Bücher

Buch-Tipp: „Uns zusammenhalten“ von Mirthe van Doornik

„Uns zusammenhalten“ von Mirthe van Doornik ist ein sehr berührender Roman aus den Niederlanden. Es geht um die beiden Schwestern Kine und Nico, die in den 90ern mit ihrer Mutter Nora in einem tristen Vorstadthochhaus leben. Die Mutter ist alkoholkrank, esoterisch und hippiemäßig angehaucht und ist immer auf der Suche nach einem ganz anderen Leben. Der Vater holt die Mädchen ab und zu ab, kümmert sich aber wenig und irgendwann findet er eine neue Liebe.
Kine und Nico müssen sich also schon in jungen Jahren ganz alleine durchschlagen. Als die Familie z.B. eine Reise nach Disneyland Paris gewinnt, setzen sich Nora und ihr aktueller Lover ab um das Grab von Jimi Hendrix zu besuchen, Kine und Nico bleiben alleine zurück, mit einer Freiheit die sie gar nicht wollen. Die Geschichte wird immer abwechselnd aus der Sicht von Nico und von Kine erzählt und behandelt immer Zeitsprünge im Abstand einiger Jahre. In jungen Jahren sind die Schwestern sehr eng und geben sich gegenseitig halt, doch mit der Zeit zieht die ältere Nico sich immer mehr in sich selbst zurück, während sie ihre Mutter aktiv ablehnt und ihr nicht verzeihen kann, ist Kine ein ganz anderer Typ, widerstandsfähiger, aktiver und nie ganz bereit ihre Mutter aufzugeben. So begleitet der Leser Kine und Nico von der relativ frühen Kindheit bis ins Erwachsenenleben, sieht wie sie erwachsen werden, wie sich Noras Zustand immer mehr verschlechtert und wie die beiden Schwestern unter diesen schweren Umständen erwachsen werden.

Für mich war „Uns zusammenhalten“ eines der besten Bücher die ich dieses Jahr gelesen habe. Auch wenn die Geschichte in jeder Hinsicht schwer ist, ist es trotzdem kein besonders trauriges Buch, ich fand es nicht mal besonders deprimierend. Zu liebenswert sind Kine und Nico und zu berührend ist die Geschichte erzählt und auch Humor spielt durchaus eine Rolle. Gut finde ich, dass nicht geurteilt wird und auch Noras Rolle mit Empathie betrachtet wird, etwas das dem Leser sehr schwer fällt, schafft zumindest Kine in dem Buch und es wirkt alles zu 100% glaubwürdig und wie aus dem echten Leben, nicht wie eine fiktionale oder beschönigte Version der Ereignisse.

Für mich eine klare Leseempfehlung.

Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Die Leuchtturmwärter“ von Emma Stonex

Im Hörbuch „Die Leuchtturmwärter“ von Emma Stonex geht es um einen mysteriösen Kriminalfall: im Jahr 1972 – kurz vor Sylvester – fährt ein Boot zu dem vor der Küste von Cornwall liegenden Leuchtturm „Maiden Rock“ um die dortige Leuchtturm-Besatzung nach ihrer langwierigen Schicht abzulösen. Doch der Bootsführer findet nur einen komplett verlassen Leuchtturm vor, noch dazu ist die Tür von innen verriegelt. Spurlos verschwunden sind die 3 Wärter Arthur (der Oberwärter), sein langjähriger Kollege Bill und Vince, der junge Leuchtturmwärter-Anwärter.

1992: 20 Jahre später werden längst alle Leuchttürme automatisch betrieben, doch was aus den 3 Männern wurde ist immer noch ungeklärt. Es gibt zahlreiche Theorien, auch abstruse wie eine Entführung durch Außerirdische sind darunter. Die drei Frauen der Wärter bekamen nie eine Antwort auf die Frage was aus ihren Ehemännern bzw. ihrem Freund wurde, die Leuchtturmgesellschaft Trident House mauert und verbietet sich Gerede über das Thema. Helen, Arthurs Frau, ist ein realistischer Typ und überzeugt, dass die Männer damals ertranken. Jenny, Bills Frau, klammert sich an den Gedanken, dass ihr Mann irgendwann wieder auftauchen könnte und Michelle, Vince damalige Freundin, ist neu verheiratet, hängt Vince emotional aber immer noch hinterher. Als ein Schriftsteller die 3 Frauen kontaktiert um einen Roman über die alten Ereignisse zu schreiben, kommen zahlreiche alte Geheimnisse ans Licht…

Die Geschichte wird abwechselnd in den beiden Zeitebenen 1992 und 1972 aus den verschiedenen Perspektiven der 6 beteiligten Personen erzählt und bald zeigt sich, dass fast jeder irgendwelche Geheimnisse verbarg. Das Erzähltempo ist dabei leise, ruhig und fast melancholisch. Die Atmosphäre auf einem einsamen, abgeschottenen Leuchtturm wird dabei sehr plastisch dargestellt.

Gelesen wird das Hörbuch von Tessa Mittelstaedt (Tatort Fans sicherlich vor allem bekannt durch ihre Rolle als Assistentin Franziska im Kölner Tatort) und Timo Weisschnur. Tessa liest dabei die Frauenrollen von Helen, Jenny und Michelle und Timo Weisschnur die 3 Leuchtturmwärter. Der Lesestil der beiden passt gut zum langsamen und ruhigen Erzähltempo und vor allem Tessa Mittelstaedt gelingt es die 3 unterschiedlichen Frauen gut und differenziert darzustellen. Timo Weisschnur fand ich am Anfang der Geschichte etwas zu gleichförmig beim Lesen der 3 verschiedenen Wärter, er legt aber mit zunehmender Dramatik der Ereignisse im 2. Teil nach und erweckt die 3 Männer zum Leben.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, man sollte aber keinen klassischen Krimi oder Spannungsroman erwarten, sondern sich ganz auf die leisen mysteriösen Töne einlassen können.

Bücher

Buch-Tipp: „Reise durch ein fremdes Land“ von David Park

„Reise durch ein fremdes Land“ von David Park ist ein sehr lyrisches nordirischer Roman. Er spielt kurz vor Weihnachten in einem Jahr in dem Großbritannien von starkem Schneefall betroffen ist. Die Straßen sind verschneit und kaum befahrbar, die Flughäfen geschlossen und der Fotograf Tom setzt sich ins Auto um von Belfast nach Sunderland in England zu fahren um seinen Sohn Luke nach Hause zu holen. Luke studiert in England und sitzt aufgrund der geschlossenen Flughäfen alleine in seiner Studentenwohnung fest und hat sich zudem noch irgendetwas eingefangen.
Tom fährt also trotz der schwierigen Straßenverhältnisse los, um Luke nach Hause zu holen, damit er gemeinsam mit Tom, seiner Frau Lorna und der kleinen Schwester Lilly Weihnachten feiern kann. Doch die Sorge um Luke und auch die realen Gefahren der Fahrt sind nicht das eigentlich Problem mit dem sich Tom auf dieser Reise auseinander setzen muss. Denn in Wirklichkeit gibt es einen viel größeren Schmerz in der Familie: immer irgendwie am Rande der Wahrnehmung dabei ist Daniel, Lukes großer Bruder. Mit ihm führt Tom während der Fahrt Zwiegespräche, hadert mit seiner Rolle als Vater, mit seinen Entscheidungen, mit seinem Tun und mit der Vergangenheit. Was genau mit Daniel passiert ist, erfährt der Leser zunächst nicht, Daniel ist auf jeden Fall „weg“, doch ist er verschwunden oder tot? Je länger die Reise andauert, desto mehr Schichten legt Tom offen und desto schmerzlicher muss er sich mit seiner Beziehung mit Daniel auseinander setzen, mit Trauer, Schuld und Geheimnissen.

Der Ton des Buches ist sehr ruhig, die winterliche Atmosphäre passt perfekt zu dem Roman, die langsame einsame Autofahrt bringt den Leser ganz nah an Tom heran, so dass man wirklich mit ihm mitleidet. Von mir eine volle Leseempfehlung.

Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Wo der Wolf lauert“ von Ayelet Gundar-Goshen

In dem Hörbuch „Wo der Wolf lauert“ von Ayelet Gundar-Goshen steht die Familie Schuster im Mittelpunkt. Lilach und Michael Schuster sind vor einigen Jahren aus Israel nach Kalifornien emigriert und leben dort mit ihrem 16-jährigen Sohn Adam. Michael arbeitet im Silicon Valley für eine IT-Firma im sicherheitskritischen Bereich, Lilach hat einen Teilzeitjob im Altenheim, wo sie sich um Kulturprojekte und Unterhaltung für die Bewohner kümmert, konzentriert sich aber sonst stark auf ihre Familie. Nach einem Anschlag auf eine religiöse jüdische Feier der die Community erschüttert melden Lilach und Michael Adam bei einem Krav Maga Kurs an. Adam ist ein eher introvertierter zurückhaltender Junge, doch nach erstem Sträuben ist er umso begeisterter von dem Kurs und noch mehr von Uri, der Gerüchten der Teenager zufolge sogar mal beim Mossad gewesen sein soll. Doch dann geschieht auf einer Party schon wieder etwas furchtbares, Jamal Jones, ein Junge aus der afroafrikanischen Community bricht tot zusammen, waren es Drogen? Oder etwa gar kein Unfall. Als Lilach heraufindet, dass Jamal Adam gemobbt hat und Adam wohl anderen Kindern gegenüber erzählt hat, dass er Jamal am Liebsten umbringen würde, bekommt ihre Familienidylle immer mehr Risse und Lilach muss realisieren wie wenig sie eigentlich über ihren Sohn wusste. In dieser schwierigen Zeit wird Uri zu einer immer größeren Stütze für Adam und gewinnt langsam auch immer mehr das Vertrauen der Familie, Michael verschafft ihm sogar einen Job in seiner Firma. Doch bei Lilach bleibt ein ungutes Gefühl…

Das Buch ist in der Ich-Perspektive von Lilach geschrieben, man erfährt die ganzen Ereignisse also aus ihrer Sicht als besorgte Mutter. Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen und es hat mich von Anfang an gefesselt. Leichte Schwächen hatte es finde ich im zweiten Drittel wo der Spannungsbogen irgendwie etwas abflachte, dann zum Ende aber wieder Fahrt aufnahm. Insgesamt hat mich das Buch zum Ende hin auch überrascht und es hat sich etwas anders entwickelt als ich am Beginn erwartete, was ja kein Nachteil sein muss.
Nur Lilach’s etwas weinerliche Passivität ging mir zeitweise auf die Nerven, einen besonders sympathischen Charakter konnte ich ihn ihr nämlich nicht unbedingt sehen. Trotzdem hat mich die Geschichte an sich definitiv überzeugt.

Das Hörbuch wird gelesen von Milena Karas und von ihr war ich richtig begeistert. Sie liesst sehr klar und deutlich und trotzdem ist ihre Darstellung der Personen in der direkten Rede voller Emotionen. Auch den verstockten Teenager Adam stellt sie als Frau sehr gut dar. Mich hat sie zu 100% überzeugt.

Bücher

Jugendbuch-Tipp: „Optimisten sterben früher“ von Susin Nielsen

Optimisten sterben früher“ ist ein Young Adult Roman der kanadischen Jugendbuchautorin Susin Nielsen. Hauptfigur ist die Jugendliche Petula, die seit dem Tod ihrer kleinen Schwester im Alter von 3 Jahren übervorsichtig und mit diversen Angst- und Zwangsstörungen belastet durchs Leben geht. Sie gibt sich die Schuld am Tod ihrer Schwester, denn diese erstickte im Schlaf an einem Knopf eines Anzugs, den Petula für sie genäht hatte. Seitdem versucht Petula jedes Risiko für sich selbst und ihre Familie auszuschalten, sammelt Artikel über tragische und unwahrscheinliche tödliche Unglücke, übererfüllt selbst ohne Corona jegliche Hygieneanforderungen und dazu sieht sie es noch als Aufgabe an die Ehe ihrer Eltern am Laufen zu halten, indem sie auch den Familienalltag möglichst konfliktfrei gestaltet. Bei einer schulischen Kunst-Therapiegruppe (von den Kids zynisch „Basteln für Bekloppte“ genannt) lernt sie Jacob kennen, der nach einem Unfall auf Petulas Schule gewechselt ist, eine Armprothese trägt und die Gruppe trotz seiner eigenen Probleme durch seine positiven Impulse bereichert. Auch Petula öffnet sich ihm langsam und – wie in Young Adult Romanen unvermeidlich 😉 – verliebt sich in ihn. Doch es stellt sich heraus, dass Jacob über seine eigene Vergangenheit nicht ehrlich war…

Der Roman ist sicher für einen Young Adult recht typisch und hat all die üblichen „Inhaltsstoffe“, trotzdem fand ich, dass er definitiv sehr positiv heraussticht. Die Charaktere sind farbig und lebendig gezeichnet und sehr charmant, mit Petula kann sich vermutlich jeder identifizieren, der Schreibstil ist trotz des schweren Themas humorvoll und leicht und die ganze Geschichte ist mindestens so humorvoll wie traurig. Von dem her eine absolute Leseempfehlung.

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Buch-Tipp: „Das zweite Leben des Adolf Eichmann“ von Ariel Magnus

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, dass sich nicht gerade als leichte Lektüre anbietet und von dem ich jetzt auch schwer sagen kann ob ich es jemanden „empfehlen“ würde: „Das zweite Leben von Adolf Eichmann“ von Arial Magnus. Der Autor ist der Enkel einer jüdischen Holocaust-Überlebenden, der sich in diesem Buch die Aufgabe gestellt hat eine Geschichte aus Sicht eines der schlimmsten Nazi-Verbrechers des 2. Weltkrieges zu schreiben.
Das Buch spielt im Buenos Aires der 1950er Jahre, nachdem es Eichmann (wie vielen anderen Nazis und SS-Angehörigen) gelungen ist sich nach Argentinien abzusetzen. Unter dem Namen Ricardo Klement lebt er völlig unbehelligt in Buenos Aires und schlägt sich mit wechselhaften Jobs durch. 1952 holt er seine Familie nach, er gibt sich aber als Onkel seiner Söhne aus um seine Identität zu verschleiern. Die Geschichte deckt den Zeitraum von 1952 (als Eichmann seine Familie nachholte) bis zu seiner Entführung durch den Mossad im Jahr 1960 ab.
Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben, was das Geschriebene besonders perfide machen, denn wer möchte schon in den Kopf und die kranke Ideologie eines solchen Menschen und unbelehrbaren Nazis eintauchen?
Der Stil des Buches ist der einer bitterbösen und bissigen Selbstdarstellung, die die kruden Denkweisen von Eichmann und seine Taten schonungslos offenlegt.
Die Handlung orientiert sich dabei stark an den tatsächlichen Ereignissen und als Quellen für Eichmanns Darstellung dienen zahlreiche Aussagen von ihm und auch seine Interviews die er in Buenos Aires mit dem rechtsextremen Journalisten Willem Sassen führte.
Befremdlich erscheint es wie wenig Mühe sich Eichmann eigentlich gab seine Identität tatsächlich zu verschleiern.

Am Ende des Buches gibt es abschließend noch ein Kapitel „After Office“ in dem der Autor seine Beweggründe für das Schreiben seines Buches und die verwendeten Quellen genauer ausführt, was zur Einordnung und zum besseren Verständnis sehr hilfreich ist. Parallel habe ich die historischen Ereignisse und Personen beim Lesen zusätzlich auch immer mal wieder gegoogelt, um mehr über die Hintergründe und Personen zu erfahren.

Bücher

Buch-Tipp: „Dunkelblum“ von Eva Menasse

„Dunkelblum“ der österreichischen Autorin Eva Menasse spielt im Jahr 1989 in einem kleinen Dorf des selben Namens an der ungarischen Grenze im Burgenland. Ein Dorf in dem seit Jahrzehnten Geheimnisse und schreckliche Geschehnisse aus der Vergangenheit unter der Oberfläche lauern und von der Dorfgemeinde systematisch unter den Teppich gekehrt werden. Doch in diesem Jahr – indem auch schon hunderte Flüchtlinge hinter der ungarischen Grenze warten und der nächste große Umbruch vor der Tür steht – treffen gleich einige Menschen in Dunkelblum ein, die an diesem Status Quo rütteln: einige Studenten restaurieren den alten jüdischen Friedhof. Ein unbekannter Fremder quartiert sich im Hotel der Stadt ein und stellt Fragen. Ein junger Mann kehrt in sein Heimatdorf zurück nachdem seine Mutter völlig überraschend im Schlaf verstorben ist. Ein dort heimiger Reisebürobesitzer möchte ein Museum über die Geschichte Dunkelblums eröffnen und auch die jüngste Tochter einer alteingesessenen Winzerfamilie gräbt in der Dorfgeschichte. Und dann wird auch noch ein Toter auf einer Wiese ausgegraben…

Der Roman spielt in mehreren Zeitebenen, teils in der Vergangenheit während des 2. Weltkriegs, teils in der Nachkriegszeit und teils in der Gegenwart von 1989. In verschiedenen Episoden und Rückblicken lernt man aktuelle und frühere Einwohner von Dunkelblum kennen, ihre Geschichte, ihre Haltungen, ihre Verdrängungsmechnismen, ihre Rechtfertigungen und ihre Gewissensbisse…erzählt wird die Geschichte dabei in einer lebendingen Sprache voller Lokalkolorit (mein Lieblingswort, das ich neu gelernt habe ist „Holzpyjama“ für einen Sarg 😉 ) und trotz des sehr ernsten Themas ist auch Ironie und ein feinsinniger böser Humor in der Geschichte immer spürbar, was das Lesevergnügen für mich noch mehr erhöhte, auch wenn einem bei den schlimmsten Ereignissen das Schmunzeln dann schnell im Hals stecken bleibt.

Für mich ein außergewöhnlicher Roman, der sicher nicht die aller leichteste Lektüre ist, mir aber sehr viele anregende Stunden verschafft hat.

Bücher

Buch-Tipp: „Eine Frau bei 1000 – Aus den Memoiren der Herbjörg María Björnsson“ von Hallgrimur Helgason

Eine Frau bei 1000°“ von Hallgrimur Helgason habe ich mir als Lektüre ausgesucht, da mir schon das Buch „60 Kilo Sonnenschein“ vom gleichen Autor gut gefallen hat. Die außergewöhnliche Hauptfigur von „Eine Frau bei 1000°“ ist die 80-jährige Herbjörg Maria Björnsson, die an multiplem Krebs im Endstadium leidet und ihre letzten Lebensmonate als Untermieterin in einer Garage in Reykjavik verbringt, als Gesellschaft ihre Krankenpflegerin, eine Handgranate aus dem 2. Weltkrieg und ihr Laptop, das Tor zum Internet und somit zur ganzen Welt. Für ihr Ableben hat Herbjörg, genannt Herra, schon vorgesorgt, sie möchte verbrannt werden – bei 1000° geschieht das, hiervon rührt der Buchtitel – und hat sich direkt schon angemeldet für den 14. Dezember, länger möchte sie sowieso nicht mehr durchhalten…

Während Herra im Hier und Jetzt mit ihrer Familie hadert, das moderne Island mit zynischem und unerbittlichen Blick beschreibt und sich damit die Zeit vertreibt sich gegenüber allen möglichen jungen Männern auf der ganzen Welt bei Facebook als junge ehemalige Schönheitskönigin auszugeben und sie zu veräppeln, erzählt sie weiterhin in episodenhaften Rückblicken ihre Lebensgeschichte. Beginnend vom frühen Aufwachsen an der rauen Küste mit ihrer Mutter, die aus einfachen Verhältnissen stammt (der Vater der aus sehr privilegierten Verhältnissen stammt hat die junge Familie erstmal im Stich gelassen). Ihr Leben ändert sich massiv, als der Vater doch wieder auftaucht, doch nur kurzfristig zum Besseren. Denn Herras Vater zieht mit der Familie nach Deutschland und verfällt aufgrund einer irregeleiteten Heldenverehrerung Adolf Hitler, für den er als angeblich einziger Isländer in blinder Verehrung in den Krieg ziehen möchte. Herra wird in den Kriegswirren irgendwann von beiden Eltern getrennt und muss sich ganz alleine durchschlagen.

Das Buch wird in wechselnden Episoden in unterschiedlichen Zeitebenen erzählt und ist immer wild, extravagant, provokant, humorvoll, zynisch, aber durchaus auch bewegend und berührend und traurig. Der Zynismus wurde in einer Rezensionen die ich gelesen habe (das Buch erschien offenbar 2011 bereits einmal) kritisiert und als zu schwer erträglich kritisiert, eine Kritik die ich aber gar nicht nachvollziehen kann, denn gerade die Episoden die aus Sicht des Kindes Herras im 2. Weltkrieg erzählt werden sind keinesfalls zynisch oder gefühllos, sondern sehr direkt und damit auch zu Herzen gehend.

So entwirrt sich nach und nach Herras Lebensgeschichte und man bekommt immer mehr ein Gefühl für die zunächst so wehrhaft und unnahbar wirkende Frau.

Mir hat das Buch hervorragend gefallen, auch wenn es nicht immer leichte Kost ist. Es ist aber auch nicht immer schwere Kost, was es so besonders macht.

Für mich ist Hallgrimur Helgason ein Autor bei dem ich immer zugreifen werde.

Bücher

Buch-Tipp: „Weiches Begräbnis“ von Fang Fang

Letztes Jahr habe ich das Buch „Wuhan Diaries“ von Fang Fang gelesen und hier rezensiert, in dem die chinesische Autorin den Corona-Lockdown in ihrer Heimatstadt durch eindrückliche Tagebucheinträge schilderte. Da mich das Buch sehr fasziniert hat, kam damals schon der Wunsch in mir auf auch einmal einen Roman der Autorin zu lesen, allerdings gab es bisher noch keine Deutschen Übersetzungen ihrer Bücher. Mit „Weiches Begräbnis“ ist nun ein Roman verfügbar, für den sie in China mit einem renommierten Literatur-Preis ausgezeichnet wurde, der aber inzwischen dort durch Druck von politischen Gegnern wegen der kritischen Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen der jüngeren chinesischen Vergangenheit vom Markt verschwunden ist (genau wie schon die „Wuhan Diaries“).
Ich war erst etwas skeptisch ob mir das Verständnis des Buches schwer fallen würde, denn die kulturellen Gepflogenheiten in China sind teilweise schon sehr anders, außerdem ist man als Westeuropäer mit der jüngeren chinesischen Geschichte wenig vertraut und diese spielt laut Klappentext eine tragende Rolle in der Geschichte. Allerdings war die Sorge weitgehend unbegründet, lediglich die für westliche Empfindungen oft sehr ähnlichen Familiennamen und unvertrauten Vornamen machten mir anfangs ein paar Schwierigkeit. Unbekannte Begriffe wurden aber ansonsten sehr gut mit Fußnoten erklärt.

Im Zentrum des Romans steht die alte Frau Ding Zitao, die als junge Frau halbtot aus einem Fluss gefischt wurde und sich an nichts aus ihrer Vergangenheit erinnert. Sie heiratet ihren Lebensretter, einen Doktor namens Wu und bekommt mit ihm einen Sohn, doch jegliches Rühren an ihrer Vergangenheit führt bei ihr zu Angst- und Panikzuständen und so beschließt die Familie die Vergangenheit völlig unberührt zu lassen. Als Ding Zitao bereits über 70 ist, möchte ihr Sohn Jinglin endlich ein lang gehegtes Versprechen einlösen, nämlich ihr einen sorglosen Lebensabend zu ermöglich sobald er genug Geld dafür verdient hat. Er kauft ihr also ein relativ luxuriöses Haus als Altersruhesitz in dem seine Mutter zusammen mit ihm und seiner Familie leben soll. Doch schon beim Betreten des Hauses wirkt seine Mutter verwirrt und verstört und im Laufe der ersten Nacht fällt sie in eine Art Wachkoma oder katatonischen Zustand aus dem sie einfach nicht mehr erwacht.

Das Buch besteht danach aus zwei Erzählebenen, Jinglin versucht anhand der Wortfetzen die er von seiner Mutter gehört hat und mit Hilfe einiger Tagebücher seines Vaters, die er zufällig findet, mehr über die Vergangenheit seiner Eltern herauszufinden. Doch bald stellt sich für ihn die Frage wieviel Vergangenheit ein Mensch überhaupt braucht und vertragen kann und ob Vergessen nicht manchmal sogar die bessere Alternative ist?
Der Leser begleitet parallel Ding Zitao durch ihre eigene Erinnerungswelt in der sie gefangen ist und erlebt ihr Trauma zusammen mit ihr noch einmal.

Mir hat das Buch gut gefallen, man muss sich schon darauf einlassen, dass der Sprachstil und die Erzählweise eines chinesischen Romans für westliche Gewohnheiten etwas fremd klingt, auch die kulturellen Gepflogenheiten und Denkweisen ist für Europäer sicher oft ungewohnt. Aber gerade deswegen bietet der Roman einen wissens- und bewusstseinserweiternden Einblick in eine ganz andere Kultur und zugleich lernt man dass fast jedes Land sich ähnliche schmerzliche Fragen stellen muss, wenn man sich mit den grausameren Aspekten der jüngeren Geschichte auseinandersetzt.

Abgerundet wird das Buch durch einen kleinen Epilog der Autorin über die Entstehungsphase und ein Nachwort in dem die „Bodenreform“ in China näher erklärt und historisch eingeordnet wird und auf die politischen Widerstände eingegangen wird auf die die Autorin mit ihrem Buch traf. Für mich ist es sehr bewunderswert wie Fang Fang – die vom Autor des Nachworts treffend als „streitbare Humanistin“ bezeichnet wird – sich gegen alle Widerstände in ihrem Land mit ihren Worten eine Stimme verschafft, wieviel einfacher haben es westliche Autoren, die sich nicht ständig in dem Maße vor Anfeindungen und Zensur drangsalieren lassen müssen.

Bücher

Buchtipp: „Balaton“ von Noémi Kiss

„Balaton“ der ungarischen Autorin Noémi Kiss ist eine Sammlung von Novellen rund um das Leben am namensgebenden ungarischen Balaton (Plattensee), ein See der vor allem in den 1980er Jahren als Urlaubsort nicht nur bei den Ungarn, sondern auch bei DDR-Bürgern (und vermutlich etwas weniger auch bei West-Deutschen, die mehr Optionen hatten) beliebt war. Ich selbst habe in den späten 90ern und frühen 2000er Jahren einige Male dort Urlaub gemacht, da meine Eltern dort ein Ferienhaus hatten und erlebte den Wandel von einem sehr günstigen Urlaubsort, der damals immer noch bei Deutschen (egal ob aus Ost oder West) sehr beliebt war, hin zu ständig steigenden Preisen und letztendlich zu einer immer mehr nachlassenden Nachfrage.
Als meine Eltern schon zu Zeiten Orbans das letzte Mal dort waren, war dort schon ziemlich „Tote Hose“ und der Verkauf des Ferienhauses mangels Nachfrage gar nicht mal so einfach. Der Sehnsuchtsort Balaton dürfte zumindest für die meisten Ausländer heute keine große Rolle mehr spielen.
Trotzdem haben mir die Urlaube dort immer gut gefallen, so dass mich das Buch von Noémi Kiss sehr gereizt hat.

Die Novellen beschäftigen sich hauptsächlich mit der Erfahrung von ungarischen Familien in den 80er Jahren, meist erzählt aus Sicht eines Kindes (vermutlich da die Autorin in den 80ern auch in dem entsprechenden Alter gewesen war), doch es gibt zum Beispiel auch eine Novelle über einen Mordfall vor Jahrzehnten oder über den Tod eines Großvaters, Korruption, sexuellem Missbrauch im Sport, ..
Die Geschichten sind keineswegs besonders „schön“, oft wird klar, dass das Leben in diesem Ungarn für viele Kinder (und auch Erwachsene) kein Zuckerschlecken war, es geht ums Leben, Sterben und Erwachsen werden, um familiäre Verhältnisse, korrupte Sportfunktionäre, Vergangenheit und Zukunft und aber immer auch um den See und um ein Lebensgefühl, dass er für viele Ungarn zu dieser Zeit verkörperte.

Mir haben die Novellen sehr gut gefallen, 1 bis 2 waren sich vielleicht etwas ähnlich, aber insgesamt fand ich die Mischung sehr gelungen und man bekommt einen guten Einblick in das Leben im „Ostblock“ zu dieser Zeit.