Reisen

Impressionen aus Slowenien – Tag 4

Am vierten Tag hatten wir einen Tagesausflug in die Berge, genauer gesagt zum Fluß Soca, gebucht. Die Tourgruppe erwies sich dabei als angenehm klein, nur wir, unser Guide Luca, sowie eine 4-köpfige Familie aus Colorada.

Die Fahrt ging zuerst von Ljubljana ins relativ bekannte Skigebiet „Kransjka Gora“, das auf mich einen gemütlichen Eindruck machte. Generell ist die Bergwelt in Slowenien beeindruckend und gleichzeitig, aber auch charmant, da alles ein paar Nummern kleiner wirkt als zum Beispiel in Österreich.

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in Kransjka Gora

Schnell stellen wir fest, dass in den Bergen Slowenien 90% der anderen Touristen Deutsche zu sein schienen (und ein paar Österreicher natürlich auch). Ebenso stellen wir fest, dass grundsätzliches JEDES Gewässer in den Bergen zum Baden genutzt wird, trotz kuscheliger Wassertemperatur von gefühlt 15 Grad 😀

Unsre Fahrt führten uns dann über den längsten Pass von Slowenien, wo wir auch eine kleine russische Kapelle besuchten, die als Gedenken für die russischen Kriegsgefangenen errichtet wurde, die beim Bau dieser Passstraße ums Leben gekommen sind.

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Bergwelt

Da wir als Teil unsres Ausflugs optional Rafting dazu gebucht hatten, war keine Zeit für ein ordentliches Mittagessen, weswegen die Auswahl mitten im kleinen Bergdorf quasi zwischen Döner und Börek bestand (letzteres fand ich ja nicht so übel).

Der nächste Programmpunkt war eine ca. 30 minütige Mini-Wanderung zu einem Wasserfall in einer Höhle (auch dort badeten natürlich Menschen), die viel Spaß gemacht hat und eine passende Abwechslung zum Auto fahren war und einige besonders schöne Blicke auf den wunderschönen Soca Fluß bot (nicht umsonst wird dieser Fluß für die Touristik Werbung „Emerald River“ getauft):

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Danach kam nach dem Besuch eines weiteren Ausichtspunkts der für S. und mich spannende Programmpunkt „Rafting“ (die Familie aus Colorado war Rafting erprobt, kein Wunder bei dem Heimat-Staat). S. hatte Rafting schon immer mal ausprobieren wollen und ich war auch nicht abgeneigt, allerdings stellen wir beide fest, dass wir uns eigentlich nie wirklich damit beschäftigt hatten wie das überhaupt genau geht 😀 Ich hatte deswegen auch etwas Skepsis bezüglich meiner Fähigkeiten im Umgang mit einem Paddel (mit Ruderbooten konnte ich mich als Kind nie so wirklich anfreunden), allerdings ging das Ganze unter Anleitung des Kommando gebenden Guides dann besser als ich erwartet hatte und hat total viel Spaß gemacht (besonders körperlich anstrengend fand ich es auch nicht). Den leuchtend grünen Fluß vom Wasser aus zu sehen, war auch nochmal ein besonders tolles Naturerlebnis und wir fanden uns (mehr oder weniger unter Gruppenzwang 😛 ) mit unsren Neoprenanzügen (meiner war so verschlissen, dass ich vermute, dass er noch die Zeiten des Sozialismus miterlebt hat) schwimmend im Wasser wieder … das war aber eh nicht so schlimm, weil wir es immerhin schafften bei unsrer ersten Rafting Tour das ganze Boot mit Wasser volllaufen zu lassen, wir wären also so oder so nass geworden. Trotz einiger kleinen Turbulenzen fand ich das Rafting echt toll und würde das definitiv nochmal machen.

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Hier wurden laut Guide die Endszenen des Films „Die Chroniken von Narnia“ gedreht

Die Rückfahrt erfolgte dann statt zurück über den Pass durch einen sehr verlassenen Zipfel von Italien bei Travisio (unser Guide versicherte den Amerikanern, die keinen Reisepass dabei hatten und somit eigentlich nicht wirklich einfach durch Italien hätten reisen dürfen, dass er absolut noch nie kontrolliert worden sei, ich hätt mich ja da trotzdem etwas unwohl gefühlt 😀 ), der ein bisschen den Eindruck erweckte man sei aus der Welt gefallen, was aber auch eine ganze eigene Atmosphäre hatte.

Zurück in Slowenien war noch Zeit für einen kurzen Besuch bei der Skiflugschanze in Planica, irgendwann werden S. und ich sicherlich mal alle Skisprung- und Skiflugschanzen der Welt besichtigt haben 😀

Insgesamt fand ich die Tour super und würde solchen geführten Touren in Kleingruppen jederzeit weiterempfehlen (gut, man könnte als Touranbieter vllt. die Info was man alles mitbringen sollte optimieren, denn sowohl die Amerikaner als auch S. und ich waren auf unterschiedliche Art und Weise nicht optimal ausgerüstet, was man durch einige kurze Hinweise in der Tourbeschreibung hätte vermeiden können).

Reisen

Impressionen aus Slowenien – Tag 3

Am dritten Tag haben wir das erste Mal einen Ausflug gemacht und zwar nach Bled zum Bleder See. Der Bleder See ist eines der beliebtesten Touristenziele in Slowenien und von Ljubljana gut mit dem Zug zu erreichen (die einstündige Zugfahrt kostete insgesamt für Hin- und Rückfahrt gerade mal ca. 10 Euro). S. und ich waren etwas verwundert, dass es in Slowenien anscheinend nicht möglich ist, irgendwelche Zugtickets an einem Automaten zu kaufen, es scheint tatsächlich nur den guten alten Ticketschalter zu geben. Was insofern ungewöhnlich ist, weil Slowenien ansonsten (ähnliche wie andere kleinere Länder wie Estland) bei der Digitalisierung (z.B. Freies Wifi) eher weiter zu sein scheint als Deutschland. Aber vielleicht lohnen sich in dem kleinen eher überschaulichen Land größere Investionen in dem Bereich nicht.

Da es vom Bahnhof in einem Nebenort von Bled nur 4km zu Fuß zum Bleder See waren, sind wir den Hinweg zum See zu Fuß gegangen.

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Am Bleder See – Die kleine Insel mit der Kirche drauf ist die einzige natürliche Insel in ganz Slowenien

Nach einer Erfrischung in einem Cafe (auf die traditionelle „Bleder Cremeschnitte“ hab ich verzichten, da ich sahnige Kuchen nicht wirklich mag) machten wir uns darum den See zu umrunden, das sind ca. 6 km und somit eher gemütlicher Spaziergang, den man gut in 2 Stunden erledigen kann. Bled scheint bei Engländern sehr beliebt zu sein, denn gefühlt 90% der Touristen schienen Briten zu sein von dem was man hörte. Das war sowieso eine ganz amüsante Erkenntnis, in Ljubljana waren die Touristen recht gleichmäßig gemischt zwischen Briten, Amerikanern, Deutschen und Asiaten…am Bleder See schien es dann nur Briten zu geben und später in den Bergen dann nur Deutsche, daran kann man wohl sehen wie die Interessen in Punkto Bergwandern vs. Flachlandurlaub verteilt sind 😉

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Teile des Rundwegs verlaufen direkt am Seeufer

Beim Rundweg um den See kamen wir auch an Titos ehemaliger Sommerresidenz „Villa Bled“ und dem architektonisch interessanten Pavillon „Belvedere“ vorbei, der zu Zeiten Titos als repräsenatives Teehaus benutzt wurde (deswegen waren darin auch Fotos von Besuchen Willy Brandts und anderere Staatsleuten zu sehen, heute befindet sich dort ein Café).

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Belvedere

Vom Pavillon aus hat man einen sehr schönen Blick über den See.

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Gegen Ende des Rundwegs sind wir nach einer Café-Pause (mit sehr leckerem „Vegan raw cake“) noch zu der oberhalb des Sees gelegenen Burg aufgestiegen, auf eine Besichtigung haben wir aber verzichtet (schließlich wollten wir auch noch die Burg in Ljubljana besichtigen).

Eigentlich hatten wir noch vor nach der Rundwanderung zu der kleinen Insel rüber zu fahren, allerdings fahren die Boote dorthin nur stündlich und das Wetter schwang zum nachmittag um und wurde gewittrig. Auch unsren für einen anderen Tag geplante Wanderung in die Vintgar-Klamm bei Bled mussten wir leider streichen, da an dem Tag ebenfalls starke Gewitter angesagt waren (daraus gelernt: längere Wanderungen bei schönem Wetter lieber gleich machen). Insgesamt ist der Bleder See als Ausflugsziel absolut zu empfehlen, möchte man alles sehen und noch etwas wandern, kann man dort sicherlich gut 2-3 Tage verbringen.

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Reisen

Impressionen aus Slowenien – Tag 2

Am zweiten Tag war es immer noch sehr heiß, weswegen wir uns nicht viel vorgenommen haben, außer den größten Park Ljubljanas zu besuchen, den Tivoli Park.

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Statue im Garten des Tivoli Park

 

Von der Stadtmitte aus läuft man zu dieser grünen Oase mindestens 5 – 10 Minuten 😉 Nachdem wir am Kongressplatz das Universitätsgebäude angeschaut hatten, ging es vorbei am architektonisch interessanten Parlamentsgebäude und durch ein Viertel mit vielen Museen und Konsulaten (die Info, dass die Konsulate der USA, Russland und Deutschland direkt nebeneinander liegen und Putin, Trump und Merkel sich dort sozusagen direkt bespitzeln können, ist offenbar ein Lieblingsanekdote slowenischer Reiseführer, denn das bekamen wir im Laufe der Woche gleich zwei Mal zu hören).

Der Tivoli Park ist sehr abwechslungsreich und beinhaltet zum Beispiel auch eine Foto-Ausstellung über die architektonische Stadtentwicklung von Ljubljana und Bau und Renovierung der Flußbrücken, wie bei fast allem was in Ljubljana mit Architektur zu tun hat, stand dabei der Architekt Plesnic im Mittelgrund, der offenbar für die Geschichte Ljubljanas eine sehr große Rolle gespielt hat (es gibt sogar Plesnic-Kugeln analog zu den Mozart Kugeln in Österreich).

Nachdem wir uns mit einem Getränk nochmal gestärkt hatten, entschieden wir uns wegen der knalligen Sonne für eine kleine Wanderung im Wald oberhalb des Parks, wo ein Art Naturkundepfad angeschrieben war. Der war zwar nur auf slowenisch beschriftet, wir trauten uns aber zu die Strecke anhand eines Fotos davon zu finden (was auch zu sagen wir mal 75% geklappt hat 😉 ).

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Mitten in der Stadt mitten im Wald

Nachdem wir nach ca. der Hälfte dann doch etwas von dem geplanten Pfad abgekommen waren (und eine kleine Extrarunde gedreht hatten), fanden wir mit Hilfe einiger anderen Spaziergänger (denen wir an einer Art Absperrung vorbei folgten) doch wieder auf unsren geplanten Weg zurück und entdeckten dabei sogar noch ein altes ausgebranntes Haus am Waldrand:

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Bevor es zurück in die Stadt ging, schauten wir uns noch den Rest des Tivoli Parks an und entdeckten noch den Rosengarten

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und einen Seerosenteich, der so mit Seerosen zugewachsen war, dass die Enten und Entenküken mehr darauf spazieren gingen als auf dem Wasser zu schwimmen

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Ljubljana ist offenbar eine Stadt in der Bücher eine wichtige Rolle spielen, denn wir sahen in der Stadt unzählige Antiquariate. Dazu passt auch eine sehr charmante Sommer-Aktion, die wir schon am Vortag am Fluß entdeckt hatten, die „Library under the Trees“, an 8 Stellen in Ljubljana werden im Sommer kleine Mini-Büchereien aufgestellt, mit Liegestühlen und Sitzkissen, wo man sich bedienen kann.

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Bibliothek unter den Bäumen

S. und ich haben die Gelegenheit gleich genutzt, um eine Pause zu machen und da es tatsächlich auch einige englischsprachige Bücher gab (sowie deutsche und französische 😉 ), hab ich mir die Zeit mit einem architektonischen Reiseführer und mit einem tollen Bildband über den „Green Ring“ bzw. den „Path of Remembrance and Comradeship“ vertrieben. Zu Zeiten des 2. Weltkriegs, als Ljubljana von den Nazis besetzt war, wurde die ganze Stadt von den Italienern mit einem Zaun eingezäunt. In den 80er Jahren wurde entlang diesen ehemaligen Zauns ein 34 km langer Wanderpfad mit Erinnerungsstätten angelegt, auf dem man heute Ljubljana quasi ein mal komplett umrunden kann. Im Bildband waren Fotos von diesem Pfad zu allen Jahreszeiten und mit allen möglichen Aktivitäten abgebildet (dadurch konnte ich übrigens auch feststellen, dass es auf jeden Fall auch einige Islandpferde in Slowenien gibt 😀 ).

Auf dem Heimweg besichtigten wir noch kurz eine russisch-orthodoxe Kirche (vor der gerade eine Mischung aus Mini-Volksfest und politischer Kundgebung dieser slowenischen Minderheit stattfand) und schauten uns die Drachenbrücke nochmal in Ruhe an, bevor es abends zum Essen in einer Pizzeria ging.

Reisen

Impressionen aus Slowenien – Tag 1

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Am Fluß

 

Dieses Jahr habe ich meinen Sommerurlaub (zusammen mit meiner Freundin S.) in Slowenien verbracht. Slowenien hat mich persönlich als Reiseziel besonders angesprochen, da es ein kleines Land ist, das alles besitzt was ich besonders liebe: Berge und Wald 🙂 und dazu sogar auch noch eine Mittelmeerküste, eigentlich also ein Land in dem fast jeder Reisende glücklich werden sollte. Auch über die Hauptstadt Ljubljana habe ich nur Vielversprechendes gehört. Da S. und ich mit dem Flugzeug angereist sind, haben wir uns Ljubljana auch als Basis für Besichtigungen ausgesucht.

Da unser Hinflug schon am Vormittag in Ljubljana ankam, hatten wir schon an unsrem Anreisetag (Samstag, der 26.8.) genug Zeit, um uns einen ersten Eindruck von der Stadt zu verschaffen.

Wir bummelten los in Richtung Altstadt und landeten erst mal in einem alternativ wirkenden Künstlerviertel, um dann Richtung Flußufer zu laufen, wo sich Restaurant, Cafes und Eisdielen aneinander reihen. Der Bereich ist natürlich recht touristisch, aber charmant und lebhaft ohne dabei überlaufen zu wirken. Vom Stil her erinnerte mich die kleine Stadt etwas an eine Mischung aus Salzburg (da auch über Ljubljana eine Burg thront), allerdings mit gefühlt 5000 mehr Restaurants und etwas mediterranerem Flair.

 

Nach einem kurzen Snack und einer erfrischenden Minz-Limo versuchten wir nur so zur Probe den Aufstieg zur Burg, den besichtigen wollten wir die Burg am Anreisetag dann doch nicht gleich, vor allem da es die ersten Tage noch extrem heiß war und wir es deswegen gemütlich angehen ließen.

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Blick auf die Burg vom Kongressplatz (Kongresni trg) aus

 

Stattdessen entschieden wir uns für einen Rundgang auf dem Burghügel, das Tolle an Ljubljana ist, dass man vom Stadtzentrum maximal 5-10 gehen muss, um innerstädtisch im Grünen zu sein.

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Auf dem Burghügel

Wieder zurück in der Stadt ging’s über eine der vielen kleinen Brücken zurück zu unsrem Hotel:

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das Wahrzeichen der Stadt Ljubljana ist der Drache, der hier die Pfeiler einer der vielen Brücken über den Fluß Ljubljanica schmückt

Abends setzten wir uns in eins der gemütlichen (zugegebenermaßen in diesem Fall nicht übermäßig authentisch slowenischen) Restaurants am Flußufer und ließen den ersten Abend ausklingen.

Bücher

Noch mehr Lesetipps für den Sommer

Heute möchte ich zwei weitere Bücher vorstellen, das erste ist ein historischer Krimi, eigentlich lese ich nicht besonders gerne und nur sehr selten historische Romane, aber da dieser Krimi in Indien spielt (ein Land, mit dem ich mich gerade sowieso viel beschäftige) und sehr gute Kritiken bekommen hat, hab ich mal eine Ausnahme gemacht. Dazu kommt eine sehr ausgefallene Kurzgeschichtensammlung abseits des Mainstreams:

Abir Mukherjee – „A Rising Man“ (Genre: Krimi)

„A Rising Man“ ist der Auftakt einer neuen Krimireihe des indisch-stämmigen britischen Autors Abir Mukherjee. Der Roman spielt in Indien, im Jahre 1919, zu Zeiten des britischen Kolonialismus. Der britische Polizist Sam Wyndham hat erst vor kurzen eine Stelle in Kalkutta begonnen, dort will er seine Vergangenheit,die Zeit als Soldat im ersten Weltkrieg und den Tod seiner Ehefrau hinter sich lassen.

Doch er hat kaum Zeit sich an die neue und anstrengende Umgebung zu gewöhnen, den gleich sein erster Fall ist hoch-brisant und politisch, ein hochrangiger britischer Staatsbediensteter wird in einer eher schlechten Gegend Kalkuttas mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden, in seinem Mund steckt ein Papier, das die britischen Besetzer bedroht. Handelt es sich bei dem Mord um einen Angriff indischer Freiheitskämpfer auf die britischen Besatzer?

Zusammen mit dem englischen Kollegen Digby und dem jungen indischen Sergeant Banerjee „Surrender-not“, versucht Wyndham hinter die Hintergründe des Mordes zu kommen.

Das Buch nimmt sich im ersten Viertel viel Zeit um die Charaktere und das Setting vorzustellen, der Fall bleibt lange undurchsichtig und ist auch für versierte Krimileser nicht einfach vorauszusehen, einzelne Entwicklungen kann man sich zwar denken, aber der Fall wird nach und nach entwirrt, das Buch nimmt dabei in der Mitte und im zweiten Drittel so richtig Fahrt auf, um dann im letzten Viertel wiederum feinsäuberlich alles zu entwirren. Mir hat das ganz hervorragend gefallen, das Buch findet außerdem eine gelungene Mischung aus historischen Informationen, so dass man viel über die damalige Zeit und die Konflikte lernt, aber ohne dass dadurch der Unterhaltungswert der Geschichte leidet. Außerdem besticht das Buch durch einen feinen und ironischen Humor, der immer wieder durchscheint.

Ich habe das Buch im englischen Original gelesen, die deutsche Ausgabe heißt „Ein angesehener Mann“. Natürlich kann ich die Qualität der Übersetzung nicht beurteilen.

Leveret Pale – „Wenn Soziopathen träumen“ (Genre: Horror)

„Wenn Soziopathen träumen“ ist meine zweite Kurzgeschichten Sammlung des jungen deutschen Autors Leveret Pale, der schon einige Kurzgeschichtenbänder und Romane im Bereich Horror und Dark Fantasy veröffentlicht hat.

Die Kurzgeschichtensammlung „Wahn“ hat mir so gut gefallen, dass ich auch diesen neuen Band unbedingt lesen wollte. Die Kurzgeschichten in dem Buch sind teilweise sehr kurz, teilweise ziemlich lang und unterscheiden sich auch inhaltlich und stilistisch teilweise sehr voneinander, man merkt auch finde ich eine deutliche Weiterentwicklung im Vergleich zu dem Band Wahn, so sind einige Bücher völlig abgedreht und fühlen sich an wie in irrer Drogentrip (für nicht so informierte enthält das Buch am Ende übrigens einen Glossar mit allen wichtigen Infos zum Thema Drogen und Soziopathen), andere erschrecken grade durch eine eher kühle und nüchterne Erzählweise und eine längere Geschichte stammt aus dem Universum von Pales Dark Fantasy Reihe, ist deswegen stilistisch auch noch mal ganz anders, hat mir aber sogar mit am Besten gefallen und Lust darauf gemacht auch diese Romane irgendwann zu lesen.

Natürlich ist das nicht unbedingt ein Buch für jedermann, vorne ist ein Warnhinweis: „Dieses Buch enthält explizite Beschreibungen von Drogenkonsum, Sex, Gewalt, Blasphemie und Wahnsinn.“ und wer sich davon jetzt abschrecken lässt, der sollte die Bücher von Leveret Pale wohl lieber nicht in die Hand nehmen 😉

Mir gefällt an den Büchern vor allem die Kreativität abseits des Horror Mainstreams, die stilistischen Spielereien und für mich bleibt Leveret Pale deswegen einer der interessantesten Autoren im deutschsprachigen Horror und Fantasybereich.

Bücher

Krimis für den Sommer – Lesetipps August

Diesen Monat hab ich zwei Krimis gelesen, von denen ich einen uneingeschränkt weiterempfehlen kann, der andere ist eher nur etwas für Liebhaber der Reihe:

Andreas Föhr – „Schwarzwasser“ (Genre: Krimi)

Andreas Föhr ist unter den aktuellen Regionalkrimi Autoren aus Bayern einer meiner absoluten Favoriten, denn für mich versteht er es mit am besten Humor und Krimihandlung so zu mischen, dass der Klamauk nicht überwiegt und die Krimihandlung nicht zu kurz kommt. Es ist nun eine Weile her seit ich das letzte Mal einen Krimi von Föhr gelesen habe, aber „Schwarzwasser“ fand ich mal wieder besonders gelungen, denn die Story fand ich sehr interessant und auch im Gegensatz zu vielen anderen Krimis war es nicht so einfach die Hintergründe und Geschehnisse vorauszusagen, so dass die Auflösung bis zum Ende spannend blieb.

Am Anfang des Buchs wird unter sehr skurrilen Umständen eine Leiche gefunden, das Opfer, ein zurückgezogener älterer Mann liegt erschossen im Bett, eine junge Frau wird mit der Tatwaffe in der Hand festgenommen, auf den allerersten Blick eine offensichtliche Sache, vor allem als am nächsten Tag auch noch ein mögliches Mordmotiv zu Tage tritt. Doch Kommissar Wallner kommt das Ganze spanisch vor und schnell stellt sich raus, dass der Fall weitaus komplexer ist, als er zu sein scheint, denn auch der Tote scheint nicht der zu sein, für den er sich ausgibt.

Der nachfolgende Kriminalfall spielt dann einerseits in der Gegenwart, dazwischen werden immer wieder Rückblicke auf Ereignisse die 20 Jahre davor in Berlin stattfanden und mit dem aktuellem Mordfall zusammenhängen eingeflochten.

Auch Kommissar Kreuthner (Kenner der Reihe wissen wie berüchtigt er ist) spielt natürlich wieder eine gewichtige Rolle in dem Fall und wie immer kann man wenn man kritisch sein will der Meinung sein, dass alles um ihn herum doch etwas sehr an den Haaren herbeigezogen ist und den Krimis von Andreas Föhr doch Einiges an Glaubwürdigkeit raubt, denn im echten Leben wäre eine Person wie er im Polizeidienst (zumindest hoffentlich 😉 ) wohl nicht vorstellbar. Andererseits machen seine Eskapaden einen großen Teil des Unterhaltungswertes der Krimis aus, von dem her würde ich ihn nicht missen wollen.

Jussi Adler Olsen – „Selfies“ (Genre: Krimi/Thriller)

Nachdem ich den Vorgängerroman „Verheissung“ der Krimi-Reihe rund um Carl Morck und sein unkonventionelles Ermittlerteam überdurchschnittlich gut gelungen fand, hab ich mich auf den neuen Fall „Selfies“ auch wieder sehr gefreut. Allerdings wurden meine Erwartungen hier nur teilweise erfüllt.
Auf den ersten Blick ist der Plot des Romans sehr spannend, eine Autofahrerin überfährt mit dem Auto junge Frauen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, außer dass sie alle von Sozialhilfe leben. Außerdem wird eine ältere Frau in einem Park brutal erschlagen, für das Team von Carl Morck stellt sich die Frage ob dieser Mord etwas mit einem anderen Mordfall von vor einigen Jahren zu tun hat, bei dem eine junge Lehrerin erschlagen wurde.

Parallel zu den Kriminalfällen dreht sich ein Großteil des Buches außerdem noch um Carls Mitarbeiterin Rose, die von den Ereignissen im Vorgängerroman immer noch schwer traumatisiert ist und deren labile Psyche mehr oder weniger komplett zusammengebrochen ist, weil der letzte Mordfall die Erinnerungen an ihren grausamen Vater und dessen mysteriösen Tod wieder voll in ihr Bewusstsein gerückt haben. Neben den Ermittlungen in den Mordfällen müssen Carl und Assad als auch noch herausfinden, was mit Roses Vater eigentlich wirklich passiert ist, um ihr zu helfen.

Insgesamt also eigentlich alles gute Zutaten für einen spannenden und komplexen Roman, allerdings ist das auch etwas das Problem des Buches gewesen, es gibt einfach zu viele Handlungsstränge und zu viele Zufälle, die alle Handlungen miteinander verbinden…spätestens als auch noch Roses Story sich mit dem aktuellen Kriminalfall verflechtet wird es dann doch etwas abstrus. Dadurch liest sich das ganze Buch etwas zu wirr und unglaubwürdig, weswegen ich es als eines der schwächeren Bücher der Reihe einordnen würde. Als Fan der Reihe an sich kommt man allerdings natürlich trotzdem nicht wirklich umhin das Buch zu lesen, denn man erfährt hier das erste Mal tiefgehende Hintergründe über einen der Ermittler, nämlich Rose…

 

Bücher

Buchtipps: Ein Krimi und eine außergewöhnliche Autobiografie

Diesen Monat habe ich 2 sehr unterschiedliche Bücher gelesen, einmal einen Krimi aus einer meiner Lieblingskrimireihen und außerdem eine sehr außergewöhnliche Autobiografie voller subtil schwarzem Humor:

Jussi Adler Olsen – „Verheissung“ (Genre: Krimi/Thriller)

„Verheissung“ ist der 6. Fall rund um den etwas exzentrischen dänischen Sonderermittler Carl Morck (Leiter eines Dezernates für ungelöste Kriminalfälle) und sein Team Assad und Rose. Zu Beginn des Bandes erhält Carl Morck einen Anruf eines Polizisten von einer kleinen Insel, dieser bittet ihn um Hilfe bei einem lange Jahre zurückliegenden Fall, bei dem das junge Mädchen Alberte von einem Auto tödlich verletzt und in einen Baum geschleudert wurde. Der Fall wurde als Unfall mit Fahrerflucht zu den Akten gelegt, doch der Polizist ist sich sicher, dass es Mord war, an seiner Besessenheit mit dem Fall ist seine Ehe und mehr oder weniger sein ganzes Leben zerbrochen. Als Carl ihn recht rüde abweist, hinterlässt der Polizist eine verstörende Nachricht auf dem Anrufbeantworter und wenige Zeit später erschießt er sich bei seiner Pensionierungsfeier vor den Augen seiner ehemaligen Kollegen. Als Carl Morck und sein Team geschockt beschließen den alten Fall doch wieder aufzunehmen, beginnt eine langwierige Reise in die Vergangenheit.

Der Krimi ist von der Erzählweise eher ruhig und nimmt sich viel Zeit für klassische Ermittlungsarbeit und auch um die Geschichte um Alberte und ihre Vergangenheit Stück für Stück zu erzählen. Das Buch ist also vielleicht nichts für Menschen die actionreiche Thriller mögen, ich würde die Reihe auch definitiv eher als Krimireihe bezeichnen, auch wenn sie immer als Thriller ausgezeichnet wird. Genauso wichtig wie der Plot (der mir in dieser Folge besonders gut gefallen hat) ist in dieser Reihe das Zusammenspiel der verschiedenen Charakter, der etwas launische Carl Morck, der geheimnisvolle Assad, die etwas anstrengende und psychisch instabile Rose sind ein dynamisches Trio, das trotz der Exzentrik trotzdem irgendwie nicht so privat problembelastet wirkt wie die Ermittler in anderen Krimireihen (vielleicht weil nicht seitenweise Eheprobleme gewälzt werden?). Dazu kommt eine faszinierende Geschichte um Eifersucht und einen charismatischen Sektenguru, der eine lange Reihe von Menschen zurück lässt, die von ihm besessen sind. Auch wenn dem Leser in dem Buch relativ schnell offen gelegt wird, wer der Mörder ist, wird die Mördersuche aus Sicht der Kommissare nie langweilig und die Erzählweise der Geschichte, die Schicht für Schicht immer mehr der Geschehnisse enthüllt, hat mir sehr gut gefallen. Für mich war das einer der besten Bücher aus der Reihe um Carl Morck. Allerdings sollte man die Reihe möglichst komplett und chronologisch lesen, da immer wieder Geschehnisse aus den früheren Bändern eine Nebenrolle in der Handlung spielen.

Klaus Märkert – Wie wir leuchten im Dunkeln, geben wir so verdammt gute Ziele ab (Genre: Autobiografie)

Auf das Buch von Klaus Märkert bin ich durch den außergewöhnlichen Titel – „Wie wir leuchten im Dunkeln, geben wir so verdammt gute Ziele ab“ – aufmerksam geworden. In dem eher kompakten Büchlein erzählt Klaus Märkert Episoden aus seinem Leben, dabei ist das Buch jeweils in verschiedene Abschnitte gegliedert, die unterschiedliche Lebensabschnitte des Autors widerspiegeln, zwischen denen hin- und her gesprungen wird. Eine Verbindung gibt es dadurch, dass alle Abschnitte, in denen es um Ähnliches geht jeweils die gleiche Überschrift tragen, so gibt es einige Geschichten zum Thema „Kind sein“, einige zum Thema „Tot sein“ , einige zum Thema „Soldat sein“, usw. Für mich hat diese Struktur sehr gut funktioniert, denn obwohl zwischen unterschiedlichen Themen gesprungen wird, findet man sich problemlos zurecht und die Erzählweise ist abwechslungsreicher als hätte man die Geschichten chronologisch erzählt.

Inhaltlich konnte ich mich mit den Geschichten zum Thema „Kind sein“ am Besten identifizieren, was sicher daran liegt, dass fast jeder ähnliche Kindheitserfahrungen gemacht hat und der Autor es hervorragend geschafft hat, die typischen Ängste und Gefühle, die man als Kind hat, so zu erzählen, dass man direkt in seine Kindheit zurück versetzt wird. Bei anderen Themen fehlte dann im Vergleich der persönliche Bezug, so dass man etwas distanzierter darauf schaut, aber auch diese waren für mich sehr interessant zu lesen. Der Humor im Buch ist speziell, eher zynisch und schwarz und deswegen vermutlich nicht jedermanns Sache, aber mir hat er sehr gut gefallen, wobei das Buch in der ersten Hälfte etwas spielerischer und leichter daher kommt und in der zweiten Hälfte dann doch etwas zynischer und dunkler.

Für mich auf jeden Fall mal eine ganz andere Autobiografie, die ich sehr lesenswert fand.

 

Bücher

Literarischer Sommer – Zwei außergewöhnliche Bücher

Im Juni habe ich nicht ganz so viele Bücher gelesen wie sonst manchmal (da ich auch ein paar Tage im Urlaub war), dafür waren zwei dabei, die ich wirklich gelungen und außergewöhnlich fand:

Bente Seebrandt – „Im Licht der Nebensonnen“ (Genre: Belletristik)

„Im Licht der Nebensonnen“ hat gleich aus mehreren Gründen meine Aufmerksamkeit erregt, erstens fand ich den Titel schon mal sehr kryptisch und deswegen interessant, zweitens gefiel mir, dass es die Hauptfigur aus Stuttgart (wo ich auch ungefähr herkomme) an die Nordsee verschlägt und drittens fand ich sehr spannend, dass der Roman laut Untertitel nach „Motiven von Theodor Storm“ geschrieben wurde. Unter letzterem konnte ich mir zunächst wenig vorstellen, außerdem bin ich mit dem Werk von Theodor Storm nicht so vertraut (kenne wie vermutlich die meisten Menschen nur den „Schimmelreiter“). Deswegen hab ich mich gefragt, ob das ein Manko darstellen würde, aber das ist keineswegs der Fall. Theodor Storm wird zwar in dem Roman immer wieder eingeflochten, vor allem aber basiert der Inhalt der Geschichte auf einer anderen Novelle von Theodor Storm („Aquis submersus“), wobei es aber keineswegs das Lesevergnügen stört, wenn man diese nicht kennt.

Zu Beginn des Romans zieht der Kunstlehrer David nach einer gescheiterten Beziehung von Stuttgart nach Husum (der Geburtsort von Theodor Storm), wo er eine Stelle am örtlichen Gymnasium angenommen hat. Das Einleben an der Nordsee fällt ihm zunächst nicht sehr leicht, vermisst er doch einerseits die typische schwäbische Landschaft und ist andererseits noch nicht wirklich über seine Ex-Freundin hinweg. Bei einem gemeinsamen Seminar lernt er die Lehrerin einer benachbarten Berufsschule kennen, Louise, von der er sofort fasziniert ist. Sie lebt scheinbar idyllisch und zufrieden zusammen mit ihrem Mann (einem Dorfpfarrer) und 3 Kindern in einem Nachbardorf. Doch schon bei den ersten Begegnungen wird David schnell klar, dass irgendwas mit Louise nicht ganz zu stimmen scheint, trotzdem kann er sich ihrer Anziehungskraft nicht erwehren.

Die Geschichte ist abwechselnd aus Sicht von David und aus Sicht von Louise erzählt, es handelt sich im Prinzip um eine tragische Liebes- und Familiengeschichte, die trotz vieler dramatischer Ereignisse in einer ruhigen fast lakonischen und etwas altmodischen Sprache daher kommt, die aber sehr gut zu dem Theodor Storm Bezug passt. Man hat ein bisschen das Gefühl eine Art „griechische Tragödie“ zu lesen, obwohl alles in eine modernes Setting eingebettet ist. Mir hat das Buch hervorragend gefallen, weil es wirklich mal etwas anderes war.

Bov Bjerg – „Auerhaus“ (Genre: Belletristik)

„Auerhaus“ ist ein Buch, das durch ein schlichtes aber irgendwie interessantes Cover auf sich aufmerksam macht. Das Buch spielt in den 80er Jahren in einem ungenannten Dorf (am Ende des Buches erschloss sich aber aus dem Kontext, dass es sich wohl um ein Dorf in Süddeutschland handeln dürfte). Der jugendliche Ich-Erzähler hat eigentlich ganz normale Teenager Sorgen, das Abi steht vor der Tür, dahinter die unbekannte Zukunft und auch die anstehende Musterung zur Bundeswehr hängt wie ein Damoklesschwert über dem nicht sehr wehrpflichts-motivierten Erzähler.

Dazu kommt aber plötzlich noch eine ganze andere schockierende Sorge, denn Frieder, ein Freund des Ich-Erzählers (dessen Vorname übrigens konsequent nicht genannt wird) versucht sich umzubringen und landet erst mal für längere Zeit in der Psychatrie. Da Ärzte und alle anderen es für sinnvoll erachten, dass Frieder nach der Entlassung nicht mehr in sein Elternhaus zurückkehrt, ergibt sich eine ungewöhnliche Konstellation, Frieder und sein Freund ziehen gemeinsam mit 2 weiteren weiblichen Schulkameradinnen in das Haus von Frieders verstorbenem Großvater, das „Auerhaus“ (der Grund für den Namen wird im Laufe des Buches aufgelöst und ist etwas auf das man selber wohl eher nicht kommen wird, aber sehr amüsant). Wie realistisch dieses Szenario wirklich ist sei dahingestellt, aber im Buch funktioniert die Geschichte hervorragend. Im Folgenden zieht die „Kommune“ oder „WG“ bald noch einige weitere eher unkonventionelle Bewohner an und das Buch erzählt oft flapsig und humorvoll von den Erlebnissen der Teenager und ihrer Entwicklung. Immer im Hintergrund lauert dabei die Sorge des Erzählers, dass Frieder wieder Selbstmord begehen könnte.

Trotz des ernsten Themas ist das Buch oft humorvoll, teils skurril und sehr charmant, außerdem liest es sich sehr leicht und flüssig. In einigen Rezensionen wurde es mit „Tschick“ verglichen, der Vergleich ist aus meiner Sicht eher unnötig und ganz reicht das Buch (abgesehen davon, dass das Thema nicht wirklich soooo ähnlich ist) denke ich auch an dieses „Vorbild“ nicht heran, trotzdem hat es mir sehr gut gefallen.

Bücher

Noch mehr literarischer Mai: Bissige Gesellschaftskritik, plus Übersinnliches von Stephen King

Heute möchte ich zwei Bücher vorstellen, die mir besonders gut gefallen haben, das erste war ein ziemlich dicker Wälzer, „Unterleuten“ von Juli Zeh, das zweite „Mind Control“, der Abschluss der „Mr. Mercedes“ Thriller Trilogie von Stephen King.

Juli Zeh – „Unterleuten“ (Genre: Belletristik)

„Unterleuten“ (sicher nicht unabsichtlich genauso zu Lesen wie „Unter Leuten“) ist ein kleines fiktives Dorf in Brandenburg mit ca. 200 Einwohnern, in dem auf den ersten Blick die Welt noch in Ordnung ist. Dort lebt im Jahr 2010 (daran erkennbar, dass einige reale Ereignisse aus diesem Jahr aufgegriffen werden) eine interessante Mischung aus alten Dorfbewohnern, die schon ihr ganzes Leben in dem kleinen Dorf verbracht haben und zugezogenen Menschen aus Berlin oder Westdeutschland, die versuchen dem hektischen Leben der Großstadt durch die Flucht in das ländliche Idyll zu entfliehen.

Der Anfang des Buches lässt sich viel Zeit die verschiedenen Charaktere vorzustellen, jedes Kapitel ist durchgängig durchs ganze Buch immer abwechselnd aus Sicht eines anderen Charakters erzählt. Dies bedingt natürlich viele Perspektivenwechsel, mich hat das aber überhaupt nicht gestört, ich mag diese Erzählweise generell sehr gerne. Die Charaktere sind dabei einerseits herrlich aus dem Leben gegriffen und gleichzeitig überzeichnet, der wutbürgerliche Dauermotzer Kron, der sich in einer jahrzehntelangem Dauerstreit mit dem einerseits abstoßenden, andererseits trotzdem erschreckend menschlichem Dorf-Tycoon befindet. Hinzu kommen unter anderem der opportunistische Bürgermeister, eine westdeutsche Pferdeflüsterin, der es vom großen Gestüt für ihre große Liebe (ihr Pferd) träumt, ihr etwas verweichlichter IT-Freund, der neben dem Pferd immer die Nebenrolle spielt, der militante Möchtegern-Tierschützer und seine junge Frau mit Baby, der prollige Automechaniker der scheinbar grundlos seine Nachbarn schikaniert, der gewissenlose aber einsame reiche Immobilienhai aus Bayern, der das halbe Land rund um Unterleuten gekauft hat, nur weil er es konnte…alle verfolgen in diesem kleinen Dorf ihre eigene Agenda oder möchten einfach nur in Ruhe leben. Schon bevor etwas passiert ist der idyllische Frieden im Dorf wohl nur ein oberflächlicher Schein, doch richtig Leben in die Bude kommt als ein (Wortspiel 😛 ) windiger junger Business-Schnösel bei einer Gemeindeversammlung von den Plänen seiner Firma fürs Dorf berichtet, ein Windpark mit 10 Windrädern soll errichtet werden, auf einem der wenigen Grundstücke, die dafür in Frage kommen.

In Folge dessen brechen die in Unterleuten schwelenden Konflikte erst so richtig auf, Intrigen und Eigeninteressen führen zu immer mehr Mißtrauen und auch lange verborgene Geheimnisse der Dorfgeschichte werden wieder an die Oberfläche gespült.

Die Geschichte ist für mich ein bisschen im Stil einer Groteske erzählt, wirkt aber keineswegs überzogen und unglaubwürdig. Die Ereignisse im Dorf ergeben ein fast perfektes Abbild der heute (gefühlt etwas aus den Fugen geratenen) globalisierten Welt des Raubtier-Kapitalismus in der sich jeder selbst der Nächste ist, während er entweder so tut als wolle er nur Gutes oder es vielleicht sogar noch tragischer vielleicht selbst glaubt. Das Buch funktioniert deswegen zweigleisig, einmal tatsächlich als Roman über die abgeschiedene Welt einer winzigen Dorfgemeinschaft, andererseits als Gesellschaftskritik. Für mich ein wirklich hervorragender Roman.

Stephen King – „Mind Control“ (Genre: Thriller)

„Mind Control“ ist der 3. und letzte Teil von Stephen Kings Thriller-Reihe um den pensionierten Polizisten Bill Hodges. Die fortlaufende Reihe fing im ersten Teil ursprünglich mit einem ganz klassischen Thriller an, ohne übersinnliche Elemente und ich fand, dass Stephen King da einen sehr guten Job gemacht hat. In Band 1 („Mr. Mercedes“) dreht sich alles um die Gräueltat von Brady Hartsfield, der mit einem gestohlenen Mercedes in die Warteschlange vor einer Job-Messe raste und zahlreiche Menschen tötete und verletzte. Am Ende des 1. Bandes gelingt es Hodges gemeinsam mit seinem engsten Team Hartsfield zu überwältigen, dieser dämmert seitdem mit schweren Hirnverletzungen in einer Klinik vor sich hin. Er ist zwar inzwischen aus dem Koma erwacht, aber angeblich nicht in der Lage zu sprechen oder mit seiner Umwelt zu interagieren. Doch schon im 2. Band der Reihe („Finderlohn“), in der Hartsfield nur eine Nebenrolle spielt, hat Hodges Zweifel daran.

Im 3. Band dreht sich nun wiederum alles um Bill Hodges und seine Fehde mit Hartsfield. Am Anfang der Reihe kommt es zu einigen aufsehenerregenden Selbstmorden, die Opfer waren Betroffene des ursprünglichen Mercedes Massakers, weswegen ein befreundeter Polizist Bill Hodges und seine Assistenten Holly zum Tatort ruft.
Hodges (der inzwischen 70 Jahre alt ist und mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat) und Holly kommen schnell Zweifel an dem angeblichen Selbstmord und als es zu noch mehr aufsehenerregenden Vorfällen rund um Brady Hartsfield und seiner Vergangenheit kommt, müssen die beiden bald erkennen, dass Hodges Zweifel an Hartsfields Zustand mehr als berechtigt war.

Ich muss zugeben, dass ich vor Beginn des Buches etwas Zweifel hatte, ob es mir so gut gefallen würde, weil schon am Klappentext ablesbar war, dass übersinnliche Phänomene in dem Buch eine recht große Rolle spielen würden und mir aber irgendwie gefallen hatte, dass es sich in der Reihe bisher eben primär nur um ganz „normale“ Krimis gehandelt hatte. Allerdings hat mir das Buch dann doch ganz hervorragend gefallen, denn die Ereignisse werden spannend erzählt, die inzwischen ziemlich lieb gewonnenen Charaktere interagieren King-typisch und die Geschichte bringt die Krimi-Reihe zu einem zwar etwas traurigen aber gelungenen Abschluss.
Ein bisschen Abzug gibt es von mir lediglich dafür, dass die Geschichte in der Mitte zeitweise etwas an Fahrt verliert, die sie aber am Ende definitiv wieder gewinnt. Insgesamt hat mir diese Trilogie von Stephen Kind super gefallen, Neueinsteiger sollten aber unbedingt alle 3 Bände lesen, vor allem der letzte Band lässt sich ohne Vorgängerwissen sicher eher schlecht genießen.

 

Bücher

Noch mehr Buchtipps im Mai: gelungene Thriller

Heute möchte ich zwei sehr gelungene Bücher aus einem Genre vorstellen, das ich eigentlich gar nicht (mehr) so häufig lese, nämlich Thriller. Die meisten Thriller laufen mir nämlich zu sehr nach Schema F ab (das ist bei Krimis zwar natürlich auch so, aber meist finde ich Thriller tendenziell noch einen Ticken vorhersehbarer und klischeehafter). Die beiden Thriller, die ich diesen Monat gelesen habe, ragen aber definitiv aus dem Einheitsbrei heraus:

Paul Pen – „Das Haus in der Kakteenwüste“ (Genre: Thriller)

Paul Pen ist ein spanischer Autor, von dem ich bisher noch nie was gehört hatte. Beim Stöbern für ein Geburtsgeschenk bin ich aber auf den ungewöhnlichen Buchtitel und das Thriller-typische atmosphärische Cover aufmerksam geworden. „Das Haus in der Kakteen Wüste“ spielt in Mexiko, dort wohnt eine sechsköpfige Familie abgeschieden, aber auf den ersten Blick glücklich in der Wüste, umgeben nur von einer endlos scheinenden Weite von Wüste und Kakteen. Der Vater Elmer arbeitet Meilen entfernt an einer Tankstelle während die Mutter Rose sich um die 4 Töchter kümmert und auf den ersten Blick eine Idylle geradezu herauf beschwört. Doch schon am Anfang des Buches ist ein ständiges Unwohlsein zu spüren. Rose hat nachts mit Angstattacken zu kämpfen. Die beiden 6-jährigen Zwillingstöchter Dahlia und Daisy haben merkwürdige Rituale die entweder überdreht oder bestenfalls niedlich wirken. Die älteste Tochter Iris vergräbt sich in Büchern und träumt fast fanatisch von einem Liebhaber (und Sex). Die 13-jährige Melissa sammelt Steine, klebt ihnen Augen auf, gibt ihnen Namen und redet mit ihnen, um ihre Einsamkeit zu bekämpfen. Außerdem erfährt man gleich am Anfang, dass der Familie ein schlimmer Schicksalsschlag zugestoßen ist, die älteste Schwester der Mädchen liegt begraben in der Nähe des Hauses, woran und wie sie starb, erfährt der Leser nicht.

In diese merkwürdige und brüchig wirkende Idylle, die von Anfang an beunruhigend manisch wirkt, bricht eines Tages ein Fremder ein, der junge Rick kommt scheinbar zufällig als Backpacker bei der Familie vorbei, doch schnell merkt man, dass er eigene Interessen verfolgt.

Was danach passiert,  möchte ich gar nicht verraten, die Ereignisse überschlagen sich wie in einem Strudel und der Leser lernt wie wenig zwischen Liebe und Wahnsinn liegen kann. Das Buch hat mich jedenfalls mitgerissen und ich habe es fast in einem Schwung durchgelesen. Für Freunde von klassischen Psycho-Thrillern ist es aber vermutlich nur bedingt etwas, ich bin nicht mal sicher ob ich es im Genre Thriller einordnen würde, es ist vielleicht eher ein etwas außergewöhnliches Familiendrama. Auch der Schreibstil ist durchaus ungewöhnlich, wollte man ihn negativ betrachten, könnte man ihn als blumig oder tendenziell sogar etwas schwülstig bezeichnen, ich fand aber, dass er perfekt zu der Stimmung der Familie passt und das Gefühl, dass mit allem und allen im Buch „etwas nicht stimmt“ perfekt unterstrichen hat.

Ob ich das Buch weiterempfehlen kann, hängt vermutlich vom Leser ab, auch die Rezensionen zeigen, dass das Buch eher starke Reaktionen auslöst (viele besonders gute oder besonders schlechte Rezensionen). Wer am Ende eines Buches möglichst alles 100% aufgelöst haben will, wird z.B. mit dem Buch vermutlich nicht so glücklich werden, denn Ende und auch einige Hintergründe bleiben relativ offen gehalten. Ich fand das Buch insgesamt wirklich klasse und herausragend und werde auch die anderen Büchern des Autors in Augenschein nehmen.

Simon Beckett – „Totenfang“ (Genre: Thriller)

„Totenfang“ von Simon Beckett ist der neueste Band aus der Krimireihe rund um den forensischen Anthropologen David Hunter. Ich habe alle Bücher der Reihe gelesen, bin aber kein Riesenfan davon, manche Teile fand ich sehr gelungen, andere weniger. Generell hatte ich manchmal den Eindruck, dass mir in manchen Büchern die pathologischen Beschreibungen etwas zu viel Raum einnahmen (das Thema nutzt sich auch ab), deswegen war ich gespannt wie mir dieser Band gefallen würde.

David Hunters Karriere darbt nach den Geschehnissen des Vorgängerromans (an den ich mich ehrlichgesagt nicht mehr im Detail erinnere) am Anfang dieses Bandes etwas vor sich hin, seine Dozenten Stelle an der Uni ist in Gefahr.. Von dem her kommt es im gelegen als er überraschend zur Bergung einer Wasserleiche in die abgelegenen Backwaters von Essex hinzugezogen wird (ein unwirtliches Marschland). Der Tote soll vermutlich Leo Villiers, der Sohn einer reichen Familie sein, der vor einigen Wochen verschwand und mutmaßlich Selbstmord begangen hat, nachdem einige Zeit vorher seine Geliebte verschwand und er wiederum unter Mordverdacht geriet.

Doch obwohl der Fall eindeutig scheint und der Tote die Kleidung von Leo Villiers trug, kommt doch alles anders als erwartet und David Hunter muss bald nicht nur die Identität eines, sondern gleich mehrerer Toter aufdecken. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände kommt er während der Ermittlungen im Bootshaus einer Familie unter, die mit dem Mordfall zusammenhängt, schnell vermischt sich Privates und Berufliches und der Fall wird immer komplizierter.

Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen. Die Story ist interessant und kreativ und zur Abwechslung mal nicht so einfach vorauszusehen, sie hat mich sehr gut unterhalten. Einzig die Anzahl von Zufällen durch die David Hunter auf neue Erkenntnisse stößt, ist doch ein wenig unglaubwürdig (außerdem verhalten sich dieProtagonisten ständig unvernünftig und bringen sich in Gefahr, aber das ist man von dem Genre ja gewohnt). Die Atmosphäre des Buches mit dem Setting in den Backwaters war mal etwas anders und auch sehr gelungen, insgesamt war das für mich deswegen ein sehr gelungener Thriller und von Simon Beckett definitiv eines der besten Bücher der Reihe.