Allgemein, Bücher

Buch-Tipp-Mix Sommer 2025: Stephen King und Young Adult Dystopie

Heute möchte ich zwei Bücher vorstellen, die ich im Juli gelesen habe. Nummer 1 ist ein Geschichtsband von meinem absoluten Lieblingsautor (seit meiner Kindheit), nämlich:

„Ihr wollt es dunkler“ von Stephen King

„Ihr wollt es dunkler“ ist ein typischer Geschichtsband von Stephen King, mit verschiedenen Kurzgeschichten, die von wirklich sehr kurz (wenige Seiten) bis hin zu zwei längeren Geschichten von um die 150 Seiten reichen. Dem Nachwort ist zu entnehmen, dass die Entwürfe von einigen Geschichten schon Jahrzehnte alt sind und Stephen King die jetzt erst beendet hat. Mir wäre das ohne die Erklärung nicht aufgefallen, auch wenn Stephen Kings neuere Romane nicht mehr so horrorlastig sind wie am Anfang seiner Karriere (wobei er ja auch schon damals Geschichten ohne Horror-Elemente verfasst hat), ist er seinem Stil immer so treu geblieben, dass die Geschichten für mich überhaupt nicht den Eindruck machen entweder altmodisch oder neumodisch zu sein. Der Geschichtsband ist wie aus einem Guß und mich haben alle Stories hervorragend unterhalten. Ein echtes Lesevergnügen, mit Geschichten die auch oft zum Nachdenken anregen.

Zusätzlich zu diesem Buch eines sehr erfahrenen Autors habe ich gelesen:

„The Last Bookstore on Earth“ von Lily Braun-Arnold

„The Last Bookstore on Earth“ ist eine Young Adult Dystopie von der jungen Autorin Lily Braun-Arnold. In dem Debütroman steht die jugendliche Liz, die seit einem – am Anfang noch nicht näher erklärten – dystopischen „Sturm“ alleine in einem Buchladen lebt, bei dem sie vor der Katastrophe gearbeitet hat. Was mit ihrer Familie passiert ist, weiß man anfangs noch nichts, doch Liz hat es geschafft sich einigermaßen komfortabel in dem zwar teilweise beschädigten, aber noch einigermaßen benutzbaren Gebäude einzurichten. Übers Wasser hält sie sich mit Tauschhandel mit den noch wenigen verbliebenden anderen Stadt-Bewohnern, die gelegentlich vorbeiziehen. Veränderungen mag sie nicht und Gefahren der Zukunft versucht sie zu verdrängen. Als eines Tages eine andere junge Frau namens Maeve auf der Suche nach Unterkunft bei ihr einbricht und ab diesem Zeitpunkt mit ihr zusammen in der Buchhandlung lebt wird ihre Routine unterbrochen und Liz muss ihre Komfortzone verlassen. Aber auch wenn ihr Maeve anfangs auch noch sehr unsympathisch ist, fängt sie mit der Zeit auch an Gefühle für sie zu entwickeln…

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, der Schreibstil ist für eine 19-jährige Autorin wirklich toll und mitreissend und man wird sofort in die Story reingezogen. Die Schwachpunkte waren für mich, dass die romantischen Aspekte der Story für so einen Young Adult Format etwas sehr subtil und zwischen den Zeilen erfolgte, was auch die Charakterentwicklung von Liz und Maeve etwas minderte. Dafür gibt es im Verhältnis relativ viel Gewalt, das hätte ich mir etwas ausgewogener gewünscht. Außerdem sind einige (medizinische oder physikalische) Teile der Story nicht besonders realistisch, das würde ich bei dem sehr jungen Alter der Autorin und der Tatsache dass es sich um ein Young Adult Buch handelt aber nicht als so dramatisch bewerten.

Bücher

Jugendbuch-Tipp: „Unsichtbar“ von Eloy Moreno

„Unsichtbar“ von Eloy Moreno ist ein spanisches Jugendbuch, das ein schwieriges Thema (Mobbing) auf eine unheimlich literarische und berührende Weise verarbeitet. Angesprochen hat mich bei dem Buch als erstes das schlichte, aber sehr gelungene Cover. Ansonsten wusste ich nicht wirklich was mich erwartet, aber das Buch hat auf jeden Fall jegliche Erwartungen übertroffen und mich sogar 2-3x fast zu Tränen gerührt. Dabei ist es kein hoffnungsloses Buch, sondern ein Buch voller Wärme, trotz der darin vorkommenden Traurigkeit. Ganz besonders ist auch die wirklich wundervolle poetische und trotzdem sehr direkte Sprache. 

Held der Geschichte ist ein namenloser Junge, von dem man am Anfang des Buches nur weiß, dass er im Krankenhaus liegt. Aufgrund eines angeblichen Unfalls. Ansonsten lernt man als Leser:in, dass der Junge davon überzeugt ist diverse Superheldenkräfte zu besitzen, darunter die Fähigkeit sich unsichtbar zu machen. Das Buch erzählt die aktuellen Geschehnisse und auch die Rückblenden, die zu dem Unfall führten dann aus Sicht des Jungen, aber auch aus Sicht anderer Personen aus seinem sozialen Umfeld. So schält sich Seite für Seite eine Geschichte heraus, die traurig ist, aber vermutlich überall auf der Welt jeden Tag genau so geschieht. 

Für mich ist „Unsichtbar“ eines der besten Bücher über Mobbing, das ich gelesen habe (das beste – das ich deswegen hier auch erwähnen möchte – ist meiner Meinung nach „Nennen wir ihn Anna“ von Peter Pohl) und ich empfehle es wirklich jedem unabhängig vom Alter. 

Bücher

Young Adult Tipp: „Schallplattensommer“ von Alina Bronsky

„Schallplattensommer“ ist das erste Buch, das ich von Alina Bronsky gelesen habe. Ihre Romane sind mir zwar schon öfters begegnet, aber irgendwie hat keiner davon es bisher auf meine Leseliste geschafft. „Schallplattensommer“ war auf jeden Fall eine sehr gute erste Wahl, habe ich das Buch (das allerdings auch nicht allzu dick ist) doch an einem einzelnen Abend verschlungen. Heldin des Buches ist  ein junges Mädchen mit dem ungewöhnlichen Namen Maserati, die eigentlich noch zur Schule gehen sollte. Doch diese schwänzt sie seit längerem, stattdessen hilft sie ihrer Großmutter deren rustikale Dorfkneipe in einem nicht näher genannten Ferienort zu führen (vom Gefühl her verorte ich das Buch an die Ostsee oder irgendeinen See in Ostdeutschland, bin mir aber nicht sicher ob im Buch überhaupt ein Ort genannt wurde). Maseratis Alltag kommt durcheinander, als eine reiche Familie in die bisher verlassene Villa des Ortes zieht und die beiden Söhne der Familie auf Maserati aufmerksam werden: der gutaussehende „Surfer-Boy“ Caspar und sein grüblerischer Bruder Theo, so zumindest Maseratis erster Eindruck der beiden. Doch bald zeigt sich, dass nicht nur Maseratis Leben komplexer ist als es auf den ersten Eindruck scheint. 

Der Roman ist wirklich recht einzigartig, er hat Leichtigkeit, Humor und vielschichtige Charaktere, eine Liebesgeschichte, es passiert auf den ersten Blick gar nicht mal so viel, aber trotzdem verfliegt das Buch, hat sehr viel Charme und passt zum Sommer, hält somit was der Titel verspricht und hat mich wirklich hervorragend unterhalten. 

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „You’d Be Home Now“ von Kathleen Glasgow

„You’d Be Home Now“ von Kathleen Glasgow ist ein Young Adult Roman dessen zentrales Thema etwas ernsthafter und dramatischer ist als es sonst oft der Fall ist. Schon das Cover – verziert mit einigen Pillen – lässt erraten worum es geht: Drogensucht bei Teenagern und die generelle Drogen-/Opiodkrise in den USA (deren Ausmaße für uns in Deutschland trotz vieler Filme und Berichte darüber finde ich immer noch schwer vorstellbar ist).
Hauptperson des Buches ist die Jugendliche Emory, die in ihrer Familie nach eigenem Gefühl ein Schattendasein führt. Ihre ältere Schwester Maddie ist schön, erfolgreich und selbstbewusst. Ihr Bruder Joey dagegen ist das Schwarze Schaf der Familie: drogensüchtig und am Anfang des Buches gerade in der Entzugsklinik gelandet, nachdem sein ebenfalls drogensüchtiger Freund Luther einen Autounfall verursacht hat, bei dem Emory sich schwer am Knie verletzte und eine andere Schulkameradin sogar ums Leben kam.
Emory fällt in ihrer Familie weder positiv noch negativ besonders auf und fühlt sich in ihrer Familie deswegen nicht wohl, auch die super kritische und extrem kontrollierende Mutter (die ihren Kindern sogar den Umgang mit Freunden verbietet oder erlaubt) macht das Familienleben nicht gerade angenehm. Emorys Rebellionen geschehen ganz heimlich, ansonsten hat sie es sich zur Aufgabe gemacht die Auswirkungen der Suchtprobleme ihres Bruders möglichst erfolgreich zu vertuschen, auch wenn sie alles damit natürlich nur noch schlimmer macht…

Die Geschichte wird in der Ich-Form aus Sicht von Emory erzählt und beim Hörbuch sehr gut und für eine Teenagerstimme glaubwürdig und sympathisch von Nora Schulte gelesen. Generell höre ich am Liebsten Hörbücher die sehr dynamisch sind und viele Dialoge enthalten, aber Nora Schulte hat es geschafft, dass mich auch dieses aus Sicht einer Person erzählte Hörbuch durchgehend gefesselt hat.

Das Buch an sich hat mir auch gut gefallen. Joeys Drogensucht und die Auswirkungen auf seine Familie wird soweit ich es beurteilen kann realistisch und nicht romantisiert erzählt und das Buch hebt sich von den typischen Young Adult Roman durch seine Thematik ab. Kleinere Schwächen gab es aus meiner Sicht auch: handlungstechnisch passiert in dem Roman gar nicht sooo viel, dafür werden viele verschiedene Teenie-Themen aufgegriffen, das wirkt vielleicht minimal überladen. Trotzdem hat mir das Buch wirklich gut gefallen und wer sich an das Thema heranwagen will, erhält auf jeden Fall ein sehr gelungenes Hörbuch.

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „I was born for this“ von Alice Oseman

Heute möchte ich ein sehr unterhaltsames Young Adult Hörbuch vorstellen: „I was born for this“ von Alice Oseman. Die Autorin ist vielen Leser:innen und Hörer:innen sicher vor allem durch ihre Heartstopper Comics und die zugehörige Netflix Verfilmung bekannt. Ich selbst liebe diese Reihe auch, „I was born for this“ spielt aber in einem ganz anderen Kosmos. Im Mittelpunkt steht die junge Fereshteh „Angel“ Rahimi, die gerade die Schule abgeschlossen hat. Ihre Eltern möchten, dass sie an der Abschlussfeier teilnimmt, doch Angel hat anderes im Sinn: sie ist ein leidenschaftliches Fangirl der beliebten Boyband „The Ark“ und in dieser Woche sollen ihre großen Träume wahr werden. Sie fährt nach London und trifft zum ersten Mal ihre beste Online-Freundin Juliet. Die beiden möchten zu ihrem ersten The Ark Konzert inkl. Meet and Greet gehen und Angel widr somit auch das erste Mal ihren absoluten Liebling der 3 Boyband-Mitglieder sehen: Jimmy Caga-Ricci. Doch so groß Angels Erwartungen sind, so enttäuschend entwickelt sich alles auf den ersten Blick: Juliet hat noch einen anderen Online-Freund eingeladen, Mac, von dem Angel noch nie etwas gehört hat und scheint mehr an der Anbandelung einer Liebesbeziehung interessiert zu sein als an The Ark oder Angel. Und auch das ersehnte Meet & Greet mit The Ark entwickelt sich nicht wie erwartet. Angel muss sich bald der Erkenntnis stellen, dass die Realität vielleicht nicht ganz mit ihrer fiktiven Verehrung von The Ark mithalten kann.

Zur Erzählweise: Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Angel Rahimi und das Objekt ihrer Anbetung – Jimmy Caga-Riggi. Erzählt wird die Handlung entsprechend auch immer abwechselnd aus Sicht der beiden. Während Angel mit ihrer Vorfreude und ihren übersteigerten Erwartungen an die Konzertwoche beschäftigt ist, haben Jimmy und seine beiden Bandkollegen mit den Folgen von Ruhm, Druck in der Musikbranche und dem Verhalten der Fangirls zu kämpfen. Während Jimmy ein ruhiger und sensibler introvertierter junger Mann ist, der von einer Angststörung geplagt wird, ist Angel extrovertiert, laut, redefreudig und teilweise sehr um sich selbst kreisend, was vor allem in ihrem Verhalten gegenüber Juliet und Mac auffällt. Während sie trotzdem ein charmanter und spannender Charakter ist, fand ich sie deswegen trotzdem manchmal etwas anstrengend. Jeder der sich schonmal in Fan-Kosmos eines Superstars oder einer Band bewegt hat, wird viele der Themen und Verhaltensweisen im Buch sofort wiedererkennen und die Autorin erweckt dieses spezielle Universum mit ganz viel Authentizität und Detailfreude zum Leben. Die Geschichte hat mir deswegen ganz hervorragend gefallen, auch wenn die Entwicklung der Geschehnisse im 2. Teil vielleicht nicht ganz realistisch ist (man darf aber nicht vergessen, dass es sich primär um ein Buch für Jugendliche handelt).

Zum Hörbuch: Da die Geschichte abwechselnd von zwei Personen erzählt wird, hat das Hörbuch auch zwei Sprecher – Pegah Ferydoni und Jacob Weigert – die auch wirklich hervorragend ausgewählt wurden. Pegah Ferydoni liest Angel mit einer Lebhaftigkeit, die perfekt zu deren sprudeligen Extrovertiertheit passt (und das ganze Hörbuch sehr unterhaltsam und kurzweilig macht), Jacob Weigert liest den Jimmy ruhiger, aber ohne dass er deswegen im Vergleich zu Angel an Ausdruck verliert. Von dem her habe ich mich sehr darüber gefreut, dass ich das Buch als Hörbuch ausgewählt habe.

Insgesamt empfehle ich das Buch jedem Fan von Alice Oseman und vor allem auch jedem, der sich für Fankultur interessiert.

Bücher

Buch-Tipp: „Solitaire“ von Alice Oseman

Der ursprünglich 2014 erschienene Roman „Solitaire“ von Alice Oseman ist das Debut der jungen Autorin, die neben ihren Jugendbüchern vor allem durch ihre „Heartstopper“ Comics berühmt wurde, die inzwischen auch für Netflix verfilmt wurden. Genau daher kenne ich die Geschichten um Charlie Spring und seinen Freund Nick Nelson auch, die Comics habe ich bisher nicht gelesen, aber die Serie liebe ich (wie wohl jeder der sie gesehen hat). Deswegen wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Erfinderin des ganzen Universums rund um Charlie und Nick auch als Autorin kennen zu lernen. Und auch in „Solitaire“ steht die Familie Spring im Mittelpunkt, allerdings nicht Charlie, sondern seine minimal ältere Schwester Tori.

Tori ist 16, introvertiert, pessimistisch und meistens eher unglücklich (außer bei ihrem größten Hobby – bloggen), gerne mal wütend und das zu ändern fällt ihr trotz ihrer Freunde und ihrer Familie nicht leicht, doch ihr Alltag scheint zumindest einigermaßen stabil und vorhersehbar. Doch dann möchte plötzlich ein etwas merkwürdiger sehr extrovertierter Schüler namens Michael Holden aus für sie unerfindlichen Gründen unbedingt mit ihr befreundet sein und auch ihr bester Freund aus der Grundschule taucht nach einem Schulwechsel plötzlich wieder in ihrem Leben auf. Als wäre das nicht genug fängt eine anonyme Gruppierung namens „Solitaire“ an die Schule zu terrorisieren und niemand scheint sich so richtig dafür zu interessieren.

Es ist nicht ganz einfach den Roman zu beschreiben, den er ist sicherlich sowohl inhaltlich als auch von der Hauptperson her etwas ungewöhnlich. Es ist nicht einfach Tori mit ihrem ganzen Selbsthass und Zynismus zu mögen und auch die Geschehnisse rund um Solitaire wirken oft etwas absurd. Trotzdem hat mir das Buch im Großen und Ganzen sehr gut gefallen, denn die Charaktere sind sehr außergewöhnlich und Toris Gefühlsschwankungen zwischen Hoffnung und Verzweiflung sind mitreissend. Auch hat es mir sehr gut gefallen einen etwas weniger zuckersüßen Blick auf Charlie Spring zu bekommen als in der Netflix Serie, die aus 99% Romantik besteht und 1% Problemen, während in Solitaire Charlies Probleme mit mentaler Gesundheit im Vordergrund stehen. 

Trotzdem merkt man „Solitaire“ noch etwas an, dass es ein Debut ist, ich würde es im ganz wörtlichen Sinne als Rohdiamant bezeichnen (wild und ungeschliffen) und es liest sich als wäre es definitiv sehr kurz nach oder noch während einer ungeliebten Schulzeit geschrieben worden, von jemandem der sein eigenes Schultrauma noch lange nicht überwunden hatte. Das macht gerade diesen Aspekt aber sicherlich auch sehr authentisch. Tatsächlich gestört hat mich an dem Buch eigentlich nur, dass einige der Aktionen von „Solitaire“ etwas unrealistisch wirken, vor allem, da scheinbar kein Erwachsener oder keine Autoritätsperson darauf reagiert (warum z.B. kann eine anonyme Gruppe stundenlang den gleichen Popsong über die Schullautsprecher abspielen, ohne dass irgendwer in der Lage ist, diesen einfach wieder auszuschalten?). Darüber kann man aber leicht hinwegsehen und eine wirklich außergewöhnliche Coming-Of-Age Geschichte lesen.

Bücher

Buch-Tipp: „Last Night at the Telegraph Club“ von Malinda Lo

Das Jugendbuch „Last Night at the Telegraph Club“ von Malinda Lo ist definitiv eines meiner absoluten Lese-Highlights des Jahres 2023. Schon das Cover ist eine Augenweide, aber der Inhalt sogar noch mehr. Die 17-jährige Lily wächst in den 1950er Jahren als Tochter chinesischer Einwanderer:innen in San Francisco auf. Das Leben der Familien in Chinatown ist hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis möglichst amerikanisch und integriert rüber zu kommen und gleichzeitig chinesische Traditionen zu pflegen. In einer Zeit in der Konformität auch sonst gesellschaftlich eine dominierende Rolle spielt ist Lily anders als andere Mädchen ihres Alters. Nicht nur, dass sie sich leidenschaftlich für Raketen und Science Fiction Romane interessiert, auch ihre Gefühlswelt verwirrt sie, auch wenn sie noch nicht genau weiß inwiefern. Als sie ihrer Schulkameradin Kath näher kommt, nimmt Lilys bisher so behütetes und konservatives Leben einen Lauf, den sie sich nie hätte vorstellen können. Sie besucht sogar mit Kath einen Nachtclub, den „Telegraph Club“, in dem die Herrenimitatorin Tommy auftritt und für Lily eröffnet sich ab diesem Zeitpunkt eine ganz neue Welt. 

Mir hat an dem Buch eigentlich alles gefallen: Die Liebesgeschichte ist wundervoll gefühlvoll  erzählt, Lily ist ein ganz normales chinesisch-amerikanisches Mädchen, mit dem man mitfühlt und sich identifizieren kann, man lernt nebenbei noch wahnsinnig viel darüber wie es war als chinesische Einwandererfamilie in den USA der 1950er Jahre zu leben, immer in der Sorge abgeschoben zu werden oder vom FBI für Kommunisten gehalten zu werden. Auch die Einblicke in die chinesischen Familien und Traditionen waren wirklich informativ. Und natürlich lernt man wie nebenbei auch noch unheimlich viel über die LGBTIQ*-Szene der 1950er Jahre in San Francisco, über eine Subkultur, die lebte und gedieh, trotz Zwangs zur Heimlichtuerei und der ständigen Furcht vor Repressalien (deprimierend hierbei, dass manche US-Bundestaaten und Politiker gerade mit Hochdruck daran zu arbeiten scheinen derartige Verhältnisse wieder herzustellen, was dann auch noch gewisse CSU-Größen dazu animieren ähnlichen Quatsch zu twittern). 

Für mich ein sprachlich wie inhaltlich fast perfektes Jugendbuch, dass sich auch wunderbar für Erwachsene eignet und auch aus der Masse der LGBTIQ*-Literatur besonders hervorsticht. Hervorzuheben ist auch noch, dass das Buch am Ende ein Kapitel mit Hintergrundinformationen zu den Recherchen, Quellen und zur Historie der chinesisch-amerikanischen Einwanderer:innen und der queeren Szene in San Francisco in den 1950ern enthält, das ich super interessant fand. 

Bücher

Young Adult Tipp: „Letztendlich waren wir auch nur verliebt“ von William Hussey

„Letztendlich waren wir auch nur verliebt“ von William Hussey hat für einen Young Adult Roman eine etwas außergewöhnliche und traurige Ausgangssituation, denn das verliebte Paar um das es in dem Roman geht wird direkt am Anfang brutal auseinander gerissen: Der schüchterne, bisher ungeoutete und nicht besonders beliebte Dylan verliebte sich Hals über Kopf in seinen neuen Mitschüler Ellis, der so ganz anders ist als Dylan: selbstbewusst, provokant, schillernd und offen queer. Einige Monate wie auf einer Achterbahn verbringen Dylan und Ellis zusammen, dann wird ihre Beziehung überraschend öffentlich, denn jemand hat die beiden heimlich gefilmt und das Video auf Instagram geteilt. Dylan nutzt die Gelegenheit sich zu outen und eigentlich wäre nun erst Recht alles Bestens, aber in der gleichen Nacht gibt es einen folgenschweren Unfall und Ellis kommt ums Leben.

Die Ereignisse überschlagen sich also schon ganz am Anfang des Romans und ähnlich turbulent und leidenschaftlich wie der Beginn ist auch das ganze Buch. Während Dylan in der Gegenwart von Schuldgefühlen überwältigt wird, ist er gleichzeitig sicher, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Er ist sich sicher, dass er in der Unfallnacht von einer unbekannten Person gerettet wurde, die Ellis bewusst sterben liess. Während Polizei und auch sein Umfeld dies skeptisch als Symptom seiner Schuldgefühle als Überlebender sieht, ist Dylan fest entschlossen herauszufinden wer die Person war. Außerdem will er Ellis verborgene Geheimnisse lüften, denn dieser benahm sich in den letzten Monaten teilweise merkwürdig…

Das Buch erzählt abwechselnd von der Zeit nach Ellis Tod und abwechselnd erfährt der Leser was in den vergangenen Monaten passiert ist, von Dylans und Ellis erstem Kennenlernen bis hin zu der tragischen Nacht in der Ellis ums Leben kann.

Die Themen im Buch sind also sehr vielfältig: Coming out, Konflikte mit den Eltern, eine Liebesgeschichte, Dylans Beziehung zu seinem besten Freund Mike und dazu Dylans Recherchen, die dem Buch fast ein bisschen den Anschein eines Krimis gibt. Das klingt in der Beschreibung irgendwie überladen, aber in der Praxis funktioniert das Buch einfach, alles fügt sich nahtlos und harmonisch ineinander, die Charaktere sind sympathisch, stark und liebevoll gezeichnet und werden für den Leser lebendig.

Für mich deswegen ein wirklich außergewöhnlich guter Young Adult Roman, der aus der Masse heraussticht, spannend und charmant ist und trotz der Tatsache, dass eine Hälfte des Liebespaares tot ist, trotzdem unheimlich romantisch ist. Für mich eines der Lese-Highlights 2022.

Bücher

Jugendbuch-Tipp: „Optimisten sterben früher“ von Susin Nielsen

Optimisten sterben früher“ ist ein Young Adult Roman der kanadischen Jugendbuchautorin Susin Nielsen. Hauptfigur ist die Jugendliche Petula, die seit dem Tod ihrer kleinen Schwester im Alter von 3 Jahren übervorsichtig und mit diversen Angst- und Zwangsstörungen belastet durchs Leben geht. Sie gibt sich die Schuld am Tod ihrer Schwester, denn diese erstickte im Schlaf an einem Knopf eines Anzugs, den Petula für sie genäht hatte. Seitdem versucht Petula jedes Risiko für sich selbst und ihre Familie auszuschalten, sammelt Artikel über tragische und unwahrscheinliche tödliche Unglücke, übererfüllt selbst ohne Corona jegliche Hygieneanforderungen und dazu sieht sie es noch als Aufgabe an die Ehe ihrer Eltern am Laufen zu halten, indem sie auch den Familienalltag möglichst konfliktfrei gestaltet. Bei einer schulischen Kunst-Therapiegruppe (von den Kids zynisch „Basteln für Bekloppte“ genannt) lernt sie Jacob kennen, der nach einem Unfall auf Petulas Schule gewechselt ist, eine Armprothese trägt und die Gruppe trotz seiner eigenen Probleme durch seine positiven Impulse bereichert. Auch Petula öffnet sich ihm langsam und – wie in Young Adult Romanen unvermeidlich 😉 – verliebt sich in ihn. Doch es stellt sich heraus, dass Jacob über seine eigene Vergangenheit nicht ehrlich war…

Der Roman ist sicher für einen Young Adult recht typisch und hat all die üblichen „Inhaltsstoffe“, trotzdem fand ich, dass er definitiv sehr positiv heraussticht. Die Charaktere sind farbig und lebendig gezeichnet und sehr charmant, mit Petula kann sich vermutlich jeder identifizieren, der Schreibstil ist trotz des schweren Themas humorvoll und leicht und die ganze Geschichte ist mindestens so humorvoll wie traurig. Von dem her eine absolute Leseempfehlung.

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Young Adult Tipp: „Die Liebesbriefe von Abelard und Lily“ von Laura Creedle

„Die Liebesbriefe von Abelard und Lily“ von Laura Creedle ist ein typischer Young Adult Roman, in dem sich 2 Außenseiter im High School Alter ineinander verlieben. Dieses Genre ist im Young Adult Bereich seit Jahren sehr beliebt, so dass immer etwas die Gefahr besteht, dass sich die Bücher sehr ähneln. Aber „Die Liebesbriefe von Abelard und Lilly“ haben mich definitiv begeistert, vor allem wegen der Charaktere. Lily hat ADHS oder zumindest eine ADHS artige Störung und deswegen immer Probleme mit ihrer Impulskontrolle, Aufmerksamkeit und dem Erfüllen von Aufgaben im Schulalltag.

Außerdem vermisst sie ihren Vater, der die Familie vor einigen Jahren verlassen hat und verträgt ihre ADHS-Medikamente nicht besonders gut. Insgesamt ist die Schule für Lily also aktuell eher kein Quell der Freude, auch wenn ihre beste Freundin immer für sie da ist.
Doch als sie eines Tages ausversehen gemeinsam mit ihrem Mitschüler Abelard (der zwar hochintelligent ist, aber eine autistischen Störung hat) eine Schiebetür in der Schule kaputt macht, lernen die beiden sich beim Nachsitzen näher kennen und verlieben sich ineinander.

Für Lily ändert das viel, denn zum ersten Mal fühlt sie sich von jemanden genauso angenommen wie sie ist, Abelard findet sie perfekt und auch wenn die Beziehung zu ihm nicht einfach ist (als sie einmal 15 Minuten zu spät zu einem Besuch kommt bekommt Abelard der mit Veränderungen nicht gut umgehen kann, gleich einen Anfall) schwebt Lily für ihre Verhältnisse auf Wolke 7. Doch dann bekommt Abelard ein Angebot, dass er fast nicht ablehnen kann…

Das Buch wird aus Sicht von Lily erzählt, die ihren Schul-, Freundes- und Familienalltag mit viel Ironie und Humor schildert. Lily und Abelard sind tolle und sympathische Charaktere und man kann sich mit ihnen und Lilys Problemen sehr gut identifizieren. Für mich deswegen ein sehr liebeswertes, leichtes und gelungenes Buch, das ich in Windeseile verschlungen habe.