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Buch-Tipp: „Wintertöchter“ von Mignon Kleinbek

Die „Wintertöchter“ Trilogie von Mignon Kleinbek entdeckte ich schon vor einer etwas längeren Zeit auf eine ungewöhnliche Art und Weise. Die Autorin kommt aus meiner Region und der Landfrauenverein meines Heimatortes hatte eine Lesung mit ihr organisiert. Da das sehr interessant klang, habe ich mich mit einer Freundin zusammen angemeldet und wurde auch nicht enttäuscht. Die Autorin las Ausschnitte aus (wenn ich mich richtig erinnere) dem ersten und zweiten Band der Trilogie und überzeugte vor allem mit ihrem dichten und atmosphärischen Stil, der auch wenn der Inhalt der vorgelesenen Abschnitte teilweise ganz schön heftige Themen behandelte einen super unterhaltsamen und intensiven Abend bescherte. 

Jedenfalls ging ich mit dem Vorsatz aus der Lesung, die ganze Trilogie zu lesen, las dann aber zuerst mal ein autobiografisches Sachbuch der Autorin über ihre Rheuma-Erkrankung, das mir auch sehr gut gefallen hat.

Nun habe ich die ganze Trilogie beendet, die mir insgesamt wirklich gut gefallen hat, die zentralen Themen des Buches sind die Härten und Herausforderungen die Frauen Mitte des 20. Jahrhunderts auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben erdulden mussten, gepaart mit einigen mystischen Elementen und einer starken Familiengeschichte. Im Mittelpunkt des Buches steht die junge Anna, die 1940 im österreichischen Forstau geboren ist und mit ihrer Mutter ein schwieriges und karges Leben auf einer Alm führt, nachdem der Vater in der Nacht ihrer Geburt verstarb. Zudem ist Anna, wie schon einige Frauen in ihrer Familie mit einer besonderen Gabe versehen, mit der man in den damaligen rauen Zeiten besser kein Aufsehen erregen will. Als Annas Mutter Maria einen neuen Mann kennenlernt, scheint sich ihr Leben kurz ins bessere zu wenden, doch das bleibt leider ein schrecklicher Trugschluss…

Die ersten beiden Bände der Trilogie spielen überwiegend in den 1940er und 1950er Jahren und schildern Annas Kindheit und Jugend, der dritte Band macht dann einen großen Sprung nach vorne ins Jahr 2004. Der Schreibstil ist aus heutiger Sicht sicherlich etwas altmodisch, passt aber gut zur Atmosphäre der Geschichte und man merkt durchgehend wieviel Liebe und Herzblut die Autorin in diese Trilogie gesteckt hat. Ich würde die Bücher generell jedem empfehlen, der keine Angst vor schweren Themen hat (manchmal fand ich die Fülle an schrecklichen Ereignissen, die vor allem Anna zustoßen fast selbst etwas belastend, aber ich denke das hätte sich auch mildern lassen, wenn ich nicht alle 3 Bände am Stück gelesen hätte) und den auch ein Hauch Mystik und Übernatürliches nicht abschreckt. Insgesamt eine Trilogie, die aus der Masse der Bücher absolut heraussticht und es hat mich auch gefreut, mal Literatur aus meiner Heimatregion zu lesen (auch wenn das Buch an sich natürlich woanders spielt, für mich als „Bergliebhaberin“ aber auch ein super interessantes Setting, mit dem die Autorin viele persönliche Erinnerungen verbindet, so dass man merkt, dass sie sich mit der Region selbst auch sehr gut auskennt.

Bücher

Buch-Tipp: „Wünschen“ von Chukwuebuka Ibeh

Der Roman „Wünschen“ ist ein unheimlich ergreifender Roman des jungen
nigerianischen Schriftstellers Chukwuebuka Ibeh, das mich trotz des
eher schweren Themas sofort angesprochen hat, auch das Cover hat mich
auf Anhieb berührt. In dem Buch geht es um den jungen Obiefuna, der in
Nigeria aufwächst. Während sein jüngerer Bruder ein ganz „typischer“
fußballbegeisterter Rabauke ist, ist Obiefuna sensibler, ein Tanztalent
und ein Junge der heraussticht und um den sich seine Mutter Sorgen
macht. Als Obiefunas  Vater ihn in einer intimen Situation mit einem
Jungen aus dem Heimatdorf der Familie erwischt, der zeitweise zum
Arbeiten bei der Familie wohnt, verfrachtet er ihn sofort in ein
christliches Jungen-Internat. Egal wo auf der Welt ist das nun nicht
gerade der richtige Ort, um weitere homosexuelle Erfahrungen zu
verhindern und Obiefuna schafft es mit einer Mischung aus Opportunismus
und einem Hauch von bewahrter Freiheit nicht nur zu überleben, sondern
eigentlich ganz gut zu überleben. Als er als Student seinen ersten
richtigen Freund kennenlernt und dessen liberalen Freundeskreis scheint
sich Obiefunas Wunsch nach einem freien selbstbestimmten Leben doch noch
zu erfüllen, doch politisch formiert sich eine immer größere Gefahr.

Für mich war dieses Buch einerseits sehr schön, aufgrund der
wunderschönen Sprache, des tollen Hauptcharakters und der Erzählweise.
Andererseits war es auch ein grausames Buch, denn die ganze Zeit wird
einem eine Hoffnung vermittelt, die im letzten Viertel grausam
weitgehend zerstört wird (so dass ich sogar einmal einen ganzen Tag
Pause machen musste, bevor ich weiterlesen konnte). Sehr gut schildert
das Buch wie Politiker aus reinem Kalkül und Eigennutz auf dem Rücken
von Minderheiten populistische Entscheidungen treffen, die sie gar nicht
wirklich interessieren, die aber Menschenleben und Menschenwürde ganzer
Bevölkerungsgruppen zerstören. Umso verwerflicher und umso wütender
macht es, dass auch in Deutschland Politiker mit dieser Art Populismus
agieren und damit meine ich nicht mal unbedingt die AfD, von der man gar
nichts anderes erwartet, sondern vor allem Politiker wie Söder oder
Merz, die für Parteien stehen, von denen man mehr erwarten können
sollte.Ein unheimlich wichtiges poetisches Buch, das auch jeder gelesen
haben sollte, der Sätze von sich gibt, wie zum Beispiel dass man Pride
Paraden doch heute gar nicht mehr braucht.




Bücher

Buch-Tipp: „Feuerjagd“ von Tana French

„Feuerjagd“ von Tana French ist der zweite Teil einer Reihe, den ersten Band „Der Sucher“ habe ich vor einigen Jahren gelesen. Tana French ist schon lange einer meiner Lieblings-Krimiautorinnen, wobei ihr Stil sicher nicht für Leute geeignet ist, denen es bei Krimis und Thrillern vor allem um Hochspannung und dynamische Action geht. Ihr Schreibstil ist eher literarisch, gerne etwas weitschweifig und die Faszination ergibt sich aus den psychologischen Spannungen zwischen Menschen. Für mich ist sie in gewisser Weise eine Künstlerin mit Worten, keine Autorin, die am Fließband Krimireihen „raushaut“.


Die Reihe rund um den amerikanischen US-Cop Hal, der sich in einem kleinen sehr rustikal klingenden Dorf in Irland niedergelassen hat und dort mehr oder weniger gegen seinen Willen in Konflikte und das Leben in der Dorfgemeinschaft hineingezogen wird ist aber auch für Tana French finde ich eher etwas außergewöhnlich, denn das typische Irland Feeling, das man zumindest als Deutsche(r) mit Irland verbindet kommt dort eher nicht auf, stattdessen fühlt sich das Buch immer ein bisschen an wie ein US-amerikanischer Western mit rauen kauzigen Männern und Frauen, die versuchen in dieser Welt zu überleben, ein Stil der von der Autorin sicherlich beabsichtigt ist. In „Feuerjagd“ wird dieses Gefühl noch verstärkt, da Irland darin in einer klimawandelbedingten Hitzewelle ächzt. Die Charaktere werden den Lesern des ersten Bandes sofort wieder bekannt sein kommen, Hals junge Protege Trey ist nun ein Teenager, deren Leben sich eigentlich gut entwickelt hat, doch das Wiederauftauchen ihres Vaters stellt die Dorfgemeinschaft und Treys Standing im Dorf auf eine neue Probe. Ich würde übrigens das Buch auch nur empfehlen wenn man den ersten Teil gelesen hat, denn ich denke ohne Hintergrund ist das Handeln der Personen nicht wirklich nachvollziehbar.
Wie gut hat mir der Roman, dessen Inhalt ich möglichst wenig spoilern möchte, denn nun aber gefallen? Ich muss sagen gut, aber andere Reihen der Autorin haben mich etwas mehr mitgerissen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ein so eingeschränkter Mikrokosmos wie er in den beiden Romanen geschaffen wird, sich wirklich eignet um eine längere Reihe darauf aufzubauen, aber die ersten beiden Bände finde ich auf jeden Fall lesenswert.

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Totholz“ von Andreas Föhr

Die Regionalkrimi-Reihe von Andreas Föhr rund um Kommissar Wallner und den ausgesprochen exzentrischen Wachtmeister Kreuthner gehört schon lange zu meinen Lieblingsreihen. Bisher habe ich aber alle Bücher gelesen, „Totholz“ ist mein erstes Hörbuch. Das war auf jeden Fall eine gute Idee, denn der Sprecher Michael Schwarzmaier macht auf jeden Fall einen super Job und liest auch die Charaktere hervorragend mit authentischem Dialekt.
Wer die Reihe kennt, wird bekommen was er erwartet: viel Humor, einige skurrile Situationen, einen Polizisten mit einer sehr frei ausgelegten Vorstellung von Recht und Gesetz, etwas Privatleben und viele familiäre Verflechtungen. So beginnt das Buch gleich damit, dass Kreuthner gemeinsam mit Wallners Opa Manfred versucht einer konkurrierende Schwarzbrennerin eine Lektion zu erteilen. Diese nächtliche Aktion verläuft aber etwas explosiver als sich Kreuthner vorgestellt hatte und setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die dann sogar zur Entdeckung einer Leiche führen.

Fortan versuchen Wallner und Kreuthner rauszufinden, wer der Tote ist und wer Grund hatte ihn zu ermorden. Doch auch diverse andere Handlungsstränge halten die Polizisten auf Trab. Ich muss zugeben, dass der Kriminalfall in dem Band nicht zu meinen Favoriten gehörte, etwas verworren und überladen waren die Handlungstränge. Insgesamt fand ich den Band aber trotzdem unterhaltsam zu hören, hoffe aber dass der nächste Band vielleicht einen etwas strafferen Fall anzubieten hat.

Bücher

Buch-Tipp: „Unter Wasser ist es still“ von Julia Dibbern

„Unter Wasser ist es still“ ist ein sehr ruhiges und gedankenvolles Buch, ganz wie man es vom Titel her auch erwartet. Maira lebt in Frankfurt und hat sich dort eine berufliche Existenz aufgebaut, sie arbeitet als Restauratorin in einem inhabergeführten Geschäft, sie hat eine gute Freundin mit der sie joggt und ab und zu ausgeht. Solange sie ihren Kopf beschäftigt hält und nicht zu viel nachdenkt, ist ihr Leben in Ordnung. Doch als ihr Chef Ingmar ihr das Angebot macht sein Geschäft nach seinem Ruhestand zu übernehmen, muss Maira sich ihrer Vergangenheit stellen, denn zur Finanzierung benötigt sie das Geld aus dem Verkauf ihres Hauses an der Ostsee. Als Leser:in weiß man am Anfang nur, dass Mairas Mutter dort nach einem dramatischen Tag verstarb, als Maira noch ein Teenager war und dass Maira die Geschehnisse bisher nicht verarbeitet hat und Schuldgefühle hat. Auch der Kontakt zu ihren engen Freunden Jasper und Anne aus dieser Zeit ist abgebrochen, zumal Maira seit diesem Tag wütend auf Jasper ist. Erst überlegt Maira das Haus einfach blind an einen Investor zu verkaufen, aber dann macht sie sich doch auf den Weg, um das Haus zumindest einmal in Ruhe auszumisten. Der Plan emotional nicht involviert zu werden und am Besten niemanden aus ihrer Vergangenheit wieder zu sehen, geht – nicht sehr überraschend – nicht auf…

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Es ist sehr introspektiv, man kann mit Maira mitfühlen und auch ihre Begegnungen mit den Menschen aus ihrer Vergangenheit sind sehr berührend. Das Buch erzählt immer abwechselnd die Geschehnisse in der Gegenwart, dazwischen sind Rückblenden eingebaut, mit denen man Schritt für Schritt erfährt, was zwischen Maira und ihrer Mutter passiert ist. Diese Abschnitte fand ich besonders schmerzhaft und bewegend und unglaublich authentisch geschildert. Warum es trotzdem nicht ganz zu 5 Sternen gereicht hat? Vielleicht war es mir in der Auflösung ein kleines bisschen zu viel Harmonie (auch wenn das einen angenehmen Gegenpunkt zu den tragischen Ereignissen und dem melancholischen Grundton setzt). Trotzdem ein absolut lesenswertes Buch!

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Buch-Tipp: „Das glückliche Paar“ von Naoise Dolan

Der Mai war für mich ein sehr gelungener Lesemonat, da ich im Urlaub gleich drei Bücher hintereinander weg gelesen habe, die mir überdurchschnittlich gut gefallen haben. Der irische Roman „Das glückliche Paar“ von Naoise Dolan war darunter vermutlich mein Favorit, obwohl die Thematik auf den ersten Blick nicht besonders tiefgründig wirkt: Es geht in dem Roman um das irische Pärchen Celine und Luke. Die beiden zahlen Irland-typisch 2000 Euro Miete für ein winziges Apartment, in dem der Boiler oft nicht funktioniert, Celine ist Konzertpianistin und immer in Sorge um ihre Hände, Luke hat Theologie studiert und die bisher größte gemeinsame Verpflichtung ist ihre Katze. Nun haben sich die beiden entschieden zu heiraten, doch bei der (aus finanziellen Gründen) bei ihrer wohlhabenden Tante abgehaltenen Verlobungsfeier in London ist Luke plötzlich verschwunden und reagiert nicht auf Celines Nachrichten. 

Der Roman begleitet Celine und Luke ca. vom Zeitpunkt dieser Verlobungsfeier bis hin zum Tag der Hochzeit. Dabei ist die Erzählweise des Romans sehr kreativ, die Handlung wird immer abwechselnd aus Sicht verschiedener Beteiligter erzählt, darunter natürlich Celine und Luke, aber auch Celines Schwester und Lukes Ex-Freund, der nach Jahren noch nicht über ihn hinweg ist. Das liest sich sehr leicht,  humorvoll und trotzdem werden ernsthafte Fragen beantwortet, zum Thema Vertrauen, Partnerschaft und was eine Ehe/Beziehung ausmacht. Die Charaktere könnten vermutlich nicht unperfekter sein, wachsen einem aber trotzdem ans Herz. Ein richtiges Lesevergnügen, das meiner Meinung nach auch gerade danach schreit verfilmt zu werden. 

Bücher

Young Adult Tipp: „Schallplattensommer“ von Alina Bronsky

„Schallplattensommer“ ist das erste Buch, das ich von Alina Bronsky gelesen habe. Ihre Romane sind mir zwar schon öfters begegnet, aber irgendwie hat keiner davon es bisher auf meine Leseliste geschafft. „Schallplattensommer“ war auf jeden Fall eine sehr gute erste Wahl, habe ich das Buch (das allerdings auch nicht allzu dick ist) doch an einem einzelnen Abend verschlungen. Heldin des Buches ist  ein junges Mädchen mit dem ungewöhnlichen Namen Maserati, die eigentlich noch zur Schule gehen sollte. Doch diese schwänzt sie seit längerem, stattdessen hilft sie ihrer Großmutter deren rustikale Dorfkneipe in einem nicht näher genannten Ferienort zu führen (vom Gefühl her verorte ich das Buch an die Ostsee oder irgendeinen See in Ostdeutschland, bin mir aber nicht sicher ob im Buch überhaupt ein Ort genannt wurde). Maseratis Alltag kommt durcheinander, als eine reiche Familie in die bisher verlassene Villa des Ortes zieht und die beiden Söhne der Familie auf Maserati aufmerksam werden: der gutaussehende „Surfer-Boy“ Caspar und sein grüblerischer Bruder Theo, so zumindest Maseratis erster Eindruck der beiden. Doch bald zeigt sich, dass nicht nur Maseratis Leben komplexer ist als es auf den ersten Eindruck scheint. 

Der Roman ist wirklich recht einzigartig, er hat Leichtigkeit, Humor und vielschichtige Charaktere, eine Liebesgeschichte, es passiert auf den ersten Blick gar nicht mal so viel, aber trotzdem verfliegt das Buch, hat sehr viel Charme und passt zum Sommer, hält somit was der Titel verspricht und hat mich wirklich hervorragend unterhalten. 

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Buch-Tipp: „Wie Inseln im Licht“ von Franziska Gänsler

„Wie Inseln im Licht“ von Franziska Gänsler ist ein Roman, den ich innerhalb kürzester Zeit verschlungen habe. So intensiv und mitreissend war die Geschichte, dass ich mich gar nicht losreissen konnte, immer ein sehr gutes Zeichen. 

Die Hauptperson des Buches ist die 27-jährige Zoey. Ihre Mutter ist gerade erst verstorben und sie hat sie bis zu ihrem Tod begleitet (unter welchen Umständen erfährt man im Laufe der Geschichte). Nun ist sie nach Frankreich gefahren, mit dem Plan die Asche ihrer Mutter zu verstreuen. Dort – an der französischen Atlantikküste – haben Zoey, ihre Mutter und die kleine Schwester Oda vor über 20 Jahren gelebt, in einem Wohnwagen in einer kleinen alternativen Gemeinschaft, die sich von der Außenwelt abgeschottet hat. Warum, weiß auch Zoey nicht so genau, nur dass die Zeit dort endete als Oda verschwand und ihre Mutter mit ihr nach Berlin umzog. Was damals passiert ist, hat Zoey nie erfahren, ihre Erinnerungen sind verworren und mit ihrer Mutter konnte sie nicht darüber reden, zu fragil ist auch deren Psyche.  

Im Buch geht es also um Zoeys Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, um eine handfeste Recherche zum Schicksal ihrer Schwester und um ihre aktuellen Beziehungen. Dabei ist das Buch erfrischend linear, oft wird in dieser Art Roman ja mit vielen Andeutungen gearbeitet, alles betont mysteriös gehalten und die Leser:innen über Vieles im Dunkeln gelassen. Das ist hier nicht so und trotzdem oder gerade deswegen ist das Buch so besonders berührend und vielschichtig. Für mich jetzt schon eines der Lese-Highlights von 2024. 

Bücher

Buch-Tipp: „Issa“ von Mirrianne Mahn

„Issa“ von Mirrianne Mahn ist ein Familienroman der auf mehrere Zeitebenen einerseits die persönliche Geschichte von Issa und ihren Ahninnen erzählt, andererseits die deutsch-kamerunische Kolonialgeschichte aufarbeitet, etwas was im Geschichtsunterricht in Deutschland leider nach meiner Erinnerung überhaupt keine Rolle spielte (weswegen man sich in Deutschland gegenüber Ländern wie den USA oder Frankreich nun wirklich nicht überheblich fühlen muss).

Issa ist als junges Mädchen mit ihrer Mutter von Kamerum nach Deutschland gezogen und hat seitdem das Problem vieler Menschen mit Migrationshintergrund, sie fühlt sich in Deutschland nicht wirklich zugehörig bis abgelehnt, in Kamerum ist sie aber wiederum die „Deutsche“, die aufpassen muss nicht von Einheimischen finanziell abgezockt zu werden (weswegen ihr Cousin ihr im Internet-Shop den Tipp gibt nicht zu sprechen, um nicht anhand ihrer Sprechweise als „reiche“ Ausländerin erkannt zu werden). Nun ist Issa überraschend schwanger geworden, hat wenig Bezug zu Kamerum und ein chronisch kompliziertes Verhältnis zu ihrer Mutter. Trotzdem hat sie sich irgendwie überzeugen lassen nach Kamerum zu reisen, um dort traditionalle Rituale für Schwangere durchzuführen, die ihr ungeborenes Kind beschützen sollen.

Das Buch erzählt einerseits Issas Geschichte in der Gegenwart, andererseits wird in Rückblenden, die Geschichte ihrer weiblichen Vorfahren Anfang des 20. Jahrhunderts erzählt, als Kamerums Zeit als Deutsche Kolonie sich blutig dem Ende zuneigte. Eine Zeit die für Kamerum durch Aufstände, Gewalt und Unterdrückung dominiert war und in der Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft nur sehr wenig Möglichkeiten und Kontrolle über ihr Schicksal hatten. Dabei behält das Buch aber immer Humor und Leichtigkeit und Wärme (vor allem Issas Erlebnisse bei ihrer Familie werden mit viel Selbstironie und Humor erzählt).

Insgesamt ein unheimliches reichhaltiges und wichtiges Buch, das zum Nachdenken anregt, aber trotz der verschiedenen Zeitebenen und Themen nie überladen wirkt und von mir eine definitive Leseempfehlung erhält.

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „You’d Be Home Now“ von Kathleen Glasgow

„You’d Be Home Now“ von Kathleen Glasgow ist ein Young Adult Roman dessen zentrales Thema etwas ernsthafter und dramatischer ist als es sonst oft der Fall ist. Schon das Cover – verziert mit einigen Pillen – lässt erraten worum es geht: Drogensucht bei Teenagern und die generelle Drogen-/Opiodkrise in den USA (deren Ausmaße für uns in Deutschland trotz vieler Filme und Berichte darüber finde ich immer noch schwer vorstellbar ist).
Hauptperson des Buches ist die Jugendliche Emory, die in ihrer Familie nach eigenem Gefühl ein Schattendasein führt. Ihre ältere Schwester Maddie ist schön, erfolgreich und selbstbewusst. Ihr Bruder Joey dagegen ist das Schwarze Schaf der Familie: drogensüchtig und am Anfang des Buches gerade in der Entzugsklinik gelandet, nachdem sein ebenfalls drogensüchtiger Freund Luther einen Autounfall verursacht hat, bei dem Emory sich schwer am Knie verletzte und eine andere Schulkameradin sogar ums Leben kam.
Emory fällt in ihrer Familie weder positiv noch negativ besonders auf und fühlt sich in ihrer Familie deswegen nicht wohl, auch die super kritische und extrem kontrollierende Mutter (die ihren Kindern sogar den Umgang mit Freunden verbietet oder erlaubt) macht das Familienleben nicht gerade angenehm. Emorys Rebellionen geschehen ganz heimlich, ansonsten hat sie es sich zur Aufgabe gemacht die Auswirkungen der Suchtprobleme ihres Bruders möglichst erfolgreich zu vertuschen, auch wenn sie alles damit natürlich nur noch schlimmer macht…

Die Geschichte wird in der Ich-Form aus Sicht von Emory erzählt und beim Hörbuch sehr gut und für eine Teenagerstimme glaubwürdig und sympathisch von Nora Schulte gelesen. Generell höre ich am Liebsten Hörbücher die sehr dynamisch sind und viele Dialoge enthalten, aber Nora Schulte hat es geschafft, dass mich auch dieses aus Sicht einer Person erzählte Hörbuch durchgehend gefesselt hat.

Das Buch an sich hat mir auch gut gefallen. Joeys Drogensucht und die Auswirkungen auf seine Familie wird soweit ich es beurteilen kann realistisch und nicht romantisiert erzählt und das Buch hebt sich von den typischen Young Adult Roman durch seine Thematik ab. Kleinere Schwächen gab es aus meiner Sicht auch: handlungstechnisch passiert in dem Roman gar nicht sooo viel, dafür werden viele verschiedene Teenie-Themen aufgegriffen, das wirkt vielleicht minimal überladen. Trotzdem hat mir das Buch wirklich gut gefallen und wer sich an das Thema heranwagen will, erhält auf jeden Fall ein sehr gelungenes Hörbuch.