Bücher

Lesetipp für ein Jugendbuch: „Ikarus fliegt“ von Sally Christie

„Ikarus fliegt“ von Sally Christie ist ein Jugendbuch für Jugendliche im Alter von 12 – 15 Jahren. Die Hauptrolle in dem Buch spielt Alex Meadows, ein Junge dessen hervorstechendste Charaktereigenschaften am Anfang des Buches wohl Vorsicht und maximaler Opportunismus sind, denn Alex hat vor nichts mehr Angst als davor in der Mittelschule negativ aufzufallen, oder überhaupt aufzufallen. Zu viel Angst hat er vor der Clique von Alan, einem Jungen der alle anderen herumschubst. Alex‘ neuer Nachbar (von den anderen Schülern nur Bogsy genannt) hat es gleich am Anfang seiner Schulkarriere geschafft bei Alan in Ungnade zu fallen und wird deswegen von Alan gepiesackt und von allen anderen Schülern gemieden. Auch Alex versucht sich deswegen so gut es geht von ihm fernzuhalten, was so weit geht, dass er sogar peinlichst darauf achtet nicht gleichzeitig mit Bogsy in den Bus ein- und auszusteigen, obwohl sie an der gleichen Haltestelle einsteigen.

Doch dann kommt Unruhe in die Klassengemeinschaft, alle Schüler erhalten plötzlich kleine Geheimbotschaften, die darauf hinweisen, dass bald ein Junge fliegen wird, wie Ikarus, der gerade im Unterricht behandelt wird? Was genau mit den Botschaften gemeint ist und von wem sie stammen ist unklar, aber als Alex zufällig etwas darüber herausfindet, muss er seine geliebte Deckung Stück für Stück aufgeben.

Mir hat das Buch insgesamt gut gefallen, wobei ich finde, dass es etwas langsam in Fahrt kommt und in der ersten Hälfte ein paar Längen hat. Die zweite Hälfte fand ich dann aber sehr spannend. Alex ist als Hauptcharakter zuerst relativ schwer zu mögen, aber ich denke sein Verhalten ist durchaus typisch und nachvollziehbar. Was mir auch gut gefallen hat, ist dass er sich seiner Charaktereigenschaften durchaus bewußt ist (so nimmt er z.B. wahr, dass sein kleiner Bruder Timmy viel mutiger und offener ist als er selbst) und dass er sich im Verlauf des Buches zwar weiterentwickelt, aber er bleibt mehr oder weniger ein „Held“ wider Willen und wird nicht plötzlich zu einem mutigen „Superhelden“, der es mit allen aufnimmt, was in solchen Geschichten ja gerne mal der Fall ist. Im Sinn dieser Charakterentwicklung finde ich das Buch sehr realistisch. Die Handlung an sich ist vielleicht nicht 100% glaubwürdig, denn im echten Leben würden sich zumindest die Erwachsenen (hoffentlich) etwas anders verhalten, aber darüber kann man in einem Roman denke ich mal hinweg sehen.

Insgesamt ein gutes Buch zum Thema Zivilcourage und Freundschaft mit einer Handlung, die aus der Masse herausragt. Vom Stil ist es wohl eher für Kinder und Jugendliche geeignet, die auch schon eher die ruhigen Töne schätzen können.

Bücher

Lesetipp: „Tage der Schuld“ – Ein Krimi aus dem Island der 70er Jahre

„Tage der Schuld“ ist ein weiterer Krimi aus der Kommissar Erlendur Reihe von Arnaldur Indridason. Die Krimireihe umfasst schon einige Bände, die in der Gegenwart spielen, dazu kommen inzwischen einige Romane, die in der Vergangenheit spielen und in denen Kommissar Erlendur als Jung-Kommissar oder dessen Vorgesetzter Marian Briem im Mittelpunkt stehen. Insgesamt haben mir die meisten Fälle der Kommissar Erlendur Reihe gut gefallen, wobei ich sagen muss, das es doch auch ein paar schwächere Bände gibt. Dazu gehörte für mich zum Beispiel „Duell“, das in den 70er Jahren spielt und etwas zäh daher kam. Deswegen war ich mir vorab nicht sicher ob mir „Tage der Schuld“ gefallen würde, denn auch dieser Band spielt in den (späten) 70er Jahren. Allerdings steht dort wieder Jung-Kommissar Erlendur im Mittelpunkt und nicht wie bei „Duell“ Marian Briem.

In dem Krimi wird ein junger Mann tot aufgefunden und zwar in einem künstlichen Salzwasser-See, einem „Abfallprodukt“ des nahe gelegenen Geothermalkraftwerks (dieses Abfallprodukt gibt es noch heute und zwar als weltbekannte stylisch teure Wellness-Oase „Blaue Lagune“ –> die Isländer waren schon immer findig im Vermarkten ihrer Produkte). Schnell stellt sich heraus, dass der Mann nicht dort starb, sondern durch einen Sturz aus hoher Höhe auf einen harten Untergrund. Kommissar Erlendur und Marian Briem versuchen hinter den Tod des Mannes kommes. Hat die nahegelegene US-Militärbasis auf der der Mann gearbeitet hat, etwas mit seinem Tod zu tun?

Parallel ist Kommissar Erlendur privat mit seinem Lieblingsthema beschäftigt, von dem er seit dem Verschwinden seines eigenen Bruders als Kind besessen ist, dem spurlosen Verschwinden von Menschen auf Island. Konkret lässt ihn der alte Fall eines jungen Mädchens nicht los, das kurz nach ihrem 18. Geburtstag ihr Haus verließ und auf dem Schulweg spurlos verschwand. Auf eigene Faust versucht er den Fall noch mal aufzurollen und rauszufinden, was mit dem Mädchen passiert ist.

Die Kriminalfälle in „Tage der Schuld“ fand ich gut gelungen, beide sind spannend und interessant und man erfährt wie nebenbei noch interessante historische Informationen über Island, zum Beispiel über das ambivalente Verhältnis der Isländer zu der amerikanischen Militärpräsenz auf Island, über den Einfluß des Kalten Krieges auf das Land oder darüber wie die „Blaue Lagune“ tatsächlich entstanden ist (wußte ich auch nicht, obwohl ich auch schon darin geschwommen bin).

Der Schreibstil ist wie immer eher nüchtern und knapp, was manchmal ein bisschen dazu führt, dass selbst in spannenden oder lebensbedrohenden Situationen kein richtiges Gefühl für Gefahr aufkommt. Mir gefällt der Schreibstil von Indridason als Abwechslung von dynamischeren oder verspielteren Autoren aber zwischendrin immer gut. Als Schwäche könnte man dem Roman eventuell noch auslegen, dass die beiden Kriminalfälle nichts miteinander zu tun haben, so dass man eigentlich 2 Krimis in Einem liest. Da mir beide Handlungsstränge gefallen haben, ist das für mich aber kein Nachteil.

 

Bücher

Lesetipps zum Herbstanfang

Diesen Monat möchte ich zwei sehr unterschiedliche Romane vorstellen, einmal ein solider Thriller von Sebastian Fitzek, der mich leider nicht komplett vom Hocker gerissen hat und zweitens einen sehr intensiven gesellschaftskritischen Roman, der perfekt in die heutigen Zeiten passt:

T.C. Boyle – América (Genre: Belletristik)

„América“ (im Original „The Tortilla Curtain“) von T.C. Boyle ist ein gesellschaftskritischer Roman von 1996, der aber genauso gut 2016 oder 2017 geschrieben sein könnte, denn er hat nichts von seiner Aktualität verloren. Der Roman spielt im Kalifornien der 90er Jahre und liest sich fast wie eine groteske griechische Tragödie, an der allerdings nichts unrealistisch ist (bis auf vielleicht das etwas überzogene Ende, das aber ein sicherlich absichtliches Stilmittel ist und den Roman gelungen abrundet). Am Anfang des Romans treffen zwei Welten aufeinander. Delaney Mossbacher, der mit seiner Frau, seinem Sohn, 2 Hunden und einer Katze in einem exklusiven Wohngebiet in den Hügeln oberhalb von Los Angeles lebt, ist ganz selbsternannter Naturmensch, er verdient sein Geld damit in den Canyons von Kalifornien umherzuwandern und in Naturzeitschriften Kolumnen über Flora und Fauna zu schreiben (den tatsächlichen Lebensunterhalt der Familie verdient zum Glück seine Frau, die als Maklerin 6 Tage die Woche 10 Stunden arbeitet). Delaney liebt die Natur direkt vor der Haustür, zumindest solange bis Koyoten die Haustierpopulation der Mossbachers empfindlich dezimieren.

Als wäre das nicht schlimm genug, fährt Delaney Mossbacher auf der Heimfahrt auf der Canyon Straße auch noch einen Mann an, einen offenbar illegalen mexikanischen Einwanderer (der den Vorschlag einen Arzt zu rufen vehement ablehnt) und von Delaney trotz schwerer Verletzungen im Eifer des Gefechts mit 20 Dollar „Schmerzensgeld“ abgefertigt wird. Diese Szene ist der Einstieg des Buches und legt den Grundstein für einen Strudel an Ereignissen, der immer abwechselnd aus Sicht von Delaney und Cándido (dem Unfallopfer) erzählt wird. Cándido ist das genaue Gegenteil von den Mossbachers, er ist mit seiner jungen schwangeren 17-jährigen Freundin América aus Mexiko in die USA gekommen, um Geld zu verdienen. Statt großer Träume von einem eigenen Haus finden die beiden sich in einem behelfsmäßigen selbstgebastelten Lager im Canyon wieder und anstatt Arbeit (mit einem Stundenlohn von 3-4 Dollar) zu finden, versucht Candido von seinen Verletzungen zu genesen, während América sich auf Arbeitssuche macht. Ab diesem Zeitpunkt geht es für Delaney und Candido quasi nur noch bergab und die Ereignisse eskalieren immer schneller und schlimmer, bis zum dramatischen Finale…trotz der harten Kost liest sich der Roman dank der ironischen und bissigen Erzählweise nie zu deprimierend, dabei ist er auch noch hochspannend und eine hervorragende Analyse der heutigen Gesellschaft und Trumps USA, die sich aber auch problemlos auf unsere eigene Gesellschaft übertragen lässt und verdeutlich was passiert, wenn Leute nur noch angstgetrieben agieren und reagieren.

Sebastian Fitzek – „Achtnacht“ (Genre: Thriller)

Romane von Sebastian Fitzek lese ich meist nur, wenn ich sie mir von Verwandten oder Freunden ausleihen kann, da ich zugeben muss, dass ich mit dem Autor meist nicht 100% warm werde. Manchmal sind mir seine Bücher zu brutal, manchmal zu reißerisch, so richtig vom Hocker gerissen hat mich selten eins. Trotzdem bieten sie in der Regel kurzweilige Unterhaltung, weswegen ich zwischendurch doch immer wieder zugreife.

„Achtnacht“ hat auf den ersten paar Seiten sofort mein Interesse geweckt, die Story fängt mit viel Dynamik an und auch die Thematik, die total in das heutige Smartphone und Social Media affine Zeitalter passt und einige Themen überzeugend aufgreift, haben in mir zunächst den Eindruck geweckt, dass das mal ein Fitzek sein könnte, der mich von Anfang bis Ende überzeugt.

Der Hauptprotagonist Ben, ein beruflich und privat gescheiterter Familienvater findet sich plötzlich in einem Albtraum wieder, er ist auf der Todesliste eines ominösen Internet-Spiels gelandet, im Zuge dessen ein per Los ausgewählter Mensch für eine Nacht „vogelfrei“ erklärt wird, das heißt alle anderen Menschen dürfen den Ausgewählten töten ohne Konsequenzen fürchten zu müssen und es winkt ein Kopfgeld von 10 Millionen Euro. Gleichzeitig versucht Ben auch noch herauszufinden warum seine körperbehinderte Tochter Selbstmord begangen hat, oder steckt doch etwas anderes hinter ihrem Sturz vom Dach ihres Appartments?

Gut gefallen hat mir an dem Roman die Unklarheit des Spiels, existiert es wirklich, ist es nur ein durch einen Massenhype im Internet außer Kontrolle geratenes Experiment? Vieles in dem Buch hat erschreckend viel mit der heutigen Social Media Realität zu tun und scheint angesichts von Shitstorm, Selfie- und Youtube Wahn duchaus vorstellbar.

Leider passiert in Fitzeks Buch dann aber was fast immer passiert, die Handlung wird einfach immer überzogener und abstruser und irgendwann geht dadurch die ganze Spannung verloren (hier wäre weniger oft mehr), weswegen ich dem Buch am Ende doch wieder nur eine mittelmäßige Gesamtbewertung geben kann. Wer die Romane von Fitzek mag, kann mit diesen Buch aber sicherlich nicht viel falsch machen.

 

Bücher

Noch mehr Lesetipps für den Sommer

Heute möchte ich zwei weitere Bücher vorstellen, das erste ist ein historischer Krimi, eigentlich lese ich nicht besonders gerne und nur sehr selten historische Romane, aber da dieser Krimi in Indien spielt (ein Land, mit dem ich mich gerade sowieso viel beschäftige) und sehr gute Kritiken bekommen hat, hab ich mal eine Ausnahme gemacht. Dazu kommt eine sehr ausgefallene Kurzgeschichtensammlung abseits des Mainstreams:

Abir Mukherjee – „A Rising Man“ (Genre: Krimi)

„A Rising Man“ ist der Auftakt einer neuen Krimireihe des indisch-stämmigen britischen Autors Abir Mukherjee. Der Roman spielt in Indien, im Jahre 1919, zu Zeiten des britischen Kolonialismus. Der britische Polizist Sam Wyndham hat erst vor kurzen eine Stelle in Kalkutta begonnen, dort will er seine Vergangenheit,die Zeit als Soldat im ersten Weltkrieg und den Tod seiner Ehefrau hinter sich lassen.

Doch er hat kaum Zeit sich an die neue und anstrengende Umgebung zu gewöhnen, den gleich sein erster Fall ist hoch-brisant und politisch, ein hochrangiger britischer Staatsbediensteter wird in einer eher schlechten Gegend Kalkuttas mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden, in seinem Mund steckt ein Papier, das die britischen Besetzer bedroht. Handelt es sich bei dem Mord um einen Angriff indischer Freiheitskämpfer auf die britischen Besatzer?

Zusammen mit dem englischen Kollegen Digby und dem jungen indischen Sergeant Banerjee „Surrender-not“, versucht Wyndham hinter die Hintergründe des Mordes zu kommen.

Das Buch nimmt sich im ersten Viertel viel Zeit um die Charaktere und das Setting vorzustellen, der Fall bleibt lange undurchsichtig und ist auch für versierte Krimileser nicht einfach vorauszusehen, einzelne Entwicklungen kann man sich zwar denken, aber der Fall wird nach und nach entwirrt, das Buch nimmt dabei in der Mitte und im zweiten Drittel so richtig Fahrt auf, um dann im letzten Viertel wiederum feinsäuberlich alles zu entwirren. Mir hat das ganz hervorragend gefallen, das Buch findet außerdem eine gelungene Mischung aus historischen Informationen, so dass man viel über die damalige Zeit und die Konflikte lernt, aber ohne dass dadurch der Unterhaltungswert der Geschichte leidet. Außerdem besticht das Buch durch einen feinen und ironischen Humor, der immer wieder durchscheint.

Ich habe das Buch im englischen Original gelesen, die deutsche Ausgabe heißt „Ein angesehener Mann“. Natürlich kann ich die Qualität der Übersetzung nicht beurteilen.

Leveret Pale – „Wenn Soziopathen träumen“ (Genre: Horror)

„Wenn Soziopathen träumen“ ist meine zweite Kurzgeschichten Sammlung des jungen deutschen Autors Leveret Pale, der schon einige Kurzgeschichtenbänder und Romane im Bereich Horror und Dark Fantasy veröffentlicht hat.

Die Kurzgeschichtensammlung „Wahn“ hat mir so gut gefallen, dass ich auch diesen neuen Band unbedingt lesen wollte. Die Kurzgeschichten in dem Buch sind teilweise sehr kurz, teilweise ziemlich lang und unterscheiden sich auch inhaltlich und stilistisch teilweise sehr voneinander, man merkt auch finde ich eine deutliche Weiterentwicklung im Vergleich zu dem Band Wahn, so sind einige Bücher völlig abgedreht und fühlen sich an wie in irrer Drogentrip (für nicht so informierte enthält das Buch am Ende übrigens einen Glossar mit allen wichtigen Infos zum Thema Drogen und Soziopathen), andere erschrecken grade durch eine eher kühle und nüchterne Erzählweise und eine längere Geschichte stammt aus dem Universum von Pales Dark Fantasy Reihe, ist deswegen stilistisch auch noch mal ganz anders, hat mir aber sogar mit am Besten gefallen und Lust darauf gemacht auch diese Romane irgendwann zu lesen.

Natürlich ist das nicht unbedingt ein Buch für jedermann, vorne ist ein Warnhinweis: „Dieses Buch enthält explizite Beschreibungen von Drogenkonsum, Sex, Gewalt, Blasphemie und Wahnsinn.“ und wer sich davon jetzt abschrecken lässt, der sollte die Bücher von Leveret Pale wohl lieber nicht in die Hand nehmen 😉

Mir gefällt an den Büchern vor allem die Kreativität abseits des Horror Mainstreams, die stilistischen Spielereien und für mich bleibt Leveret Pale deswegen einer der interessantesten Autoren im deutschsprachigen Horror und Fantasybereich.

Bücher

Literarischer Sommer – Zwei außergewöhnliche Bücher

Im Juni habe ich nicht ganz so viele Bücher gelesen wie sonst manchmal (da ich auch ein paar Tage im Urlaub war), dafür waren zwei dabei, die ich wirklich gelungen und außergewöhnlich fand:

Bente Seebrandt – „Im Licht der Nebensonnen“ (Genre: Belletristik)

„Im Licht der Nebensonnen“ hat gleich aus mehreren Gründen meine Aufmerksamkeit erregt, erstens fand ich den Titel schon mal sehr kryptisch und deswegen interessant, zweitens gefiel mir, dass es die Hauptfigur aus Stuttgart (wo ich auch ungefähr herkomme) an die Nordsee verschlägt und drittens fand ich sehr spannend, dass der Roman laut Untertitel nach „Motiven von Theodor Storm“ geschrieben wurde. Unter letzterem konnte ich mir zunächst wenig vorstellen, außerdem bin ich mit dem Werk von Theodor Storm nicht so vertraut (kenne wie vermutlich die meisten Menschen nur den „Schimmelreiter“). Deswegen hab ich mich gefragt, ob das ein Manko darstellen würde, aber das ist keineswegs der Fall. Theodor Storm wird zwar in dem Roman immer wieder eingeflochten, vor allem aber basiert der Inhalt der Geschichte auf einer anderen Novelle von Theodor Storm („Aquis submersus“), wobei es aber keineswegs das Lesevergnügen stört, wenn man diese nicht kennt.

Zu Beginn des Romans zieht der Kunstlehrer David nach einer gescheiterten Beziehung von Stuttgart nach Husum (der Geburtsort von Theodor Storm), wo er eine Stelle am örtlichen Gymnasium angenommen hat. Das Einleben an der Nordsee fällt ihm zunächst nicht sehr leicht, vermisst er doch einerseits die typische schwäbische Landschaft und ist andererseits noch nicht wirklich über seine Ex-Freundin hinweg. Bei einem gemeinsamen Seminar lernt er die Lehrerin einer benachbarten Berufsschule kennen, Louise, von der er sofort fasziniert ist. Sie lebt scheinbar idyllisch und zufrieden zusammen mit ihrem Mann (einem Dorfpfarrer) und 3 Kindern in einem Nachbardorf. Doch schon bei den ersten Begegnungen wird David schnell klar, dass irgendwas mit Louise nicht ganz zu stimmen scheint, trotzdem kann er sich ihrer Anziehungskraft nicht erwehren.

Die Geschichte ist abwechselnd aus Sicht von David und aus Sicht von Louise erzählt, es handelt sich im Prinzip um eine tragische Liebes- und Familiengeschichte, die trotz vieler dramatischer Ereignisse in einer ruhigen fast lakonischen und etwas altmodischen Sprache daher kommt, die aber sehr gut zu dem Theodor Storm Bezug passt. Man hat ein bisschen das Gefühl eine Art „griechische Tragödie“ zu lesen, obwohl alles in eine modernes Setting eingebettet ist. Mir hat das Buch hervorragend gefallen, weil es wirklich mal etwas anderes war.

Bov Bjerg – „Auerhaus“ (Genre: Belletristik)

„Auerhaus“ ist ein Buch, das durch ein schlichtes aber irgendwie interessantes Cover auf sich aufmerksam macht. Das Buch spielt in den 80er Jahren in einem ungenannten Dorf (am Ende des Buches erschloss sich aber aus dem Kontext, dass es sich wohl um ein Dorf in Süddeutschland handeln dürfte). Der jugendliche Ich-Erzähler hat eigentlich ganz normale Teenager Sorgen, das Abi steht vor der Tür, dahinter die unbekannte Zukunft und auch die anstehende Musterung zur Bundeswehr hängt wie ein Damoklesschwert über dem nicht sehr wehrpflichts-motivierten Erzähler.

Dazu kommt aber plötzlich noch eine ganze andere schockierende Sorge, denn Frieder, ein Freund des Ich-Erzählers (dessen Vorname übrigens konsequent nicht genannt wird) versucht sich umzubringen und landet erst mal für längere Zeit in der Psychatrie. Da Ärzte und alle anderen es für sinnvoll erachten, dass Frieder nach der Entlassung nicht mehr in sein Elternhaus zurückkehrt, ergibt sich eine ungewöhnliche Konstellation, Frieder und sein Freund ziehen gemeinsam mit 2 weiteren weiblichen Schulkameradinnen in das Haus von Frieders verstorbenem Großvater, das „Auerhaus“ (der Grund für den Namen wird im Laufe des Buches aufgelöst und ist etwas auf das man selber wohl eher nicht kommen wird, aber sehr amüsant). Wie realistisch dieses Szenario wirklich ist sei dahingestellt, aber im Buch funktioniert die Geschichte hervorragend. Im Folgenden zieht die „Kommune“ oder „WG“ bald noch einige weitere eher unkonventionelle Bewohner an und das Buch erzählt oft flapsig und humorvoll von den Erlebnissen der Teenager und ihrer Entwicklung. Immer im Hintergrund lauert dabei die Sorge des Erzählers, dass Frieder wieder Selbstmord begehen könnte.

Trotz des ernsten Themas ist das Buch oft humorvoll, teils skurril und sehr charmant, außerdem liest es sich sehr leicht und flüssig. In einigen Rezensionen wurde es mit „Tschick“ verglichen, der Vergleich ist aus meiner Sicht eher unnötig und ganz reicht das Buch (abgesehen davon, dass das Thema nicht wirklich soooo ähnlich ist) denke ich auch an dieses „Vorbild“ nicht heran, trotzdem hat es mir sehr gut gefallen.

Bücher

Noch mehr literarischer Mai: Bissige Gesellschaftskritik, plus Übersinnliches von Stephen King

Heute möchte ich zwei Bücher vorstellen, die mir besonders gut gefallen haben, das erste war ein ziemlich dicker Wälzer, „Unterleuten“ von Juli Zeh, das zweite „Mind Control“, der Abschluss der „Mr. Mercedes“ Thriller Trilogie von Stephen King.

Juli Zeh – „Unterleuten“ (Genre: Belletristik)

„Unterleuten“ (sicher nicht unabsichtlich genauso zu Lesen wie „Unter Leuten“) ist ein kleines fiktives Dorf in Brandenburg mit ca. 200 Einwohnern, in dem auf den ersten Blick die Welt noch in Ordnung ist. Dort lebt im Jahr 2010 (daran erkennbar, dass einige reale Ereignisse aus diesem Jahr aufgegriffen werden) eine interessante Mischung aus alten Dorfbewohnern, die schon ihr ganzes Leben in dem kleinen Dorf verbracht haben und zugezogenen Menschen aus Berlin oder Westdeutschland, die versuchen dem hektischen Leben der Großstadt durch die Flucht in das ländliche Idyll zu entfliehen.

Der Anfang des Buches lässt sich viel Zeit die verschiedenen Charaktere vorzustellen, jedes Kapitel ist durchgängig durchs ganze Buch immer abwechselnd aus Sicht eines anderen Charakters erzählt. Dies bedingt natürlich viele Perspektivenwechsel, mich hat das aber überhaupt nicht gestört, ich mag diese Erzählweise generell sehr gerne. Die Charaktere sind dabei einerseits herrlich aus dem Leben gegriffen und gleichzeitig überzeichnet, der wutbürgerliche Dauermotzer Kron, der sich in einer jahrzehntelangem Dauerstreit mit dem einerseits abstoßenden, andererseits trotzdem erschreckend menschlichem Dorf-Tycoon befindet. Hinzu kommen unter anderem der opportunistische Bürgermeister, eine westdeutsche Pferdeflüsterin, der es vom großen Gestüt für ihre große Liebe (ihr Pferd) träumt, ihr etwas verweichlichter IT-Freund, der neben dem Pferd immer die Nebenrolle spielt, der militante Möchtegern-Tierschützer und seine junge Frau mit Baby, der prollige Automechaniker der scheinbar grundlos seine Nachbarn schikaniert, der gewissenlose aber einsame reiche Immobilienhai aus Bayern, der das halbe Land rund um Unterleuten gekauft hat, nur weil er es konnte…alle verfolgen in diesem kleinen Dorf ihre eigene Agenda oder möchten einfach nur in Ruhe leben. Schon bevor etwas passiert ist der idyllische Frieden im Dorf wohl nur ein oberflächlicher Schein, doch richtig Leben in die Bude kommt als ein (Wortspiel 😛 ) windiger junger Business-Schnösel bei einer Gemeindeversammlung von den Plänen seiner Firma fürs Dorf berichtet, ein Windpark mit 10 Windrädern soll errichtet werden, auf einem der wenigen Grundstücke, die dafür in Frage kommen.

In Folge dessen brechen die in Unterleuten schwelenden Konflikte erst so richtig auf, Intrigen und Eigeninteressen führen zu immer mehr Mißtrauen und auch lange verborgene Geheimnisse der Dorfgeschichte werden wieder an die Oberfläche gespült.

Die Geschichte ist für mich ein bisschen im Stil einer Groteske erzählt, wirkt aber keineswegs überzogen und unglaubwürdig. Die Ereignisse im Dorf ergeben ein fast perfektes Abbild der heute (gefühlt etwas aus den Fugen geratenen) globalisierten Welt des Raubtier-Kapitalismus in der sich jeder selbst der Nächste ist, während er entweder so tut als wolle er nur Gutes oder es vielleicht sogar noch tragischer vielleicht selbst glaubt. Das Buch funktioniert deswegen zweigleisig, einmal tatsächlich als Roman über die abgeschiedene Welt einer winzigen Dorfgemeinschaft, andererseits als Gesellschaftskritik. Für mich ein wirklich hervorragender Roman.

Stephen King – „Mind Control“ (Genre: Thriller)

„Mind Control“ ist der 3. und letzte Teil von Stephen Kings Thriller-Reihe um den pensionierten Polizisten Bill Hodges. Die fortlaufende Reihe fing im ersten Teil ursprünglich mit einem ganz klassischen Thriller an, ohne übersinnliche Elemente und ich fand, dass Stephen King da einen sehr guten Job gemacht hat. In Band 1 („Mr. Mercedes“) dreht sich alles um die Gräueltat von Brady Hartsfield, der mit einem gestohlenen Mercedes in die Warteschlange vor einer Job-Messe raste und zahlreiche Menschen tötete und verletzte. Am Ende des 1. Bandes gelingt es Hodges gemeinsam mit seinem engsten Team Hartsfield zu überwältigen, dieser dämmert seitdem mit schweren Hirnverletzungen in einer Klinik vor sich hin. Er ist zwar inzwischen aus dem Koma erwacht, aber angeblich nicht in der Lage zu sprechen oder mit seiner Umwelt zu interagieren. Doch schon im 2. Band der Reihe („Finderlohn“), in der Hartsfield nur eine Nebenrolle spielt, hat Hodges Zweifel daran.

Im 3. Band dreht sich nun wiederum alles um Bill Hodges und seine Fehde mit Hartsfield. Am Anfang der Reihe kommt es zu einigen aufsehenerregenden Selbstmorden, die Opfer waren Betroffene des ursprünglichen Mercedes Massakers, weswegen ein befreundeter Polizist Bill Hodges und seine Assistenten Holly zum Tatort ruft.
Hodges (der inzwischen 70 Jahre alt ist und mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat) und Holly kommen schnell Zweifel an dem angeblichen Selbstmord und als es zu noch mehr aufsehenerregenden Vorfällen rund um Brady Hartsfield und seiner Vergangenheit kommt, müssen die beiden bald erkennen, dass Hodges Zweifel an Hartsfields Zustand mehr als berechtigt war.

Ich muss zugeben, dass ich vor Beginn des Buches etwas Zweifel hatte, ob es mir so gut gefallen würde, weil schon am Klappentext ablesbar war, dass übersinnliche Phänomene in dem Buch eine recht große Rolle spielen würden und mir aber irgendwie gefallen hatte, dass es sich in der Reihe bisher eben primär nur um ganz „normale“ Krimis gehandelt hatte. Allerdings hat mir das Buch dann doch ganz hervorragend gefallen, denn die Ereignisse werden spannend erzählt, die inzwischen ziemlich lieb gewonnenen Charaktere interagieren King-typisch und die Geschichte bringt die Krimi-Reihe zu einem zwar etwas traurigen aber gelungenen Abschluss.
Ein bisschen Abzug gibt es von mir lediglich dafür, dass die Geschichte in der Mitte zeitweise etwas an Fahrt verliert, die sie aber am Ende definitiv wieder gewinnt. Insgesamt hat mir diese Trilogie von Stephen Kind super gefallen, Neueinsteiger sollten aber unbedingt alle 3 Bände lesen, vor allem der letzte Band lässt sich ohne Vorgängerwissen sicher eher schlecht genießen.

 

Bücher

Buchtipps zum Osterfest – Lustig und nachdenklich

Diesen Monat war ich eine Woche im Urlaub, weswegen ich eine leichte Urlaubslektüre für unterwegs gebraucht habe. Was würde sich dafür mehr anbieten als ein „Bilderreisetagebuch“ von Deutschlands Comedy Star Martina Hill? Außerdem habe ich einen „Coming-Of-Age“ Roman über ein junges Mädchen auf Sinnsuche gelesen, der mir ebenfalls sehr gut gefallen hat:

Martina Hill – „Was mache ich hier eigentlich“ (Genre: Reise/Comedy)

„Was mach ich hier eigentlich“ von Martina Hill habe ich mir gekauft, da ich ein großer Fan von Martinas Serie „Knallerfrauen“ bin und Martina Hill aktuell meine deutsche Lieblings-Komödiantin ist. Deswegen dachte ich, dass ich mit ihrem kleinen und vom Umfang recht übersichtlichen Büchlein über ihren Kurztrip nach China auch nichts falsch machen kann. Meine Vermutung wurde auch durchaus bestätigt.

Hintergrund des Buches ist, dass Martina es wohl geschafft hat mit ihrer Serie „Knallerfrauen“ in China zu einer gewissen Bekanntheit zu gelangen, da sich Folgen der Serie mit Untertiteln in chinesischen sozialen Netzwerken verbreitet haben und ihr Humor dort gut ankam (was ich ganz witzig finde, da der Humor „Knallerfrauen“ ja durchaus teilweise recht „speziell“ daher kommen kann und viele Sketche ja auch durchaus textlastig sind. Allerdings ist das wohl kein chinesisches Phänomen, denn eine amerikanische Facebook Freundin von mir hat auch schonmal einen Ausschnitt aus „Knallerfrauen“ geteilt). Martina wurde deswegen nach China eingeladen um mit einem chinesischen Comedian ein paar Sketche fürs chinesische Fernsehen zu drehen.

In dem Buch erzählt Martina von ihrer Reise nach China, den Dreharbeiten, ihrer Flugangst und ihrem Besuch einiger (sehr mainstream-lastigen) chinesischen Sehenswürdigkeiten. Sprachlich ist das Buch leicht, etwas flapsig und Slapstick-artig geschrieben und mit einigen persönlichen Anekdoten aus Martinas Kindheit und Jugend garniert, die auch sehr nett sind, um einen kleinen Eindruck in ihr Leben zu bekommen. Große Literatur ist das natürlich nicht und auch als richtiges Reisetagebuch oder um wirklich etwas Tiefgehendes über China zu erfahren eignet sich das Buch nicht, dazu bleibt es zu anekdotisch und oberflächlich. Es ist aber eine unterhaltsame und charmante leichte Lektüre für zwischendurch. Ich habe das Buch wie oben angemerkt selbst auf einer Urlaubsreise gelesen (allerdings nicht nach China 😉 ) und für solche Gelegenheiten ist es genau das Richtige, vorausgesetzt natürlich man kann mit Martina Hill und ihrem Humor generell etwas anfangen.

Jan Schomburg – „Das Licht und die Geräusche“ (Genre: Belletristik)

Im Mittelpunkt von „Das Licht und die Geräusche“ stehen 3 Jugendliche oder junge Erwachsene (das genaue Alter wird soweit ich mich erinnere nicht erwähnt), Johanna, Boris und Ana-Clara. Johanna ist in ihren Schulkameraden Boris verliebt, der aus Portugal nach Deutschland zurück gezogen ist und in Johannas Schulklasse gekommen ist. Irgendwie entwickelt sich zwischen den beiden aber nie etwas Romantisches, Boris ist offiziell noch mit seiner portugiesischen Freundin Ana-Clara zusammen, auf die Johanna entsprechend eifersüchtig reagiert. Obwohl sich Johanna mehr wünscht, bleiben sie und Boris nur enge Freunde.

Zumindest bis zu dem Zeitpunkt wo Boris anfängt sich merkwürdig zu verhalten und plötzlich verschwindet. Jetzt verändert sich alles und Johanna muss auf die Suche nach ihm gehen…

Ohne zu viel über den Inhalt des Buches verraten zu wollen, sind die zentralen Themen im Buch wohl die Liebe, das Erwachsen werden und die Suche nach sich selbst. Was dem Autor aus meiner Sicht wirklich hervorragend gelungen ist, ist das Schreiben aus Sicht von Johannas Gefühlswelt heraus, das Buch fühlt sich wirklich so an, als würde man in Johannas Gedanken stecken bzw. als wäre man selbst Johanna…dadurch kommt man ihrem Leben irgendwie sehr nahe und alles ist unheimlich authentisch. Für mich hat er die oftmals egozentrischen, unlogischen und unsicheren Gedanken, die man als Teenager hat auch wirklich glaubwürdig eingefangen und die Teile des Buches, die die Interaktion von Johanna mit Schulkameraden und mit ihrer Familie schildern, fand ich wirklich sehr überzeugend.

Das Highlight des Buches für mich war allerdings die Sprache, die gleichzeitig einfach und direkt ist, aber trotzdem poetisch und speziell. Gleichzeitig ist die Erzählweise etwas sprunghaft, was manche Lesen stören könnte, für mich hat es super zum Buch gepasst.

Als Schwäche würde ich nennen, dass die Handlung an sich etwas vorhersehbar ist und das Buch auch sicher nichts für Menschen ist, für die eine überzeugende Storyline das Wichtigste an einem Buch ist. Da mich die Sprache aber so überzeugt hat, fand ich das Buch trotzdem sehr lesenwert.

Bücher

Buchtipps fürs Frühjahr

Im März habe ich zwei sehr unterschiedliche Bücher gelesen, einmal einen spannenden Horrorthriller für Zwischendurch und einmal eine interessante und humorvolle Lebensgeschichte aus Irland:

John Boyne – The Heart’s Invisible Furies (Genre: Belletristik)

„The Heart’s Invisible Furies“ war mein erster Roman von John Boyne. Protagonist des Romans, der eine Zeitspanne von 1945 bis heute umfasst ist Cyril Avery. Cyril wird im Irland der 40er Jahre als uneheliches Kind einer jungen Teenager Mutter geboren, die wegen ihrer Schwangerschaft vom katholischen Priester ihrer kleinen Dorfgemeinde des Ortes verwiesen wird und sich alleine und praktisch ohne Geld nach Dublin durchschlägt. Cyril gibt sie wegen mangelnder Perspektiven nach der Geburt zur Adoption frei, so dass er von einem reichen aber ziemlich schrulligen Ehepaar adoptiert wird.

Das Buch erzählt Cyrils Leben von seiner Geburt (auch die Geschichte seiner Mutter kommt nicht zu kurz) bis ins hohe Alter, wobei jedes Kapitel 7 Jahre später spielt als das Kapitel zu vor. So bekommt man in unterschiedlichen Episoden Einblick in die Entwicklung von Cyril und die Irrungen und Wirrungen seines Erwachsenenlebens. Im Mittelpunkt steht dabei die Suche von Cyril nach seiner sexuellen Identität, denn er wächst im erzkatholischen und bigotten Irland als schwuler Junge und Mann auf und hat mit vielen Schwierigkeiten und Hürden zu kämpfen, schon allein deswegen weil Homosexualität in Irland (genau wie in Deutschland) damals nicht nur verpönt, sondern sogar verboten war und verfolgt wurde. Heute erscheint das fast nicht mehr denkbar, doch sollte man bedenken, dass das Gesetz das Homosexualität unter Männern verbietet in Deutschland erst 1994 aufgehoben wurde. Und erst gerade diese Woche wurde nach jahrzehntelangem Ringen ein Gesetz erlassen, dass die Männer, die nach dem „Schwulen-Paragraphen“ verurteilt wurden rehabilitiert und die noch Lebenden zumindest finanziell etwas entschädigt. In Irland dürfte diese Entwicklung zeitlich ähnlich verlaufen sein wie in Deutschland, obwohl die katholische Kirche dort natürlich noch viel länger sehr viel Macht hat (um so erstaunlicher ist es, dass Irland das erste Land der Welt war, dass die „Ehe für alle“ tatsächlich durch einen Volksentscheid eingeführt hat, auch dieser Entscheid wird in dem Buch kurz thematisiert). So spielt dieses Thema im Roman eine tragende Rolle, wird aber mit sehr viel schwarzen und teils auch Slapstick-artigem Humor erzählt, der vor allem in der ersten Hälfte des Buches in den skurrilen Dialogen seine volle Wirkung entfalten kann. Im zweiten Teil des Buches wird alles etwas ernster, was aber gut zur Entwicklung der Geschichte passt, denn auch Cyril wird immer reifer und erwachsener und kommt mit sich selbst, seinem Leben und seinem Heimatland ins Reine.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, auch wenn es auch ein paar Schwächen aufweist. Der Autor verwendet einige stilistische Kniffe, vor allem spielen Zufälle eine sehr große Rolle in dem Buch, so wie das etwas sehr gehäufte Auftreten von dramatischen Ereignissen. Das alles führt dazu, dass das Buch nicht wirklich realistisch wirkt, allerdings war das aus meiner Sicht ein absichtlich gewähltes Stilmittel. Durch die häufige Benutzung nutzt es sich allerdings doch ein bisschen ab. Trotzdem finde ich das Buch sehr lesenswert. Ich habe es im englischen Original gelesen. Das Englisch ist angenehm zu lesen und ich würde sagen „mittelschwer“.

Isa Grimm – Klammroth (Genre: Thriller/Horror)

„Klammroth“ ist seit längerer Zeit der erste Thriller bzw. Horrorroman den ich lese. Eigentlich mag ich das Genre ganz gerne, allerdings finde ich dass die meisten Bücher doch sehr nach dem gleichen Schema geschrieben sind, so dass sich das Genre schnell abnutzt wenn man viele thematisch ähnliche Bücher liest. „Klammroth“ von der unter einem Pseudonym schreibenden Autorin Isa Grimm sticht allerdings definitiv aus dem Einheitsbrei heraus und hat mich sehr gut unterhalten. Die Einordnung in ein Genre finde ich übrigens etwas schwierig, das Buch scheint als Horror geführt zu werden, allerdings halten sich übernatürliche Aspekte doch eher in Grenzen und auch von der Atmosphäre her hatte ich eher das Gefühl einen psychologischen Thriller mit leichtem Mystery-Touch zu lesen.

Zur Story: Anais stammt aus dem ehemals touristisch attraktiven Weindorf „Klammroth“. Im Alter von 16 Jahren hat sie mit relativ milden Verletzungen ein schreckliches Brandunglück in einem alten Verkehrstunnel bei ihrem Heimatort überlebt, bei dem unzählige ihrer Klassenkameraden verbrannten oder schwer verletzt wurden. Damals „floh“ Anais mehr oder weniger ins Internat und kehre nie mehr wirklich in ihr Heimatdorf zurück. Viele Jahre später muss sie dann zurückkehren, gemeinsam mit ihrer 14-jährigen Tochter, denn ihre Stiefmutter wurde tot aufgefunden, ebenfalls verbrannt in Anais altem Elternhaus. Eigentlich will Anais nur so schnell wie möglich die Formalitäten regeln, denn ihre Stiefmutter (die nach dem Unglück nach Klammroth kam und – geschäftstüchtig – eine Schmerzklinik für Brandopfer eröffnete und Anais‘ Vater kennenlernte) stand ihr sowieso nie nah und an ihre Vergangenheit möchte sie möglichst wenig erinnert werden. Doch kaum in Klammroth angekommen trifft Anais auf Menschen aus ihrer Vergangenheit und wird in die Aufarbeitung der aktuellen und damaligen Ereignisse hineingezogen.

So viel der Hintergrund der Geschichte. Die Story an sich hat mir gut gefallen, auch wenn sie vor allem gegen Ende doch etwas an den Haaren herbeigezogen daherkommt, was aber bei einem Mysterythriller vertretbar ist. Sie ist aber erstaunlich gut geschrieben und auch die Charaktere und die Atmosphäre sind sehr gut beschrieben, so dass sich ein ingesamt sehr unterhaltsames und kurzweiliges Buch ergibt. Der Horror und die Spannung kommen dabei eher subtil daher und auch Brutalitäten halten sich eher in Grenzen.

Bücher

Buchrezensionen zum Jahresende – Einmal schwermütig, einmal leicht

Das literarische Jahr möchte ich mit zwei sehr unterschiedlichen Büchern beenden, einem das sehr schwer und schwierig ist und zum Ausgleich einmal netter Krimi-Klamauk für zwischendurch 😉

Beile Ratut – „Das Schwarze Buch der Gier“ (Genre: Belletristik)

„Das Schwarze Buch der Gier“ wird aus Sicht von Alba erzählt, einer Frau, die im Alter von 6 Jahren ihren großen Bruder verlor. Bis zu ihrem 6. Geburtstag verlebte Alba eine einfache, aber recht sorglose und behütete Kindheit irgendwo auf dem Land, sie bewunderte ihren größeren Bruder Samuel und fühlte sich von ihren Eltern beschützt und geliebt. An ihrem 6. Geburtstag passiert das Unfassbare, ihr Bruder geht zum Spielen aus dem Haus und kommt nicht wieder. Zuletzt beobachtete sein Freund wie er mit einem Autofahrer sprach. Seitdem ist Samuel spurlos verschwunden und in Albas Elternhaus zieht die Sprachlosigkeit ein. Ihr Vater, schon immer eher ruhig, wird noch schweigsamer. Ihre Mutter stürzt sich in Arbeit und Routine. Alba bleibt ruhig, unauffällig und blass, eine Außenseiterin, gut in der Schule, aber ohne wirklichen Kontakt zu anderen Menschen.

Das Buch spielt teilweise in Albas Kindheit und erzählt in Rückblicken von der Zeit als ihr Bruder verschwand und ihrer Schulzeit danach. Der größte Teil des Buches aber handelt von der erwachsenen Alba und ihrem Versuch einen Platz im Leben zu finden und Kontakte zu ihren Mitmenschen oder zu Männern aufzubauen. Dabei steht immer das Verschwinden ihres Bruders im Weg und ihr Denken wird immer mehr beherrscht von der Frage was ihrem Bruder wohl geschehen ist , wer ihn gestohlen hat und was mit ihm passiert ist. Immer mehr beschäftigt sie sich gedanklich mit den Abgründen der Menschen und der Menschheit, mit Gier, Grausamkeit und dem was aus ihrer Sicht hinter der Fassade der Zivilisation jederzeit lauert, so lange bis sie selbst ganz von Angst und Misstrauen dominiert ist.

Das Buch ist in einem sehr ruhigen, etwas schwermütigen Tonfall geschrieben und ist oft trotz der teilweise sehr verstörenden Texte geradezu poetisch. Mir hat es sehr gut gefallen, es hat nicht viel Handlung, aber die Fragen die aufgeworfen werden, entwickeln eine gewaltige Wucht, am Ende gibt es auch etwas Hoffnung, trotzdem ist es jetzt natürlich nicht unbedingt ein Buch, das man unbeschränkt weiterempfehlen kann. Jedem der auch mal etwas lesen möchte und kann, das nicht immer einfach zu ertragen ist, sollte hier aber auf jeden Fall zugreifen, denn die Autoren ist sehr talentiert.

Volker Klüpfel/Martin Kobr – „Himmelhorn“ (Genre: Regionalkrimi)

„Himmelhorn“ ist schon der neunte Regionalkrimi rund um den unter Regionalkrimi Fans sicherlich jedem bekannten Kommissar Kluftinger. Am Anfang des neuen Falls ist Kluftinger gerade dabei zusammen mit seinem Lieblingsfreund/feind sein neues Elektro-Mountainbike im Oytal bei Oberstdorf auszuprobieren, als die beiden eine grausliche Entdeckung machen, 3 abgestürzte Bergsteiger in der Nähe eines besonders gefährlichen Aufstiegs auf den Himmelhorn, den namensgebenden Berggipfel dieses Krimis. Schnell stellt sich raus, dass es sich dabei um einen relativ bekannten Bergsteiger handelt, der hier mit seiner Produktionsfirma einen Bergfilm drehen wollte, sowie zweier lokaler Bergführer. Während Kluftinger hier relativ schnell wittert, dass es hier nicht mit rechten Dingen zuging, zeigen sich Teile seines Teams merkwürdig demotiviert. Und zuhause ist bei Kluftinger auch viel los, Schwiegertochter Miki ist hochschwanger, der Sohn im Studiumsstress und Kluftinger entdeckt zur Entspannung den Unterhaltungswert einer schmalzigen Vorabendserie.

Ingesamt bietet der neue Kluftinger-Krimi wie immer sehr nette und abwechslungsreiche Unterhaltung. Gut gefallen hat mir diesmal, dass die Handlung weitgehend ohne übertriebenen Klamauk auskommt (das war in ein paar anderen Vorgängerbänden durchaus zu viel des Guten), der Kriminalfall an sich, sowie dass das Oytal so eine große Rolle spielt, da ich in dieser Region selbst schon oft im Urlaub war.

Nicht so gut gefallen hat mir der wieder sehr hohe Anteil an Privatkram, darunter litt der tatsächliche Krimi etwas, vor allem da sehr viele eher unwichtige Nebenstränge in die Handlung eingearbeitet wurden. Ebenso haben die Autoren die Angewohnheiten reale Nachrichten-Ereignisse als kleine Gimmicks in den Geschichten zu verarbeiten, was ich ein bisschen unnötig finde. Insgesamt war es aber auch in der inzwischen 9. Ausgabe ein vergnügliches Leseerlebnis einer Reihe, die bisher noch nicht allzu viele Abnutzungserscheinungen zeigt.

Bücher

Lesend in den Winter – Buchrezensionen November 2016

 

Diesen Monat habe ich zwei Bücher gelesen, auf die ich primär durch Titel und Buchcover aufmerksam geworden bin. In beiden Fällen machen die Cover Lust auf ein Leseerlebnis, das eher außergewöhnlich sein dürfte und in beiden Fälle wurden meine Erwartungen nicht enttäuscht. Grade weil ich die Cover so mochte, möchte ich diesmal auch beide Bücher mit Cover vorstellen:

Leveret Pale – „Wahn: denn den Sinn habe ich erschossen“ (Genre: Horror)

20161106_125604.jpg

Auf das Buch bin ich vor allem durch das Cover und den Titel aufmerksam geworden, denn Beides finde ich absolut genial. Die kompakte (104 Seiten) im Books on Demand Verlag erschienene Sammlung von Kurzgeschichten ist der Nachfolgeband der Horrorgeschichten Sammlung „Wahnsinn“, die ich bisher noch nicht gelesen habe (aber wie ich schon verraten kann, auf jeden Fall auch noch lesen möchte). „Wahn“ soll im Vergleich zum Erstling eher weniger klassische Horrorgeschichten enthalten, sondern eben eher Geschichten, die sich mit dem Thema Wahn und Wahnvorstellungen (desöfteren im Kontext von Drogenkonsum) beschäftigen. Ich fand aber, dass zumindest einige der Geschichte durchaus auch als eher klassische Horror-Geschichten angesehen werden konnten.

Insgesamt fand ich die Sammlung sehr abwechslungsreich, es sind sehr kurze Geschichten dabei, aber auch zwei bis drei längere. Generell merkt man dem Autor sein sehr junges Alter (anscheinend ist er erst 17!) noch an, der Schreibstil wirkt auf mich noch etwas sprunghaft und man merkt manchmal, dass er sich von vielen verschiedenen klassischen und modernen Autoren aus dem Bereich Horror inspirieren lässt, wie er auch selbst sagt. Allerdings sind die Geschichte sprachlich und inhaltlich definitiv auf sehr hohem Niveau und auch oft originell und kreativ, auch den eher schwarzen Humor, der öfters durchscheint hat mir super gefallen. Da es finde ich gar nicht so viele Autoren gibt, die Horror wirklich gut können, hat es mich sehr gefreut in dem Bereich ein neues Talent kennen zu lernen und dann auch noch aus Deutschland. Am Überzeugendsten fand ich übrigens die Geschichten bei denen ich den Eindruck hatte, dass der Autor eigene Erfahrungen mit einbringen konnte.

Generell bin ich Büchern aus Selbstverlagen und Books on Demand übrigens eher skeptisch gegenüber gestellt, weil es dort doch auch viel gibt, dass mich sprachlich und vom Lektorat her nicht überzeugt. Ein paar kleine Lektorats-Fehler (konkret waren es 3) sind mir in „Wahn“ auch aufgefallen, aber es war keineswegs so, dass es störend war und da das Buch ansonsten auf einem sehr hohen sprachlichen Niveau ist, hat es mich nicht gestört.

Insgesamt würde ich „Wahn“ vor allem Horror-Fans empfehlen und Leute, die gerne etwas außergewöhnliche und alternative Kurzgeschichten für zwischendurch mögen.

Rose Kleinknecht-Herrmann: „Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink“

rosekleinknecht3

Auf das Buch „Frust, Revolte und Normalität – Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink“ von Rose Kleinknecht-Herrmann bin ich ebenfalls vor allem durch das Cover und den doch eher außergewöhnlichen Titel aufmerksam geworden. Das Buch ist von Rose Kleinknecht-Herrmann, die selbst von 1946 bis 1985 in Paris und Stuttgart unterrichtet hat, aus Sicht des alternden Lehrers Wolfgang Fink geschrieben.

Fink erzählt in der Ich-Perspektive über sein Berufs-Privatleben als Lehrer an einem Gymnasium. Wann genau die Ereignisse spielen ist dabei nicht immer ersichtlich, insgesamt deckt das Buch aber wohl das System von den 60ern bis 80ern ab. Wolfgang Fink ist dabei kein übermäßig sympathischer Ich-Erzähler, er ist frustriert, demotiviert und auch in seine Ehe mit Ehefrau Ute hat sich Frust und Resignation eingeschlichen, ebenso in das konfliktbehaftete Zusammenleben mit seinen beiden Kindern im Teenager Alter. Fink kann wohl durchaus als „gescheiterte Existenz“ beschrieben werden, der durch den Jahrzehntelangen Schulbetrieb so zermürbt ist, dass er einen damals noch vollkommen unbekannten „Burnout“ erleidet.

Mitgefühl für ihn zu empfinden fällt einerseits durchaus sehr leicht, beschreibt er sein Leiden doch so glaubhaft, dass man durchaus „mit leidet“, andererseits ist es doch fast unmöglich seine Sicht auf die Welt und seine Mitmenschen nachzuvollziehen, denn Wolfgang Fink sieht sich eigentlich immer als Opfer der Umstände, des Systems und sein Blick auf seine Mitmenschen ist auch oft eher grausam und lieblos, zumindest schonungslos. Eine ambivalente Gestalt und damit ein hervorragender Protagonist, wenn auch eher ein Anti-Held.

Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen, man lernt sehr viel über das Schulsystem und gesellschaftliche Fragen aus einer Zeit, die knapp vor meiner eigenen Schulzeit lag (ich bin 1979 geboren), aber auch über die Probleme bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus im Schulbetrieb, vor allem was Lehrer angeht, die die damalige Zeit noch miterlebt haben. Ein Roman ist das Buch wohl eher nicht, eher eine Geschichte die schildert, wie einer an seiner Umwelt scheitert. Kleine Abstriche in der Bewertung gibt es von mir lediglich deswegen, weil ich die ersten zwei Drittel geringfügig besser fand als das Ende, das sich ein bisschen im Sande verläuft.