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Lesetipp: „Das Ministerium des äußersten Glücks“ von Arundhati Roy

Arundhati Roy ist die Autorin eines meiner absoluten Lieblingsbücher aller Zeiten, „Der Gott der kleinen Dinge“, der schon vor ca. 20 Jahre erschien. Danach schrieb sie lange Zeit „nur“ politische Texte und engagierte sich in Indien humanitär und politisch. Dieses Jahr erschien nun ihr 2. Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks„.

Der Roman beginnt mit einer der zentralen Hauptfiguren, Anjum, einer Hijra (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Hijra ), die rein biologisch intersexuell ist und als Teenager aus ihrer verständnislosen Familie in eine Gemeinschaft anderer Hijras zieht. Doch auch aus dieser „Ersatzfamilie“ zieht sie sich nach einem traumatisierenden Erlebnis zurück und verbringt ihr Leben von dort an skurrilerweise auf einem verlassenen Friedhof, auf dem sie sich zusammen mit anderen Außenseitern der indischen Gesellschaft häuslich einrichtet.

Lose verflochten mit ihrer Geschichte ist die Geschichte von 4 Studienfreunden, 3 Männer und eine Frau um die sich in dieser Gruppe alles dreht: die gleichsam charismatische wie verschlossene Tilo. Die drei Männer sind seit dem Schauspiel-Studium mehr oder weniger unglücklich in sie verliebt und der Lebensweg der 4 kreuzt sich in den nächsten Jahrzehnten immer wieder, verbunden dadurch, dass jeder von ihnen auf die eine oder andere Weise in den Kaschmir-Konflikt und dessen blutigen Auswüchse verwickelt ist.

Anhand dieser Personen (und noch einiger mehr) wird ein Bild Indiens der letzten Jahrzehnte gezeichnet, die großen Themen die dabei im Vordergrund stehen sind der Kaschmir-Konflikt (eine eher euphemistische Bezeichnung für einen blutigen jahrzehntelangen Krieg), die Auswirkungen von Globalisierung und Kapitalismus auf die indische Gesellschaft, Religionskonflikte, die Auswüchse des hinduistischen Nationalismus, die Unterdrückung von Minderheiten…all dies und die Auswirkungen davon wird durch die Erlebnisse der Helden der Geschichte lebendig gemacht.

Ich muss zugeben, dass ich anfangs etwas Schwierigkeiten hatte in das Buch zu finden, denn grade am Anfang werden sehr viele indische Begriffe benutzt, bei denen man ein Glossar gebrauchen könnte (es gibt zwar eins, aber das deckt nur wenige Begriffe ab), allein dass ich vorher schon ungefähr wusste was Hijras sind (ihre gesellschaftliche Stellung ist deutlich komplizierter als die von Transsexuellen oder Intersexuellen in westlichen Gesellschaften), war zum Beispiel eher Zufall. Allerdings dauert es nicht lange bis man sich in die Geschichte hineinfindet und auch ohne tiefes Wissen über Indien und den Kaschmir-Konflikt problemlos zurecht kommt und ab da entfaltete die Geschichte für mich ihre volle Wirkung. Man merkt Arundhati Roy eine gewisse Wut und vielleicht sogar Zynismus im Bezug auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Indien an, trotzdem bleibt das Buch voller Wärme für ihre Hauptfiguren und auch der Kaschmir-Konflikt wird durch die unterschiedlichen Augen, die im Buch darauf schauen von mehreren Seiten beleuchtet.

Für mich deshalb wieder ein sehr wertvolles und lehrreiches und komplexes Buch, für das man sich allerdings Zeit nehmen muss und dass sich nicht mal schnell nebenher liest. Auch sind die darin beschriebenen Grausamkeiten nichts für zarte Gemüter, aber das ist die Realität auch nicht. Und die Realität, die in diesem Buch beschrieben wird, lässt sich leider auf Regionen der ganzen Welt übertragen, genauso wie die Hintergründe der geschilderten Konflikte, so dass das Buch nicht nur ein Bild von Indien zu zeichnen scheint, sondern vom Zustand der ganzen aktuellen Weltlage. Die leider genauso wenig rosig scheint, wie der Inhalt dieses Romans, in der es aber auch genauso viel Hoffnung und Liebe im Kleinen gibt, wie sie auf Anjums‘ Friedhof im Buch zu finden ist.

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Lesetipp für ein Jugendbuch: „Ikarus fliegt“ von Sally Christie

„Ikarus fliegt“ von Sally Christie ist ein Jugendbuch für Jugendliche im Alter von 12 – 15 Jahren. Die Hauptrolle in dem Buch spielt Alex Meadows, ein Junge dessen hervorstechendste Charaktereigenschaften am Anfang des Buches wohl Vorsicht und maximaler Opportunismus sind, denn Alex hat vor nichts mehr Angst als davor in der Mittelschule negativ aufzufallen, oder überhaupt aufzufallen. Zu viel Angst hat er vor der Clique von Alan, einem Jungen der alle anderen herumschubst. Alex‘ neuer Nachbar (von den anderen Schülern nur Bogsy genannt) hat es gleich am Anfang seiner Schulkarriere geschafft bei Alan in Ungnade zu fallen und wird deswegen von Alan gepiesackt und von allen anderen Schülern gemieden. Auch Alex versucht sich deswegen so gut es geht von ihm fernzuhalten, was so weit geht, dass er sogar peinlichst darauf achtet nicht gleichzeitig mit Bogsy in den Bus ein- und auszusteigen, obwohl sie an der gleichen Haltestelle einsteigen.

Doch dann kommt Unruhe in die Klassengemeinschaft, alle Schüler erhalten plötzlich kleine Geheimbotschaften, die darauf hinweisen, dass bald ein Junge fliegen wird, wie Ikarus, der gerade im Unterricht behandelt wird? Was genau mit den Botschaften gemeint ist und von wem sie stammen ist unklar, aber als Alex zufällig etwas darüber herausfindet, muss er seine geliebte Deckung Stück für Stück aufgeben.

Mir hat das Buch insgesamt gut gefallen, wobei ich finde, dass es etwas langsam in Fahrt kommt und in der ersten Hälfte ein paar Längen hat. Die zweite Hälfte fand ich dann aber sehr spannend. Alex ist als Hauptcharakter zuerst relativ schwer zu mögen, aber ich denke sein Verhalten ist durchaus typisch und nachvollziehbar. Was mir auch gut gefallen hat, ist dass er sich seiner Charaktereigenschaften durchaus bewußt ist (so nimmt er z.B. wahr, dass sein kleiner Bruder Timmy viel mutiger und offener ist als er selbst) und dass er sich im Verlauf des Buches zwar weiterentwickelt, aber er bleibt mehr oder weniger ein „Held“ wider Willen und wird nicht plötzlich zu einem mutigen „Superhelden“, der es mit allen aufnimmt, was in solchen Geschichten ja gerne mal der Fall ist. Im Sinn dieser Charakterentwicklung finde ich das Buch sehr realistisch. Die Handlung an sich ist vielleicht nicht 100% glaubwürdig, denn im echten Leben würden sich zumindest die Erwachsenen (hoffentlich) etwas anders verhalten, aber darüber kann man in einem Roman denke ich mal hinweg sehen.

Insgesamt ein gutes Buch zum Thema Zivilcourage und Freundschaft mit einer Handlung, die aus der Masse herausragt. Vom Stil ist es wohl eher für Kinder und Jugendliche geeignet, die auch schon eher die ruhigen Töne schätzen können.

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Lesetipp: „Der gefährlichste Ort der Welt“

Diesen Monat lese ich (rein zufällig) zwei Bücher, die sich mit einem ähnlichen Thema beschäftigen, nämlich Mobbing in der Schulzeit. Das erste davon (ein Roman für Erwachsene) möchte ich heute vorstellen:

„Der gefährlichste Ort der Welt“ von Lindsey Lee Johnson spielt in Kalifornien, in einer auf den ersten Blick idyllischen Kleinstadt namens „Mills Valley“ nahe bei San Francisco. Dort wohnen überwiegend reiche, privilegierte Menschen, die eigentlich in der Theorie wenig Sorgen haben sollten.

Im ersten Teil des Buches lernen wir den 13-jährigen Tristan Bloch kennen. Er geht auf die Middle School in Mills Valley und gilt als merkwürdig, er ist etwas übergewichtig, trägt komische Klamotten und ist zwar sehr intelligent, aber nicht wie die anderen Kinder an der High School. Nach einer zufälligen Begegnung begeht er den fatalen Fehler einen Liebesbrief an seine Mitschülerin Cally zu schreiben, in dem er seine innersten Gefühle offenbart. Cally ist entsetzt und überfordert und zeigt den Brief ihren Freunden, allen voran dem beliebten Sport-Ass Ryan. Schnell eskaliert die Sache auf Facebook und am Ende weiß Tristan keinen Ausweg mehr.

Der Rest des Buches spielt einige Jahre danach an der High School von Mills Valley und erzählt in verschiedenen Episoden aus dem Leben von Tristans früheren Klassenkameraden. Dabei ist jedem Schüler ein Kapitel gewidmet, diese sind lose dadurch verbunden, dass meist ein Kapitel mit einem Ereignis aus dem vorherigen Kapitel anfängt. So erlebt der Leser wie es Tristans Klassenkameraden ergangen ist und was für Geheimnisse und Sorgen jeder mit sich herumträgt. Der Schreibstil ist dabei sehr klar und gelungen, so dass das Buch wirklich angenehm lesbar ist und den Leser auch durchaus mitreisst. Trotzdem muss ich zugeben, dass das Buch mich nicht zu 100% gepackt hat. Das lag für mich an 2 Gründen: erstens finde ich den Aufbau doch ein kleines Bisschen zu konstruiert wirkend (als hätte die Autorin sich etwas zu merkbar Mühe mit der Form des Geschichte gegeben) und zweitens fand ich die Charaktere des Buches doch in ihrer Gesamtheit etwas zu klischeehaft. So kommt quasi jeder Stereotyp aus einem amerikanischen Teenie-High-School-Film oder Roman vor. Vielleicht liegt das daran, dass amerikanische Teenies per se ein Klischee sind 😉 , allerdings gibt es doch Bücher und Serien wo die Thematik für mich etwas vielschichter aufgearbeitet wird.

Trotzdem fand ich das Buch insgesamt sehr gut gelungen und auch unterhaltsam. Aktuell lese ich ein Jugendbuch mit ähnlicher Thematik („Ikarus fliegt“ von Sally Christie) und bin gespannt, wie das Thema dort im Vergleich umgesetzt ist (das Fazit daraus gibt es dann im nächsten Blogeintrag…).

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Lesetipp mit Kurzgeschichten: Bov Bjerg – Die Modernisierung meiner Mutter

Von Bov Bjerg habe ich dieses Jahr schon den Roman „Auerhaus“ gelesen, der mir ausnehmend gut gefallen hat. Da mir der ironisch lustige und trotzdem immer ernsthafte Stil des Autors gut gefallen hatte, hatte ich auch große Lust die Kurzgeschichtensammlung „Die Modernisierung meiner Mutter“  zu lesen. Das Buch (oder vom Umfang her eher Büchlein) erhält Kurzgeschichten aus den letzten 20 Jahren des Autors. Das Buch enthält einige längere Geschichten, die teilweise skurril unterhaltsam sind, teilweise aber trotz des immer vorhandenen absurden Humors auch sehr ernste Themen behandeln, bei denen einem das Lachen dann auch mal im Hals stecken bleibt. Von den längeren Geschichten fand ich 3-4 wirklich herausragend, so zum Beispiel der Opener „Schinkennudeln“ (indem diese tatsächlich eine relativ wichtige Rolle spielen 😉 ).

Viele sind wirklich lustig, andere nachdenklich und zusätzlich zu den längeren Geschichten gibt es kürzere Geschichten, die mehr wie Erinnerungsfetzen, Gedankenspiele oder Einwürfe wirken. Dabei gibt es natürlich welche die stärker sind und welche die eher nur „ganz nett“ sind und keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber insgesamt fand ich den Kurzgeschichtenband sehr kurzweilig. Da die Geschichten alle für sich alleine stehen können, eignet sich das Buch auch hervorragend um z.B. abends vor dem Zubettgehen noch schnell 2-3 Stories zu lesen.

Ich würde das Buch jedem empfehlen, der „Auerhaus“ mochte und vor allem von dem Schreibstil und Humor von Bov Bjerg begeistert ist und jedem, der generell gerne Kurzgeschichten liest. Das Buch ist vielleicht wegen der eher wilden Mischung von Geschichten nichts für Leute, die gerne auch bei Geschichtensammlungen einen thematischen oder stilistischen „roten Faden“ haben. Mich hat die Vielfalt an Themen nicht gestört.

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Lesetipp: „Tage der Schuld“ – Ein Krimi aus dem Island der 70er Jahre

„Tage der Schuld“ ist ein weiterer Krimi aus der Kommissar Erlendur Reihe von Arnaldur Indridason. Die Krimireihe umfasst schon einige Bände, die in der Gegenwart spielen, dazu kommen inzwischen einige Romane, die in der Vergangenheit spielen und in denen Kommissar Erlendur als Jung-Kommissar oder dessen Vorgesetzter Marian Briem im Mittelpunkt stehen. Insgesamt haben mir die meisten Fälle der Kommissar Erlendur Reihe gut gefallen, wobei ich sagen muss, das es doch auch ein paar schwächere Bände gibt. Dazu gehörte für mich zum Beispiel „Duell“, das in den 70er Jahren spielt und etwas zäh daher kam. Deswegen war ich mir vorab nicht sicher ob mir „Tage der Schuld“ gefallen würde, denn auch dieser Band spielt in den (späten) 70er Jahren. Allerdings steht dort wieder Jung-Kommissar Erlendur im Mittelpunkt und nicht wie bei „Duell“ Marian Briem.

In dem Krimi wird ein junger Mann tot aufgefunden und zwar in einem künstlichen Salzwasser-See, einem „Abfallprodukt“ des nahe gelegenen Geothermalkraftwerks (dieses Abfallprodukt gibt es noch heute und zwar als weltbekannte stylisch teure Wellness-Oase „Blaue Lagune“ –> die Isländer waren schon immer findig im Vermarkten ihrer Produkte). Schnell stellt sich heraus, dass der Mann nicht dort starb, sondern durch einen Sturz aus hoher Höhe auf einen harten Untergrund. Kommissar Erlendur und Marian Briem versuchen hinter den Tod des Mannes kommes. Hat die nahegelegene US-Militärbasis auf der der Mann gearbeitet hat, etwas mit seinem Tod zu tun?

Parallel ist Kommissar Erlendur privat mit seinem Lieblingsthema beschäftigt, von dem er seit dem Verschwinden seines eigenen Bruders als Kind besessen ist, dem spurlosen Verschwinden von Menschen auf Island. Konkret lässt ihn der alte Fall eines jungen Mädchens nicht los, das kurz nach ihrem 18. Geburtstag ihr Haus verließ und auf dem Schulweg spurlos verschwand. Auf eigene Faust versucht er den Fall noch mal aufzurollen und rauszufinden, was mit dem Mädchen passiert ist.

Die Kriminalfälle in „Tage der Schuld“ fand ich gut gelungen, beide sind spannend und interessant und man erfährt wie nebenbei noch interessante historische Informationen über Island, zum Beispiel über das ambivalente Verhältnis der Isländer zu der amerikanischen Militärpräsenz auf Island, über den Einfluß des Kalten Krieges auf das Land oder darüber wie die „Blaue Lagune“ tatsächlich entstanden ist (wußte ich auch nicht, obwohl ich auch schon darin geschwommen bin).

Der Schreibstil ist wie immer eher nüchtern und knapp, was manchmal ein bisschen dazu führt, dass selbst in spannenden oder lebensbedrohenden Situationen kein richtiges Gefühl für Gefahr aufkommt. Mir gefällt der Schreibstil von Indridason als Abwechslung von dynamischeren oder verspielteren Autoren aber zwischendrin immer gut. Als Schwäche könnte man dem Roman eventuell noch auslegen, dass die beiden Kriminalfälle nichts miteinander zu tun haben, so dass man eigentlich 2 Krimis in Einem liest. Da mir beide Handlungsstränge gefallen haben, ist das für mich aber kein Nachteil.

 

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Lesetipp: „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann

Diesen Herbst habe ich mir vorgenommen eines der Bücher zu lesen, das auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis standen. Dabei ist meine Wahl auf „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann gefallen, da mich die Thematik des Buches von allen Nominierungen am Meisten angesprochen hat.

Diese ist aber gar nicht so einfach zusammenzufassen, befasst sich das Buch doch mit einer ganzen Menge Themen auf einmal, im Mittelpunkt steht Ali, die aus einer jüdisch-russischen Familie stammt, die nach Deutschland ausgewandert ist. In der Gegenwart und am Anfang des Buches reist Ali nach Istanbul, denn von dort kam das letzte Lebenszeichen ihres Zwillingsbruders Anton, der spurlos verschwunden ist. Dort sucht Ali aber nicht nur Anton, sondern auch sich selbst und ihre eigene Geschlechteridentität…nicht nur deswegen verschwimmen am Ende des Buches die Identitäten von Ali und Anton. Der Teil des Buches, der in der Gegenwart spielt wird meist in der Ich-Perspektive erzählt und ist sehr intensiv erzählt, für mich (die auch schon in Istanbul war, vor Jahren) wurde die Stadt und die Geschehnisse dort dadurch sehr lebendig.

Zusätzlich zu dem Teil des Buches, der sich um Ali in der Gegenwart dreht, geht es in dem Buch aber vor allem um Alis Familie und deren Leben als jüdische Familie im russischen Sozialismus. Dazu gibt es Kapitel zu zahlreichen Personen aus Alis Vergangenheit, Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, …in episodenhaften Erzählungen werden prägende Momente aus dem oftmals sehr harten Leben von Alis Vorfahren erzählt.

Beim Lesen anderer Rezensionen ist mir aufgefallen, dass dieses Buch teils sehr starke Emotionen auslöst und sehr unterschiedlich ankommt. Dies ist wohl der Tatsache geschuldet, dass das Buch keine lineare Erzählweise hat, sondern assoziativ und sprunghaft zwischen Familiengeschichte und Alis Identitätssuche hin- und herspringt. Außerdem gibt es sehr viele Themen (Antisemitismus im Sozialismus, Leben als Asylant in Deutschland, Transsexualität und die jüngere politische Geschichte der Türkei) und Schauplätze. Das Buch ist also vermutlich nichts für Leute, die gerne lineare Bücher mit klarer Handlung und einheitlichem Stil lesen. Grade gegen Ende hätte dem Buch auch aus meiner Sicht etwas mehr Struktur vielleicht gut getan, aber bei einem Debutwerk kann man eine gewisse Wildheit finde ich auch mal gut verzeihen. Ich finde das Buch sticht aus der Masse definitiv heraus und war für mich deshalb definitiv sehr lesenswert.

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Lesetipp: „Die Optimierer“ von Theresa Hannig

Heute möchte ich eine spannende Neuerscheinung vorstellen, die sich mit brandaktuellen Zukunfts-Themen beschäftigt, nämlich den Roman „Die Optimierer“ von Theresa Hannig. Eigentlich lese ich nicht besonders gerne Bücher aus dem Genre Sci-Fi, allerdings handelt es sich bei dem Buch eher um eine unterhaltsame Gesellschaftskritik und -utopie, die auch für Leser geeignet ist, die nicht so gerne Bücher lesen, die in der Zukunft spielen.

„Die Optimierer“ von Theresa Hannig spielt im Jahr 2052. Deutschland gibt es nicht mehr, stattdessen haben sich einige Staaten zur sogenannten Bundesrepublik Europa
zusammengeschlossen.

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Auch der Kapitalimus ist „überwunden“ und durch die sogenannte Optimalwohlökonomie“ ersetzt, in der der Staat für jeden Bürger den optimalen Beruf und Lebensweg bestimmt (oder ihn sofern es keinen optimalen Beruf gibt in die Kontemplation – ergo ins Nichtstun – schickt), Roboter viele Arbeiten übernehmen und alle Bürger (natürlich zu ihrer eigenen Sicherheit) quasi nonstop überwacht werden.

Samson Freitag, die Hauptperson des Romans, ist Lebensberater im Staatsdienst und dafür zuständig die Bürger in für sie 100% passende Berufe und Lebenswege zu vermitteln. Samson ist ein pedantisch überzeugter Vertreter der Optimalwohlökonomie. Fast täglich schickt er digitale Verbesserungsvorschläge an die zuständige Stellen (ein Weg um wertvolle Sozialpunkte zu sammeln, die das eigene Standing in der Gesellschaft und den beruflichen Aufstieg sichern) und geht in seinem Beruf auf.
Dass seine Eltern und seine Freundin von der aktuellen Staatsform gar nicht so überzeugt sind wie er und seine begeistert naive Staatstreue eher nervig finden, kann er gar nicht nachvollziehen.

Doch dann gerät Samsons perfekt systemkonformes Leben so langsam aus den Fugen: seine Freundin verlässt ihn, eine Lebensberatung geht völlig schief, bei der Arbeit geht es generell steil bergab, seine Gesundheit macht ihm zu schaffen und während Samsons beruflichen Erfolge und Sozialpunkte dahin schwinden, gerät er immer mehr in einen Strudel der ihn bis in seine Grundfeste erschüttert.

Mir hat der Roman hervorragend gefallen, einerseits liest er sich extrem kurzweilig und spannend (ich glaube ich habe ihn in knapp 3 Stunden verschlungen),
besticht durch einen feinen Humor und ist trotzdem auch sehr beunruhigend, da man sich Vieles darin für die Zukunft zu 100% vorstellen kann, wenn man die Entwicklungen
der heutigen Zeit betrachtet. Vom Klappentext hatte ich eine moderne Art „1984“ oder „Schöne neue Welt“ erwartet, der Vergleich ist auch nicht ganz unpassend, wobei das Buch mit solchen Klassikern vielleicht doch nicht ganz mitteilen kann, denn die Gesellschaftskritik bleibt doch eher an der Oberfläche.
Dafür liest sich das Buch fast wie ein Krimi oder Thriller und hat einen sehr hohen Unterhaltungswert.

Möchte man etwas kritisieren, dann vielleicht, dass ich die erste Hälfte des Buches, in der die Gesellschaft in der Samson lebt überhaupt erst vorgestellt wird und die Samsons Absturz beschreibt etwas gelungener finde als die zweite Hälfte, wo Samsons Umgang mit seiner Situation und der Weg hin zur finalen Auflösung doch ein bisschen wie abgekürzt erzählt wird. Außerdem lässt sich eine überraschende Wende am Ende des Romans für geübte Leser wirklich leicht vorab erraten.
Dem Unterhaltungswert des Romans tut das aber keinen Abbruch, mir hat er insgesamt wirklich super gefallen.

 

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Lesetipp: „Und es schmilzt“ von Lize Spit

Heute möchte ich den Debütroman einer jungen belgischen Autorin, Lize Spit, vorstellen.

Ihr Buch „Und es schmilzt“ ist ein Roman, der mit sehr vielen Lobpreisungen überhäuft wurde (und auch einen Preis gewonnen hat) und Lize Spit wird quasi als neue junge „Wunderautorin“ angepriesen. Oft ist es ja so, dass man sich dann vor dem Lesen doch fragt ob das Buch diesen Erwartungen und Ankündigungen überhaupt gerecht werden kann, ich kann aber gleich sagen, dass ich es in diesem Fall wirklich mehr als zutreffend finde, denn das Buch ist wirklich außergewöhnlich, intensiv und erschütternd.

Die Handlung wird von der Hauptperson Eva erzählt, einer jungen Frau, die nach vielen Jahren auf Einladung ihres ehemaligen Schulfreundes Pim, das erste Mal wieder in ihr altes Heimatdorf zurückkehrt, im Gepäck nur viele Erinnerungen an die Vergangenheit und obskurerweise einen Eisblock. Dessen Bedeutung erfährt man erst im Laufe des Buches. Am Anfang weiß der Leser nicht viel, nur dass in der Kindheit Evas etwas Schlimmes passiert ist, dass Pims Bruder Jan damals zu Tode kam, dass Pim mit der Einladung dem 30. Geburtstag seines Bruders Jan gedenken will und dass Evas Besuch im Heimatdorf, etwas mit dieser Vergangenheit zu tun hat.

Die ersten 40 Seiten hatte ich etwas Schwierigkeiten in den Lesefluss zu finden, allein deswegen weil das Buch in einer Sprache geschrieben ist, bei der in fast jedem Nebensatz so viel steckt, dass man eigentlich erst mal drüber nachdenken muss. Trotzdem liest sich das Buch spannend und der Stil ist nicht kompliziert. Nachdem ich erst mal drin war, war das Buch wie ein Sog, bei dem man gar nicht mehr aufhören kann zu lesen.

Das Buch spielt in zwei Zeitebenen, die meiste Zeit erzählt Eva von dem schicksalhaften Jahr 2002, in dem sich für sie alles änderte und von ihrer Kindheit und familiären Situation. Dazwischen spielt das Buch in der Gegenwart und beschreibt Evas Fahrt in ihr Heimatdorf…wie alles zusammenhängt und was es mit dem Eisblock auf sich hat, erfährt der Leser so Scheibchen für Scheibchen.

Die große Stärke des Buches ist, wie es den Leser zum Nachdenken bringt und wie die ganze Geschichte relativ harmlos anfängt und ein immer größerer Gefühl der Bedrohung aufbaut. Zum Inhalt möchte ich in dieser Rezension gar nicht viel mehr verraten. Für mich definitiv eines der besten Bücher, das ich dieses Jahr gelesen habe, allerdings ist es sicher nicht für jeden geeignet, da gegen Ende einige Szene doch sehr brutal sind, allerdings für mich im Kontext des Buches völlig nachvollziehbar und notwendig. Trotzdem kann man das Buch empfindsamen Lesern nicht uneingeschränkt empfehlen. Wer gerne auch mal etwas wirklich Erschütterndes liest, kann mit diesem Buch aber definitiv nichts falsch machen.

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Lesetipps: Krimis aus den Niederlanden

Heute möchte ich einmal eine komplette Krimireihe auf einmal vorstellen und zwar die Bände der „Nordsee-Morde“ Reihe der niederländischen Autorin Isa Maron. Wobei ich da einleitend gleich drauf hinweisen muss, dass „Nordsee-Morde“ etwas irreführend ist, denn dies erweckt beim Leser wohl das Bild typischer Regionalkrimis (vermutlich dachte man beim deutschen Verlag, dass das zwecks Marketing beim deutschen Leser am Besten zieht) und bei der Krimi-Reihe handelt es sich aber eher um eine typische Krimireihe, die eher noch in Richtung „Serienkiller-Thriller“ geht und größtenteils in Amsterdam spielt. Die Nordsee spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle.

Für mich ist das eine der besten Krimireihen, die ich seit längerem neu entdeckt habe, auch da die Ermittler mal was anderes sind und sich von den typischen skandinavisch melancholischen Kommissaren und auch den typischen britischen High-Society Ermittlern unterscheiden 😉

Als kleiner Wehrmutstropfen: von den 3 bisher erschienenen Bänden konnten mich nur zwei davon zu 100% überzeugen, aber insgesamt immer noch ein sehr sehr gutes Fazit.

Es ist zu beachten, dass man diese Krimireihe unbedingt chronologisch von Anfang an lesen sollen, da die Bände nur sehr schlecht für sich allein stehen können.

Hier nun die Rezensionen zu den einzelnen Bänden:

Isa Maron – „Dunkle Flut“ (Genre: Krimi)

„Dunkle Flut“ ist der erste Band einer Reihe von Krimis rund um ein ungewöhnliches Ermittlerduo, die Kommissarin Maud Mertens und die junge Abiturientin Kyra Slagter, die unbedingt Polizistin werden will, seitdem ihre ältere Schwester Sarina vor einigen Jahren spurlos verschwand. Zuerst war ich etwas skeptisch, als ich gelesen habe, dass eine Schülerin an den Mordermittlungen beteiligt ist, da mir das doch etwas sehr unrealistisch erschien. Das hat sich aber schnell gelegt, nachdem mir klar wurde, dass Kyra nicht tatsächlich offiziell mitermittelt, sondern quasi auf eigene Faust auf Mördersuche geht (das ist natürlich auch nicht wirklich so realistisch, aber es ist ja nur ein Buch 😉 ).

Am Anfang des Buches wird ein Mann aufgeknöpft an einem Laternenpfahl am Amsterdamer Hafen gefunden. Da ihr Bruder die Leiche entdeckt, ist Kyra noch knapp vor der Polizei am Tatort und kann die Leiche in Augenschein nehmen. Erschrocken erkennt sie, dass es sich bei dem Toten um ihren Kunstlehrer handelt…sowieso schon besessen von dem Beruf des Kriminalisten und von Morden beschließt sie, dass sie unbedingt dahinter kommen will, was passiert ist.

Auch Maud Mertens arbeitet mit dem Team an dem Fall, doch die Suche nach einem Motiv ist nicht leicht und mit der Zeit wird klar, dass es sich nicht um einen Einzelmord handelt, sondern dass der Täter Blut geleckt hat.

Mir hat der Krimi sehr gut gefallen, vor allem die Charaktere sind vielschichtig und nicht so eindimensional wie sonst oft, Kyra ist ein typischer Teenager, oft impulsiv und unvernünftig, dabei aber völlig von sich überzeugt. Maud Mertens führt eigentlich ein ganz normales Leben (mal keine völlig gescheiterte Existenz als Kommissar 😉 ), hat aber außer mit der widerspenstigen Kyra auch noch mit ihrer eigenen Tochter im Teenageralter zu kämpfen. Insgesamt muss ich sagen, dass mir an dem Buch die Charakterentwicklung und auch das im Hintergrund immer mit vorhandene Rätsel um Kyras verschwundene Schwester sogar etwas besser gefallen hat als der Kriminalfall an sich (der zwar auch spannend ist, aber in einer ähnlichen Form doch schon oft dagewesen). Insgesamt finde ich die Reihe sehr vielversprechend und auch das Setting in Amsterdam und an der Nordsee ist mal etwas anderes.

Isa Maron – „Kalte Brandung“ (Genre: Krimi)

Kyra Slagter, die im ersten Teil noch zur Schule ging, hat inzwischen ihr Studium der Kriminalistik angefangen und ist somit ihrem Ziel Polizistin zu werden und auch beruflich Kriminalfälle zu lösen einen Schritt näher gekommen. Zusätzlich zu der Beschäftigung mit Kriminalistik, versucht sie natürlich immer noch das Verschwinden ihrer Schwester vor einigen Jahren aufzuklären.

Auch Maud Mertens hat mehr als genug zu tun, denn zum Schrecken der ganzen Niederlande verschwinden innerhalb weniger Tage zahlreiche Kinder spurlos und immer von belebten Plätzen wie Geburtstagsfeiern oder Zoos. Während immer mehr Kinder verschwinden, versuchen Maud Mertens und ihr Team unter Hochdruck dahinter zu kommen, was hinter den Entführungen steckt, ein spannender und mitreißender Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Auch Kyra ist wieder am Rande mit dem Fall verbandelt (wie realistisch das ist, sei mal dahingestellt), denn sie kennt das erste entführte Kind flüchtig und eine ihrer Freundinnen ist das Kindermädchen des Jungen gewesen. Abgesehen von dieser etwas konstruierten Verbindung ist Kyra diesmal aber nicht wirklich in die Ermittlungen zu dem großen Kriminallfall eingebunden, was ich angenehm fand, da es sonst vermutlich zu unrealistisch geworden wäre. Stattdessen konzentriert sich ihre Rolle auf die Suche nach ihrer Schwester, in deren Fall durch neue Ermittlungsergebnisse aus den USA auch neues Leben kommt.

Insgesamt fand ich den zweiten Band der Reihe fast noch besser als den ersten, der Kriminalfall ist wirklich spannend, die Charaktere werden weiterentwickelt und auch der Fall von Kyras Schwester nimmt deutlich Fahrt auf.

Isa Maron – „Schwarzes Wasser“ (Genre: Krimi)

Nachdem ich den 2. Band wirklich herausragend fand (noch etwas besser als Band 1), war ich sehr gespannt auf den 3. Teil. Leider wurden meine Erwartungen nur teilweise erfüllt.

Am Anfang des Buches steht mal wieder ein spektakulärer Leichenfund, im Garten eines Hauses in der Nachbarschaft von Kyra Slagter werden bei professionellen Gartenarbeiten einige menschliche Schädel gefunden. In dem Haus wohnte bis vor einigen Jahren ein inzwischen verstorbener umstrittener Politiker und seine Familie, hatte er etwas damit zu tun?

Parallel zu dem Kriminalfall kommt Fahrt in die Suche nach Kyras verschwundener Schwester und der Fall nimmt deutlich mehr Raum ein als in den ersten beiden Bändern.

Auch in diesem Band hat es Spaß gemacht, die Ermittlungen von Maud und Kyra zu verfolgen und dass es mit dem Geheimnis um Kyras Schwester langsam wirklich voran geht fand ich auch gut.

Allerdings ist das auch etwas die Schwäche des Bandes, irgendwie gibt es gefühlt zu viele Handlungsstränge und Personen, die auch noch alle miteinander verbandelt sind. Ich fand es deswegen zum ersten Mal etwas schwierig, die Übersicht über alle Charaktere zu behalten und einige Stränge verliefen sich auch im Laufe des Buches etwas im Sande. Dass das ganze Buch dann auch noch mit einem kompletten Cliffhanger endet, passt zu diesem Gesamtbild.

Insgesamt wirkt der 3. Band leider etwas als ob er nur ein „Zwischen-Roman“ ist, der zu einem großen Finale hinführt und er funktioniert deswegen als eigenständiger Krimi auch nicht so gut wie die ersten beiden Bände.

Trotzdem ist die Reihe an sich grandios und weiterlesen muss man sowieso, wenn man hinter das Geheimnis um Kyras Schwester kommen will. Allerdings schreibt die Autorin eigentlich brilliant genug, um solche „Kniffe“ zur Kundenbindung gar nicht nötig zu haben. Von dem her hoffe ich, dass der 4. Band wieder etwas eigenständiger wird.

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Lesetipps zum Herbstanfang

Diesen Monat möchte ich zwei sehr unterschiedliche Romane vorstellen, einmal ein solider Thriller von Sebastian Fitzek, der mich leider nicht komplett vom Hocker gerissen hat und zweitens einen sehr intensiven gesellschaftskritischen Roman, der perfekt in die heutigen Zeiten passt:

T.C. Boyle – América (Genre: Belletristik)

„América“ (im Original „The Tortilla Curtain“) von T.C. Boyle ist ein gesellschaftskritischer Roman von 1996, der aber genauso gut 2016 oder 2017 geschrieben sein könnte, denn er hat nichts von seiner Aktualität verloren. Der Roman spielt im Kalifornien der 90er Jahre und liest sich fast wie eine groteske griechische Tragödie, an der allerdings nichts unrealistisch ist (bis auf vielleicht das etwas überzogene Ende, das aber ein sicherlich absichtliches Stilmittel ist und den Roman gelungen abrundet). Am Anfang des Romans treffen zwei Welten aufeinander. Delaney Mossbacher, der mit seiner Frau, seinem Sohn, 2 Hunden und einer Katze in einem exklusiven Wohngebiet in den Hügeln oberhalb von Los Angeles lebt, ist ganz selbsternannter Naturmensch, er verdient sein Geld damit in den Canyons von Kalifornien umherzuwandern und in Naturzeitschriften Kolumnen über Flora und Fauna zu schreiben (den tatsächlichen Lebensunterhalt der Familie verdient zum Glück seine Frau, die als Maklerin 6 Tage die Woche 10 Stunden arbeitet). Delaney liebt die Natur direkt vor der Haustür, zumindest solange bis Koyoten die Haustierpopulation der Mossbachers empfindlich dezimieren.

Als wäre das nicht schlimm genug, fährt Delaney Mossbacher auf der Heimfahrt auf der Canyon Straße auch noch einen Mann an, einen offenbar illegalen mexikanischen Einwanderer (der den Vorschlag einen Arzt zu rufen vehement ablehnt) und von Delaney trotz schwerer Verletzungen im Eifer des Gefechts mit 20 Dollar „Schmerzensgeld“ abgefertigt wird. Diese Szene ist der Einstieg des Buches und legt den Grundstein für einen Strudel an Ereignissen, der immer abwechselnd aus Sicht von Delaney und Cándido (dem Unfallopfer) erzählt wird. Cándido ist das genaue Gegenteil von den Mossbachers, er ist mit seiner jungen schwangeren 17-jährigen Freundin América aus Mexiko in die USA gekommen, um Geld zu verdienen. Statt großer Träume von einem eigenen Haus finden die beiden sich in einem behelfsmäßigen selbstgebastelten Lager im Canyon wieder und anstatt Arbeit (mit einem Stundenlohn von 3-4 Dollar) zu finden, versucht Candido von seinen Verletzungen zu genesen, während América sich auf Arbeitssuche macht. Ab diesem Zeitpunkt geht es für Delaney und Candido quasi nur noch bergab und die Ereignisse eskalieren immer schneller und schlimmer, bis zum dramatischen Finale…trotz der harten Kost liest sich der Roman dank der ironischen und bissigen Erzählweise nie zu deprimierend, dabei ist er auch noch hochspannend und eine hervorragende Analyse der heutigen Gesellschaft und Trumps USA, die sich aber auch problemlos auf unsere eigene Gesellschaft übertragen lässt und verdeutlich was passiert, wenn Leute nur noch angstgetrieben agieren und reagieren.

Sebastian Fitzek – „Achtnacht“ (Genre: Thriller)

Romane von Sebastian Fitzek lese ich meist nur, wenn ich sie mir von Verwandten oder Freunden ausleihen kann, da ich zugeben muss, dass ich mit dem Autor meist nicht 100% warm werde. Manchmal sind mir seine Bücher zu brutal, manchmal zu reißerisch, so richtig vom Hocker gerissen hat mich selten eins. Trotzdem bieten sie in der Regel kurzweilige Unterhaltung, weswegen ich zwischendurch doch immer wieder zugreife.

„Achtnacht“ hat auf den ersten paar Seiten sofort mein Interesse geweckt, die Story fängt mit viel Dynamik an und auch die Thematik, die total in das heutige Smartphone und Social Media affine Zeitalter passt und einige Themen überzeugend aufgreift, haben in mir zunächst den Eindruck geweckt, dass das mal ein Fitzek sein könnte, der mich von Anfang bis Ende überzeugt.

Der Hauptprotagonist Ben, ein beruflich und privat gescheiterter Familienvater findet sich plötzlich in einem Albtraum wieder, er ist auf der Todesliste eines ominösen Internet-Spiels gelandet, im Zuge dessen ein per Los ausgewählter Mensch für eine Nacht „vogelfrei“ erklärt wird, das heißt alle anderen Menschen dürfen den Ausgewählten töten ohne Konsequenzen fürchten zu müssen und es winkt ein Kopfgeld von 10 Millionen Euro. Gleichzeitig versucht Ben auch noch herauszufinden warum seine körperbehinderte Tochter Selbstmord begangen hat, oder steckt doch etwas anderes hinter ihrem Sturz vom Dach ihres Appartments?

Gut gefallen hat mir an dem Roman die Unklarheit des Spiels, existiert es wirklich, ist es nur ein durch einen Massenhype im Internet außer Kontrolle geratenes Experiment? Vieles in dem Buch hat erschreckend viel mit der heutigen Social Media Realität zu tun und scheint angesichts von Shitstorm, Selfie- und Youtube Wahn duchaus vorstellbar.

Leider passiert in Fitzeks Buch dann aber was fast immer passiert, die Handlung wird einfach immer überzogener und abstruser und irgendwann geht dadurch die ganze Spannung verloren (hier wäre weniger oft mehr), weswegen ich dem Buch am Ende doch wieder nur eine mittelmäßige Gesamtbewertung geben kann. Wer die Romane von Fitzek mag, kann mit diesen Buch aber sicherlich nicht viel falsch machen.