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Buchtipp: „Vater unser“ von Angela Lehner

„Vater unser“ von Angela Lehner ist ein österreichischer Roman mit einer sehr ungewöhnlichen Protagonistin. Eva Gruber ist Ich-Erzählerin und wurde gerade in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, weil sie (zum Glück nur) behauptete eine Kindergartenklasse erschossen zu haben. Die Hintergründe ihres Verhaltens und ihr Motiv bleibt dabei erstmal unklar. Als Leser merkt man schnell, dass man Eva als Erzählerin nicht unbedingt trauen kann. Sie ist auf jeden Fall hochintelligent, hat einen bissigen Humor, ist scharfzüngig, aber schon in der Schule sagten die Klassenkameraden über sie häufig „Die Eva lügt immer!“.

Ebenfalls in der psychatrischen Klinik in Behandlung ist Evas Bruder Bernhard, der wegen Magersucht dort behandelt wird. Schnell drängt sich beim Leser der Verdacht auf, dass Eva vielleicht nur wegen ihm in der Klinik ist. Vorgeblich möchte sie ihren Bruder retten, doch der reagiert eher ablehnend auf Eva und es ist klar, dass die familiären Verhältnisse der Geschwister kompliziert sind. Schnell wird klar, dass für Eva alles mit ihrem Vater zusammenhängt und dass Eva und Bernhard ihre Kindheit als traumatisierend empfunden habe, doch was genau die Hintergründe für die psychischen Probleme der beiden Geschwister sind bleibt schwammig. Man erfährt in sprunghaften kurzen Kapitels Episoden aus Evas Kindheit und muss sich ansonsten ganz auf ihre Erzählungen verlassen, bei denen man aber nie wirklich weiß was Wahrheit und was Lüge ist.

Das Buch liest sich dabei kurzweilig und sehr unterhaltsam. Eva ist mit ihrer Egozentrik und ihrem Hang zur Manipulation ihres Umfelds sicher kein besonders sympathischer Charakter, trotzdem sind die Schilderungen des Klinikalltags oft erstaunlich pointiert und man fragt sich oft, wer nun eigentlich „verrückt“ ist.

Mir hat das außergewöhnliche Buch sehr gut gefallen.

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Buchrezension: „Wir im Fenster“ von Lene Albrecht

„Wir im Fenster“ von Lene Albrecht spielt in Berlin. Linn lebt dort mit ihrem Freund und erwartet aktuell ihr erstes Kind, doch ihre Gedanken kreisen im Moment fast ständig um die Vergangenheit, und zwar um eine Zeit in ihrer Kindheit und Jugend, in der sie viel Zeit mit ihrer Jugendfreundin Laila verbrachte. Die beiden Mädchen lernten sich zufällig kennen und waren erst mal ein Herz und eine Seele. Als Leser erfährt man erstmal gar nicht so viel über die Lebensumstände der beiden Mädchen, man kann erahnen, dass beide nicht grade in einem sozial begünstigen Teil von Berlin aufwachsen und dass Lailas familiäre Umstände irgendwie nicht ganz einfach sind. Sie verbringt die meiste Zeit bei ihrer Großmutter oder bei Linn. Linns Familie hingegen wirkt recht normal, auch wenn die Eltern sich natürlich mal streiten. Linn und Laila verbringen viel Zeit miteinander und wirken erstmal fast wie verschmolzen, grade Laila scheint auf Linn eine ungehöre Faszination auszuüben, doch als die Mädchen älter werden und Laila aufgrund schwieriger Lebensumstände bei Linn zuhause einzieht, weil ihre Großmutter zurück in die Türkei geht, verschiebt sich das Macht- und damit auch das Freundschaftsverhältnis der beiden. Linn hängt immer mehr mit der Teenie-Clique aus der Nachbarschaft ab, während Laila sich zurückzieht, nachmittags oft verschwindet oder den ganzen Tag lesend im gemeinsamen Zimmer verbringt. Die Verbindung der beiden Mädchen wird schwächer und auch immer ambivalenter.

Linn reflektiert ihre Geschichte mit Laila in Rückblenden, Gedankenfetzen und Erinnerung, die oft schwammig und unstrukturiert sind, so bleibt zum Beispiel lange unklar warum Laila überhaupt bei Linns Familie wohnt und auch Linn selber weiß das als Kind gar nicht so richtig. Der Leser weiß nur, dass der Kontakt zu Laila komplett abbrach und dass Linn die Geschichte nie wirklich verarbeitet und verwunden hat, aber die Hintergründe bleiben lange im Dunkeln.

Mir hat das Buch einerseits gut gefallen, denn Linns Denkweise als Kind und auch wie sie viele Situationen als Kind einfach nur wahrgenommen hat ohne sie wirklich zu verstehen oder zu bewerten, kommt sehr gut rüber, deshalb wirkten die Szenen aus der Kindheit auf mich sehr authentisch und auch das Setting in einem eher strukturschwachen Teil von Berlin kam atmosphärisch sehr gut rüber. Trotzdem riss mich das Buch nicht ganz vom Hocker, denn der betont melancholische Tonfall und die erwachsene Linn wirkten auf mich irgendwie etwas anstrengend und zu ich-bezogen. So fand ich das Buch sehr interessant, aber kein reines Lesevergnügen, da mir die Hauptfigur nicht 100% sympathisch war.

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Krimi-Rezension: „Weißer Tod“ von Robert Galbraith

„Weißer Tod“ von Robert Galbraith (bekanntlich das Pseudonym von J.K.Rowling) ist der neueste und mittlerweile 4. Band aus der Krimi-Reihe rund um den Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Assistentin Robin.
Robin ist mittlerweile erwartungsgemäß unglücklich mit dem notorisch unsympathischen Matthew verheiratet, was die Beziehung zwischen Strike und ihr etwas ins Komplizierte und Negative verändert hat. Cormoran hält sich mit einer unverbindlichen Beziehung über Wasser, kommt aber weder von Robin noch von seiner Ex-Liebe Charlotte so richtig weg. Das Privatleben der beiden Ermittler nimmt dann auch einen meiner Meinung nach etwas zu großen Raum im Buch ein, gefühlt beschäftigt sich ca. die Hälfte des Buches mit Geplänkel und Krisen aus Cormoran und Robins Privatleben, so richtig Überraschendes passiert da aber auch nicht, weswegen mir das diesmal wirklich etwas zu viel war.

Der Kriminalfall ist recht komplex und am Anfang auch ziemlich „mysteriös“, ein hochrangiger Politiker der Tories wird von einem Konkurrenten und einem ihm seit der Kindheit bekannten linksextremen Aktivisten erpresst (womit genau wissen anfangs weder der Leser noch die Privatdetektive). Cormoran Strike soll im Gegenzug belastendes Material über die beiden Erpresser sammeln, um dem Politiker eine Handhabe gegen sie zu liefern. Zu diesem Zweck wird Robin undercover ins Abgeordnetenhaus des Politikers eingeschleust (was ihr noch etwas schwer fällt, weil sie noch von den Ereignissen aus dem Vorgängerband traumatisiert ist und mit Panikattacken zu kämpfen hat), während Cormoran sich auf einem Nebenschauplatz aufhält: der psychisch kranke Bruder des Erpressers taucht bei Strike auf, um ihm von einem angeblichen Kindesmord zu berichten, den er als kleiner Junge beobachtet haben will. Für Strike stellt sich die Frage: hängen diese Ereignisse zusammen und wenn ja, wie. Und dann passiert ein Mord…

Im Prinzip ist der Kriminalfall im Roman interessant, allerdings hatte er für mich ähnliche Probleme wie die Schilderungen von Strikes und Robins Privatleben, alles zieht sich recht langatmig und verworren dahin, nur um am Ende dann mit einem mittelmäßig kreativen Kniff in sehr kurzer Zeit nachträglich aufgelöst zu werden, für mich irgendwie etwas unbefriedigend und ich hatte auch ehrlichgesagt tatsächlich Probleme die Motive der Beteiligten nachzuvollziehen. Insgesamt fand ich diesen Band deswegen bisher den schwächsten der Reihe, man hatte das Gefühl, das Buch hätte 200 – 300 Seiten weniger vertragen können. Unterhaltsam zu lesen war es trotzdem durchaus und Strike und Robin sind interessante Charaktere, die aber im Moment etwas eindimensional und vorhersehbar wirken (dass Robins Ehe mit Matthew unglücklich werden würde, konnte z.B. mit Sicherheit schon jeder in Band 1 der Reihe vorhersehen, weswegen es relativ langweilig ist seitenlang über deren vorhersehbare Beziehungsprobleme zu lesen). Für den nächsten Band würde ich mir deswegen etwas weniger Beziehungs-Seifenoper und einen etwas gradliniegeren Kriminalfall wünschen.

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Buchtipp: „Wir von der anderen Seite“ von Anika Decker

„Wir von der anderen Seite“ von Anika Decker ist mal wieder ein Buch das ich primär ausgesucht habe, weil mir das Cover ins Auge stach und gefiel (ich habe mit dieser Bücher-Auswahlmethode schon immer gute Erfahrungen gemacht). Das Buchcover zeigt ein comic-artig verfremdetes Eichhörnchen, garniert mit dem Buchtitel in knallgelber Schrift. Definitiv auffällig und ungewöhnlich.

In dem Buch geht es um die finanziell mehr oder weniger erfolgreiche Drehbuchautorin Rahel, die am Anfang des Buches im Krankenhaus aufwacht, völlig verwirrt und ohne eine Ahnung zu haben was mit ihr passiert ist. Sie liegt auf der Intensivstation, zum Bewegen fehlt ihr die Kraft, ihre Familie benimmt sich merkwürdig, sie halluziniert in der Zimmerecke ein Eichhörnchen und wo ihr Freund ist, sagt ihr auch keiner. Mit der Zeit kristallisiert sich heraus, dass Rahel nach einer misslungenen Nierenstein-OP ein Multiorganversagen erlitt und einige Wochen im Koma lag, ihr Leben steht noch immer auf Messers Schneide und auch ihre Organe arbeiten nicht mehr richtig, ob ihr Herz je wieder gesund wird weiß man nicht. Eigentlich harter Tobak, aber das Buch bewahrt sich von Anfang an eine gelungene Mischung aus Humor, Ironie und Ernsthaftigkeit, die dazu führt, dass das Buch sehr leicht und mitreißend zu lesen ist. Bloß ganz am Anfang war ich zunächst etwas skeptisch, kam es mir doch etwas unrealistisch vor, dass Rahel schon kurz nach dem Aufwachen zu recht humorvollen Gedankengängen in der Lage ist…ob man in so einer Situation überhaupt auch nur einen halbwegs klaren Gedanken rauskriegt, halte ich für fragwürdig. Allerdings war das der einzige Teil des Buches wo ich am Realismus der Darstellung zweifelte, die Beschreibung der restlichen Monate bis Jahre von Rahels langsamer und mühsamer Genesung wirken für mich als Laie sehr glaubwürdig und realistisch dargestellt.

Der Roman fokussiert sich weniger darauf sich mit dem Thema Krankheit und „schweres Schicksal“ zu beschäftigen, sondern damit wie Rahel mit ihrer neuen Lebensrealität (Betablocker, lange Krankenhausaufenthalte, Reha, den Versuch im Berufsleben wieder Fuß zu fassen, Beziehungsprobleme und ganz normaler Alltag, Belastung für die Familienmitglieder und Geldsorgen …) zurecht kommt und im Weiteren mit einer Aufarbeitung ihres Lebens vor der „Katastrophe“. Zusätzlich zur Krankheit kommt nämlich noch dazu, dass Rahel so einiges komisch vorkommt, warum verhielt sich ihr Freund Olli  so komisch und will nicht über die Zeit vor der Krankheit reden und warum hat sie schwammige Erinnerungen an einen Streit? Während Rahel langsam wieder ins Leben zurückfindet, versucht sie sich daran zu erinnern wie ihre Beziehung vor dem Krankenhausaufenthalt so lief, ihre Auseinandersetzungen mit ihrem Leben als Drehbuchautorin am Rande der schillernden Promi-Welt liefern dabei nebenbei auch noch interessante Einblicke ins Showbiz und die Welt der A- und B-Promis, die sehr unterhaltsam sind und die auch einen fundierten Hintergrund haben dürften, denn „Wir von den anderen Seite“ ist Anika Deckers erster Roman, davor aber erlangte sie Bekanntheit durch Drehbücher für sehr erfolgreiche Deutsche Filme der letzten Jahre wie „Keinohrhasen“ und „Rubbeldiekatz“.

Mich hat das Buch hervorragend unterhalten und ich kann es definitiv weiterempfehlen.

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Jugendbuch – Tipp: „Dry“ von Neil und Jarrod Shusterman

„Dry“ ist ein dystopischer Jugendroman von Neal und Jarred Shusterman. Er spielt in Kalifornien, das im Buch seit Jahren von Wasserknappheit bedroht ist (ein für die nähere Zukunft leider sicher mehr als realistisches Szenario). Trotzdem geht das Leben dort mehr oder weniger seinen normalen Gang, nur Wasserverschwendung wie das Befüllen von privaten Pools ist verboten. Doch eines Tages kommt es völlig überraschend zur Katastrophe, ein anderer US-Bundesstaat sperrt eigenmächtig einen wichtigen Wasserversorgungsfluß nach Kalifornien, um selber auf das Wasser zuzugreifen und in Südkalifornien kommt von einer Minute auf die nächste kein Wasser mehr aus den Wasserhähnen der Bevölkerung. Die Politik beschwichtigt zunächst und da in einem anderen Landesteil eine große Naturkatastrophe wütet bleibt der als „Tap-Out“ bezeichnete Notstand von Regierung und Katastrophenschutz erstmal merkwürdig unbeachtet.

Die 17-jährige Alyssa lebt mit ihrem kleinen Bruder Garrett und ihren Eltern in einem der betroffenen Orte und man erlebt zusammen mit der Familie wie diese auf die ungewohnte Situation reagiert, erstmal zeitverzögert fast gar nicht und als die Familie dann doch zum Supermarkt fährt um Wasser zu kaufen gehen dort schon langsam die Vorräte aus. Das Buch schildert sehr gut wie die bedrohliche Situation innerhalb weniger Tage komplett eskaliert, Alyssa und Garretts Eltern verschwinden am 2. Tag beim Versuch bei einer Entsalzungsanlage am Meer Wasser zu bekommen. Alyssa findet Hilfe im Nachbarsjungen Kelton, dessen Familie als Einzige auf derartige Katastrophen vorbereitet sind (oder es zumindest glauben), da sie zur Gruppe der „Prepper“ gehören (Menschen, die ständig damit beschäftigt sind sich auf einen drohenden Weltuntergang vorzubereiten, z.B. in dem sie Vorräte horten oder Bunker auf ihrem Grundstück anlegen. Doch auch Keltons Familie muss bald feststellen, dass die Realität des Überlebenskampfes nicht unbedingt viel mit der Theorie zu tun hat.

Das Buch wird überwiegend in der Ich-Perspektive erzählt, wobei der Ich-Erzähler von Kapitel zu Kapitel zwischen Alyssa, Kelton und zwei weiteren Teenagern wechselt, auf die Alyssa und Kelton während ihrer Suche nach Wasser stoßen. Diesen Perspektivenwechsel fand ich manchmal ein bisschen verwirrend (das ist jetzt schon das zweite Buch mit wechselnder Ich-Perspektive, das ich in kurzer Zeit lese, dabei ist das eigentlich ja keine so übliche Erzählform, allerdings muss ich sagen, dass ich es in diesem Buch insgesamt gut umgesetzt fand). Aufgelockert wird die Geschichte durch kurze episodenhafte Einblicke in das Schicksal anderer vom Tap-Out betroffener Personen, die im Stile eines Newstickers zwischendrin eingeworfen sind. Diese haben mir gut gefallen.

Insgesamt ist die Geschichte sehr gelungen, spannend, mit interessanten Charakteren und einem sehr realistischen Szenario in dem gut gezeigt wird wie völlig normale zivilisierte Menschen innerhalb von wenigen Tagen in einen Modus kommen, wo es um das reine Überleben und einen Kampf um Ressourcen geht. Nicht überraschenderweise bleibt die Menschlichkeit dort schnell auf der Strecke. Allerdings ist das Buch für eine Dystopie fast ein bisschen „harmlos“, es geschehen zwar natürlich schreckliche Dinge, trotzdem wirkt die Situation nie wirklich hoffnungslos. Ich denke in einem Jugendbuch ist dies aber völlig in Ordnung. Für mich ein sehr lesenswertes kurzweiliges Buch, das ich innerhalb von 2 Tagen durchgelesen habe.

Allgemein, Bücher

Lesetipp: „Visions of Hanna“ von Rascha Peper

Die letzten beiden Wochen war ich zur Abwechslung einmal mit einem älteren Roman beschäftigt, der bereits 2003 in der 1. Auflage erschien und
den ich aus einer Bücherkiste entnommen habe. Da ich wie alle Bücherbegeisterten dazu neigte viel zu viele Bücher anzuhäufen, kaufe ich inzwischen nur noch sehr selten Bücher und lese stattdessen auch viel auf dem eReader. Physische Bücher lasse ich mir meist nur noch zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken oder bekomme sie entweder geliehen oder eben aus Büchertauschecken, die es ja zum Glück immer häufiger gibt.

„Visions of Hanna“ von der niederländischen Autorin Rascha Peper ist ein Familienroman mit einer eher ungewöhnlichen „Hauptfigur“.
Hanna – die dem Buch den Titel gibt – ist nämlich längst tot. Der Leser erfährt am Anfang des Buches nur vage, dass Hanna nach einem Bootsunglück auf offenem Meer mit einer Yacht versunken ist und und ihre Leiche mitsamt dem Boot nie geborgen wurde. Wie es genau dazu kam bleibt am Anfang offen. Trotzdem bleibt sie zentrales Thema des Buches, denn die Charaktere des Buches haben alle nie wirklich mit Hannas Tod abgeschlossen. Eeder ihr Vater, ein pensionierter Schneider, noch ihr Ex-Freund Gerard, ein Meeresforscher, der inzwischen in New York lebt und auch nicht dessen bester Freund Robin, der Hanna vor Jahren Gerard ausspannte, was zu einem Verwürfnis zwischen den beiden führte. Robin ist Taucher und besessen von dem Gedanken Hanna doch noch zu bergen, auch wenn ihm die Motive dafür selbst nicht 100% klar sind. Auch Emma, Hannas 15-jährige Nichte, ist merkwürdig faszinierend vom Schicksal ihrer Tante und verliebt sich dann auch noch mit der ganzen Leidenschaft einer 15-jährigen in den 37-jährigen Robin.

Die Erzählweise des Buches ist eher ruhig und gemächlich, aber für mich nie langweilig, vor allem weil die Geschichte viel leisen Humor und einen gewissen Hang zur Skurrilität mitbringt. Auch wachsen einem die unterschiedlichen Charaktere in Windeseile ans Herz, so dass die Geschichte mich trotz der relativ wenig „Handlung“ im klassischen Sinn sofort in den Bann zog und auch sehr gut unterhielt. Im Prinzip geht es in dem Buch darüber wie die betroffenen Personen mit Verlusten umgehen, wie sie versuchen ihr eigenes Leben mehr schlecht als recht weiter zu leben und um Versöhnung. Besonders gut gefallen haben mir dabei als Charaktere Emma und ihr Onkel Gerard, in dessen Leben sich auch noch eine Vielzahl weiterer sehr skurril und unterhaltsam ausgearbeitete Nebencharaktere tummeln.

Nicht ganz schlüssig war für mich die Bedeutung eines anderen Charakters (mit einem etwas merkwürdigen Fetisch), der keinen wirklichen Bezug zu Hanna hat, außer dass er am Ende zufällig eine Entdeckung macht, die etwas mit ihr zu tun hat. Außerdem war ich nicht 100% zufrieden mit dem Ende des Buches, das eine etwas vage Andeutung enthielt, die aber nie wirklich aufgelöst wurde. Wirklich überrascht hat mich diese Wendung auch nicht, aber sie hat mich etwas unbefriedigt zurückgelassen hat, da ich sie auch eher unnötig fand. So erweckte das Buch für mich den Eindruck eines wirklich lesenswerten, liebenswerten Romans bei dem ich mir nicht sicher bin ob die Autorin wirklich wusste worauf sie mit dem Buch am Ende heraus will.

 

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Krimi-Rezension: „Als Luca verschwand“ von Petra Hammesfahr

„Als Luca verschwand“ ist der neueste Kriminalroman von Petra Hammesfahr. Ich habe schon einige Bücher von ihr gelesen und habe sie eher als eine Autorin in Erinnerung, die in ihren Thrillern auf Hochspannung setzt. Deswegen war ich gespannt ob das Thema „ein Säugling verschwindet“ in dem neuesten Buch nicht zu reißerisch oder nervenaufreibend umgesetzt sein würde. Die Befürchtung war allerdings völlig unbegründet, denn „Als Luca verschwand“ ist definitiv kein Thriller, eigentlich noch nicht mal wirklich ein Krimi. Ich würde es am Ehesten als Familiendrama rund um einen Kriminalfall bezeichnen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Familie des 9-monatigen Luca. Dieser wird von seiner Mutter Mel bei einem Einkauf vor dem Drogeriemarkt abgestellt, während sie mit dessen 3-jährigem Bruder Einkäufe erledigt. Als sie den Laden verlässt ist Luca verschwunden. In seiner Nähe wurde eine stadtbekannte Frau gesehen, die dafür bekannt ist, dass sie kleinen Kindern Lollies schenkt und ansonsten aber als harmlos gilt. Natürlich gerät sie sofort unter Verdacht, aber auch die Mutter und Lucas Familie scheint nicht ganz koscher:
warum zum Beispiel lies Mel den Kinderwagen mit Luca unbewacht im Freien stehen? Was für Konflikte schwelen in der Familie und was hat Mels angespanntes Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter Gabi – einer schrulligen aber bekannten Krimiautorin – mit der Sache zu tun? Der ermittelnde Kommissar Klinkhammer steht zudem unter besonderem Druck, denn er kennt Gabi – die Oma des kleinen Luca – schon länger.

Das Buch hat ein eher ruhiges Erzähltempo und außerdem viele Perspektivenwechsel. Normalerweise mag ich das, allerdings fand ich es in diesem Buch fast etwas too much, da es teilweise etwas schwer war den ständigen Sprüngen zu folgen.Nach und nach werden die Motive der einzelnen Personen und die Hintergründe der belastenden Familienbeziehungen aufgedeckt. Parallel erfährt der Leser mehr von Anni, der Frau, die Luca angeblich entführt haben soll und deren tragischer Lebensgeschichte. Die Kommissare ermitteln in beide Richtungen, da völlig unklar ist wer Luca nun wirklich entführt hat.

Im Prinzip ist die Geschichte durchaus sehr interessant und ich mag eigentlich auch ruhige komplexe Geschichten, allerdings fand ichdass in diesem Roman die Hintergründe der Familienmitglieder fast ein bisschen langsam und nur häppchenweise aufgedeckt wurden, was dazu führte dass man oft nicht wirklich nachvollziehen konnte, warum einzelne Personen so irrational handelten, da man gar nicht wußte warum es Spannungen mit anderen Personen in der Familie gibt.
Auch die Handlungsweisen der Kommissare fand ich in Teilen nicht nachvollziehbar. Dass man ermittelt obwohl man wie Kommissar Klinkhammer mit der betroffenen Familie näher verbandelt ist, kommt in Romanen ja öfters vor, aber dass man deswegen auch noch Alleingänge macht und wichtige Infos nicht weitergibt, wirkte dann doch etwas zu viel des Guten. Außerdem fand ich es etwas irritierend, dass in dem Buch ein 9-monatiges Kind verschwindet und trotzdem gefühlt die Hälfte der Personen im Buch ständig mit Infos hinter dem Berg halten, obwohl sie selbst gar keinen wirklichen Grund dazu haben. Das Verschwinden von Luca bleibt deswegen auch gefühlt fast eine Nebensache.

Aus all diesen Gründen hat mich das Buch nicht so wirklich vom Hocker gerissen, auch wenn ich den Kriminalfall im Prinzip nicht uninteressant fand. Für mich ein Buch, das man zur Unterhaltung gut lesen kann, aber nicht unbedingt gelesen haben muss.

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Krimi-Tipp: „Todesstiche“ von Nina Darnton

„Todesstiche“  von Nina Darnton kommt optisch im typischen Thriller Design daher, auch der Titel klingt natürlich nach einem eher reißerischen Thriller (die dazu abgedruckte Wespe passt null zur Handlung und ist wohl eine sehr unkreative Verarbeitung des Wortes „Stich“ im Titel). Dieser Eindruck täuscht aber eher, was vielleicht für eine Vermarktung des Buches nicht ganz optimal ist, denn eigentlich handelt es sich bei dem Buch eher um einen psychologischen Krimi oder sogar noch eher um einen Entwicklungsroman der Hauptperson Jennifer und ein Familiendrama.

Die Hauptrolle im Buch spielt Jennifer, eine amerikanische Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Ihr Mann arbeitet den ganzen Tag als Haushalt und Jennifer hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die perfekte verständnisvolle Helikopter-Mutter für ihre 3 Kinder zu sein. Auf andere berufstätige Mütter schaut sie eher herunter und sie ist stolz auf ihr geradezu perfektes Leben und ihre perfektes Leben. Sie ist also geradezu unerträglich unsympathisch 😉 und man wünscht ihr irgendwelche Probleme geradezu auf den Hals. Diese kommen dann auch in Form einer Hiobsbotschaft aus Spanien, wo ihre älteste Tochter Emma aktuell studiert. Emma wurde festgenommen, nachdem in ihrer Wohnung ein Mann erstochen wurde. Laut Emma versuchte er sie zu vergewaltigen, worauf ein zufällig vorbeikommender Algerier ihn erstach, um Emma zu retten. Jennifer fliegt sofort nach Spanien, um ihrer Tochter zur Seite zu stehen. Während die Polizei Emmas Geschichte für höchst unglaubwürdig hält und immer mehr Indizien gegen ihre Version sprechen, hält Jennifer eisern zu Emma, bis auch ihr immer mehr Zweifel an ihrer Tochter kommen.

Der Ausgangspunkt des Buches erinnerte mich etwas an den Fall Amanda Knox (auch wenn der Mordfall sich letztendlich nicht sehr ähnelt), weswegen das Buch mein Interesse weckte (ich hatte erst vor einiger Zeit eine Netflix Doku über Amanda Knox gesehen). Das Buch hat mich definitiv auch nicht enttäuscht, es ist gut geschrieben, die Infos über Land und Leute wirken kompetent recherchiert und mir gefiel sehr gut, dass die Autorin sehr viel Wert auf Charakterentwicklung und psychologische Hintergründe legt. Das Buch las sich eher wie altmodischer psychologischer Krimi a la Ruth Rendell, was schon immer ein Krimi-Genre ist, dass ich besonders liebe. Auch macht Jennifer im Laufe des Buches eine glaubhafte Entwicklung durch, so dass sie einem doch fast noch sympathisch wird. Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, allerdings finde ich die Vermarktung als Thriller bei der Deutschen Ausgabe etwas unglücklich, da Thriller-Fans vermutlich enttäuscht sein werden (die englische Originalausgabe heißt zum Beispiel „Perfect Mother“, was auch viel besser zum Inhalt passt). Diese Ambivalenz verspürte wohl auch der Verlag zu irgendeinem Zeitpunkt, denn es sind im Internet zwei Cover Versionen zu finden, einen mit Untertitel „Thriller“ und einen mit Untertitel „Roman“.

Als Schwachpunkt würde ich sehen, dass eigentlich gar nicht so wirklich viel passiert, so dass man nicht wirklich von Überraschungen in der Handlung sprechen kann. Auch die eine existierende Wendung hat etwas Unausweichliches, weswegen sie nicht wirklich überrascht. Trotzdem für mich ein sehr unterhaltsames und kurzweiliges Buch.

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Buchrezension: „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ von Thomas Klupp

„Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ von Thomas Klupp spielt in einem kleinen bayerischen Dorf namens Weiden. Benedikt, die Hauptperson, ist 16 Jahre alt und ein ziemlich typischer Teenie mit typischen Teenie-Sorgen (Schule). Sein Vater ist vielbeschäftiger Oberarzt, seine Mutter repräsentiert mit Ausdauer und Begeisterung die bayerische Land-Oberschicht, obwohl sie in Wirklichkeit aus einer armen und eher rustikalen Bauern Familie vom Land kommt. Umso wichtiger ist es ihr den Schein zu wahren und durch Lions Club Events ihre Rolle als wohltätige Society-Lady zu zementieren (z.B. durch klischeehafte Events wie „syrische Flüchtlinge kochen für ein Buntes Weiden“).

Aus diesem Grund zählen für sie nur gute Noten, die ihre beiden Töchter – Benedikts ältere Zwillingsschwestern – zuverlässig abgeliefert haben. Benedikt dagegen ist ein Sport-Crack, spielt erfolgreich Tennis im Jugendbereich (trotz einer Affinität zu leichtem Drogenkonsum) und gibt nach außen den Mustersohn. Bloß seine Schulnoten im MINT-Bereich können damit nicht ganz mithalten, weswegen er schon seit einigen Jahren mit bewundernswerter krimineller Energie Noten, komplette korrigierte Klausuren und Unterschriften seiner Eltern fälscht. Nicht sehr überraschend bringt ihn das mit der Zeit in immer größere Schwierigkeiten und er muss so einige Tricks anwenden, damit die ganze Sache nicht auffliegt.

Das Buch ist in einer ziemlich flapsigen Teenie-Sprache in einer lockeren Tagebuch-Form geschrieben (ob diese „authentisch“ ist und 16-jährige 2018 genau so reden vermag ich eher nicht zu beurteilen), das Buch ist sehr leicht und unterhaltsam zu lesen und Benedikt ist durchaus ein sympathischer Zeitgenosse, trotz seinem Hang zum lügen und betrügen. Auch der Blick auf die etwas heuchlerische Familie ist durchaus amüsant und vage ein bisschen gesellschaftskritisch und auch an Situationskomik mangelt es dem Roman nicht.

Insgesamt liest sich der Roman also sehr flüssig und unterhaltsam dahin, allerdings fragte ich mich nach ca. 1/3 des Buches worauf die Handlung eigentlich hinaus will. Leider blieb diese Frage bis zum Ende unbeantwortet, denn so wirklich viel passieren tut in dem Buch eigentlich nicht, die Story ist doch eher dünn und auch irgendeine Form von Botschaft konnte ich zumindest nicht erkennen. So blieb die Geschichte für mich eine nette Unterhaltung für zwischendurch, hat mich aber nicht komplett vom Hocker gerissen.

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Buchrezension: „Der Blumensammler“ von David Whitehouse

Auf das Buch „Der Blumensammler“ von David Whitehouse bin ich wegen des wirklich schönen, liebevoll gestalteten und filigranen Covers aufmerksam geworden. Da das Buch auch sehr gute Amazon-Rezensionen hatte, habe ich es mir besorgt, auch wenn ich mir anhand des Klappentextes noch nicht wirklich viel unter der Handlung vorstellen konnte. Interessanterweise ging es mir beim Lesen des Buches erstmal für eine ziemlich lange Zeit weiterhin so, der Roman spielt abwechselnd auf 2 verschiedenen Zeitebenen und erzählt die Geschichte von 3 unterschiedliche Personen, was diese drei miteinander zu tun haben erschließt sich sich zuerst einmal aber nicht.

Da ist einmal ein älterer Tiefseeforscher, der bei einem Tauchunfall fast ertrinkt, aber dabei den Flugschreiber eines lang verschollenen Fluges findet. Dann ist da Dove, ein junger einsamer Mann, der als Kleinkind adoptiert wurde und Zeit seines Lebens mit unkontrollierten Wutanfällen zu kämpfen hat und jetzt auch noch von rasenden Kopfschmerzen und merkwürdigen Erinnerungen „angefallen“ wird, die nicht seine eigenen zu sein scheinen. Und dann ist da noch Peter, der einige Jahrzehnte vor Dove in der Bibliothek in einem Buch über Blumen einen Liebesbrief entdeckt, der von der Suche nach 6 sehr seltenen Blumen erzählt.

Natürlich hängen alle diese Geschichten zusammen, wie genau das der Fall ist, erschließt sich aber erst nach und nach im Laufe der Geschichte.

Ich war mir Lesen teilweise unschlüssig was ich von dem Buch halten soll. Die Geschichten sind durchaus interessant, manchmal auch mit einem feinen Humor zu sehen und die ganze Idee ist auch spannend. Trotzdem wurde ich nie so wirklich hundertprozentig in die Geschichte hineingezogen und alles in Allem ist die Geschichte vielleicht auch ein kleines bisschen zu konstruiert um wirklich die Magie zu entfalten, die der Autor vermutlich beabsichtigt hat. Außergewöhnlich und kreativ ist die Geschichte aber sicherlich und vom Schreibstil auch leicht lesbar und sympathisch (am Anfang fand ich manche Formulierungen manchmal ein bisschen zu blumig – ok beim Thema des Buches ist das vermutlich vertretbar 😉 ).