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Lesetipps: Krimis aus den Niederlanden

Heute möchte ich einmal eine komplette Krimireihe auf einmal vorstellen und zwar die Bände der „Nordsee-Morde“ Reihe der niederländischen Autorin Isa Maron. Wobei ich da einleitend gleich drauf hinweisen muss, dass „Nordsee-Morde“ etwas irreführend ist, denn dies erweckt beim Leser wohl das Bild typischer Regionalkrimis (vermutlich dachte man beim deutschen Verlag, dass das zwecks Marketing beim deutschen Leser am Besten zieht) und bei der Krimi-Reihe handelt es sich aber eher um eine typische Krimireihe, die eher noch in Richtung „Serienkiller-Thriller“ geht und größtenteils in Amsterdam spielt. Die Nordsee spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle.

Für mich ist das eine der besten Krimireihen, die ich seit längerem neu entdeckt habe, auch da die Ermittler mal was anderes sind und sich von den typischen skandinavisch melancholischen Kommissaren und auch den typischen britischen High-Society Ermittlern unterscheiden 😉

Als kleiner Wehrmutstropfen: von den 3 bisher erschienenen Bänden konnten mich nur zwei davon zu 100% überzeugen, aber insgesamt immer noch ein sehr sehr gutes Fazit.

Es ist zu beachten, dass man diese Krimireihe unbedingt chronologisch von Anfang an lesen sollen, da die Bände nur sehr schlecht für sich allein stehen können.

Hier nun die Rezensionen zu den einzelnen Bänden:

Isa Maron – „Dunkle Flut“ (Genre: Krimi)

„Dunkle Flut“ ist der erste Band einer Reihe von Krimis rund um ein ungewöhnliches Ermittlerduo, die Kommissarin Maud Mertens und die junge Abiturientin Kyra Slagter, die unbedingt Polizistin werden will, seitdem ihre ältere Schwester Sarina vor einigen Jahren spurlos verschwand. Zuerst war ich etwas skeptisch, als ich gelesen habe, dass eine Schülerin an den Mordermittlungen beteiligt ist, da mir das doch etwas sehr unrealistisch erschien. Das hat sich aber schnell gelegt, nachdem mir klar wurde, dass Kyra nicht tatsächlich offiziell mitermittelt, sondern quasi auf eigene Faust auf Mördersuche geht (das ist natürlich auch nicht wirklich so realistisch, aber es ist ja nur ein Buch 😉 ).

Am Anfang des Buches wird ein Mann aufgeknöpft an einem Laternenpfahl am Amsterdamer Hafen gefunden. Da ihr Bruder die Leiche entdeckt, ist Kyra noch knapp vor der Polizei am Tatort und kann die Leiche in Augenschein nehmen. Erschrocken erkennt sie, dass es sich bei dem Toten um ihren Kunstlehrer handelt…sowieso schon besessen von dem Beruf des Kriminalisten und von Morden beschließt sie, dass sie unbedingt dahinter kommen will, was passiert ist.

Auch Maud Mertens arbeitet mit dem Team an dem Fall, doch die Suche nach einem Motiv ist nicht leicht und mit der Zeit wird klar, dass es sich nicht um einen Einzelmord handelt, sondern dass der Täter Blut geleckt hat.

Mir hat der Krimi sehr gut gefallen, vor allem die Charaktere sind vielschichtig und nicht so eindimensional wie sonst oft, Kyra ist ein typischer Teenager, oft impulsiv und unvernünftig, dabei aber völlig von sich überzeugt. Maud Mertens führt eigentlich ein ganz normales Leben (mal keine völlig gescheiterte Existenz als Kommissar 😉 ), hat aber außer mit der widerspenstigen Kyra auch noch mit ihrer eigenen Tochter im Teenageralter zu kämpfen. Insgesamt muss ich sagen, dass mir an dem Buch die Charakterentwicklung und auch das im Hintergrund immer mit vorhandene Rätsel um Kyras verschwundene Schwester sogar etwas besser gefallen hat als der Kriminalfall an sich (der zwar auch spannend ist, aber in einer ähnlichen Form doch schon oft dagewesen). Insgesamt finde ich die Reihe sehr vielversprechend und auch das Setting in Amsterdam und an der Nordsee ist mal etwas anderes.

Isa Maron – „Kalte Brandung“ (Genre: Krimi)

Kyra Slagter, die im ersten Teil noch zur Schule ging, hat inzwischen ihr Studium der Kriminalistik angefangen und ist somit ihrem Ziel Polizistin zu werden und auch beruflich Kriminalfälle zu lösen einen Schritt näher gekommen. Zusätzlich zu der Beschäftigung mit Kriminalistik, versucht sie natürlich immer noch das Verschwinden ihrer Schwester vor einigen Jahren aufzuklären.

Auch Maud Mertens hat mehr als genug zu tun, denn zum Schrecken der ganzen Niederlande verschwinden innerhalb weniger Tage zahlreiche Kinder spurlos und immer von belebten Plätzen wie Geburtstagsfeiern oder Zoos. Während immer mehr Kinder verschwinden, versuchen Maud Mertens und ihr Team unter Hochdruck dahinter zu kommen, was hinter den Entführungen steckt, ein spannender und mitreißender Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Auch Kyra ist wieder am Rande mit dem Fall verbandelt (wie realistisch das ist, sei mal dahingestellt), denn sie kennt das erste entführte Kind flüchtig und eine ihrer Freundinnen ist das Kindermädchen des Jungen gewesen. Abgesehen von dieser etwas konstruierten Verbindung ist Kyra diesmal aber nicht wirklich in die Ermittlungen zu dem großen Kriminallfall eingebunden, was ich angenehm fand, da es sonst vermutlich zu unrealistisch geworden wäre. Stattdessen konzentriert sich ihre Rolle auf die Suche nach ihrer Schwester, in deren Fall durch neue Ermittlungsergebnisse aus den USA auch neues Leben kommt.

Insgesamt fand ich den zweiten Band der Reihe fast noch besser als den ersten, der Kriminalfall ist wirklich spannend, die Charaktere werden weiterentwickelt und auch der Fall von Kyras Schwester nimmt deutlich Fahrt auf.

Isa Maron – „Schwarzes Wasser“ (Genre: Krimi)

Nachdem ich den 2. Band wirklich herausragend fand (noch etwas besser als Band 1), war ich sehr gespannt auf den 3. Teil. Leider wurden meine Erwartungen nur teilweise erfüllt.

Am Anfang des Buches steht mal wieder ein spektakulärer Leichenfund, im Garten eines Hauses in der Nachbarschaft von Kyra Slagter werden bei professionellen Gartenarbeiten einige menschliche Schädel gefunden. In dem Haus wohnte bis vor einigen Jahren ein inzwischen verstorbener umstrittener Politiker und seine Familie, hatte er etwas damit zu tun?

Parallel zu dem Kriminalfall kommt Fahrt in die Suche nach Kyras verschwundener Schwester und der Fall nimmt deutlich mehr Raum ein als in den ersten beiden Bändern.

Auch in diesem Band hat es Spaß gemacht, die Ermittlungen von Maud und Kyra zu verfolgen und dass es mit dem Geheimnis um Kyras Schwester langsam wirklich voran geht fand ich auch gut.

Allerdings ist das auch etwas die Schwäche des Bandes, irgendwie gibt es gefühlt zu viele Handlungsstränge und Personen, die auch noch alle miteinander verbandelt sind. Ich fand es deswegen zum ersten Mal etwas schwierig, die Übersicht über alle Charaktere zu behalten und einige Stränge verliefen sich auch im Laufe des Buches etwas im Sande. Dass das ganze Buch dann auch noch mit einem kompletten Cliffhanger endet, passt zu diesem Gesamtbild.

Insgesamt wirkt der 3. Band leider etwas als ob er nur ein „Zwischen-Roman“ ist, der zu einem großen Finale hinführt und er funktioniert deswegen als eigenständiger Krimi auch nicht so gut wie die ersten beiden Bände.

Trotzdem ist die Reihe an sich grandios und weiterlesen muss man sowieso, wenn man hinter das Geheimnis um Kyras Schwester kommen will. Allerdings schreibt die Autorin eigentlich brilliant genug, um solche „Kniffe“ zur Kundenbindung gar nicht nötig zu haben. Von dem her hoffe ich, dass der 4. Band wieder etwas eigenständiger wird.

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Lesetipps zum Herbstanfang

Diesen Monat möchte ich zwei sehr unterschiedliche Romane vorstellen, einmal ein solider Thriller von Sebastian Fitzek, der mich leider nicht komplett vom Hocker gerissen hat und zweitens einen sehr intensiven gesellschaftskritischen Roman, der perfekt in die heutigen Zeiten passt:

T.C. Boyle – América (Genre: Belletristik)

„América“ (im Original „The Tortilla Curtain“) von T.C. Boyle ist ein gesellschaftskritischer Roman von 1996, der aber genauso gut 2016 oder 2017 geschrieben sein könnte, denn er hat nichts von seiner Aktualität verloren. Der Roman spielt im Kalifornien der 90er Jahre und liest sich fast wie eine groteske griechische Tragödie, an der allerdings nichts unrealistisch ist (bis auf vielleicht das etwas überzogene Ende, das aber ein sicherlich absichtliches Stilmittel ist und den Roman gelungen abrundet). Am Anfang des Romans treffen zwei Welten aufeinander. Delaney Mossbacher, der mit seiner Frau, seinem Sohn, 2 Hunden und einer Katze in einem exklusiven Wohngebiet in den Hügeln oberhalb von Los Angeles lebt, ist ganz selbsternannter Naturmensch, er verdient sein Geld damit in den Canyons von Kalifornien umherzuwandern und in Naturzeitschriften Kolumnen über Flora und Fauna zu schreiben (den tatsächlichen Lebensunterhalt der Familie verdient zum Glück seine Frau, die als Maklerin 6 Tage die Woche 10 Stunden arbeitet). Delaney liebt die Natur direkt vor der Haustür, zumindest solange bis Koyoten die Haustierpopulation der Mossbachers empfindlich dezimieren.

Als wäre das nicht schlimm genug, fährt Delaney Mossbacher auf der Heimfahrt auf der Canyon Straße auch noch einen Mann an, einen offenbar illegalen mexikanischen Einwanderer (der den Vorschlag einen Arzt zu rufen vehement ablehnt) und von Delaney trotz schwerer Verletzungen im Eifer des Gefechts mit 20 Dollar „Schmerzensgeld“ abgefertigt wird. Diese Szene ist der Einstieg des Buches und legt den Grundstein für einen Strudel an Ereignissen, der immer abwechselnd aus Sicht von Delaney und Cándido (dem Unfallopfer) erzählt wird. Cándido ist das genaue Gegenteil von den Mossbachers, er ist mit seiner jungen schwangeren 17-jährigen Freundin América aus Mexiko in die USA gekommen, um Geld zu verdienen. Statt großer Träume von einem eigenen Haus finden die beiden sich in einem behelfsmäßigen selbstgebastelten Lager im Canyon wieder und anstatt Arbeit (mit einem Stundenlohn von 3-4 Dollar) zu finden, versucht Candido von seinen Verletzungen zu genesen, während América sich auf Arbeitssuche macht. Ab diesem Zeitpunkt geht es für Delaney und Candido quasi nur noch bergab und die Ereignisse eskalieren immer schneller und schlimmer, bis zum dramatischen Finale…trotz der harten Kost liest sich der Roman dank der ironischen und bissigen Erzählweise nie zu deprimierend, dabei ist er auch noch hochspannend und eine hervorragende Analyse der heutigen Gesellschaft und Trumps USA, die sich aber auch problemlos auf unsere eigene Gesellschaft übertragen lässt und verdeutlich was passiert, wenn Leute nur noch angstgetrieben agieren und reagieren.

Sebastian Fitzek – „Achtnacht“ (Genre: Thriller)

Romane von Sebastian Fitzek lese ich meist nur, wenn ich sie mir von Verwandten oder Freunden ausleihen kann, da ich zugeben muss, dass ich mit dem Autor meist nicht 100% warm werde. Manchmal sind mir seine Bücher zu brutal, manchmal zu reißerisch, so richtig vom Hocker gerissen hat mich selten eins. Trotzdem bieten sie in der Regel kurzweilige Unterhaltung, weswegen ich zwischendurch doch immer wieder zugreife.

„Achtnacht“ hat auf den ersten paar Seiten sofort mein Interesse geweckt, die Story fängt mit viel Dynamik an und auch die Thematik, die total in das heutige Smartphone und Social Media affine Zeitalter passt und einige Themen überzeugend aufgreift, haben in mir zunächst den Eindruck geweckt, dass das mal ein Fitzek sein könnte, der mich von Anfang bis Ende überzeugt.

Der Hauptprotagonist Ben, ein beruflich und privat gescheiterter Familienvater findet sich plötzlich in einem Albtraum wieder, er ist auf der Todesliste eines ominösen Internet-Spiels gelandet, im Zuge dessen ein per Los ausgewählter Mensch für eine Nacht „vogelfrei“ erklärt wird, das heißt alle anderen Menschen dürfen den Ausgewählten töten ohne Konsequenzen fürchten zu müssen und es winkt ein Kopfgeld von 10 Millionen Euro. Gleichzeitig versucht Ben auch noch herauszufinden warum seine körperbehinderte Tochter Selbstmord begangen hat, oder steckt doch etwas anderes hinter ihrem Sturz vom Dach ihres Appartments?

Gut gefallen hat mir an dem Roman die Unklarheit des Spiels, existiert es wirklich, ist es nur ein durch einen Massenhype im Internet außer Kontrolle geratenes Experiment? Vieles in dem Buch hat erschreckend viel mit der heutigen Social Media Realität zu tun und scheint angesichts von Shitstorm, Selfie- und Youtube Wahn duchaus vorstellbar.

Leider passiert in Fitzeks Buch dann aber was fast immer passiert, die Handlung wird einfach immer überzogener und abstruser und irgendwann geht dadurch die ganze Spannung verloren (hier wäre weniger oft mehr), weswegen ich dem Buch am Ende doch wieder nur eine mittelmäßige Gesamtbewertung geben kann. Wer die Romane von Fitzek mag, kann mit diesen Buch aber sicherlich nicht viel falsch machen.

 

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Noch mehr Lesetipps für den Sommer

Heute möchte ich zwei weitere Bücher vorstellen, das erste ist ein historischer Krimi, eigentlich lese ich nicht besonders gerne und nur sehr selten historische Romane, aber da dieser Krimi in Indien spielt (ein Land, mit dem ich mich gerade sowieso viel beschäftige) und sehr gute Kritiken bekommen hat, hab ich mal eine Ausnahme gemacht. Dazu kommt eine sehr ausgefallene Kurzgeschichtensammlung abseits des Mainstreams:

Abir Mukherjee – „A Rising Man“ (Genre: Krimi)

„A Rising Man“ ist der Auftakt einer neuen Krimireihe des indisch-stämmigen britischen Autors Abir Mukherjee. Der Roman spielt in Indien, im Jahre 1919, zu Zeiten des britischen Kolonialismus. Der britische Polizist Sam Wyndham hat erst vor kurzen eine Stelle in Kalkutta begonnen, dort will er seine Vergangenheit,die Zeit als Soldat im ersten Weltkrieg und den Tod seiner Ehefrau hinter sich lassen.

Doch er hat kaum Zeit sich an die neue und anstrengende Umgebung zu gewöhnen, den gleich sein erster Fall ist hoch-brisant und politisch, ein hochrangiger britischer Staatsbediensteter wird in einer eher schlechten Gegend Kalkuttas mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden, in seinem Mund steckt ein Papier, das die britischen Besetzer bedroht. Handelt es sich bei dem Mord um einen Angriff indischer Freiheitskämpfer auf die britischen Besatzer?

Zusammen mit dem englischen Kollegen Digby und dem jungen indischen Sergeant Banerjee „Surrender-not“, versucht Wyndham hinter die Hintergründe des Mordes zu kommen.

Das Buch nimmt sich im ersten Viertel viel Zeit um die Charaktere und das Setting vorzustellen, der Fall bleibt lange undurchsichtig und ist auch für versierte Krimileser nicht einfach vorauszusehen, einzelne Entwicklungen kann man sich zwar denken, aber der Fall wird nach und nach entwirrt, das Buch nimmt dabei in der Mitte und im zweiten Drittel so richtig Fahrt auf, um dann im letzten Viertel wiederum feinsäuberlich alles zu entwirren. Mir hat das ganz hervorragend gefallen, das Buch findet außerdem eine gelungene Mischung aus historischen Informationen, so dass man viel über die damalige Zeit und die Konflikte lernt, aber ohne dass dadurch der Unterhaltungswert der Geschichte leidet. Außerdem besticht das Buch durch einen feinen und ironischen Humor, der immer wieder durchscheint.

Ich habe das Buch im englischen Original gelesen, die deutsche Ausgabe heißt „Ein angesehener Mann“. Natürlich kann ich die Qualität der Übersetzung nicht beurteilen.

Leveret Pale – „Wenn Soziopathen träumen“ (Genre: Horror)

„Wenn Soziopathen träumen“ ist meine zweite Kurzgeschichten Sammlung des jungen deutschen Autors Leveret Pale, der schon einige Kurzgeschichtenbänder und Romane im Bereich Horror und Dark Fantasy veröffentlicht hat.

Die Kurzgeschichtensammlung „Wahn“ hat mir so gut gefallen, dass ich auch diesen neuen Band unbedingt lesen wollte. Die Kurzgeschichten in dem Buch sind teilweise sehr kurz, teilweise ziemlich lang und unterscheiden sich auch inhaltlich und stilistisch teilweise sehr voneinander, man merkt auch finde ich eine deutliche Weiterentwicklung im Vergleich zu dem Band Wahn, so sind einige Bücher völlig abgedreht und fühlen sich an wie in irrer Drogentrip (für nicht so informierte enthält das Buch am Ende übrigens einen Glossar mit allen wichtigen Infos zum Thema Drogen und Soziopathen), andere erschrecken grade durch eine eher kühle und nüchterne Erzählweise und eine längere Geschichte stammt aus dem Universum von Pales Dark Fantasy Reihe, ist deswegen stilistisch auch noch mal ganz anders, hat mir aber sogar mit am Besten gefallen und Lust darauf gemacht auch diese Romane irgendwann zu lesen.

Natürlich ist das nicht unbedingt ein Buch für jedermann, vorne ist ein Warnhinweis: „Dieses Buch enthält explizite Beschreibungen von Drogenkonsum, Sex, Gewalt, Blasphemie und Wahnsinn.“ und wer sich davon jetzt abschrecken lässt, der sollte die Bücher von Leveret Pale wohl lieber nicht in die Hand nehmen 😉

Mir gefällt an den Büchern vor allem die Kreativität abseits des Horror Mainstreams, die stilistischen Spielereien und für mich bleibt Leveret Pale deswegen einer der interessantesten Autoren im deutschsprachigen Horror und Fantasybereich.

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Krimis für den Sommer – Lesetipps August

Diesen Monat hab ich zwei Krimis gelesen, von denen ich einen uneingeschränkt weiterempfehlen kann, der andere ist eher nur etwas für Liebhaber der Reihe:

Andreas Föhr – „Schwarzwasser“ (Genre: Krimi)

Andreas Föhr ist unter den aktuellen Regionalkrimi Autoren aus Bayern einer meiner absoluten Favoriten, denn für mich versteht er es mit am besten Humor und Krimihandlung so zu mischen, dass der Klamauk nicht überwiegt und die Krimihandlung nicht zu kurz kommt. Es ist nun eine Weile her seit ich das letzte Mal einen Krimi von Föhr gelesen habe, aber „Schwarzwasser“ fand ich mal wieder besonders gelungen, denn die Story fand ich sehr interessant und auch im Gegensatz zu vielen anderen Krimis war es nicht so einfach die Hintergründe und Geschehnisse vorauszusagen, so dass die Auflösung bis zum Ende spannend blieb.

Am Anfang des Buchs wird unter sehr skurrilen Umständen eine Leiche gefunden, das Opfer, ein zurückgezogener älterer Mann liegt erschossen im Bett, eine junge Frau wird mit der Tatwaffe in der Hand festgenommen, auf den allerersten Blick eine offensichtliche Sache, vor allem als am nächsten Tag auch noch ein mögliches Mordmotiv zu Tage tritt. Doch Kommissar Wallner kommt das Ganze spanisch vor und schnell stellt sich raus, dass der Fall weitaus komplexer ist, als er zu sein scheint, denn auch der Tote scheint nicht der zu sein, für den er sich ausgibt.

Der nachfolgende Kriminalfall spielt dann einerseits in der Gegenwart, dazwischen werden immer wieder Rückblicke auf Ereignisse die 20 Jahre davor in Berlin stattfanden und mit dem aktuellem Mordfall zusammenhängen eingeflochten.

Auch Kommissar Kreuthner (Kenner der Reihe wissen wie berüchtigt er ist) spielt natürlich wieder eine gewichtige Rolle in dem Fall und wie immer kann man wenn man kritisch sein will der Meinung sein, dass alles um ihn herum doch etwas sehr an den Haaren herbeigezogen ist und den Krimis von Andreas Föhr doch Einiges an Glaubwürdigkeit raubt, denn im echten Leben wäre eine Person wie er im Polizeidienst (zumindest hoffentlich 😉 ) wohl nicht vorstellbar. Andererseits machen seine Eskapaden einen großen Teil des Unterhaltungswertes der Krimis aus, von dem her würde ich ihn nicht missen wollen.

Jussi Adler Olsen – „Selfies“ (Genre: Krimi/Thriller)

Nachdem ich den Vorgängerroman „Verheissung“ der Krimi-Reihe rund um Carl Morck und sein unkonventionelles Ermittlerteam überdurchschnittlich gut gelungen fand, hab ich mich auf den neuen Fall „Selfies“ auch wieder sehr gefreut. Allerdings wurden meine Erwartungen hier nur teilweise erfüllt.
Auf den ersten Blick ist der Plot des Romans sehr spannend, eine Autofahrerin überfährt mit dem Auto junge Frauen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, außer dass sie alle von Sozialhilfe leben. Außerdem wird eine ältere Frau in einem Park brutal erschlagen, für das Team von Carl Morck stellt sich die Frage ob dieser Mord etwas mit einem anderen Mordfall von vor einigen Jahren zu tun hat, bei dem eine junge Lehrerin erschlagen wurde.

Parallel zu den Kriminalfällen dreht sich ein Großteil des Buches außerdem noch um Carls Mitarbeiterin Rose, die von den Ereignissen im Vorgängerroman immer noch schwer traumatisiert ist und deren labile Psyche mehr oder weniger komplett zusammengebrochen ist, weil der letzte Mordfall die Erinnerungen an ihren grausamen Vater und dessen mysteriösen Tod wieder voll in ihr Bewusstsein gerückt haben. Neben den Ermittlungen in den Mordfällen müssen Carl und Assad als auch noch herausfinden, was mit Roses Vater eigentlich wirklich passiert ist, um ihr zu helfen.

Insgesamt also eigentlich alles gute Zutaten für einen spannenden und komplexen Roman, allerdings ist das auch etwas das Problem des Buches gewesen, es gibt einfach zu viele Handlungsstränge und zu viele Zufälle, die alle Handlungen miteinander verbinden…spätestens als auch noch Roses Story sich mit dem aktuellen Kriminalfall verflechtet wird es dann doch etwas abstrus. Dadurch liest sich das ganze Buch etwas zu wirr und unglaubwürdig, weswegen ich es als eines der schwächeren Bücher der Reihe einordnen würde. Als Fan der Reihe an sich kommt man allerdings natürlich trotzdem nicht wirklich umhin das Buch zu lesen, denn man erfährt hier das erste Mal tiefgehende Hintergründe über einen der Ermittler, nämlich Rose…

 

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Buchtipps: Ein Krimi und eine außergewöhnliche Autobiografie

Diesen Monat habe ich 2 sehr unterschiedliche Bücher gelesen, einmal einen Krimi aus einer meiner Lieblingskrimireihen und außerdem eine sehr außergewöhnliche Autobiografie voller subtil schwarzem Humor:

Jussi Adler Olsen – „Verheissung“ (Genre: Krimi/Thriller)

„Verheissung“ ist der 6. Fall rund um den etwas exzentrischen dänischen Sonderermittler Carl Morck (Leiter eines Dezernates für ungelöste Kriminalfälle) und sein Team Assad und Rose. Zu Beginn des Bandes erhält Carl Morck einen Anruf eines Polizisten von einer kleinen Insel, dieser bittet ihn um Hilfe bei einem lange Jahre zurückliegenden Fall, bei dem das junge Mädchen Alberte von einem Auto tödlich verletzt und in einen Baum geschleudert wurde. Der Fall wurde als Unfall mit Fahrerflucht zu den Akten gelegt, doch der Polizist ist sich sicher, dass es Mord war, an seiner Besessenheit mit dem Fall ist seine Ehe und mehr oder weniger sein ganzes Leben zerbrochen. Als Carl ihn recht rüde abweist, hinterlässt der Polizist eine verstörende Nachricht auf dem Anrufbeantworter und wenige Zeit später erschießt er sich bei seiner Pensionierungsfeier vor den Augen seiner ehemaligen Kollegen. Als Carl Morck und sein Team geschockt beschließen den alten Fall doch wieder aufzunehmen, beginnt eine langwierige Reise in die Vergangenheit.

Der Krimi ist von der Erzählweise eher ruhig und nimmt sich viel Zeit für klassische Ermittlungsarbeit und auch um die Geschichte um Alberte und ihre Vergangenheit Stück für Stück zu erzählen. Das Buch ist also vielleicht nichts für Menschen die actionreiche Thriller mögen, ich würde die Reihe auch definitiv eher als Krimireihe bezeichnen, auch wenn sie immer als Thriller ausgezeichnet wird. Genauso wichtig wie der Plot (der mir in dieser Folge besonders gut gefallen hat) ist in dieser Reihe das Zusammenspiel der verschiedenen Charakter, der etwas launische Carl Morck, der geheimnisvolle Assad, die etwas anstrengende und psychisch instabile Rose sind ein dynamisches Trio, das trotz der Exzentrik trotzdem irgendwie nicht so privat problembelastet wirkt wie die Ermittler in anderen Krimireihen (vielleicht weil nicht seitenweise Eheprobleme gewälzt werden?). Dazu kommt eine faszinierende Geschichte um Eifersucht und einen charismatischen Sektenguru, der eine lange Reihe von Menschen zurück lässt, die von ihm besessen sind. Auch wenn dem Leser in dem Buch relativ schnell offen gelegt wird, wer der Mörder ist, wird die Mördersuche aus Sicht der Kommissare nie langweilig und die Erzählweise der Geschichte, die Schicht für Schicht immer mehr der Geschehnisse enthüllt, hat mir sehr gut gefallen. Für mich war das einer der besten Bücher aus der Reihe um Carl Morck. Allerdings sollte man die Reihe möglichst komplett und chronologisch lesen, da immer wieder Geschehnisse aus den früheren Bändern eine Nebenrolle in der Handlung spielen.

Klaus Märkert – Wie wir leuchten im Dunkeln, geben wir so verdammt gute Ziele ab (Genre: Autobiografie)

Auf das Buch von Klaus Märkert bin ich durch den außergewöhnlichen Titel – „Wie wir leuchten im Dunkeln, geben wir so verdammt gute Ziele ab“ – aufmerksam geworden. In dem eher kompakten Büchlein erzählt Klaus Märkert Episoden aus seinem Leben, dabei ist das Buch jeweils in verschiedene Abschnitte gegliedert, die unterschiedliche Lebensabschnitte des Autors widerspiegeln, zwischen denen hin- und her gesprungen wird. Eine Verbindung gibt es dadurch, dass alle Abschnitte, in denen es um Ähnliches geht jeweils die gleiche Überschrift tragen, so gibt es einige Geschichten zum Thema „Kind sein“, einige zum Thema „Tot sein“ , einige zum Thema „Soldat sein“, usw. Für mich hat diese Struktur sehr gut funktioniert, denn obwohl zwischen unterschiedlichen Themen gesprungen wird, findet man sich problemlos zurecht und die Erzählweise ist abwechslungsreicher als hätte man die Geschichten chronologisch erzählt.

Inhaltlich konnte ich mich mit den Geschichten zum Thema „Kind sein“ am Besten identifizieren, was sicher daran liegt, dass fast jeder ähnliche Kindheitserfahrungen gemacht hat und der Autor es hervorragend geschafft hat, die typischen Ängste und Gefühle, die man als Kind hat, so zu erzählen, dass man direkt in seine Kindheit zurück versetzt wird. Bei anderen Themen fehlte dann im Vergleich der persönliche Bezug, so dass man etwas distanzierter darauf schaut, aber auch diese waren für mich sehr interessant zu lesen. Der Humor im Buch ist speziell, eher zynisch und schwarz und deswegen vermutlich nicht jedermanns Sache, aber mir hat er sehr gut gefallen, wobei das Buch in der ersten Hälfte etwas spielerischer und leichter daher kommt und in der zweiten Hälfte dann doch etwas zynischer und dunkler.

Für mich auf jeden Fall mal eine ganz andere Autobiografie, die ich sehr lesenswert fand.

 

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Literarischer Sommer – Zwei außergewöhnliche Bücher

Im Juni habe ich nicht ganz so viele Bücher gelesen wie sonst manchmal (da ich auch ein paar Tage im Urlaub war), dafür waren zwei dabei, die ich wirklich gelungen und außergewöhnlich fand:

Bente Seebrandt – „Im Licht der Nebensonnen“ (Genre: Belletristik)

„Im Licht der Nebensonnen“ hat gleich aus mehreren Gründen meine Aufmerksamkeit erregt, erstens fand ich den Titel schon mal sehr kryptisch und deswegen interessant, zweitens gefiel mir, dass es die Hauptfigur aus Stuttgart (wo ich auch ungefähr herkomme) an die Nordsee verschlägt und drittens fand ich sehr spannend, dass der Roman laut Untertitel nach „Motiven von Theodor Storm“ geschrieben wurde. Unter letzterem konnte ich mir zunächst wenig vorstellen, außerdem bin ich mit dem Werk von Theodor Storm nicht so vertraut (kenne wie vermutlich die meisten Menschen nur den „Schimmelreiter“). Deswegen hab ich mich gefragt, ob das ein Manko darstellen würde, aber das ist keineswegs der Fall. Theodor Storm wird zwar in dem Roman immer wieder eingeflochten, vor allem aber basiert der Inhalt der Geschichte auf einer anderen Novelle von Theodor Storm („Aquis submersus“), wobei es aber keineswegs das Lesevergnügen stört, wenn man diese nicht kennt.

Zu Beginn des Romans zieht der Kunstlehrer David nach einer gescheiterten Beziehung von Stuttgart nach Husum (der Geburtsort von Theodor Storm), wo er eine Stelle am örtlichen Gymnasium angenommen hat. Das Einleben an der Nordsee fällt ihm zunächst nicht sehr leicht, vermisst er doch einerseits die typische schwäbische Landschaft und ist andererseits noch nicht wirklich über seine Ex-Freundin hinweg. Bei einem gemeinsamen Seminar lernt er die Lehrerin einer benachbarten Berufsschule kennen, Louise, von der er sofort fasziniert ist. Sie lebt scheinbar idyllisch und zufrieden zusammen mit ihrem Mann (einem Dorfpfarrer) und 3 Kindern in einem Nachbardorf. Doch schon bei den ersten Begegnungen wird David schnell klar, dass irgendwas mit Louise nicht ganz zu stimmen scheint, trotzdem kann er sich ihrer Anziehungskraft nicht erwehren.

Die Geschichte ist abwechselnd aus Sicht von David und aus Sicht von Louise erzählt, es handelt sich im Prinzip um eine tragische Liebes- und Familiengeschichte, die trotz vieler dramatischer Ereignisse in einer ruhigen fast lakonischen und etwas altmodischen Sprache daher kommt, die aber sehr gut zu dem Theodor Storm Bezug passt. Man hat ein bisschen das Gefühl eine Art „griechische Tragödie“ zu lesen, obwohl alles in eine modernes Setting eingebettet ist. Mir hat das Buch hervorragend gefallen, weil es wirklich mal etwas anderes war.

Bov Bjerg – „Auerhaus“ (Genre: Belletristik)

„Auerhaus“ ist ein Buch, das durch ein schlichtes aber irgendwie interessantes Cover auf sich aufmerksam macht. Das Buch spielt in den 80er Jahren in einem ungenannten Dorf (am Ende des Buches erschloss sich aber aus dem Kontext, dass es sich wohl um ein Dorf in Süddeutschland handeln dürfte). Der jugendliche Ich-Erzähler hat eigentlich ganz normale Teenager Sorgen, das Abi steht vor der Tür, dahinter die unbekannte Zukunft und auch die anstehende Musterung zur Bundeswehr hängt wie ein Damoklesschwert über dem nicht sehr wehrpflichts-motivierten Erzähler.

Dazu kommt aber plötzlich noch eine ganze andere schockierende Sorge, denn Frieder, ein Freund des Ich-Erzählers (dessen Vorname übrigens konsequent nicht genannt wird) versucht sich umzubringen und landet erst mal für längere Zeit in der Psychatrie. Da Ärzte und alle anderen es für sinnvoll erachten, dass Frieder nach der Entlassung nicht mehr in sein Elternhaus zurückkehrt, ergibt sich eine ungewöhnliche Konstellation, Frieder und sein Freund ziehen gemeinsam mit 2 weiteren weiblichen Schulkameradinnen in das Haus von Frieders verstorbenem Großvater, das „Auerhaus“ (der Grund für den Namen wird im Laufe des Buches aufgelöst und ist etwas auf das man selber wohl eher nicht kommen wird, aber sehr amüsant). Wie realistisch dieses Szenario wirklich ist sei dahingestellt, aber im Buch funktioniert die Geschichte hervorragend. Im Folgenden zieht die „Kommune“ oder „WG“ bald noch einige weitere eher unkonventionelle Bewohner an und das Buch erzählt oft flapsig und humorvoll von den Erlebnissen der Teenager und ihrer Entwicklung. Immer im Hintergrund lauert dabei die Sorge des Erzählers, dass Frieder wieder Selbstmord begehen könnte.

Trotz des ernsten Themas ist das Buch oft humorvoll, teils skurril und sehr charmant, außerdem liest es sich sehr leicht und flüssig. In einigen Rezensionen wurde es mit „Tschick“ verglichen, der Vergleich ist aus meiner Sicht eher unnötig und ganz reicht das Buch (abgesehen davon, dass das Thema nicht wirklich soooo ähnlich ist) denke ich auch an dieses „Vorbild“ nicht heran, trotzdem hat es mir sehr gut gefallen.

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Noch mehr literarischer Mai: Bissige Gesellschaftskritik, plus Übersinnliches von Stephen King

Heute möchte ich zwei Bücher vorstellen, die mir besonders gut gefallen haben, das erste war ein ziemlich dicker Wälzer, „Unterleuten“ von Juli Zeh, das zweite „Mind Control“, der Abschluss der „Mr. Mercedes“ Thriller Trilogie von Stephen King.

Juli Zeh – „Unterleuten“ (Genre: Belletristik)

„Unterleuten“ (sicher nicht unabsichtlich genauso zu Lesen wie „Unter Leuten“) ist ein kleines fiktives Dorf in Brandenburg mit ca. 200 Einwohnern, in dem auf den ersten Blick die Welt noch in Ordnung ist. Dort lebt im Jahr 2010 (daran erkennbar, dass einige reale Ereignisse aus diesem Jahr aufgegriffen werden) eine interessante Mischung aus alten Dorfbewohnern, die schon ihr ganzes Leben in dem kleinen Dorf verbracht haben und zugezogenen Menschen aus Berlin oder Westdeutschland, die versuchen dem hektischen Leben der Großstadt durch die Flucht in das ländliche Idyll zu entfliehen.

Der Anfang des Buches lässt sich viel Zeit die verschiedenen Charaktere vorzustellen, jedes Kapitel ist durchgängig durchs ganze Buch immer abwechselnd aus Sicht eines anderen Charakters erzählt. Dies bedingt natürlich viele Perspektivenwechsel, mich hat das aber überhaupt nicht gestört, ich mag diese Erzählweise generell sehr gerne. Die Charaktere sind dabei einerseits herrlich aus dem Leben gegriffen und gleichzeitig überzeichnet, der wutbürgerliche Dauermotzer Kron, der sich in einer jahrzehntelangem Dauerstreit mit dem einerseits abstoßenden, andererseits trotzdem erschreckend menschlichem Dorf-Tycoon befindet. Hinzu kommen unter anderem der opportunistische Bürgermeister, eine westdeutsche Pferdeflüsterin, der es vom großen Gestüt für ihre große Liebe (ihr Pferd) träumt, ihr etwas verweichlichter IT-Freund, der neben dem Pferd immer die Nebenrolle spielt, der militante Möchtegern-Tierschützer und seine junge Frau mit Baby, der prollige Automechaniker der scheinbar grundlos seine Nachbarn schikaniert, der gewissenlose aber einsame reiche Immobilienhai aus Bayern, der das halbe Land rund um Unterleuten gekauft hat, nur weil er es konnte…alle verfolgen in diesem kleinen Dorf ihre eigene Agenda oder möchten einfach nur in Ruhe leben. Schon bevor etwas passiert ist der idyllische Frieden im Dorf wohl nur ein oberflächlicher Schein, doch richtig Leben in die Bude kommt als ein (Wortspiel 😛 ) windiger junger Business-Schnösel bei einer Gemeindeversammlung von den Plänen seiner Firma fürs Dorf berichtet, ein Windpark mit 10 Windrädern soll errichtet werden, auf einem der wenigen Grundstücke, die dafür in Frage kommen.

In Folge dessen brechen die in Unterleuten schwelenden Konflikte erst so richtig auf, Intrigen und Eigeninteressen führen zu immer mehr Mißtrauen und auch lange verborgene Geheimnisse der Dorfgeschichte werden wieder an die Oberfläche gespült.

Die Geschichte ist für mich ein bisschen im Stil einer Groteske erzählt, wirkt aber keineswegs überzogen und unglaubwürdig. Die Ereignisse im Dorf ergeben ein fast perfektes Abbild der heute (gefühlt etwas aus den Fugen geratenen) globalisierten Welt des Raubtier-Kapitalismus in der sich jeder selbst der Nächste ist, während er entweder so tut als wolle er nur Gutes oder es vielleicht sogar noch tragischer vielleicht selbst glaubt. Das Buch funktioniert deswegen zweigleisig, einmal tatsächlich als Roman über die abgeschiedene Welt einer winzigen Dorfgemeinschaft, andererseits als Gesellschaftskritik. Für mich ein wirklich hervorragender Roman.

Stephen King – „Mind Control“ (Genre: Thriller)

„Mind Control“ ist der 3. und letzte Teil von Stephen Kings Thriller-Reihe um den pensionierten Polizisten Bill Hodges. Die fortlaufende Reihe fing im ersten Teil ursprünglich mit einem ganz klassischen Thriller an, ohne übersinnliche Elemente und ich fand, dass Stephen King da einen sehr guten Job gemacht hat. In Band 1 („Mr. Mercedes“) dreht sich alles um die Gräueltat von Brady Hartsfield, der mit einem gestohlenen Mercedes in die Warteschlange vor einer Job-Messe raste und zahlreiche Menschen tötete und verletzte. Am Ende des 1. Bandes gelingt es Hodges gemeinsam mit seinem engsten Team Hartsfield zu überwältigen, dieser dämmert seitdem mit schweren Hirnverletzungen in einer Klinik vor sich hin. Er ist zwar inzwischen aus dem Koma erwacht, aber angeblich nicht in der Lage zu sprechen oder mit seiner Umwelt zu interagieren. Doch schon im 2. Band der Reihe („Finderlohn“), in der Hartsfield nur eine Nebenrolle spielt, hat Hodges Zweifel daran.

Im 3. Band dreht sich nun wiederum alles um Bill Hodges und seine Fehde mit Hartsfield. Am Anfang der Reihe kommt es zu einigen aufsehenerregenden Selbstmorden, die Opfer waren Betroffene des ursprünglichen Mercedes Massakers, weswegen ein befreundeter Polizist Bill Hodges und seine Assistenten Holly zum Tatort ruft.
Hodges (der inzwischen 70 Jahre alt ist und mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat) und Holly kommen schnell Zweifel an dem angeblichen Selbstmord und als es zu noch mehr aufsehenerregenden Vorfällen rund um Brady Hartsfield und seiner Vergangenheit kommt, müssen die beiden bald erkennen, dass Hodges Zweifel an Hartsfields Zustand mehr als berechtigt war.

Ich muss zugeben, dass ich vor Beginn des Buches etwas Zweifel hatte, ob es mir so gut gefallen würde, weil schon am Klappentext ablesbar war, dass übersinnliche Phänomene in dem Buch eine recht große Rolle spielen würden und mir aber irgendwie gefallen hatte, dass es sich in der Reihe bisher eben primär nur um ganz „normale“ Krimis gehandelt hatte. Allerdings hat mir das Buch dann doch ganz hervorragend gefallen, denn die Ereignisse werden spannend erzählt, die inzwischen ziemlich lieb gewonnenen Charaktere interagieren King-typisch und die Geschichte bringt die Krimi-Reihe zu einem zwar etwas traurigen aber gelungenen Abschluss.
Ein bisschen Abzug gibt es von mir lediglich dafür, dass die Geschichte in der Mitte zeitweise etwas an Fahrt verliert, die sie aber am Ende definitiv wieder gewinnt. Insgesamt hat mir diese Trilogie von Stephen Kind super gefallen, Neueinsteiger sollten aber unbedingt alle 3 Bände lesen, vor allem der letzte Band lässt sich ohne Vorgängerwissen sicher eher schlecht genießen.

 

Bücher

Noch mehr Buchtipps im Mai: gelungene Thriller

Heute möchte ich zwei sehr gelungene Bücher aus einem Genre vorstellen, das ich eigentlich gar nicht (mehr) so häufig lese, nämlich Thriller. Die meisten Thriller laufen mir nämlich zu sehr nach Schema F ab (das ist bei Krimis zwar natürlich auch so, aber meist finde ich Thriller tendenziell noch einen Ticken vorhersehbarer und klischeehafter). Die beiden Thriller, die ich diesen Monat gelesen habe, ragen aber definitiv aus dem Einheitsbrei heraus:

Paul Pen – „Das Haus in der Kakteenwüste“ (Genre: Thriller)

Paul Pen ist ein spanischer Autor, von dem ich bisher noch nie was gehört hatte. Beim Stöbern für ein Geburtsgeschenk bin ich aber auf den ungewöhnlichen Buchtitel und das Thriller-typische atmosphärische Cover aufmerksam geworden. „Das Haus in der Kakteen Wüste“ spielt in Mexiko, dort wohnt eine sechsköpfige Familie abgeschieden, aber auf den ersten Blick glücklich in der Wüste, umgeben nur von einer endlos scheinenden Weite von Wüste und Kakteen. Der Vater Elmer arbeitet Meilen entfernt an einer Tankstelle während die Mutter Rose sich um die 4 Töchter kümmert und auf den ersten Blick eine Idylle geradezu herauf beschwört. Doch schon am Anfang des Buches ist ein ständiges Unwohlsein zu spüren. Rose hat nachts mit Angstattacken zu kämpfen. Die beiden 6-jährigen Zwillingstöchter Dahlia und Daisy haben merkwürdige Rituale die entweder überdreht oder bestenfalls niedlich wirken. Die älteste Tochter Iris vergräbt sich in Büchern und träumt fast fanatisch von einem Liebhaber (und Sex). Die 13-jährige Melissa sammelt Steine, klebt ihnen Augen auf, gibt ihnen Namen und redet mit ihnen, um ihre Einsamkeit zu bekämpfen. Außerdem erfährt man gleich am Anfang, dass der Familie ein schlimmer Schicksalsschlag zugestoßen ist, die älteste Schwester der Mädchen liegt begraben in der Nähe des Hauses, woran und wie sie starb, erfährt der Leser nicht.

In diese merkwürdige und brüchig wirkende Idylle, die von Anfang an beunruhigend manisch wirkt, bricht eines Tages ein Fremder ein, der junge Rick kommt scheinbar zufällig als Backpacker bei der Familie vorbei, doch schnell merkt man, dass er eigene Interessen verfolgt.

Was danach passiert,  möchte ich gar nicht verraten, die Ereignisse überschlagen sich wie in einem Strudel und der Leser lernt wie wenig zwischen Liebe und Wahnsinn liegen kann. Das Buch hat mich jedenfalls mitgerissen und ich habe es fast in einem Schwung durchgelesen. Für Freunde von klassischen Psycho-Thrillern ist es aber vermutlich nur bedingt etwas, ich bin nicht mal sicher ob ich es im Genre Thriller einordnen würde, es ist vielleicht eher ein etwas außergewöhnliches Familiendrama. Auch der Schreibstil ist durchaus ungewöhnlich, wollte man ihn negativ betrachten, könnte man ihn als blumig oder tendenziell sogar etwas schwülstig bezeichnen, ich fand aber, dass er perfekt zu der Stimmung der Familie passt und das Gefühl, dass mit allem und allen im Buch „etwas nicht stimmt“ perfekt unterstrichen hat.

Ob ich das Buch weiterempfehlen kann, hängt vermutlich vom Leser ab, auch die Rezensionen zeigen, dass das Buch eher starke Reaktionen auslöst (viele besonders gute oder besonders schlechte Rezensionen). Wer am Ende eines Buches möglichst alles 100% aufgelöst haben will, wird z.B. mit dem Buch vermutlich nicht so glücklich werden, denn Ende und auch einige Hintergründe bleiben relativ offen gehalten. Ich fand das Buch insgesamt wirklich klasse und herausragend und werde auch die anderen Büchern des Autors in Augenschein nehmen.

Simon Beckett – „Totenfang“ (Genre: Thriller)

„Totenfang“ von Simon Beckett ist der neueste Band aus der Krimireihe rund um den forensischen Anthropologen David Hunter. Ich habe alle Bücher der Reihe gelesen, bin aber kein Riesenfan davon, manche Teile fand ich sehr gelungen, andere weniger. Generell hatte ich manchmal den Eindruck, dass mir in manchen Büchern die pathologischen Beschreibungen etwas zu viel Raum einnahmen (das Thema nutzt sich auch ab), deswegen war ich gespannt wie mir dieser Band gefallen würde.

David Hunters Karriere darbt nach den Geschehnissen des Vorgängerromans (an den ich mich ehrlichgesagt nicht mehr im Detail erinnere) am Anfang dieses Bandes etwas vor sich hin, seine Dozenten Stelle an der Uni ist in Gefahr.. Von dem her kommt es im gelegen als er überraschend zur Bergung einer Wasserleiche in die abgelegenen Backwaters von Essex hinzugezogen wird (ein unwirtliches Marschland). Der Tote soll vermutlich Leo Villiers, der Sohn einer reichen Familie sein, der vor einigen Wochen verschwand und mutmaßlich Selbstmord begangen hat, nachdem einige Zeit vorher seine Geliebte verschwand und er wiederum unter Mordverdacht geriet.

Doch obwohl der Fall eindeutig scheint und der Tote die Kleidung von Leo Villiers trug, kommt doch alles anders als erwartet und David Hunter muss bald nicht nur die Identität eines, sondern gleich mehrerer Toter aufdecken. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände kommt er während der Ermittlungen im Bootshaus einer Familie unter, die mit dem Mordfall zusammenhängt, schnell vermischt sich Privates und Berufliches und der Fall wird immer komplizierter.

Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen. Die Story ist interessant und kreativ und zur Abwechslung mal nicht so einfach vorauszusehen, sie hat mich sehr gut unterhalten. Einzig die Anzahl von Zufällen durch die David Hunter auf neue Erkenntnisse stößt, ist doch ein wenig unglaubwürdig (außerdem verhalten sich dieProtagonisten ständig unvernünftig und bringen sich in Gefahr, aber das ist man von dem Genre ja gewohnt). Die Atmosphäre des Buches mit dem Setting in den Backwaters war mal etwas anders und auch sehr gelungen, insgesamt war das für mich deswegen ein sehr gelungener Thriller und von Simon Beckett definitiv eines der besten Bücher der Reihe.

Bücher

Literarischer Mai – Mit Krimis und Kindheitserinnerungen

Heute möchte ich drei Bücher vorstellen, einmal das in Teilen autobiografische Buch „Raumpatrouille“ des Schauspielers Matthias Brandt und zwei Krimis, die mich beide leider nicht 100% überzeugt haben, aber beide durchaus trotzdem lesenswert sind.

Matthias Brand – „Raumpatrouille“ (Genre: Kindheit/Geschichten)

„Raumpatrouille“ ist ein übersichtliches (ich glaube es sind knapp 200 Seiten) Buch mit Kindheitserinnerungen des bekannten Schauspielers Matthias Brandt, dem jüngsten Sohn des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt. Dadurch bedingt handelt es sich bei den episodenhaften Erzählungen einerseits natürlich nicht um Eindrücke einer „ganz normalen“ Kindheit, andererseits aber doch, denn vieles was dem jungen Erzähler passiert und was er fühlt, wird wohl jedem der sich noch an seine Kindheit erinnert vertraut vorkommen. Hier fand ich vor allem beeindruckend, dass der Autor wirklich toll rüberbringt wie man als Kind oftmals gefühlt hat, das hat sich für mich sehr authentisch angefühlt. Trotzdem gibt es natürlich Besonderheiten: die ständige Präsenz von Personenschützern (und anderen Bediensteten), das Leben in einem durch einen Wachdienst abgeschirmten Haus und das doch etwas distanziert wirkende Verhältnis zu einem mächtigen aber vielbeschäftigten und etwas unerreichbaren Vater.

Das Buch hat hierbei keine lineare Erzählweise, sondern schildert verschiedene Episoden, teils mit ganz normalen banalen Kindheitsereignissen (wie einer missglückten Karriere als Fußballtorwart), teils mit wirklich humorvollen und lustigen Episoden und teils mit ernsthafteren und nachdenklichen Tönen. Es ergibt sich das Gesamtbild einer Kindheit, die einerseits ganz normal und glücklich wirkt, andererseits auch einige Schwierigkeiten hinter der Fassade durchscheinen lässt. Wie viel davon tatsächliche Erinnerung und wie viel Fiktion ist, lässt der Autor im Vorwort offen.

Mir hat das Buch insgesamt sehr gut gefallen, den Schreibstil finde ich auch sehr gut gelungen und humorvoll. Allein durch die Sprunghaftigkeit und den geringen Umfang bleiben die Einblicke ein bisschen an der Oberfläche.

Tana French – „Gefrorener Schrei“ (Genre: Krimi)

Ich habe bisher alle Krimis von Tana French gelesen und war bisher immer von allen gleichermaßen begeistert, fand sie vor allem sprachlich immer auf einem sehr hohen Niveau. Ich lese auch sehr gerne detailverliebte Krimis mit ausschweifenden Erzählungen und Dialogen und dazu hatte Tana French schon immer einen Hang.

Leider hat mich „Gefrorener Schrei“ aber nicht so begeistert wie die bisherigen Krimis der Autorin, was zum einen daran lag, dass mir bei diesem Roman die Haupt-Ermitterlin und auch die meisten anderen Charaktere nicht besonders sympathisch waren. Normalerweise stört mich so etwas nicht, ich mag auch unsympathische Charaktere, so lange sie interessant und komplex sind, aber hier war es irgendwie so, dass ich die Detektivin Antoinette Conway oftmals nicht als interessant, sondern primär als anstrengend empfand und auch ihre ziemliche flapsige Sprech- und Erzählweise war nicht so wirklich mein Ding.

Außerdem fand ich die Idee des Buches zwar gut, es geht weniger um den Kriminalfall an sich, sondern darum welche Intrigen sich in dem Polizeirevier von Antoinette Conway abspielen, um Mobbing, Verfolgungswahn und um die Frage wer spielt ein falsches Spiel. Der tatsächliche Kriminalfall ist auch gar nicht so komplex: eine junge Frau wird in ihrer Wohnung erschlagen nachdem sie sich offenbar auf ein romantisches Abendessen vorbereitet hatte. Der Hauptverdächtige ist klar, ihr neuer Freund. Doch ist der Fall in Wirklichkeit komplexer? Die Polizeiarbeit stellt sich hier primär als kleinteilige Ermittlungsarbeit und langwierige Verhöre des und der Verdächtigen dar (leider waren diese Verhöre auch im Buch teilweise merklich langwierig und etwas repetitiv). Und man erlebt wie Conway und ihr Partner verschiedenen Fährten folgen, immer auf der Suche nach der Aufdeckung des Ganzen.

Insgesamt fand ich das Buch nicht schlecht zu lesen, von der Grundidee durchaus interessant, aber für mich hat das Ganze nicht 100% funktioniert und entwickelte deswegen eine gewisse Zähigkeit. Für mich deswegen der schwächste Krimi von Tana French. Interessenten der Autorin (die eigentlich wirklich gut ist!) empfehle ich mit einem beliebigen anderen Roman zu starten.

Helen Callaghan – „Dear Amy“ (Genre: Thriller)

„Dear Amy“ ist ein Psychothriller, der schon optisch in einem ziemlich typischen Thriller Gewand daher kommt, das schon mal Lust auf das Buch macht (auch wenn man über das neongrüne Design sicher gespaltener Meinung sein kann). Auch die Story klingt vielversprechend. Die 15-jährige Katie verschwindet nach einem Streit mit ihren Eltern spurlos, die Polizei geht erstmal davon aus, dass sie ausgerissen ist.

Die Lehrerin Margot, die nebenberuflich als „Brief-Kummerkasten-Tante“ bei einer Regionalzeitschrift arbeitet erhält zu diesem Zeitpunkt plötzlich Briefe von einem anderen jungen Mädchen, Bethan, das allerdings schon vor Jahrzehnten spurlos verschwand und nie gefunden wurde, aber von der Polizei für tot gehalten wurde. Margot ist geschockt, sind die Briefe etwa echt? Und hängt der alte Fall um Bethan mit dem aktuellen Verschwinden von Katie zusammen? Der Fall lässt ihr keine Ruhe und schnell wird sie immer tiefer in die Ermittlungen rein gezogen…

So die Prämisse des Buches, das vom Schreibstil her leicht und zügig zu lese ist und für mich durchaus unterhaltsam war. Auch die Story beginnt eigentlich vielversprechend und Margot ist ein interessanter Hauptcharakter. Trotzdem hat mich das Buch letzendlich aus verschiedenen Gründen nicht vom Hocker gerissen. Erstens kommt es wie für Thriller häufig üblich nach ca. 2/3 des Buches mit einer unerwarteten Wendung daher. Leider war diese Wendung für Thriller-Geübte Leser aber schon nach ca. 100 Seiten des Buches so einfach vorausschaubar, dass mir ab da schon klar war, worauf das Ganze hinauslaufen wird. Dadurch werden auch die Ereignisse bis zum Ende relativ einfach voraussehbar, was dem Thriller den Spannungseffekt so ziemlich nimmt.

Zusätzlich hatte ich ein bisschen Probleme das Buch in Großbritannien zu verorten, es spielt zwar in Cambridge, aber ich hatte ständig das Gefühl einen amerikanischen Thriller zu lesen (eventuell kommt das daher, dass die Autorin laut Klappentext zwar aus einer britischen Familie stand, aber in den USA geboren ist) und es kam für mich trotz Erwähnung einiger lokalen Sehenswürdigkeiten von Cambridge irgendwie nie ein Bezug zu der Lokalität auf. Und drittens enthielt das Buch einige private Irrungen und Wirrungen der Protagonistin (Scheidung und neuer „love interest“), die aber etwas lieblos und klischeehaft kurz abgehandelt wurden, so dass man sich fragt, wozu sie überhaupt Teil der Story waren.

Das klingt jetzt alles sehr negativ, insgesamt hat mir das Buch aber trotzdem noch gut gefallen, was zeigt, dass die Autorin durchaus viel Talent für das Genre hat, beim nächsten Buch würde ich mir nur etwas mehr Finesse und etwas weniger Thriller-Klischees wünschen, dann könnte ich mir durchaus vorstellen, nochmal was von ihr zu lesen.

Bücher, eiskunstlauf

Ein Buch für Eiskunstlauf-Freunde: „Ein perfektes Paar – Aljona Savchenko und Robin Szolkowy“

Heute gibt es zur Abwechslung mal eine Rezension über ein sportliches Sachbuch, die Biografie über Aljona Savchenko und Robin Szolkowy von der Sportjournalistin Tatjana Flade, die ich mir als langjähriger Eiskunstlauf Fan natürlich nicht entgehen habe lassen.

Tatjana Flade: „Ein perfektes Paar – Aljona Savchenko und Robin Szolkowy“ (Genre: Sachbuch)

„Ein perfektes Paar“ von der Eiskunstlauf-Expertin und Sportjournalistin Tatjana Flade ist ein großformatiges professionelles (und mit vielen Fotos versehenes) Sachbuch  über eines der erfolgreichsten Deutschen Paarlauf-Teams der vergangenen Jahrzehnte: Aljona Sawchenko  & Robin Szolkowy.

Das Buch schildert die ersten Schritte und die Jugend von Robin Szolkowy im Eiskunstlauf in Ostdeutschland, genauso wie die Kindheit und Jugend von Aljona in der Ukraine. Der Fokus liegt hierbei immer auf dem Sportlichen, aber auch einige auflockernde und informative Informationen über den persönlichen und familiären Hintergrund der beiden Sportler kommen nicht zu kurz. Dabei profitiert das Buch davon, dass es eine autorisierte Biographie ist und unter Mitwirkung der Sportler, ihrer Trainer und teilweise auch Familienangehörigen entstanden ist. So enthält es viele Originalzitate (und zusätzlich auch einige Interviews, die die Autorin über die Jahre mit dem Paar geführt hat).

Den Hauptteil des Buches macht aber die Beschreibung der einzelnen Wettkampfsaisons des Paares auf. Tatjana Flade ist nicht irgendeine Sportjournalistin oder Autorin, sondern eine echte Eiskunstlaufexpertin (die vermutlich jeder deutsche Fan zumindest vom Sehen oder Hören kennen wird), die auch bei vermutlich jedem großen Wettkampf des Paares selbst vor Ort war. Dies führt dazu, dass alles sehr akribisch recherchiert ist und das Buch nicht oberflächlich daher kommt. Es macht es aber natürlich auch zu einem Buch für wirkliche Eiskunstlauffans und Kenner, für Gelegenheitsfans sind die sehr ausführlichen Beschreibungen jedes Wettkampfjahres vielleicht auf Dauer etwas zu „trocken“. Ich fand sie aber nie langweilig, da sie auch jeweils durch ein paar Anekdoten über die Wettkampfstätten aufgelockert wurde, sowie durch viele Zitate der Sportler.

Das Interessanteste an dem Paar „Sawchenko & Szolkowy“ war sicher, dass die beiden entgegen des Titels eben nicht in jeder Hinsicht ein „perfektes Paar“ waren (vielleicht ist der Titel auch deswegen etwas ironisch so gewählt), sondern, dass die professionelle Beziehung und das Training der beiden oft eher schwierig und konfliktbeladen war. Erstens waren die beiden offenbar sehr unterschiedliche Menschen, Aljona extrem ehrgeizig und eher dominant, Robin sehr zurückhaltend und auch dem Eiskunstlauf als Beruf teilweise sogar etwas ambivalent gegenüber eingestellt. Dazu kam die Kombination mit dem Trainer Ingo Steuer, durch dessen  Stasi-Affäre die Trainingsbedingungen des Paares fast die ganze Karriere negativ belastet wurde (bedingt durch Probleme mit der finanziellen Förderung durch den Verband) und dessen etwas komplizierte private und professionelle Beziehung zu Aljona zu Spannungen im Training und im Team Aljona-Robin-Ingo führte. Diese Themen werden im Buch nicht verschwiegen, aber auch nicht unnötig dramatisiert oder sensationalisiert, die Autorin bleibt neutral und lässt jeden zu Wort kommen. Trotzdem bekommt man doch etwas den Eindruck, dass es erstaunlich ist, wie viel das Team unter diesen Umständen insgesamt erreicht hat.

Gut gefallen hat mir da vor allem, wie analytisch und selbstkritisch Aljona und Robin ihre eigene Karriere und auch ihr Training reflektieren und wie schonungslos sie mit sich selbst umgehen (allerdings hab ich auch den Eindruck, dass diese Eigenschaft sich selbst überkritisch zu sehen auch ein bisschen dazu beigetragen hat, dass sie ihre Erfolge und ihre Karriere nie so frei genießen konnten, so sagt Robin selbst in dem Buch, dass sie sich oft gar nicht wirklich über Erfolge oder Siege freuen konnten). Für mich als Fan war am Interessantesten, dass der Eindruck von dem Paar das man als Fan wahr nahm (z.B.: ein sehr sehr gutes Paar, mit teils sehr kreativen Programmen, das immer toll anzuschauen war, bei dem man aber immer trotz der aller Weltmeistertitel ein bisschen das Gefühl hat, dass es doch an ein bisschen Harmonie fehlt und dass es immer ein bisschen unzufrieden mit sich selber ist und sich selbst im Weg steht, weil es immer um jeden Preis ein bisschen mehr will als es erreicht hat und es genau deswegen dann im entscheidenden Moment nicht klappt – siehe Olympia ), tatsächlich ziemlich genau dem Bild entspricht, dass die Sportler auch von sich selbst hatten.

Abgerundet wird das Buch durch einen Ausblick auf die aktuelle Karriere von Aljona und Robin. Robin arbeitet als Trainer in Russland mit russischen Paaren und Aljona hat den Traum von einem Olympiasieg und weiteren Titeln noch nicht aufgegeben und verfolgt ihre Karriere (schon wieder sehr erfolgreich!) mit ihrem neuen Partner Bruno Massot. Vielleicht gibt es ja irgendwann noch ein neues Buch zu lesen: über Aljona und Bruno.

„Ein perfektes Paar“ ist für jeden deutschen Paarlauffan auf jeden Fall 100% empfehlenswert.