Bücher

Buch-Tipp: „Mein Leben mit Fjodor Dostojewski“ von Anna Dostojewskaja

Fjodor Dostojewski ist einer meiner Lieblings-Klassikschriftsteller. Ich habe „Schuld und Sühne“ schon vor einigen Jahren gelesen und vor wenigen Monaten eine Neuauflage von „Die Doppelgänger“. Deswegen hatte ich auch große Lust einmal ein Sachbuch über ihn zu lesen und die Neuauflage der Erinnerungen von Dostojewskis (zweiter) Ehefrau Anna Dostojewskaja „Mein Leben mit Fjodor Dostojewski“ kam mir da gerade recht, fand ich es doch besonders spannend direkt von seiner Ehefrau etwas über den berühmten Schriftsteller zu erfahren. 

Das Buch schildert entsprechend das Leben des Schriftstellers in den 14 Jahren bis zu seinem Tod in denen er mit Anna Dostojewskaja verheiratet war. Die 20-jährige Anna lernte den damals 44-jährigen Fjodor 1866 kennen als sie von ihrem Stenographie-Lehrer zu ihm vermittelt wurde, er suchte jemanden der ihn bei der Arbeit an seinen Büchern unterstützt. Aus einer sehr produktiven Arbeitsgemeinschaft wurde eine liebevolle Ehe, die von gegenseitiger fast schon überschwänglicher Schwärmerei von dem jeweils anderen geprägt war. 

Anna Dostojewskaja schildert ihr Leben mit Dostojewski in sehr strukturierter chronologischer Form (sicher der Tatsache geschildert, dass sie jahrelang stenografisch sehr detailliert Tagebuch schrieb, was beim Verfassen eines solchen Erinnerungsromans sicher sehr hilfreich ist). Beginnend mit der Schilderung ihrer eigenen Kindheit über das Kennenlernen von Dostojewski, die Schwierigkeiten mit seiner Familie direkt nach der Hochzeit, Jahren im Ausland, schwierigen finanziellen und beruflichen Herausforderungen, schlimmen privaten Verlusten und gesundheitlichen Problemen, aber auch vielen „balanen“ und humorvollen Alltagsereignissen. Für mich sehr herausragend an den Erinnerungen waren mehrere Dinge: erstens waren viele der Anekdoten und Erlebnisse wirklich lustig und charmant, zweitens beeindruckte mich die positive Einstellung mit der Anna von der gemeinsamen Zeit mit ihrem Mann schrieb, obwohl der Alltag der beiden von viel Leid (zwei der vier gemeinsamen Kinder starben schon in den ersten Lebensmonaten und -jahren) und Sorgen (ständig Schulden und dem daraus bedingten Zeitdruck unter dem Dostojewski seine Bücher schreiben musste) geprägt war. Trotzdem empfand Anna die Zeit mit ihrem Mann als die glücklichste ihres Lebens und diese tiefe Liebe zu ihrem Mann war wirklich aus jeder Zeile zu entnehmen und sehr bewegend. Trotzdem thematisierte sie durchaus auch die schwierigen Seiten seines Charakters, wie seinen Jähzorn und ständige Eifersuchtsanfälle.

Insgesamt fand ich das Buch rundum gelungen, mitreissend und leicht lesbar geschrieben, unterhaltsam, bewegend und auch einfach perfekt wenn man authentische Einblicke in das Leben in Russland und auch Europa im späten 19. Jahrhundert bekommen möchte. Sehr schön abgerundet wird das Buch mit einigen Fotografien der Familie. 

Somit also ein perfekter Start ins Lesejahr 2022.

Gerne möchte ich in Zukunft auch noch den Briefwechsel von Fjodor und Anna lesen, der unter dem Titel „Ich denke immer nur an Dich: Eine Liebe in Briefen“ veröffentlicht wurde, um noch mehr direkte Einblicke in diese wirklich faszinierende historische Liebesgeschichte zu erhalten.

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Game Changer“ von Neal Shusterman

„Game Changer“ von Neal Shustermann ist ein Young Adult Hörbuch mit einem etwas ungewöhnlichen Thema. Der Junge Ash ist Defensive Lineman Football Spieler an seiner High School und ein ganz normaler Teenager mit einem ganz normalen Freundeskreis. Als er bei einem Football Spiel heftig getackelt wird (auch als nicht American Football Kenner weiß ich, dass das diese heftigen Zusammenstöße sind, die man in amerikanischen Filmen zumindest in der Regel mal gesehen hat) scheint außer ein paar Kopfschmerzen nichts passiert zu sein. Doch auf dem Heimweg vom Spiel fährt Ash auf eine Kreuzung und wird fast von einem Lastwagen gerammt. Und im Nachhinein wird ihm auch klar, wie das passieren konnte, er hat ein Stoppschild übersehen, der Grund klingt völlig verrückt für ihn, denn das Stoppschild ist blau, nicht rot, wie er und jeder Mensch das gewohnt ist. Doch als Ash völlig verwirrt im Internet recherchiert und seine Freunde fragt, wähnt er sich im falschen Film, denn angeblich sind Stoppschilder immer blau, schon immer. 

Während Ash versucht sich einzureden, dass er sich da irgendwie geirrt haben muss, passiert wieder ein starker Tackle und danach ist die Welt noch verrückter geworden, denn Ash ist plötzlich stinkreich, wohnt mit seiner Familie in einem großen Haus in einem reichen Viertel…schließlich findet Ash heraus, dass er aus unerfindlichen Gründen in der Lage ist, dass ganze Universum zu verändern, wenn auch unabsichtlich…als ihm das das Dritte mal passiert, findet er sich in einer Version der Realität wieder, die er wirklich grauenhaft findet und möchte nichts lieber, als diese Welt wieder zu reparieren.

Das Buch liest sich zunächst wie ein Science-Fiction oder Abenteuerroman, doch die Grundidee ist vor allem ein Vehikel für viel komplexere gesellschaftliche Themen wie White Privilege, Rassismus und Sexismus. Jedes Mal wenn Ash die Welt verändert, lernt er diese auf andere Art und Weise zu sehen.

Mir hat die Idee des Buches sehr gut gefallen und es ist eine gelungene Abwechslung, dass sich ein Young Adult Roman mal mit etwas anderem beschäftigt als „First Love“ oder Dystopie…trotzdem hat mich das Buch nicht zu 100% überzeugt, denn aufgrund der gesellschaftspolitischen Themen kam mir die Spannung doch etwas zu kurz. Außerdem wirkte es für mich minimal zu konstruiert, dass die „Paralleluniversen“ nur Mittel zum Zweck waren. Trotzdem ein außergewöhnliches und unterhaltsames Jugendbuch, dass zum Nachdenken anregt.

Gelesen wurde das Buch von Marian Funk, der sehr klar und ruhig liest.

Bücher

Krimi-Rezension: „Der Sucher“ von Tana French

Tana French ist eine meiner Lieblingskrimiautorinnen. Besonders mag ich ihre sehr detailreichen Charakterbeschreibungen und die tiefgründigen Geschichten, die ihre bisherigen Krimis immer ausmachten (thrillerartige Hochspannung darf man bei ihren Krimis eher nicht erwarten, es handelt sich meiner Meinung nach um typische psychologische Krimis). Deswegen war ich sehr gespannt auf „Der Sucher“. Hauptperson ist der amerikanische Ex-Polizist Cal, der trotz noch relativ jungem Alter nach einer Scheidung und dem Hadern mit seinem Beruf als Polizist „ausgestiegen“ ist. Er kaufte sich ein altes heruntergekommenes Haus im ländlichen Irland, Alleinlage, renovierungsbedürftig.
Doch kaum hat er sich eingelebt und eine erste Freundschaft mit seinem Nachbarn Mart geschlossen, passieren komische Dinge. Einzelne Schafe von umliegenden Bauern werden auf merkwürdige Art gerissen (was für ein Tier verursacht solche Verletzungen?) und Cal wird von einem scheuen Jungen beobachtet, der nachts um Haus schleicht. Als Cal diesen Jungen – den 13-jährigen Trey – zur Rede stellt, stellt sich heraus, dass dieser Cals Hilfe möchte. Sein älterer Bruder Brendan ist vor Monaten spurlos verschwunden und Trey möchte, dass Cal ihm hilft herauszufinden was passiert ist. Da Treys Familie arm ist und in der Kleinstadt als „Problemfamilie“ gilt, nimmt niemand Brendans Verschwinden besonders erst, alle scheinen davon auszugehen, dass er freiwillig abgehauen ist. Zuerst lehnt Cal die Bitte ab, doch schließlich lässt er sich doch breit schlagen. Doch was wie eine harmlose Privatinvestigation anfängt wird bald auch für Cal gefährlich…

Die Idee des Buches fand ich sehr interessant, trotzdem muss ich sagen, dass es mich doch nicht ganz so zu 100% begeistert hat wie andere Krimis von Tana French. Etwas unrealistisch erschien es mir z.B., dass Cal als Neuzugezogener mit fadenscheinigen Ausreden die eher misstrauischen Dorfbewohner nach einem ihm völlig unbekannten Teenager ausfragt und diese sich dabei relativ wenig zu denken scheinen und auch recht intime Infos ausplaudern, obwohl Cal ja in Irland nicht mal Polizist ist und keinerlei Befugnisse hat. Das war für mich einfach etwas unrealistisch und der Grund warum ich das Buch zwar gut und unterhaltsam fand, aber nicht zu 100% überzeugend. Für mich also ein solider Krimi mit ruhigem Erzähltempo und guter Atmosphäre, aber nicht ganz der große Wurf von den ich mir von Tana French’s neuestem Buch erwartet habe.

Bücher

Buch-Tipp: „Identitti“ von Mithu Sanyal

Seit zwei Jahre lese ich jedes Jahr gezielt ein bis zwei Bücher aus der Long- oder Shortlist des Deutschen Buchpreises. Eines dieser Bücher war dieses Jahr „Identitti“ von Mithu Sanyal, das es bist auf die Shortlist geschafft hat. Die Studentin Nivedita stammt als Kind gefühlt aus 2 Welten, ihre Mutter eine Deutsche mit Herkunft Polen, ihr Vater ein Deutscher mit Herkunft Indien. Schon als Kind hat Nivedita das Problem, dass sie sich nirgends wirklich zugehörig fühlt, die indischstämmigen Freund:innen ihrer Cousine Priti nennen sie bei ihrem Familienbesuch in London „Kokosnuss“ (nicht richtig indisch/PoC, außen schwarz, innen weiss), mit ihrer weissen Mutter kann Nivedita sich gar nicht identifizieren, zum Vater besteht aber auch überhaupt kein enges Verhältnis, so dass sie das Gefühl hat über die indische Kultur gar nichts zu wissen. Doch dann fängt Nivedita ein Studium bei Saraswati an, einer öffentlichskeitswirksamen megaerfolgreichen indischstämmigen Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf. Zum ersten mal fühlt sich Nivedita gehört, verstanden und angesprochen, nicht mehr identitätslos, liebt die Debatten über Rassimus und White Priviledge, den Austausch mit den Kommilitonen und führt durchaus erfolgreich selbst einen Blog namens „Identitti“ zu diesen Themen. Saraswati ist für sie Mentorin, Vorbild, wenn nicht noch mehr.
Doch dann, grade als Nivedita ein Radio-Interview über Saraswati gab, bricht die Hölle los. Aufgedeckt ausgerechnet durch ihre Cousine Priti und Saraswatis Bruder stellt sich heraus, dass Saraswati in Wirklichkeit Sarah Vera Thielmann heisst, aufgewachsen in Karlsruhe bei ihren eindeutig sehr weissen Eltern…ihre ganze Identität als Person of Color eine Täuschung. Während der erwartete Social Media Shitstorm über Saraswati (und wegen dem Interview und ihrem Status als Saraswatis Star-Studentin auch über Nivedita) hereinbricht, sucht Nivedita die Konfrontation auf ganz andere Weise, sie sucht Saraswati auf, zieht sogar bei ihr ein. Immer auf der Suche nach dem Warum, nach einer Erklärung, nach einer Entschuldigung. Doch Saraswati bleibt diese nicht nur schuldig, sie fühlt sich auch nicht schuldig, rechtfertigt sich nicht, fühlt sich sogar im Recht, schließlich ist Rasse nur eine politische und soziale Konstruktion…

Das Buch hat natürlich einige Inspiration aus tatsächlichen Ereignissen gezogen, vor allem aus dem Fall der us-amerikanischen Bürgerrechtlerin Rachel Dolezal, die sich jahrelang als Schwarze ausgab (und sich bis heute als Schwarze sieht).
Das Buch ist dabei vom Stil her frech, ironisch, humorvoll, provokant, witzig, fantasievoll und vor allem eins gar nicht „schwer. Lediglich am Ende wird die Geschichte ernster, gleichzeitig aber auch mit einem kleinen Ausflug ins Reich der Fantasie. Mich hat das Buch erstens hervorragend unterhalten, zweitens sehr zum Denken angeregt (mehrmals stiess ich auf Sätze, die mir wirklich ganz neue Gedankenwelten eröffneten), drittens über Dinge informiert über die ich noch nicht genug weiß, …für mich also eines der besten Bücher die ich dieses Jahr gelesen habe. Gleichzeitig habe ich beim Lesen einiger anderer Rezensionen einige sehr negative Rezensionen gelesen, das Buch scheint also durchaus gespaltene Reaktionen hervorzurufen, allerdings wirkten die Rezensent:innen der 1-Sterne Bewertungen auf mich überwiegend wie Menschen, die sich von Themen wie White Priviledge oder Identitätspolitik sofort negativ getriggert fühlen (immerhin trotzdem mal dazu gegriffen?) oder schlicht sehr verbissen und humorlos, nachvollziehen konnte ich die Kritiken jedenfalls nicht und warum manche Menschen bei diesen Themen sofort ein rotes Tuch sehen, dürfte für mich darauf hindeuten, dass da grade in Deutschland noch extrem viel aufzuarbeiten ist, gefühlt hinken wir anderen Ländern da noch um Jahrzehnte hinterher und arg weit sind die auch noch nicht.

Bücher, Hörbuch

Hörspiel-Rezi: „Vierundreißigster September“

Das Hörbuch „Vierunddreißigster September“ von Angelika Klüssendorf wird gelesen von Corinna Harfouch und Walter Kreye und ich muss sagen, dass das auch mit ein Grund war, warum ich es mir ausgesucht habe. Denn Corinna Harfouch ist eine Schauspielerin, die ich schon seit meiner Kindheit sehr gerne mag. Doch auch der Ausgang der Story klang sehr faszinierend für mich: Walter und Hilde sind ein älteres Ehepaar, die in einem kleinen Dorf in Ostdeutschland leben. Walter ist „Wendeverlierer“ und deswegen chronisch mies gelaunt, entsprechend schlecht behandelte er seine Ehefrau. Doch dann bekommt Walter einen tödlichen Gehirntumor und ist plötzlich wie verwandelt, nett, rücksichtsvoll und gut gelaunt. In der Silvesternacht erschlägt Hilde Walter und verschwindet spurlos, ob sie es aus Rache, Wut oder doch Barmherzigkeit tat, weiß niemand.

Fortan verbringt Walter seinen Tod auf dem Dorffriedhof zusammen mit Hildes Mutter und zahlreichen anderen bereits verstorbenen. Als zuletzt Verstorbener darf er die Rolle des Chronisten übernehmen und schaut sich an was sich so alles tut in dem kleinen Dorf nach seinem Ableben.

Das Buch wird im Wechsel aus der Perspektive des toten Walter erzählt und im Wechsel aus Sicht der vielen verschiedenen Dorfbewohner, von denen jeder so eine Eigenheiten, Schrullen und Probleme hat. Auf der Gewinnerseite des Lebens stehen die Bewohner des Dorfes definitiv fast alle eher nicht.

Sehr gut gefallen hat mir an dem Buch die sehr atmosphärische Lesung durch Corinna Harfouch und Walter Kreye, ebenso die Grundidee und die Atmosphäre der Story. Letztendlich muss ich sagen, dass mich das Buch trotzdem nicht zu 100% abgeholt hab. Laut Kritik und Ankündigung dient der Dorfkosmos im Buch als Gesellschaftsspiegel, ähnlich also von der literarischen Idee wie die (absolut hervorragenden) Romane von Juli Zeh. Doch mir fehlt bei dem Roman von Angelika Klüssendorf doch etwas der rote Faden. Dadurch dass fast alle Dorfbewohner im Buch ähnlichen Raum einnehmen, fehlt etwas die Handlung, das Ziel worum es eigentlich geht. Auch die Trennung der Perspektiven von Walter im Reich der Toten und der Lebenden auf der anderen Seite blieb für mich am Ende irgendwie „grundlos“ und damit irgendwie nur eine Spielerei. Entsprechend wird das Buch wohl etwas polarisieren, ist es brillant oder letztendlich doch eher belanglos? So richtig beantworten kann ich die Frage nicht, ich habe es gerne gehört, aber würde es trotzdem nur bedingt weiterempfehlen.

Bücher

Krimi-Rezension: „Eisesschatten“ von Jonas Moström

Eisesschatten“ von Jonas Moström ist von der Aufmachung her ein typische schwedischer Krimi (gerne für Cover genommen: ein einsames Schweden-Haus im Schnee). In der kleinen und wirtschaftlich etwas abgehängten Stadt Svartviken verschwindet die 16-jährige Ebba ausgerechnet an dem Tag als sie zur Lucia gekrönt werden sollte. Sie stieg auf dem Weg zur Krönung in ein Auto, das mit ihr spurlos verschwand. Ihr Lehrer Pierre gerät unter Verdacht, weil er sich an die minderjährigen Schülerinnen rangemacht haben soll und wird kurz nachdem die Suche nach Ebba offiziell eingestellt wurde, in seinem Zuhause brutal ermordet.
Da die Ermittlungen der lokalen Polizeibehörde in beiden Fällen ins Leere gelaufen sind, wird eine Profiling-Spezialeinheit aus der Stadt nach Svartviken geschickt, angeführt von der Psychiaterin Nathalie Svensson. Die Ermittler sollen Licht ins Dunkle bringen und herausfinden was wirklich mit Ebba geschah.

Der Krimi ist eigentlich recht klassisch aufgebaut, die Ermittler kommen in die Kleinstadt, müssen sich mit den lokalen Polizisten bekannt machen, natürlich gibt es die üblichen Konflikte in diesem klassischen Krimi-Setting. Ansonsten werden Verdächtige befragt, Dorfbewohner kennengelernt, es gibt gesellschaftliche und familiäre Spannungen und noch ein paar private Irrungen und Wirrungen der Ermittler.
Insgesamt hat mir das Buch auch gut gefallen, allerdings gibt es auch kleinere Schwächen, einen richtigen Thriller-artigen Spannungsaufbau gibt es nicht und auch bei der Charakterentwicklung hätte es meiner Meinung nach noch Luft nach oben gegeben: so ist z.B. der Vater von Ebba angeblich ein ziemlicher Choleriker, der Ex-Freund von Ebba ein misstrauischer Flüchtlingsjunge. Trotzdem arbeiten alle Verdächtigen letztendlich selbst in Drucksituationen immer erstaunlich brav und widerstandslos mit der Polizei zusammen, was mir irgendwie in den geschilderten Settings nicht 100% realistisch erscheint.

Insgesamt würde ich den Krimi deswegen als solide Kost bezeichnen, die aus bewährten Elementen zusammengesetzt ist, es fehlt aber ein bisschen das Besondere das den Krimi und das Ermittlerteam aus der Masse der Skandinavien-Krimis heraushebt und den Wunsch weckt noch mehr Krimis von dem Autor zu lesen.

Bücher

Buch-Tipp: „Eine redliche Lüge“ von Husch Josten

„Eine redliche Lüge“ von Husch Josten ist laut Beschreibung ein Gesellschaftsroman. Ich muss zugeben, dass mich bei dem Buch zunächst primär das vor allem von der Farbgebung attraktive Cover ansprach. Doch auch die Thematik klingt durchaus lesenswert: die junge Elise arbeitet nach ihrem Studium und vor ihrem Einstieg ins Berufsleben den Sommer 2019 lang als „Hausmädchen“ für das charismatische Paar Margaux und Philippe, die in ihrem außergewöhnlich geformten Haus in der Normadie an vielen Abenden illustre Abendessen für verschiedene Gäste aus verschiedenen Gesellschaftsschichten abhalten. Teils werden dort Business-Kontakte für zukünftige Projekte , teils das Dorf-Netzwerk gepflegt, Elise bereit das Essen vor und versorgt die Gäste und ist so immer hautnah dabei. Sie bekommt Gespräche mit über gesellschaftspolitische Themen, über Liebe, Betrug, die Vergangenheit, die Gesellschaft, aber auch Klatsch und Tratsch, mal mehr, mal weniger anregend. Außerdem vergöttert sie Margaux bis zu einem gewissen Grad und stellt das Paar auf einen Podest. Um so schockierender für sie als am Ende des Sommers alles was sie als perfekt ansah auseinanderbricht.

Der Roman ist flüssig, leicht und unterhaltsam geschrieben und erweckt wirklich ein Gefühl in Frankreich bei diesen Abenden dabei zu sein, das Gefühl wird sehr gut rüber gebracht. Restlos überzeugen konnte mich der Roman allerdings trotzdem nicht, denn etwas zu konstruiert wirkt das ganze Setup. Außerdem lebt er zu sehr großen Teilen davon, dass von Anfang an klar ist, dass die von Elise verklärte Idylle irgendwann durch einen „Knall“ endet, das Buch steuert damit unaufhaltsam auf einen Höhepunkt zu, der für mich dann aber irgendwie eher banal wirkte. So hatte ich zwar viel Spaß beim Lesen des Romans, die Lobeshymnen bezüglich der gesellschaftlichen Relevanz aus den Pressetexten kommen mir aber dann doch etwas überzogen vor, für mich fehlt es dafür doch etwas an Substanz. Das klingt jetzt aber kritischer als es gemeint ist, eine vergnügliche und clevere Lektüre war das Buch trotzdem.

Hörbuch

Hörspiel-Tipp: „Krabat“ von Otfried Preussler

„Krabat“ von Otfried Preussler ist eines meiner absoluter Lieblings-Jugendbücher aller Zeiten. Ich habe es als Kind bestimmt um die 10x gelesen und auch als Erwachsene 1-2x. Als ich nun sah, dass es eine Neuauflage der Hörspiel-Fassung von 2016 gibt, habe ich beschlossen mich mal an eine andere Umsetzung zu wagen.
Die Geschichte dürfte Vielen vermutlich bekannt sein, der Kampf gegen Schwarze Magie, die Kraft der Liebe, für ein Jugendbuch sehr düster und teils auch brutal, basierend auf der alten sorbischen Krabat-Sage, ist es ein sehr poetisches und kraftvolles Buch. Der 14-jährige Waisenjunge Krabat wird von einem Traum wiederholt auf eine Mühle im Koselbruch bei Schwarzkollm aufmerksam gemacht, sie scheint nach ihm zu rufen und nachdem er sich dorthin aufgemacht hat, beginnt er eine Lehre als Müllerbursche. Zunächst findet er die Arbeit trotz des strengen und teils grausamen Müllermeisters spannend, vor allem als er lernt, dass dort nicht nur die Arbeit als Müllersbursche gelehrt wird, sondern die Kunst der Schwarzen Magie. Doch bald muss Krabat erkennen, dass er einen Pakt eingegangen ist, der ins Verderben führt und dass in der Mühle schlimme Dinge vorgehen…

Das Hörspiel wird von den vielen Beteiligten Lesern sehr gut gelesen und ist mit sehr sehr schöner mystischer und atmosphärisches Musik unterlegt, alles ist sehr harmonisch arrangiert, Max Mauff liest den Krabat sehr sensibel, sehr gut gefallen hat mir auch Laura Maire als seine Angebetete Kantorka.

So hat mir das Hörspiel wirklich gut gefallen, auch wenn ich als Fan des Buches sagen muss, dass es mich doch nicht ganz in gleichem Massen verzaubern konnte wie das Buch, aber das ist vermutlich auch sehr schwierig, wenn man das Buch so sehr mag und den für ein Hörspiel notwendigen Kürzungen geschuldet und vermutlich eher eine individuelle Sache, generell ist das Hörspiel absolut empfehlenswert. Ausgesprochen gelungen finde ich auch das Cover der neuen Ausgabe.

Bücher

Buch-Tipp: „Uns zusammenhalten“ von Mirthe van Doornik

„Uns zusammenhalten“ von Mirthe van Doornik ist ein sehr berührender Roman aus den Niederlanden. Es geht um die beiden Schwestern Kine und Nico, die in den 90ern mit ihrer Mutter Nora in einem tristen Vorstadthochhaus leben. Die Mutter ist alkoholkrank, esoterisch und hippiemäßig angehaucht und ist immer auf der Suche nach einem ganz anderen Leben. Der Vater holt die Mädchen ab und zu ab, kümmert sich aber wenig und irgendwann findet er eine neue Liebe.
Kine und Nico müssen sich also schon in jungen Jahren ganz alleine durchschlagen. Als die Familie z.B. eine Reise nach Disneyland Paris gewinnt, setzen sich Nora und ihr aktueller Lover ab um das Grab von Jimi Hendrix zu besuchen, Kine und Nico bleiben alleine zurück, mit einer Freiheit die sie gar nicht wollen. Die Geschichte wird immer abwechselnd aus der Sicht von Nico und von Kine erzählt und behandelt immer Zeitsprünge im Abstand einiger Jahre. In jungen Jahren sind die Schwestern sehr eng und geben sich gegenseitig halt, doch mit der Zeit zieht die ältere Nico sich immer mehr in sich selbst zurück, während sie ihre Mutter aktiv ablehnt und ihr nicht verzeihen kann, ist Kine ein ganz anderer Typ, widerstandsfähiger, aktiver und nie ganz bereit ihre Mutter aufzugeben. So begleitet der Leser Kine und Nico von der relativ frühen Kindheit bis ins Erwachsenenleben, sieht wie sie erwachsen werden, wie sich Noras Zustand immer mehr verschlechtert und wie die beiden Schwestern unter diesen schweren Umständen erwachsen werden.

Für mich war „Uns zusammenhalten“ eines der besten Bücher die ich dieses Jahr gelesen habe. Auch wenn die Geschichte in jeder Hinsicht schwer ist, ist es trotzdem kein besonders trauriges Buch, ich fand es nicht mal besonders deprimierend. Zu liebenswert sind Kine und Nico und zu berührend ist die Geschichte erzählt und auch Humor spielt durchaus eine Rolle. Gut finde ich, dass nicht geurteilt wird und auch Noras Rolle mit Empathie betrachtet wird, etwas das dem Leser sehr schwer fällt, schafft zumindest Kine in dem Buch und es wirkt alles zu 100% glaubwürdig und wie aus dem echten Leben, nicht wie eine fiktionale oder beschönigte Version der Ereignisse.

Für mich eine klare Leseempfehlung.

Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Die Leuchtturmwärter“ von Emma Stonex

Im Hörbuch „Die Leuchtturmwärter“ von Emma Stonex geht es um einen mysteriösen Kriminalfall: im Jahr 1972 – kurz vor Sylvester – fährt ein Boot zu dem vor der Küste von Cornwall liegenden Leuchtturm „Maiden Rock“ um die dortige Leuchtturm-Besatzung nach ihrer langwierigen Schicht abzulösen. Doch der Bootsführer findet nur einen komplett verlassen Leuchtturm vor, noch dazu ist die Tür von innen verriegelt. Spurlos verschwunden sind die 3 Wärter Arthur (der Oberwärter), sein langjähriger Kollege Bill und Vince, der junge Leuchtturmwärter-Anwärter.

1992: 20 Jahre später werden längst alle Leuchttürme automatisch betrieben, doch was aus den 3 Männern wurde ist immer noch ungeklärt. Es gibt zahlreiche Theorien, auch abstruse wie eine Entführung durch Außerirdische sind darunter. Die drei Frauen der Wärter bekamen nie eine Antwort auf die Frage was aus ihren Ehemännern bzw. ihrem Freund wurde, die Leuchtturmgesellschaft Trident House mauert und verbietet sich Gerede über das Thema. Helen, Arthurs Frau, ist ein realistischer Typ und überzeugt, dass die Männer damals ertranken. Jenny, Bills Frau, klammert sich an den Gedanken, dass ihr Mann irgendwann wieder auftauchen könnte und Michelle, Vince damalige Freundin, ist neu verheiratet, hängt Vince emotional aber immer noch hinterher. Als ein Schriftsteller die 3 Frauen kontaktiert um einen Roman über die alten Ereignisse zu schreiben, kommen zahlreiche alte Geheimnisse ans Licht…

Die Geschichte wird abwechselnd in den beiden Zeitebenen 1992 und 1972 aus den verschiedenen Perspektiven der 6 beteiligten Personen erzählt und bald zeigt sich, dass fast jeder irgendwelche Geheimnisse verbarg. Das Erzähltempo ist dabei leise, ruhig und fast melancholisch. Die Atmosphäre auf einem einsamen, abgeschottenen Leuchtturm wird dabei sehr plastisch dargestellt.

Gelesen wird das Hörbuch von Tessa Mittelstaedt (Tatort Fans sicherlich vor allem bekannt durch ihre Rolle als Assistentin Franziska im Kölner Tatort) und Timo Weisschnur. Tessa liest dabei die Frauenrollen von Helen, Jenny und Michelle und Timo Weisschnur die 3 Leuchtturmwärter. Der Lesestil der beiden passt gut zum langsamen und ruhigen Erzähltempo und vor allem Tessa Mittelstaedt gelingt es die 3 unterschiedlichen Frauen gut und differenziert darzustellen. Timo Weisschnur fand ich am Anfang der Geschichte etwas zu gleichförmig beim Lesen der 3 verschiedenen Wärter, er legt aber mit zunehmender Dramatik der Ereignisse im 2. Teil nach und erweckt die 3 Männer zum Leben.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, man sollte aber keinen klassischen Krimi oder Spannungsroman erwarten, sondern sich ganz auf die leisen mysteriösen Töne einlassen können.