Bücher

Buch-Tipp: „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ von Yade Yasemin Önder

Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ ist das Literatur-Debut von Yade Yasemin Önder. Der lyrische, teils wilde, sehr intensive Roman erzählt von Kindheit,Jugend und jungem Erwachsenenleben einer namenlosen Ich-Erzählerin. Die Mutter Deutsche, der stark übergewichtige Vater stammt aus der Türkei und ist laut der Tochter „zu fast nichts zu gebrauchen, das mit Schwerkraft zu tun hat“. Die ersten Jahre sind geprägt durch Erinnerungen an eine Familie, die nicht perfekt ist, die Ecken und Kanten hat, durchmischt mit vagen Erinnerungen an „Heimat“-Urlaube in der Türkei. Als der Vater bei einem Unfall mit einer Kreissäge stirbt, erfolgt ein Bruch, zurück bleiben Mutter und Tochter, die sich nicht verstehen, die sich aneinander reiben…Erzählt wird die Entwicklung nicht chronologisch, sondern in kurzen, intensiven Episoden, die in der Zeit springen und auch im Stil, manchmal ganz klar und realitätsnah, manchmal kreativ, absurd und eher wie ein Traum, künstlich übertrieben und manchmal schwer verständlich, trotzdem authentisch und berührend.

Die Themen des Buches sind Familie, Identität, Heimat, Körpergefühl, Essstörungen, Sex und Selbstfindung, sehr viel gepackt in ein Format, dass sicher vom Stil nicht jeden ansprechen wird, aber für mich sehr gut funktioniert hat, die Geschichte hat eine Sogwirkung, die Personen werden lebendig, obwohl man oft nur Bruchstücke erfährt. Ein spannendes und intensives Debut von einer Autorin, von der man hoffentlich noch viel hören wird.

Bücher, yoga

Sachbuch-Tipp: „Yoga-Sequencing“ von Nicole Bongartz

Heute möchte ich ein Sachbuch zu meiner Leidenschaft Yoga vorstellen: „Yoga-Sequencing“ von Nicole Bongartz. Das Buch richtet sich eigentlich primär an Yogalehrer:innen, die sich damit zum Thema „Aufbau einer Yoga-Stunde“ weiterbilden können, doch auch als Yoga-Ausübende kann man von dieser Literatur sicher profitieren, einerseits um seine eigene selbständige Heimpraxis zu vertiefen und andererseits um mehr Wissen darüber aufzubauen wie Yogastunden aufgebaut werden können und worauf dabei zu achten ist. 

Das Buch ist dabei sehr strukturiert aufgebaut und auch der Schreibstil ist auf den Punkt, gut verständlich und didaktisch sehr gelungen, ohne dass es irgendwo langwierig oder kompliziert wird, so dass sich Buch- obwohl es ein Fachbuch ist – sehr flüssig und unterhaltsam lesen lässt.

Das Buch beginnt mit einigen einführenden Kapiteln darüber was Sequencing überhaupt ist und lässt auch den philosophischen Hintergrund nicht zu kurz kommen. Dann wird erstmal das Thema Aufbau und Bestandteile einer Yoga-Stunde sehr detailliert inhaltlich beleuchtet, bevor es im folgenden Kapitel dann tatsächlich um Sequencing geht. Dabei werden erstmal verschiedene Schlüsselprinzipien und Aufbaumethoden vorgestellt, gefolgt von sehr ausführlichen Beispielen für  verschiedene Möglichkeiten des Sequencing (z.B. Sequencing nach Asana Kategorie, nach Chakren, Vayus und Bandhus, das Hinarbeiten auf eine Peak Position oder zu einem bestimmten Thema). Jedes Kapitel wird durch eine Beispiel Sequenz abgerundet, die grafisch durch Strichmännchen abgebildet wird und die man als Inspiration für eigene Yoga-Sequences nutzen kann, aber natürlich auch einfach mal selbst ausprobieren. Die Darstellung mit Strichmännchen hat mir dabei hervorragend gefallen, denn sie ist optisch ansprechend, eingängig und platzsparend.

Ich fand das Buch wirklich sehr gelungen, ich denke für alle Yoga-Lehrer:innen ist es ein hervorragendes Lehrbuch, aber auch etwas fortgeschrittene Yoga-Übende können dadurch viel für die eigene Praxis mitnehmen. Ich habe, da ich sehr viele verschiedene Online-Yoga-Klassen besuche (neben meiner Iyengar-Yoga Praxis im Studio) auch tatsächlich in meiner bisherigen Praxis fast alle der genannten Sequencing-Formen schonmal im Unterricht miterlebt, um so toller war es diese nochmal fachlich mit mehr Hintergrund aufbereitet zu bekommen. 

Bücher

Thriller-Tipp: „Die Lügen“ von Lesley Kara

Die Lügen“ von Lesley Kara ist ein britischer Psychothriller, der durch den interessanten Klappentext mein Interesse geweckt hat. Lizzie ist gerade mit ihrem Verlobten in ein neues Haus gezogen und eigentlich steht sie vor einem schönen Neuanfang. Ihre Kindheit war durch ihre schwere Epilepsie überschattet, wegen der sie in der Schule gemobbt wurde und oft eingeschränkt war. Außerdem wurde ihre Jugendzeit von einem schrecklichen Erlebnis überschattet, ihre beste und einzige Freundin Alice wurde an einem unbeschrankten Bahnübergang von einem Zug überfahren und Lizzie war dabei, kann sich aber aufgrund eines epileptischen Anfalls nicht daran erinnern was passiert ist. Doch diese Zeit scheint nun endgültig hinter ihr zu liegen, ihre Epilepsie ist medikamentös gut eingestellt, sie scheint den Mann fürs Leben gefunden zu haben, …

Doch dann holt die Vergangenheit Lizzie wieder ein, in Form von Alice’s großer Schwester Katherine, die Lizzie nach Alice’s mit offener Feindseligkeit begegnete. Ausgerechnet sie ist eine neue Kollegin von Lizzies Verlobten. Und warum bekommt Lizzie plötzlich komische Anrufe und Botschaften?

Mir hat der Thriller gut gefallen, alles spielt sich eher auf einer psychologischen Ebene ab, was mir gut gefallen hat, denn blutrünstige Thriller mag ich nicht wirklich. Auch ist die Geschichte mitreissend und interessant und wechselt zwischen der Gegenwart und Episoden aus Lizzies Kindheit ab, in denen man mehr über die Beziehung zwischen Lizzie und Alice erfährt. Zwar wirkt alles auf den ersten Blick etwas vorhersehbar, aber zum Ende hin nimmt die Geschichte dann doch noch eine ungewöhnliche Wendung, die sie aus dem Thriller Einheitsbrei heraushebt. Für mich eine Leseempfehlung für alle, die eher psychologische Spannung mögen.

Bücher

Buch-Tipp: „Rückkehr“ von Willi Achten

In „Rückkehr“ von Willi Achten kehrt der erwachsene Jakob in das Dorf seiner Kindheit in den bayerischen Alpen zurück. Warum erfährt der Leser nicht so richtig, nur dass Jakob seine Jugend im Dorf nie richtig verarbeitet hat. Über die Vergangenheit erfahren wir in Rückblenden mehr und mehr. Jakob, sein Vater und seine Freunde im Dorf waren links und umweltbewusst und die Pläne eines lokalen Unternehmers im Dorf die Spitze des Berges für eine neue Bergbahn zu sprengen, die dem Dorf zu mehr Tourismus und mehr Reichtum verhelfen soll, sind den jungen Menschen ein Dorn im Auge. Während sich der Widerstand gegen die Bergbahn immer mehr radikalisiert, entfernt sich Jakobs Mutter immer mehr von der Familie, sie versteht sich viel zu gut mit Jakobs gleichaltrigem Freund Bruno und Jakob hat einen unangenehmen Verdacht…außerdem ist er verliebt in Liv, die Tochter des lokalen Cafe-Besitzers, doch wieder scheint auch sein Freund Bruno es auf Liv abgesehen zu haben. Und selbst zu Jakobs Vater, einem Vogelliebhaber, scheint Bruno einen besseren Draht zu haben als Jakob. Zwischen Liebeswirren, Eifersucht und dem eskalierenden Konflikt durch die Bergbahn steuert alles auf einen dramatischen Höhepunkt hin.

Jahre später ist im Dorf wieder Ruhe eingekehrt und Jakob versucht seinen Frieden mit der Vergangenheit, mit Bruno und mit Liv zu finden.

Der Stil des Buches ist sehr poetisch und ruhig, eher melancholisch und es wird auch Natur- und Vogelbeschreibungen viel Raum gegeben. Das gibt dem Buch trotz der schwierigen Themen eine gewisse Leichtigkeit, die sich auch in dem sehr schönen Cover widerspiegelt. Trotzdem fand ich das Buch eventuell etwas zu überladen und etwas betont tiefgründig. So hat es mir zwar gut gefallen, aber vielleicht wäre bei der Geschichte etwas weniger noch mehr gewesen.

Bücher

Krimi-Tipp: „Der Tod der dreckigen Anna“ von Tina Seel

„Der Tod der dreckigen Anna“ von Tina Seel ist ein außergewöhnlicher Krimi. Aufmerksam wurde ich auf das Buch zuerst durch den auffälligen Titel und das interessant und wie ich finde einfach aber besonders attraktiv gestaltete Cover. Der Roman spielt in einem kleinen Dorf in der Pfalz im Jahr 1974 und basiert auf einem echten Mordfall, den die Autorin als Kind in ihrem eigenen Dorf miterlebte. Im Dorf wohnen 3 ältere Schwestern gemeinsam in einem Haus, etwas verwahrlost, etwas isoliert von den anderen Dorfbewohnern und als schrullig bis unangenehm bekannt. Innerhalb eines Jahres sterben zwei der Schwestern, zurück bleibt nur die etwas geistig behinderte Anna, die kaum spricht. Zwei Verwandte kümmern sich notdürftig um Anna, doch überwiegend lebt sie alleine im Haus der Schwestern und kommt mehr oder weniger zurecht. Am Heiligabend 1974 dann der Schock: als Anna nicht wie verabredet bei ihren Verwandten erscheint, finden diese sie ermordert und brutal zugerichtet in ihrem Haus vor.

Der Krimi wird dann auf verschiedenen Zeitebenen erzählt: in der Gegenwart versuchen die Kriminalpolizisten dem Täter auf die Spur zu kommen, außerdem wird schnell klar wie sehr dieser brutale Mord das Gleichgewicht in der eingeschworenen Dorfgemeinschaft durcheinander bringt. Dazwischen werden die Jahre und Monate bis zur Tat erzählt und wer der Täter ist bleibt dementsprechend dann auch nicht lange ein Geheimnis für den Leser. Um die Mördersuche wie in einem klassischen Krimi geht es aber in diesem Buch auch nicht, stattdessen stehen die Entwicklung des Täters und die Dorfbewohner im Mittelpunkt, es handelt sich also wohl eher um eine Mischung aus Psychogram und Dorfroman. Dazu kommt eine teilweise etwas derbe, aber authentische Sprache, die einen gefühlt direkt ins Jahr 1974 zurückversetzt und die den Roman besonders charmant aber auch eindringlich macht. Etwas überrascht war ich entsprechend auch wie sehr mich das Geschehen teilweise „mitgenommen“ hat, was vor allem daran liegt, wie überzeugend und plastisch die Autorin das Innenleben des Mörders gezeichnet wird, es gruselt einen teilweise richtig vor ihm. Für mich ist dieser Roman eine wirklich beeindruckende Debüt-Leistung der Autorin, die aus dem 08/15 Krimi-Material sehr positiv heraussticht.

Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Ende in Sicht“ von Ronja von Rönne

Ende in Sicht“ ist ein Hörbuch von Ronja von Rönne, das von der Autorin selbst gelesen wird.
Die Autorin hat selbst Erfahrungen mit Depressionen und genau dieses Thema steht im Zentrum des Romans. Die 69-jährige Hella hat genug vom Leben, ihre kurzlebig erfolgreiche Karriere als Schlagersängerin ist längst nur noch von privaten Skandalen und Auftritten bei Möbelhauseröffnungen geprägt und auch abseits der Karriere hatte sie ihr Leben nie wirklich im Griff. Jetzt ist sie auf dem Weg in die Schweiz und möchte dort in einem Sterbehilfe-Krankenhaus ihr Leben beenden. Doch als sie auf dem Standstreifen der Autobahn hält, fällt plötzlich die 15-jährige Juli vor ihr auf die Straße. Auch diese wollte heute ihr Leben beenden, mit einem Sprung von der leider etwas niedrigen Autobahnbrücke, vor der Hella gerade anhielt. Nicht grade als Menschenfreundin bekannt, weiß Hella nicht so recht was jetzt tun, nimmt Juli dann aber mit, zuerst ins Krankenhaus und dann weiter auf ihre Reise. Während Hella Juli verschweigt, was ihr wirkliches Ziel ist, lügt auch Juli darüber, dass keineswegs in Ulm ihre Mutter auf sie wartet.

Die beiden Frauen könnten nicht unterschiedlicher sein, Hella, laut, von sich überzeugt, egozentrisch, trotz ihrer eigenen Unzulänglichkeiten immer der Meinung Juli die Welt erklären zu können und auf der anderen Seite, Juli, ruhig, introvertiert und nicht nur in der Schule, sondern im ganzen Leben unsichtbar.
Natürlich nähern sich die beiden spröden Frauen im Lauf der Reise an, etwas anderes kann man von der Thematik in Kombination mit „Road Trip“ auch nicht erwarten. Erzählt ist das Buch in einer Sprache die schnörkellos ist, durchaus humorvoll, manchmal zynisch, intelligent und bissig. Dies führt dazu, dass die Geschichte nie wirklich deprimierend ist, allerdings blieb ich auch die ganze Zeit emotional entfernt von den beiden Charakteren. Eventuell könnte das auch mit daran liegen, dass Ronja von Rönne zwar sehr gut und auch sehr dynamisch liest, aber auch sehr nüchtern und gerade Hellas anstrengende Art zwar sehr überzeugend rüber bringt, aber diese dadurch auch nicht wirklich übermäßig sympathisch wirkt. Juli bleibt als Charakter daneben auch etwas blass. Es war das erste Hörbuch wo ich mich gefragt habe, ob ich die Charaktere vielleicht etwas anders wahr genommen hätte, wenn ich das Buch gelesen hätte, anstatt gehört. Andererseits gehe ich davon aus, dass Ronja von Rönne beide Frauen genauso gelesen hat, wie sie sie darstellen wollte.

Insgesamt hat mir das Buch jedenfalls gut gefallen, allerdings ohne große Emotionen in mir auszulösen, die man bei dem Thema eigentlich erwartet hätte.

Bücher

Buch-Tipp: „Meine Schwester“ von Bettina Flitner

„Meine Schwester“ von Bettina Flitner ist eine sehr bewegende Autobiografie, die für mich ein absolutes Lese-Highlight im Jahr 2022 darstellt. Bettina Flitner ist Fotografin und die Ehefrau (und davor jahrzehntelange Lebensgefährtin) von Alice Schwarzer. Im Mittelpunkt dieses Buches stehen jedoch die Erinnerungen an ihre Schwester und die gemeinsame Kindheit, denn Bettinas Schwester Susanne nahm sich im Jahr 2017 das Leben, wie Jahrzehnte davor schon ihre Mutter, die ihr Leben lang mit Depressionen kämpfte. Auch der Großvater der Mädchen war schon damit belastet. Eigentlich ein sehr trauriges Thema also, trotzdem erzählt diese Autobiografie mit viele Liebe, Humor und einem tollen Schreibstil von der Kindheit der beiden Mädchen, zwischen Waldorfschule, unkonventionellen Eltern, sehr unterschiedlichen aber von beiden Seiten der Familie charismatisch prägenden Großeltern, von einem halben Jahr in New York, Urlauben, ganz normalen Teenie-Sorgen und eben dem Leben mit der Depression der Mutter und später auch der Schwester. 

Dabei fühlt man sich der Familie immer ganz nah, trotzdem hat die Erzählung immer eine Leichtigkeit und Authentizität, die mir in noch nicht vielen Autografien so begegnet sind. Und abgesehen vom schweren Thema ist das Leben, der Hintergrund und die Geschichte dieser Familie auch einfach unheimlich interessant, egal ob es um kleine oder größere Themen geht.

Ich denke das Buch eignet sich eigentlich für fast jeden, für Menschen, die ebenfalls Familienmitglieder oder andere geliebte Menschen verloren haben, für Menschen die Depressionen besser verstehen wollen, aber auch einfach für jeden der gerne packende Autobiografien über familiäre Beziehungen liest. Von mir also eine klare Leseempfehlung!

Bücher, Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Heimweh“ von Graham Norton

„Heimweh“ von Graham Norton ist ein Hörbuch, das erstens wegen dem Setting in Irland mein Interesse geweckt hat und auch weil der bekannte Schauspieler Charly Hübner es liest. Der Roman spielt auf mehreren Zeitebenen, die Geschichte beginnt irgendwann in den 80ern in einer irischen Kleinstadt. 6 junge Menschen haben einen Tag am Strand verbracht, Bernie und David wollen am nächsten Tag heiraten und möchten noch einmal abschalten, dabei sind ihre Brautjungfer und deren Schwester, sowie der Arztsohn Martin und Connor, der einige Jahre jünger ist und eigentlich gar nicht zur Clique gehört, aber aus eher unerfindlichen Gründen an diesem Tag von Martin eingeladen wurde mitzukommen. Doch der Tag endet mit einer Tragödie, an einem Kreisverkehr kommt das Auto der junge Leute von der Straße ab, Bernie, David und die Brautjungfer sterben, ihre Schwester Linda bleibt für immer gelähmt. Nur Martin und Connor sind unverletzt geblieben. Vor allem für Connors Familie ein Tragödie, denn er hat den Wagen gefahren. Zwar kommt er mit einer Bewährungsstrafe davon, doch die Familie ist genau wie die Familien der Opfer für immer gezeichnet, der Pub von Connors Eltern hat kaum mehr Besuch, auch Connors Schwester Linda hat das Gefühl von allen beobachtet und abgelehnt zu werden. Als Connor zum Arbeiten nach England geschickt wird, ist sie heimlich erleichtert und als sich Arztsohn Martin dann auch noch für sie interessiert kann sie ihr Glück kaum fassen.

Jahre später sind Martin und Ellen verheiratet, Connor lebt inzwischen ein ganz neues Leben in New York als der Zufall (oder das Schicksal) ihn mit seiner Vergangenheit konfrontiert und das Leben aller Beteiligten durcheinander gewirbelt wird.

Der Titel „Heimweh“ hat etwas melancholisches und so würde ich auch den Grundton des Buches durchaus beschreiben, es ist eine traurige, schöne und herzerweichende Geschichte, die zeigt wie eine unnötige Tragödie und Geheimnisse das Leben von Menschen über Jahrzehnte lang beeinflussen kann. Es geht aber auch über gesellschaftliche und familiäre und ganz persönliche Weiterentwicklung. 

Gelesen wird das Buch von Charly Hübner wirklich grandios, er bringt die Geschichte und die Charaktere zum Leben und liest sehr warm und einfühlsam, für die Geschichte ist das geradezu perfekt. Ein rundum gelungenes Hörbuch und eine wundervolle Geschichte über Menschen. 

Bücher

Buch-Tipp: „Maxwells Dämon“ von Steven Hall

„Maxwells Dämon“ von Steven Hall ist nach dem gleichnamigen Gedankenexperiment aus der theoretischen Physik benannt und ein Roman bei dem es mir gar nicht so leicht fällt eine Rezension zu schreiben, denn zu schwierig fällt es mir die Handlung des Romans zu beschreiben. Der Schriftsteller Thomas Quinn steht Zeit seines bisherigen Lebens im Schatten seines übermächtigen, aber inzwischen verstorbenen Vaters Stanley Quinn, der ebenfalls Autor war. Aktuell befindet sich Thomas’ Leben auch sonst eher in Auflösung begriffen…sein Erstlingsroman war mäßig erfolgreich, seitdem hält sich Thomas eher schlecht als recht mit Auftragsarbeiten über dem Wasser. Seine Frau Imogen ist Wissenschaftlerin und aktuell für 6 Monate auf einer Forschungsstation auf den Osterinseln. Als sich der verschollene und schrullige Starautor Andrew Black, ein ehemaliger Schützling seines Vaters mit dem Thomas sich vor einigen Jahren angefreundet hatte, mit einem mysteriösen Brief bei Thomas meldet gerät dessen Leben vollends aus den Fugen. Als er dann auch noch die Stimme seines toten Vaters auf dem Anrufbeantworter hört und eine Romanfigur aus Andrews einzigem Beststeller-Roman im realen Leben sieht, weiß Thomas gar nicht mehr was er glauben soll und begibt sich auf die Suche nach Andrew Black, um herauszufinden ob dieser Hilfe braucht und was überhaupt los ist…

Das Buch ist sehr mysteriös geschrieben und erinnerte mich vom Stil her teils an alte mystische Geschichten im Stile von H.P. Lovecraft, wobei die Sprache trotz der teils sehr komplexen Themen nie kompliziert ist. Deswegen entwickelt das Buch auch einen starken Sog, dem man sich oft gar nicht entziehen kann. Dabei greift die Geschichte Themen wie Physik, religiöse Mythen und die Bedeutung der Literatur auf und vermengt sie zu einer Mischung aus Kriminalroman, mystischem Roman und philosophischem Roman bei der auch der Leser genau wie Thomas Quinn sich oft fragt was denn nun Realität ist und was Fiktion. Mir hat dieses Buch aber trotzdem oder gerade deswegen richtig Spaß gemacht und ich habe es in kürzester Zeit ausgelesen. Jedermanns Geschmack wird es aber vermutlich nicht treffen, weswegen es schwierig ist eine Empfehlung auszusprechen.

Bücher

Buch-Tipp: „Mein Leben mit Fjodor Dostojewski“ von Anna Dostojewskaja

Fjodor Dostojewski ist einer meiner Lieblings-Klassikschriftsteller. Ich habe „Schuld und Sühne“ schon vor einigen Jahren gelesen und vor wenigen Monaten eine Neuauflage von „Die Doppelgänger“. Deswegen hatte ich auch große Lust einmal ein Sachbuch über ihn zu lesen und die Neuauflage der Erinnerungen von Dostojewskis (zweiter) Ehefrau Anna Dostojewskaja „Mein Leben mit Fjodor Dostojewski“ kam mir da gerade recht, fand ich es doch besonders spannend direkt von seiner Ehefrau etwas über den berühmten Schriftsteller zu erfahren. 

Das Buch schildert entsprechend das Leben des Schriftstellers in den 14 Jahren bis zu seinem Tod in denen er mit Anna Dostojewskaja verheiratet war. Die 20-jährige Anna lernte den damals 44-jährigen Fjodor 1866 kennen als sie von ihrem Stenographie-Lehrer zu ihm vermittelt wurde, er suchte jemanden der ihn bei der Arbeit an seinen Büchern unterstützt. Aus einer sehr produktiven Arbeitsgemeinschaft wurde eine liebevolle Ehe, die von gegenseitiger fast schon überschwänglicher Schwärmerei von dem jeweils anderen geprägt war. 

Anna Dostojewskaja schildert ihr Leben mit Dostojewski in sehr strukturierter chronologischer Form (sicher der Tatsache geschildert, dass sie jahrelang stenografisch sehr detailliert Tagebuch schrieb, was beim Verfassen eines solchen Erinnerungsromans sicher sehr hilfreich ist). Beginnend mit der Schilderung ihrer eigenen Kindheit über das Kennenlernen von Dostojewski, die Schwierigkeiten mit seiner Familie direkt nach der Hochzeit, Jahren im Ausland, schwierigen finanziellen und beruflichen Herausforderungen, schlimmen privaten Verlusten und gesundheitlichen Problemen, aber auch vielen „balanen“ und humorvollen Alltagsereignissen. Für mich sehr herausragend an den Erinnerungen waren mehrere Dinge: erstens waren viele der Anekdoten und Erlebnisse wirklich lustig und charmant, zweitens beeindruckte mich die positive Einstellung mit der Anna von der gemeinsamen Zeit mit ihrem Mann schrieb, obwohl der Alltag der beiden von viel Leid (zwei der vier gemeinsamen Kinder starben schon in den ersten Lebensmonaten und -jahren) und Sorgen (ständig Schulden und dem daraus bedingten Zeitdruck unter dem Dostojewski seine Bücher schreiben musste) geprägt war. Trotzdem empfand Anna die Zeit mit ihrem Mann als die glücklichste ihres Lebens und diese tiefe Liebe zu ihrem Mann war wirklich aus jeder Zeile zu entnehmen und sehr bewegend. Trotzdem thematisierte sie durchaus auch die schwierigen Seiten seines Charakters, wie seinen Jähzorn und ständige Eifersuchtsanfälle.

Insgesamt fand ich das Buch rundum gelungen, mitreissend und leicht lesbar geschrieben, unterhaltsam, bewegend und auch einfach perfekt wenn man authentische Einblicke in das Leben in Russland und auch Europa im späten 19. Jahrhundert bekommen möchte. Sehr schön abgerundet wird das Buch mit einigen Fotografien der Familie. 

Somit also ein perfekter Start ins Lesejahr 2022.

Gerne möchte ich in Zukunft auch noch den Briefwechsel von Fjodor und Anna lesen, der unter dem Titel „Ich denke immer nur an Dich: Eine Liebe in Briefen“ veröffentlicht wurde, um noch mehr direkte Einblicke in diese wirklich faszinierende historische Liebesgeschichte zu erhalten.