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Buch-Tipp: „Die Einladung“ von Emma Cline

Emma Cline machte vor einigen Jahren mit ihrem Debütroman „The Girls“ von sich reden. Da mir dieses Buch sehr gut gefallen hatte, wollte ich mir auch das neueste Werk der Autorin – „Die Einladung“ – nicht entgehen lassen.

Im Mittelpunkt der Geschichte, die sich innerhalb weniger Tage abspielt, steht die 22-jährige Alex. Alex ist nicht gerade ein Hauptcharakter mit dem man sich direkt identifizieren kann, keine typische Sympathieträgerin, denn wie schnell klar wird: Alex Strategie besteht bisher mehr oder weniger daraus sich mit Hilfe von Charme durchs Leben durch zu schnorren (und gelegentlich auch einfach etwas mitgehen zu lassen). Relativ schnell lässt sich erahnen, das Alex die letzten Jahre als Escort-Dame (im besten Fall) gearbeitet hat, was aber nur kurzfristig von Erfolg gekrönt war. Zum Zeitpunkt des Romanstarts zeigen sich erste Risse in der jungen und schönen Fassade, die Kunden bleiben aus, Alex Charme scheint immer weniger Eindruck zu machen und ihre Mitbewohner werfen sie raus, nachdem sie die Miete nicht mehr zahlen konnte. Als wäre das nicht genug ist Alex Ex-Freund hinter ihr her (warum erschließt sich erst im Laufe des Buches).

Alex setzt nun alles auf eine Karte: auf Simon, ihr gut situierten viel älteren Liebhaber, für den Alex versucht die Rolle der perfekten Freundin zu spielen, so überzeugend, dass sie fast schon selbst glaubt, tatsächlich in Simon verliebt zu sein. Alex verbringt am Anfang des Buches die Tage in den Hamptons: während Simon arbeitet liegt sie am Strand, abends begleitet sie ihn als perfekt gestyltes Accessoire zu Parties seiner reichen Freunden…Ihr Ziel dabei: ihren Status als Simons Lebensgefährtin zementieren. Doch da das Chaos Alex folgt und sie letztendlich immer in irgendein Fettnäpfchen tritt, passiert das Unvermeidliche: Simon wirft sie raus und sie steht vor dem Nichts, ohne Unterkunft und ohne Perspektive. Zurück nach New York kann sie wegen ihres Ex-Freundes nicht. Doch sie ist überzeugt Simons Gunst auf seiner großen Party am kommenden Samstag zurück gewinnen zu können, nur die knappe Woche bis dahin muss sie irgendwie rumkriegen. Darauf folgt eine Odyssee in der Alex Tag für Tag neue Wege finden muss, die Reichen und Schönen für sich einzunehmen.

Das Buch liest sich auch tatsächlich ein bisschen wie in einem Sog, durch den man auch als Leser:in irgendwie unkontrolliert treibt, ein wilder Ritt durch Alex Tage, mehr ein Lebensgefühl als eine lineare Geschichte. Und Alex Kontrollverlust und die Ungewissheit wird so spürbar, dass es fast beklemmend ist, trotzdem hat das Ganze auch irgendwie etwas Tragik-Komisches und Alex (über deren persönlichen Hintergrund man erstaunlich wenig erfährt) wächst einem trotz aller ihrer Ecken und Kanten und fragwürdigen Entscheidungen irgendwie ans Herz.

Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, es ist sehr außergewöhnlich und mal etwas ganz anders. Trotzdem hätte ich mir manchmal gewünscht etwas mehr über den Menschen Alex zu erfahren, auch wenn die Geschichte sicher absichtlich aus stilistischen Gründen so episodenhaft und ohne Hintergründe geschrieben wurde. Wer gut mit Ungesagtem und offenen Enden zurecht kommt, wird auf jeden Fall eine sehr besondere Milieustudie zu lesen bekommen.

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Buch-Tipp: „Wandering Souls“ von Cecile Pin

„Wandering Souls„ von Cecile Pen hat mein Interesse geweckt, da es die Geschichte einer vietnamesischen Einwanderer-Familie erzählt. Teile der Geschichte beruhen lose auf der Familiengeschichte der Autorin. Ich habe dieses Jahr schon einige Bücher von und über asiatischen Einwanderern gelesen, teils Romane und auch eine Autobiografie, die mir sehr gut gefallen haben und dieser Roman klang ebenfalls sehr besonders. Ich kann sagen, dass ich auf keinen Fall enttäuscht wurde, ich würde sogar sagen „Wandering Souls“ ist eines der absoluten Highlights meines Lese-Jahres 2023.

In den 70-er Jahren lebt die 16-jährige Anh mit ihrer 7-köpfigen Familie in Vietnam. Der Krieg ist überstanden, doch Anhs Eltern träumen von einer Flucht in die USA, hat Anhs Onkel diese doch schon erfolgreich geschafft. Anh und ihre beiden Brüder Minh und Thanh werden als ältere Kinder von den Eltern vorausgeschickt, ihre Eltern wollen mit den drei jüngeren Geschwistern nachkommen. Doch während Anh und ihre Brüder es in ein Übergangslager in Hongkong schaffen, stirbt der Rest der Familie auf dem Weg dorthin und Anh kann nur noch ihre toten Körper identifizieren. Von heute auf morgen ist die 16-jährige das Familienoberhaupt und für ihre beiden Brüder verantwortlich. Statt in den USA landen die 3 Geschwister in England und müssen sich ohne Familie dort ein Leben aufbauen.

So traurig die Geschichte, so wundervoll der Roman. Zugleich sprachlich einfach und präzise und trotzdem sehr poetisch wird die Geschichte von Anh erzählt, wie sie mit Pragmatismus und Verantwortungsbewusstsein ihren Weg findet und trotz aller Enttäuschungen immer noch vorne schaut. Der Lebensweg der Geschwister behandelt überwiegend die Flucht, der Weg zum Erwachsenwerden, aber die Leser:innen erfahren auch was aus der Familie geworden wird und ob mit so einer Lebensgeschichte Friede zu finden möglich ist. 

Eine absolute Leseempfehlung für ein wundervoll einfühlsames Buch. 

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Buch-Tipp: „Idol in Flammen“ von Rin Usami

„Idol in Flammen“ von Rin Usami, einer talentierten 21-jährigen Autorin aus Japan, ist ein kompakter Roman von nur 128 Seiten. Mein Interesse hat er wegen der Thematik geweckt, denn es geht in dem Buch um eine jugendliche Schülerin, die besseser Fan von einem Mitglied einer J-Pop Band ist. Als Eiskunstlauf-Fan ist mir schon lange bekannt, dass asiatische Fans oft eine ganz andere Intensität aufweisen als wir es in Europa gewöhnt sind (auch wenn Fans von Musikstars natürlich auch hier durchaus speziell und fanatisch sein können, das weiß man ja schon spätestens seit der Beatles). Trotzdem ist die ganze K-Pop und J-Pop Szene aus unserer Sicht ja auch sonst sehr speziell, weswegen ich es spannend fand darüber noch etwas mehr zu erfahren. Das Buch, das ich an ca. einem Tag ausgelesen habe, hat mir dann auch wirklich sehr gut gefallen.
Hauptperson ist die Schülerin Akari, die im normalen Alltag eher mäßig zurecht kommt. Sie scheint eine Lern- und Konzentrationsschwäche zu haben, für die ihre Mutter und Schwester nur wenig Verständnis zu haben scheinen (in der japanischen Leistungsgesellschaft auch vermutlich ein noch unerfreulicheres Schicksal als woanders). Der Vater ist beruflich meist abwesend und auch in ihrem Nebenjob in einem Restaurant – den Akari nur hat um Geld zu haben um ihren Lieblings-J-Pop-Star Masaki zu unterstützen und sich Konzertkarten leisten zu können – schlägt sich Akari mehr schlecht als recht durch. Masaki ist somit Akaris Lebensmittelpunkt – ihre „Wirbelsäule“ wie sie es einmal selbst ausdrückt. Als dieser einen Riesen-Shitstorm abbekommt, weil er einen Fan geschlagen hat, gerät Akaris heile Fan-Welt aus den Fugen und somit auch ihr Alltag.

Der Roman ist wie gesagt nicht sehr lang und trotzdem bringt er viele spannende Aspekte auf den Tisch: die mentale Gesundheit von Jugendlichen, die absurde Abzockmechanischen im J-Pop Bereich mit denen die Fans dazu manipuliert werden unglaublich viel Geld für Produkte und Merch auszugeben, eine schwierige Familiengeschichte, insgesamt ist das Buch sehr sensibel und auch ein bisschen traurig (da Akaris psychische Not von ihrer Familie quasi gar nicht gesehen wird), allerdings trotzdem mit einem sehr offenen aber durchaus hoffnungsvollen Ende.

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Buch-Tipp: „Eine wie sie fehlt in dieser Zeit – Erinnerungen an Astrid Lindgren – von Katrin Hörnlein“

„Eine wie sie fehlt in dieser Zeit“ von Katrin Hörnlein ist ein neues Buch über Astrid Lindgren in dem zahlreiche Wegbegleiter:innen von Lindgren zu Wort kommen. Die Autorin des Buches stehlt sich im Vorwort selbst die Frage, ob ein weiteres Buch über Astrid Lindgren denn wirklich nötig ist. Sicherlich eine berechtigte Frage, gibt es doch unzählige Biografien, Literatur über ihr Werk, Tagebücher, Briefwechsel, mehr als genug Lesestoff für Lindgren Fans und oft auch von Astrid selbst geschrieben. Dennoch kann ich nach der Lektüre des Buches definitiv sagen: es lohnt sich. Es ist vor allem ein kurzweiliges und liebevolles Buch, das einfach zu lesen ist, viele Impulse setzt und auch für mich, die schon Einges von und über Lindgren gelesen hat, bot es so Einiges Neues. Zu Wort kommen in dem Buch zum Beispiel Lindgrens Tochter Karin, ihre Enkel, ihre Illustratoren, mehrere Menschen mit denen sie im Verlag oder bei der Arbeit an ihren eigenen Büchern zusammengearbeitet hat, Inger Nilsson (wem ihr Name nichts sagt wird vermutlich sowieso kein Buch über Astrid Lindgren lesen) und noch einige weitere Weggefährten. 

Besonders interessant fand ich auch darüber zu lesen wie die Familie die Firma „Astrid Lindgren“ heute leitet, managed und weiterentwickelt, sowohl was Produkte, die Bücher, Merchandising, Museum, etc angeht als auch den Umgang mit Veränderungen am Text. So würde Lindgrens Enkelin z.B. die Sprache einiger älterer Bücher gerne etwas modernisieren, da darin Begriffe verwendet werden, die Kinder heute gar nicht mehr kennen. Auch kommt kurz zur Sprache, dass Astrids Tochter Karin zunächst dagegen war das N-Wort aus Pippi zu entfernen, während ihre Enkelin sich schnell dafür entschied, „denn Lindgren hätte nie ein Wort verwenden wollen, dass Kinder verletzen kann“. Hier sieht man eine gesellschaftliche Weiterentwicklung auch innerhalb weniger Generationen der Lindgren Familie selbst. Aus meiner Sicht hätte man in 2023 ruhig auch noch etwas darauf eingehen können, wie die Tatsache, dass das Gesamtkonstrukt von Pippi und der Abwesenheit ihres Vaters auf einem sehr kolonialistischen Weltbild beruht aus heutiger Sicht zu bewerten ist. Da Lindgren Zeit ihres Lebens sehr meinungsstark und politisch war, hätte sie eine Auseinandersetzung mit dem Thema sicherlich nicht gestört. 

Abgesehen von diesem eher die heutige Zeit betreffenden Thema des literarischen Vermächtnisses, geht es in dem Buch aber meist tatsächlich um Erinnerungen an Astrid Lindgren, wie sie so war im beruflichen Umfeld, als Mensch, im Umgang und in ihren Einstellungen, Vorlieben und Meinungen. Dabei haben die Anekdoten tatsächlich dabei geholfen ein etwas besseres Bild von Astrid Lindgren zu bekommen. Außerdem bekam ich durch das Buch noch einige weitere spannende Tipps für Bücher, die ich noch gar nicht kannte, zum Beispiel der für mich extrem spannend klingende Briefwechsel mit der jungen Deutschen Sara Schwardt, der mir bis dahin gar nicht bekannt war und den ich unbedingt als nächstes Lindgren Buch lesen möchte.

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Buch-Tipp: „Malibu Rising“ von Taylor Jenkins Reid

„Malibu Rising“ ist mein zweites Buch von Taylor Jenkins Reid, das erste war „Carrie Soto is back“, das mir schon wegen des Settings in der Profitennis-Szene ganz hervorragend gefallen hat.  In „Malibu Rising“ spielt Carrie Soto auch eine kleine Rolle, aber im Mittelpunkt des Buches steht in den 1980er Jahren die Familie Riva: die 4 Geschwister Nina, Jay, Hud und Kit sind die Kinder des berühmtes Rockstars Mick Riva und alle dabei sich in der Surfer-Szene von Malibu einen Namen zu machen. Nina, die älteste ist ein bekanntes Surf-Model und gibt jedes Jahr eine legendäre Party in ihrem Haus, zu der jeder kommen kann, der weiß dass und wo die Party stattfindet. Doch schon am Anfang des Buches ist klar, dass diese Nacht kein gutes Ende nehmen wird. 

Der Roman wird quasi zweigleisig erzählt, in der Gegenwart beginnt die Geschichte am Morgen der Party und endet mit dem Morgen nach der Party, die gesamte Geschichte in der Gegenwart spielt sich also grob innerhalb eines einzigen Tages ab. Dazwischen wird aber in Rückblenden, die Geschichte von June und Mick Riva – den Eltern der Riva Geschwister – erzählt und nach und nach erfahren die Leser:innen immer mehr darüber wie die Geschwister aufgewachsen sind, welche Beziehungen und Konflikte in der Familie schwelen, warum Nina sich für ihre jüngeren Geschwister so verantwortlich fühlt und was das alles mit den sich immer mehr eskalierenden Geschehnissen auf der Party zu tun hat. 

Dabei schafft es die Geschichte einen hervorragenden Spagat zwischen einer berührenden Familiengeschichte in der Vergangenheit und einer unterhaltsamen Dramatik in der Gegenwart herzustellen. Man fühlt mit den Riva Geschwistern mit und verfolgt mit immer mehr zunehmender Spannung wie sich der Partyabend seinem fulminanten Höhepunkt nähert. Dazu das Setting am Strand von Malibu und das Buch bietet sehr gute Unterhaltung für den Sommer. 

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Buch-Tipp: „Solitaire“ von Alice Oseman

Der ursprünglich 2014 erschienene Roman „Solitaire“ von Alice Oseman ist das Debut der jungen Autorin, die neben ihren Jugendbüchern vor allem durch ihre „Heartstopper“ Comics berühmt wurde, die inzwischen auch für Netflix verfilmt wurden. Genau daher kenne ich die Geschichten um Charlie Spring und seinen Freund Nick Nelson auch, die Comics habe ich bisher nicht gelesen, aber die Serie liebe ich (wie wohl jeder der sie gesehen hat). Deswegen wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Erfinderin des ganzen Universums rund um Charlie und Nick auch als Autorin kennen zu lernen. Und auch in „Solitaire“ steht die Familie Spring im Mittelpunkt, allerdings nicht Charlie, sondern seine minimal ältere Schwester Tori.

Tori ist 16, introvertiert, pessimistisch und meistens eher unglücklich (außer bei ihrem größten Hobby – bloggen), gerne mal wütend und das zu ändern fällt ihr trotz ihrer Freunde und ihrer Familie nicht leicht, doch ihr Alltag scheint zumindest einigermaßen stabil und vorhersehbar. Doch dann möchte plötzlich ein etwas merkwürdiger sehr extrovertierter Schüler namens Michael Holden aus für sie unerfindlichen Gründen unbedingt mit ihr befreundet sein und auch ihr bester Freund aus der Grundschule taucht nach einem Schulwechsel plötzlich wieder in ihrem Leben auf. Als wäre das nicht genug fängt eine anonyme Gruppierung namens „Solitaire“ an die Schule zu terrorisieren und niemand scheint sich so richtig dafür zu interessieren.

Es ist nicht ganz einfach den Roman zu beschreiben, den er ist sicherlich sowohl inhaltlich als auch von der Hauptperson her etwas ungewöhnlich. Es ist nicht einfach Tori mit ihrem ganzen Selbsthass und Zynismus zu mögen und auch die Geschehnisse rund um Solitaire wirken oft etwas absurd. Trotzdem hat mir das Buch im Großen und Ganzen sehr gut gefallen, denn die Charaktere sind sehr außergewöhnlich und Toris Gefühlsschwankungen zwischen Hoffnung und Verzweiflung sind mitreissend. Auch hat es mir sehr gut gefallen einen etwas weniger zuckersüßen Blick auf Charlie Spring zu bekommen als in der Netflix Serie, die aus 99% Romantik besteht und 1% Problemen, während in Solitaire Charlies Probleme mit mentaler Gesundheit im Vordergrund stehen. 

Trotzdem merkt man „Solitaire“ noch etwas an, dass es ein Debut ist, ich würde es im ganz wörtlichen Sinne als Rohdiamant bezeichnen (wild und ungeschliffen) und es liest sich als wäre es definitiv sehr kurz nach oder noch während einer ungeliebten Schulzeit geschrieben worden, von jemandem der sein eigenes Schultrauma noch lange nicht überwunden hatte. Das macht gerade diesen Aspekt aber sicherlich auch sehr authentisch. Tatsächlich gestört hat mich an dem Buch eigentlich nur, dass einige der Aktionen von „Solitaire“ etwas unrealistisch wirken, vor allem, da scheinbar kein Erwachsener oder keine Autoritätsperson darauf reagiert (warum z.B. kann eine anonyme Gruppe stundenlang den gleichen Popsong über die Schullautsprecher abspielen, ohne dass irgendwer in der Lage ist, diesen einfach wieder auszuschalten?). Darüber kann man aber leicht hinwegsehen und eine wirklich außergewöhnliche Coming-Of-Age Geschichte lesen.

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Buch-Tipp: „Last Night at the Telegraph Club“ von Malinda Lo

Das Jugendbuch „Last Night at the Telegraph Club“ von Malinda Lo ist definitiv eines meiner absoluten Lese-Highlights des Jahres 2023. Schon das Cover ist eine Augenweide, aber der Inhalt sogar noch mehr. Die 17-jährige Lily wächst in den 1950er Jahren als Tochter chinesischer Einwanderer:innen in San Francisco auf. Das Leben der Familien in Chinatown ist hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis möglichst amerikanisch und integriert rüber zu kommen und gleichzeitig chinesische Traditionen zu pflegen. In einer Zeit in der Konformität auch sonst gesellschaftlich eine dominierende Rolle spielt ist Lily anders als andere Mädchen ihres Alters. Nicht nur, dass sie sich leidenschaftlich für Raketen und Science Fiction Romane interessiert, auch ihre Gefühlswelt verwirrt sie, auch wenn sie noch nicht genau weiß inwiefern. Als sie ihrer Schulkameradin Kath näher kommt, nimmt Lilys bisher so behütetes und konservatives Leben einen Lauf, den sie sich nie hätte vorstellen können. Sie besucht sogar mit Kath einen Nachtclub, den „Telegraph Club“, in dem die Herrenimitatorin Tommy auftritt und für Lily eröffnet sich ab diesem Zeitpunkt eine ganz neue Welt. 

Mir hat an dem Buch eigentlich alles gefallen: Die Liebesgeschichte ist wundervoll gefühlvoll  erzählt, Lily ist ein ganz normales chinesisch-amerikanisches Mädchen, mit dem man mitfühlt und sich identifizieren kann, man lernt nebenbei noch wahnsinnig viel darüber wie es war als chinesische Einwandererfamilie in den USA der 1950er Jahre zu leben, immer in der Sorge abgeschoben zu werden oder vom FBI für Kommunisten gehalten zu werden. Auch die Einblicke in die chinesischen Familien und Traditionen waren wirklich informativ. Und natürlich lernt man wie nebenbei auch noch unheimlich viel über die LGBTIQ*-Szene der 1950er Jahre in San Francisco, über eine Subkultur, die lebte und gedieh, trotz Zwangs zur Heimlichtuerei und der ständigen Furcht vor Repressalien (deprimierend hierbei, dass manche US-Bundestaaten und Politiker gerade mit Hochdruck daran zu arbeiten scheinen derartige Verhältnisse wieder herzustellen, was dann auch noch gewisse CSU-Größen dazu animieren ähnlichen Quatsch zu twittern). 

Für mich ein sprachlich wie inhaltlich fast perfektes Jugendbuch, dass sich auch wunderbar für Erwachsene eignet und auch aus der Masse der LGBTIQ*-Literatur besonders hervorsticht. Hervorzuheben ist auch noch, dass das Buch am Ende ein Kapitel mit Hintergrundinformationen zu den Recherchen, Quellen und zur Historie der chinesisch-amerikanischen Einwanderer:innen und der queeren Szene in San Francisco in den 1950ern enthält, das ich super interessant fand. 

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Das Summen“ von Jordan Tannahill

„Das Summen“ von Jordan Tannahill hat mich wegen des ungewöhnliches Covers und der ebenso ungewöhnlichen Handlung angesprochen. Im Zentrum des Hörbuchs steht die Highschool-Lehrerin Claire. Sie führt ein ganz normales US-amerikanisches Vorstagdtleben, mit ihrem Mann Paul und ihrer 17-jährigen Tochter Ashley lebt sie in einem langweiligen Vorort und alles in ihrem Leben ist normal im Lot. Eines Tages hört sie ein komisches Hintergrundgeräusch, eine Art Summen, dass ihr den Schlaf raubt und dessen Ursprung sie sich nicht erklären kann. Zu ihrer Irritation kann ihre Familie es nicht hören und auch sonst niemand in ihrer Umgebung. Während Claire unter dem Summer psychisch und physisch leidet ist ihre Familie zunehmend genervt von ihrer Obsession damit. Als sich plötzlich herausstellt, dass Claires Schüler Kyle das Summen auch hören kann und Claire eine Gruppe Gleichgesinnter (oder besser Mitleidender?) findet, gerät Claires Leben immer mehr aus den Fugen.

Die erste Hälfte des Buches hat mir wirklich ganz hervorragend gefallen, die Geschichte wird im Nachhinein von Claire erzählt (nach einem tragischen Höhepunkt der am Anfang des Buches nur angedeutet wird) und ist trotz des ernstes Themas nicht schwer oder niederdrückend, sondern teilweise sogar etwas selbstironisch. Auch kann man Claires Verzweiflung und warum sie sich den anderen Menschen, die das Summen hören, anschließt kann man sehr gut nachvollziehen.

Etwas Schwierigkeiten hatte ich mit dem Übergang zur zweiten Hälfte des Buches, denn irgendwie war mir der Wechsel von einer harmlos wirkenden Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, zu einer abgedrifteten Sekte zu plötzlich, es bleibt für den Hörer irgendwie unklar wie und wann die Sache kippt, so dass auch die Eskalation am Ende irgendwie sehr plötzlich wirkt. Trotzdem hat mir das Buch alles in allem sehr gut gefallen, Thema, Atmosphäre und Idee sind sehr kreativ und gut umgesetzt. 

Gesprochen wird das Hörbuch von Marion Elskis, die das Buch lebhaft und mit einer gewissen sehr gut zum Text passenden Ironie liesst. Ihre Verkörperung von Claire war für mich sehr überzeugend, so dass man wirklich das Gefühl hat Claires Schilderungen der Ereignisse zuzuhören.

Bücher

Thriller-Tipp: „Die perfekte Familie“ von Shalini Boland

„Die perfekte Familie“ von Shalini Boland ist ein Psychothriller, der nicht unbedingt im kreativsten Gewand daherkommt. Das Cover suggeriert Genre-technisch eine Bedrohung und wirkt etwas sensationsheischend. Da ich aber mal wieder Lust hatte auf einen klassischen psychologischen Thriller für zwischendurch, wollte ich dem Buch eine Chance geben. Auch die Grundidee ist sicher nicht die allzu innovativste: Gemma führt erfolgreich ein Unternehmen für Facility Management, ihr Mann Robert ist Personal-Trainer, die beiden Töchter gehen auf die Grundschule. Eigentlich ist in Gemmas Leben alles in Ordnung, doch im täglichen Alltagschaos zwischen Familie und Beruf hat sie so langsam das Gefühl etwas die Kontrolle zu verlieren. Als sie feststellt, dass Robert und sie es beide verpasst haben die ältere Tochter Eva auf die Aufnahmeprüfung für die weiterführende Schule vorzubereiten, nimmt Gemma widerstrebend die Idee an eine Nanny für ihre Töchter zu engagieren, um sich zu entlasten. Mit Hilfe ihrer Schwiegermutter wird Sadie gefunden: jung, schüchtern, etwas altbacken und hochmotiviert. Auf den ersten Blick ein perfekter Match. Und während Gemmas Kinder von der neuen Nanny hochbegeistert sind und nach außen hin alles perfekt läuft, bekommt Gemma ein immer schlechteres Gefühl.

Ich habe sicher schon das eine oder andere Buch mit einem ähnlichem Thema gelesen. Trotzdem muss ich sagen, dass der Thriller mich nicht enttäuscht hat. Der Schreibstil ist einfach und eingängig, Gemma ist sympathisch und man kann mit ihren Alltagsproblemen mitfühlen, die Geschichte ist zwar nicht mega kreativ, aber auch nicht plump oder zu klischeehaft und der Roman lässt sich innerhalb von ein bis zwei Tagen runterlesen und unterhält sehr gut. Für das Genre also fast perfekte Unterhaltung. Einzig zwei Wendungen gegen Ende fand ich fast etwas zu abrupt und deswegen vielleicht für die Charaktere nicht unbedingt so nachvollziehbar, auch erfolgt die „Auflösung“ des Romans fast etwas schnell, so dass man dem letzten Drittel des Buches vielleicht etwas mehr Zeit hätte gönnen können. Das sind aber nur Kleinigkeiten, insgesamt auf jeden Fall ein Tipp für Thriller-Fans, denen es mehr um subtilen Grusel als um Schock Effekte geht.

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Jugendbuch-Tipp: „Skaterherz“ von Brenda Heijnis

„Skaterherz“ von Brenda Heijnis ist ein niederländischer Jugendroman, der sich mit einem sensiblen Thema beschäftigt: der 13-jährige Elias liegt seit Monaten im Krankenhaus und wartet auf ein Spenderherz. Zur Schule gehen oder seinen Hobbies nachgehen kann er schon lange nicht mehr. Als das Warten auf ein Spenderherz endlich ein Ende hat, wacht Elias nach der OP aber nicht nur mit einem neuen Herz auf, er hat auch einen neuen Begleiter am Krankenhaus-Bett: Boyd, ein etwas älterer Junge, den nur er sehen kann. Denn Boyd ist tot, gestorben nach einem waghalsigen Manöver mit seinem Skateboard. Er ist der Junge dessen Herz Elias bekommen hat. Und obwohl die beiden Jungen nicht unterschiedlicher sein könnten, helfen sie sich gegenseitig.

Der Roman ist nicht besonders lang, nur ca. 140 Seiten, so dass man ihn innerhalb kürzester Zeit an einem Tag verschlingen kann. Dieses Leseerlebnis lohnt sich aber auf jeden Fall für jede Altersgruppe, denn die Geschichte ist berührend, leicht, sogar lustig und macht viel Hoffnung. Erzählt wird sie immer abwechselnd aus Sicht von Elias und Boyd, zwei sehr unterschiedliche Charaktere, die einem sofort ans Herz wachsen.