vermutlich unterdrückte sexuelle Anziehung rüberbringen soll, es aber eher nicht tut). 

Erst gegen Ende des Buches treffen Shara und Chloe tatsächlich wieder aufeinander, weswegen dieser Teil des Buches mir auch am Besten gefallen hat. 

Die Sprecherin des Hörbuches las für meinen Geschmack auch etwas zu konfrontativ und hart, was Chloe vielleicht noch etwas kratzbürstiger rüberkommen liess als ihr Charakter angelegt war, eventuell hätte man mit einer etwas „weicheren“ Sprecherin ein anderes Bild von Chloe bekommen?

Das klingt jetzt alles sehr negativ, trotzdem hatte das Buch gute Ansätze und war unterhaltsam, Romantik kam für mich aber zu wenig auf.

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Brunnenstrasse“ von Andrea Sawatzki

Das Hörbuch „Brunnenstrasse“ von Andrea Sawatzki habe ich mir ausgesucht, da ich Andrea Sawatzki als Schauspielerin schon immer sehr interessant finde. Außerdem mag ich autobiografische Bücher sehr gerne. Bei „Brunnenstraße“ handelt es sich aber nicht um eine komplette Autobiografie, sondern das Buch behandelt lediglich einen relativen kurzen – aber dafür um so einschneidenderen Abschnitt von Andrea Sawatzkis Kindheit und Jugend, nämlich primär die Jahre in denen sie mit ihrer Mutter den demenzkranken Vater betreute. Deswegen ist das Hörbuch auch nur etwas unter 4 Stunden lang. Andreas Kindheit ist ungewöhnlich, sie wurde die ersten Jahre von ihrer Mutter alleine aufgezogen, denn Andreas Vater war noch mit seiner ersten Ehefrau verheiratet, Andreas Mutter war seine Geliebte gewesen. Dieser einführende Teil des Buches lässt einen erschreckende Einblicke gewinnen, wie es in den späten 1960ern war, wenn man ein uneheliches Kind zur Welt brachte, aus heutiger Sicht unvorstellbar (so lebte Andrea ihr erstes Lebensjahr auf der Säuglingsstation eines Krankenhauses, da es ihrer Mutter, die eine Ausbildung zur Krankenschwester machte, nicht erlaubt war, das Kind mit ins Schwesternwohnheim zu nehmen. Es sollte nicht der Eindruck erweckt werden, dass dieser Lebensstil „in Ordnung“ sei). Trotzdem war Andrea in diesen ersten Lebensjahren im schwäbischen Vaihingen/Enz zufrieden. Doch ihre Mutter hatte die Hoffnung nie aufgegeben, doch noch mit Andreas Vater zusammen zu leben. Nach dem Tod von dessen Ehefrau wurde dieser Traum wahr. Doch leider erwies er sich nach relativ kurzer Zeit eher als Alptraum. Denn anstatt die Familie versorgen zu können, wurde Andreas Vater selbst zum Pflegefall.

Die Erinnerungen von Andrea an ihre Kindheit und die Zeit mit ihrem dementen Vater wird in kurzen Kapiteln erzählt, die einzelne nicht immer zeitlich linear erzählte Episoden aus Andreas Kindheit bevor sie zu ihrem Vater zog enthalten, sowie parallel ein grob chronologisches Fortschreiten von dessen „Verfall“. Der Ton ist dabei nüchtern und eindringlich, gepaart mit den Teils erschreckenden und erschütternden Vorgängen ist das Buch in Teilen harter Tobak, aber mir hat der sehr direkte Erzählstil gut gefallen, auch wenn es vor allem schwer ist nachzuvollziehen warum Andrea’s Mutter ihrer Tochter diese ein Kind völlig überfordernde Aufgabe so zumutete. 

Das Buch endet fast direkt mit dem Tod von Andreas Vater. In einigen Rezensionen habe ich gesehen, dass kritisiert wurde, dass Andrea Sawatzki wirklich nur nüchtern diese wenigen Jahre beschreibt, ohne nähere Infos wie sie es schaffte über diese Zeit hinweg zu kommen und sich zu der Frau zu entwickeln, die sie heute ist. Allerdings finde ich diese Kritik nicht berechtigt, denn mir war von Buchbeschreibung und Umfang völlig klar, dass diese Autobiografie sich nur mit einem Abschnitt der Lebensgeschichte beschäftigt.

Gelesen wird das Hörbuch von Andrea Sawatzki selbst, was sie wie von mir erwartet ganz hervorragend macht. Das Buch ist absolut lesens- und hörenswert, allerdings darf man keine „Feel-Good“-Geschichte erwarten.