Bücher

Buch-Tipp: „Identitti“ von Mithu Sanyal

Seit zwei Jahre lese ich jedes Jahr gezielt ein bis zwei Bücher aus der Long- oder Shortlist des Deutschen Buchpreises. Eines dieser Bücher war dieses Jahr „Identitti“ von Mithu Sanyal, das es bist auf die Shortlist geschafft hat. Die Studentin Nivedita stammt als Kind gefühlt aus 2 Welten, ihre Mutter eine Deutsche mit Herkunft Polen, ihr Vater ein Deutscher mit Herkunft Indien. Schon als Kind hat Nivedita das Problem, dass sie sich nirgends wirklich zugehörig fühlt, die indischstämmigen Freund:innen ihrer Cousine Priti nennen sie bei ihrem Familienbesuch in London „Kokosnuss“ (nicht richtig indisch/PoC, außen schwarz, innen weiss), mit ihrer weissen Mutter kann Nivedita sich gar nicht identifizieren, zum Vater besteht aber auch überhaupt kein enges Verhältnis, so dass sie das Gefühl hat über die indische Kultur gar nichts zu wissen. Doch dann fängt Nivedita ein Studium bei Saraswati an, einer öffentlichskeitswirksamen megaerfolgreichen indischstämmigen Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf. Zum ersten mal fühlt sich Nivedita gehört, verstanden und angesprochen, nicht mehr identitätslos, liebt die Debatten über Rassimus und White Priviledge, den Austausch mit den Kommilitonen und führt durchaus erfolgreich selbst einen Blog namens „Identitti“ zu diesen Themen. Saraswati ist für sie Mentorin, Vorbild, wenn nicht noch mehr.
Doch dann, grade als Nivedita ein Radio-Interview über Saraswati gab, bricht die Hölle los. Aufgedeckt ausgerechnet durch ihre Cousine Priti und Saraswatis Bruder stellt sich heraus, dass Saraswati in Wirklichkeit Sarah Vera Thielmann heisst, aufgewachsen in Karlsruhe bei ihren eindeutig sehr weissen Eltern…ihre ganze Identität als Person of Color eine Täuschung. Während der erwartete Social Media Shitstorm über Saraswati (und wegen dem Interview und ihrem Status als Saraswatis Star-Studentin auch über Nivedita) hereinbricht, sucht Nivedita die Konfrontation auf ganz andere Weise, sie sucht Saraswati auf, zieht sogar bei ihr ein. Immer auf der Suche nach dem Warum, nach einer Erklärung, nach einer Entschuldigung. Doch Saraswati bleibt diese nicht nur schuldig, sie fühlt sich auch nicht schuldig, rechtfertigt sich nicht, fühlt sich sogar im Recht, schließlich ist Rasse nur eine politische und soziale Konstruktion…

Das Buch hat natürlich einige Inspiration aus tatsächlichen Ereignissen gezogen, vor allem aus dem Fall der us-amerikanischen Bürgerrechtlerin Rachel Dolezal, die sich jahrelang als Schwarze ausgab (und sich bis heute als Schwarze sieht).
Das Buch ist dabei vom Stil her frech, ironisch, humorvoll, provokant, witzig, fantasievoll und vor allem eins gar nicht „schwer. Lediglich am Ende wird die Geschichte ernster, gleichzeitig aber auch mit einem kleinen Ausflug ins Reich der Fantasie. Mich hat das Buch erstens hervorragend unterhalten, zweitens sehr zum Denken angeregt (mehrmals stiess ich auf Sätze, die mir wirklich ganz neue Gedankenwelten eröffneten), drittens über Dinge informiert über die ich noch nicht genug weiß, …für mich also eines der besten Bücher die ich dieses Jahr gelesen habe. Gleichzeitig habe ich beim Lesen einiger anderer Rezensionen einige sehr negative Rezensionen gelesen, das Buch scheint also durchaus gespaltene Reaktionen hervorzurufen, allerdings wirkten die Rezensent:innen der 1-Sterne Bewertungen auf mich überwiegend wie Menschen, die sich von Themen wie White Priviledge oder Identitätspolitik sofort negativ getriggert fühlen (immerhin trotzdem mal dazu gegriffen?) oder schlicht sehr verbissen und humorlos, nachvollziehen konnte ich die Kritiken jedenfalls nicht und warum manche Menschen bei diesen Themen sofort ein rotes Tuch sehen, dürfte für mich darauf hindeuten, dass da grade in Deutschland noch extrem viel aufzuarbeiten ist, gefühlt hinken wir anderen Ländern da noch um Jahrzehnte hinterher und arg weit sind die auch noch nicht.

Bücher, Hörbuch

Hörspiel-Rezi: „Vierundreißigster September“

Das Hörbuch „Vierunddreißigster September“ von Angelika Klüssendorf wird gelesen von Corinna Harfouch und Walter Kreye und ich muss sagen, dass das auch mit ein Grund war, warum ich es mir ausgesucht habe. Denn Corinna Harfouch ist eine Schauspielerin, die ich schon seit meiner Kindheit sehr gerne mag. Doch auch der Ausgang der Story klang sehr faszinierend für mich: Walter und Hilde sind ein älteres Ehepaar, die in einem kleinen Dorf in Ostdeutschland leben. Walter ist „Wendeverlierer“ und deswegen chronisch mies gelaunt, entsprechend schlecht behandelte er seine Ehefrau. Doch dann bekommt Walter einen tödlichen Gehirntumor und ist plötzlich wie verwandelt, nett, rücksichtsvoll und gut gelaunt. In der Silvesternacht erschlägt Hilde Walter und verschwindet spurlos, ob sie es aus Rache, Wut oder doch Barmherzigkeit tat, weiß niemand.

Fortan verbringt Walter seinen Tod auf dem Dorffriedhof zusammen mit Hildes Mutter und zahlreichen anderen bereits verstorbenen. Als zuletzt Verstorbener darf er die Rolle des Chronisten übernehmen und schaut sich an was sich so alles tut in dem kleinen Dorf nach seinem Ableben.

Das Buch wird im Wechsel aus der Perspektive des toten Walter erzählt und im Wechsel aus Sicht der vielen verschiedenen Dorfbewohner, von denen jeder so eine Eigenheiten, Schrullen und Probleme hat. Auf der Gewinnerseite des Lebens stehen die Bewohner des Dorfes definitiv fast alle eher nicht.

Sehr gut gefallen hat mir an dem Buch die sehr atmosphärische Lesung durch Corinna Harfouch und Walter Kreye, ebenso die Grundidee und die Atmosphäre der Story. Letztendlich muss ich sagen, dass mich das Buch trotzdem nicht zu 100% abgeholt hab. Laut Kritik und Ankündigung dient der Dorfkosmos im Buch als Gesellschaftsspiegel, ähnlich also von der literarischen Idee wie die (absolut hervorragenden) Romane von Juli Zeh. Doch mir fehlt bei dem Roman von Angelika Klüssendorf doch etwas der rote Faden. Dadurch dass fast alle Dorfbewohner im Buch ähnlichen Raum einnehmen, fehlt etwas die Handlung, das Ziel worum es eigentlich geht. Auch die Trennung der Perspektiven von Walter im Reich der Toten und der Lebenden auf der anderen Seite blieb für mich am Ende irgendwie „grundlos“ und damit irgendwie nur eine Spielerei. Entsprechend wird das Buch wohl etwas polarisieren, ist es brillant oder letztendlich doch eher belanglos? So richtig beantworten kann ich die Frage nicht, ich habe es gerne gehört, aber würde es trotzdem nur bedingt weiterempfehlen.

Bücher

Krimi-Rezension: „Eisesschatten“ von Jonas Moström

Eisesschatten“ von Jonas Moström ist von der Aufmachung her ein typische schwedischer Krimi (gerne für Cover genommen: ein einsames Schweden-Haus im Schnee). In der kleinen und wirtschaftlich etwas abgehängten Stadt Svartviken verschwindet die 16-jährige Ebba ausgerechnet an dem Tag als sie zur Lucia gekrönt werden sollte. Sie stieg auf dem Weg zur Krönung in ein Auto, das mit ihr spurlos verschwand. Ihr Lehrer Pierre gerät unter Verdacht, weil er sich an die minderjährigen Schülerinnen rangemacht haben soll und wird kurz nachdem die Suche nach Ebba offiziell eingestellt wurde, in seinem Zuhause brutal ermordet.
Da die Ermittlungen der lokalen Polizeibehörde in beiden Fällen ins Leere gelaufen sind, wird eine Profiling-Spezialeinheit aus der Stadt nach Svartviken geschickt, angeführt von der Psychiaterin Nathalie Svensson. Die Ermittler sollen Licht ins Dunkle bringen und herausfinden was wirklich mit Ebba geschah.

Der Krimi ist eigentlich recht klassisch aufgebaut, die Ermittler kommen in die Kleinstadt, müssen sich mit den lokalen Polizisten bekannt machen, natürlich gibt es die üblichen Konflikte in diesem klassischen Krimi-Setting. Ansonsten werden Verdächtige befragt, Dorfbewohner kennengelernt, es gibt gesellschaftliche und familiäre Spannungen und noch ein paar private Irrungen und Wirrungen der Ermittler.
Insgesamt hat mir das Buch auch gut gefallen, allerdings gibt es auch kleinere Schwächen, einen richtigen Thriller-artigen Spannungsaufbau gibt es nicht und auch bei der Charakterentwicklung hätte es meiner Meinung nach noch Luft nach oben gegeben: so ist z.B. der Vater von Ebba angeblich ein ziemlicher Choleriker, der Ex-Freund von Ebba ein misstrauischer Flüchtlingsjunge. Trotzdem arbeiten alle Verdächtigen letztendlich selbst in Drucksituationen immer erstaunlich brav und widerstandslos mit der Polizei zusammen, was mir irgendwie in den geschilderten Settings nicht 100% realistisch erscheint.

Insgesamt würde ich den Krimi deswegen als solide Kost bezeichnen, die aus bewährten Elementen zusammengesetzt ist, es fehlt aber ein bisschen das Besondere das den Krimi und das Ermittlerteam aus der Masse der Skandinavien-Krimis heraushebt und den Wunsch weckt noch mehr Krimis von dem Autor zu lesen.

Bücher

Buch-Tipp: „Eine redliche Lüge“ von Husch Josten

„Eine redliche Lüge“ von Husch Josten ist laut Beschreibung ein Gesellschaftsroman. Ich muss zugeben, dass mich bei dem Buch zunächst primär das vor allem von der Farbgebung attraktive Cover ansprach. Doch auch die Thematik klingt durchaus lesenswert: die junge Elise arbeitet nach ihrem Studium und vor ihrem Einstieg ins Berufsleben den Sommer 2019 lang als „Hausmädchen“ für das charismatische Paar Margaux und Philippe, die in ihrem außergewöhnlich geformten Haus in der Normadie an vielen Abenden illustre Abendessen für verschiedene Gäste aus verschiedenen Gesellschaftsschichten abhalten. Teils werden dort Business-Kontakte für zukünftige Projekte , teils das Dorf-Netzwerk gepflegt, Elise bereit das Essen vor und versorgt die Gäste und ist so immer hautnah dabei. Sie bekommt Gespräche mit über gesellschaftspolitische Themen, über Liebe, Betrug, die Vergangenheit, die Gesellschaft, aber auch Klatsch und Tratsch, mal mehr, mal weniger anregend. Außerdem vergöttert sie Margaux bis zu einem gewissen Grad und stellt das Paar auf einen Podest. Um so schockierender für sie als am Ende des Sommers alles was sie als perfekt ansah auseinanderbricht.

Der Roman ist flüssig, leicht und unterhaltsam geschrieben und erweckt wirklich ein Gefühl in Frankreich bei diesen Abenden dabei zu sein, das Gefühl wird sehr gut rüber gebracht. Restlos überzeugen konnte mich der Roman allerdings trotzdem nicht, denn etwas zu konstruiert wirkt das ganze Setup. Außerdem lebt er zu sehr großen Teilen davon, dass von Anfang an klar ist, dass die von Elise verklärte Idylle irgendwann durch einen „Knall“ endet, das Buch steuert damit unaufhaltsam auf einen Höhepunkt zu, der für mich dann aber irgendwie eher banal wirkte. So hatte ich zwar viel Spaß beim Lesen des Romans, die Lobeshymnen bezüglich der gesellschaftlichen Relevanz aus den Pressetexten kommen mir aber dann doch etwas überzogen vor, für mich fehlt es dafür doch etwas an Substanz. Das klingt jetzt aber kritischer als es gemeint ist, eine vergnügliche und clevere Lektüre war das Buch trotzdem.

Hörbuch

Hörspiel-Tipp: „Krabat“ von Otfried Preussler

„Krabat“ von Otfried Preussler ist eines meiner absoluter Lieblings-Jugendbücher aller Zeiten. Ich habe es als Kind bestimmt um die 10x gelesen und auch als Erwachsene 1-2x. Als ich nun sah, dass es eine Neuauflage der Hörspiel-Fassung von 2016 gibt, habe ich beschlossen mich mal an eine andere Umsetzung zu wagen.
Die Geschichte dürfte Vielen vermutlich bekannt sein, der Kampf gegen Schwarze Magie, die Kraft der Liebe, für ein Jugendbuch sehr düster und teils auch brutal, basierend auf der alten sorbischen Krabat-Sage, ist es ein sehr poetisches und kraftvolles Buch. Der 14-jährige Waisenjunge Krabat wird von einem Traum wiederholt auf eine Mühle im Koselbruch bei Schwarzkollm aufmerksam gemacht, sie scheint nach ihm zu rufen und nachdem er sich dorthin aufgemacht hat, beginnt er eine Lehre als Müllerbursche. Zunächst findet er die Arbeit trotz des strengen und teils grausamen Müllermeisters spannend, vor allem als er lernt, dass dort nicht nur die Arbeit als Müllersbursche gelehrt wird, sondern die Kunst der Schwarzen Magie. Doch bald muss Krabat erkennen, dass er einen Pakt eingegangen ist, der ins Verderben führt und dass in der Mühle schlimme Dinge vorgehen…

Das Hörspiel wird von den vielen Beteiligten Lesern sehr gut gelesen und ist mit sehr sehr schöner mystischer und atmosphärisches Musik unterlegt, alles ist sehr harmonisch arrangiert, Max Mauff liest den Krabat sehr sensibel, sehr gut gefallen hat mir auch Laura Maire als seine Angebetete Kantorka.

So hat mir das Hörspiel wirklich gut gefallen, auch wenn ich als Fan des Buches sagen muss, dass es mich doch nicht ganz in gleichem Massen verzaubern konnte wie das Buch, aber das ist vermutlich auch sehr schwierig, wenn man das Buch so sehr mag und den für ein Hörspiel notwendigen Kürzungen geschuldet und vermutlich eher eine individuelle Sache, generell ist das Hörspiel absolut empfehlenswert. Ausgesprochen gelungen finde ich auch das Cover der neuen Ausgabe.

Bücher

Buch-Tipp: „Uns zusammenhalten“ von Mirthe van Doornik

„Uns zusammenhalten“ von Mirthe van Doornik ist ein sehr berührender Roman aus den Niederlanden. Es geht um die beiden Schwestern Kine und Nico, die in den 90ern mit ihrer Mutter Nora in einem tristen Vorstadthochhaus leben. Die Mutter ist alkoholkrank, esoterisch und hippiemäßig angehaucht und ist immer auf der Suche nach einem ganz anderen Leben. Der Vater holt die Mädchen ab und zu ab, kümmert sich aber wenig und irgendwann findet er eine neue Liebe.
Kine und Nico müssen sich also schon in jungen Jahren ganz alleine durchschlagen. Als die Familie z.B. eine Reise nach Disneyland Paris gewinnt, setzen sich Nora und ihr aktueller Lover ab um das Grab von Jimi Hendrix zu besuchen, Kine und Nico bleiben alleine zurück, mit einer Freiheit die sie gar nicht wollen. Die Geschichte wird immer abwechselnd aus der Sicht von Nico und von Kine erzählt und behandelt immer Zeitsprünge im Abstand einiger Jahre. In jungen Jahren sind die Schwestern sehr eng und geben sich gegenseitig halt, doch mit der Zeit zieht die ältere Nico sich immer mehr in sich selbst zurück, während sie ihre Mutter aktiv ablehnt und ihr nicht verzeihen kann, ist Kine ein ganz anderer Typ, widerstandsfähiger, aktiver und nie ganz bereit ihre Mutter aufzugeben. So begleitet der Leser Kine und Nico von der relativ frühen Kindheit bis ins Erwachsenenleben, sieht wie sie erwachsen werden, wie sich Noras Zustand immer mehr verschlechtert und wie die beiden Schwestern unter diesen schweren Umständen erwachsen werden.

Für mich war „Uns zusammenhalten“ eines der besten Bücher die ich dieses Jahr gelesen habe. Auch wenn die Geschichte in jeder Hinsicht schwer ist, ist es trotzdem kein besonders trauriges Buch, ich fand es nicht mal besonders deprimierend. Zu liebenswert sind Kine und Nico und zu berührend ist die Geschichte erzählt und auch Humor spielt durchaus eine Rolle. Gut finde ich, dass nicht geurteilt wird und auch Noras Rolle mit Empathie betrachtet wird, etwas das dem Leser sehr schwer fällt, schafft zumindest Kine in dem Buch und es wirkt alles zu 100% glaubwürdig und wie aus dem echten Leben, nicht wie eine fiktionale oder beschönigte Version der Ereignisse.

Für mich eine klare Leseempfehlung.

Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Die Leuchtturmwärter“ von Emma Stonex

Im Hörbuch „Die Leuchtturmwärter“ von Emma Stonex geht es um einen mysteriösen Kriminalfall: im Jahr 1972 – kurz vor Sylvester – fährt ein Boot zu dem vor der Küste von Cornwall liegenden Leuchtturm „Maiden Rock“ um die dortige Leuchtturm-Besatzung nach ihrer langwierigen Schicht abzulösen. Doch der Bootsführer findet nur einen komplett verlassen Leuchtturm vor, noch dazu ist die Tür von innen verriegelt. Spurlos verschwunden sind die 3 Wärter Arthur (der Oberwärter), sein langjähriger Kollege Bill und Vince, der junge Leuchtturmwärter-Anwärter.

1992: 20 Jahre später werden längst alle Leuchttürme automatisch betrieben, doch was aus den 3 Männern wurde ist immer noch ungeklärt. Es gibt zahlreiche Theorien, auch abstruse wie eine Entführung durch Außerirdische sind darunter. Die drei Frauen der Wärter bekamen nie eine Antwort auf die Frage was aus ihren Ehemännern bzw. ihrem Freund wurde, die Leuchtturmgesellschaft Trident House mauert und verbietet sich Gerede über das Thema. Helen, Arthurs Frau, ist ein realistischer Typ und überzeugt, dass die Männer damals ertranken. Jenny, Bills Frau, klammert sich an den Gedanken, dass ihr Mann irgendwann wieder auftauchen könnte und Michelle, Vince damalige Freundin, ist neu verheiratet, hängt Vince emotional aber immer noch hinterher. Als ein Schriftsteller die 3 Frauen kontaktiert um einen Roman über die alten Ereignisse zu schreiben, kommen zahlreiche alte Geheimnisse ans Licht…

Die Geschichte wird abwechselnd in den beiden Zeitebenen 1992 und 1972 aus den verschiedenen Perspektiven der 6 beteiligten Personen erzählt und bald zeigt sich, dass fast jeder irgendwelche Geheimnisse verbarg. Das Erzähltempo ist dabei leise, ruhig und fast melancholisch. Die Atmosphäre auf einem einsamen, abgeschottenen Leuchtturm wird dabei sehr plastisch dargestellt.

Gelesen wird das Hörbuch von Tessa Mittelstaedt (Tatort Fans sicherlich vor allem bekannt durch ihre Rolle als Assistentin Franziska im Kölner Tatort) und Timo Weisschnur. Tessa liest dabei die Frauenrollen von Helen, Jenny und Michelle und Timo Weisschnur die 3 Leuchtturmwärter. Der Lesestil der beiden passt gut zum langsamen und ruhigen Erzähltempo und vor allem Tessa Mittelstaedt gelingt es die 3 unterschiedlichen Frauen gut und differenziert darzustellen. Timo Weisschnur fand ich am Anfang der Geschichte etwas zu gleichförmig beim Lesen der 3 verschiedenen Wärter, er legt aber mit zunehmender Dramatik der Ereignisse im 2. Teil nach und erweckt die 3 Männer zum Leben.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, man sollte aber keinen klassischen Krimi oder Spannungsroman erwarten, sondern sich ganz auf die leisen mysteriösen Töne einlassen können.

Bücher

Buch-Tipp: „Reise durch ein fremdes Land“ von David Park

„Reise durch ein fremdes Land“ von David Park ist ein sehr lyrisches nordirischer Roman. Er spielt kurz vor Weihnachten in einem Jahr in dem Großbritannien von starkem Schneefall betroffen ist. Die Straßen sind verschneit und kaum befahrbar, die Flughäfen geschlossen und der Fotograf Tom setzt sich ins Auto um von Belfast nach Sunderland in England zu fahren um seinen Sohn Luke nach Hause zu holen. Luke studiert in England und sitzt aufgrund der geschlossenen Flughäfen alleine in seiner Studentenwohnung fest und hat sich zudem noch irgendetwas eingefangen.
Tom fährt also trotz der schwierigen Straßenverhältnisse los, um Luke nach Hause zu holen, damit er gemeinsam mit Tom, seiner Frau Lorna und der kleinen Schwester Lilly Weihnachten feiern kann. Doch die Sorge um Luke und auch die realen Gefahren der Fahrt sind nicht das eigentlich Problem mit dem sich Tom auf dieser Reise auseinander setzen muss. Denn in Wirklichkeit gibt es einen viel größeren Schmerz in der Familie: immer irgendwie am Rande der Wahrnehmung dabei ist Daniel, Lukes großer Bruder. Mit ihm führt Tom während der Fahrt Zwiegespräche, hadert mit seiner Rolle als Vater, mit seinen Entscheidungen, mit seinem Tun und mit der Vergangenheit. Was genau mit Daniel passiert ist, erfährt der Leser zunächst nicht, Daniel ist auf jeden Fall „weg“, doch ist er verschwunden oder tot? Je länger die Reise andauert, desto mehr Schichten legt Tom offen und desto schmerzlicher muss er sich mit seiner Beziehung mit Daniel auseinander setzen, mit Trauer, Schuld und Geheimnissen.

Der Ton des Buches ist sehr ruhig, die winterliche Atmosphäre passt perfekt zu dem Roman, die langsame einsame Autofahrt bringt den Leser ganz nah an Tom heran, so dass man wirklich mit ihm mitleidet. Von mir eine volle Leseempfehlung.

Bücher

Buch-Tipp: „Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel

Normalerweise lese ich nicht besonders gerne historische Romane, allerdings habe ich mit dem österreichischen Autor Franzobel schonmal gute Erfahrungen gemacht. Sein Roman „Das Floß der Medusa“ (siehe meine Rezension unter: https://litlagletta.com/2017/12/30/lesetipp-das-floss-der-medusa-von-franzobel/) hat mir hervorragend gefallen. Als ich nun also durch die Liste der Bücher schaute, die für den Deutschen Buchpreis nominiert waren, fiel mir „Die Eroberung Amerikas“ sofort ins Auge. Und die Idee hinter dem Buch ist sehr ähnlich wie beim „Floß der Medusa“, ein reales historisches Ereignis dient als Grundlage für einen spannenden, kreativen und ironischen Roman. Und auch diesmal steht eine gescheiterte Expedition im Mittelpunkt der Geschichte: die letzte große Expedition des Konquistadors Hernando de Soto (von Franzobel eingedeutscht Ferdinand Desoto genannt) nach Florida, die spektakulär scheiterte und statt Reichtümern nur einen Teil der ursprünglichen Expeditionsteilnehmer nach Hause zurückbrachte und auf der De Soto selbst einer Fieberkrankheit erlag.

Der Roman orientiert sich ziemlich stark am tatsächlichen Expeditionsverlauf und an tatsächlich stattgefundenen Ereignissen wie der großen Schlacht von Mauvila, lässt aber mehr als genug Freiheit für Franzobels ausgesprochene Fantasie als Schriftsteller. Das Geschehen wird anhand einiger ausgewählter Expeditionsmitglieder und deren Erlebnissen und Schicksalen erzählt, außer De Soto gibt es seinen Inner Circle an Vertrauten, dazu Ganoven und Banditen, junge Männer die eher unfreiwillig ihr bürgerliches Leben aufgaben und bei der Expedition landeten, christliche Eiferer mit bigotten Missionierungszielen, Naturkundler und Forscher, …alle stürzen sie sich angeführt von De Soto in eine Expedition in ein Land das statt der erwarteten Goldschätze primär Sümpfe, Insekten, Schmutz und Kämpfe mit Ureinwohnern zu bieten hat.

Die Sprache ist dabei ironisch, voller Wortwitz und Anspielungen auf die Moderne (ein Stilbruch den ich schon aus Franzobels anderem Roman kenne und der dem historischen Lesevergnügen überhaupt keinen Abbruch tut) und zeigt auf eindrückliche Art und Weise mit welcher perfider Grausamkeit die selbsternannten Entdecker auf ihrer Reise gegen die Ureinwohner und Sklaven vorgingen, deren Land sie sich bemächtigten.
So regt der Roman auch dazu an, darüber nachzudenken wie unreflektiert die damaligen „Entdecker“ heute noch in der Geschichte der USA stark vertreten sind (Desoto z.B. als Namensgeber für diverse Orte und die gleichnamige Automarke), obwohl ihre Rolle in der Geschichte doch primär von Grausamkeiten gegenüber Sklaven und Ureinwohnern geprägt waren.

Kleinere Kritikpunkte habe ich dennoch: so gibt es im Buch noch einen zweiten Handlungsstrang, der in der Gegenwart spielt: Trutz Finkelstein, ein New-Yorker Anwalt, klagt ca fünfhundert Jahre nach der Desoto-Mission im Namen aller Indigenen die Rückgabe der Vereinigten Staaten an diese ein. Das ist zwar eine spannende Idee, aber die Teile nehmen einen so kleinen Teil des Romans ein, dass es irgendwie überflüssig erscheint. Zweitens werden die Geschehnisse im letzten Drittel des Romans teils etwas grotesk auf die Spitze getrieben (was vielleicht aber auch nur Desotos zunehmende Wahnhaftigkeit besser rüberbringen soll), was mir zumindest gelegentlich etwas „too much“ wurde.
Insgesamt aber ein sehr gelungener und kreativer Roman.

Hörbuch

Hörbuch-Tipp: „Wo der Wolf lauert“ von Ayelet Gundar-Goshen

In dem Hörbuch „Wo der Wolf lauert“ von Ayelet Gundar-Goshen steht die Familie Schuster im Mittelpunkt. Lilach und Michael Schuster sind vor einigen Jahren aus Israel nach Kalifornien emigriert und leben dort mit ihrem 16-jährigen Sohn Adam. Michael arbeitet im Silicon Valley für eine IT-Firma im sicherheitskritischen Bereich, Lilach hat einen Teilzeitjob im Altenheim, wo sie sich um Kulturprojekte und Unterhaltung für die Bewohner kümmert, konzentriert sich aber sonst stark auf ihre Familie. Nach einem Anschlag auf eine religiöse jüdische Feier der die Community erschüttert melden Lilach und Michael Adam bei einem Krav Maga Kurs an. Adam ist ein eher introvertierter zurückhaltender Junge, doch nach erstem Sträuben ist er umso begeisterter von dem Kurs und noch mehr von Uri, der Gerüchten der Teenager zufolge sogar mal beim Mossad gewesen sein soll. Doch dann geschieht auf einer Party schon wieder etwas furchtbares, Jamal Jones, ein Junge aus der afroafrikanischen Community bricht tot zusammen, waren es Drogen? Oder etwa gar kein Unfall. Als Lilach heraufindet, dass Jamal Adam gemobbt hat und Adam wohl anderen Kindern gegenüber erzählt hat, dass er Jamal am Liebsten umbringen würde, bekommt ihre Familienidylle immer mehr Risse und Lilach muss realisieren wie wenig sie eigentlich über ihren Sohn wusste. In dieser schwierigen Zeit wird Uri zu einer immer größeren Stütze für Adam und gewinnt langsam auch immer mehr das Vertrauen der Familie, Michael verschafft ihm sogar einen Job in seiner Firma. Doch bei Lilach bleibt ein ungutes Gefühl…

Das Buch ist in der Ich-Perspektive von Lilach geschrieben, man erfährt die ganzen Ereignisse also aus ihrer Sicht als besorgte Mutter. Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen und es hat mich von Anfang an gefesselt. Leichte Schwächen hatte es finde ich im zweiten Drittel wo der Spannungsbogen irgendwie etwas abflachte, dann zum Ende aber wieder Fahrt aufnahm. Insgesamt hat mich das Buch zum Ende hin auch überrascht und es hat sich etwas anders entwickelt als ich am Beginn erwartete, was ja kein Nachteil sein muss.
Nur Lilach’s etwas weinerliche Passivität ging mir zeitweise auf die Nerven, einen besonders sympathischen Charakter konnte ich ihn ihr nämlich nicht unbedingt sehen. Trotzdem hat mich die Geschichte an sich definitiv überzeugt.

Das Hörbuch wird gelesen von Milena Karas und von ihr war ich richtig begeistert. Sie liesst sehr klar und deutlich und trotzdem ist ihre Darstellung der Personen in der direkten Rede voller Emotionen. Auch den verstockten Teenager Adam stellt sie als Frau sehr gut dar. Mich hat sie zu 100% überzeugt.