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Krimi-Tipp: „Verschwiegen“ von Eva Björg Ægisdóttir

Ich bin ein großer Fan von Island-Krimis, zum Beispiel von Yrsa Sigurðardóttir und Arnaldur Indriðason.
Mit Eva Björg Ægisdóttir und ihrem ersten Krimi „Verschwiegen“ rund um die Polizistin Elma taucht ein neues Gesicht in der isländischen Krimilandschaft auf. Ich war sehr gespannt auf den Roman und wurde absolut nicht enttäuscht.

Elma kehrt nach einigen Jahren in Reykjavik nach einem Einschnitt in ihrem Privatleben zurück in ihre Heimatstadt Akranes. Dort soll es eigentlich viel ruhiger zugehen als in Reykjavik, doch schon kurz nach ihrer Rückkehr gibt es eine Leiche. Am alten Leuchtturm der Stadt (den gibt es wirklich als Touristenattraktion) wird eine Frau halb im Meer liegend gefunden und es ist schnell klar, dass ihr Tod kein Unfall war. Relativ schnell findet die Polizei heraus, dass es sich bei der Toten um Elisabet handelt, eine Pilotin, die ihrem Mann gesagt hatte, dass sie zu einer Flugreise aufbricht, sich aber bei der Arbeit krank gemeldet hatte, ohne ihm Bescheid zu sagen. Elma und ihre Kollegen versuchen herauszufinden, was in den Tagen dazwischen passiert ist. Schnell wird klar, dass Elisabet auch in Arkanes aufgewachsen ist, den Ort aber die letzten Jahre konsequent gemieden hat. Hat ihre Vergangenheit etwas mit ihrer Ermordung zu tun?

Der Roman ist ein klassischer Ermittlungskrimi, der in eher ruhigem Erzähltempo erzählt wird, aber nicht ganz so melancholisch daherkommt wie z.B. die Krimis von Arnaldur Indriðason. Dabei gibt es viele verschiedene Erzählperspektiven und verschiedene Zeitebenen. Die Leser:Innen erfahren so nach und nach mehr über Elisabets Kindheit, wie andere Bewohner von Arkanes in die Geschehnisse verflechtet sind und was für Ereignisse der Vergangenheit zu Elisabets brutalem Tod geführt haben. Dabei kommt das Kleinstadtleben auf Island so richtig zum Tragen, fast jeder kennt jeden und auch die Polizisten kennen so einige der in die Geschehnisse verwickelten Personen persönlich, was den Job natürlich nicht einfacher macht.

Der Kriminalfall ist sehr atmosphärisch und das Buch ist für mich ein eher psychologischer Krimi, was mir immer besonders gut gefällt. Nicht Brutalität oder die Tat stehen im Mittelpunkt, sondern die Beziehungen zwischen Menschen und Familien. Auch Elisabet ist als Charakter vielschichtiger als man am Anfang des Buches durch die Rückblicke erwarten würde.

Bleiben noch die Ermittler: Elma hat mir als Hauptcharakter ausnehmend gut gefallen. Ihr Privatleben ist etwas chaotisch und wird thematisiert, aber nicht so sehr, dass der Fall ins Hintertreffen gerät. Ihr junger Kollege Saevar bleibt noch etwas blass, ich kann mir aber vorstellen, dass die Charaktere und Beziehungen der Polizist:innen in weiteren Bänden der Reihe noch mehr entwickelt werden können.

Insgesamt war ich richtig begeistert von dieser neuen Reihe, die aus dem Krimi-Einheitsbrei positiv heraussticht und sich nicht hinter den anderen isländischen Reihen verstecken muss. Sie ist auch gut geeignet für Leser:innen denen Arnaldur Indriðason vom Stil doch etwas zu düster und ruhig ist.

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Krimi-Tipp: „Die letzte Party“ von Claire Mackintosh

„Die letzte Party“ von Clare Mackintosh ist der Auftakt einer neuen Krimi-Reihe. An einem abgelegenen See an der Grenze zwischen Wales und England hat der bekannte Klassik-Sänger Rhys Lloyd gemeinsam mit einem Kumpel eine exklusive Luxus-Ferienanlage neu aufgebaut, auf dem Seegrund, den er von seinem Vater geerbt hat. Er selbst stammt aus dem nahegelegenen Dorf. An Silvester gibt er eine große Party für alle Bewohner der Anlage und auch für die alteingesessenen Bewohner des nahegelegenen Ortes, die der Ferienanlage für reiche Engländer kritisch gegenüber stehen. Doch am Morgen nach der Party wird Rhys Lloyd tot im See gefunden. Der Liverpooler Polizist Leo wird an den Tatort geschickt, wo er peinlicherweise auf seinen One Night Stand aus der Silvesternacht trifft, die Dorfpolizistin Ffion Morgan, die fast alle Besucher der Party und den Ermordeten kannte. Dieser hatte so viele Feinde, dass die Zahl der möglichen Verdächtigen ausgesprochen umfangreich ist. 

Auch wenn der Roman eine für meinen Geschmack eher Thriller-artige Cover-Aufmachung hat, handelt es sich um einen klassischen Ermittlungskrimi, die Polizisten befragen Zeugen, mit der Zeit erfährt man immer mehr über die verschiedenen Personen, die das Luxusressort bewohnen und über Rhys Lloyd Verbindungen zu den Dorfbewohnern und seine Vergangenheit. Die beiden Ermittler Leo und Ffion sind dabei eine interessante und kreative Kombination (auch wenn das Thema „Polizisten-Duo mit privaten Problemen“ in Krimis natürlich etwas ausgelutscht ist). Auch der Kriminalfall ist sehr interessant und komplexer als die Aufmachung des Buches vermuten lässt. Die Geschichte springt in der Zeit zwischen den aktuellen Ermittlungen und den Monaten vor der fatalen Silvesterfeier hin und her, so dass sich nach und nach herauskristallisiert was mit Rhys Lloyd passiert ist und warum so viele Leute etwas gegen ihn hatten. Auch das Setting in Wales und Walisischen Namen geben dem Krimi etwas Besonderes, da ich nach meiner Erinnerung noch keine Krimis gelesen habe, die in Wales spielen. 

Aus diesem Grund hat mir der Krimi insgesamt sehr gut gefallen und ich kann mir gut vorstellen weitere Krimis aus der Reihe zu lesen. 

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Buch-Tipp: „Unser geteilter Sommer“ von Sophie Hardach

„Unser geteilter Sommer“ von Sophie Hardach befasst sich mit einem Thema der Deutschen Zeitgeschichte, das noch gar nicht so lange her ist, aber mir in der Literatur bisher noch gar nicht begegnet ist. Ella stammt aus Ost-Berlin, lebt aber heute als Künstlerin in England, genau wie ihr jüngerer Bruder. Nach dem Tod der Mutter findet Ella Dokumente, die sie zurück in die Vergangenheit katapultieren, ins Jahr 1987, als Ellas Eltern versuchten mit ihren drei Kindern aus der DDR zu fliehen. Ein schicksalhafter Tag nachdem nichts mehr war wie zuvor. Ellas Mutter landete im DDR-Gefängnis Hohenschönhausen, der Vater verstorben, die beiden älteren Kinder werden von den Großeltern aufgezogen und Ellas jüngster Bruder Heiko wurde der Familie entzogen und adoptiert. Erst nach der Wende kann Ella ihre Mutter wiedersehen. Diese zog mit den beiden älteren Kindern nach Großbritannien, doch nie gab sie die Hoffnung auf herauszufinden was aus Heiko geworden ist. Nach ihrem Tod entschließt sich Ella nach Berlin zu reisen und einen letzten Versuch zu starten.

Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen. Einerseits wird Ellas Suche nach der Vergangenheit geschildert, sie spricht mit Behördenvertretern, ehemaligen Mitgefangenen ihrer Mutter und versucht auf jede erdenkliche Weise an Informationen über ihren Bruder Heiko zu kommen. Dabei lernt sie Aaron kennen, der als Praktikant alte Stasi-Akten wieder zusammensetzt und bittet ihn um Hilfe…dieser Teil der Geschichte ist spannend und dass die Geschichte teilweise aus Sicht von Aaron erzählt wird, ergibt ein ganz neuen und sehr interessanten Blickwinkel auf die Stasi-Machenschaften und Stasi-Akten. Diese Idee hat mir ausnehmend gut gefallen.

Außerdem wird die Geschichte der Familie aus Sicht des Kindes Ella im Sommer 1987 erzählt. Ella ist eigentlich ein recht glückliches Kind, das an seinem Leben in der DDR nichts auszusetzen hat. Die Eltern sind Kunsthistoriker und vor allem Ellas Mutter hadert mit den eingeschränkten Möglichkeiten und der eingeschränkten Kunstfreiheit in der DDR, während ihre Mutter – Ellas Großmutter – von den Idealen der DDR zu 100% überzeugt ist. Auch dieser Teil der Geschichte hat mich zu 100% überzeugt, Ellas kindlicher Blick ist voller Leben und Farbe und man fühlt sich direkt in die sehr sympathische Geschichte zurückversetzt.

Insgesamt schafft das Buch den Spagat sowohl spannend und unterhaltsam, aber auch berührend zu sein und diesen Teil der Deutschen Geschichte auf sehr kurzweilige Art und Weise, aber trotzdem tiefgründig zu vermitteln.

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Ein notwendiger Tod“ von Anne Holt

„Ein notwendiger Tod“ ist der zweite Teil von Anne Holts neuer Krimireihe rund um die Detektivin Selma Falck. Da ich den ersten Teil schon als Hörbuch gehört habe, habe ich auch beim 2. Teil diese Form gewählt. Diesmal beginnt das Buch mit einem Schock für Selma Falck. Sie wacht orientierungslos und verwirrt in einer brennenden Hütte auf, aus der sie sich nur mit allerletzter Kraft befreien kann. Wie sie dorthin gekommen ist und wo sie ist, weiß sie nicht und auch als Leser:in erfährt man das erstmal nicht.
Denn schon springt das Buch einige Monate zurück, in einen Sommer wo noch alles soweit ok schien:
Nach ihrem Spielsucht-bedingten gesellschaftlichen und familiären Absturz hat sich Selma Falck inzwischen wieder einigermaßen berappelt, auch wenn das Verhältnis zu ihren Kindern und vor allem zu ihrer Tochter schwierig bleibt.
Letztere heiratet ihren Verlobten, einen rechtspopulistischen Meinungsbilder. Selma ist zur Hochzeit zwar eingeladen, doch an den Katzentisch verbannt. Von dort muss sie mit ansehen wie der frischvermählte Gatte ihrer Tochter bei einer Rede für die Gäste tot zusammenbricht. Gestorben an seiner Macadamia-Nuss-Allergie und das obwohl diese allen bekannt war und weit und breit keine Nüsse in Sicht waren.
Der Besitzer des Sterne-Restaurants, der die Hochzeit ausrichtete, beauftragt Selma damit, herauszufinden wie es zu dem Todesfall kommen konnte, um einen Imageschaden für sein Geschäft abzuwenden. Wirkt es erst so, als gäbe es gar keinen Fall, kommt Selma mit der Zeit unglaublichen Vorgängen auf die Spur…

Wie auch im ersten Fall zeichnet sich der Krimi vor allem dadurch aus, dass brandaktuelle gesellschaftspolitische Themen sehr anschaulich und spannend aufgegriffen werden, in diesem Fall die Verrohung des politischen Diskurses durch Fake News und Desinformation in den Sozialen Medien und die Radikalisierung der extremen rechten und linken politischen Ränder und die Frage wie eine demokratische Gesellschaftsordnung damit umgehen kann. Alles Themen die nicht nur in Norwegen eine Herausforderung darstellen. Der Kriminalfall birgt hierbei einige Überraschungen und das Buch hat mich wieder sehr gut unterhalten, auch Katja Bürkles ruhige, aber trotzdem nicht langweilige Vortragsweise passt sehr gut zu dieser typisch nordischen Krimireihe.

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Buch-Tipp: „Lügen über meine Mutter“ von Daniela Dröscher

„Lügen über meine Mutter“ von Daniela Dröscher ist das zweite Buch, das ich dieses Jahr aus den Nominierungen für den Deutschen Buchpreis ausgewählt habe. Das Buch ist ein autobiografisch geprägter Roman über die Mutter der Autorin bzw. über die toxische Beziehung zwischen ihren Eltern. Der Roman spielt Anfang und Mitte der 80er Jahre, als die junge Ela ca. 5 – 8 Jahre alt ist. Die Familie ist auf Wunsch des Vaters zurück in sein Heimatdorf gezogen und die Familie wohnt zusammen mit seinen Eltern in einem Haus. Der Vater arbeitet „quasi“ als Ingenieur in einer Firma (er stammt aus einer Bauernfamilie und hat sich aus einer Ausbildung als technischer Zeichner hochgearbeitet), fühlt sich aber dort nicht ausreichend wertgeschätzt und die erhoffte Beförderung bekommt am Ende doch immer der Junior des Chefs. Frustriert über seine mangelnden Erfolge entwickelt der Vater die fixe Idee das Übergewicht seiner Frau sei hauptschuldig an all seinen fehlenden Erfolgen, nicht vorzeigbar sei Elas Mutter, nicht mal bei wichtigen Weihnachtsfeiern der Firma. Der Alltag der Eltern ist geprägt von Sticheleien, Vorwürfen und Vorhaltungen und auch Ela kann sich über die Jahre dem Blick des Vaters auf die Mutter nicht ganz entziehen.
Gleichzeitig ist Elas Mutter eine Kämpferin, die sich nicht unterkriegen lassen will und einerseits versucht ihr eigenes Leben zu leben, eine eigene Karriere zu haben und den Einschränkungen und Zwängen des konservativen und spießigen Dorflebens der 80er Jahre zu entkommen, aber andererseits versucht alle familiären Anforderungen die ihre Kinder, ihr Mann und ihre pflegebedürftigen Eltern an sie stellen zu erfüllen. Eine unlösbare Aufgabe.

Das Buch hat mich von Anfang an gefesselt. Die Familie wird komplett aus der Sicht der jungen Ela geschildert, ihr kindlicher Blick auf die Geschehnisse ist immer authentisch und wirkt nicht irgendwie aufgesetzt oder als hätte ein Erwachsener versucht wie ein Kind zu denken. Das Buch ist tragisch und traurig, aber trotzdem immer warm und teils sogar humorvoll und alle Charaktere sind irgendwie fair und verzeihend gezeichnet, so dass das Buch trotz aller Tragik immer eine wundervolle Leichtigkeit aufweist.

Das Buch ist also einerseits eine wirklich authentische Kindheitsgeschichte, gleichzeitig ein schonungsloser Blick auf die Hürden und Zwänge mit denen Frauen in den 80er Jahren zu kämpfen hatten, Themen wie Body Shaming, Diätkultur und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind auch heute noch aktuell wie eh und je und man kann sich anhand des Buches die Frage stellen, wie viel sich bis 2022 wirklich verändert hat.

Definitiv eines der Lese-Highlights von 2022 für mich!

Bücher

Buch-Tipp: „Wilderer“ von Reinhard Kaiser-Mühlecker

Seit einigen Jahren habe ich es mir zur Tradition gemacht jedes Jahr eines oder mehrere Bücher zu lesen, die für den Deutschen Buchpreis nominiert wurden. Dieses Jahr habe ich mich aus dieser Liste als Erstes für „Wilderer“ von Reinhard Kaiser-Mühlecker entschieden, einen österreichischen Roman.

Im Mittelpunkt des Buches steht der junge Bauer Jakob. Er lebt auf dem Bauernhof seiner Familie, ist ein stoischer Typ, der wenig Gefühle zeigt und nicht gut mit Menschen kann, ein Eigenbrötler, der zudem verunsichert ist und ein geringes Selbstbewusstsein hat. Außerdem spielt er einmal im Jahr Russisch Roulette, warum erfährt der Leser zunächst nicht. Sein Vater ist ein Hallodri, der den Hof runtergewirtschaftet hat, die Oma wollte ihr Geld „der rechten Partei“ vermachen, anstatt Jakob damit eine Starthilfe für die Übernahme des Hofes zu geben, die sprunghafte Schwester Sophie geht Jakob auf den Keks und sein Bruder den er als Kind bewundert hat, ist inzwischen ein etwas übergewichtiger Städter. Während Jakob sich mit Hilfsarbeiten durchschlägt, verkommt der Hof immer mehr und Jakobs Geschäftsideen enden oft ähnlich erfolglos wie die seines Vaters. Jakobs Liebesleben besteht aus gelegentlichem Wischen auf Tinder und nicht mal seine Hunde hat Jakob im Griff.

Doch als Jakob Katja kennenlernt, eine junge Künstlerin, die aufgrund eines Stipendiums einige Zeit im Schulhaus wohnt, dass Jakob für die Gemeinde renovierte, scheint sich sein Schicksal zu wenden. Die beiden verlieben sich auf unspektakuläre Weise ineinander und Katja scheint überraschenderweise wie gemacht fürs Landleben und nimmt auch geschäftlich alles resolut in die Hand, während auch Jakob im Team mit ihr an Selbstbewusstsein gewinnt. Und plötzlich läuft alles glatt mit dem Hof. Obwohl Jakob bleibt wie er immer war, gefühlskalt, unempathisch, verstockt, rückwärtsgewandt und immer etwas misogyn scheint Katja ihn trotzdem zu lieben. Doch richtig sicher ist sich Jakob der Sache nie und auch seine dunkle Seite kann er nicht dauerhaft kontrollieren.

Der Schreibstil des Romans ist klar und präzise, ohne große Schnörkel und ohne große Gefühle, denn man liest die ganze Geschichte aus Sicht von Jakob und außer Wut und Hass, die unter der Oberfläche schwelen, zeigt dieser selten Gefühle und wenn dann auf eine sehr unbeholfene Weise. Das könnte ein sehr deprimierender Roman werden, doch trotzdem schafft es der Autor, das man irgendwie mit Jakob mitfiebert, trotz des latent bedrohlichen Untertons der Geschichte und Jakobs eher unzugänglichem Charakter. Für mich ein sehr authentischer Roman, mit glaubwürdigen Charakteren, der mich absolut überzeugt hat und der die Nominierung für den Deutschen Buchpreis auf jeden Fall verdient hat.

Bücher

Buch-Tipp: „Liebe Sophie, Liebe Valborg“ von Selma Lagerlöf

Ich bin ein großer Fan von Biografien und Autobiografien und habe auch schon gute Erfahrungen mit veröffentlichen Briefen von historischen Persönlichkeiten gemacht. Deswegen fiel mir das Buch „Liebe Sophie – Liebe Valborg“ von Selma Lagerlöf sofort ins Auge. Selma Lagerlöf ist den meisten Menschen in Deutschland vermutlich vor allem durch Nils Holgersson bekannt, außerdem war sie die erste Frau, die den Literaturnobelpreis verliehen bekam.

Dieses Buch befasst sich nun mit einer eher privaten Seite von Selma Lagerlöf, nämlich mit ihrer romantischen Beziehung zu gleich zwei Frauen gleichzeitig, die ihr Leben über Jahrzehnte begleiteten. Sophie Elkan war eine Schriftstellerkollegin von Lagerlöf, mit der sie sich intensiv über die jeweiligen Werke austauschte.
Valborg Olander half Selma Lagerlöf bei der Abschrift ihrer Werke und mit ihrer Korrespondenz. Mit beiden Frauen führte Selma Lagerlöf einen ausführlichen Briefwechsel, der Jahrzehnte überdauerte und sehr intim war. Im Buch abgedruckt sind lediglich Briefe von Selma Lagerlöf, nicht die Antworten ihrer Freundinnen. Zu jedem Brief gibt es immer einen kleinen erklärenden Text zu Hintergründen oder zum Kontext.

Einerseits ist es sehr unterhaltsam zu lesen, wie Selma Lagerlöf versucht mit den Bedürfnissen ihrer beiden sehr unterschiedlichen Freundinnen zu jonglieren und versucht vor allem die Eifersucht von Sophie Elkan auf Valborg Olander zu beschwichtigen (auch wenn dieser Charakterzug von Selma Lagerlöf nicht unbedingt immer 100% sympathisch rüberkommt, so doch immerhin sehr menschlich). Andererseits erfährt man ebenfalls sehr viel über die Alltagssorgen der Menschen Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts (zugebenermaßen den Alltagssorgen eher privilegierter Menschen), die politischen Ereignisse und die Arbeit an den Büchern der Schriftstellerin. Mir hat das Buch wirklich hervorragend gefallen und ich würde es jedem empfehlen, der Interesse an Selma Lagerlöf hat, mehr über sie lernen möchte oder der Spaß an historischen Briefwechseln hat. Bei mir hat das Buch sehr viel Lust darauf geweckt mehr über und von Selma Lagerlöf zu lesen.

Bücher

Buch-Tipp: „Teen couple have fun outdoors“ von Aravind Jayan

„Teen couple have fun outdoors“ von Aravind Jayan ist mir direkt wegen des Titels und dem auffälligen Cover ins Auge gesprungen. Da ich schon viele Bücher von indischen Autoren gelesen habe und die indische Kultur und deren Widersprüchlichkeiten sehr faszinierend finde, konnte ich an diesem Buch definitiv nicht einfach vorbeigehen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine typische indische Mittelstandsfamilie. Die Eltern haben sich hochgearbeitet und gerade ein neues Auto, einen Honda Civic gekauft. In einer indischen Vorortsiedlung ein super Weg einen guten Eindruck in der Nachbarschaft zu machen. Doch Sree, der älteste Sohn, Anfang 20, verhält sich komisch, möchte nicht aus seinem Zimmer kommen. Wenige Tage später ist klar warum, Sree und dessen Freundin Anita wurden in aller Öffentlichkeit bei sexuellen Handlungen gefilmt, das Video kursiert im Internet und für Srees Eltern bricht eine Welt zusammen.

Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive aus Sicht von Srees 20-jährigem jüngerem Bruder. Dieser ist hin und hergerissen zwischen Verständnis für seine Eltern und seinem Bedürfnis loyal zu seinem Bruder zu sein. Nachdem der nach einem Streit mit dem Vater auszieht und zusammen mit Anita in einem heruntergekommenen Appartment eines Freundes unterkommt, versucht Srees Bruder zu vermitteln, doch sein eigenes Verhältnis zu seinem Bruder leidet immer mehr unter der Situation und als auch noch Anitas Eltern von dem Video erfahren eskaliert die Situation immer mehr.

Mir hat das Buch gut gefallen, die Widersprüche zwischen den teils sehr progressiven und westlich geprägten jungen Indern und alten Moralvorstellungen der Eltern sind gut herausgearbeitet und auch in Srees Bruder selbst scheinen sich diese Widersprüche einen ständigen Kampf zu liefern. Auf der emotionalen Ebene berührte mich das Buch allerdings nicht so stark wie vielleicht möglich gewesen wäre, was daran liegen darf, dass der Ich-Erzähler sehr nüchtern von den Ereignissen berichtet. Trotzdem ein sehr starkes Buch eines jungen indischen Autors.

Bücher

Krimi-Tipp: „Frau Faust“ von Antje Zimmermann

„Frau Faust“ ist der Debut-Krimi der Kölner Journalistin Antje Zimmermann. Ich wurde vor allem durch den interessanten Titel darauf aufmerksam. Dieser ist auch durchaus Programm, denn die Kommissarin Katharina „Kata“ Sismann war neben ihrer Polizeikarriere erfolgreiche und fast unschlagbare Boxerin. Bis zu einem schicksalshaften Kampf, der ihrer Box-Karriere ein abruptes Ende setzte und sie auch im Polizeidienst mit „angeschlagenem“ Ruf zurückliess.

Auch das Milieu des Kriminalfalls ist spannend, eine bekannte und charismatische Krimiautorin wird ermordet. Gefunden wird sie von einer Teilnehmerin ihres renommierten Schreibkurses, die selbst von einer Karriere als Krimi-Autorin träumt.

Anfangs hat mir der Krimi trotz der etwas einfach plakativen Sprache gut gefallen. Das Setting in der Literatur-Szene ist sehr unterhaltsam gewählt und auch die Spannungen zwischen Bestseller-Autorin und ihrem von Konkurrenzdenken zerfressenen Schreibkurs sind durchaus mitreissend.

Zum Ende hin liess der Krimi für mich dann aber doch etwas nach und ich hatte den Eindruck die Autorin hat sich etwas verzettelt, die Auflösung hat mich nicht ganz überzeugt, ein Charakter der Amfang recht zentral ist, spielte letzendlich für das Buch überhaupt keine Rolle und die „düstere“ Hauptkommissarin war vielleicht doch etwas zu klischeehaft angelegt. Für mich wurde beim Lesen recht offensichtlich, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt, dass vielleicht noch ein etwas sorgfältigeres und kritischeres Lektorat gebraucht hätte. Das Talent der Autorin ist aber trotzdem augenscheinlich und unterhaltsam war der Krimi trotzdem.

Allgemein

Buch-Tipp: „Simón“ von Miqui Otero

„Simón“ von Miqui Otero ist ein märchenhaft anmutender Roman aus Spanien. Im Zentrum steht der junge Simon, der quasi in der Bar seiner Familie in Barcelona aufwächst. Geführt wird diese gemeinsam von seinen Eltern und seinem Onkel und seiner Tante. Deswegen ist sein älterer Cousin Rico fast so etwas wie ein Bruder für ihn, cool und fast mystisch, den er bewundert und vergöttert. Ansonsten in der Schule nicht sehr beliebt, sondern als eher merkwürdig angesehen, hat Simon noch Estela, das exzentrische Nachbarsmädchen als Spielgefährtin und seine Bücher, die Rico im schenkte. Dazu viele schrullige Barbesucher, die seine Kindheit prägen. Diese erfährt aber einen drastischen Einschnitt, als sein Cousin Rico nach einer wilden Ausgehnacht zu der er Simon mitnahm einfach verschwindet. Ist er abgehauen, ist ihm etwas passiert, war jemand hinter ihm her? Und warum fragen ihn ständig Bekannte von Rico nach einem angeblichen Schatz? Die Familie redet nicht über Rico und Simon bleibt in Ungewissheit zurück, bis er eine Nachricht in einem Buch findet.

Es ist recht schwierig zu beschreiben, was „Simón“ für ein Buch ist. Einerseits hat es etwas märchenhaftes, was auch im Erzählstil widergespiegelt wird, andererseits ist es aber auch einfach eine Geschichte übers Erwachsenwerden, in der wir Simon über mehrere Jahrzehnte begleiten. Er träumt davon ein erfolgreicher Starkoch zu werden, reich und erfolgreich ´, lehnt seine Kindheit und Herkunft hat und vergisst auf einem kurzen Höhenflug fast seine alten Freunde…bis er unsanft auf dem Boden der Tatsache landet. Dazu ist der Roman aber auch ein Buch über Spanien, über Barcelona und über die Schwierigkeiten der jungen Generation dort zu „überleben“. Simon sucht seinen Cousin Rico und sich, der Leser wird auf diese Reise mitgenommen, in einem bunten und außergewöhnlichen Entwicklungsroman, der mir gut gefallen hat, auch wenn man sich auf eine etwas verspielte Sprache einlassen muss.