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Buch-Tipp: „Such a Fun Age“ von Kiley Reid

„Such a Fun Age“ von Kiley Reid ist ein Gesellschaftsroman, der sich mit Biss, Humor und Ernsthaftigkeit Themen wie Alltagsrassismus und „White Privilege“ vornimmt.
Die junge Emira, eine schwarze Frau Mitte 20 hat im Gegensatz zu ihren besten Freundinnen noch nicht so richtig den Platz im Erwachsenenleben gefunden. Sie weiß nicht so recht was sie beruflich machen will und verdient sich ihr Geld aktuell mit dem Abtippen von Texten und als Babysitterin von Alix und Peter, die mit ihren beiden jungen Töchtern in Philadelphia leben.
Peter arbeitet bei einem Regionalsender als Moderator, Alix ist sowas wie eine Influencerin, schreibt einen Lifestyle Blog und hält motivierende Vorträge zum Thema Bewerbungen für junge Frauen. Sie stand beruflich knapp vor ihrem noch größeren Durchbruch als sie nach der 2. Schwangerschaft der Vernunft wegen von New York nach Philadelphia zieht, da ihre New Yorker Wohnung für 2 Kinder zu klein war, eine größere Wohnung in NY aber nicht finanzierbar. Da Philadelphia höchst uncool und businessschädigend rüberkommt, tut sie auf ihren Social Media Accounts allerdings weiterhin so als würde sie am Puls der Zeit in New York leben.

Eines Abends ist Emira auf einer Party, als Alix sie spätabends anruft und bittet kurz mit der 3-jährigen Briar in einen Supermarkt zu gehen. Jemand hat nach einem misslungenen/fragwürdigen Moderationsbeitrag von Peter ein Fenster im Haus der Familie eingeworfen und Alix möchte nicht, dass Briar den Besuch der Polizei bei ihnen zuhause mitbekommt. Als Emira im Supermarkt mit einer Freundin mit der kleinen Briar tanzt wird sie vom Security-Mann verdächtigt, dass kleine weiße Mädchen entführt zu haben und erst ein Anruf bei Briars‘ Vater kann die Situation deeskalieren.

Nach dem Vorfall wird Alix von Schuldgefühlen heimgesucht, die dazu führen, dass sie das Geschehen geradezu besessen wieder gut machen will und sich darauf versteift unbedingt mit Emira befreundet sein zu wollen und deren Leben zu verbessern. Doch als sich bei einer Esseneinladung rausstellt, dass Emiras aktueller Freund und Alix eine gemeinsame Vergangenheit haben, wird die Situation immer komplizierter…

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es ist intelligent, kreativ, witzig und ernsthaft zugleich und auch wenn schonungslos auf die Schwächen der Charaktere geschaut wird, bleibt das Buch immer fair gegenüber den Protagonisten.

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Buch-Tipp: „Der Junge, der das Universum verschlang“ von Trent Dalton

„Der Junge, der das Universum verschlang“ von Trent Dalton ist ein außergewöhnlicher Roman aus Australien. Im Mittelpunkt steht der Junge Eli, der mit seinem älteren Bruder August, seiner Mutter und seinem Stiefvater Anfang der 1980er Jahre in einer sozialschwachen Gegend von Brisbane lebt.
August spricht seit einem traumatischen Ereignis aus der früheren Kindheit nicht mehr, malt aber mit Begeisterung Sätze und Wörter in die Luft und scheint manchmal fast prophetische Fähigkeiten zu haben. Das Umfeld der beiden Jungen ist nicht einfach, ihre Mutter und der Stiefvater sind zwar seit einiger Zeit selbst clean, dealen aber immer noch mit Heroin und auch sonst ist das familiäre Umfeld der beiden zwar einerseits erstaunlich liebevoll, andererseits aber auch sehr rustikal und teilweise gewalttätig. Da überrascht es fast nicht mehr, dass auch der Babysitter der beiden Jungs eine sehr außergewöhnliche Wahl ist: Slim Halliday, ein Ex-Häftling, der wegen Mord eingesessen ist und sich einen Ruf als Ausbrecherkönig gemacht hat, da ihm sogar 2x die Flucht aus dem legendären und berüchtigten australischen Gefängnis „Boggo Road“ gelang.
Slim ist sowas wie ein Mentor für Eli, der ihm hilft durch sein turbulentes Leben zu navigieren, in dem Eli und August trotzdem recht glücklich sind. Doch dann gerät alles aus den Fugen, als sich Elis Stiefvater mit dem Kartell- und Drogenboss Tytus Broz anlegt und Eli muss zeigen was wirklich in ihm steckt.

Die Sprache des Buches ist sehr bunt, manchmal fast blumig, dabei aber gleichzeitig derb und oft von Gewalt geprägt. Aber auch Humor kommt in dem Buch nicht zu kurz und Eli ist ein liebenswerter und charmanter Hauptcharakter. Auf mich wirkte die Handlung der Geschichte im Banden- und Drogenmilieu etwas überladen und teils ein bisschen wie eine „Räuberpistole“, auch die Fantasyelemente der Geschichte haben mich nicht ganz überzeugt bzw. ich hätte sie in diesem Roman nicht wirklich gebraucht.
Gerade da die Story des Buches doch teils etwas weit hergeholt wirkte, hat es mich überrascht zu erfahren, dass laut Eigenaussage des Autors ca. 50% des Buches autobiografisch sind und er darin seine eigenen Kindheitserinnerungen verarbeitet. Auch den Verbrecher und Ausbrecherkönig Slim Halliday gab es wirklich und tatsächlich kannte der Autor diesen als Kind, was wohl den Grundstein für seine Romanidee legte.

Insgesamt hat mich der Roman zwar sehr gut unterhalten, aber ich vermute, er hätte mir tatsächlich noch deutlich besser gefallen, wenn der Autor einfach etwas authentischer und weniger ausgeschmückt seine eigene Kindheit beschrieben hätte, denn das familiäre Umfeld des Romans wären auch für sich alleine stark genug für einen herausragenden Roman gewesen.

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Krimi-Tipp: „Die Frau vom Strand“ von Petra Johann

„Die Frau vom Strand“ von Petra Johann spielt in einem beschaulichen Küstenstädtchen an der Ostsee. Rebecca lebt dort mit ihrer Frau Lucy und ihrer kleinen 5 Monate alten Tochter in einem Haus fast direkt am Strand. Unter der Woche ist Rebecca mit ihrer Tochter meist allein, denn ihre Frau arbeitet in Hamburg als Geschäftsführerin einer Firma, die Computerspiele entwickelt und wohnt unter der Woche wegen der Pendelstrecke meist in einer Zweitwohnung vor Ort. Rebecca genießt die Ruhe am Meer, trotzdem freut sie sich als sie durch eine Zufallsbegegnung Julia kennen lernt, eine junge Frau die angeblich Urlaub an der Ostsee macht. Die beiden Frauen freunden sich rapide an und treffen sich jeden Tag. Um so erstaunter ist Rebecca als Julia nach einer Woche plötzlich genauso überraschend spurlos verschwunden ist wie sie plötzlich aufgetaucht ist. Erst versucht Rebecca sie wiederzufinden, doch bald geht ihr auf, dass Julia nicht der Mensch war für den sie sie gehalten hat…

Diese Vorgeschichte ist im Roman sehr intensiv in Form einer Ich-Erzählung von Rebecca erzählt, etwas überraschend schwenkt der Roman danach in einen klassischen Ermittlungskrimi um, der aus Sicht der leitenden Kommissarin erzählt wird (worin genau sie ermittelt möchte ich hier nicht verraten, um nicht zu viel zu spoilern), ein interessanter Stilbruch. Auch der Teil der aus Sicht der Kommissarin erzählt wird fand ich sehr atmosphärisch, dicht und voller interessanter gut ausgearbeiteter Charaktere. Die Einordnung des Buches als „Thriller“ finde ich hingegen nicht so sehr gelungen, da ich das Buch eigentlich für einen klassischen Krimi halte (was mir aber sehr recht ist, da ich Thriller eher selten wirklich mag und dem Buch nur wegen des spannend klingenden Klappentextes eine Chance gegeben habe).

Ingesamt haben ich sowohl Charaktere als auch Plot überzeugt und der Spannungsbogen ist so gelungen, dass ich das Buch innerhalb weniger Stunden verschlungen habe, immer ein klares Qualitätsmerkmal für einen Krimi. Petra Johann ist somit eine deutsche Autorin nach der ich in Zukunft öfter Ausschau halten werde.

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Buch-Tipp: „Ich bin Virginia Woolf“ von Pola Polanski

„Ich bin Virginia Woolf“ von Pola Polanski hat mich aus zwei Gründen angesprochen, erstens finde ich Leben und Werk von Virginia Woolf schon immer faszinierend, zweitens erinnerte mich die Beschreibung des Romans etwas an den Klassiker „Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen“ von Hannah Green, ebenfalls einer meines Lieblingsbücher. Die Assoziation passte auf jeden Fall, denn das Buch spielt sogar eine kleine Rolle in dem modernen sich ebenfalls mit Schizophrenie befassenden Roman von Pola Polanski. Die Hauptfigur des Romans ist Inka, die in Stuttgart vom Geld der Firma ihrer exzentrischen Eltern lebt (zugewiesen allerdings nur in monatlichen Brocken von 3000 Euro, die ihr ehrgeiziger und erfolgsorientierter Bruder ihr zukommen lässt) und ihre Tage recht ziellos in der alten Villa ihrer Familie verbringt. Die Eltern sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, als die beiden Kinder noch jung waren und so richtig auf die Reihe gekriegt hat Inka ihr Leben bisher nicht.

Sie ist aber überzeugt davon, dass in ihr eine brillante wenn nicht gar geniale Schriftstellerin schlummert, lediglich verhindert wird diese durch Inkas Schreibblockade, die sich leider so intensiv darstellt, dass Inka noch nie wirklich mehr als ein paar Worte oder ein Gedicht geschrieben hat. Doch das soll sich ändern, denn Inka fühlt sich nicht nur seelenverwandt mit Virginia Woolf (deren Werke sie stets bei sich hat), sondern ist inzwischen sogar überzeugt, dass sie eine Reinkarnation von Virginia ist. Als sie nach einem weiteren missglückten Schriftsteller-Versuch auf die Idee kommt eine hypnotische Rückführungstherapie bei dem charismatischen Julian zu buchen, nimmt das Unheil seinen Lauf und Inka verliert sich immer mehr in ihrer Wahnvorstellungen…

Was nun ziemlich abgedreht und düster klingt, macht trotzdem einen sehr unterhaltsamen Roman aus. Inka ist nicht unbedingt eine super sympathische Hauptfigur aus, hat aber irgendwie trotzdem einen Charme und nimmt den Leser auf einen Trip in ihre Vorstellungen mit, der sowohl amüsant als auch erschreckend ist.

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Buch-Tipp: „Die Kinder hören Pink Floyd“ von Alexander Gorkow

„Die Kinder hören Pink Floyd“ ist ein autobiografischer Roman des Journalisten Alexander Gorkow, der unter anderem für die Süddeutsche Zeitung schreibt (und dort unter anderem auch auf Interviews und Porträts von Bands wie Pink Floyd spezialisiert ist). Der Roman spielt überwiegend in ein bis zwei Jahren der 1970er Jahre, als der junge Held der Geschichte in die Grundschule geht. Geprägt werden diese Jahre durch sein nicht besonders schlimmes aber doch hemmendes Stottern. Er lebt gemeinsam mit seinem Vater, einer Mutter und der 7 Jahre älteren Schwester in Düsseldorf. Die Schwester hat aufgrund von Contergan zwei Herzklappen, die nicht ganz dort gelandet sind wo sie hingehören. Laut den Ärzten müsste sie schon längst tot sein oder zumindest demnächst ganz sicherlich sterben, ist aber immerhin mindestens 16 Jahre alt geworden. Mit ihr zusammen hört der Junge begeistert Pink Floyd und lässt sich von seiner ausgesprochen meinungsstarken Schwester über den Kampf gegen das Establishment aufklären, mit Gruselgeschichten verunsichern und in die Musik von Pink Floyd einführen.

Die Geschichte wird in einer kreativen und außergewöhnlichen, aber ausgesprochen liebenswerten Sprache erzählt, die Hauptperson tritt meist nur als „Der Junge“ in Erscheinung und schildert seinen Blick auf die Welt mit viel trockener Beobachtungsgabe. Im Mittelpunkt steht hierbei die Schule, die mehr oder weniger normalen und unnormalen Kinder dieser Zeit, Nachbarn, Verwandten und sonstigen Bewohner, skurrile Kinoerlebnisse und Monster aller Art (besonders zu erwähnen hierbei: Heino), Alt-Nazis, explodierende Küchengeräte und natürlich wie schon aus dem Titel ersichtlich, die Band-Mitglieder und die Musik von Pink Floyd.

Andere Rezensionen die ich gelesen habe bescheinigten dem Buch einen „melancholischen“ Ton, den ich allerdings nicht wirklich bestätigen würde, für mich überwiegend in dem Buch doch deutlich der leise Humor und der sehr liebevolle Blick auf alle Familienmitglieder und Charaktere, unabhängig von deren Schrullen und Ecken und Kanten. So habe ich das Buch mit sehr viel Vergnügen innerhalb von 2 Tagen verschlungen, dabei sogar etwas Pink Floyd gehört und eines meiner ersten Lese-Highlights für 2021 gefunden. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass der Autor noch ein zweites Buch über seine Familie geschrieben hat („Hotel Laguna“, über die familiären Urlaubsreisen nach Mallorca in den 70ern), das ich deswegen auch definitiv noch lesen möchte.

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Buch-Tipp: „Wut“ von Harald Martenstein

„Wut“ von Harald Martenstein ist ein Buch über eine komplizierte und belastete Mutter-Sohn Beziehung. Im Mittelpunkt steht Frank, der als Kind von seiner Mutter Maria regelmäßig geschlagen und gedemütigt wurde, denn Maria neigt schon seit ihrer schwierigen Kindheit zu Wutanfällen mit denen sie Dampf ablässt. Äußerte sich diese Wut in ihrer Jugend meist noch durch verbale Ausfälle und Beschimpfungen, so wird der kleine Frank leider zu einem unglücklichen Ventil für die Frustrationen seiner Mutter.

So traurig und deprimierend wie das Thema klingt, darf und braucht man sich das Buch aber nicht vorstellen, denn trotz der Thematik wird die Lebensgeschichte von Frank und Maria mit viel Humor und Kreativität erzählt und wagt sich außerdem auf das ungewöhnliche Eis, die Geschichte nicht völlig einseitig aus der Sicht von Frank als Opfer zu erzählen, auch Marias Hintergrund, Kindheit und Jugend wird näher beleuchtet.

Die Erzählweise ist dabei nicht linear chronologisch, sondern der Ich-Erzähler Frank schildert in völlig unterschiedlichen Episoden aus seinem Leben die Auswirkungen die seine Kindheit auf seine Entwicklung und seine Beziehungen hatte, wie er versucht seiner Mutter zu verzeihen und zu verhindern, dass seine eigene Wut das Zepter übernimmt. Marias Geschichte wird in der 3. Person erzählt und der Leser erfährt warum sie so viel Frust mit sich herumträgt.

Das Buch liest sich sehr unterhaltsam und auch trotz des schweren Themas irgendwie „leicht“. Gegen Ende gibt es einen zunächst etwas gewöhnungsbedürftige stilistischen Kunstgriff, der mich am Anfang etwas irritierte, im Nachhinein aber durchaus gelungen ist. Insgesamt ist das Buch kreativ, charmant, berührend und wirklich außergewöhnlich und somit ein klarer Lesetipp.

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Buch-Tipp: „Wuhan Diary – Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ von Fang Fang

Heute möchte ich ganz besonderes Tagebuch (in Buchform) vorstellen, nämlich „Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang.
Zugegebenermaßen kann man sich fragen, ob man 2020 wirklich Lust hat auch noch eine Tagebuch zum Thema Corona zu lesen, wenn das Thema ja sowieso schon ziemlich omnipräsent ist. Allerdings klang „Wuhan Diary“ für mich einfach zu spannend, um daran vorbeizugehen und meine Erwartungen wurden zum Glück nicht enttäuscht, das Buch war keine Minute langweilig oder schwer, sondern sehr kurzweilig und informativ.

Da das Buch aus einem Blog entstanden ist, sind die einzelnen Kapitel auch jeweils unabhängige Einträge, die also keine lineare Geschichte erzählen. Gelegentlich wiederholen sich Erwähnungen von Geschehnissen deswegen auch, was ich aber nicht störend fand. Mir hat der Plauderton und auch die gelegentliche Einstreuung von Banalitäten (so fängt z.B. fast jeder Tag mit einer Beschreibung des aktuellen Wetters an) gefallen, denn es nimmt dem Thema die Schwere und man fühlt sich der Autorin näher als wenn sie versucht hätte einen sachlichen „objektiven Lagebericht“ zu schreiben.

Was ich mich vor dem Lesen des Buches fragte, ist wie die Autorin es überhaupt geschafft hat an der chinesischen Zensur vorbei zu veröffentlichen (denn das Buch enthält teilweise schon sehr harsche Kritik an den verantwortlichen Behörden und Beamten). Dies wird in den Blogeinträgen allerdings immer mal wieder nebenbei thematisiert, so dass man daraus schließen kann, dass der Blog auf mehreren Blogger-Portalen gelöscht wurde und die meisten Einträge zuletzt von einer befreundeten Schriftsteller Kollegin auf WeChat verbreitet wurden. So erfuhr man nebenbei auch noch etwas mehr darüber wie Menschen in China die „Zensurbehörden“ umgehen, z.B. durch Einstreuen von irgendwelchen beliebigen Schriftzeichen in Wörter oder Sätze. Außerdem scheint es so zu sein, dass die meisten Dinge eher im Nachhinein gelöscht werden, so dass es immer reicht, dass jemand schnell genug war, diese abgespeichert zu haben.

Inhaltlich beschäftigen sich die Blogeinträge meist mit 3 verschiedenen Themenblöcken: Erstens prangert die Autorin sehr leidenschaftlich die Versäumnisse und Fehlinformationen durch die lokalen Behörden zu Beginn der Pandemie an, so zum Beispiel wurde noch im Januar von einem hochrangigen Experten erklärt, das Virus sei unter Kontrolle und nicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Auch wurden ähnlich wie in Europa noch lange größere -auch staatliche – Festlichkeiten und Großveranstaltungen abgehalten. Fang Fang plädiert dafür, dass die Geschehnisse von damals akribisch aufgeklärt gehören und die Verantwortlichen zurücktreten sollen. Weiterhin versucht sie in ihrem Blog immer einen Überblick über die Lage der Pandemie abzugeben, meist basierend auf Erzählungen und Infos von befreundeten oder bekannten Ärzten (die sicherheitshalber anonymisiert sind, was ihr von Gegnern dann desöfteren vorgeworfen wurde, da als Quelle immer nur „ein befreundeter Arzt“ genannt wird). Schreckliches wird in den Blogeinträgen dabei oft eher in Nebensätzen erwähnt, zum Beispiel als Fang Fang Beispiele für unmenschliches Verhalten der Obrigkeit anprangert, so verhungerte z.B. ein hirntotes Kind im Koma zuhause, weil sein Vater nach der Abriegelung nicht rechtzeitig nach Hause zurückgelassen wurde. Etwas das in Deutschland zum Glück undenkbar sein dürfte (umso befremdlicher, dass die Menschen die in Deutschland ständig auf die Straße gehen um gegen eine angebliche Diktatur zu demonstrieren oft die gleichen sind die autokratische und autoritäre Regimes romantisieren ).

Aber auch Alltagserlebnisse kommen in dem Buch nicht zu kurz, so erfährt man einiges über den auch in China vorhandenen Mangel an Schutzmasken (Klopapier schien dort allerdings nicht gehamstert worden zu sein, zumindest wurde es nirgends erwähnt 😛 ), die Autorin erzählt auch, dass sie 2020 das erste Mal seit der SARS Epidemie wieder eine Maske getragen hat, besonders nachhaltig scheint der Lerneffekt daraus also auch in China nicht gewesen zu sein.
Als Haustierbesitzer fand ich das Thema „Haustiere während des Shutdown“ natürlich besonders interessant. Die Autorin hatte einen schon 16-jährigen Hund, der aber immer alleine oder auch mit ihr im Hof des Wohnkomplexes „Gassi“ gehen konnte, so dass die einzigen praktischen Probleme waren, dass tatsächlich irgendwann kein Hundefutter aufzutreiben war , so dass der Hund den gekochten Reis mitessen musste. Ansonsten fand ich es noch faszinierend, dass die Autorin erzählte, dass sie als die Tierklinik nach dem Shutdown wieder öffnete, zwar nicht mit in die Klinik durfte, aber die Behandlung einer Hautkrankheit live auf einem Videoscreen mitverfolgen konnte (soviel Digitalisierung sollten wir in Deutschland mal in der Schule oder überhaupt irgendwo haben…)
Man muss dabei natürlich bedenken, dass die Autorin sicherlich in recht privilegierten Verhältnissen (einem Wohnkomplex des chinesischen Schriftstellerverbandes) lebt und nicht gerade zur chinesischen Unterschicht gehört.

Im letzten Teil geht es vermehrt auch um Anfeindungen im chinesischen Internet (nach eigener Aussage sowohl von Links- als auch Rechtsextremisten), gegen die sich Fang Fang sehr energisch wehrt. Die Beschreibungen der chinesischen Netzkultur hinterließen bei mir den sehr starken Eindruck, dass dort im Prinzip im „internen“ Internet alles genauso zugeht wie bei uns (bloß halt mit vllt etwas mehr zentral gesteuerten Löschungen…).

Mit hat das Tagebuch sehr gut gefallen, außerdem fand ich Fang Fang sehr sympathisch, eine sehr meinungsstarke und undiplomatische bzw. konfrontative Person, die aber trotzdem offenbar einen unerschüttlichen Glauben an den Humanismus hat (Lieblingszitat aus dem Buch „Das wahre Gesicht einer Gesellschaft zeigt sich in ihrer Haltung gegenüber den Schwachen. (Seite 151)“. Die Sprache wirkt aus Deutscher Sicht manchmal etwas ungewöhnlich, dass ist aber vllt generell der Übersetzung aus dem Chinesischen geschuldet, den Lesefluß hat es überhaupt nicht gestört, der Stil ist lediglich etwas „anders“. Volle Leseempfehlung von mir!

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„Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens“ – Eine literarische Reise an den Anfang der 80er

„Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens“ von Tom Barbash spielt im Jahr 1980. Anton ist Anfang 20 und gerade von einem (abgebrochenen) Jahr mit den Peace Corps in Afrika zurückgekommen, nachder er sich dort mit Malaria angesteckt hatte und nur knapp am Tod vorbeigeschrappt ist. Er lebt mit seiner Familie in dem legendären Dakota Building in New York, wo auch unter anderem John Lennon lebte und vor dem er ermordert wurde und wo der berühmte Horror Film „Rosemarys Baby“ gefilmt wurde. Antons Vater ist der fiktive aber im Buch ebenfalls berühmte ehemalige Talkmaster Buddy Winter, der 9 Jahre lang eine beliebte Talkshow moderierte bevor er vor laufender Kamera eine Art Nervenzusammenbruch erlitt. Danach verließ er seine Familie für Monate und begab sich auf einen Selbstfindungstrip.

Als Anton aus Afrika zurückkehrt ist Buddy noch arbeitslos und das Geld der sonst sehr betuchten und mit zahlreichen berühmten Freunden vernetzten Familie wird langsam knapper. Anton soll Buddy helfen langsam wieder ins Showbiz zurückzukehren (die schwierigste Herausforderung dabei: Produzenten und Fernsehsender davon überzeugen, dass Buddy nicht durchgeknallt, sondern weiterhin verlässlich ist), hadert aber etwas mit der Idee. Erst im Verlauf des Buches erfährt man langsam mehr über Antons etwas komplizierte Beziehung zu seinem Vater und auch was für eine Rolle John Lennon in der ganzen Geschichte und für die Familie spielt.

Das Buch behandelt gleich einige Themen gleichzeitig: im Mittelpunkt steht sicher Antons Versuch sich von seinem Vater zu lösen und seinen eigenen beruflichen Weg in der Welt zu finden und nicht immer nur der „Sohn von Buddy Winter zu sein“. Zusätzlich erfährt man sehr viel über die damaligen Verhältnisse in den USA und in New York und als Leser stellt man unweigerlich fest, dass die USA schon immer so zerrissen waren wie damals und die gleichen Themen wie 2020 das Land bewegten (auch Ronald Reagan als Präsidentschaftskandidat machte wohl nur eine bedingt bessere Figur als Donald Trump). Und zuletzt wirft das Buch die Frage auf was Ruhm mit den Menschen macht und für sie bedeutet, ein Aspekt der finde ich besonders gut herausgearbeitet wurde.

Mir hat das Buch gut gefallen, allein die Tatsache, dass ich 1980 erst 1 Jahr als war und deswegen die meisten gesellschaftlichen und politischen Ereignisse nur vom Hörensagen kenne, machten es für mich etwas schwerer mich auf einer emotionalen Ebene mit den Ereignissen zu verbinden, das wird Leuten die 10 – 20 Jahre früher geboren sind eventuell ganz anders gehen. Außerdem fand ich es anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, dass John Lennon in dem Buch ein tatsächlich auftretender Charakter ist. Da er aus heutiger Sicht so eine Art Ikone ist, wirkte es für mich fast ein bisschen gewagt, dass ein Autor es wagte ihn als Romanfigur „aus Fleisch und Blut“ auftreten zu lassen. Insgesamt auf jeden Fall ein Buch, das auf vielfältige Art und Weise zum Denken anregt auch wenn rein handlungstechnisch gar nicht so viel „passiert“. Man bleibt unweigerlich mit dem Bedürfnis zurück mehr über einige der im Buch behandelten Themen zu lernen.

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Buchtipp – „Becoming“ von Michelle Obama

Heute möchte ich mal wieder eine Promi-Autobiografie vorstellen und zwar „Becoming – Meine Geschichte“ von Michelle Obama. Ich habe das Buch als Hardcover bekommen und muss zugeben, dass ich durchaus Respekt davor hatte es anzufangen, denn es handelt sich dabei wirklich um einen ziemlichen „Wälzer“. Doch ich kann sagen, dass das Buch sich absolut flüssig und kurzweilig lesen ließ und mich deutlich mehr begeistert und mitgerissen hat als ich es von einer Autobiografie erwartet hätte, in der der amerikanische Polit-Betrieb eine große Rolle spielt.

Grob kann man das Buch in drei Teile aufteilen, im ersten Drittel beschreibt Michelle Obama sehr liebevoll und farbig ihre Kindheit in Chicago und zeichnet ein Bild von einer aus ganz normalen Verhältnissen stammenden afroamerikanischen Familie, die in einer Wohnung im Haus ihrer Tante wohnte. Michelle wuchs bei liebevollen und liberalen Eltern auf (ich fand es sehr erfrischend, dass es in den USA nicht nur Eltern mit einer puritanischen Einstellung zur Sexualerziehung ihrer Kinder gibt). Sehr berührend auch ihre Schilderungen über die Multiple Sklerose Erkrankung ihres Vaters, der sich von der Krankheit trotzdem nicht nehmen ließ fast bis zu seinem Tod täglich diszipliniert zur Arbeit zu gehen. Aber auch über die Bildungsnachteile afroamerikanischer Kinder lernt man in diesem Abschnitt viel und darüber wie in Michelles Kindheit nach und nach immer mehr weiße Mitschüler und Familien aus ihrem Wohnviertel in die Suburbs zogen, eine Entwicklung die überall in den USA, die Unterschiede zwischen den Rassen noch verstärkte (eindrucksvoll illustriert von den Klassenfotos der Klassen 1 bis 4, auf denen man sehen kann wie Michelles Klasse von einer recht bunt durchmischten Klasse zu einer Klasse mit nur afroamerikanischen Schülern wurde, innerhalb von nur 4 Jahren!).

Der zweite Teil beschäftigt sich einerseits damit wie Michelle Barack Obama kennenlernte und mit ihrer eigenen Berufsfindung. Denn Michelle, die sehr zielstrebig in Princeton studierte und begann als Anwältin zu arbeiten, merkte recht schnell, dass sie dieser vernünftige und lukrative Beruf nicht erfüllt. Ausgiebig erzählt Michelle von ihrem Hadern mit dem Erfolgsdruck und den inhaltlich nicht erfüllenden Aufgaben und darüber wie sie sich entschied beruflich andere Wege zu gehen, auch wenn das nicht so viel Geld einbringt.
Relativ schockierend (wenn auch nicht überraschend) fand ich in diesem Zusammenhang, dass man sich bei einem Ivy League Studium dermaßen verschulden muss, dass man quasi gezwungen ist den größten Teil seines hochbezahlten Jobs jahrelang zum Abbau dieser Schulden zu benutzen (was irgendwie den Vorteil der privilegierten Ausbildung auch wieder halb ruiniert). Und dass selbst jemand wie Michelle Obama mit einem derartigen Abschluss erst mit Mitte 30 in der Lage war sich eine wirklich gute Krankenversicherung zu leisten (wofür man eigentlich auch wieder so reich sein muss, dass man diese nicht so dringend benötigt wie jemand der weniger Geld hat). Aus Deutscher Sicht ein ziemlich perverses System, das eigentlich nur darauf beruht, dass man als junger Mensch auf keinen Fall das Pech haben darf krank oder arbeitslos zu werden und das einem ruhig mal wieder in Erinnerung bringen könnte, wie viel Glück wir Deutsche mit unseren Sozial-, Renten- und Krankenversicherungssystemen haben (auch in dieser Pandemie ist nicht zu vergessen, dass es in den USA sowas wie Kurzarbeit auch nicht gibt…) Leider neigt der Deutsche ja trotzdem eher zu Nörgeleien als zu Dankbarkeit.

Im dritten Teil geht es dann um den Teil an den die meisten Menschen bei Michelle Obama denken, Obamas Präsidentschaftswahlkampf und seine Zeit als US Präsident, sowie ihre Zeit als First Lady.
Besonders gut gefallen hat mir in dem Buch, dass Michelle keinen Hehl daraus macht, dass sie quasi von Anfang an wenig von Baracks politischen Ambitionen hielt (was im Prinzip auch bis zum Ende anhielt) und generell mit dem ganzen Politikbetrieb, den sie als zu toxisch und destruktiv empfindet, gar nicht wirklich viel anfangen kann und konnte. Trotzdem schaffte sie es ihren Mann sowohl als Ehefrau als auch beim Präsidentschaftswahlkampf zu unterstützen und ihre Rolle als First Lady mit eigenen Inhalten und Aufgaben zu erfüllen, größtenteils ohne sich selbst allzu sehr zu verbiegen. In dem Teil fand ich es am Spannendsten zu erfahren wie das Leben als US Präsident und First Lady im Alltag aussieht und wie sehr das normale Leben in dieser Zeit quasi unmöglich wird. Michelle und Obama konnten z.B. nicht mal einfach unkompliziert direkt miteinander private Termine ausmachen (geschweige denn etwas unternehmen) und auch das Aufrechterhalten eines halbwegs normalen Alltags für die Töchter Sasha und Malia war ein komplizierter Kraftakt (was Michelle auch durchaus oft ein schlechtes Gewissen verschaffte). In diesem Teil des Buches erfährt man viel über die Herausforderungen und Schattenseiten des Ruhms, aber auch viele unterhaltsame Details darüber wie Michelle sich und ihrer Familie innerhalb dieses „Goldenen Käfigs“ kleine Freiheiten schaffte.

Abgerundet wird das Buch durch eine Sammlung von schönen privaten Bildern im Mittelteil, so dass ich es wirklich rundherum gelungen fand und uneingeschränkt empfehlen kann. Für Netflix-Abonnenten empfehle ich zusätzlich noch die gleichnamige Doku über Michelles Lesereisen-Tour, die das Buch echt super ergänzt.

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Buchtipp: „Kurt“ von Sarah Kuttner

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, dass schon lange auf meiner persönlichen Wunsch-Leseliste steht, nämlich „Kurt“ von Sarah Kuttner.

Lena ist gerade mit ihrem Freund Kurt aus Berlin aufs Land in Brandenburg gezogen. Denn dort wohnt auch Kurs kleiner Sohn (der kleine Kurt) , für den er sich das Sorgerecht mit seiner Ex-Freundin Jana teilt. Während Jana und der große Kurt versuchen sich in einem Chaos aus Umzugskartons und unrenoviertem (aber günstigem) Haus ein Zuhause zu schaffen, hadert Lena außerdem noch mit ihren neuen Rolle als Teilzeit-Stiefmutter, denn bisher hatte sie den kleinen Kurt nur an einzelnen Tagen oder mal im Sommer längere Zeit. Jetzt wohnt er jede 2. Woche bei ihnen und sie ist sich unsicher inwieweit sie sich in die Erziehungen einmischen kann, versteht sich eher mäßig mit der humorlosen Jana und sucht nach ihrer Rolle in dem Dreiergespann.

Doch dann passiert das Unfassbare: der kleine Kurt stirbt durch einen Unfall in der Schule, völlig unerwartet, ohne, dass es einen Schuldigen gibt. Und statt einem Neuanfang finden sich Lena und Kurt in einem Albtraum und Lena sucht weiterhin nach ihrer Rolle, diesmal als Freundin eines trauernden Vaters, der sie gerade nicht mehr an seinem Leben teilhaben lassen kann Werden Lena und der große Kurt es schaffen sich wieder aneinander anzunähern?

„Kurt“ ist nach „Mängelexemplar“ schon das 2. Buch von Sarah Kuttner, das ich gelesen habe und beide Bücher haben mich zu 100% überzeugt. Das Thema von „Kurt“ ist natürlich sehr tragisch und traurig, trotzdem handelt es sich bei dem Roman nicht um ein trauriges Buch, eher sogar um ein sehr humorvolles und hoffnungsvolle. Auch wachsen einem die wenigen, aber sehr liebevoll gezeichneten Charaktere fast sofort ans Herz. Von mir eine definitive uneingeschränkte Leseempfehlung.