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Thriller-Tipp: „Ich beobachte Dich“

Thriller lese ich inzwischen nur noch recht selten, weil in dem Genre finde ich noch mehr als bei Krimis, dass die Handlung oft nach „Schema F“ abläuft.
Außerdem mag ich es nicht, wenn diese zu reißerisch oder blutrünstig sind.
Von Chevy Stevens hatte ich aber schon 1-2 Bücher gelesen und ihr Schreibstil und ihre eher psychologischen Thriller haben mir überdurchschnittlich gut gefallen, weswegen ich auch zu „Ich beobachte Dich“ gegriffen habe.

Die Hauptpersonen in dem Roman sind Lindsey und ihre Tochter Sophie. Lindsey war früher in einer missbräuchlichen Ehe mit dem eifersüchtigen und zu Gewalt neigendem Andrew gefangen, der ihr in den Jahren nach der Hochzeit das Leben zur Hölle machte.
Nach einigen Jahren schaffte sie es endlich ihrer Ehehölle zu entfliehen, Andrew tötete bei dem Versuch sie wiederzufinden bei einem Autounfall allerdings eine Frau und saß deswegen bisher im Gefängnis. Lindsay hat sich in den Jahren seitdem in einer kleinen Stadt an der Küste Kanadas zusammen mit ihrer inzwischen 17-jährigen Tochter Sophie ein neues Leben aufgebaut. Sie führt eine kleine Putzfirma, organisiert eine Selbsthilfegruppe für Frauen, die ähnliche Probleme haben wie sie selber und hat gerade eine neue lockere Beziehung.
Sophie hingegen ist nie wirklich über den Verlust ihres Vaters hinweg gekommen, dessen negative Seiten ihre Mutter recht erfolgreich von ihr fern gehalten hatte.
Heimlich hat sie angefangen ihm Briefe ins Gefängnis zu schreiben und als er aus dem Gefängnis entlassen wird, zieht er in den gleichen Ort wie Lindsey und Sophie.
Für Lindsey ist schnell klar, dass er es immer noch auf sie abgesehen hat, Sophie hingegen ist hin und hergerissen wem sie vertrauen soll und möchte ihren Vater unbedingt kennenlernen.

Das erste Drittel des Thrillers hat mir wirklich sehr gut gefallen. Das Buch springt in dem Teil zwischen den aktuellen Geschehnissen und Rückblenden auf Lindseys Ehe hin und her. Die Geschehnisse der Vergangenheit sind eindringlich und erschreckend geschildert und auch der Spannungsaufbau in der Gegenwart ist sehr beklemmend (einmal hab ich spät abends noch in dem Buch gelesen und sogar davon geträumt). In der Mitte fand ich allerdings, dass nach einer mehr oder weniger unerwarteten Wendung die Luft aus der Story erst mal etwas raus war. Der stilistische Kniff der Autorin quasi alle Charaktere die im Buch auftauchen als mögliche Bedrohung ins Spiel zu bringen, nutzt sich mit der Zeit auch etwas ab. Die Auflösung des Buches fand ich dann leider auch etwas zu vorhersehbar, allerdings nimmt es im letzten Drittel handlungstechnisch doch noch mal richtig Fahrt auf. So richtig überraschen werden die Geschehnisse erfahrene Thriller- und Krimifans aber wohl eher nicht.

Deswegen fand ich den Thriller im Endeffekt dann nur „solide“. Es wirkt etwas als hätten der Autorin etwas die Ideen gefehlt um aus dem tollen Anfang heraus etwas wirklich Kreatives zu gestalten. Für Thrillerfans ist das Buch aber sicherlich trotzdem ein guter Kauf und vom Schreibstil sind die Bücher von Chevy Stevens sowieso immer
lesenswert. Auch das das Buch abwechselnd aus Sicht von Lindsey und Sophie erzählt wurde, hat mir gut gefallen, da man so beide Charaktere intensiv kennenlernt.

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Lesetipp für Island-Fans: „Die Eismalerin“

„Die Eismalerin“ ist ein historischer Frauenroman der isländischen Autorin Kristin Marja Baldursdottir, der auf Island in den Jahren 1915 bis ca. 1939 spielt.
Die halbwüchsige Karitas lebt zusammen mit ihrer Mutter Steinunn, ihren beiden älteren Schwestern und ihren Brüdern in den Westfjorden von Island ein einfaches Leben.
Der Vater kam vor einiger Zeit auf See ums Leben. Um allen ihren Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen, macht die Mutter sich mit ihnen auf eine beschwerliche Schiffsreise nach Akureyi im Norden Islands.

Der erste Teil des Buches erzählt von dem Leben der Familie in dieser Zeit, von der harten Arbeit die alle leisten müssen, um über die Runden zu kommen, von Schicksalsschlägen, aber auch von den Privilegien, die Steinunn ihren Kindern durch ihre Zielstrebigkeit ermöglicht.
Karitas zeichnet schon seit ihrer frühen Kindheit für ihr Leben gern und als eine reiche Dame auf ihr Talent aufmerksam wird, geschieht das für sie Undenkbare: ihr wird ein Kunststudium an der Kunstakademie in Copenhagen ermöglicht.

Nach diesem ersten Teil des Buches, der mir wirklich sehr gut gefallen hat, weil das Leben von Karitas und ihrer Familie sehr lebendig und mit etwas Humor geschildert wird, springt die Handlung 5 Jahre in die Zukunft. Karitas ist zurück in Island (von ihrer Zeit in Copenhagen erfährt man leider sehr wenig) und möchte eigentlich ein Atelier in Reykjavik eröffnen…da es ihr aber an Geld fehlt, möchte sie zuerst einen Sommer lang beim Herings ausnehmen an der Küste etwas Geld verdienen. Dort trifft sie auf den charismatischen und gutaussehenden Sigmar (etwas klischeehafter Charakter) und es kommt wie es kommen muss: Karitas wird unerwartet schwanger und geht mehr oder wenig widerwillig zusammen mit Sigmar zurück in sein Heimatdorf in den Ostfjorden. Dort lebt sie ein einfaches und eher einsames Leben, Sigmar ist in den Wintermonaten monatelang unterwegs auf Fischfang, während Karitas versucht trotz des
Lebens allein mit ihrem kleinen Kind weiter an ihrer Kunst zu arbeiten. Über die Jahre und als noch ein schwerer Schicksalsschlag hinzu kommt, kommt Karitas aber immer weniger mit der Einsamkeit und mit dem Leben in den Ostfjorden zurecht und ihr Lebensweg erfährt erneut eine größere Wende, die sie erst mal von Sigmar trennt.

Im Prinzip hat mir „Die Eismalerin“ gut gefallen, dem Buch gelingt es sehr gut zu schildern wie schwer es für Karitas (und vermutlich junge Frauen im allgemeinen) zur damaligen Zeit war selbst bei theoretisch überdurchschnittlich guten Voraussetzungen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das würde ich auch als Hauptthema des
Buches ansehen, auch wenn der Klappentext teilweise versucht es als Liebesgeschichte zu verkaufen: dafür finde ich die ambivalente Beziehung zwischen Karitas und Sigmar aber doch etwas zu problembehaftet, abgesehen davon, dass sie die meiste Zeit des Buches getrennt verbringen und Sigmar als Charakter zu schablonenhaft verbleibt.
Weiterhin vermittelt das Buch einen guten Einblick wie hart das Leben auf Island im allgemeinen zu dieser Zeit war. Die Erzählweise des Buches ist detailliert und ruhig, was gut zu den Geschehnissen passt, ich finde das Buch ist aber keine ganz „leichte“ Lektüre, es eignet sich also nicht zum zwischendurch lesen, sondern man benötigt schon Zeit. Wer historische Romane mag und sich für Island interessiert, findet in der „Eismalerin“ sicherlich eine anregende Lektüre. Mir persönlich hat das erste Drittel des Buches deutlich besser gefallen als die beiden späteren, was die Lektüre gegen Ende etwas zäher werden liess. Wobei die späteren Abschnitte auch nicht schlecht sind, aber das Ganze wird doch etwas schwerer und für mich deshalb etwas weniger gut zugänglich. Aber trotzdem ein lesenswertes Buch, das aus meinen typischen Lesegewohnheiten etwas ausbricht.

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Ein Buch wie ein Gefühlsrausch: „Blanca“ von Mercedes Lauenstein

Als ich den Klappentext von „Blanca“ gelesen habe, war ich mir zunächst nicht sicher ob mir das Buch wirklich gefallen würde, denn es klang nach Roadtrip und dieses Thema wurde literarisch schon so oft aufgegriffen, dass ich mir nicht ganz sicher war ob ich gerade Lust darauf habe. Doch das Buch hat mich dann doch quasi von der ersten Seite an gepackt. Blanca führt mit ihrer Mutter eine Art Nomadenleben. Ihre Mutter ist charismatisch und sprunghaft (und hat wie sich später im Buch herauskristallisiert wohl auch psychische Probleme) und schlägt sich schon ihr ganzes Leben mit Gelegenheitsjobs und Gelegenheitswohngelegenheiten bei Bekannten durchs Leben. Blanca hat keine andere Wahl als dieses Leben mitzumachen, immer wenn sie sich irgendwo etwas eingelebt hat, wird sie von ihrer Mutter davongeschleppt. So  kommen die beiden in den ersten 15 Jahren von Blancas Leben durch ganz Deutschland und Teile von Europa. Blanca besitzt kaum etwas und als ihre Mutter in einem emotionalen Ausbrauch mit einer Auflaufform nach ihr wirft hat sie endgültig genug. Sie haut aus der Wohnung in Hamburg ab und macht sich auf den Weg nach Italien. Dort hat sie mit 9 Jahren einen Sommer verbracht, als ihre Mutter bei einem alleinerziehenden Vater unterkam und mit dessem Sohn verbrachte Blanca einige unbeschwerte Monate, für sie das nächste an einem Zuhause, an dass sie sich erinnern kann.

Das Buch schildert die nächsten Tage in denen Blanca mit wenig Geld und wenig Plan versucht durch Italien zu reisen, dabei trifft sie so einige irrationale Entscheidungen, lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen, findet Ablehnung und Hilfe und erlebt so einige verrückte Dinge, die sie emotional und körperlich fast bis an die Belastungsgrenze bringen…nach und nach erfährt man außerdem mehr Details aus Blancas Kindheit und mit der Zeit auch über deren Mutter.

Das Buch ist sehr emotional und mitreißend geschrieben und man kann Blancas Verzweiflung fast immer zu 100% nachvollziehen und fühlt mit ihr und ihrer Suche nach einem Ausweg von Anfang bis Ende mit. Vielleicht passieren ein paar zu viele verrückte Dinge auf einmal (um als 100% komplett realistisch durchzugehen), aber für mich ging es in dem Buch sowieso mehr darum, dass Gefühle transportiert werden und das gelingt der Autorin wirklich ganz hervorragend. Für mich bisher eines der Lese-Highlights von 2018.

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Lesetipp: ein gelungenes 10-jähriges „Kluftinger“ Jubiläum

„Kluftinger“ ist der 10. Band aus der Krimireihe rund um Kommissar Kluftinger und trägt dazu passend auch schlicht den Namen seines Protagonisten als Titel. Auch der Inhalt des Buches bleibt hier konsequent, mehr noch als in allen anderen Folgen steht der Kommissar im Mittelpunkt und diesmal erfährt der Leser auch zum ersten Mal richtig viel über seine Vergangenheit, privat als auch im beruflichen Sinne. Sogar Kluftingers Vornamen wird verraten (und spielt eine prominentere Rolle als man erwarten würde).

Am Anfang des Buches spielen Ereignisse aus Kluftingers Privatleben die wichtigste Rollen, denn sein Sohn Markus und dessen Frau Yumiko sind tatsächlich Eltern geworden und der Kommissar glänzt in seiner neuen Rolle als Opa. Auch wenn Kluftingers Familie den ganzen Roman über eine wichtige Rolle spielt, ist das Verhältnis zwischen Privatleben und Ermittlung aber gut ausgewogen und sehr positiv fand ich auch, dass der Humor im Buch diesmal weniger klamaukig rüberkommt als in einigen anderen Büchern der Reihe, wo das manchmal etwas zu viel des Guten war.

Besonders gut gefallen hat mir in dem Buch die Darstellung des typisches „Landlebens“ und der Besonderheiten der Bevölkerung, da ich selbst vom Land komme, kann ich das denke ich recht gut beurteilen (auch wenn Schwaben und Bayern natürlich nochmal ein völlig unterschiedlicher Menschenschlag sind ;-)).

Der Kriminalfall steht diesmal völlig im Zeichen von Kluftingers Vergangenheit, denn irgendjemand trachtet dem Kommissar nach dem Leben und Klufti und seine Kollegen durchwühlen dessen Vergangenheit nach jemandem der offenbar auf Rache sinnt…und es scheint gleich mehrere Kandidaten zu geben. Anhand dieser Ermittlung werden immer wieder Episoden aus Kluftingers Vergangenheit geschildert (auch textlich durch Kursivschrift besonders hervorgehoben) und der Leser erfährt nicht nur wie Kluftinger als junger Teenager drauf war, sondern auch wie er seine Frau Erika kennenlernte und wie er zum Kriminalkommissar aufstieg.

Insgesamt fand ich den Band trotz des definitiv genug vorhandenen Humors etwas ernster als manche andere Bänder, was mir aber gut gefallen hat. Der Kriminalfall ist durch die Verwobenheit mit der Vergangenheit etwas ungewöhnlich, kommt aber bei der Auflösung teils fast ein bisschen gemächlich daher. Das Einzige was mir nicht ganz so gut gefallen hat, ist das ein Handlungsstrang der Auflösung am Ende irgendwie gar nicht aufgelöst wurde und der Grund dafür hat sich mir irgendwie auch nicht erschlossen. Das ist aber nur eine Kleinigkeit über die man hinwegsehen kann.

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Buchtipp: „Die letzten Tage meiner Kindheit“ von Rafel Nadal

Heute möchte ich ein Buch aus einem Genre vorstellen, das ich normalerweise nicht so häufig lese, nämlich einem historischen Roman, und zwar geht es um „Die letzten Tage meiner Kindheit“ des spanischen Autors und Journalisten Rafel Nadal (nicht zu verwechseln mit dem Tennispieler Rafael Nadal 😉 Lustigerweise beginnt die Autorenbeschreibung im Buch mit den Worten „Rafel Nadal kann besser schreiben als Tennis spielen“, diese Verwechslung ist dem Autor wohl schon häufiger passiert).

Der Hauptteil des Buches spielt Anfang und Mitte der 1940er Jahre in einem kleinen spanischen Dorf, wenige Jahre nach Ende des spanischen Bürgerkrieges. Die Geschichte erzählt von der Kindheit und dem weiteren Lebensweg von Lluc, dessen (alleinerziehende) Mutter am letzten Tag des Bürgerkriegs auf dem Dorfplatz vor den Augen ihres Sohnes erschossen wurde, als sie einem Verwundeten Kämpfer beistehen wollte. Lluc wächst seitdem bei Senora Stendhal, deren Vater und deren halbwüchsigem Sohn Dani auf, die er alle verehrt und bei denen er sich geborgen fühlt. Doch das Leben im Dorf ist weiterhin von Angst, Gewalt und Misstrauen geprägt, viele Anhänger des Widerstands gegen Franco verstecken sich seit dem Krieg immer noch in den Bergen und Wäldern rings um das Dorf und träumen von einem Umsturz der Regierung oder versuchen nur irgendwie zu überleben. Bei einer Rückkehr ins Dorf droht ihnen die Hinrichtung. Auch im Dorf stehen sich heimliche Sympathisanten der Rebellen sowie treue Anhänger der Regierung gegenüber und wenige reiche Großgrundbesitzer dominieren das ganze Dorf, während andere kaum über die Runden kommen. Trotz allem verlebt Lluc zunächst eine halbwegs  normale Kindheit, er bewundert den leidenschaftlichen und politisch engagierten Dani, er schwärmt für Senora Stendhal, doch eines Tages wird er durch schlimme Ereignisse so getroffen, dass er sich den Rebellen im Wald anschließt und wird fortan von dem Gedanken beherrscht für Gerechtigkeit für seine Mutter und seine Ersatzfamilie zu sorgen…doch im Laufe seines Lebens muss er realisieren, dass Rache oft dazu führt, dass man genauso schlimm wird wie seine Gegner und dass es im Krieg keine „Guten“ gibt

Mir hat das Buch insgesamt gut gefallen, die Hoffnungslosigkeit, Brutalität und Ungerechtigkeit der damaligen Zeit in Spanien wird eindringlich geschildert und man leidet mit Lluc und den restlichen Personen mit. Allerdings ist es etwas schwierig die ganzen historischen Zusammenhänge zu verstehen, wenn man mit der Geschichte Spaniens nicht in der Tiefe vertraut ist. Um den Grundtenor des Buches zu verstehen ist das aber nicht so wichtig. Trotzdem hätte ich mir für mich selbst mehr Hintergrundwissen über die damalige Zeit in Spanien gewünscht.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass das Buch im letzten Drittel, als Lluc sich in die Berge zu den Rebellen absetzt vorübergehend doch einen recht abrupten und auch etwas unausgewogenen stilistischen Bruch erlebt, der bei mir den Lesefluss doch kurzzeitig etwas gestört hat. Insgesamt fand ich den Roman aber sehr lesenswert.

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Buchtipp: „Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng

„Kleine Feuer überall“ ist der 2. Roman der Autorin Celeste Ng.
Schon ihr Debutroman „Was ich euch nicht erzählte“ hat mir sehr gut gefallen, weswegen ich auf „Kleine Feuer überall“ sehr gespannt war.
Das Buch spielt in der Vorstadt-Gemeinde „Shaker Heights“ bei Cleveland in Ohio. Den Ort gibt es wirklich (und ich habe der Autorenbeschreibung entnommen, dass die Autorin tatsächlich dort aufgewachsen ist). Shaker Heights ist eine Plan-Gemeinde, die
am Reißbrett entworfen wurde und durch strikte Regeln geprägt ist (zum Beispiel darüber in welcher Farbe man sein Haus streichen darf, was dem typischen Deutschen jetzt nicht besonders vorkommen wird), die allen Bewohnern ein perfektes Leben bieten soll.
Genauso diszipliniert wie Shaker Heights ist das Leben von Elena Richardson, die mit ihrem Ehemann und ihren 4 Kindern dort wohnt.

Die Richardsons besitzen außer ihrem eigenen Wohnhaus noch ein 2. Haus in Shaker Heights, in dem sie Wohnungen vermieten. Da Elena Richardson sich gerne wohltätig gibt, vermietet sie eine Wohnung darin an die Fotografin und Künstlerin Mia, die mit ihrer 15-jährigen Tochter Pearl nach Shaker Heights gezogen ist. Mia versucht von ihrer Fotografie zu leben und hält sich ansonsten mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Elena bietet ihr deswegen eine Teilzeit-Stelle als Haushälterin bei den Richardsons an. Mia ist das genaue Gegenteil von der kontrollierten und vernünftigen Elena, sie zieht mit ihrer Tochter seit Jahren durch die ganzen Vereinigten Staaten, ist eher spontan und chaotisch.
Auf Pearl (die kein konstantes Zuhause gewohnt ist) übt die scheinbar „perfekte“ Familie Richardson eine große Faszination aus, auf Izzy (die jüngste Tochter der Richardsons und das „Schwarze Schaf“ der Familie) wirkt Mia um so anziehender. So verweben sich die Leben der beiden Familien anfangs immer mehr, die Kinder schließen Freundschaften, Mia wird zu einer Art Ersatzmutter für Izzy, während Pearl immer mehr Zeit mit den anderen Kindern der Richardson Familie verbringt. All das geht so lange gut geht bis Mia (mehr oder weniger durch einen Zufall) für Unruhe in Elenas kontrolliertem Umfeld sorgt und Elena daraufhin beginnt in Mias Vergangenheit zu wühlen…

Der Schreibstil des Buches ist wie schon in Celeste Ng’s letztem Buch sehr klar und eher nüchtern, was die Geschichte aber nicht weniger emotional macht. Mir hat sehr gut gefallen, wie die unterschiedlichen Lebensentwürfe der beiden Familie geschildert werden und die Auswirkungen, die daraus entstehen, dass sie aufeinander prallen. Für mich ein weiterer starker Roman, der durchaus mit „Was ich euch nicht erzählte“ mithalten kann, auch wenn die Geschichte in eher leisen Tönen daher kommt.

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Buchtipp: „Die Geschichte der Bienen“

„Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde ist ein Buch von dem ich im Vorfeld schon recht viel gelesen und gehört hatte.
Das Buch erzählt (in abwechselnden Kapiteln) drei verschiedene Geschichten in 3 verschiedenen Zeitebenen, die aber alle ein gemeinsames Thema haben: die Bienen und ihre Auswirkungen im Kleinen auf die Protagnisten des jeweiligen Abschnitts und auf die Menschheit im Großen.

Der erste Teil spielt im Jahr 1852. Der Biologe und Naturforscher William hat eine Sinnkrise, träumte es ihm doch am Beginn seiner Berufskarriere von dem großen Durchbruch als Forscher und von großem Ruhm und Anerkennung. Stattdessen hat er zwar eine Menge Nachkommen produziert und verdient seinen Lebensunterhalt aus seiner Sicht mehr oder weniger sinnlos als Händler…für seine Forschung blieb neben Alltag und Familie aber fast keine Zeit mehr, so dass er in eine tiefe Depression gefallen ist (zu Beginn des Besuches verlässt er nicht mal mehr das Bett). Doch dann erlebt nochmal einen kreativen Aufschwung und träumt dann als Erschaffer eines modernen Bienenstocks in die Geschichte einzugehen.

Der zweite Teil spielt 2006 in den USA: der Bienenfarmer Henry, der die jahrzehntelange Tradition seiner Familie weiterführt, hofft, dass auch sein Sohn einmal seine Farm übernehmen wird, für die seine ganze Leidenschaft schlägt. Doch der studiert stattdessen Journalismus und seine Frau würde auch lieber im Ruhestand
nach Florida ziehen als noch Jahre auf der Farm zu verbringen. Eine Horrorvorstellung für Henry. Als wäre das nicht genug, werden in den USA zunehmend mehr Bienenfarmen von einem merkwürdigen Bienen-Sterben (oder besser gesagt Bienen-Verschwinden) befallen…

Der letzte Teil spielt in der Zukunft, im Jahr 2098, in China. Die Bienen sind inzwischen komplett von der Erde verschwunden, ein Großteil der Menschen ausgestorben.
Nur China geht es noch relativ gut, denn das Land hat es rechtzeitig geschafft mit Hilfe einer großen Disziplin und kollektiven Arbeitsleistung aller auf Handbestäubung umzustellen. Der Preis dafür ist aber hart, jeder Bürger ab einem Alter von 8 Jahren muss täglich 12 Stunden im Feld und auf Bäumen arbeiten, einen freien Tag gibt es nur alle paar Monate. Für die gebildete Tao ist es eine Horrorverstellung, dass ihr 3-jähriger Sohn auch schon in wenigen Jahren in diesem Alltag landen wird und versucht deswegen ihn mit so viel Bildung zu überschütten, damit er eine Chance auf eine der wenigen anderen Karrieren im Land bekommt. Doch ihre Träume finden ein jähes Ende als es bei einem harmlosen Familienausflug an einem der wenigen freien Tag zu einem merkwürdigen Unglück kommt.

Am Anfang des Buches wirken die 3 Handlungsstränge (bis auf das Bienenthema) völlig autark, bis zum Ende des Buches wird aber schlüssig ein Bogen zwischen den 3 Geschichten gespannt, die ich aber sowieso auch alle 3 für sich alleine überzeugend fand. Dem Buch gelingt es sehr gut, die Familiengeschichten gefühlvoll in den Mittelpunkt zu rücken und aber auch das große gesellschaftspolitische Thema überzeugend damit zu verknüpfen. Einerseits geht es in dem Buch sehr viel darum was für (oft unerfüllbare) Erwartungen Eltern an ihre Kinder richten und was in der Realität daraus wird, andererseits gelingt es dem Buch ohne erhobenem Zeigefinder auf drängende Fragen der Menschheit aufmerksam zu machen. Gut gefallen hat mir auch der leise Humor in den Geschichten über William und Henry, deren etwas festgefahrene und egozentrische Sichtweisen mit Humor geschildert werden, ohne dass es respektlos rüber kommt. Diese Geschichten funktionieren deswegen (obwohl sie natürlich auch einen ernsten Grundton haben) auch gut als Auflockerung gegenüber der doch deutlich düsteren Zukunfts-Dystopie rund um Tao.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen und aus meiner Sicht hat es die vielen positiven Kritiken definitiv verdient.

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Buchtipp: „Euer dunkelstes Geheimnis“ von Amanda Jennings

Auf „Euer dunkelstes Geheimnis“ von Amanda Jennings bin ich eher zufällig gestoßen. Laut Buchcover handelt es sich bei dem Roman um einen Thriller, was ich nachdem ich das Buch gelesen haben für eine sehr unglückliche Kategorisierung halte, da ich beim besten Willen nicht erkennen kann, was an dem Roman ein Thriller sein soll (auch als Krimi würde er nicht durchgehen). Zwar geht es grundsätzlich um ein Verbrechen, allerdings sind die Geschehnisse von Anfang an mehr oder weniger klar und ist auch einfach eine Familiengeschichte  und -Tragödie (mit ganz minimalen mystischen Elementen) die wirklich sehr gefühlvoll erzählt wird. Ich finde das ungünstig, denn Thriller-Fans werden eventuell enttäuscht sein und Leute, die so eine Familiengeschichte gerne lesen würden, werden eventuell von der Thriller Etikettierung abgeschreckt. Davon mal abgesehen war das Buch wirklich eine Überraschung, denn es hat meine Erwartungen um ein Vielfaches übertroffen.

Die 28 jährige Bella fährt zu Beginn des Buches mit ihrem Ehemann David (der eine unangenehme Kontrolle über sie auszuüben scheint) zur Beerdigung ihrer Mutter, die überraschend starb. Bella hatte ein sehr ambivalentes Verhältnis zu ihrer Mutter Elaine, denn sie wuchs überbehütet und von der Außenwelt abgeschirmt (nicht mal zur Schule durfte sie gehen, den Unterricht übernahm ihre Mutter) in einem alten Pfarrhaus auf, eingeengt von ihrer kontrollsüchtigen Mutter und mit einem seltsam distanzierten Vater Henry…trotzdem stand Bella ihrer Mutter sehr nahe und ist am Boden zerstört. Schockierenderweise begeht ihr Vater am Tag nach der Beerdigung auch noch Selbstmord und hinterlässt Bella einen Brief in dem er offenbart, dass Henry und Elaine gar nicht Bellas leiblichen Eltern waren und dass sie sie auch nicht adoptiert haben. Mit im Brief der Name und die Adresse ihrer tatsächlichen Mutter. Es hat den Anschein als hätten Elaine und Henry Bella als Kleinkind entführt…

Bella ist hin- und hergerissen und löst sich schließlich von David, um in die Kleinstadt St. Ives in Cornwall zu fahren ihre tatsächliche Familie zu suchen. Zuerst gibt sich Bella dort als Journalistin aus und nennt sich nach ihrer eingebildeten Freundin ihrer Kindheit Tori. Der Rest des Buches erzählt von der Annäherung von Bella an ihre leibliche Familie, von Bellas Suche nach ihrer eigenen Identität und nach und nach kommt auch raus, was damals wirklich geschah als die kleine Bella (ihr richtiger Name lautete Morveren) verschwand.

Ich fand das Buch sehr vielschichtig und gefühlvoll, mit toll ausgearbeiteten Charakteren und einer kreativen und außergewöhnlichen Geschichte. Dass es am Ende ein bisschen sehr gefühlsbetont und pathetisch wurde, hat mich deswegen auch nicht gestört, da einem die Charaktere einfach so ans Herz gewachsen waren (mir kam sogar fast eine Träne ganz am Ende). Insgesamt ein wirklich tolles Buch, dass etwas unglücklich in der Verpackung eines typischen 08/15 Thrillers (von Cover, Titel und Klappentext her) daherkommt.

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Buchrezension: „Hochdeutschland“

An dem Buch „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch hat mich als Erstes das schöne Cover angesprochen.
Aber auch der Klappentext klingt interessant und außergewöhnlich, im Buch geht es um den Investmentbanker Victor, der beruflich schon sein ganzes Leben auf der Überholspur unterwegs ist.
Er hat sich über den typischen Karriereweg des Investmankbankers („einige Jahr tot arbeiten“) ganz nach oben gebracht und ist jetzt einer der 3 Chefs der fiktiven Birken Bank, als der er wiederum andere junge Investment Banker ausbeutet, Politiker und Firmen berät und Lobbying betreibt.
Obwohl er das Luxusleben durchaus genießt (sein Privatleben besteht weitgehend aus einer losen Affäre mit seiner Nachbarin und der Zeit die er mit seiner 6-jährigen Tochter verbringt, die er abgöttisch liebt), plagt ihn doch irgendwie auch ein schlechtes Gewissen. Victor ist praktisch neoliberaler Raubtierkapitalist, hängt aber gleichzeitig theoretisch Fantasien von fast schon kommunistischer Umverteilung an
(und träumt zudem klischeehaft vom Schreiben eines „großen Romans“).

In einem kreativen Rausch verfasst er ein politisches/gesellschaftliches Manifest (eine Art linksrechtes populistisches Wohlfühlprogramm für jeden, vielleicht am Ehesten vergleichbar mit dem Alles-Und-Nichts-Programms der 5 Sterne in Italien), das sein alter Kumpel Ali (Nachkomme eines deutschen Döner-Imperiums und desillusionierter Grünen-Politiker) sich prompt für den Bundestagswahlkampf seiner neugegründeten „Deutschland AG“ Partei unter den Nagel reisst. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten…

Als Roman ist „Hochdeutschland“ schwer einzuordnen, handelt es sich um eine Satire oder eine Gesellschaftskritik oder beides?
Das ist nicht so einfach zu sagen, allerdings hat es für mich persönlich als Roman zu wenig Handlung, es wirkt mehr wie eine Gedankenspielerei, die unterhaltsam und bissig zu lesen ist und die mich sehr gut unterhalten hat. Für eine klassischen Roman ist das Ganze stilistisch und inhaltlich für mich aber etwas zu ziellos und unausgewogen, was meinen Lesefluß zwar nicht gestört hat, aber das letzte Drittel des Buches wirkt doch etwas abgehackt und sprunghaft. Insgesamt hat mir das Buch deswegen zwar trotzdem gut gefallen, man hatte aber so ein bisschen den Eindruck, dass der Autor vielleicht selbst nicht wußte wie er seine Idee zu Ende bringen soll.
Ein weiterer kleiner Kritikpunkt ist, dass ich die Abschnitte, die aus Sicht von Victors 6-jähriger Tochter geschrieben sind doch etwas konstruiert und sprachlich nicht authentisch fand. Davon abgesehen hat mir das Buch aber als scharfer treffender Blick auf die heutigen weltpolitischen und gesellschaftlichen Probleme gut gefallen. Auch Victor als so ziemlich alleinig ausgearbeiteter Protagonist des Buches sowie den ironischen Humor fand ich gelungen.

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Jugendbuch-Rezension: „Gänseblümchen sterben einsam“

Ich lese auch als Erwachsene sehr gerne Bücher aus dem Genre „Young Adult“, besonders angetan haben es mir dabei bisher amerikanische Autoren wie zum Beispiel Rainbow Rowell (die eine großartig gefühlvolle Art und Weise hat über Liebe zu schreiben). Im deutschsprachigen Bereich kenne ich noch nicht viele Autoren, weswegen ich dem Buch „Gänseblümchen sterben einsam“ von Regina Meissner gerne eine Chance gegeben habe. Das Thema des Buches klang für mich zwar sehr ernst, aber sehr interessant und ansprechend.

Das Leben der 17-jährigen Moira gerät am Anfang des Buches völlig aus den Fugen, den ihr älterer Bruder Liam hat für die ganze Familie völlig unerwartet Selbstmord begangen. Das Buch beginnt mit der sehr intensiven und bedrückenden Beschreibung seiner Beerdigung. Danach befindet sich Moiras ganze Familie in einer Art Schockzustand, der Vater vergräbt sich bei der Arbeit, die Mutter im Bett und Moira muss einen ersten heroischen Versuch direkt wieder zur Schule zu gehen abbrechen. Beim Besuch von Liams Grab und der Stelle an der er Selbstmord begangen hat, bemerkt Moira bald einen Jungen auf einem Skateboard, der aber die Flucht ergreift als Moira ihn ansprechen will. Als die beiden durch einen Zufall doch aufeinander treffen ist Moira schnell völlig fasziniert von dem fremden Jungen, der sich Ryan nennt. Je näher sie ihm kommt, desto besser schafft sie es Liams Verlust zu verarbeiten. Doch hat Ryan etwa etwas zu verbergen?

Ich muss zugeben, dass ich bezüglich des Buches sehr hin- und her gerissen war, das erste Kapitel fand ich sehr stark, dann hatte ich aber erst mal wirklich Schwierigkeiten mit dem Schreibstil, denn den fand ich zeitweise wirklich sehr kitschig und auch für ein 17-jähriges Mädchen zu altmodisch (teilweise erinnerte er an eine Rosamunde Pilcher Verfilmung), so stolperte man immer wieder über Sätze wie „Ungesagte Worte ersterben in meiner Kehle“, „Der Fremde trat aus dem Schatten, „Sanft ergriff sie meine Hand“. Dazu kam noch, dass auch noch alle Charaktere Namen haben wie aus einer Rosemunde Pilcher Verfilmung, Moira, Delilah, … (als ein Lehrer auch noch Mr. Ivanhoe hiess, musste ich doch kurz kichern). Das Buch soll wohl in Großbritannien spielen, allerdings wirkt die Namensgebung doch auch mehr wie Großbritannien 1952 oder so. Vor allem die Teile, die Moiras Freundschaft zu Delilah schildern, fand ich doch sehr blumig und gestelzt teilweise.

Allerdings nahm das Buch ab dem Moment wo Moira Ryan kennenlernt an Fahrt auf und auch den Schreibstil fand ich ab merkwürdigerweise wieder gelungener, die sich entfaltende Liebesgeschichte fand ich sehr schön erzählt und das Buch entfaltet dann auch eine eigene Spannung und einen Sog, der dazu führte, dass ich es ab da in einem Rutsch ausgelesen habe. So kann ich sagen, dass es mir ab da doch noch gut gefallen hat, auch wenn es nicht wirklich meinen Geschmack getroffen hat. Ich denke die (junge) Autorin hat auf jeden Fall viel Talent, ist allerdings stilistisch noch etwas unausgewogen. Ich vermute ich bin auch einfach nicht die Zielgruppe der Autorin, denn sie schreibt sonst vor allem Bücher aus dem romantischen Fantasy oder Mystery Bereich (mit Titeln wie „Der Fluch der 6 Prinzessinnen – Schwanenfeuer“), was absolut nicht mein Ding ist. Hätte ich das vorher ergoogelt, hätte ich vermutlich vorher abschätzen können, dass dieser Roman nicht ganz mein Ding sein würde. Dafür kann die Autorin aber nichts und ich denke für Jugendliche (und eventuell Erwachsene), die es stilistisch gern etwas romantischer und blumiger mögen, ist das Buch sicher genau das Richtige. Mir hat es trotz des blumigen Stils im Großen und Ganzen dann doch ganz gut gefallen. Nicht ganz wohl fühle ich mich mit der etwas romantisierend verklärte Darstellung des Thema Selbstmords. Ich kann mir zwar vorstellen, dass das bei vielen Jugendlichen gut ankommt, aber gerade deswegen finde ich es etwas problematisch (problematischer auch als die so viel kritisierte drastische Darstellung in einer Serie wie „Tote Mädchen lügen nicht“). Aber die meisten Jugendlichen die das Buch lesen dürften alt genug sein, um sich dazu selbst eine Meinung zu bilden.

Insgesamt eine interessante Leseerfahrung von einer jungen talentierten Autorin.