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Lesetipp: „13 Reasons Why“ („Tote Mädchen lügen nicht“) von Jay Asher

Normalerweise passiert es sehr selten, dass ich mir zuerst die Verfilmung eines Buches anschaue und hinterher das Buch lese (schon alleine deshalb, weil die Bücher ja in der Regel zuerst erscheinen). Ich bin aber durchaus jemand, der sich gern Buchverfilmungen anguckt, ohne mich arg daran zu stören, wenn Buch und Film oder Fernsehserie inhaltlich nicht 100% gleich sind. Bei „13 Reasons Why“ war es nun so, dass ich mir zuerst die darauf basierende Netflix Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ angeschaut habe und hinterher nun auch noch das Buch lesen wollte. Die Serie hat mir dabei ausnehmend gut gefallen, ich fand sie wirklich gelungen und mitreißend.

Das Buch ist inhaltlich bis auf einige Kleinigkeiten fast gleich: der Teenager Clay bekommt eines Tages plötzlich ein Päckchen mit altmodischen Audiotapes. Als er neugierig hineinhört, hört er zu seinem Schock die Stimme seiner Mitschülerin Hannah, die sich vor einiger Zeit umgebracht hat…Hannah hat vor ihrem Selbstmord 13 Kassettenseiten aufgenommen, für 13 Personen, die aus ihrer Sicht an ihrem Selbstmord mitverantwortlich waren und diese Kassetten vor ihrem Selbstmord an den ersten dieser 13 Personen schicken lassen, mit der Botschaft die Kassetten anzuhören und dann an den nächsten auf der Liste weiterzuschicken.

Das Buch behandelt dann im Endeffekt diese 13 Kassetten, die Clay sich innerhalb kurzer Zeit anhört und wie er damit zurecht kommt. Dabei ist der gesprochene Text von Hannah kursiv gedruckt und die Gedanken von Clay sind in Normalschrift. Das fand ich anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, man kommt aber mit der Zeit immer besser damit zurecht.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, ich muss aber sagen, dass mir hier die Netflix Serie doch noch einen Ticken besser gefallen hat und ich glaube nicht, dass es nur daran liegt, dass ich diese zuerst gesehen habe (auch wenn es natürlich etwas von der Spannung nimmt). Für mich war die Serie auch deswegen etwas besser, weil sie sich mehr Zeit für die Darstellung der verschiedenen Charaktere nimmt und weil man auch mehr über diese erfährt. Bedingt durch den Aufbau des Buches erfährt man eben wirklich alles aus Hannahs Sicht, was die beteiligten Personen weniger als komplexe Menschen wirken lässt, sondern mehr als reine Akteure…Auch Clay bleibt in der Rolle des passiven Zuhörers im Buch sehr blass und eindimensional, was in der Serie überhaupt nicht der Fall war. Sehr gut gelungen fand ich dagegen auch im Buch die Art und Weise wie Hannah dargestellt ist, auch wenn sie ein „schwieriger“ Charakter ist, bei dem es trotzdem Anteilnahme an ihrem Schicksal gar nicht immer so leicht ist ihn zu mögen.

Hinweis: ich habe das Buch im englischen Original gelesen und kann deswegen nichts über die Qualität der Deutschen Übersetzung sagen.

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Lesetipp: „Das Floss der Medusa“ von Franzobel

Normalerweise lese ich eher selten bis gar nie historische Romane, „Das Floss der Medusa“ hat aber meine Aufmerksamkeit geweckt, da als Cover das gleichnamige berühmte und beeindruckende Gemälde von Jean Géricault gewählt wurde, das ich sogar schon live im Louvre gesehen habe. Da auch der Klappentext spannend klang, habe ich also mal eine Ausnahme bei meinen Lesegewohnheiten gemacht.

Der Roman beschäftigt sich mit einem tatsächlich stattgefundenem historischen Ereignis: im Jahr 1816 segelte die französische Fregatte Medusa mit ca. 400 Passagieren (darunter Militär, hochrangige Politiker, Matrosen, „normale“ Bürger mit Kindern, Missionare und Forscher…) nach Afrika, in die afrikanische Kolonie Senegal, die kürzlich von Großbritannien an Frankreich zurückgegeben wurde. Aufgrund der Inkompetenzen des unerfahrenen Kapitäns lief das Schiff auf eine Sandbank auf. Da nicht genug Rettungsboote vorhanden waren, wurden knapp 150 Menschen kurzerhand auf ein selbstgebautes Floß verfrachtet, dass von den Rettungsbooten gezogen werden sollten. Diese kappten aber schon nach kurzer Zeit die Seile, so dass das Floß 13 Tage im Meer trieb. Als es letztendlich gefunden wurde, leben von den ursprünglich 147 Personen nur noch 15  gerade so und diese hatten sich nur durch Kannibalismus am Leben halten können. Diese dramatische (und nicht sehr appetitliche) Katastrophe behandelt der Roman trotz des unschönen Themas mit viel Witz, Intelligenz und Spannung.

Die Geschichte entwickelt der österreichische Autor „Franzobel“ anhand der Einzelschicksale einiger Passagiere (von denen es die meisten – aber vermutlich nicht alle – auch tatsächlich historisch belegt gegeben hat). Das Buch startet hierbei schon am Anfang der Reise und der Autor nimmt sich Zeit die unterschiedlichen Personen und ihre Motive und Hoffnungen, die sich mit der Reise nach Afrika verbinden vorzustellen. Dabei hat der Autor einen interessanten, oft auch humorvoll ironischen Stil. Etwas gewöhnungsbedürftig fand ich am Anfang, dass das Buch zwar in einer zum 19. Jahrhunderten passenden etwas altmodischen Sprache geschrieben ist, aber trotzdem aus der Distanz eines heute lebenden Erzählers erzählt wird, so benutzt der Autor zum Beispiel Vergleiche wie „er war so muskulös wie Arnold Schwarzenegger“ oder „es war ein Gewusel wie an einem Flughafen“. Diese offensichtlich absichtlichen Stilbrüche wirken zuerst mal etwas merkwürdig, ich habe mich aber schnell dran gewöhnt und insgesamt hat mir der Stil des Buches hervorragend gefallen.

Die Geschichte liest sich dann auch sowohl spannend, aber auch lässt sich auch viel Zeit für Charakterentwicklung und Informationen über die politischen Zustände im Jahre 1816 als Frankreich nach den Auswirkungen der französischen Revolution noch immer völlig zerrissen ist zwischen liberalen Revolutionären und Royalisten. Auch diese Konflikte finden sich auf dem Schiff wieder und verstärken die durch die Notsituation ausbrechenden Konflikte. Das Buch ist natürlich etwas brutal, denn auch schon vor den dramatischen Ereignissen ist das Leben auf so einem Schiff nichts für empfindliche Personen…wer sich davon nicht abschreckend lässt wird mit einem Buch belohnt, das aus der Masse heraussticht.

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Lesetipp: „Das Ministerium des äußersten Glücks“ von Arundhati Roy

Arundhati Roy ist die Autorin eines meiner absoluten Lieblingsbücher aller Zeiten, „Der Gott der kleinen Dinge“, der schon vor ca. 20 Jahre erschien. Danach schrieb sie lange Zeit „nur“ politische Texte und engagierte sich in Indien humanitär und politisch. Dieses Jahr erschien nun ihr 2. Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks„.

Der Roman beginnt mit einer der zentralen Hauptfiguren, Anjum, einer Hijra (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Hijra ), die rein biologisch intersexuell ist und als Teenager aus ihrer verständnislosen Familie in eine Gemeinschaft anderer Hijras zieht. Doch auch aus dieser „Ersatzfamilie“ zieht sie sich nach einem traumatisierenden Erlebnis zurück und verbringt ihr Leben von dort an skurrilerweise auf einem verlassenen Friedhof, auf dem sie sich zusammen mit anderen Außenseitern der indischen Gesellschaft häuslich einrichtet.

Lose verflochten mit ihrer Geschichte ist die Geschichte von 4 Studienfreunden, 3 Männer und eine Frau um die sich in dieser Gruppe alles dreht: die gleichsam charismatische wie verschlossene Tilo. Die drei Männer sind seit dem Schauspiel-Studium mehr oder weniger unglücklich in sie verliebt und der Lebensweg der 4 kreuzt sich in den nächsten Jahrzehnten immer wieder, verbunden dadurch, dass jeder von ihnen auf die eine oder andere Weise in den Kaschmir-Konflikt und dessen blutigen Auswüchse verwickelt ist.

Anhand dieser Personen (und noch einiger mehr) wird ein Bild Indiens der letzten Jahrzehnte gezeichnet, die großen Themen die dabei im Vordergrund stehen sind der Kaschmir-Konflikt (eine eher euphemistische Bezeichnung für einen blutigen jahrzehntelangen Krieg), die Auswirkungen von Globalisierung und Kapitalismus auf die indische Gesellschaft, Religionskonflikte, die Auswüchse des hinduistischen Nationalismus, die Unterdrückung von Minderheiten…all dies und die Auswirkungen davon wird durch die Erlebnisse der Helden der Geschichte lebendig gemacht.

Ich muss zugeben, dass ich anfangs etwas Schwierigkeiten hatte in das Buch zu finden, denn grade am Anfang werden sehr viele indische Begriffe benutzt, bei denen man ein Glossar gebrauchen könnte (es gibt zwar eins, aber das deckt nur wenige Begriffe ab), allein dass ich vorher schon ungefähr wusste was Hijras sind (ihre gesellschaftliche Stellung ist deutlich komplizierter als die von Transsexuellen oder Intersexuellen in westlichen Gesellschaften), war zum Beispiel eher Zufall. Allerdings dauert es nicht lange bis man sich in die Geschichte hineinfindet und auch ohne tiefes Wissen über Indien und den Kaschmir-Konflikt problemlos zurecht kommt und ab da entfaltete die Geschichte für mich ihre volle Wirkung. Man merkt Arundhati Roy eine gewisse Wut und vielleicht sogar Zynismus im Bezug auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Indien an, trotzdem bleibt das Buch voller Wärme für ihre Hauptfiguren und auch der Kaschmir-Konflikt wird durch die unterschiedlichen Augen, die im Buch darauf schauen von mehreren Seiten beleuchtet.

Für mich deshalb wieder ein sehr wertvolles und lehrreiches und komplexes Buch, für das man sich allerdings Zeit nehmen muss und dass sich nicht mal schnell nebenher liest. Auch sind die darin beschriebenen Grausamkeiten nichts für zarte Gemüter, aber das ist die Realität auch nicht. Und die Realität, die in diesem Buch beschrieben wird, lässt sich leider auf Regionen der ganzen Welt übertragen, genauso wie die Hintergründe der geschilderten Konflikte, so dass das Buch nicht nur ein Bild von Indien zu zeichnen scheint, sondern vom Zustand der ganzen aktuellen Weltlage. Die leider genauso wenig rosig scheint, wie der Inhalt dieses Romans, in der es aber auch genauso viel Hoffnung und Liebe im Kleinen gibt, wie sie auf Anjums‘ Friedhof im Buch zu finden ist.

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Lesetipp für ein Jugendbuch: „Ikarus fliegt“ von Sally Christie

„Ikarus fliegt“ von Sally Christie ist ein Jugendbuch für Jugendliche im Alter von 12 – 15 Jahren. Die Hauptrolle in dem Buch spielt Alex Meadows, ein Junge dessen hervorstechendste Charaktereigenschaften am Anfang des Buches wohl Vorsicht und maximaler Opportunismus sind, denn Alex hat vor nichts mehr Angst als davor in der Mittelschule negativ aufzufallen, oder überhaupt aufzufallen. Zu viel Angst hat er vor der Clique von Alan, einem Jungen der alle anderen herumschubst. Alex‘ neuer Nachbar (von den anderen Schülern nur Bogsy genannt) hat es gleich am Anfang seiner Schulkarriere geschafft bei Alan in Ungnade zu fallen und wird deswegen von Alan gepiesackt und von allen anderen Schülern gemieden. Auch Alex versucht sich deswegen so gut es geht von ihm fernzuhalten, was so weit geht, dass er sogar peinlichst darauf achtet nicht gleichzeitig mit Bogsy in den Bus ein- und auszusteigen, obwohl sie an der gleichen Haltestelle einsteigen.

Doch dann kommt Unruhe in die Klassengemeinschaft, alle Schüler erhalten plötzlich kleine Geheimbotschaften, die darauf hinweisen, dass bald ein Junge fliegen wird, wie Ikarus, der gerade im Unterricht behandelt wird? Was genau mit den Botschaften gemeint ist und von wem sie stammen ist unklar, aber als Alex zufällig etwas darüber herausfindet, muss er seine geliebte Deckung Stück für Stück aufgeben.

Mir hat das Buch insgesamt gut gefallen, wobei ich finde, dass es etwas langsam in Fahrt kommt und in der ersten Hälfte ein paar Längen hat. Die zweite Hälfte fand ich dann aber sehr spannend. Alex ist als Hauptcharakter zuerst relativ schwer zu mögen, aber ich denke sein Verhalten ist durchaus typisch und nachvollziehbar. Was mir auch gut gefallen hat, ist dass er sich seiner Charaktereigenschaften durchaus bewußt ist (so nimmt er z.B. wahr, dass sein kleiner Bruder Timmy viel mutiger und offener ist als er selbst) und dass er sich im Verlauf des Buches zwar weiterentwickelt, aber er bleibt mehr oder weniger ein „Held“ wider Willen und wird nicht plötzlich zu einem mutigen „Superhelden“, der es mit allen aufnimmt, was in solchen Geschichten ja gerne mal der Fall ist. Im Sinn dieser Charakterentwicklung finde ich das Buch sehr realistisch. Die Handlung an sich ist vielleicht nicht 100% glaubwürdig, denn im echten Leben würden sich zumindest die Erwachsenen (hoffentlich) etwas anders verhalten, aber darüber kann man in einem Roman denke ich mal hinweg sehen.

Insgesamt ein gutes Buch zum Thema Zivilcourage und Freundschaft mit einer Handlung, die aus der Masse herausragt. Vom Stil ist es wohl eher für Kinder und Jugendliche geeignet, die auch schon eher die ruhigen Töne schätzen können.

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Lesetipp: „Der gefährlichste Ort der Welt“

Diesen Monat lese ich (rein zufällig) zwei Bücher, die sich mit einem ähnlichen Thema beschäftigen, nämlich Mobbing in der Schulzeit. Das erste davon (ein Roman für Erwachsene) möchte ich heute vorstellen:

„Der gefährlichste Ort der Welt“ von Lindsey Lee Johnson spielt in Kalifornien, in einer auf den ersten Blick idyllischen Kleinstadt namens „Mills Valley“ nahe bei San Francisco. Dort wohnen überwiegend reiche, privilegierte Menschen, die eigentlich in der Theorie wenig Sorgen haben sollten.

Im ersten Teil des Buches lernen wir den 13-jährigen Tristan Bloch kennen. Er geht auf die Middle School in Mills Valley und gilt als merkwürdig, er ist etwas übergewichtig, trägt komische Klamotten und ist zwar sehr intelligent, aber nicht wie die anderen Kinder an der High School. Nach einer zufälligen Begegnung begeht er den fatalen Fehler einen Liebesbrief an seine Mitschülerin Cally zu schreiben, in dem er seine innersten Gefühle offenbart. Cally ist entsetzt und überfordert und zeigt den Brief ihren Freunden, allen voran dem beliebten Sport-Ass Ryan. Schnell eskaliert die Sache auf Facebook und am Ende weiß Tristan keinen Ausweg mehr.

Der Rest des Buches spielt einige Jahre danach an der High School von Mills Valley und erzählt in verschiedenen Episoden aus dem Leben von Tristans früheren Klassenkameraden. Dabei ist jedem Schüler ein Kapitel gewidmet, diese sind lose dadurch verbunden, dass meist ein Kapitel mit einem Ereignis aus dem vorherigen Kapitel anfängt. So erlebt der Leser wie es Tristans Klassenkameraden ergangen ist und was für Geheimnisse und Sorgen jeder mit sich herumträgt. Der Schreibstil ist dabei sehr klar und gelungen, so dass das Buch wirklich angenehm lesbar ist und den Leser auch durchaus mitreisst. Trotzdem muss ich zugeben, dass das Buch mich nicht zu 100% gepackt hat. Das lag für mich an 2 Gründen: erstens finde ich den Aufbau doch ein kleines Bisschen zu konstruiert wirkend (als hätte die Autorin sich etwas zu merkbar Mühe mit der Form des Geschichte gegeben) und zweitens fand ich die Charaktere des Buches doch in ihrer Gesamtheit etwas zu klischeehaft. So kommt quasi jeder Stereotyp aus einem amerikanischen Teenie-High-School-Film oder Roman vor. Vielleicht liegt das daran, dass amerikanische Teenies per se ein Klischee sind 😉 , allerdings gibt es doch Bücher und Serien wo die Thematik für mich etwas vielschichter aufgearbeitet wird.

Trotzdem fand ich das Buch insgesamt sehr gut gelungen und auch unterhaltsam. Aktuell lese ich ein Jugendbuch mit ähnlicher Thematik („Ikarus fliegt“ von Sally Christie) und bin gespannt, wie das Thema dort im Vergleich umgesetzt ist (das Fazit daraus gibt es dann im nächsten Blogeintrag…).

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Lesetipp mit Kurzgeschichten: Bov Bjerg – Die Modernisierung meiner Mutter

Von Bov Bjerg habe ich dieses Jahr schon den Roman „Auerhaus“ gelesen, der mir ausnehmend gut gefallen hat. Da mir der ironisch lustige und trotzdem immer ernsthafte Stil des Autors gut gefallen hatte, hatte ich auch große Lust die Kurzgeschichtensammlung „Die Modernisierung meiner Mutter“  zu lesen. Das Buch (oder vom Umfang her eher Büchlein) erhält Kurzgeschichten aus den letzten 20 Jahren des Autors. Das Buch enthält einige längere Geschichten, die teilweise skurril unterhaltsam sind, teilweise aber trotz des immer vorhandenen absurden Humors auch sehr ernste Themen behandeln, bei denen einem das Lachen dann auch mal im Hals stecken bleibt. Von den längeren Geschichten fand ich 3-4 wirklich herausragend, so zum Beispiel der Opener „Schinkennudeln“ (indem diese tatsächlich eine relativ wichtige Rolle spielen 😉 ).

Viele sind wirklich lustig, andere nachdenklich und zusätzlich zu den längeren Geschichten gibt es kürzere Geschichten, die mehr wie Erinnerungsfetzen, Gedankenspiele oder Einwürfe wirken. Dabei gibt es natürlich welche die stärker sind und welche die eher nur „ganz nett“ sind und keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber insgesamt fand ich den Kurzgeschichtenband sehr kurzweilig. Da die Geschichten alle für sich alleine stehen können, eignet sich das Buch auch hervorragend um z.B. abends vor dem Zubettgehen noch schnell 2-3 Stories zu lesen.

Ich würde das Buch jedem empfehlen, der „Auerhaus“ mochte und vor allem von dem Schreibstil und Humor von Bov Bjerg begeistert ist und jedem, der generell gerne Kurzgeschichten liest. Das Buch ist vielleicht wegen der eher wilden Mischung von Geschichten nichts für Leute, die gerne auch bei Geschichtensammlungen einen thematischen oder stilistischen „roten Faden“ haben. Mich hat die Vielfalt an Themen nicht gestört.

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Lesetipp: „Tage der Schuld“ – Ein Krimi aus dem Island der 70er Jahre

„Tage der Schuld“ ist ein weiterer Krimi aus der Kommissar Erlendur Reihe von Arnaldur Indridason. Die Krimireihe umfasst schon einige Bände, die in der Gegenwart spielen, dazu kommen inzwischen einige Romane, die in der Vergangenheit spielen und in denen Kommissar Erlendur als Jung-Kommissar oder dessen Vorgesetzter Marian Briem im Mittelpunkt stehen. Insgesamt haben mir die meisten Fälle der Kommissar Erlendur Reihe gut gefallen, wobei ich sagen muss, das es doch auch ein paar schwächere Bände gibt. Dazu gehörte für mich zum Beispiel „Duell“, das in den 70er Jahren spielt und etwas zäh daher kam. Deswegen war ich mir vorab nicht sicher ob mir „Tage der Schuld“ gefallen würde, denn auch dieser Band spielt in den (späten) 70er Jahren. Allerdings steht dort wieder Jung-Kommissar Erlendur im Mittelpunkt und nicht wie bei „Duell“ Marian Briem.

In dem Krimi wird ein junger Mann tot aufgefunden und zwar in einem künstlichen Salzwasser-See, einem „Abfallprodukt“ des nahe gelegenen Geothermalkraftwerks (dieses Abfallprodukt gibt es noch heute und zwar als weltbekannte stylisch teure Wellness-Oase „Blaue Lagune“ –> die Isländer waren schon immer findig im Vermarkten ihrer Produkte). Schnell stellt sich heraus, dass der Mann nicht dort starb, sondern durch einen Sturz aus hoher Höhe auf einen harten Untergrund. Kommissar Erlendur und Marian Briem versuchen hinter den Tod des Mannes kommes. Hat die nahegelegene US-Militärbasis auf der der Mann gearbeitet hat, etwas mit seinem Tod zu tun?

Parallel ist Kommissar Erlendur privat mit seinem Lieblingsthema beschäftigt, von dem er seit dem Verschwinden seines eigenen Bruders als Kind besessen ist, dem spurlosen Verschwinden von Menschen auf Island. Konkret lässt ihn der alte Fall eines jungen Mädchens nicht los, das kurz nach ihrem 18. Geburtstag ihr Haus verließ und auf dem Schulweg spurlos verschwand. Auf eigene Faust versucht er den Fall noch mal aufzurollen und rauszufinden, was mit dem Mädchen passiert ist.

Die Kriminalfälle in „Tage der Schuld“ fand ich gut gelungen, beide sind spannend und interessant und man erfährt wie nebenbei noch interessante historische Informationen über Island, zum Beispiel über das ambivalente Verhältnis der Isländer zu der amerikanischen Militärpräsenz auf Island, über den Einfluß des Kalten Krieges auf das Land oder darüber wie die „Blaue Lagune“ tatsächlich entstanden ist (wußte ich auch nicht, obwohl ich auch schon darin geschwommen bin).

Der Schreibstil ist wie immer eher nüchtern und knapp, was manchmal ein bisschen dazu führt, dass selbst in spannenden oder lebensbedrohenden Situationen kein richtiges Gefühl für Gefahr aufkommt. Mir gefällt der Schreibstil von Indridason als Abwechslung von dynamischeren oder verspielteren Autoren aber zwischendrin immer gut. Als Schwäche könnte man dem Roman eventuell noch auslegen, dass die beiden Kriminalfälle nichts miteinander zu tun haben, so dass man eigentlich 2 Krimis in Einem liest. Da mir beide Handlungsstränge gefallen haben, ist das für mich aber kein Nachteil.

 

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Lesetipp: „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann

Diesen Herbst habe ich mir vorgenommen eines der Bücher zu lesen, das auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis standen. Dabei ist meine Wahl auf „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann gefallen, da mich die Thematik des Buches von allen Nominierungen am Meisten angesprochen hat.

Diese ist aber gar nicht so einfach zusammenzufassen, befasst sich das Buch doch mit einer ganzen Menge Themen auf einmal, im Mittelpunkt steht Ali, die aus einer jüdisch-russischen Familie stammt, die nach Deutschland ausgewandert ist. In der Gegenwart und am Anfang des Buches reist Ali nach Istanbul, denn von dort kam das letzte Lebenszeichen ihres Zwillingsbruders Anton, der spurlos verschwunden ist. Dort sucht Ali aber nicht nur Anton, sondern auch sich selbst und ihre eigene Geschlechteridentität…nicht nur deswegen verschwimmen am Ende des Buches die Identitäten von Ali und Anton. Der Teil des Buches, der in der Gegenwart spielt wird meist in der Ich-Perspektive erzählt und ist sehr intensiv erzählt, für mich (die auch schon in Istanbul war, vor Jahren) wurde die Stadt und die Geschehnisse dort dadurch sehr lebendig.

Zusätzlich zu dem Teil des Buches, der sich um Ali in der Gegenwart dreht, geht es in dem Buch aber vor allem um Alis Familie und deren Leben als jüdische Familie im russischen Sozialismus. Dazu gibt es Kapitel zu zahlreichen Personen aus Alis Vergangenheit, Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, …in episodenhaften Erzählungen werden prägende Momente aus dem oftmals sehr harten Leben von Alis Vorfahren erzählt.

Beim Lesen anderer Rezensionen ist mir aufgefallen, dass dieses Buch teils sehr starke Emotionen auslöst und sehr unterschiedlich ankommt. Dies ist wohl der Tatsache geschuldet, dass das Buch keine lineare Erzählweise hat, sondern assoziativ und sprunghaft zwischen Familiengeschichte und Alis Identitätssuche hin- und herspringt. Außerdem gibt es sehr viele Themen (Antisemitismus im Sozialismus, Leben als Asylant in Deutschland, Transsexualität und die jüngere politische Geschichte der Türkei) und Schauplätze. Das Buch ist also vermutlich nichts für Leute, die gerne lineare Bücher mit klarer Handlung und einheitlichem Stil lesen. Grade gegen Ende hätte dem Buch auch aus meiner Sicht etwas mehr Struktur vielleicht gut getan, aber bei einem Debutwerk kann man eine gewisse Wildheit finde ich auch mal gut verzeihen. Ich finde das Buch sticht aus der Masse definitiv heraus und war für mich deshalb definitiv sehr lesenswert.

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Lesetipp: „Die Optimierer“ von Theresa Hannig

Heute möchte ich eine spannende Neuerscheinung vorstellen, die sich mit brandaktuellen Zukunfts-Themen beschäftigt, nämlich den Roman „Die Optimierer“ von Theresa Hannig. Eigentlich lese ich nicht besonders gerne Bücher aus dem Genre Sci-Fi, allerdings handelt es sich bei dem Buch eher um eine unterhaltsame Gesellschaftskritik und -utopie, die auch für Leser geeignet ist, die nicht so gerne Bücher lesen, die in der Zukunft spielen.

„Die Optimierer“ von Theresa Hannig spielt im Jahr 2052. Deutschland gibt es nicht mehr, stattdessen haben sich einige Staaten zur sogenannten Bundesrepublik Europa
zusammengeschlossen.

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Auch der Kapitalimus ist „überwunden“ und durch die sogenannte Optimalwohlökonomie“ ersetzt, in der der Staat für jeden Bürger den optimalen Beruf und Lebensweg bestimmt (oder ihn sofern es keinen optimalen Beruf gibt in die Kontemplation – ergo ins Nichtstun – schickt), Roboter viele Arbeiten übernehmen und alle Bürger (natürlich zu ihrer eigenen Sicherheit) quasi nonstop überwacht werden.

Samson Freitag, die Hauptperson des Romans, ist Lebensberater im Staatsdienst und dafür zuständig die Bürger in für sie 100% passende Berufe und Lebenswege zu vermitteln. Samson ist ein pedantisch überzeugter Vertreter der Optimalwohlökonomie. Fast täglich schickt er digitale Verbesserungsvorschläge an die zuständige Stellen (ein Weg um wertvolle Sozialpunkte zu sammeln, die das eigene Standing in der Gesellschaft und den beruflichen Aufstieg sichern) und geht in seinem Beruf auf.
Dass seine Eltern und seine Freundin von der aktuellen Staatsform gar nicht so überzeugt sind wie er und seine begeistert naive Staatstreue eher nervig finden, kann er gar nicht nachvollziehen.

Doch dann gerät Samsons perfekt systemkonformes Leben so langsam aus den Fugen: seine Freundin verlässt ihn, eine Lebensberatung geht völlig schief, bei der Arbeit geht es generell steil bergab, seine Gesundheit macht ihm zu schaffen und während Samsons beruflichen Erfolge und Sozialpunkte dahin schwinden, gerät er immer mehr in einen Strudel der ihn bis in seine Grundfeste erschüttert.

Mir hat der Roman hervorragend gefallen, einerseits liest er sich extrem kurzweilig und spannend (ich glaube ich habe ihn in knapp 3 Stunden verschlungen),
besticht durch einen feinen Humor und ist trotzdem auch sehr beunruhigend, da man sich Vieles darin für die Zukunft zu 100% vorstellen kann, wenn man die Entwicklungen
der heutigen Zeit betrachtet. Vom Klappentext hatte ich eine moderne Art „1984“ oder „Schöne neue Welt“ erwartet, der Vergleich ist auch nicht ganz unpassend, wobei das Buch mit solchen Klassikern vielleicht doch nicht ganz mitteilen kann, denn die Gesellschaftskritik bleibt doch eher an der Oberfläche.
Dafür liest sich das Buch fast wie ein Krimi oder Thriller und hat einen sehr hohen Unterhaltungswert.

Möchte man etwas kritisieren, dann vielleicht, dass ich die erste Hälfte des Buches, in der die Gesellschaft in der Samson lebt überhaupt erst vorgestellt wird und die Samsons Absturz beschreibt etwas gelungener finde als die zweite Hälfte, wo Samsons Umgang mit seiner Situation und der Weg hin zur finalen Auflösung doch ein bisschen wie abgekürzt erzählt wird. Außerdem lässt sich eine überraschende Wende am Ende des Romans für geübte Leser wirklich leicht vorab erraten.
Dem Unterhaltungswert des Romans tut das aber keinen Abbruch, mir hat er insgesamt wirklich super gefallen.

 

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Lesetipp: „Und es schmilzt“ von Lize Spit

Heute möchte ich den Debütroman einer jungen belgischen Autorin, Lize Spit, vorstellen.

Ihr Buch „Und es schmilzt“ ist ein Roman, der mit sehr vielen Lobpreisungen überhäuft wurde (und auch einen Preis gewonnen hat) und Lize Spit wird quasi als neue junge „Wunderautorin“ angepriesen. Oft ist es ja so, dass man sich dann vor dem Lesen doch fragt ob das Buch diesen Erwartungen und Ankündigungen überhaupt gerecht werden kann, ich kann aber gleich sagen, dass ich es in diesem Fall wirklich mehr als zutreffend finde, denn das Buch ist wirklich außergewöhnlich, intensiv und erschütternd.

Die Handlung wird von der Hauptperson Eva erzählt, einer jungen Frau, die nach vielen Jahren auf Einladung ihres ehemaligen Schulfreundes Pim, das erste Mal wieder in ihr altes Heimatdorf zurückkehrt, im Gepäck nur viele Erinnerungen an die Vergangenheit und obskurerweise einen Eisblock. Dessen Bedeutung erfährt man erst im Laufe des Buches. Am Anfang weiß der Leser nicht viel, nur dass in der Kindheit Evas etwas Schlimmes passiert ist, dass Pims Bruder Jan damals zu Tode kam, dass Pim mit der Einladung dem 30. Geburtstag seines Bruders Jan gedenken will und dass Evas Besuch im Heimatdorf, etwas mit dieser Vergangenheit zu tun hat.

Die ersten 40 Seiten hatte ich etwas Schwierigkeiten in den Lesefluss zu finden, allein deswegen weil das Buch in einer Sprache geschrieben ist, bei der in fast jedem Nebensatz so viel steckt, dass man eigentlich erst mal drüber nachdenken muss. Trotzdem liest sich das Buch spannend und der Stil ist nicht kompliziert. Nachdem ich erst mal drin war, war das Buch wie ein Sog, bei dem man gar nicht mehr aufhören kann zu lesen.

Das Buch spielt in zwei Zeitebenen, die meiste Zeit erzählt Eva von dem schicksalhaften Jahr 2002, in dem sich für sie alles änderte und von ihrer Kindheit und familiären Situation. Dazwischen spielt das Buch in der Gegenwart und beschreibt Evas Fahrt in ihr Heimatdorf…wie alles zusammenhängt und was es mit dem Eisblock auf sich hat, erfährt der Leser so Scheibchen für Scheibchen.

Die große Stärke des Buches ist, wie es den Leser zum Nachdenken bringt und wie die ganze Geschichte relativ harmlos anfängt und ein immer größerer Gefühl der Bedrohung aufbaut. Zum Inhalt möchte ich in dieser Rezension gar nicht viel mehr verraten. Für mich definitiv eines der besten Bücher, das ich dieses Jahr gelesen habe, allerdings ist es sicher nicht für jeden geeignet, da gegen Ende einige Szene doch sehr brutal sind, allerdings für mich im Kontext des Buches völlig nachvollziehbar und notwendig. Trotzdem kann man das Buch empfindsamen Lesern nicht uneingeschränkt empfehlen. Wer gerne auch mal etwas wirklich Erschütterndes liest, kann mit diesem Buch aber definitiv nichts falsch machen.