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Buchrezension: „Sleeping Beauties“ von Stephen & Owen King

„Sleeping Beauties“ ist (meines Wissens) das erste Buch, das Stephen King zusammen mit seinem Sohn Owen King geschrieben hat. Wie auch für Stephen Kings Solo-Romane typisch hat es eine epische Länge von an die 900 Seiten, ist also nichts für Leute, die es gerne kurz und knackig mögen. Obwohl das Buch übersinnliche Elemente enthält, handelt es sich keineswegs um einen Horrorroman, ich würde es am Ehesten als Fantasy Roman zur „Me too“ Debatte beschreiben 😉 (obwohl es von 2 Männern geschrieben ist, ist Feminismus, Sexismus, Patriarchat und der fortwährende Konflikt zwischen Frauen und Männern wohl das prägende Thema des Buches…dass es von 2 Männern stammt mag man merkwürdig finden, ist aus meiner Sicht aber durchaus gelungen).

Die Handlung spielt in einer Kleinstadt namens Dooling in den Appalachian Mountains (eine Gegend, die in Büchern und Filmen im Moment immer den Eindruck erweckt, als gäbe es da fast nur arme Menschen die Crack kochen und rauchen…), aber die Geschehnisse betreffen die ganze Welt. Von einem Tag auf den anderen fallen plötzlich Frauen in einen Art Dornröschen-Schlaf, sobald sie einschlafen bildet sich um ihren Körper eine Art spinnwebenartiger Kokon und die Frauen wachen nicht mehr auf. Versucht man den Kokon zu entfernen, nimmt das in der Regel kein gutes Ende für denjenigen der es versucht. Gleichzeitig mit dieser bedrohlichen Krankheit taucht in der Kleinstadt Dooling eine mysteriöse Frau auf und tötet 2 Drogendealer auf brutale Art und Weise…hat sie etwas mit den Geschehnissen zu tun?

In den ersten Tagen der Seuche, die „Aurora“ genannt wird, versuchen die Frauen die noch nicht eingeschlafen sind mit allen Mitteln (primär Drogen) wach zu bleiben, während die Männer mehr und mehr die Kontrolle über die Situation verlieren. Die drauf resultierende Geschichte beschäftigt sich dann mit fast allen gesellschaftlichen Themen, die die USA im Moment bewegen, ganz vorne dabei, Seximus und Waffen und stellt die große Frage ob eine Welt in der es nur Männer oder nur Frauen gibt, wohl überhaupt existieren könnte, besser oder schlechter oder gar wünschenswert wäre?

Mir hat der Roman gut gefallen, wobei ich mir vorstellen kann, dass jemand der einen Horrorroman oder Thriller erwartet hat, wohl enttäuscht sein könnte, denn ein Spannungsroman ist das Buch keineswegs und manchen Lesern wird er wohl auch etwas zu langatmig sein. Im Vergleich zum Schreibstil von Stephen King (alleine) finde ich den Stil etwas klarer und nüchterner und etwas weniger „jovial“, was einerseits erfrischend ist wenn man schon unzählige Stephen King Romane gelesen hat, andererseits aber etwas weniger Nähe zu den Charaktere schafft wie Stephen King das alleine irgendwie immer gelingt. Insgesamt ein gelungener Roman zu den großen gesellschaftlichen Debatten dieses Jahres (was eine Leistung ist, da ich vermute, dass der Roman schon sehr viel länger in Entstehung ist).

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Lesetipp: „Familie und andere Trostpreise“

Die Hauptperson des Romans „Familie und andere Trostpreise“ von Martine McDonagh ist der gerade 21 gewordene aus Großbritannien stammende Sonny Anderson. Über Sonny weiß man am Anfang des Romans nur, dass er schon eine turbulente Kindheit hinter sich hat. Er lebt aktuell mit seinem Vormund Thomas in Kalifornien, hat so einige Neurosen und eine Drogen-Vergangenheit. An seinem 21. Geburtstag erfährt Sonny, dass ihm sein verstorbener Vater ein Vermögen vererbt hat…Grund für Sonny sich auf eine Reise in seine Vergangenheit zu machen und die Hintergründe seiner turbulenten Kindheit zu erforschen. Außerdem möchte er herausfinden was eigentlich aus seiner Mutter geworden ist. Sonnys Vater war eine Art halb-krimineller Sektenguru, ein narzisstischer Gründer einer esoretischen Bewegung und Sonny hat nur verschwommene Erinnerungen an seine Kindheit, die er teilweise in einer Kommune in Südamerika verbracht hat.

Seine Reise führt ihn zu allen möglichen Leuten, die früher Kontakt zu seinen Eltern hatten und ihn als Kind kannten…da Sonny auch noch ein glühender Fan der Horror-Komödie „Shaun of the Dead“ ist, versucht er seine Reise zusätzlich noch mit einem Besuch der wichtigsten Dreh-Orte des Films zu verbinden . Die Erzählweise des Buches ist dabei nicht unbedingt so wie man es bei so einem dramatischen Inhalt vermuten würde, denn Sonny erzählt in der Ich Perspektive in einem humorvoll flapsigen und ironischen Tonfall, außerdem ist er auf den ersten Blick nicht unbedingt der größte Menschenfreund, mit seinen Neurosen und seiner eher introvertierten Art. Mir hat diese Kombination aus Drama und Komödie (heißt im Film vermutlich Dramedy) wirklich gut gefallen, da es dem Buch eine Leichtigkeit gibt, die die Geschichte sonst vielleicht etwas zu düster gemacht hätte. Außerdem wächst einem Sonny im Laufe des Buches immer mehr ans Herz, ein gelungener etwas schwieriger Hauptcharakter mit Ecken und Kanten. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die flapsige Tonfall nicht jedermanns Geschmack trifft.

Mir hat das Buch hervorragend gefallen, eine sehr gelungene Mischung aus Coming-Of-Age Story, Familiengeschichte und einem ernsthaften und erschreckenden Einblick in die Welt von Sekten. Auch die Rolle, die der Film „Shaun of the Dead“ in dem Buch gespielt hat, hat mir als Auflockerung gut gefallen und mich dran erinnert, dass ich den schon immer mal angucken wollte…

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Thriller für Jugendliche: „Mädchen, Mädchen, tot bist Du

Neulich habe ich für eine Zugreise eine „leichte“ Unterhaltung gesucht und da ich sehr gerne Bücher aus dem Bereich „Young Adult“ lese, habe ich mich in dem Bereich umgesehen. Da ich in letzter Zeit einige Coming of Age und Liebesgeschichten gelesen habe, hab ich mir diesmal ein ganz anderes (und nicht so weitverbreitetes) Genre ausgesucht: Thriller für ein jugendliches Publikum.
Generell lese ich nicht so besonders gerne Thriller und im Jugendbuchbereich habe ich eigentlich noch gar nichts aus diesem Genre ausprobiert. „Mädchen, Mädchen – Tot bist Du“ von Mel Wallis de Vries klang für mich aber ganz unterhaltsam, deswegen wollte ich der Sache mal eine Chance geben.
Die Autorin ist wohl in den Niederlanden führend in diesem Genre und sie hat auch schon einige Jugend-Thriller geschrieben, die alle eine ähnliche Titel- und Covergestaltung haben.

„Mädchen, Mädchen – Tot bist Du“ fängt damit an, dass ein junges Mädchen augenscheinlich Selbstmord begangen hat, indem sie sich aufgehängt hat…
in der Folge bekommen aber auch noch andere Mädchen anonyme Drohbriefe und schnell stellt sich heraus, dass hier wohl ein Serienkiller ein perfides Spiel mit den Mädchen treibt…Die Geschichte wird in der Ich-Perspektive aus Sicht der Opfer erzählt, was ich ausgesprochen ungewöhnlich fand und was zuerst auch mal einen gewissen Schock-Effekt hatte.

Der Schreibstil ist locker und leicht zu lesen und bewegt sich abgesehen von der Thriller-Handlung im typischen Schulumfeld, wobei typische Probleme junger pubertierender Mädchen (Freundschaft, Jungs, Mobbing und Zickereien) im Vordergrund stehen. Nicht ganz überzeugend fand ich, dass sich die einzelnen
Charaktere doch alle sehr ähneln und man nicht immer wirklich das Gefühl hatte, eine Geschichte aus der Perspektive von unterschiedlichen jungen Mädchen erzählt zu bekommen. Da fehlt doch etwas Tiefe bei der Charakterentwicklung, die bei diesem Genre vielleicht aber auch etwas zu viel verlangt wäre (sind doch
auch im Erwachsenen-Metier Thriller doch eher selten für ihren Tiefgang in diesem Bereich bekannt).

Die Thriller Handlung fand ich auch gar nicht so unkomplex, die Geschichte ist in sich schlüssig und alle Fragen werden am Ende gut aufgelöst. Das hat mir wirklich gut gefallen. Von dem her hat mich das Buch als Urlaubslektüre gut unterhalten. Ich denke trotzdem, dass die Thriller von Mel Wallis de Vries sich vermutlich alle recht ähnlich sind und ich hätte jetzt aktuell nicht das Bedürfnis noch einen zu lesen, was aber auch daran liegt, dass ich generell nicht so gerne Thriller lese. Aber wenn man auf der Suche nach einem guten leicht lesbaren Buch aus dem Genre ist, das nicht zu reißerisch daher kommt und sich in einem typischen „Schüler-Umfeld“ bewegt, der ist mit dem Roman sicherlich sehr gut bedient.

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Young-Adult-Tipp: „Clean“ von Juno Dawson

Letzte Woche habe ich mir mit „Clean“ von Juno Dawson einen Young Adult Roman ausgesucht, der in einem etwas anderen Milieu spielt als die typischen „High School“ Geschichten, die man sonst oft liest und in denen normale Teenager „wie Du und ich“ die Hauptrolle spielen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht das 17-jährige IT-Girl Lexi Volkov aus London. Lexis Vater ist eine Art russischer Oligarch, der in Großbritannien mit einer eigenen Luxus-Hotelkette zu Ruhm und Reichtum gekommen ist.
Lexi und ihr Bruder Nikolai führen entsprechend ein ziemliches Luxusleben, sie leben meist in einem der Hotels ihres Vaters, gehen auf Parties und Rote Teppiche, umgeben sich mit anderen Sternchen und haben quasi alles das man sich vorstellen kann (der Gedanke an eine Art Britische Version der Hilton Schwestern drängt sich auf).

Trotzdem läuft im Leben von Lexi gerade nichts wirklich rund, denn am Anfang des Buches wird sie gerade von ihrem Bruder in einer Luxus-Entzugsklinik auf einer abgelegenen Insel im wahrsten Sinne des Wortes abgeladen, nachdem sie nach einer Party mit ihrem älteren Freund Kurt fast an einer Überdosis Heroin gestorben wäre. Lexi ist anfangs allerdings der Meinung keineswegs ein ernsthaftes Drogenproblem zu haben und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Einweisung…doch ihr Bruder bleibt hart.

Soweit die Prämisse des Buches. Die einzelnen Kapitel sind im Stil eines 12-Punkte-Programms für Abhängige aufgebaut und thematisieren als Kapitelüberschrift jeweils ein Ziel aus einem typischen 12-Punkte Programm. Die ersten Kapitel behandeln Lexis körperlichen Entzug und ihre ersten Begegnungen mit den anderen „Klienten“ der Klinik, die alle aus eher reichem Haus stammen und auf irgendeine Art und Weise unter einer Suche leiden. Die späteren Kapitel beschäftigen sich eher mit Lexis Entwicklung und ihrer Beziehung zu ihrer Familie und den anderen Patienten, mit ihrer Vergangenheit, ihrer toxischen Beziehung zu Kurt und damit wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass sie mit einem ernsthaften Drogenproblem in der Klinik landete.

Ich war mir nach Ansicht von Cover und Klappentext nicht ganz sicher wie gut mir das Buch gefallen würde, da es doch ein bisschen so aussah als könnte es sich dabei um so eine Art Luxus-Seifenoper-Geschichte (im Stile von amerikanischen TV-Soap-Operas) handeln, die potentiell kitschig sein könnte.
Allerdings wurde ich dann mehr als positiv überrascht. Lexi ist trotz ihrer Schwierigkeiten und Privilegien doch eine überwiegend sympathische Hauptfigur, die ihre Geschichte mit viel Ironie und Witz in der Ich-Perspektive erzählt. Und das Buch findet einen guten Mittelweg darin wirklich ernsthafte Themen zu behandeln und trotzdem einen hohen Unterhaltungswert und viel Lockerheit und Leichtigkeit zu besitzen. Auch der Schreibstil ist durchweg mitreissend und auf einem hohen Niveau.
Natürlich darf auch die für einen Young Adult Roman obligatorische Liebesgeschichte nicht fehlen, die aber nicht zu sehr dominiert und auch durchaus gut zur Handlung passt.

Es gab einige wenige Stellen, die ich trotzdem etwas zu kitschig fand, so gibt es zum Beispiel auf der Insel auch einen Pferdestall für die Patienten und klischeehafterweise trifft Lexi dort auf einen verwilderten großes schwarzen Wallach namens Storm (kicher), der sich nicht zähmen lässt, woraufhin sie natürlich die Sache in die Hand nimmt und eine besondere Beziehung zu ihm aufbaut und so weiter und so fort, …was definitiv zu Wendy/Ostwind-mäßig rüberkam und auch gar nicht so recht zum Rest des Buches passen wollte (zumal einige Dinge erfahrenen Pferdeleute fachlich irritieren werden, so ist der gute Storm ein hoffnungsloser Fall, weil er „schon“ 3 Jahre alt ist und immer noch nicht geritten werden kann). Das wirft wirklich die Frage auf, warum es keine Autoren von Teenie Romanen gibt, die es schaffen über Pferde zu schreiben ohne völlig verkitscht und unrealistisch zu werden (die letzten guten Jugendromane in denen Pferde einigermaßen realistisch dargestellt werden stammen vermutlich noch aus den 80ern wie z.B. „Britta und ihre Pferde“ oder „Bille und Zottel“), weswegen man als Reiter bei Pferdebüchern und -filmen eigentlich immer nur schreiend die Flucht ergreifen kann. Da das Pferdethema im Buch allerdings nur ca. 5% der Zeit überhaupt vorkommt, kann man über diese Kleinigkeit gut hinwegsehen.

Davon mal abgesehen fand ich das Buch wirklich sehr gut und sehr kurzweilig und unterhaltsam. Vom Schreibstil ist es definitiv auch für Erwachsene gut geeignet.

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Thriller-Tipp: „Ich beobachte Dich“

Thriller lese ich inzwischen nur noch recht selten, weil in dem Genre finde ich noch mehr als bei Krimis, dass die Handlung oft nach „Schema F“ abläuft.
Außerdem mag ich es nicht, wenn diese zu reißerisch oder blutrünstig sind.
Von Chevy Stevens hatte ich aber schon 1-2 Bücher gelesen und ihr Schreibstil und ihre eher psychologischen Thriller haben mir überdurchschnittlich gut gefallen, weswegen ich auch zu „Ich beobachte Dich“ gegriffen habe.

Die Hauptpersonen in dem Roman sind Lindsey und ihre Tochter Sophie. Lindsey war früher in einer missbräuchlichen Ehe mit dem eifersüchtigen und zu Gewalt neigendem Andrew gefangen, der ihr in den Jahren nach der Hochzeit das Leben zur Hölle machte.
Nach einigen Jahren schaffte sie es endlich ihrer Ehehölle zu entfliehen, Andrew tötete bei dem Versuch sie wiederzufinden bei einem Autounfall allerdings eine Frau und saß deswegen bisher im Gefängnis. Lindsay hat sich in den Jahren seitdem in einer kleinen Stadt an der Küste Kanadas zusammen mit ihrer inzwischen 17-jährigen Tochter Sophie ein neues Leben aufgebaut. Sie führt eine kleine Putzfirma, organisiert eine Selbsthilfegruppe für Frauen, die ähnliche Probleme haben wie sie selber und hat gerade eine neue lockere Beziehung.
Sophie hingegen ist nie wirklich über den Verlust ihres Vaters hinweg gekommen, dessen negative Seiten ihre Mutter recht erfolgreich von ihr fern gehalten hatte.
Heimlich hat sie angefangen ihm Briefe ins Gefängnis zu schreiben und als er aus dem Gefängnis entlassen wird, zieht er in den gleichen Ort wie Lindsey und Sophie.
Für Lindsey ist schnell klar, dass er es immer noch auf sie abgesehen hat, Sophie hingegen ist hin und hergerissen wem sie vertrauen soll und möchte ihren Vater unbedingt kennenlernen.

Das erste Drittel des Thrillers hat mir wirklich sehr gut gefallen. Das Buch springt in dem Teil zwischen den aktuellen Geschehnissen und Rückblenden auf Lindseys Ehe hin und her. Die Geschehnisse der Vergangenheit sind eindringlich und erschreckend geschildert und auch der Spannungsaufbau in der Gegenwart ist sehr beklemmend (einmal hab ich spät abends noch in dem Buch gelesen und sogar davon geträumt). In der Mitte fand ich allerdings, dass nach einer mehr oder weniger unerwarteten Wendung die Luft aus der Story erst mal etwas raus war. Der stilistische Kniff der Autorin quasi alle Charaktere die im Buch auftauchen als mögliche Bedrohung ins Spiel zu bringen, nutzt sich mit der Zeit auch etwas ab. Die Auflösung des Buches fand ich dann leider auch etwas zu vorhersehbar, allerdings nimmt es im letzten Drittel handlungstechnisch doch noch mal richtig Fahrt auf. So richtig überraschen werden die Geschehnisse erfahrene Thriller- und Krimifans aber wohl eher nicht.

Deswegen fand ich den Thriller im Endeffekt dann nur „solide“. Es wirkt etwas als hätten der Autorin etwas die Ideen gefehlt um aus dem tollen Anfang heraus etwas wirklich Kreatives zu gestalten. Für Thrillerfans ist das Buch aber sicherlich trotzdem ein guter Kauf und vom Schreibstil sind die Bücher von Chevy Stevens sowieso immer
lesenswert. Auch das das Buch abwechselnd aus Sicht von Lindsey und Sophie erzählt wurde, hat mir gut gefallen, da man so beide Charaktere intensiv kennenlernt.

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Ein Buch wie ein Gefühlsrausch: „Blanca“ von Mercedes Lauenstein

Als ich den Klappentext von „Blanca“ gelesen habe, war ich mir zunächst nicht sicher ob mir das Buch wirklich gefallen würde, denn es klang nach Roadtrip und dieses Thema wurde literarisch schon so oft aufgegriffen, dass ich mir nicht ganz sicher war ob ich gerade Lust darauf habe. Doch das Buch hat mich dann doch quasi von der ersten Seite an gepackt. Blanca führt mit ihrer Mutter eine Art Nomadenleben. Ihre Mutter ist charismatisch und sprunghaft (und hat wie sich später im Buch herauskristallisiert wohl auch psychische Probleme) und schlägt sich schon ihr ganzes Leben mit Gelegenheitsjobs und Gelegenheitswohngelegenheiten bei Bekannten durchs Leben. Blanca hat keine andere Wahl als dieses Leben mitzumachen, immer wenn sie sich irgendwo etwas eingelebt hat, wird sie von ihrer Mutter davongeschleppt. So  kommen die beiden in den ersten 15 Jahren von Blancas Leben durch ganz Deutschland und Teile von Europa. Blanca besitzt kaum etwas und als ihre Mutter in einem emotionalen Ausbrauch mit einer Auflaufform nach ihr wirft hat sie endgültig genug. Sie haut aus der Wohnung in Hamburg ab und macht sich auf den Weg nach Italien. Dort hat sie mit 9 Jahren einen Sommer verbracht, als ihre Mutter bei einem alleinerziehenden Vater unterkam und mit dessem Sohn verbrachte Blanca einige unbeschwerte Monate, für sie das nächste an einem Zuhause, an dass sie sich erinnern kann.

Das Buch schildert die nächsten Tage in denen Blanca mit wenig Geld und wenig Plan versucht durch Italien zu reisen, dabei trifft sie so einige irrationale Entscheidungen, lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen, findet Ablehnung und Hilfe und erlebt so einige verrückte Dinge, die sie emotional und körperlich fast bis an die Belastungsgrenze bringen…nach und nach erfährt man außerdem mehr Details aus Blancas Kindheit und mit der Zeit auch über deren Mutter.

Das Buch ist sehr emotional und mitreißend geschrieben und man kann Blancas Verzweiflung fast immer zu 100% nachvollziehen und fühlt mit ihr und ihrer Suche nach einem Ausweg von Anfang bis Ende mit. Vielleicht passieren ein paar zu viele verrückte Dinge auf einmal (um als 100% komplett realistisch durchzugehen), aber für mich ging es in dem Buch sowieso mehr darum, dass Gefühle transportiert werden und das gelingt der Autorin wirklich ganz hervorragend. Für mich bisher eines der Lese-Highlights von 2018.

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Lesetipp: ein gelungenes 10-jähriges „Kluftinger“ Jubiläum

„Kluftinger“ ist der 10. Band aus der Krimireihe rund um Kommissar Kluftinger und trägt dazu passend auch schlicht den Namen seines Protagonisten als Titel. Auch der Inhalt des Buches bleibt hier konsequent, mehr noch als in allen anderen Folgen steht der Kommissar im Mittelpunkt und diesmal erfährt der Leser auch zum ersten Mal richtig viel über seine Vergangenheit, privat als auch im beruflichen Sinne. Sogar Kluftingers Vornamen wird verraten (und spielt eine prominentere Rolle als man erwarten würde).

Am Anfang des Buches spielen Ereignisse aus Kluftingers Privatleben die wichtigste Rollen, denn sein Sohn Markus und dessen Frau Yumiko sind tatsächlich Eltern geworden und der Kommissar glänzt in seiner neuen Rolle als Opa. Auch wenn Kluftingers Familie den ganzen Roman über eine wichtige Rolle spielt, ist das Verhältnis zwischen Privatleben und Ermittlung aber gut ausgewogen und sehr positiv fand ich auch, dass der Humor im Buch diesmal weniger klamaukig rüberkommt als in einigen anderen Büchern der Reihe, wo das manchmal etwas zu viel des Guten war.

Besonders gut gefallen hat mir in dem Buch die Darstellung des typisches „Landlebens“ und der Besonderheiten der Bevölkerung, da ich selbst vom Land komme, kann ich das denke ich recht gut beurteilen (auch wenn Schwaben und Bayern natürlich nochmal ein völlig unterschiedlicher Menschenschlag sind ;-)).

Der Kriminalfall steht diesmal völlig im Zeichen von Kluftingers Vergangenheit, denn irgendjemand trachtet dem Kommissar nach dem Leben und Klufti und seine Kollegen durchwühlen dessen Vergangenheit nach jemandem der offenbar auf Rache sinnt…und es scheint gleich mehrere Kandidaten zu geben. Anhand dieser Ermittlung werden immer wieder Episoden aus Kluftingers Vergangenheit geschildert (auch textlich durch Kursivschrift besonders hervorgehoben) und der Leser erfährt nicht nur wie Kluftinger als junger Teenager drauf war, sondern auch wie er seine Frau Erika kennenlernte und wie er zum Kriminalkommissar aufstieg.

Insgesamt fand ich den Band trotz des definitiv genug vorhandenen Humors etwas ernster als manche andere Bänder, was mir aber gut gefallen hat. Der Kriminalfall ist durch die Verwobenheit mit der Vergangenheit etwas ungewöhnlich, kommt aber bei der Auflösung teils fast ein bisschen gemächlich daher. Das Einzige was mir nicht ganz so gut gefallen hat, ist das ein Handlungsstrang der Auflösung am Ende irgendwie gar nicht aufgelöst wurde und der Grund dafür hat sich mir irgendwie auch nicht erschlossen. Das ist aber nur eine Kleinigkeit über die man hinwegsehen kann.

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Buchtipp: „Die letzten Tage meiner Kindheit“ von Rafel Nadal

Heute möchte ich ein Buch aus einem Genre vorstellen, das ich normalerweise nicht so häufig lese, nämlich einem historischen Roman, und zwar geht es um „Die letzten Tage meiner Kindheit“ des spanischen Autors und Journalisten Rafel Nadal (nicht zu verwechseln mit dem Tennispieler Rafael Nadal 😉 Lustigerweise beginnt die Autorenbeschreibung im Buch mit den Worten „Rafel Nadal kann besser schreiben als Tennis spielen“, diese Verwechslung ist dem Autor wohl schon häufiger passiert).

Der Hauptteil des Buches spielt Anfang und Mitte der 1940er Jahre in einem kleinen spanischen Dorf, wenige Jahre nach Ende des spanischen Bürgerkrieges. Die Geschichte erzählt von der Kindheit und dem weiteren Lebensweg von Lluc, dessen (alleinerziehende) Mutter am letzten Tag des Bürgerkriegs auf dem Dorfplatz vor den Augen ihres Sohnes erschossen wurde, als sie einem Verwundeten Kämpfer beistehen wollte. Lluc wächst seitdem bei Senora Stendhal, deren Vater und deren halbwüchsigem Sohn Dani auf, die er alle verehrt und bei denen er sich geborgen fühlt. Doch das Leben im Dorf ist weiterhin von Angst, Gewalt und Misstrauen geprägt, viele Anhänger des Widerstands gegen Franco verstecken sich seit dem Krieg immer noch in den Bergen und Wäldern rings um das Dorf und träumen von einem Umsturz der Regierung oder versuchen nur irgendwie zu überleben. Bei einer Rückkehr ins Dorf droht ihnen die Hinrichtung. Auch im Dorf stehen sich heimliche Sympathisanten der Rebellen sowie treue Anhänger der Regierung gegenüber und wenige reiche Großgrundbesitzer dominieren das ganze Dorf, während andere kaum über die Runden kommen. Trotz allem verlebt Lluc zunächst eine halbwegs  normale Kindheit, er bewundert den leidenschaftlichen und politisch engagierten Dani, er schwärmt für Senora Stendhal, doch eines Tages wird er durch schlimme Ereignisse so getroffen, dass er sich den Rebellen im Wald anschließt und wird fortan von dem Gedanken beherrscht für Gerechtigkeit für seine Mutter und seine Ersatzfamilie zu sorgen…doch im Laufe seines Lebens muss er realisieren, dass Rache oft dazu führt, dass man genauso schlimm wird wie seine Gegner und dass es im Krieg keine „Guten“ gibt

Mir hat das Buch insgesamt gut gefallen, die Hoffnungslosigkeit, Brutalität und Ungerechtigkeit der damaligen Zeit in Spanien wird eindringlich geschildert und man leidet mit Lluc und den restlichen Personen mit. Allerdings ist es etwas schwierig die ganzen historischen Zusammenhänge zu verstehen, wenn man mit der Geschichte Spaniens nicht in der Tiefe vertraut ist. Um den Grundtenor des Buches zu verstehen ist das aber nicht so wichtig. Trotzdem hätte ich mir für mich selbst mehr Hintergrundwissen über die damalige Zeit in Spanien gewünscht.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass das Buch im letzten Drittel, als Lluc sich in die Berge zu den Rebellen absetzt vorübergehend doch einen recht abrupten und auch etwas unausgewogenen stilistischen Bruch erlebt, der bei mir den Lesefluss doch kurzzeitig etwas gestört hat. Insgesamt fand ich den Roman aber sehr lesenswert.

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Buchtipp: „Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng

„Kleine Feuer überall“ ist der 2. Roman der Autorin Celeste Ng.
Schon ihr Debutroman „Was ich euch nicht erzählte“ hat mir sehr gut gefallen, weswegen ich auf „Kleine Feuer überall“ sehr gespannt war.
Das Buch spielt in der Vorstadt-Gemeinde „Shaker Heights“ bei Cleveland in Ohio. Den Ort gibt es wirklich (und ich habe der Autorenbeschreibung entnommen, dass die Autorin tatsächlich dort aufgewachsen ist). Shaker Heights ist eine Plan-Gemeinde, die
am Reißbrett entworfen wurde und durch strikte Regeln geprägt ist (zum Beispiel darüber in welcher Farbe man sein Haus streichen darf, was dem typischen Deutschen jetzt nicht besonders vorkommen wird), die allen Bewohnern ein perfektes Leben bieten soll.
Genauso diszipliniert wie Shaker Heights ist das Leben von Elena Richardson, die mit ihrem Ehemann und ihren 4 Kindern dort wohnt.

Die Richardsons besitzen außer ihrem eigenen Wohnhaus noch ein 2. Haus in Shaker Heights, in dem sie Wohnungen vermieten. Da Elena Richardson sich gerne wohltätig gibt, vermietet sie eine Wohnung darin an die Fotografin und Künstlerin Mia, die mit ihrer 15-jährigen Tochter Pearl nach Shaker Heights gezogen ist. Mia versucht von ihrer Fotografie zu leben und hält sich ansonsten mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Elena bietet ihr deswegen eine Teilzeit-Stelle als Haushälterin bei den Richardsons an. Mia ist das genaue Gegenteil von der kontrollierten und vernünftigen Elena, sie zieht mit ihrer Tochter seit Jahren durch die ganzen Vereinigten Staaten, ist eher spontan und chaotisch.
Auf Pearl (die kein konstantes Zuhause gewohnt ist) übt die scheinbar „perfekte“ Familie Richardson eine große Faszination aus, auf Izzy (die jüngste Tochter der Richardsons und das „Schwarze Schaf“ der Familie) wirkt Mia um so anziehender. So verweben sich die Leben der beiden Familien anfangs immer mehr, die Kinder schließen Freundschaften, Mia wird zu einer Art Ersatzmutter für Izzy, während Pearl immer mehr Zeit mit den anderen Kindern der Richardson Familie verbringt. All das geht so lange gut geht bis Mia (mehr oder weniger durch einen Zufall) für Unruhe in Elenas kontrolliertem Umfeld sorgt und Elena daraufhin beginnt in Mias Vergangenheit zu wühlen…

Der Schreibstil des Buches ist wie schon in Celeste Ng’s letztem Buch sehr klar und eher nüchtern, was die Geschichte aber nicht weniger emotional macht. Mir hat sehr gut gefallen, wie die unterschiedlichen Lebensentwürfe der beiden Familie geschildert werden und die Auswirkungen, die daraus entstehen, dass sie aufeinander prallen. Für mich ein weiterer starker Roman, der durchaus mit „Was ich euch nicht erzählte“ mithalten kann, auch wenn die Geschichte in eher leisen Tönen daher kommt.

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Buchtipp: „Die Geschichte der Bienen“

„Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde ist ein Buch von dem ich im Vorfeld schon recht viel gelesen und gehört hatte.
Das Buch erzählt (in abwechselnden Kapiteln) drei verschiedene Geschichten in 3 verschiedenen Zeitebenen, die aber alle ein gemeinsames Thema haben: die Bienen und ihre Auswirkungen im Kleinen auf die Protagnisten des jeweiligen Abschnitts und auf die Menschheit im Großen.

Der erste Teil spielt im Jahr 1852. Der Biologe und Naturforscher William hat eine Sinnkrise, träumte es ihm doch am Beginn seiner Berufskarriere von dem großen Durchbruch als Forscher und von großem Ruhm und Anerkennung. Stattdessen hat er zwar eine Menge Nachkommen produziert und verdient seinen Lebensunterhalt aus seiner Sicht mehr oder weniger sinnlos als Händler…für seine Forschung blieb neben Alltag und Familie aber fast keine Zeit mehr, so dass er in eine tiefe Depression gefallen ist (zu Beginn des Besuches verlässt er nicht mal mehr das Bett). Doch dann erlebt nochmal einen kreativen Aufschwung und träumt dann als Erschaffer eines modernen Bienenstocks in die Geschichte einzugehen.

Der zweite Teil spielt 2006 in den USA: der Bienenfarmer Henry, der die jahrzehntelange Tradition seiner Familie weiterführt, hofft, dass auch sein Sohn einmal seine Farm übernehmen wird, für die seine ganze Leidenschaft schlägt. Doch der studiert stattdessen Journalismus und seine Frau würde auch lieber im Ruhestand
nach Florida ziehen als noch Jahre auf der Farm zu verbringen. Eine Horrorvorstellung für Henry. Als wäre das nicht genug, werden in den USA zunehmend mehr Bienenfarmen von einem merkwürdigen Bienen-Sterben (oder besser gesagt Bienen-Verschwinden) befallen…

Der letzte Teil spielt in der Zukunft, im Jahr 2098, in China. Die Bienen sind inzwischen komplett von der Erde verschwunden, ein Großteil der Menschen ausgestorben.
Nur China geht es noch relativ gut, denn das Land hat es rechtzeitig geschafft mit Hilfe einer großen Disziplin und kollektiven Arbeitsleistung aller auf Handbestäubung umzustellen. Der Preis dafür ist aber hart, jeder Bürger ab einem Alter von 8 Jahren muss täglich 12 Stunden im Feld und auf Bäumen arbeiten, einen freien Tag gibt es nur alle paar Monate. Für die gebildete Tao ist es eine Horrorverstellung, dass ihr 3-jähriger Sohn auch schon in wenigen Jahren in diesem Alltag landen wird und versucht deswegen ihn mit so viel Bildung zu überschütten, damit er eine Chance auf eine der wenigen anderen Karrieren im Land bekommt. Doch ihre Träume finden ein jähes Ende als es bei einem harmlosen Familienausflug an einem der wenigen freien Tag zu einem merkwürdigen Unglück kommt.

Am Anfang des Buches wirken die 3 Handlungsstränge (bis auf das Bienenthema) völlig autark, bis zum Ende des Buches wird aber schlüssig ein Bogen zwischen den 3 Geschichten gespannt, die ich aber sowieso auch alle 3 für sich alleine überzeugend fand. Dem Buch gelingt es sehr gut, die Familiengeschichten gefühlvoll in den Mittelpunkt zu rücken und aber auch das große gesellschaftspolitische Thema überzeugend damit zu verknüpfen. Einerseits geht es in dem Buch sehr viel darum was für (oft unerfüllbare) Erwartungen Eltern an ihre Kinder richten und was in der Realität daraus wird, andererseits gelingt es dem Buch ohne erhobenem Zeigefinder auf drängende Fragen der Menschheit aufmerksam zu machen. Gut gefallen hat mir auch der leise Humor in den Geschichten über William und Henry, deren etwas festgefahrene und egozentrische Sichtweisen mit Humor geschildert werden, ohne dass es respektlos rüber kommt. Diese Geschichten funktionieren deswegen (obwohl sie natürlich auch einen ernsten Grundton haben) auch gut als Auflockerung gegenüber der doch deutlich düsteren Zukunfts-Dystopie rund um Tao.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen und aus meiner Sicht hat es die vielen positiven Kritiken definitiv verdient.