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Krimi-Tipp: „Verlogen“ von Eva Björg Ægisdóttir

„Verlogen“ ist der 2. Band der Krimi-Reihe von Eva Björg Ægisdóttir rund um die Polizistin Elma. Da mir schon der erste Band ausnehmend gut gefallen hat, freute ich mich sehr auf dieses Buch und wurde auch diesmal nicht enttäuscht. 

Elma ist nach dem Tod ihres Verlobten zurück in ihre Heimatstadt Akranes gezogen und ermittelt dort in der kleinen Polizeistation zusammen mit ihrem Kollegen Sævar und dem Chef Hörður. Wie in jedem Island-Krimi ist die Anzahl der Mordfälle für so ein kleines Land bzw. so eine kleine Stadt nicht besonders realistisch, was aber natürlich dem Lesevergnügen keinen Abbruch tut (und auch für die meisten Regionalkrimi-Reihen genauso zutreffen dürfte). In diesem Band wird eine Leiche in einer Höhle in einem Lavafeld gefunden, dabei handelt es sich um Marianna, eine alleinerziehende Mutter, die vor einigen Monaten verschwunden ist und bei deren Tod ein Selbstmord vermutet wurde. Nun aber ist klar, dass Marianna brutal erschlagen wurde und Elma und ihr Team müssen herausfinden wer dahinter steckt. Marianna war schon öfters im Visier des Jugendamts und ihre 15-jährige Tochter Hekla lebt schon seit Jahren zeitweise bei einer Pflegefamilie. Hat Mariannas Tod mit dieser komplizierten Familiendynamik zu tun oder war es vielleicht eine Beziehungstat? 

Elma und Sævar befragen Mariannas Umfeld und versuchen Licht ins Dunkel zu bringen. Dabei handelt es sich bei dem Buch um einen psychologischen Ermittlungskrimi, der wie die meisten Krimireihen durch etwas Privatkram der Ermittler aufgelockert wird, was aber in dieser Reihe nie überhand nimmt und sehr schön in die Geschichte integriert ist. Thriller-artige Action und Hochspannung a la Sebastian Fitzek darf man in dieser Reihe nicht erwarten, aber wer es gerne raffiniert und tiefgründig mag und Geschichten mag, wo die Familienbeziehungen und das Innenleben der Charaktere im Mittelpunkt stehen, macht mit dieser Reihe nichts falsch. Eine besondere Dynamik und einige Überraschungen entfaltet dieser Band durch den kreativen Wechsel an Erzählperspektiven.

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Buch-Tipp: „Paradise Garden“ von Elena Fischer

„Paradise Garden“ von Elena Fischer ist eines der Bücher, das ich mir von der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2023 rausgesucht habe. Im Mittelpunkt des Romans steht die 14-jährige Billie, die mit ihrer Mutter Marika in einer eher tristen Hochhaussiedlung lebt. Über ihren Vater weiß Billie nichts und auch über die Lebensgeschichte ihrer Mutter in ihrem Heimatland Ungarn liess ihre Mutter sie im Dunkeln. Obwohl Billie und ihre Mutter nicht viel Geld haben, sind sie ein Herz und eine Seele, haben liebe Nachbarn und träumen davon in den gerade begonnenen Sommerferien endlich mal in Urlaub zu fahren. Doch gerade als dieser Traum tatsächlich in Erfüllung zu gehen scheint, taucht Billies Großmutter überraschend in Deutschland auf und Billies Leben nimmt eine tragische Wende, nach der sie sich auf die Suche nach ihrem Vater macht.

Der Ton des Romans ist leicht, direkt und locker und schafft es, dass man sich als Leser*in sofort in das Leben der 14-jährigen Billie hineinversetzt fühlt. Die Geschichte an sich ist natürlich traurig, aber niemals düster oder hoffnungslos, Billie ist sicher eine der sympathischsten Hauptfiguren, die mir dieses Jahr beim Lesen begegnet sind. Der Autorin gelingt es ganz hervorragend eine authentische, vielschichtige und berührende Familiengeschichte zu erzählen, in der es kein Schwarz und Weiss gibt, sondern in der fast alle Personen irgendwie Verständnis erzeugen. 

Zusammen mit der wirklich wundervollen Sprache, ist der Roman einfach rundum gelungen und hat die Buchpreis Nominierung aus meiner Sicht definitiv verdient. Möchte man unbedingt etwas kritisieren, würde ich sagen, dass es im letzten Teil eine Szene gab, die ich doch für mich persönlich etwas zu „märchenhaft“ fand und wo die Linie zwischen Fantasie und Wirklichkeit kurz verschwamm, was die Geschichte meiner Meinung nach gar nicht nötig hat. Das ist aber wirklich nur eine Kleinigkeit, die dem Roman keinerlei Abbruch tut. 

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Buch-Tipp: „Risse“ von Angelika Klüssendorf

Das Genre der Autofiktion (ein autobiografischer, aber teils fiktionaler Roman) erfreut sich seit einiger Zeit steigender Beliebtheit bei Autor*innen, aber auch bei Leser*innen. Angelika Klüssendorf kann vielleicht durchaus als Vorreiterin dieses Genres angesehen werden, erregte sie doch vor 20 Jahren Aufmerksamkeit mit ihrem Roman „Das Mädchen“ über ihre schwierige Kindheit in DDR mit einer tyrannischen Mutter, Armut, Vernachlässigung und Heimerfahrungen. Das Buch habe ich damals gelesen und es hat mir auch sehr gut gefallen. „Risse“ (das es auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte) ist nun sozusagen eine Erweiterung des damaligen Romans, in 10 Geschichten werden weitere Episoden aus dem Leben des Mädchens erzählt, Erfahrungen mit der Mutter, Erfahrungen mit dem sprunghaften und alkoholkranken Vater und Erfahrungen aus dem Leben im Heim.

Am Ende jedes Kapitels gibt es eine kurze kursiv geschriebene Einordnung der Geschichte, die mehr über die dahinter liegende Beziehungen verrät und auch zumindest kleinere Hinweise, was von den Geschichten wirklich Autobiografie war und was fiktional verändert. Trotzdem bleibt bei dieser Art Roman natürlich immer eine Unsicherheit, was der Wucht und Kraft der Geschichten aber natürlich auch keinen Abbruch tut, auch als reine Erfinderungen wären sie literarisch außergewöhnlich stark. Ich denke, dass es deswegen auch egal ist ob man „Das Mädchen“ jeweils gelesen hat, die Geschichten sind auch für sich ganz allein stehend unheimlich berührend und einfühlsam, allerdings natürlich auch keine leichte Kost und deswegen für sehr sensible Menschen sicher nicht unbedingt empfehlenswert.

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Buch-Tipp: „Übertretung“ von Louise Kennedy

„Übertretung“ von Louise Kennedy spielt im Nordirland der 1970er Jahre. Die junge Katholikin Cushla lebt mit ihrer alkoholkranken Mutter zusammen, ist Lehrerin an einer Grundschule und abends hilft sie gelegentlich ihrem Bruder Eamonn beim Bedienen in seinem Pub, der aufgrund seiner Lage überwiegend von protestantischen Besuchern besucht wird. Als sie sich in den viel älteren und protestantischen Anwalt Michael verliebt und parallel in die familiären Probleme ihres kleinen Schülers Davy hineingezogen wird, nimmt ihr Leben eine turbulente Wende…

Ich habe schon einige Bücher über den Nordirlandkonflikt gelesen (und auch einige Serien geschaut, die in dieser Zeit spielen) und für mich ist dieser Konflikt (was eigentlich eine recht beschönigendes Wort für einen blutigen Bürgerkrieg ist) ein hervorragendes Beispiel dafür, wie fragil unser „zivilisiertes“ Zusammenleben in Europa nicht nur aktuell ist, sondern schon immer war, auch in Zeiten von Wohlstand und „relativem“ Frieden. Dieser Roman versetzt einen direkt zurück in eine Zeit, wo Nachbarn sich wegen ihrer Religionszugehörigkeit misstrauisch beäugten, verprügelten oder gar töteten. Wo Repressalien, willkürliche Kontrollen und Bombenattentate an der Tagesordnung waren und man am Besten vor dem Einsteigen immer unters Auto schaute. 

Im Roman bleibt dieser Konflikt immer präsent, aber trotzdem erstmal im Hintergrund. Im Mittelpunkt steht Cushlas Gefühlsleben, ihr schwieriges Zusammenleben mit der Mutter, ihr emotionales Engagement als Lehrerin und ihr turbulentes Liebesleben, in dem sie versucht sich mit ihrer Rolle als Geliebte moralisch zu arrangieren. Im Mittelteil fand ich den Roman vom Erzähltempo teilweise etwas langsam, doch das Ende macht dann alles wieder wett, die Geschichte entwickelt sich zu einem Höhepunkt der mitreissend und tragisch und richtig stark ist. Insgesamt deswegen für mich ein sehr bewegendes Buch mit authentischen Charakteren. 

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „I was born for this“ von Alice Oseman

Heute möchte ich ein sehr unterhaltsames Young Adult Hörbuch vorstellen: „I was born for this“ von Alice Oseman. Die Autorin ist vielen Leser:innen und Hörer:innen sicher vor allem durch ihre Heartstopper Comics und die zugehörige Netflix Verfilmung bekannt. Ich selbst liebe diese Reihe auch, „I was born for this“ spielt aber in einem ganz anderen Kosmos. Im Mittelpunkt steht die junge Fereshteh „Angel“ Rahimi, die gerade die Schule abgeschlossen hat. Ihre Eltern möchten, dass sie an der Abschlussfeier teilnimmt, doch Angel hat anderes im Sinn: sie ist ein leidenschaftliches Fangirl der beliebten Boyband „The Ark“ und in dieser Woche sollen ihre großen Träume wahr werden. Sie fährt nach London und trifft zum ersten Mal ihre beste Online-Freundin Juliet. Die beiden möchten zu ihrem ersten The Ark Konzert inkl. Meet and Greet gehen und Angel widr somit auch das erste Mal ihren absoluten Liebling der 3 Boyband-Mitglieder sehen: Jimmy Caga-Ricci. Doch so groß Angels Erwartungen sind, so enttäuschend entwickelt sich alles auf den ersten Blick: Juliet hat noch einen anderen Online-Freund eingeladen, Mac, von dem Angel noch nie etwas gehört hat und scheint mehr an der Anbandelung einer Liebesbeziehung interessiert zu sein als an The Ark oder Angel. Und auch das ersehnte Meet & Greet mit The Ark entwickelt sich nicht wie erwartet. Angel muss sich bald der Erkenntnis stellen, dass die Realität vielleicht nicht ganz mit ihrer fiktiven Verehrung von The Ark mithalten kann.

Zur Erzählweise: Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Angel Rahimi und das Objekt ihrer Anbetung – Jimmy Caga-Riggi. Erzählt wird die Handlung entsprechend auch immer abwechselnd aus Sicht der beiden. Während Angel mit ihrer Vorfreude und ihren übersteigerten Erwartungen an die Konzertwoche beschäftigt ist, haben Jimmy und seine beiden Bandkollegen mit den Folgen von Ruhm, Druck in der Musikbranche und dem Verhalten der Fangirls zu kämpfen. Während Jimmy ein ruhiger und sensibler introvertierter junger Mann ist, der von einer Angststörung geplagt wird, ist Angel extrovertiert, laut, redefreudig und teilweise sehr um sich selbst kreisend, was vor allem in ihrem Verhalten gegenüber Juliet und Mac auffällt. Während sie trotzdem ein charmanter und spannender Charakter ist, fand ich sie deswegen trotzdem manchmal etwas anstrengend. Jeder der sich schonmal in Fan-Kosmos eines Superstars oder einer Band bewegt hat, wird viele der Themen und Verhaltensweisen im Buch sofort wiedererkennen und die Autorin erweckt dieses spezielle Universum mit ganz viel Authentizität und Detailfreude zum Leben. Die Geschichte hat mir deswegen ganz hervorragend gefallen, auch wenn die Entwicklung der Geschehnisse im 2. Teil vielleicht nicht ganz realistisch ist (man darf aber nicht vergessen, dass es sich primär um ein Buch für Jugendliche handelt).

Zum Hörbuch: Da die Geschichte abwechselnd von zwei Personen erzählt wird, hat das Hörbuch auch zwei Sprecher – Pegah Ferydoni und Jacob Weigert – die auch wirklich hervorragend ausgewählt wurden. Pegah Ferydoni liest Angel mit einer Lebhaftigkeit, die perfekt zu deren sprudeligen Extrovertiertheit passt (und das ganze Hörbuch sehr unterhaltsam und kurzweilig macht), Jacob Weigert liest den Jimmy ruhiger, aber ohne dass er deswegen im Vergleich zu Angel an Ausdruck verliert. Von dem her habe ich mich sehr darüber gefreut, dass ich das Buch als Hörbuch ausgewählt habe.

Insgesamt empfehle ich das Buch jedem Fan von Alice Oseman und vor allem auch jedem, der sich für Fankultur interessiert.

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Krimi-Tipp: „Düstergrab“ von Romy Fölck

„Düstergrab“ ist schon der 6. Teil der Krimi-Reihe von Romy Fölck rund um Kommissarin Frida Paulsen. Mir haben bisher alle Teile dieser Krimi-Reihe sehr gut gefallen und ich kann vorab sagen, dass mich auch der neueste Band absolut nicht enttäuscht hat. Ganz im Gegenteil, er hat mir sogar vielleicht von der ganzen Reihe bisher am Besten gefallen. Denn der Kriminalfall, bzw. die Kriminalfälle fand ich diesmal besonders interessant und auch sehr kreativ. Zum Inhalt: Die Kommissarin Frida hat gerade erst der Beerdigung eines alten Schulfreundes beigewohnt, da überschlagen sich die Ereignisse: das Grab ihres Schulfreundes wird geschändet und eine weitere Leiche zu ihm in den Sarg gelegt. Gerade als Frida und ihr Kollege mit den Ermittlungen beginnen wird dieser auf offener Straße angeschossen und im Kommissariat geht alles drunter und drüber…

Man könnte denken, dass zwei komplett unterschiedliche Handlungsstränge vielleicht etwas zu viel des Guten sein könnten, aber Romy Fölck gelingt der Spagat, so dass zwei unterschiedliche Ermittlungen parallel erzählt werden und beide sind sehr spannend. Dazu kommt natürlich auch noch so einiger privater Kram von Fridas Familie, Freunden und dem Kollegenpreis, aber auch da schafft die Autorin es alles unter einen Hut zu bekommen. Nur ganz am Ende sind einige Überraschungen dann vielleicht doch ein ganz kleines bisschen unerwartet und übertrieben, allerdings war das für mich wenn überhaupt ein ganz kleiner Wermutstropfen. Insgesamt ein spannender Krimi mit sympathischen und interessanten Charakteren und eine Reihe, die bisher mit gleichbleibender Qualität überzeugt.

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Buch-Tipp: „Enid Blyton. Geheimnis hinter grünen Hecken – von Maria Regina Kaiser“

Das Buch „Enid Blyton. Geheimnis hinter grünen Hecken“ von Maria Regina Kaiser hat mich zuerst mal überrascht, da ich beim ersten Lesen des Klappentextes etwas unaufmerksam war und nicht bemerkte, dass es sich bei dem Buch um eine Romanbiografie handelt. So erwarte ich zunächst eine Sachbuch-Biografie. Mein Irrtum wurde mir aber schon beim Lesen des Prologs klar und inzwischen habe ich auch recherchiert, dass die Autorin auf Romanbiografien spezialisiert ist und zum Beispiel auch schon welche über Selma Lagerlöf und Astrid Lindgren geschrieben hat. 

Enid Blyton ist eine Autorin, die in meiner Kindheit definitiv eine große Rolle gespielt hat, habe ich doch einige ihrer Bücherreihen mit Begeisterung verschlungen, vor allem die „Abenteuer“-Reihe, Fünf Freunde, sowie die Internatsgeschichten rund um Hanni und Nanni und Dolly. Ich vermute die meisten lesebegeisterten Kinder aus meiner Generation dürften mit Enids Büchern mehr als vertraut sein. 

Über ihr Leben wusste ich aber bisher noch nicht allzu viel (bis auf einige vagen Berichte darüber, dass sie kein besonders gutes Verhältnis zu ihren eigenen Kindern bzw. ihrer jüngeren Tochter hatte). Dass ich sehr unwissend mit der Romanbiografie begann, war sicher eine sehr gute Sache, denn so war fast alles im Buch neu für mich.

Das Buch erzählt in teils etwas sprunghaften Episoden in eher einfacher Sprache aus Enids Leben, beginnend mit ihrer frühen Kindheit bis hin zu ihrem Tod. Und dieses Leben war definitiv interessant, außergewöhnlich und Enids durchaus etwas turbulentes Privatleben hätte vielleicht ein noch deutlich längeres Buch füllen können ohne im Geringsten langweilig zu werden. Die große Stärke der Romanbiografie liegt für mich darin, dass sie sehr sehr kurzweilig und unterhaltsam ist und man sich wirklich direkt ins Leben von Enid versetzt fühlt, der Autorin gelingt es hervorragend Enid Blyton zum Leben zu erwecken und dem Leser einen Einblick in ihrer teils sicher etwas schwierigen und widersprüchlichen Charakter zu geben. Trotzdem hätte ich mir manchmal eine vielleicht minimal tiefgründigere oder poetischere Sprache gewünscht, das ist aber Geschmacksache und nur eine Kleinigkeit.

Natürlich ist es bei so einer Romanbiografie immer etwas schwer zu sagen, wo die Fakten aufhören und Fiktion anfängt, parallele Recherchen zum Buch haben aber gezeigt, dass alle Episoden, die im Buch vorkommen, wohl weithin bekannt waren (weswegen ich denke, dass jemand der mit Enids Leben schon sehr vertraut ist, vermutlich nicht viel „Neues“ im Buch lernen wird, aber dennoch vermutlich sehr gut unterhalten wird). Ich fand es auch sehr spannend durch das Buch mehr über Enids Ehemänner, potentielle lesbische Affäre(n), Kinder und sonstigen Weggefährten zu erfahren. Auch super spannend fand ich zu erfahren, wie viel an Enids Werk bei der Übersetzung ins Deutsche verändert wurde, auch über diese Aspekte klärt dieses Buch nebenher und vor allem im Nachwort auf. 

Ich finde es sehr interessant, dass es bei Kinderbüchern oft eine sehr emotionalisierte Debatte darüber gibt, was für Kinder „geeignete“ Inhalte sind (als ob Kinder nicht selbst denken können und sich nicht selbst eine eigene Meinung bilden können), dass Kinderbuchautor*innen oft nicht ernst genommen werden und ihre Bücher frei umgeschrieben, anders zusammengestellt und weiter geschrieben werden und die Autor*innen aber gleichzeitig kritisiert werden und wurden, wenn sie nicht literarisch und gesellschaftlich relevant genug schreiben. Und das obwohl man ihnen oftmals zumindest in der Vergangenheit nicht genauso viel Respekt zollt wie Autor*innen, die primär für Erwachsene schreiben.

Was im Buch nicht wirklich im Mittelpunkt steht, ist die Entstehung von Enids Büchern und ihre Figuren und Inhalte, wer auf der Suche nach einer detaillierten Werksbiografie ist, ist mit diesem Buch nicht an der richtigen Adresse. Abgerundet wird das Buch dafür mit einem ausführlichen Nachwort zur Einordnung, Glossar, Personen- und Haustier(!)-Register und einer ausführlichen Zeitleiste. 

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Buch-Tipp: „Die Einladung“ von Emma Cline

Emma Cline machte vor einigen Jahren mit ihrem Debütroman „The Girls“ von sich reden. Da mir dieses Buch sehr gut gefallen hatte, wollte ich mir auch das neueste Werk der Autorin – „Die Einladung“ – nicht entgehen lassen.

Im Mittelpunkt der Geschichte, die sich innerhalb weniger Tage abspielt, steht die 22-jährige Alex. Alex ist nicht gerade ein Hauptcharakter mit dem man sich direkt identifizieren kann, keine typische Sympathieträgerin, denn wie schnell klar wird: Alex Strategie besteht bisher mehr oder weniger daraus sich mit Hilfe von Charme durchs Leben durch zu schnorren (und gelegentlich auch einfach etwas mitgehen zu lassen). Relativ schnell lässt sich erahnen, das Alex die letzten Jahre als Escort-Dame (im besten Fall) gearbeitet hat, was aber nur kurzfristig von Erfolg gekrönt war. Zum Zeitpunkt des Romanstarts zeigen sich erste Risse in der jungen und schönen Fassade, die Kunden bleiben aus, Alex Charme scheint immer weniger Eindruck zu machen und ihre Mitbewohner werfen sie raus, nachdem sie die Miete nicht mehr zahlen konnte. Als wäre das nicht genug ist Alex Ex-Freund hinter ihr her (warum erschließt sich erst im Laufe des Buches).

Alex setzt nun alles auf eine Karte: auf Simon, ihr gut situierten viel älteren Liebhaber, für den Alex versucht die Rolle der perfekten Freundin zu spielen, so überzeugend, dass sie fast schon selbst glaubt, tatsächlich in Simon verliebt zu sein. Alex verbringt am Anfang des Buches die Tage in den Hamptons: während Simon arbeitet liegt sie am Strand, abends begleitet sie ihn als perfekt gestyltes Accessoire zu Parties seiner reichen Freunden…Ihr Ziel dabei: ihren Status als Simons Lebensgefährtin zementieren. Doch da das Chaos Alex folgt und sie letztendlich immer in irgendein Fettnäpfchen tritt, passiert das Unvermeidliche: Simon wirft sie raus und sie steht vor dem Nichts, ohne Unterkunft und ohne Perspektive. Zurück nach New York kann sie wegen ihres Ex-Freundes nicht. Doch sie ist überzeugt Simons Gunst auf seiner großen Party am kommenden Samstag zurück gewinnen zu können, nur die knappe Woche bis dahin muss sie irgendwie rumkriegen. Darauf folgt eine Odyssee in der Alex Tag für Tag neue Wege finden muss, die Reichen und Schönen für sich einzunehmen.

Das Buch liest sich auch tatsächlich ein bisschen wie in einem Sog, durch den man auch als Leser:in irgendwie unkontrolliert treibt, ein wilder Ritt durch Alex Tage, mehr ein Lebensgefühl als eine lineare Geschichte. Und Alex Kontrollverlust und die Ungewissheit wird so spürbar, dass es fast beklemmend ist, trotzdem hat das Ganze auch irgendwie etwas Tragik-Komisches und Alex (über deren persönlichen Hintergrund man erstaunlich wenig erfährt) wächst einem trotz aller ihrer Ecken und Kanten und fragwürdigen Entscheidungen irgendwie ans Herz.

Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, es ist sehr außergewöhnlich und mal etwas ganz anders. Trotzdem hätte ich mir manchmal gewünscht etwas mehr über den Menschen Alex zu erfahren, auch wenn die Geschichte sicher absichtlich aus stilistischen Gründen so episodenhaft und ohne Hintergründe geschrieben wurde. Wer gut mit Ungesagtem und offenen Enden zurecht kommt, wird auf jeden Fall eine sehr besondere Milieustudie zu lesen bekommen.

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Buch-Tipp: „Wandering Souls“ von Cecile Pin

„Wandering Souls„ von Cecile Pen hat mein Interesse geweckt, da es die Geschichte einer vietnamesischen Einwanderer-Familie erzählt. Teile der Geschichte beruhen lose auf der Familiengeschichte der Autorin. Ich habe dieses Jahr schon einige Bücher von und über asiatischen Einwanderern gelesen, teils Romane und auch eine Autobiografie, die mir sehr gut gefallen haben und dieser Roman klang ebenfalls sehr besonders. Ich kann sagen, dass ich auf keinen Fall enttäuscht wurde, ich würde sogar sagen „Wandering Souls“ ist eines der absoluten Highlights meines Lese-Jahres 2023.

In den 70-er Jahren lebt die 16-jährige Anh mit ihrer 7-köpfigen Familie in Vietnam. Der Krieg ist überstanden, doch Anhs Eltern träumen von einer Flucht in die USA, hat Anhs Onkel diese doch schon erfolgreich geschafft. Anh und ihre beiden Brüder Minh und Thanh werden als ältere Kinder von den Eltern vorausgeschickt, ihre Eltern wollen mit den drei jüngeren Geschwistern nachkommen. Doch während Anh und ihre Brüder es in ein Übergangslager in Hongkong schaffen, stirbt der Rest der Familie auf dem Weg dorthin und Anh kann nur noch ihre toten Körper identifizieren. Von heute auf morgen ist die 16-jährige das Familienoberhaupt und für ihre beiden Brüder verantwortlich. Statt in den USA landen die 3 Geschwister in England und müssen sich ohne Familie dort ein Leben aufbauen.

So traurig die Geschichte, so wundervoll der Roman. Zugleich sprachlich einfach und präzise und trotzdem sehr poetisch wird die Geschichte von Anh erzählt, wie sie mit Pragmatismus und Verantwortungsbewusstsein ihren Weg findet und trotz aller Enttäuschungen immer noch vorne schaut. Der Lebensweg der Geschwister behandelt überwiegend die Flucht, der Weg zum Erwachsenwerden, aber die Leser:innen erfahren auch was aus der Familie geworden wird und ob mit so einer Lebensgeschichte Friede zu finden möglich ist. 

Eine absolute Leseempfehlung für ein wundervoll einfühlsames Buch. 

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Buch-Tipp: „Idol in Flammen“ von Rin Usami

„Idol in Flammen“ von Rin Usami, einer talentierten 21-jährigen Autorin aus Japan, ist ein kompakter Roman von nur 128 Seiten. Mein Interesse hat er wegen der Thematik geweckt, denn es geht in dem Buch um eine jugendliche Schülerin, die besseser Fan von einem Mitglied einer J-Pop Band ist. Als Eiskunstlauf-Fan ist mir schon lange bekannt, dass asiatische Fans oft eine ganz andere Intensität aufweisen als wir es in Europa gewöhnt sind (auch wenn Fans von Musikstars natürlich auch hier durchaus speziell und fanatisch sein können, das weiß man ja schon spätestens seit der Beatles). Trotzdem ist die ganze K-Pop und J-Pop Szene aus unserer Sicht ja auch sonst sehr speziell, weswegen ich es spannend fand darüber noch etwas mehr zu erfahren. Das Buch, das ich an ca. einem Tag ausgelesen habe, hat mir dann auch wirklich sehr gut gefallen.
Hauptperson ist die Schülerin Akari, die im normalen Alltag eher mäßig zurecht kommt. Sie scheint eine Lern- und Konzentrationsschwäche zu haben, für die ihre Mutter und Schwester nur wenig Verständnis zu haben scheinen (in der japanischen Leistungsgesellschaft auch vermutlich ein noch unerfreulicheres Schicksal als woanders). Der Vater ist beruflich meist abwesend und auch in ihrem Nebenjob in einem Restaurant – den Akari nur hat um Geld zu haben um ihren Lieblings-J-Pop-Star Masaki zu unterstützen und sich Konzertkarten leisten zu können – schlägt sich Akari mehr schlecht als recht durch. Masaki ist somit Akaris Lebensmittelpunkt – ihre „Wirbelsäule“ wie sie es einmal selbst ausdrückt. Als dieser einen Riesen-Shitstorm abbekommt, weil er einen Fan geschlagen hat, gerät Akaris heile Fan-Welt aus den Fugen und somit auch ihr Alltag.

Der Roman ist wie gesagt nicht sehr lang und trotzdem bringt er viele spannende Aspekte auf den Tisch: die mentale Gesundheit von Jugendlichen, die absurde Abzockmechanischen im J-Pop Bereich mit denen die Fans dazu manipuliert werden unglaublich viel Geld für Produkte und Merch auszugeben, eine schwierige Familiengeschichte, insgesamt ist das Buch sehr sensibel und auch ein bisschen traurig (da Akaris psychische Not von ihrer Familie quasi gar nicht gesehen wird), allerdings trotzdem mit einem sehr offenen aber durchaus hoffnungsvollen Ende.